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Täuschungen. Intrigen. Die Sehnsucht nach ewigem Leben. Isabel stirbt allein. In ihrem Turmzimmer, umgeben von Blut. Alles deutet auf Selbstmord hin – doch nichts ergibt Sinn. Die wohlhabende alte Dame hatte keine Feinde, keine Geldsorgen, keinen Grund zu sterben. Für Rebecca, ihre Ziehtochter, zerbricht mit Isabels Tod jede Gewissheit. Die Frau, die sie ein Leben lang begleitete, nimmt ihre Geheimnisse mit ins Grab. Oder doch nicht? Als Rebecca ein verborgenes Ölgemälde und handschriftliche Aufzeichnungen entdeckt, beginnt ein Albtraum. Die Spuren führen nach Italien, dorthin, wo Schönheit und Abgründe nah beieinanderliegen. Alte Legenden, einflussreiche Namen und ein jahrhundertealtes Geheimnis verweben sich zu einem tödlichen Netz – und Rebecca gerät mitten hinein.Je tiefer sie gräbt, desto enger zieht sich das Netz um sie zusammen. Täuschungen, Intrigen und unheilvolle Machenschaften treiben sie in einen gefährlichen Strudel, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Als Rebecca begreift, dass die Schatten der Vergangenheit bis in ihre eigene Gegenwart reichen, ist es fast zu spät. Denn sie ist längst Teil eines perfiden Spiels – und der Einsatz ist ihr Leben. Das Limone-Gen ist ein moderner Roman, der Crime und Mystik verbindet. Eine Geschichte über die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche, die tödliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit und die allgegenwärtige Angst vor dem Tod. Ein Roman voller Geheimnisse und Mythen – erschreckend nah an der Realität.
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Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2026
ANYA VON STEHT
EWIGES BLUT
DAS LIMONE-GEN
ROMAN
Über die Autorin
Anya von Steht schreibt mit Leidenschaft – seit vielen Jahren als Journalistin und Kommunikationsexpertin, nun erstmals als Romanautorin. „EWIGES BLUT – Das Limone-Gen“ ist ihr Debüt-Roman. Als Jugendliche erfuhr sie von der Entdeckung des geheimnisvollen Gens am Gardasee, wo Verwandte von ihr lebten. Die Genmutation schenkt ihren Trägern ein langes und gesundes Leben. Seit dem 16. Jahrhundert wird dieses Gen innerhalb einer Familie vererbt. Fasziniert von der Suche nach dem „ewigen Leben“ reifte die Romanidee. Für ihr erstes Buchprojekt hat die Autorin intensiv recherchiert. In ihrem Roman verbindet sie wissenschaftliche Hintergründe und kunstgeschichtliche Aspekte mit Geheimnissen und Mythen. Bei ihrer Recherche stieß sie auf interessante Schauplätze und Ereignisse der Geschichte, die der Öffentlichkeit bislang verborgen blieben – wie etwa ein geheimes Labor von Leonardo da Vinci in Florenz. Der Roman „EWIGES BLUT“ ist der Auftakt zu einem spannenden literarischen Abenteuer – zwischen Fakten, Fiktion und dunklen Geheimnissen. Anya von Steht wurde 1969 in Heidelberg geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Norddeutschland. Sie schreibt unter dem Pseudonym von Steht, dem Familiennamen ihres verstorbenen Vaters. Er begleitete die Entstehung des Romans und glaubte an dessen Erfolg.
ANYA VON STEHT
EWIGES BLUT
DAS LIMONE-GEN
ROMAN
Für Franko und Luna, Alissa und Sophie, Merlin und Keanu
© 2026 ANYA VON STEHT
Website: www.anyavonsteht.com
Coverdesign, Illustrationen, Satz & Layout von:
AGENTUR VON B.
Verlagslabel:
UNICOARTE-Verlag, www.unicoarte.de
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
UNICOARTE-Verlag, Oberer Triftweg 6, 38640 Goslar, Germany.
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
ISBN Softcover: 978-3-384-79023-1
ISBN E-Book: 978-3-384-79024-8
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Halbe Titelseite
Titelblatt
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Widmung
Kapitel 1
Vierzig Jahre später in Deutschland
Lago DI Garda 1965
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Kapitel 1
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Toskana 1970
Kapitel 1
»Lasst mich los! Ich will das nicht mehr!« Wahnsinnig vor Angst schlägt das Kleine wild um sich, bäumt sich auf und tritt seinen Peiniger. Doch nach jedem Versuch, sich loszureißen, durchfährt eine weitere Welle von Schmerzen seinen kleinen Körper. In seiner Panik beißt das Kind zu und hinterlässt eine blutige Spur auf dem Handrücken des Mannes. Dieser schreit auf und packt noch fester zu. Der kleine Oberarm des Kindes droht, unter dem Druck der starken Männerhand schier zu zerbersten.
»Hau ab. Lasst mich in Ruhe!«, kreischt es noch einmal in der Hoffnung, gehört zu werden. Sehnsuchtsvoll wandert sein Blick zur hölzernen Zimmertür. Doch niemand eilt ihm zu Hilfe.
Verzweifelt dreht und windet das Kind sich, beißt und kratzt. Der Mann hat genug von den Eskapaden und packt das Kleine nun von hinten, wirft es sich über die Schulter und trägt das weinende Bündel die ausgetretenen Steinstufen hinab in das Kellergewölbe. Die Luft hier unten ist feucht und modrig und sie riecht nach Angst. Der Geruch verursacht bei ihm immer noch Übelkeit. Der Mann hasst seinen Auftrag, doch er darf kein Mitleid zeigen. Zu viel steht auf dem Spiel. Ängstlich blickt er zu der Überwachungskamera an der Decke. Er steht unter ständiger Beobachtung. Schmerzhaft erinnert er sich noch an den Tag, als ihn das Mitgefühl überwältigt hatte. Er hatte die Qualen dieses kleinen Menschen nicht mehr ertragen können und versucht, ihn heimlich aus dem Haus zu schleusen.
Sein Plan war eigentlich gut durchdacht. Seine Frau hatte einen geheimen Unterschlupft für das Kind vorbereitet und das Fluchtauto stand direkt vor dem Eingang zum Kellerverlies. Jede Minute war bis ins Detail geplant. Doch er hatte seinen Auftraggeber unterschätzt. Dieser hatte ihn beobachten lassen und schlug im entscheidenden Moment zu. Die Strafe, die folgte, hat den Mann fast in den Wahnsinn getrieben. Noch heute kämpfte er in der Nacht gegen Albträume, in denen er seine kleinen Söhne, gerade einmal fünf und sechs Jahre alt, an das Gerät anschloss. Ihre verzweifelten Schreie und ihre panisch aufgerissenen Augen haben sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Zur Strafe für seinen Vertrauensbruch musste er anstatt des Kindes seine Söhne hier herunterbringen. Mehrere Tage in Folge, immer die gleiche Prozedur. Es war unmenschlich. Die Narben der beiden wollten bis heute nicht heilen. Er darf seinen Auftraggeber nicht noch einmal enttäuschen, sonst würden seine Söhne den Platz des Kindes einnehmen, für immer.
Sah man von den körperlichen Qualen ab, hatte das Kind ein sehr feudales Leben, in diesem wunderschönen alten Anwesen. Man schenkte ihm außergewöhnliche Spielsachen, wertvolle Bücher und teure Kleidung. Ein Privatlehrer lehrte es das Wissen aus Jahrhunderten. Zudem war es mit einem hübschen Äußeren gesegnet. Es hatte wunderschöne lange Wimpern und dunkelgrüne Augen, dazu schwarze Locken, die sein zartes Gesicht einrahmten. Man sah ihm seine Pein überhaupt nicht an – wenn es nicht gerade schrie und um sich schlug wie jetzt.
Vom gellenden Schrei des Kindes begleitet, öffnete er die schwere Schiebetür aus Metall. Das Labor war wie immer eiskalt. Wie einen schweren Sack Kartoffeln ließ der Mann das zappelnde Kind auf die Liege fallen. Es hörte auf zu schreien und begann zu wimmern. Dicke Tränen liefen ihm über das blasse Gesicht. Schluchzend zog es die Nase hoch. Der kleine Körper bebte vor Erschöpfung.
