Beschreibung

Deutschland in den 1920er-Jahren

Als Eugen Faber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in seine Heimatstadt zurückkehrt, liegt seine Welt in Trümmern: Er ist zum Außenseiter geworden, zum Fremden in seiner eigenen Familie. Jakob Wassermanns wiederentdeckter Roman ist ein erschütterndes und bewegendes Zeugnis der Entwurzelung einer ganzen Generation.

Sechs Jahre hat sich der junge Architekt Eugen Faber in russischer Gefangenschaft nach seiner Frau, seiner großen Liebe und Seelenverwandten, gesehnt und schließlich eine gefährliche Flucht auf sich genommen. Doch das Leben ist inzwischen weitergegangen. Seine Frau erkennt er kaum wieder, sein kleiner Sohn kann sich nicht an ihn erinnern. In seinem Beruf wird er nicht mehr gebraucht, und auch Ideologien bieten ihm keinen Halt. Zunehmend verzweifelt versucht er, sich in eine Welt einzufügen, die nicht mehr die seine ist.

Mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen erkundet Jakob Wassermann das quälende Ringen um Nähe und Verständnis. In den 1920er-Jahren war er einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. 1933 sollten seine Werke den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten zum Opfer fallen, doch schon 1924, als er den vorliegenden Roman veröffentlichte, ahnte er das nahende Unheil voraus. In einer Zeit des brüchigen Friedens und des drohenden Zerfalls Europas stellt der Roman existenzielle Fragen, die uns auch heute noch beschäftigen: nach dem Wert von Menschlichkeit, Respekt und gegenseitiger Achtung.

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Seitenzahl: 389


Als Eugen Faber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in seine Heimatstadt zurückkehrt, liegt seine Welt in Trümmern: Seine Frau erkennt er kaum wieder, sein kleiner Sohn kann sich nicht an ihn erinnern. In seinem Beruf wird er nicht mehr gebraucht, und auch Ideologien bieten ihm keinen Halt. Zunehmend verzweifelt versucht er, sich in eine Welt einzufügen, die nicht mehr die seine ist.

1924 geschrieben, in einer Zeit des brüchigen Friedens und des drohenden Zerfalls von Europa, stellt Jakob Wassermanns (1873–1934) nun wiederentdeckter Roman existenzielle Fragen, die uns auch heute noch beschäftigen: nach dem Wert von Menschlichkeit, Respekt und gegenseitiger Achtung.

JAKOB WASSERMANN

Faberoder Die verlorenen Jahre

Roman

Nachwort von Insa Wilke

MANESSE VERLAG

ZÜRICH

Ich liege sicher wie im Mutterschoß;

all meine Glieder sind mir zugetan,

und meine Seele, wie ein weißer Schwan,

umspielt mich erdenlos und himmellos.

Purpurne Fahnen in der Tiefe wehn,

Unschuld und Lust sind wahlgeeinter Brand;

so wollen wir, Hand in geliebter Hand,

den Silberpfad am Tag der Gleiche gehn.

Mensch ist der Welt entschlüpft, und Welt ist Schaum,

die Sphären rauschen sanft einander zu;

sogar den Tod verschönt kristallner Saum:

die ganze Schöpfung ist ein Ich und Du.

Aus dieser heiligen Verwirrung weben

des Schicksals Finger leuchtenderes Leben.

1

Faber kam mit dem Abendzug in seiner Vaterstadt an, in der er als Architekt gewirkt hatte, bis der Krieg ausgebrochen und er, im ersten Monat schon, in Gefangenschaft geraten war. Seitdem waren fünfeinhalb Jahre vergangen.

Mit ihm reisten ein paar Kameraden, letzte Nachzügler unter den Heimkehrern wie er selbst, Bürgersöhne wie er selbst, aber anders als er befanden sie sich während der zu Ende gehenden Fahrt in einer Erregung, in der sie unzusammenhängende Reden führten wie die Fieberkranken. Da sie beim Verlassen des Schiffs nach Hause telegrafiert hatten, konnten sie gewiss sein, von ihren Angehörigen und Freunden empfangen zu werden. Nüchterne Leute sonst, verstiegen sie sich bis zur Rührseligkeit, wenn sie von Frau und Kind, von Müttern und Schwestern, ja sogar von Häusern und Stuben sprachen. Faber war in nicht freundlicher Weise schweigsam. Einer fragte ihn: «Wird deine Frau da sein?» Er zog die dicken schwarzen Brauen hoch und antwortete nicht.

Als der Zug in die Halle fuhr, reichte er den Gefährten vieler Monate kühl die Hand und drückte sich mit seinem Holzköfferchen abseits. Von der lärmenden Begrüßung, die ihnen zuteilwurde, war er nur vorüberhastender Zeuge.

Die Mütze tief in die Stirn geschoben, verließ er das Bahnhofsgebäude wie jemand, der fürchten muss, erkannt zu werden. Unschlüssig stand er auf dem Platz, zögernd setzte er den Weg fort. Er gelangte in eine Straße, in der mehrere Gasthöfe geringen Ranges waren. Einen betrat er und forderte ein Zimmer für die Nacht. Ein schmutziger Kellner führte ihn in einen kahlen Raum, in dem es nach tagelang gestandener Luft und schlecht gewaschener Wäsche roch. Er riss das Fenster auf und ließ sich ermüdet auf einem Stuhl nieder. Über dem nahen Dach lohte der schwüle Juliabendhimmel. Aus dem Nachbarzimmer, durch eine mangelhaft abschließende Tür, hörte er raunende Stimmen und von Zeit zu Zeit das Gelächter einer Frau.

Er erhob sich, ging auf und ab, dann wusch er Gesicht und Hände und verspürte dabei das unangenehme Herzklopfen, das ihm nicht neu war. Seit der furchtbaren Flucht von Sibirien nach Peking hatte sich das Übel in seinem Körper eingewöhnt. Mit aufgestütztem Kopf setzte er sich abermals ans Fenster, und es schien, dass er sich zu ergründen bemühte, weshalb er in diese Herberge gegangen war und in diesem unsauberen Zimmer schlafen wollte. So oft das Gelächter der Frau nebenan erschallte, runzelte er die Stirn. Das verlieh seinem Gesicht den Ausdruck eines leidenden Kindes.

In dem gegenüberliegenden Haus, einer düstern Mietskaserne, waren einige Stuben erleuchtet. Er gewahrte einen alten Mann mit einer Brille, der die Zeitung las, und den Lockenkopf eines kleinen Mädchens, der bisweilen auftauchte und wieder verschwand. In einer andern Stube war eine Frau beschäftigt, farbige Bögen Papier zusammenzufalten.

«Unmöglich hier zu bleiben», sagte er vor sich hin. Er zog den Rock an und stand eine Weile nachdenklich an der Tür. Als das Lachen abermals ertönte, verließ er wie von Widerwillen gepackt das Zimmer und ging die Treppen hinunter und auf die Straße. Er schaute an der jenseitigen Häuserwand empor; die erleuchteten Stuben waren jetzt weit oben. In einer Art von Verwunderung lächelte er. Dann befühlte er mit der Hand seine Brust; das Herzklopfen hatte aufgehört.