Von der Liege hingen Hand- und Fußfesseln aus hellbraunem Leder herab. Auf der Liege lag ein kleiner weißer Teddybär. In seinem kuscheligen weißen Fell klebten winzige, fast schwarze Blutklumpen. Mit einer blitzschnellen Handbewegung schnappte sich das Kind das Kuscheltier und drückte es ganz fest an sich. Der Mann war froh, dass es endlich aufgehört hatte zu schreien und band vorsichtig die zerbrechlichen Fußgelenke fest, danach fesselte er die zarten Handgelenke. Dafür musste das Kind den kleinen Teddy loslassen. Er kullerte zu Boden. Der Mann hob ihn schnell wieder auf und legte ihn zärtlich an den Kopf des Kindes. Mit der Hand streichelt er ihm tröstend über sein gelocktes Haar. Das Kleine atmete tief durch und schloss die Augen. Dem Mann kam es vor, als habe es sich in eine andere Welt geflüchtet. Sein Körper lag nun ganz ruhig da. Das kleine Gesicht hatte es in das weiche Fell des Teddybären gekuschelt.
Vierzig Jahre später in Deutschland
Zart hoben sich die weißen Blüten des Zitronenbaumzweiges von der dunklen aufgewühlten Erde ab. Die dunkelroten Rosen daneben bildeten einen schönen Kontrast. Überhaupt wurde der Tag von prächtigen Farben bestimmt. Der Himmel strahlte in einem tiefen Blau, die Blätter an den Bäumen und Sträuchern leuchteten im unverbraucht saftigen Grün des Neubeginns. Das Gelb der Sonnenblumen auf dem schwarzen Ebenholz fügte sich perfekt in das Farbenspiel ein und auch die illustre Gesellschaft, die an diesem Frühlingstag zusammenfand, war mehr als einen flüchtigen Blick wert. Die Luft war schwanger vom Duft feuchter Erde. Der Himmel war erst vor wenigen Stunden aufgebrochen. Die Nacht zuvor hatte es geregnet.
Die Schwestern Josefine und Elena führten den Zug der Anwesenden an. Elegant gekleidet in schwarzen Kostümen, auf dem Kopf ein imposanter Hut mit Schleier, boten sie einen festlichen Anblick. »Warum müssen wir uns das hier eigentlich antun?«, wisperte Josefine, die ältere der beiden Schwestern. »Sie hat es doch selbst gewollt. Warum müssen wir jetzt so tun, als seien wir todtraurig? «
Elena stieß sie in die Rippen. »Hör auf damit. Du bist unmöglich. Sie war immerhin unsere Mutter. Du wirst ihr jetzt noch die letzte Ehre erweisen können.«
Wenige Minuten zuvor war Josefine theatralisch am Sarg zusammengebrochen. Nur mit Mühe konnten die umstehenden Gäste die schluchzende und bebende Frau wieder aufrichten. Bei ihrer Leibesfülle kein leichtes Unterfangen. Gestützt auf den Arm ihrer Schwester schleppte sie sich nun voran.
Elena war immer die zartere von beiden. Rot das Haar, blass die Haut, hellgrün ihre Augen. Der Vergleich mit ihrer Mutter Isabel verfolgte sie Zeit ihres Lebens. Dass Isabel nicht ihre leibliche Mutter gewesen war, wusste nur eine Handvoll Menschen.
Viele Gäste waren gekommen, um von Isabel Abschied zu nehmen. Ihre Töchter und Enkelkinder, ihre Freundin Margarethe mit ihrer Tochter Rebecca. Es kamen auch viele Nachbarn auf den historischen Friedhof am Stadtrand. Von Neugierde getrieben, erhofften sie sich erhellende Details zu Isabels Tod.
»Mir tut Papa leid. Schau nur wie er die Prozession verfolgt hat. Isabel hat ihn abgeschoben, als er den Schlaganfall erlitt. Seit Jahren sitzt er im Heim und kann weder allein essen noch sich anziehen. Weißt du noch, was für ein stolzer Mann er früher war? Als er schwach wurde, wollte sie ihn nicht mehr«, zischte Josefine.
Friedrich saß in seinem Rollstuhl und blickte auf das offene Grab. Einem Kleinkind gleich war er auf die Hilfe anderer angewiesen. Der einst erfolgreiche Mann war innerhalb weniger Minuten ein hilfloses Menschlein geworden. Ein tragischer Schlag, der auch Isabel sehr zugesetzt hatte. Um ihn versorgt zu wissen, hatte sie ihn in ein Pflegeheim gegeben, in dem er auch heute noch lebte.
Für die Beisetzung hatten die Pfleger ihm einen seiner dunklen Anzüge aus Managertagen angezogen. Er war ihm viel zu groß, vor allem an den Schultern hing der Stoff herunter. Friedrichs Körper siechte dahin, doch sein Verstand war noch hellwach. So entging ihm auch nicht der gut aussehende Mann mit den schulterlangen silbergrauen Haaren. Er fixierte ihn mit seinem Blick.
Der Mann stützte sich auf einen reich verzierten Gehstock mit Goldknauf. Seine hellblauen Augen waren unergründlich tief. Seine Haut war sanft gebräunt und seine Gesichtszüge zeugten von aristokratischer Anmut. Der Mann trug einen maßgeschneiderten dunklen Anzug und teure handgenähte braune Wildlederschuhe. Mit seiner unaufdringlichen Eleganz hob er sich angenehm von den umstehenden Gästen ab, doch auch etwas Geheimnisvolles ging von ihm aus.
»Wir verabschieden uns heute von einem lieben Menschen. Einer Frau, der es Zeit ihres Lebens ein Anliegen war, für andere da zu sein. Alle liebten sie für ihren Humor, ihr offenes und gesellige Wesen …«
Die Trauergäste versammelten sich in ehrfurchtsvollem Abstand um das Grab. Es hatte Tage beansprucht, einen Prediger für die Beisetzung zu finden. Isabel war über Jahrzehnte jeden Sonntag in dieselbe Kirche gegangen, doch die Umstände ihres Todes machten es dem Gottesmann ihres Vertrauens unmöglich, ihr den letzten Segen zu gewähren. Nur mit Mühe fand sich ein freier Prediger, der gegen Bezahlung bereit war, die Tote unter die Erde zu bringen. Seine Ansprache war engagiert, doch er verirrte sich in Anekdoten, die nicht zu dem Leben Isabels gehörten. Er hatte in der morgendlichen Eile die Notizzettel der Nachmittagsbeerdigung eingepackt. Josefine und Elena sahen sich verunsichert an. Es machte ihn keiner der Anwesenden auf seinen Fauxpas aufmerksam, so dass er seine Rede enthusiastisch fortsetzen konnte.
Nach seiner Ansprache traten die Angehörigen wie nach Drehbuch an das Grab und warfen eine Schaufel Erde und eine blühende rote Rose auf Isabels Sarg. Die Rosen hatte Josefine zuvor gekauft, damit sich jeder der Gäste mit einer Blume von Isabel verabschieden konnte. Isabel hatte rote Rosen nicht gemocht, sie liebte weiße Blumen – doch das wusste Josefine nicht oder hatte es wieder vergessen. Als Letzter trat der grauhaarige Herr ans Grab.
»Verzeih` mir Isabella. Das habe ich nicht gewollt«, sagte er mit ruhiger tiefer Stimme. Er sprach gebrochen Deutsch mit starker italienischer Färbung. Sanft küsste er einen weiß blühenden Zitronenbaumzweig und ließ ihn in das offene Grab gleiten. Er drehte sich um und ging davon, ohne die anderen Menschen am Grab eines Blickes zu würdigen. Die Anwesenden blickten ihm neugierig nach bis er den Friedhof verlassen hatte. Dann konzentrierten sie sich auf ihren Weg zum Leichenschmaus.
Unentdeckt blieb ein dunkelhaariger Mann. Er stand abseits des Grabes hinter einem großen Rhododendron-Busch. Erst als er sicher war, dass alle Gäste gegangen waren, ging auch er an das Grab.
Rebecca schauderte. Immer wieder tauchten diese Bilder von Isabel auf. Sie bekam sie einfach nicht aus dem Kopf. Mal schrie Isabel voller Panik um Hilfe, ein anderes Mal war sie klar bei Verstand und wartete ruhig auf den Tod. Rebecca würde nie erfahren, wie es wirklich gewesen war. Nie würde sie sich erklären können, warum Isabel so qualvoll hatte sterben wollen.
Eine Gänsehaut zog langsam über ihren Körper, die Nackenhaare sträubten sich. Wassertropfen perlten an der gläsernen Tür der Dusche ab. Sie erinnerten Rebecca an Tränen. Mit ihrem Zeigefinger zog sie ihre Spur nach und atmete tief durch. Sie musste zur Ruhe kommen.
»Diese Heuchler«, fluchte sie leise vor sich hin. »Sie sind alle nur aus purer Neugier gekommen, niemand hat sich wirklich für sie interessiert. Sie sind so oberflächlich und unehrlich!« Wütend schlug sie mit der Hand gegen die Duschwand. Sie ärgerte sich. Vor allem über sich selbst.
Isabel gehörte zu ihr. Sie war Teil ihres Lebens. Sie war nicht nur die beste Freundin ihrer Mutter Margarethe, für Rebecca war Isabel weitaus mehr. Sie war bestürzt darüber, wie weh es tat, von einem lieben Menschen Abschied nehmen zu müssen. Immer war Isabel für sie da gewesen – an guten und an schlechten Tagen.
»Und ich? Ich drehe mich nur um mich selbst. Was wollte sie mir nur sagen?« Rebecca schloss die Augen und spürte dem warmen entspannenden Wasserstrahl nach, der auf ihre Schultern prasselte.
»Rebecca, Liebes – hast du nicht Lust morgen Nachmittag zu mir zu kommen? Wir könnten gemeinsam einen Kaffee trinken und ein bisschen plaudern. Ich würde dir gern etwas erzählen. Melde dich doch bitte kurz.«
Isabel hatte vor ein paar Tagen angerufen und auf ihrer Mailbox eine Nachricht hinterlassen. Sie wollte sich mit ihr treffen. Ihre Stimme hatte nicht außergewöhnlich geklungen, eigentlich ganz normal, deshalb hatte Rebecca nicht gleich zurückgerufen – und es schließlich vergessen. Immer wieder hatte Rebecca die Mailbox in den letzten Tagen abgespielt, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches heraushören.
Sie hatte niemandem von dem Anruf erzählt. Auch der Polizei nicht, als diese sie zu Isabels letzten Tagen befragte. Sie schämte sich zu sehr, weil sie den Anruf ignoriert hatte. Doch es ließ ihr keine Ruhe. Irgendetwas musste Isabel bedrückt haben.
Sie hatte schon immer etwas Geheimnisvolles. Manchmal benahm sie sich merkwürdig. So abwesend, als würde sie niemand um sich herum wahrnehmen. Sie hatte dann immer so einen verschleierten Blick. Als Rebecca noch ein Kind war, wäre es deshalb fast zu einer Katastrophe gekommen. Rebecca hatte an den brennenden Kerzen herumgespielt, als plötzlich ihr langes dichtes Haar Feuer fing. Panisch schrie sie nach Isabel, die nur wenige Meter von ihr entfernt stand. Doch diese reagierte nicht. Sie sah sie einfach nur regungslos an. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte das Leben in sie zurück und sie löschte die brennenden Haare mit einem Glas Wasser, das auf dem Tisch stand. Der Schaden hielt sich in Grenzen und auch ihrer Mutter erzählte sie nicht, was tatsächlich geschehen war. Doch seither beobachtete sie Isabel immer sehr aufmerksam – und diese merkwürdigen Momente kamen regelmäßig wieder. Isabel bekam von all dem nichts mit. Immer, wenn Rebecca dazu ansetzte, der Sache auf den Grund zu gehen, machte ihre Freundin dicht. Sie habe in ihrem Leben viel durchgemacht, hatte ihr ihre Mutter vor einigen Jahren einmal anvertraut. Isabel habe schreckliche Dinge erlebt, und das Zusammensein mit Rebecca täte ihr sehr gut. Rebecca hat immer vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Erlebnissen und den Aussetzern bestehe. Die Wahrheit wird sie nun nie erfahren.
Vorsichtig trat sie aus der Dusche heraus und griff nach dem weißen flauschigen Badehandtuch, das sie auf dem Waschbecken bereitgelegt hatte. Sie schlang das Tuch um die Brust und ging ins Wohnzimmer. Ihre langen Haare tropften auf die Dielen. Rebecca hatte den Boden erst vor einer Woche abschleifen lassen. Es roch noch immer nach frischem Holz. Der Duft tat ihr gut. Er war voller Leben.
»Das Penthouse ist wunderschön, Rebecca. Dieser Blick auf das Schloss, die Alte Brücke und die verwinkelten Gassen der Altstadt. Perfekt komponiert wie ein Postkartenmotiv. Die große Glasfront lässt den kleinsten Sonnenstrahl hinein. Die Wohnung passt zu dir. Doch kannst du dir das denn leisten? Sie ist viel zu groß und zu teuer für dich.«
Rebecca hatte Isabel in alle wichtigen Entscheidungen involviert. Was nicht hieß, dass sie nicht ihrem eigenen Kopf folgte. Sie war stolz auf ihre schöne Wohnung direkt am Neckar mit Blick auf das Heidelberger Schloss. Heidelberg war ihre Traumstadt – sie hatte schon häufig versucht, in einer anderen Stadt Fuß zu fassen, doch sie ist immer wieder zurückgekommen. Heidelberg hatte diesen ganz besonderen Charme – diese Mischung aus internationalem Flair, Studentenleben und kleiner Großstadt. Es störte sie nicht, wenn im Sommer Millionen Touristen durch die Altstadtgassen zogen. Im Gegenteil, sie genoss das internationale Stimmengewirr. Das Leben in der Stadt pulsierte.
Sie sah sich um. Die weißen Designermöbel reflektierten das Sonnenlicht. Der ganze Raum war von einer positiven Atmosphäre bestimmt. Sie hatte keine Chance, Trübsal zu blasen. Die Wohnung war für sie allein viel zu groß, und zu teuer außerdem. Doch Rebecca liebte diese Großzügigkeit, die hohen Decken und die riesigen Räume. Sie hatte auch schon anders gelebt. Daran mochte sie jetzt nicht mehr denken.
Sie setzte sich auf das Sofa und zog ihre Beine dicht an die Brust. Die Beerdigung hatte ihr stark zugesetzt. Die vielen Schaulustigen widerten sie an. Allein der grauhaarige attraktive Mann, schien eine engere Verbindung zu Isabel gehabt zu haben. Doch welche?
Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie ihn bei irgendeinem Anlass schon einmal gesehen hatte. Dieser Mann war faszinierend. Sie hatte nur wenige Schritte von ihm entfernt gestanden und den holzig würzigen Duft seines Parfums riechen können. Einzigartig. Sie hatte den Duft immer noch in der Nase. Als sich ihre Blicke trafen, hatte sie ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Bauch gespürt. Der Blick seiner blauen Augen hatte sie förmlich durchbohrt. Ihr war, als würde er sie kennen.
Rebecca wischte den Gedanken beiseite. Der kleine silberne Schlüssel, der auf dem Glastisch neben ihr lag, erinnerte sie an ihren Auftrag. Kraftlos stand sie auf und öffnete die große zweiflügelige Terrassentür. Frische klare Luft strömte ihr entgegen. Es war noch sehr kühl für diese Jahreszeit, doch Rebecca spürte bereits die Kraft der ersten Sonnenstrahlen.
Sie setzte sich auf einen der neuen schmiedeeisernen Sessel und blickte hinauf zum Schloss, das auf dem Königstuhl über den Dächern der pittoresken Altstadt thronte. Sie hatte die luxuriösen Loungemöbel erst vor kurzem gekauft, um nach Redaktionsschluss mit Freunden den Ausblick genießen zu können. Wie so vieles, was sie sich an euphorischen Tagen vornahm, hatte die Premiere noch nicht stattgefunden.