Es begegneten ihm nur wenig Menschen. Auch die Wirtschaften waren leer. Da und dort saßen alte Leute vor den Haustüren und unterhielten sich leise. Er betrachtete alle Dinge, auf die sein Auge fiel, mit ernster Eindringlichkeit, als ob er sie nach Millimetern abzumessen habe, sogar die Schatten der Vorübergehenden unter den Laternen. So blicken nur Menschen, denen eine sehnsüchtige Vorstellung zur Plage geworden ist, bis sie endlich die Wirklichkeit schauen. Dabei war alles, was er sah, hässlich, schmutzig und gewöhnlich.

Unverkennbar trieb es ihn ohne bestimmten Willen vorwärts; sein Schritt hatte nicht den Rhythmus, den ein Ziel gibt. Aus verkehrsreichen Straßen kam er wieder in stillere, und so gelangte er auf einen Platz mit einer Kirche, deren reine Formen und harmonische Gliederung ihm seit der Kindheit vertraut waren. Beruhigung malte sich in seinen Zügen, als sein Auge die gotischen Figuren und Zierate umfasste und an dem Turm hinaufglitt, der das Weiß von gebrannten Knochen hatte. Aber die Kirche war es nicht, zu der er gewollt, wie sich bald zeigte, obschon ihre von der Zeit vergessene Schönheit ihm zu seinem Vorhaben vielleicht Mut einflößte.

Er wandte sich nach einigem Besinnen zu einem etwa hundert Schritte seitab gelegenen Gebäude, das Tor war noch offen, der Flur noch erhellt; nach abermaligem Besinnen klopfte er ans Fenster des Pförtners und fragte mit erzwungener Gleichgültigkeit im Ton, wie jemand, für den von der Antwort nichts Besonderes abhängt, ob Doktor Fleming noch hier wohne und ob er zu Hause sei. Auf beide Fragen nickte der Mann und folgte ihm misstrauisch mit den Blicken, als er die Treppen hinaufstieg.

Faber läutete an der wohlbekannten Tür und wartete. Schritte schlurften heran, vorsichtig wurde der Riegel zurückgeschoben, in der Spalte erschien das wohlbekannte Pausbackengesicht, doch merkwürdig gealtert, mit gelichteten Haaren und spitzerem Kinn. Faber trat aus dem Schatten und nahm die Mütze vom Kopf.

Unnatürlich kleine und beständig zwinkernde Augen hinter starken Brillengläsern musterten den späten Besucher. Ein schärferes Spähen, ein Strahl des Erkennens und das Staunen machte, dass die winzigen Augen vollends hinter den starken Gläsern und den schwammigen Fleischsäcken der Wangen verloschen.

Mit gelassenem Gruß schritt Faber über die Schwelle. Von der ersten Sekunde an war in seiner ganzen Art, sich ruhig zu geben, etwas Gekünsteltes und Ausgedachtes.

Die Wände des schmalen Vorraums waren von oben bis unten mit Büchern bedeckt, so auch in den beiden Zimmern und in der Hofkammer, die als Schlaf-, Wasch- und Küchenraum diente. Die dicht gerammten Bücher verkleideten jedes Stück der Mauer; Bücher und Zeitschriften lagen auf Tischen und Stühlen, auf dem Boden und auf dem Ofen, auf dem Bett und auf den Fenstersimsen. Kaum dass noch Luft zum Atmen blieb und Raum, sich zu bewegen. Es war die Behausung eines Mannes, der in Büchern, mit Büchern und von Büchern lebte.

Faber lächelte wie neben sich selber. Er lächelte ohne Zweifel über das Wohlbekannte des Bildes, das Wohlbekannte von Flemings Erscheinung und den sonderbaren Umstand, dass er nun hier war. Aber seine stumpfbraunen Augen wurden wieder ernst und schauten fast ohne Teilnahme zu Boden, als Fleming mit seiner bei einem Mann verwunderlich hellen Stimme zu reden begann.

Was sagte Fleming nicht alles in der Überstürzung! Was fragte er nicht alles! Wie erging er sich doch in Wiederholungen immer derselben Fragen und Ausrufe! Presste die Hände zusammen, rieb die Finger gegeneinander, legte den Kopf auf die eine, dann auf die andere Schulter, schob die Brille auf die Stirn und wieder auf die dicke Nase herab und sprach immer unruhiger und gehetzter, je weniger Faber Anstalten traf, seinen gekünstelten und ausgedachten Gleichmut aufzugeben.

Natürlich wollte er vor allem wissen, seit wann Faber zurück sei. Gestern noch sei er bei Martina gewesen, sagte er, und Martina habe keine Ahnung gehabt. Vor sechs Wochen sei die letzte Karte Fabers eingetroffen, seitdem habe man nichts mehr gehört. Überhaupt habe er sich ja seit anderthalb Jahren damit begnügt, Postkarten zu schreiben. Aus welchem Grund eigentlich? Alles so locker, so obenhin, geradezu fremd beinahe; Martina habe gar nicht gewusst, was sie davon halten solle.

Faber blieb stumm.

In seinen zerrissenen Filzschuhen auf und ab schlurfend und ihn bisweilen scheu von der Seite betrachtend, klagte Fleming: «Wir konnten und konnten keine Nachricht bekommen. Deine Mutter ist in die Ministerien und Gesandtschaften gelaufen, Tag für Tag. Klaras Mann hat dreimal an die Austauschkommission telegrafiert, alles umsonst, niemand vermochte einem Auskunft zu geben, wo du stecktest. Aber das wird man dir alles schon erzählt haben. So bist du also wirklich wieder bei uns! Und besuchst mich, den alten Jakob Fleming. Das ist hübsch, das gefällt mir. Aber setz dich doch, mein Lieber, warum stehst du denn noch immer?»

Mit atemloser Geschäftigkeit hob er einen Stoß Bücher von einem Stuhl, und Faber setzte sich. Da er stumm blieb, nach wie vor rätselhaft stumm, fand sich Fleming, vielleicht aus Angst, vielleicht aus erratendem Taktgefühl veranlasst, in seiner Redeflut fortzufahren. «Wie ist dir’s denn ergangen?», forschte er zärtlich, alle zehn Finger in das Kinn bohrend. «Einfältige Frage, wirst du sagen und hast auch recht. Aber wir zu Hause haben schließlich auf unsere alte Weise weitergelebt, wennschon die Welt ein unleidliches Gesicht bekommen hat. Ja, das hat sie, das kannst du glauben, ein gräulich-hypokratisches Gesicht, besonders für einen Menschen von meiner Sorte. Was hat denn Martina gesagt, als du so plötzlich da warst? Was hat sie denn angestellt in ihrer Freude? Mein Gott, wie viel haben wir von dir gesprochen, wie manchen Abend sind wir beisammengesessen und haben deiner gedacht. Und das Kind, der Christoph, wie hast du ihn gefunden? Er ist dir ja wie aus dem Gesicht geschnitten; jetzt, wo ich dich so ansehe, muss ich lachen über die Ähnlichkeit. Du weißt doch, dass wir ungeheuer befreundet sind, er und ich? Nach dem Tod deines Vaters wollte er nur noch mit mir spazieren gehen. Muss ein merkwürdiges Gefühl sein, wenn man einen Sohn als Neunjährigen wiedersieht, den man als Dreijährigen verlassen hat. Wie hat er sich denn benommen? Hat er dich erkannt? Warum antwortest du nicht? Sprich doch ein Wort …»

Da sagte Faber endlich, indem er auf seine Knie starrte: «Ich bin erst vor zwei Stunden angekommen. Ich habe niemand benachrichtigt und auch niemand gesehen, weder Martina noch das Kind, noch meine Mutter, noch meine Schwester, noch sonst wen.»

Von Flemings runden Backen verschwand der etwas ungesund-rosige Hauch, und sie wurden teigfarben. Er stotterte; zuletzt blieb ihm der Mund offen, und man sah Zahnlücken und goldene Plomben.

«Es ist, wie ich dir sage», nickte Faber; «frag mich nicht, ich kann dir nichts erklären. Gib mir einen Bissen zu essen, irgendwas, ich hab Hunger.»

Fleming verharrte noch eine Weile, dann begab er sich eilig und schwerfällig in die Kammer. Dort hörte ihn Faber murmeln, herumgehen und mit Geschirr klappern; nach ein paar Minuten brachte er ein eisernes Tablett, auf dem Brot, einige Schnitte geräucherten Specks auf einem Teller, eine Karaffe mit Wasser und ein Glas ziemlich sauber und appetitlich angerichtet waren. Er befreite einen zweiten Stuhl von Büchern und Broschüren, nahm Faber gegenüber Platz und schaute mit ratlos gefalteten Händen zu, wie dieser Brot und Speck gierig verschlang und hierauf die ganze Flasche Wasser austrank, ohne sich des Glases zu bedienen.

«Jetzt lass mich eine Stunde ausruhen», bat Faber und sah sich im Zimmer um. Er gewahrte den mit schadhaftem Leder überzogenen Lehnstuhl, der auch ein Klappgestell zum Liegen hatte, ging hinüber, warf sich tief atmend hinein und schloss die Augen.

Fleming ließ den erregten Blick nicht von ihm. Einen beredteren Ausdruck von Hilflosigkeit und Sorge konnten Augen schwerlich haben. Ihm war zur Genüge bekannt, dass man diesen trotzigen und außerordentlich verschlossenen Menschen unter keinen Umständen zum Sprechen bringen konnte, solange er nicht gewillt war zu sprechen.

Nach kurzer Zeit schon sah er, dass Faber eingeschlafen war.

2

Nun hatte er Muße, das Gesicht zu betrachten. Es war noch dasselbe schöne Gesicht wie vor zehn, wie vor zwanzig Jahren, stellte er fest, das charakteristische Faber’sche Gesicht, in welchem Zartheit und Härte, edle Art und unbändige Instinkte einander eng bedrängten. Alle vier Kinder hatten diesen Typus gehabt.

Ein gewisser Zug zwischen den Brauen fiel ihm auf, eine schmerzliche Furche wie bei einem Hund. Aber er konnte da nichts lesen, nichts sehen und nichts erraten.

Jakob Fleming hatte seit vielen Jahren die Gepflogenheit, über seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Menschen Buch zu führen. Es interessierten ihn der historische Verlauf und die Möglichkeit, Zusammenhänge aufzudecken, die die Zeit verwirrt und verschleiert hatte. Unter seinen Papieren befanden sich wie bei einer Polizeistelle oder einem Spionageamt ganze Aktenbündel und Zettelkästen namentlich über die Personen seines näheren Umgangs. Hatte er diesen oder jenen durch längere Frist aus den Augen verloren, so hielt er in seinen Aufzeichnungen Nachschau und versuchte in wissenschaftlicher Synthese aus den vorhandenen Notizen ihr ferneres Schicksal zu konstruieren. Manchmal hatte er Glück und es stimmte.

So besaß er auch ein umfängliches Heft über die Faber’sche Familie, bei der er vor mehr als achtzehn Jahren als Hauslehrer und Erzieher eingetreten war. Es bedurfte nur des Griffes in ein Schubfach, und er hatte das Schreibheft schon vor sich liegen. Leise blätternd schlug er eine der letzten Seiten auf und las die folgende Stelle:

«Was wird aus Martina werden ohne Eugen? Wie wird sie leben? Die Frage erhebt sich mir vorläufig nur im Hinblick auf seine vielleicht Monate dauernde Abwesenheit; was geschieht aber, wenn er nicht zurückkehrt, wenn er fällt, was Gott verhüten möge? Ebenso wenig kann man sich seine Existenz vorstellen, wenn er von ihr getrennt ist. Es ist nicht zu verkennen, und die Tatsachen haben es unleugbar bewiesen, dass diese beiden Menschen nicht bloß wie von Ewigkeit her füreinander bestimmt schienen, sondern dass sie auch, seit sie einander begegnet sind, in zartestem Alter also, eine vollkommene Einheit bilden und eigentlich nur so gedacht werden können. Alle Leute empfinden das, auch die dummen und gleichgültigen, und der Gedanke schon an ein in der Zukunft ruhendes Unglück erfüllt einen mit Schrecken.»

Immer wieder kehrte sein Blick zu diesen Zeilen zurück, und wenn er sie gelesen hatte, erhob er die kurzsichtigen Augen furchtsam zu dem Schläfer. Dann begann er abermals zu blättern, las eine Seite da, eine dort, und vieles Vergangene, es war am Ausdruck des Gesichts zu merken, wurde in seiner Erinnerung lebendig.

Wunderliches Haus, wunderliche Vergesellschaftung von Menschen. Eltern, die sich der Herrschaft über ihre Kinder freiwillig entschlugen; Kinder, für die die Worte Gehorsam und Zucht belächelnswerte Schälle waren. Keine Regel, keine Ordnung, kein Maß und Gleichmaß, keine religiöse Bindung und tiefere Pietät, alles nur zufällige Übereinkunft und Sichvertragen nach Laune und Wahl. Mannigfache Bemerkungen des Schreibers vermeldeten sein Befremden über das, was er hier an Lebenshaltung und -führung wahrnahm, und die Mühe, die er sich gab, ein Gesetz oder eine allgemeine Strömung in der Zeit dafür aufzufinden.