Entweder hatte sie bis in die Nacht gearbeitet, oder sie war zu müde, um noch Besuch zu empfangen. Tatsächlich hatte sie auch keine wirklichen Freunde, eher flüchtige Bekannte. Sie dachte oft über ihre Beziehung zu anderen Menschen nach. Sie war freundlich, kommunikativ – doch um sich tatsächlich jemanden zu öffnen, bedurfte es ihrer Meinung nach wesentlich mehr, als oberflächliche Freundlichkeit. Sie mochte ihre Sorgen und Ängste, die sie begleiteten, mit niemanden teilen – außer mit Isabel.
Sie betrachtete den kleinen Schlüssel in ihrer Hand. Es war der Schlüssel zu Isabels Villa. Nun musste sie sich ihrer Aufgabe stellen. Josefines Fistelstimme hatte sie noch in den Ohren.
»Rebecca, das ist deine Aufgabe«, sagte sie bestimmend. »Niemand außer dir kann Isabels persönliche Dinge sichten. Nur du kannst entscheiden, was aufgehoben oder weggegeben wird.« Ehe Rebecca widersprechen konnte, hatte sie den Schlüssel bereits in der Hand. »Keine Widerrede. Ich kann es auf keinen Fall übernehmen. Ich hatte schon genug damit zu tun, einen guten Makler zu finden. Wir müssen schnell verkaufen, bevor sich die Umstände von ihrem Tod rumsprechen und wir gar nichts mehr für die Villa kriegen.« Sie hatte Rebeccas Antwort gar nicht erst abgewartet, sondern auf dem Absatz kehrtgemacht.
Rebecca hätte sich sowieso jeglichen Kommentar erspart. Sie kannte Josefine nur zu gut. Diese Frau war einfach nicht in der Lage, uneigennützig zu denken, geschweige denn, so zu handeln. Andere Menschen waren für sie nur nützlich. Sie war nur wenige Jahre älter als Rebecca, doch Lichtjahre von ihr entfernt. Schon als Kinder waren sie sich nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen.
Isabels Tod eröffnete sowohl Josefine als auch Elena ganz neue Perspektiven. Die finanzielle Unabhängigkeit von ihren Ehemännern rückte in greifbare Nähe. Zu Lachen hatten beiden nichts an der Seite ihrer Gatten. Übte der eine psychische Gewalt aus, rutschte dem anderen hin und wieder tatsächlich die Hand aus. Die Villa, in der Isabel und Friedrich gelebt hatten, sollte nun an die beiden Töchter übergehen. Sie lag in einem sehr exklusiven Stadtteil und war gut sechs bis sieben Millionen Euro wert.
Rebecca merkte, sie wurde müde. Doch sie wollte den Besuch der Villa nicht auf die lange Bank schieben. Auch ihr ging es sehr nahe, den Ort des Geschehens zu betreten. Je eher sie sich der Aufgabe stellte, desto besser.
Vor der Jugendstilvilla stand eine gigantische alte Rotbuche, die auf das ganze Gebäude einen Schatten warf. Selbst im Hochsommer musste man das Licht anschalten, weil es in den Räumen so dunkel war. Rebecca hatte immer versucht, Isabel dazu zu bewegen, die Äste des Baums zu stutzen, damit wieder Sonne und Licht ins Innere des Gebäudes fallen konnten. Doch Isabel hatte abgewinkt. Sie fühle sich in dieser Dunkelheit wohl. Rebecca hatte das zwar gewundert, doch sie schien in dem dunklen Haus tatsächlich so etwas wie Geborgenheit gefunden zu haben. Dies, obwohl Friedrich Gutheim es für seine erste Frau gekauft hatte, für Elenas und Josefines Mutter. Eine Liebe, die sehr tragisch endete.
Friedrichs Frau war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Auch die beiden kleinen Mädchen, damals drei und fünf Jahre alt, saßen mit im Wagen. Sie überlebten den Unfall schwer verletzt. Eine hässliche rote Narbe an Josefines Kinn erinnert noch heute an dieses schreckliche Ereignis. Der junge Witwer Friedrich flüchtete sich nach dem Tod seiner Frau in Isabels Arme. Sie arbeitete damals im gleichen Konzern wie er in der Buchhaltung. Sie war sehr scheu und lebte zurückgezogen. Es waren vermutlich pragmatische Gründe, die ihn zur schnellen Hochzeit bewegten. Charakterlich waren die beiden grundverschieden. Isabel war zart und sanft. Friedrich ein grober Klotz. Isabels Schönheit versüßte ihm den Schritt vor den Traualtar, und so hatte er schnell eine Ersatzmutter für seine Kinder gefunden.
Als kleines Mädchen hatte Rebecca die Villa der Gutheims als ein Gebäude aus einer anderen Welt empfunden. Mit ihren verwunschenen Türmchen und den vielen kleinen Ornamenten war sie Rebecca wie ein Schloss erschienen. Oft hatte sie sich ausgemalt, eine Prinzessin zu sein, die darin wohnte. Heute kam ihr der imposante Bau bedrohlich und düster vor.
Vorsichtig steckte sie den Schlüssel in das Schloss, öffnete langsam die schwere Eichentür und machte schnell Licht. Die Eingangshalle versetzte sie auch nach all den Jahren noch in Staunen. Sie war gut zehn Meter hoch und wurde von einer geschwungenen, reich verzierten Terrazzotreppe dominiert, die von zwei Seiten nach oben führte. Ein gigantischer Lüster aus geschliffenem Kristall hing von der Mitte der stuckverzierten Decke herab, die hohen Wände schmückten historische Seidentapeten mit grünen floralen Mustern. Schwere Vorhänge aus dunkelgrünem Samt verhüllten die großen, weißen Flügelfenster. Im Haus war es kühl – und still, unheimlich still. Rebecca hörte nur ihren eigenen Herzschlag.
Sie ging zur Treppe und stieg langsam die Stufen hinauf. Hier oben befand sich Isabels Schlafzimmer, wo das Grauen vor nicht einmal einer Woche begonnen hatte. Wieder schossen ihr die Bilder der sterbenden Isabel in den Kopf. Es war ihr, als höre sie den Aufschrei der Haushälterin, die Isabel in ihrem Blut liegend gefunden hatte. Die Frau hatte den Schock noch nicht überwunden und wurde psychologisch betreut.
Wie jeden Mittwoch hatte sie mit der Reinigung des Hauses im ersten Stock beginnen wollen, als sie sah, dass die Tür zum Turmzimmer offen stand. Sie war verwundert, weil dieses Zimmer seit Jahren nur als Abstellkammer genutzt wurde. Außer ihr selbst hatte in den letzten Jahren niemand das Zimmer betreten. Sie brachte dort gelegentlich alte Bettwäsche und Decken hinauf, die im Haushalt nicht mehr benötigt wurden und zum Wegwerfen in ihren Augen zu schade waren. Ihres Wissens war sie die Einzige im Haus, die einen Schlüssel für dieses Zimmer besaß.
Die offene Tür bereitete ihr Unbehagen und sie ging die schmalen Holzstufen hinauf, um sie wieder zu schließen. Ängstlich warf sie einen Blick in das Zimmer. Das Bild, das sie dann sah, würde sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Isabel lag eigenartig verrenkt inmitten einer fast schwarzen Blutlache auf den Holzdielen des kleinen Zimmers. Ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie, doch ihre Handgelenke wurden von tiefen blutleeren Schlitzen geteilt.
Niemand wusste, warum sich Isabel das Leben genommen hatte. Sie hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen, und es gab nicht den kleinsten Hinweis darauf, warum sie ihr Leben hätte beenden sollen. Wie hatte sie alle nur so täuschen können?
Das Turmzimmer zog Rebecca magisch an. Warum war Isabel zum Sterben dort hinaufgegangen? Vorsichtig ging sie die Treppe hoch. Die alte Holztür zum Turmzimmer knarrte laut, als Rebecca sie langsam öffnete. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Vorsichtig lugte sie in das Zimmer. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Doch der Anblick enttäuschte sie.