Doktor Faber, ein beliebter Arzt, hatte von mütterlicher Seite slawisches Blut in den Adern, vom Vater her entstammte er einer alten süddeutschen Patrizierfamilie. Anna, seine Frau, war ebenfalls Mischblut, ihr Vater war ein in Hannover eingewanderter Schotte gewesen. Sie war gleichsam die Unruhe des Hauses, von ihr ging die Bewegung aus, sie hielt den Einzelnen in Atem und bestimmte seinen Gang und seine Richtung. Als Vorkämpferin für die Rechte ihres Geschlechts wirkte sie in der Öffentlichkeit, leitete eine Frauenzeitschrift, gründete Frauenvereine und sprach in Versammlungen; auch im häuslichen Kreis bevorzugte sie Ausdrücke und Wendungen, mit denen sie Massen von Zuhörern zu entflammen gewohnt war, und berauschte sich gern an der Leidenschaft ihrer eigenen Rede. Doktor Faber ließ sie in jeglichem Bezug gewähren, und weit entfernt, ihr ziemlich lärmendes und wechselvolles Treiben zu missbilligen, zeigte er vielmehr in seiner still-passiven Art eine fast kindliche Bewunderung für ihren starken Charakter und ihren unermüdlichen Idealismus. Der Annalenschreiber verlieh zu öfteren Malen der Achtung und Zuneigung für diesen Mann Ausdruck, dessen Vornehmheit und ruhige Geduld in tröstlichem Gegensatz zu der Hast und Lautheit aller Menschen stand, die ihre gekräuselten Ringe um ihn zogen. Namentlich gefiel ihm eine gewisse Verschleierung seines Wesens, ungewöhnlich bei einem gereiften Mann in praktischem Beruf, die seinen Worten und Handlungen eine angenehme Hintergründigkeit schuf und die Personen, die mit ihm zu tun hatten, dazu verführte, sich rückhaltlos zu offenbaren, sozusagen immer auf beleuchteter Bühne vor ihm zu spielen. Nie hörte ihn Fleming murren oder unfreundliche Kritik üben. Von sarkastischem, ja tief skeptischem Geist wie die meisten Ärzte, ließ er sich doch niemals hinreißen, über einen Menschen lieblos zu urteilen, auch dann nicht, wenn ihm Böses durch ihn widerfahren war. Es kam vor, dass er sich kleinlaut von seinen Kindern belehren ließ, wenn er sich nach ihrer Ansicht zugunsten eines solchen geirrt hatte; er legte dann in der Haltung gegen die eigenen Kinder eine respektvolle Aufmerksamkeit an den Tag, wie der Annalist mit kaum verhehltem Tadel notierte.

Recht misslich war für Fleming die Erfahrung, dass das Haus offene Türen hatte für jedermann. Seine Zöglinge waren ohnehin schwer zur Sammlung zu bringen, und bei all ihrer Begabung und heiteren Bereitschaft zu lernen und aufzunehmen, erwiesen sich doch die vielfachen äußeren Einflüsse als störend. Ob es nun Zufluchtsuchende waren oder Unterhaltungsbedürftige, arme Teufel ohne Quartier oder intellektuelle Müßiggänger, die eine Nacht verschwatzen wollten und den Heimweg scheuten, alle fanden Willkomm und Obdach. Bisweilen bezog Anna Faber mit den Kindern die Bodenkammer, während nahezu fremde Leute die Schlafzimmer innehatten. «Ein betrübliches Durcheinander», klagte Fleming einmal in seinem Heft; «um neun Uhr abends wird zu Mittag gegessen, um Mitternacht erscheinen noch Gäste und fordern mehr oder minder dringlich Rat und Anteil für ihre verschiedenen Ideen und Geschäfte. Von Zubettegehen ist dann bei den Kindern nicht die Rede; sie wollen alles wissen, sehen und hören und sind in alle Verhältnisse eingeweiht. Da fehlt es manchmal nicht an schlimmen Überraschungen; vorgestern hab ich Klara schlafend in einem Kleiderschrank gefunden.»

Man lebte von der Hand in den Mund, hatte Schulden beim Krämer und beim Kaufmann, beim Metzger und beim Bäcker, ohne dass sich Anna Faber darüber Sorgen machte. Vom Ertrag seiner Praxis vermochte Doktor Faber den verworrenen Aufwand nicht zu bestreiten, zumal er von den meisten seiner Patienten keine Bezahlung annahm. Es vergingen oft Monate, ehe Fleming seinen Gehalt ausbezahlt bekam; aber wie es für selbstverständlich galt, dass er wartete und man sich gar nicht erst entschuldigte; wie man keinen Zweifel dareinsetzte, dass er nicht bloß jeden Überfluss, sondern auch jede Not mit der Familie zu teilen wünschte, so unterdrückte er seinerseits alle Regungen der Unzufriedenheit, umso mehr, als er sich mit der Zeit immer inniger an seine Zöglinge anschloss, am meisten an Eugen, den drittältesten.

Damit wuchsen aber auch seine Befürchtungen wegen ihrer Zukunft und Entwicklung. Uneingeschränkte Freizügigkeit gewann oft das Aussehen von Zügellosigkeit. Was sie unternahmen, ob sie sich nun in einem Raufhandel hervortaten, ein Vergnügen, das selbst von Klara nicht verschmäht wurde, oder ob der eine oder andere plötzlich tagelang aus dem Gesichtskreis des Lehrers und Hofmeisters verschwand, um dann, als wenn nichts geschehen wäre, in später Abendstunde, von heimlichen Abenteuern voll, schmutzig und zerrissen wieder aufzutauchen, alles wurde von der Mutter gebilligt und am Ende noch gepriesen. Sie sagte, sie wolle ihre Kinder zu geistig unabhängigen Menschen erziehen. Fleming begehrte zu wissen, was sie darunter verstehe, und als er ihre schwärmerische Erklärung trocken abwies, mischte sich Doktor Faber ein und meinte gutmütig-spottend, sie habe den Kindern schon in der Wiege den Hass gegen Vorurteile gepredigt, bei den Urteilen halte sie noch nicht. Sie drohte ihm mit dem Finger, doch er blickte von seiner hageren Höhe in freundlicher Toleranz auf die dicke feurige kleine Frau herab.

Eines Abends entspann sich eine heftige Meinungsverschiedenheit zwischen den Ehegatten. Karl, der vor der Vollendung des siebzehnten Jahres stand und ein bestimmtes Lebensziel beharrlich verfolgte, hatte dem Vater eröffnet, dass er Bakteriologie studieren wolle. Doktor Faber gab seine Abneigung dagegen mit auffallender Schärfe kund. Nicht bloß dass er eine akademische Laufbahn für einen der Söhne nicht für wünschenswert hielt, da er ihm keine ökonomische Sicherheit und Deckung bieten konnte, schien er auch außerdem Gründe zum Widerstand zu haben, die er verschwieg, die aber, wie Fleming vermutete, tief in seiner Natur wurzelten. In einem dunklen Teil seiner Seele hegte er einen geheimnisvollen Hass gegen die Wissenschaft. Desto ungestümer ergriff Anna für ihren Ältesten Partei. Sie erging sich in blühenden Wendungen und äußerte, einen jungen Mann von der Richtung abzulenken, die ihm sein Genius gewiesen, sei ein Verbrechen, dessen sie sich nicht schuldig machen und von dem sie die Luft ihres Hauses rein halten möchte. Hierauf schwieg Doktor Faber. Eine viel spätere Eintragung Flemings bemerkte an dieser Stelle des Berichts: «Hätte er doch lieber geredet und sich gegen das Unheil zur Wehr gesetzt, das er vielleicht ahnte!»

Obschon man hier Zustände wie Personen durch die Augen eines in ziemlich engen Anschauungen befangenen Mittlers erblickt, bleibt doch die Tatsache des verhängnisvollen Einflusses bestehen, den Anna Faber trotz leidenschaftlichen Wohlmeinens und unbegrenzter Liebe auf ihre Kinder übte, und auf eines unter ihnen, den schwachen und romantisch-verträumten Roderich, der ein Jahr jünger war als Karl, in schmerzlich spürbarer Art. Dies war auch die Ursache von häufigen und ernsten Auseinandersetzungen zwischen ihr und Fleming, die allmählich das Gepräge sachlicher Gegnerschaft verloren und am Beginn des fünften Jahres seiner Zugehörigkeit zum Hause, als das Zusammentreffen zweier verschiedener Ereignisse ihn plötzlich unversöhnlich stimmte, zum Bruch führte.

Es war damals ein hübsches Dienstmädchen bei Fabers in Stellung, ein lustiges, frisches Kind von kaum siebzehn Jahren. Nach einiger Zeit büßte das Mädchen seine muntere Laune ein, und als Anna Faber sie eines Tages freundlich ausholte, ob sie Kummer habe, gestand sie ihr unter einem Strom von Tränen, dass sie sich guter Hoffnung fühle. Ihre Verzweiflung war umso größer, als sie den Zorn ihrer Eltern fürchtete, einfacher und streng denkender Handwerksleute in der Vorstadt. Im weiteren Verlauf der Beichte ergab sich, dass Roderich es war, der sie verführt hatte, und dieser, von der Mutter zur Rede gestellt, leugnete keineswegs und behandelte die ganze Angelegenheit, gemäß den Grundsätzen, in denen er erzogen war, als eine wenn auch unbequeme, so doch natürliche Episode. So wurde sie auch von Anna Faber aufgefasst, die sich der geängstigten und vor Scham fast vergehenden jungen Magd aufs Sorglichste annahm, sie heiter tröstete, von jeder schweren Arbeit befreite, sie überdies in den Familienkreis zog und ohne Standeshochmut und heimliche Vorbehalte mit ihr wie mit der eigenen Tochter verfuhr.

Ungefähr um die gleiche Zeit starb ein Freund Doktor Fabers, ein Bildhauer namens Wiedmann, und hinterließ seine einzige Tochter Martina, die mit Klara im selben Alter stand, verwaist und völlig mittellos. Martina hatte keine Anverwandten, kein Heim, kein Asyl, daher besann sich Doktor Faber nicht lang und brachte sie zu seinen Kindern, mit denen zusammen sie von da an aufwachsen sollte.

So war die Familie um zwei Mitglieder vermehrt, und die Geliebte des Sohnes saß mit der Tochter des Hauses und den andern Söhnen und der fremden Martina bei Tisch. Das verdross den bürgerlich denkenden Fleming. Er hätte es aber wie vieles sonst hingenommen, wäre ihm nicht ein anderer Umstand geradezu anstößig gewesen. Die Schwangerschaft der kindlichen Magd wurde mit sonderbarer Nüchternheit und Genauigkeit vor aller Ohren erörtert; diese oder jene auftauchende Schwierigkeit in der künftigen Gestaltung ihrer Existenz war Anlass zu gemeinsamen Beratungen, an denen sowohl Doktor Faber als auch die vierzehnjährige Klara teilnahmen. Man tauschte Meinungen aus über die fernere Beziehung Roderichs zu dem Mädchen, berechnete den Zeitpunkt der Niederkunft, erwog, ob das Kind männlichen oder weiblichen Geschlechts sein würde und schlug Namen vor, die es im einen oder andern Fall tragen sollte. Abgesehen davon, dass es Fleming eine oft kaum erträgliche Pein bereitete, das glühend verlegene Gesicht der jungen Dienerin zu gewahren, bedrückte ihn auch die Gegenwart Martinas in einem Maß, dass er bisweilen Mühe hatte, sie nicht bei der Hand zu fassen und hinauszuführen. Sie saß still da, die Hände im Schoß, das Haupt in schelmischer Weise leicht geneigt, hörte mit großen Augen zu und schwankte zwischen Lächeln und erschrockener Neugier.

Die eigentümliche Lieblichkeit dieses Geschöpfs übte auf Fleming eine in den Aufzeichnungen deutlich erkennbare Wirkung. Nie war ihrer ohne ein bewunderndes Beiwort erwähnt; auch die magische Kette, die schon in jenen frühen Jahren, von andern unbemerkt, nicht einmal von ihnen selbst gewusst, Eugen und sie verband, nahm Fleming hellsichtig wahr. Einmal hieß es von ihr, ein so blumenähnliches und bis in den innersten Kern wahrhaftiges Wesen sei ihm im Leben nie begegnet; und schon aus solcher Gesinnung lässt sich die Entschiedenheit begreifen, mit der er Anna Faber entgegentrat. Eines Tages sagte er ihr offen, er könne eine weitere Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder nicht mehr übernehmen; Karl und Roderich besuchten auf seinen Rat das Gymnasium ohnehin seit einem Jahr; für Eugen sei es ebenfalls an der Zeit, auf die technische Hochschule zu gehen, wie er sich’s wünsche, und die gefährliche Treibhausluft des Privatunterrichts mit der abschleifenden und stählenden Arbeit unter Gleichaltrigen zu vertauschen; was Klara anlange, so bedürfe sie weiblicher Führung, nicht aber der seinen. Somit sei er also überflüssig und könne gehen. Man widersprach mit Eifer; Doktor Faber sagte, man habe sich viel zu sehr an ihn gewöhnt, als dass man daran denken könne, ihn zu missen. Karl und Roderich verlegten sich aufs Bitten, Eugen zürnte, Klara spottete über seine sauertöpfische Gewissenhaftigkeit, jeden Tag unternahm man einen Sturm gegen seinen Entschluss, aber Fleming schüttelte nur den Kopf, und als Anna Faber, ungeduldig geworden, ihn in ihrer zupackenden Manier um die wahre Ursache seiner Fahnenflucht, wie sie es nannte, befragte, hielt er sich für verpflichtet, ihr reinen Wein einzuschenken. Er erklärte ihr, dass er ihre Lebensanschauungen nicht billige, ihre pädagogischen Prinzipien nicht, ihre Haltung als Frau und Mutter nicht. Wenn es etwas gäbe, das er mit seiner Überzeugung nicht vereinbaren könne, sei es die erotische Zuchtlosigkeit und die Abkehr von Bürgersitte und sozialer Tradition, die sie, auf eigene Machtvollkommenheit pochend, beinahe frivol begünstige. Er erkenne darin nur die Wurzel zu unheilbaren Übeln und wolle sich nicht länger zum Mitschuldigen machen.