Sie sah ein staubiges altes Sofa und eine mit Spinnengewebe überzogene Truhe. Der Bezug des Sofas musste einst beige gewesen sein, jetzt war er mausgrau. Die hölzerne, messingbeschlagene Truhe mit einem großen Eisenschloss stand direkt daneben. Mit Entsetzen entdeckte Rebecca auf dem Dielenboden dunkle große Flecken. Die alten Holzdielen hatten Isabels Blut aufgesogen. Selbst dem Reinigungsdienst war es nicht gelungen, die schrecklichen Spuren des Selbstmordes zu beseitigen.
Rebecca wollte den Raum schnell wieder verlassen, als sie sah, dass der Riegel des Eisenschlosses nicht ganz geschlossen war. Sie wagte sich ins Zimmer und öffnete das Schloss der Truhe. Mit all ihrer Kraft schob sie den schweren Deckel nach oben. Cremefarbene und weiße Röcke, leichte Sommerkleider und hellblaue Kurzarmblusen, Pumps mit Pfennigabsätzen und Sandalen mit flacher Sohle waren durcheinander in die Truhe gestopft. Der üppige Petticoat eines bunten Blumenkleides quoll ihr geradezu entgegen. Das Kleid war oben herum sehr schmal geschnitten. Um die Taille hing ein breiter Gürtel, der das Blumenmuster des Kleides aufgriff.
Rebecca nahm das Kleid aus der Truhe, um es sich genauer anzusehen, als daraus plötzlich eine schwarze Kladde auf den Holzboden fiel. Sie bückte sich, um das kleine Buch aufzuheben. Das Papier war vergilbt und brüchig, es war von Hand beschrieben. Sie legte die Kladde beiseite und widmete sich wieder dem Inhalt der Truhe. Sie wühlte sich durch unzählige Kleider bis zum Boden der Truhe hindurch und staunte: Irgendjemand hatte hier ein großes goldgerahmtes Ölgemälde versteckt.
Das Licht im Turmzimmer war diffus, doch Rebecca konnte auf dem Gemälde eine schöne junge Frau erkennen. Ihre dunkelroten Haare waren in Locken gelegt und reichten ihr bis zu den Hüften. Ihre smaragdgrünen Augen glitzerten verführerisch. Die Frau saß auf einem einfachen Holzschemel und hatte nur ein durchsichtiges, cremefarbenes Negligé an. Sanft umschmeichelte es ihre vollen Brüste und ihre schlanken, langen Beine. Ihre zartgliedrige Hand ruhte auf ihrem Bauch. Sie war hochschwanger, das Baby musste in wenigen Tagen zur Welt kommen.
Rebecca war sprachlos. Diese Frau auf dem Bild war Isabel. Isabel als junge Frau. Das leuchtende Rot der Haare, die grünen Augen, es war eindeutig ihre Freundin Isabel. Doch Isabel hatte nie eigene Kinder bekommen. Warum hatte der Künstler ihr den Bauch einer Schwangeren gemalt? Sie blickte hinüber zu der kleinen Kladde, die sie auf das Sofa gelegt hatte, und sah sie sich genauer an.
Es war Isabels Handschrift, die sie erkannte.
Lago di Garda 1965
Heute galt seine Aufmerksamkeit einem ganz besonderen Bild. Es stand draußen auf der Terrasse – ein Ölgemälde. Sie sitzt auf einem kleinen Schemel und blickt aus dem Fenster. Antonio hat sie im Profil gemalt. Ihre schmale Nase, die hohen Wangenknochen unterstreichen ihre zarte Anmut. Sonnenstrahlen fallen auf ihre hellroten Locken, der Kontrast zu ihrem blassen Teint war ihm sehr gut gelungen.
Isabel trägt ein Gewand aus hauchdünnem Organza, der Stoff umspielt ihren nackten Körper. Ihre Hand ruht auf ihrem gewölbten Bauch. Das Bild glich einer Fotografie. Es schien so real, als würde Isabel im nächsten Moment ihren Kopf zur Seite drehen und Antonio anblicken. Ihm war es gelungen, den Zauber des Augenblicks einzufangen. Er wollte das Bild Isabel zur Geburt schenken.
»Es ist sehr schön, genau wie Isabel.« Eduardo stand auf einmal mitten im Atelier. Er hatte einen hellbraunen Leinenanzug an und war barfuß in seinen handgefertigten Mokassins. Die oberen Knöpfe seines hellen Hemdes standen offen, leger hatte er sich ein edles dunkelrotes Seidentuch um den Hals geschwungen. Seine grauen gewellten Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Antonio roch sein teures Aftershave bis auf die Terrasse.
»Eduardo, mein Lieber. Ich habe dich gar nicht kommen hören. Eigentlich ist es unmöglich, diese alte Holztreppe geräuschlos zu betreten. Du musst geflogen sein.« Antonio lachte, ging auf Eduardo zu und nahm ihn zur Begrüßung in den Arm.
Sein Mäzen war eine charismatische Erscheinung. Egal, wo er einen Raum betrat, die Menschen hielten im Gespräch inne und blickten ihn an. Er erfüllte den Raum. Eduardo zog sich einen Holzstuhl heran und setzte sich. Versonnen blickte er aus dem Fenster auf den See. »Wie geht es Isabel? Haben sich ihre Nerven ein wenig beruhigt?«, erkundigte er sich.
»Es geht ihr gut, doch sie ist immer noch angespannt. Aber das ist ja auch kein Wunder, so kurz vor der Geburt.« Antonio hatte immer das Gefühl, Isabel in Schutz nehmen zu müssen.
»Du solltest gut auf sie aufpassen, ich mache mir Sorgen«, erwiderte Eduardo sanft, während er Antonio mit seinem Blick fixierte. Wie immer war Antonio fasziniert von der Strahlkraft seiner Augen. Ihnen schien nichts zu entgehen. Sie waren eine Mischung aus blau und grün und erinnerten ihn an einen eiskalten tiefen Bergsee. »Ja, ich weiß, du sorgst dich um uns. Wir haben dir viel zu verdanken, Eduardo«, sagte er höflich.
»Wie steht es um die Ausstellung in der Galerie Busconi di Firenze?«, wechselte Eduardo das Thema. »Hast du die Bilder zusammen? Claudio ist schon sehr aufgeregt. Zur Vernissage übermorgen hat sich sogar der Bürgermeister angekündigt.«
»Die Bilder sind fertig«, erwiderte Antonio und ging nicht ohne Stolz zu einer Sammlung von Leinwänden, die in einer Ecke seines Ateliers standen. »Du kannst sie gleich abholen lassen.« Antonio strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht, er schwitzte. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Es würde ein heißer Tag werden.
»Wann wirst du da sein?«, wollte Eduardo wissen. Antonio hatte diese Frage befürchtet. Er schwieg und blickte zu Boden. Nach einer Weile antwortete er zögerlich.
»Gar nicht. Ich möchte Isabel den Flug nicht zumuten. Das Baby kann jederzeit kommen. Da wird sie sich nicht auf einen Abstecher nach Florenz einlassen.«
Er sah Eduardo nicht an. Er wusste wie wichtig, die Vernissage in Florenz war. Eduardo würde dafür kein Verständnis haben. Doch er konnte Isabel den Flug nicht zumuten. Er hatte mehrmals mit Eduardo über einen anderen Termin diskutiert. Doch dieser rückte von dem Vorhaben nicht ab. »Eduardo, du weißt, wie wichtig Isabel und das Baby für mich sind. Ich kann wirklich nicht mitkommen.«
Eduardo stand auf und fasste Antonio mit beiden Händen fest an den Schultern.
»Sieh mich an. Du musst hinfahren. Das weißt du. Die Leute wollen dich sehen, du bist der Künstler. Ich habe nicht meine ganze Energie in dich investiert, um jetzt wieder alles zu verlieren.« Er sprach leise und besonnen, doch Antonio spürte wie wütend er war. Im nächsten Moment ließ Eduardo von ihm ab und ging zur offenen Terrassentür.