Anna Faber lachte zuerst aus vollem Hals, dann wurde sie beleidigend; ein Wort gab das andere, und das Ende war, dass Fleming noch am selben Tag das Haus verließ. Die Szene zwischen ihm und Anna war in dem Merkheft mit allen Einzelheiten geschildert, zumal solchen, die ihre Verblendung ins Licht rückten, und nicht vergessen war, dass, als er mit hochrotem Kopf aus dem Zimmer ging, Martina und Eugen Hand in Hand auf ihn zutraten und ihn schweigend anblickten, der Jüngling voll Vorwurf und stolzen Unwillens, das anmutige Mädchen mit dem schalkhaften großäugigen Staunen, das ihn immer zwang, die Augen vor ihr niederzuschlagen. Wieder betonte er, dass es ihn gerade in diesem erregten Moment wie eine freudige Erkenntnis traf, dass die beiden Menschen eine von der Vorsehung selbst geschaffene und gewollte Verbindung darstellten. Das wurde ihm förmlich zum Bild und zu einer Art von Glaubenssatz, der sich bei seinen späteren seltenen Besuchen im Hause und so oft Eugen und Martina zu ihm kamen, um eine Stunde harmlos zu verplaudern, nur noch befestigte.

Einige Monate nach dem Zerwürfnis folgte er einem Ruf nach Rom und arbeitete dort anderthalb Jahre lang an der Vatikanischen Bibliothek. Während dieser Zeit war die Beziehung zu den früheren Freunden gänzlich unterbrochen, auch die Aufzeichnungen hörten auf. Als er um die Mitte des Jahres 1909 zurückkehrte, wurde er zur Mitwirkung an einem lexikografischen Unternehmen aufgefordert, und um die vertraglich bedingte Frist einhalten zu können, lebte er wochenlang wie ein Zellenhäftling. Eines Tages kam ein Kollege vom Seminar zu ihm und erzählte ganz beiläufig und unter andern Neuigkeiten, der junge Karl Faber habe sich bei einem kühnen Reinzuchtsversuch mit Bakterien durch Selbstinjektion eine Blutvergiftung zugezogen, der er im Verlauf von zwölf Stunden erlegen sei. Gestern habe man ihn begraben.

Fleming erschrickt bis ins Mark. Er lässt alles stehen und liegen und eilt zu Fabers, nur daran denkend, wie er seine scheinbare Teilnahmslosigkeit entschuldigen könne. Er trifft eine Menge Leute dort, die von weitabliegenden Dingen schwatzen. Der Doktor begrüßt ihn mit stiller Herzlichkeit, Anna drückt ihm die Hand, erkundigt sich nach seinem Ergehen und setzt ein begonnenes Gespräch fort. Von allem wird geredet, nur nicht von dem Toten. Keine Miene zeigt Trauer oder Schmerz um den Verlust.

Das, er spürt es wieder, ist die unheimliche Kraft, die von Anna Faber ausgeht, ihr unbeugsamer Mut, ihr durch nichts zu erschütternder Glaube ans Leben und an sich selbst. Innerlich mag sie wohl bluten, aber sie verbirgt es hinter einer willensvollen Unbefangenheit und zwingt ihre Gäste, ihre Kinder und ihren Gatten, das Geschehene ungefähr so zu betrachten, wie wenn das Sterben eines teuren Menschen nichts andres wäre als ein kleiner Ausflug ins Gebirge. Es ist geradezu eine Erleichterung für Fleming, als er in einem Nebenraum, durch den er gehen muss, um in Eugens Zimmer zu gelangen, Martina in Tränen findet.

Er erfährt, dass Martina und Eugen verlobt sind. Die junge Magd ist nicht mehr im Hause, aber ihr Kind, der zweijährige Valentin, lebt in der Familie und wird von Anna Faber aufgezogen. Er fragt nach Roderich. Eugen zuckt die Achseln. Der Bruder ist seit Monaten von den Seinen fort und wie verschollen. Eine sehr schöne Frau, stadtbekannte Abenteurerin, hat ihn in ihre Netze verstrickt, und indes er sich noch von ihr geliebt wähnte, ist sie eines Tages mit einem halb verkommenen Sänger ins Ausland gereist, nicht ohne ihn vorher in einem verlogenen Brief zu versichern, dass er ihre einzige Leidenschaft sei. Er setzt Himmel und Erde in Bewegung, um ihren Aufenthalt zu erkunden, die Spuren weisen nach Paris, es gelingt ihm, sich Geld zu verschaffen, die Mutter selbst steckt ihm eine für ihre Verhältnisse bedeutende Summe zu, und er beschließt, die Frau zu suchen und um jeden Preis zurückzugewinnen. Er hat zu verzichten nie gelernt; von Kindesbeinen an ist er in romantischer Selbstverliebtheit gewöhnt, den Hemmnissen des Schicksals das angebliche Recht seiner souveränen Persönlichkeit entgegenzustellen.

Fleming spürte das nahende Unheil. Hier traf alles zusammen, um eine am Abgrund schwebende Existenz durch sich selbst zu stürzen. Um die Wende des Jahres kam die Nachricht, dass sich Roderich in einer kleinen Stadt am Meer, im nördlichen Frankreich, erschossen habe. Anna Faber und Eugen reisten hin und brachten die Leiche. In seiner Tasche hatte man einen nicht abgeschickten Brief an jene Frau gefunden, aus welchem hervorging, dass er inzwischen mit ihr gelebt, dass sie ihm aber dann neuerdings und in entwürdigendster Form den Laufpass gegeben hatte.

Diesmal beugte es den Vater hart, es brach ihn beinahe. Anna blieb aufrecht. Sie hatte den edelsten Stein aus ihrer Krone verloren, wie sie sich ausdrückte. Es gefiel ihr, in Roderich einen Märtyrer der Liebe zu sehen, einen modernen Abelard, und von den beiden Kindern, die sie nun noch hatte, von ihrem Gatten und von Martina forderte sie blinde Anbetung des Idols, so wie sie den Enkel, den Sohn des Dienstmädchens, in Vergötterung des toten Vaters erzog, als ob sich der unsterbliche Ruhmestitel erworben hätte.

Fleming suchte in der Folge nur noch den Umgang mit Eugen und Martina. Das Memorial beschränkte sich auf kurze Mitteilungen über das Glück der beiden und wie sie in einem formlosen sozialen Wesen eine musterhafte Gemeinschaft darstellten, ein Thema, das er mit Vorliebe variierte und für das ihm die höchsten Worte nicht zu hoch waren. Obwohl er zu den jungen Leuten, als sie zwei Jahre später ihren Hausstand gründeten, nicht allzu häufig kam (mehr aus Furcht, lästig zu fallen, als aus sonst einer Ursache), hatte er jedes Mal eine bezeichnende Einzelheit zu notieren, durch die die vollkommene Harmonie dieser Ehe hervorgehoben wurde. Bei aller Anerkennung jedoch für Eugens ruhige und tüchtige Entwicklung erschien ihm Martina in dem Verhältnis als die Seele und schaffende Kraft. Die Eigenschaften, die er ihr zuschrieb, waren zu überirdisch, als dass er sich nicht von Zeit zu Zeit in Stunden kühlerer Überlegung bemüßigt gefunden hätte, sie einzuschränken und den oder jenen Abstrich zu machen. So klagte er bisweilen, dass sie nicht recht zu fassen sei; jedem ernsten Gespräch und jeder ernsten Situation entschlüpfe sie wie die Eidechse der zugreifenden Hand, und so husche und schwebe sie über vieles hinweg, mit einem Scherz, einem Achselzucken, einem spöttischen Lachen, was übersehen und versäumt zu haben sie vielleicht einmal gereuen könnte.

Während Eugens jahrelanger Abwesenheit wachte er über sie wie über ein kostbares Gut. Doch gleichsam nur von fern und ohne dass es ihr auffiel. Zu ihr ins Haus ging er selten, wenigstens in den ersten Jahren. Er hoffte, dass sie ihn rufen würde. Sie rief ihn aber nie. Wenn er sich einstellte, freute sie sich, wenn er fortblieb, merkte sie es kaum. Später besuchte er ziemlich regelmäßig den kleinen Christoph, wählte aber dazu meist die Stunden, in denen er Martina nicht zu Hause wusste. Von alledem enthielt das Merkheft nur spärliche Andeutungen, von Beobachtungen oder Gesprächen keine Silbe.

3

Es war weit über Mitternacht, als Faber erwachte. Er schaute eine Weile blicklos, dann drehte er den Kopf zu Fleming hinüber und fasste ihn scharf ins Auge. Mehrere Sekunden sahen sie einander stumm an, endlich sagte Faber: «Du musst mir von Vaters Tod erzählen. Ich weiß fast nichts. Die kurze Nachricht, Monate nachher, mehr nicht. Er ist sechsundfünfzig Jahre alt geworden. Wenig für einen Mann mit einer solchen Natur. Ich dachte immer, er müsste neunzig werden. Man ist nie darauf gefasst, dass einem der Vater stirbt. Vater ist wie etwas Ewiges.»

«Er hatte bei aller Widerstandskraft einen sehr zarten Organismus», sagte Fleming.

«Er war nie krank, soweit ich mich erinnere», fuhr Faber fort; «merkwürdig, dass so viele Männer mit sechsundfünfzig sterben. Es scheint eine Epoche in der physischen Existenz zu sein. Woran ist er gestorben? Hat er um seinen Tod vorher gewusst? Hat er leiden müssen?»

Fleming antwortete: «Es war eine Herzmuskelentartung mit urämischen Erscheinungen. Ich glaube nicht, dass er sich über seinen Zustand getäuscht hat. Er hatte die Gabe, den eigenen Körper zu sehen, und bis zum letzten Augenblick war er vollkommen gelassen. Am Abend vor seinem Tod saß ich länger als eine Stunde an seinem Bett, und wir unterhielten uns von allem Möglichen. Er sagte, wenn du eines Tages zurückkämst, würdest du Mühe haben, mit den verrosteten Schlüsseln alle die verrosteten Schlösser aufzusperren. Was er damit meinte, war mir nicht ganz klar.»

«So? Hat er das gesagt?», warf Faber ein und erhob lebhaft den Kopf. «Das scheint mir doch ohne Weiteres klar.»

«Ja, ja, vielleicht meinte er unsere Welt im Ganzen», gab Fleming zu; «in der Beziehung war er schrecklich pessimistisch geworden. So sagte er zum Beispiel, sein Leben weise einen einzigen großen Grundirrtum auf: Er habe alle Menschen von vornherein mit einem Pluszeichen versehen statt mit einem Minuszeichen. Es war ja seine Art, sich immer ein wenig, wie soll ich’s nennen, ein wenig umschreibend auszudrücken. Aber das ist ziemlich sicher, dass ihm das Leben keinen Spaß mehr machte und dass er eine sonderbare Empfindlichkeit gegen gewisse Personen hatte. Kurz bevor er krank wurde, war einmal ein junger Advokat bei ihm, ein Doktor Emmerich, ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Er hat früher viel in euerm Haus verkehrt; in den letzten Jahren hatte er seine Hände in allerlei dunklen Angelegenheiten, ist auch sehr schnell reich geworden. Während des Gesprächs mit ihm beobachtete ich, wie dein Vater auffallend blass wurde; plötzlich verließ er das Zimmer. Draußen musste er sich erbrechen, vor Ekel erbrechen. Er gestand mir, das passiere ihm oft seit einiger Zeit, manche Leute und was sie redeten, flößten ihm solch unüberwindlichen Ekel ein. Er ist auch immer ernster geworden. Lächeln sah man ihn eigentlich nur noch, wenn Martina kam. Wenn die ins Zimmer trat, leuchtete sein Gesicht. Manchmal brachte sie den Christoph mit; dann war er ganz aufgebunden und vergaß seine Krankheit.»

«Nun, du hast jedenfalls was zu erzählen», sagte Faber, und seine Mundwinkel zuckten. «Das mit den verrosteten Schlüsseln gibt einem stark zu denken. Und wie geht’s der Mutter? Wie lebt sie? Vaters Hinterlassenschaft kann ja nicht groß gewesen sein. Dass sie zu Klara gezogen ist, hat sie mir geschrieben. Behagt ihr das? Kann sie sich in einem fremden Haushalt zurechtfinden? Klara scheint sich ja rasch zur Ehe entschlossen zu haben; der Wildfang ist also zahm geworden? Und ihr Mann, was für eine Sorte Mensch ist das, dieser Hermann Hergesell?»

«Ich verkehre nicht mit ihm», antwortete Fleming zögernd. «Er ist der einzige Sohn eines unserer reichsten Industriellen, Maschinenfabrik Hergesell, den Namen wirst du wohl kennen. Er hat keinen Brotberuf, betätigt sich aber politisch, im Sinn der Gegenrevolution. Ich weiß nicht, wie sich Klara dazu verhält; dass sie zahm geworden ist, dürfte stimmen. Sie hat zwei Kinder, denen sie sich ausschließlich widmet und die deine Mutter natürlich nach Kräften verhätschelt. Im Übrigen ist Anna Faber nicht mehr, was sie war. Auch sie hat ihren Tribut an die Zeit bezahlt wie wir alle.»

Er machte eine Pause, dann verfinsterte sich sein Gesicht. «Warum willst du das alles von mir wissen?», fuhr er fort. «Du wirst sie ja sehen. Warum fragst du nach deiner Mutter und deiner Schwester? Du wirst sie ja sehen. Nach allen fragst du, nur nach Martina nicht; warum?»