»Flieg allein nach Florenz, geh’ für eine Stunde zur Vernissage und fliege im Anschluss gleich wieder nach Hause. In den paar Stunden wird schon nichts passieren.«
»Und wenn doch etwas passiert? So wichtig wird es schon nicht sein, dass ich persönlich da bin. Die Leute sind sowieso nur mit sich beschäftigt, du weißt selbst, es geht auf Vernissagen um alles, nur nicht um die Kunst.«
Eduardo seufzte und hob beschwörend beide Hände gen Himmel. »Mein lieber Antonio, falls tatsächlich etwas passieren sollte, bin ich bei Isabel. Mein Erscheinen in Florenz ist nicht notwendig. Falls nun tatsächlich die Geburt losgehen sollte, was ich nicht glaube, rufe ich dich sofort an. Du setzt dich ins Flugzeug und bist umgehend wieder hier. Das Kind wird nicht innerhalb einer Stunde geboren. Flieg nach Florenz. Es ist wichtig für dich.«
Widerspruch war sinnlos. Eduardos Worte hatten ein ungutes Gefühl bei Antonio hinterlassen. Doch wie sollte er das nur Isabel beibringen? Er war nicht das erste Mal hin- und hergerissen in seinen Gefühlen. Antonio liebte den Erfolg. Er sonnte sich in der Anerkennung, die seinen Arbeiten zuteil wurde. Ebenso so groß war seine Angst, eines Tages wieder das zu sein, was er vorher gewesen war. Ein armer Limoneser, der aus einer einfachen Fischerfamilie stammt.
Isabel war allein mit dem See. Sanft plätscherten kleine Wellen an den Kiesstrand, die aufgehende Sonne tanzte auf der glatten Wasseroberfläche. Das Wasser war azurblau und glasklar. Kleine silberne Fische wagten sich bis an den Strand heran.
Schwimmer waren so früh am Morgen noch nicht unterwegs und auch die Motorboote würden erst in ein, zwei Stunden anfangen lautstark ihre Runden zu drehen. Isabel streichelte mit den Fingerspitzen über ihren Bauch. Schützend legte sie ihre Hand auf das kleine Wesen in ihrem Körper. Zur Belohnung erhielt sie einen kleinen Stups des Füßchens. Das Baby schenkte ihr eine kleine Beule auf der Bauchdecke.
»Bald werde ich dich in meinen Armen halten«, sprach sie zu ihm. »Es kann jeden Tag soweit sein, dann werde ich für dich da sein, dir Geschichten erzählen, mit dir spielen, mit dir kuscheln.« Verträumt blickte sie auf den Lago di Garda, sah in der Ferne die nebelverhangenen Berge über Riva.
»Was machst du hier, so ganz allein?«
Isabel erschrak. Sanft legte Antonio von hinten seine Arme um ihren runden Bauch und küsste sie in den Nacken. »Ich wollte euch nicht erschrecken, entschuldige bitte, Cara.«
»Ich stelle mir gerade vor wie es sein wird, wenn wir unseren kleinen Schatz im Arm halten. Bald ist es soweit. Auch du solltest die letzten ruhigen Minuten deines Lebens genießen. In ein paar Tagen ist alles anders.«
Lachend drehte sie sich um und stupste ihm neckisch einen Kuss auf die Nasenspitze. Antonio sah wie immer verführerisch aus, genau wie vor fünf Jahren, als sie ihn kennengelernt hatte. Seine braunen Locken fielen ihm in die Stirn, seine schwarzbraunen Augen glühten vor Temperament.
»Du kannst mir keine Angst machen«, lachte er und nahm sie fest in den Arm. »Ich bin jeder Herausforderung gewachsen. Immerhin habe ich auch dich gezähmt.«
Isabel spielte die Empörte und versuchte, sich aus seiner Umarmung zu befreien. »Das glaubst du nur, mein Lieber. Du wirst schon sehen, worauf du dich da eingelassen hast.«
»Eduardo war vorhin kurz bei uns. Er hat dir einen großen Korb mit frischem Obst vorbei gebracht – weiße Pfirsiche, Feigen, Mandarinen, alles was du gern isst. Er möchte, dass es dir gut geht. Er freut sich so auf das Baby. «
Isabel schmiegte sich in Antonios Arm und legte ihren Kopf auf seine muskulöse Brust. Wie immer befiel sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie von Eduardo sprachen.
»Das ist sehr nett von ihm. Wie wäre unser Leben wohl verlaufen, wenn wir ihn nicht kennengelernt hätten? Ich denke oft darüber nach. Du auch?«
Antonio nickte. Er mochte nur ungern an die Zeit vor Eduardo zurückdenken. Liebevoll sah er auf Isabel hinunter. Er liebte diese Frau, mehr als sein eigenes Leben. Schon vom ersten Moment an, als sie die kleine Bar in Limone betreten hatte, in der er als Kellner arbeitete. Dieses wundervoll lange rote Haar, die zarte weiße Haut und diese unglaublich weibliche Figur. Der breite Gürtel ihres Blumenkleides betonte ihre schmale Taille, und der Petticoat gab ihren Hüften den perfekten Schwung. Eigentlich war diese Mode der 50er bereits am ausklingen, doch Antonio war verzaubert. Begleitet wurde sie von einem unscheinbaren Mädchen mit kurzem schwarzen Haar. Ihrer Freundin Margarethe, wie er später erfahren sollte. Isabel hatte sofort sein Interesse geweckt. Sie war anders als die Mädchen, die er bis dahin kennengelernt hatte. Sie war klug, humorvoll und wissbegierig.
Seit damals waren fünf Jahre vergangen und er liebte sie wie am ersten Tag. Isabel streichelte Antonio über die Wange. Turbulente Jahre lagen hinter ihnen. Lange Zeit hatten die beiden nicht gewusst, wovon sie leben sollten. Bis Eduardo in ihr Leben getreten war und ihrem Dasein eine Wende gab. In wenigen Tagen sollte nun ihr erstes gemeinsames Baby zur Welt kommen.
»Eduardo möchte, dass ich nach Florenz zur Vernissage fliege.«
Isabel sah ihn entsetzt an. »Wie kann er das wollen? Das Baby kann jeden Moment kommen. Du wirst doch nicht fliegen, oder?« Antonio schwieg und sah aufs Wasser. »Antonio, bitte. Du darfst nicht fortgehen. Nichts ist wichtiger als unser Baby.« Flehend sah sie ihn an, doch sie wusste, sie hatte bereits verloren. Wieder einmal.
»Ich kann nicht anders, Liebes. Du weißt, was Eduardo für uns getan hat. Ich darf ihn nicht im Stich lassen.« Sammler zahlten heute für seine Bilder sehr hohe Preise. Das meiste davon erhielten er und Isabel, einen kleinen Teil Eduardo. Isabel und Antonio konnten sich ein sehr schönes Leben leisten. Sie lebten in einem großzügigen Haus direkt am Lago di Garda. Sie hatten immer ausreichend Geld für Farben, Leinwände und Staffeleien. Früher musste er oft die letzte Lira zusammenkratzen, um Ölfarben zu kaufen, musste alte Leinwände übermalen. Sie lebten von der Hand in den Mund. So wollte er auf keinen Fall wieder leben, niemals – ihm, Isabel und dem Baby sollte es an nichts mangeln.
Rebecca erschrak. Das Turmzimmer war plötzlich erfüllt von Mozarts kleiner Nachtmusik. Verwirrt blickte sie sich um. Dann fiel ihr das Handy ein, das sie in ihre Hosentasche gesteckt hatte. Schnell kramte sie es hervor, drückte auf den kleinen grünen Knopf und nahm den Anruf entgegen.
»Wo steckst du, verdammt noch mal? Hier brennt die Luft. Ich dachte, du wolltest nur zur Beerdigung gehen und dann umgehend ins Büro kommen. Bewege gefälligst deinen Hintern hierher. Wir bringen deine Story schon morgen. Sieh zu, dass du herkommst. Aber pronto!«
Bevor Rebecca etwas sagen konnte, hatte der Anrufer schon wieder aufgelegt. Mit offenem Mund starrte sie das Handy an. Sie war wieder in der Realität angekommen.
Max Rothstein war Chefredakteur der Tageszeitung, bei der Rebecca als Redakteurin arbeitete. Eine große überregionale Zeitung, deren Ausrichtung getrost als boulevardesk bezeichnet werden konnte. Tiefergehende Recherche war unerwünscht, was zählte waren die Schlagzeile und die Verkaufszahlen.
»Man kann ein Thema auch tot recherchieren. Wir lassen den Luftballon steigen und schauen, was kommt«, pflegte Rothstein zu sagen, wenn Rebecca wieder einmal protestierte und sich mehr Zeit zum Recherchieren wünschte.
Nicht selten hat ihm seine Arbeitsweise Gegendarstellungen eingebracht. Rothstein setzte sich drauf. Sein Ego war immens ausgeprägt. Rebecca verachtete ihn dafür. Sie liebte ihren Job als Redakteurin, doch diese Oberflächlichkeit konnte sie nicht mit ihrem Anspruch an Qualität vereinen. Aber sie war auf die Stelle angewiesen. Immerhin hatte sie hier eine Festanstellung in der Tasche, die ihr einen angenehmen Lebensstil ermöglichte. Zuvor hatte sie sich einige Jahre mit Zeitverträgen bei verschiedenen Zeitungen über Wasser halten müssen. Jeder Tag hatte das Aus bedeuten können. Gingen die Zahlen runter, musste auch sie von Bord gehen.
Für ihre damalige Situation haben Sozialwissenschaftler das Wort »prekär« entdeckt. Mittlerweile nahm das so genannte Prekariat – anlog zum Proletariat – einen breiten Platz in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein. Prekarisierung grassierte vor allem in Kreisen junger Akademiker. Jung, qualifiziert, arbeitswillig – und absolut verunsichert, was die berufliche und damit auch ihre gesellschaftliche Zukunft betrifft. Sie hielten sich mit Teilzeitbeschäftigungen, Zeitverträgen und Praktika über Wasser – ohne zu wissen, was das kommende Jahr bringt. Eine vorausschauende Lebensplanung blieb ihnen versagt.
Rebecca hätte dieses würdelose Dasein nicht mehr lange ertragen. Sie war froh, diese Phase ihres Lebens hinter sich gelassen zu haben. Auch wenn sie wusste, dass sie mit ihrem jetzigen Job nicht auf Dauer klarkommen würde, sah sie die Vorteile, die mit ihm verbunden waren. Sie hatte eine schöne Wohnung, ein kleines Cabrio und musste auch sonst auf nichts verzichten. Ihr war bewusst, ihr Leben wurde von einer gewissen Oberflächlichkeit bestimmt. Gerade jetzt wieder, nach diesem Telefonat. Doch, das nahm sie in Kauf. Viel Zeit, um darüber nachdenken, blieb ihr sowieso nicht. Der Beruf als Journalistin forderte ihre ganze Aufmerksamkeit – und zumindest bei ihrer aktuellen Geschichte wollte sie bis in die Tiefen vordringen. Wenn man sie ließ…
Eilig verstaute Rebecca die Kleider wieder in der Truhe. Das Gemälde legte sie obenauf. Dann schloss sie den Deckel. Die kleine Kladde steckte sie in ihre Handtasche. Sie würde noch einmal wiederkommen müssen, um Isabels Sachen abzuholen. Doch jetzt musste sie sich um ihren Artikel kümmern. Verschwitzt und außer Atem stürmte sie in das Büro des Chefredakteurs.
»Wir können die Geschichte noch nicht bringen. Sie ist noch nicht fertig«, schrie sie ihn lauter an, als sie beabsichtigt hatte. Sie riskierte ihre Stelle, doch in diesem Moment konnte sie sich nicht steuern. Rothstein lachte sie nur aus.
»Zu spät. Wärst du hier gewesen, hätten wir noch drüber sprechen können. Doch jetzt…«, mit einem breiten Grinsen weidete er sich an ihrer Panik. »Ich habe den Artikel eben für den Druck freigegeben.«
Rebecca arbeitete an einer Bestechungsgeschichte. Den Hinweis hatte sie aus »gut unterrichteten Kreisen« erhalten, wie man zu sagen pflegte. Im Zuge des Verkaufs eines städtischen Unternehmens waren Gelder in die Taschen hochrangiger Politiker geflossen. Die Geschichte war jedoch noch nicht reif für eine Veröffentlichung. Rebecca musste noch einige Informationen prüfen. Immerhin würden mit Erscheinen des Artikels einige Köpfe rollen. Ihrer nun wahrscheinlich auch.
Rothstein empfand eine höllische Befriedigung dabei, Rebecca unter Druck zu setzen. Ihre bislang exzellente Arbeit sollte tiefe Kratzer erleiden, sobald sich auch nur ein Detail ihrer Geschichte als Flop herausstellen würde. Rothstein wusste das.
Der Chefredakteur war gerade mal 1,68 cm groß und litt wie viele kleine Männer an mangelndem Selbstbewusstsein, was er mit Größenwahn zu überspielen versuchte. Rebecca war ihm mit ihrer unkomplizierten und freundlichen Art ein Dorn im Auge. Politiker aller Couleur vertrauten ihrer Schreibe und versorgten sie mit Interna. Rebecca war klug genug, die wahren Beweggründe hinter der einen oder anderen Information zu erkennen. Und gerade deshalb gelang es ihr, neutrale Berichte zu verfassen. Ihr Fingerspitzengefühl hat schon manchen Gesprächspartner vor sich selbst gerettet. Ihre Artikel hatten dadurch nicht weniger Brisanz und konzentrierten sich auf das Wesentliche. Rothstein hingegen lechzte förmlich nach Irrungen seiner Interviewpartner. Hatte er sie eingefangen, brachte er sie in 20 Punkt großen Lettern in die Headline.
Um das Schlimmste zu verhindern, machte sich Rebecca schnell auf den Weg zu ihrem Schreibtisch. Wenn Rothstein den Beitrag gerade erst freigegeben hatte, war es vielleicht noch nicht zu spät. Sie blickte auf die Uhr. Bis zum Andruck der morgigen Ausgabe blieben ihr noch gut zwei Stunden. Sie wollte wenigstens noch retten, was zu retten war. Mit etwas Glück würde sie auch noch den ein oder anderen Gesprächspartner erreichen.
Rebecca hatte Glück. Ihr Artikel trat eine Lawine los und sie wurde mit Lob überschüttet. Rothstein spuckte Galle und der Verleger warf einen wohlwollenden Blick auf sie. Solche Mitarbeiter konnte er in seinem Team gebrauchen, das gab er auch Rothstein zu verstehen. Rebecca schwebte auf Wolke Sieben. Die positiven Entwicklungen vereinnahmten sie, und erst als sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte, fand sie wieder Zeit für Isabels Aufzeichnungen.
Antonio stand leise auf. Isabel schlief noch. Es sah wunderschön aus, wie ihr rotes langes Haar ungebändigt wild um ihren Kopf herum lag. Sie hatte sich auf die Seite gedreht und ihr Kissen unter ihren großen Bauch gepresst. Antonios Kissen hielt sie fest im Arm wie ein Kuscheltier. Er hob sein Leinenhemd vom Fußboden auf und schlich auf Zehenspitzen aus dem Raum. Sein Atelier lag im Dachgeschoss der herrlichen Villa an der Uferpromenade von Desenzano. Durch die breite Fensterfront konnte er den ganzen See überblicken. Antonio ging jeden Tag für mehrere Stunden ins Atelier. Isabel leistete ihm meist Gesellschaft.
Sie saß dann auf der großen Dachterrasse im Schatten der mächtigen Olivenbäume, die Eduardo hier hatte heraufbringen lassen. Es war ihm heute noch ein Rätsel, wie diese riesigen Terracottatöpfe die steile Treppe ins Atelier hinaufgekommen waren.
Isabel liebte den historischen Diwan, den Eduardo ihr geschenkt hatte. Wenn sie auch Eduardo nicht mochte, seine wertvollen Geschenke wusste sie zu schätzen. Häufig setzte sich Antonio einfach neben sie. Meist, wenn er mit dem Malen eines neuen Bildes beginnen wollte. Auf eine seiner Staffeleien stellte er eine weiße Leinwand und blickte diese einfach nur an. Es dauerte wenige Minuten, bis die Leinwand »zu tanzen anfing«, wie Antonio es nannte. Vor seinem inneren Auge nahm ein Bild Gestalt an. Farben und Formen fanden zueinander. Er musste das Bild nur noch mit dem Pinsel auf die Leinwand übertragen. So entstanden herrliche Landschaften und Stillleben, aber auch schmutzige Straßenzüge und armselige Häuser. Antonio malte, was ihn bewegte. Gern fing er auch Gesichter ein, nicht geschönt, sondern so, wie er sie sah. Er versuchte immer hinter die äußerliche Fassade seiner Modelle zu blicken, den Seelenzustand festzuhalten. Nicht selten haderten seine Auftraggeber mit ihrem ungeschönten Bildnis. Sie hüteten sich aber, ihren Unmut offen zu formulieren. Antonios Bilder galten eben als angesagt.
Heute Abend würde er sich mit der feinen Gesellschaft von Florenz umgeben müssen. Antonio war dieser Ausstellungseröffnungen müde geworden. Es ging den Leuten nur um das Sehen und Gesehen werden. Beim Gläschen Sekt und kleinen Häppchen erfuhr man den neuesten gesellschaftlichen Tratsch. Am wenigsten jedoch drehte es sich um die ausgestellten Werke, seine Bilder.
Seine Bilder wurden gekauft, sicher. Doch Antonio befürchtete, nicht aufgrund der Qualität, sondern einfach, weil es schick war, eine seiner Arbeiten zu besitzen. Das war der Preis des Erfolges. War er undankbar? Noch vor wenigen Jahren hatte er froh sein können, wenn er eines seiner Bilder für ein paar Lire an Touristen verkaufen konnte. Wie sich sein Leben in so kurzer Zeit gewandelt hatte. Vom armen Straßenmaler zu einem der begehrtesten Künstler Italiens. Doch auch Angst war sein ständiger Begleiter. Wie ein dunkler Schatten folgte sie ihm überall hin. Nachdenklich ging er zur Kaffeemaschine und machte sich einen Espresso.
»Bist du in Gedanken wieder in der Vergangenheit oder machst du dir Sorgen wegen heute Abend?«, leise war Isabel die Stufen zum Atelier hochgekommen. Beim Gehen stützte sie ihre Hände in den Rücken.
»Die letzten Tage sind echt anstrengend. Ich fühle mich wie ein aufgeblasener Ball.« Antonio grinste und nahm sie in den Arm. »Du bist so ein entzückender Ball. Zu gern würde ich jetzt mit dir spielen.«
»Antonio lass das. Mir ist nicht nach Rumalbern zumute. Ich meine das ernst. Ich hoffe, dass alles gut wird und du schnell wieder zurück bist. Um wie viel Uhr fliegst du los?«
»Wir fahren in einer Stunde nach Brescia. Es wird schnell gehen. Ich werde mit einem Gläschen Sekt von einer älteren Dame zur nächsten ziehen und ihnen ein paar Komplimente machen. Dann setze ich mich in den Flieger und komme noch heute Nacht zurück, versprochen.«
»Das will ich hoffen. Schließlich ist ein echter Pomarolo im Anmarsch«, sagte Isabel und lachte. Doch sie merkte zugleich, sie hatte einen wunden Punkt getroffen. Antonio liebte seine Familie, doch ihretwegen hat er sich mit seiner Mutter zerstritten.
Die Pomarolos waren eine stolze Familie. Sie lebten seit mehreren Jahrhunderten in Limone sul Garda. Über viele Jahrhunderte heirateten die Pomarolos nur untereinander. Nicht zuletzt aus Ermangelung an Alternativen, aber auch, um ihr »Blut rein zu halten« wie ihr Antonio erzählte. Das kleine Fischerdorf Limone war bis 1932 vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Nur über den Gardasee oder über die steilen Berge war das Dorf zu erreichen. Mit dem Bau der Gardesana, der schönen Uferstraße, endete diese Abgeschiedenheit. Limone gehörte plötzlich zu dem Rest der Welt. Antonio nutzte diese neue Freiheit, um der Familientradition der Fischer zu entkommen. Er floh nach Florenz, holte den Schulabschluss nach und studierte Kunstgeschichte.
Mit kleinen Aushilfsjobs hielt er sich über Wasser. Das freie Leben war jedoch kurz nach dem Studium vorbei. Sein Vater starb überraschend bei einer Fangtour. Er ertrank, als das Wetter wie so oft auf dem Gardasee plötzlich umschlug. Sein Boot war vermutlich vom Blitz getroffen wurde. Die Leiche wurde nie gefunden, nur die Reste seines kleinen Bootes wurden Tage später an Land gespült. Antonio musste nach Limone zurückkehren, um seine Mutter zu unterstützen.
Kurz darauf lernte er Isabel kennen. Für Antonios Mutter war sie die Ausgeburt der Hölle. »Du musst die Finger von dem deutschen Mädchen lassen. Sie wird dir Unglück bringen,« prophezeite sie ihm. Antonio reagierte damals sehr gereizt auf die Anfeindungen seiner Mutter.
»Was du für einen Unsinn redest. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Ich liebe Isabel und werde sie heiraten«, schrie er sie an. Er stellte sich das erste Mal in seinem Leben gegen seine Mutter.
»Du musst eine von uns heiraten«, seine Mutter ließ nicht locker. Bevor der Disput noch weiter eskalieren konnte, drehte Antonio sich um und ging. Es war das letzte Mal, dass er seine Mutter sah, wenn er auch nur wenige Kilometer entfernt von ihr lebte.
»Es wird alles gut. Wenn unser Baby erst einmal da ist, werden wir auch mit deiner Mutter Frieden schließen. Da bin ich ganz sicher.« Isabel würde alles dafür tun, um die Familie wieder zusammenzubringen.
»So war sie. Isabel hat sich immer mehr um andere Sorgen gemacht, als um sich selbst«, Rebecca erkannte in den Aufzeichnungen ihre Freundin wieder. Ob es ihr gelungen war, den Kontakt zu Antonios Mutter wiederherzustellen? Doch was ist mit dem Baby geschehen? Rebecca blätterte die Seiten des kleinen Büchleins durch. Zu gern hätte sie jetzt weitergelesen. Doch die SMS war unmissverständlich. Genervt stellte sie das Rotweinglas beiseite und raffte sich vom Sofa auf. Rothstein drang wieder einmal in ihre Freizeit ein. Sie sollte einen Termin für ihn übernehmen, in eineinhalb Stunden. Er habe sich kurzfristig für eine Auszeit in Spanien entschieden. Die Nachricht hatte er aus dem Flieger gesandt. Rothstein war das Letzte.
Seit ihrem Erfolg mit der Korruptionsgeschichte ließ er nichts unversucht, sie zu düpieren. Sie hatte heute einen freien Tag und nutzte gerade die Gelegenheit, um in Isabels Aufzeichnungen weiter zu lesen. Heute Vormittag hatte sie noch einige persönliche Sachen von Isabel aus der Villa geholt, unter anderem das Ölgemälde. Es musste ja nicht in falsche Hände geraten. Es stand nun in einer Ecke ihres Wohnzimmers. Isabel sah sie an, als wollte sie ihr etwas sagen. Dieses Bild war ein Meisterwerk. Rebecca wusste noch nicht, was sie damit machen sollte.
Sie warf einen Blick auf die Uhr. Ärgerlich, heute Abend hatte sie ein Date. Gleich wollte sie sich ein entspannendes Schaumbad einlassen, sich anschließend in Schale werfen und mit Ricardo zu der kleinen Trattoria in der Weststadt gehen. Der Tisch war für 20 Uhr reserviert. Sie würde absagen müssen. Die Sitzung im Rathaus begann um halb sieben, doch wenn sich die Ratsherren erst einmal warm geredet hatten, war ein Ende nicht in Sicht.