Er erhob sich, nahm die Brille ab, wischte mit der Hand über die Augen und suchte gepresst nach Worten. «Warum bist du bei mir und nicht bei ihr?», fragte er streng. «Was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen zwischen euch? Weißt du denn auch, wie Martina gelebt hat in all den Jahren? Wie tapfer sie sich durchgeschlagen hat samt dem Kind? Es ging knapp und immer knapper, und sie war doch gewöhnt, ein bisschen Schönheit und Luxus um sich zu haben. Weihnachten vor zwei Jahren teilte sie mir in ihrer leichten Art mit, sie habe das Opalgehänge versetzen müssen, das du ihr geschenkt hattest. Sie lachte darüber, aber es war ihr nicht zum Lachen ums Herz. Und dann kam plötzlich dieser Glücksfall mit dem Verkauf der Marmorgruppe. Das wird sie dir ja geschrieben haben. Es war das letzte Werk ihres Vaters, und kein Mensch hatte geglaubt, dass es je einen Anwärter finden würde. Aber wir hatten die große Hausse und den großen Geldüberfluss, die Leute wollten ihren papierenen Reichtum in handgreifliches Gut verwandeln, und so erschien der Kapitalist, eben jener Advokat Emmerich, von dem ich dir erzählt habe, der das Wiedmann’sche Opus für eine erhebliche Summe erstand. Damit war dann Martina geholfen, und ausgiebig geholfen. Das wirst du ja alles wissen.»

«Ja, das weiß ich», sagte Faber.

«Und das andere, das mit der Fürstin, weißt du natürlich auch …»

«Ja, das weiß ich auch», murmelte Faber mit tief gesenktem Kopf.

«Wenn ich richtig schätze, ist es anderthalb Jahre her, dass sie die Fürstin kennt», fuhr Fleming mit etwas beklommener Stimme fort; «sie hat sich allerdings während dieser Zeit verändert, das ist nicht zu leugnen. Die Beziehung nimmt sie vollständig in Anspruch, besser gesagt der Dienst, die übernommene Pflicht. Außerdem die Fürstin selbst. Sie übt natürlich auf Martina einen großen Einfluss aus, einen ungeheuren Einfluss …»

«Ich denke auch», sagte Faber dumpf.

«Trotzdem, wenn man meinen sollte, dass sie dabei ihre Heiterkeit eingebüßt hat, so irrt man sich gewaltig. Und wenn wer kommen sollte und behaupten, dass sie dir nur mit einem Hauch die Treue nicht bewahrt hätte, was sag ich, die Treue! Die innerste lauterste Seele, dem würd ich die Lästerzunge aus dem Maul reißen, das kannst du mir glauben. Du hättest sie nur sehen müssen, wenn ein Brief von dir kam oder überhaupt ein Lebenszeichen. Was ist also mit dir? Was geht vor mit dir, mein lieber alter Eugen?»

Er hatte sich so in Hitze geredet, dass er mit der Hand an den Hals griff, weil ihm der Atem ausblieb. Faber war indessen ebenfalls aufgestanden und schaute mit verzogener Stirn vor sich zu Boden. «Du bist ein treuer Freund, Fleming», murmelte er nach einem schier endlosen Schweigen widerwillig bewegt, «und du hast mit allem recht, was du sagst. Aber antworten kann ich dir nicht. Ja, du hast recht», wiederholte er noch leiser und drückte die Schultern ein wenig zusammen, «aber siehst du, da gibt es Dinge, die sich nicht erklären lassen, auch wenn man noch so gern sprechen möchte.»

«Der Teufel hol diese Dinge!», schrie Fleming und lief mit zappelnden Armbewegungen auf und ab. «Entweder bist du total verrückt oder du bist derselbe Mensch nicht mehr, und sie haben irgendwas Entsetzliches mit dir angestellt, die Schurken.»

Faber ließ ihn noch eine Weile toben, dann tippte er ihn am Ärmel; als Fleming stille hielt, legte er ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihn mit seinen schönen großen Tieraugen ruhig an. «Kannst du dir einen Begriff davon machen, wie lang ein Jahr dauert, wenn man einsam ist?», fragte er mit umwölktem Lächeln. «Stell dir’s vor: ein einziges Jahr. Und dann verfünffache das Furchtbare. Jeder Traum, den man träumt, ist ein Wahrgesicht, und die Worte, die einem von außerhalb zukommen, haben eine Bedeutung, eine unheimliche Doppeltheit und Durchsichtigkeit, vor denen keine Illusion mehr standhält.» Er verstummte einen Moment, dann fuhr er mit veränderter Stimme fort: «Schweig, Fleming. Schlag keinen Lärm und zerbrich dir nicht den Kopf. Ich gehe jetzt wieder in meine Gasthofstube und schlaf erst mal ordentlich aus.»

4

Am andern Vormittag ging Faber in das Haus der Baugesellschaft, wo er früher seine Büroräume gehabt hatte. Er sprach mit einem der Direktoren und vergewisserte sich, dass er keine Hoffnung hegen durfte, bei der Firma angestellt zu werden. Die Leute arbeiteten zwar mit ausländischem Kapital, aber mit einer geringen Zahl von besoldeten Architekten, die auch nur wenig verdienten. An eine selbstständige Unternehmung war bei der allgemeinen Kalamität nicht zu denken.

Dann suchte er einen ihm befreundet gewesenen Architekten auf, der ihn zu seiner Rückkehr herzlich beglückwünschte und dessen Mitteilungen nicht aussichtsvoller waren, der ihm aber einige nützliche Winke in Bezug auf Personen von Einfluss gab, an die er sich wenden solle.

Dann trieb er sich bis zum späten Nachmittag in den Straßen herum, und nachdem er gleichsam immer engere Kreise gezogen, stand er vor dem Haus, worin seine, worin Martinas Wohnung war. Gegenüber befand sich eine Baumallee, er setzte sich auf eine Bank und schaute zu den Fenstern im obersten Stockwerk empor. Es war ein stattliches Gebäude aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, ohne aufgeregte Verzierungen; die glatten Mauern waren grau gestrichen und Giebelansatz und Fensterteilungen wirkten wohltuend richtig.

Es war droben nichts zu sehen außer reinlichen Vorhängen und dem Spiegelglanz des abendlichen Himmels in den Glasscheiben. Die Dämmerung fiel, sein Blick wanderte unzählige Male empor und wieder gegen die Straße herab; da sah er einen Knaben, der an der Hand einer jungen Person über den Fahrweg auf das Haustor zuschritt und lebhaft mit seiner Führerin plauderte. Faber hielt sich mit verkrampften Fingern an der Bank fest, dann sprang er auf und hinüber. Die beiden waren im Haus verschwunden, mit blasser Miene blieb er am Tor stehen. Erst nach geraumer Zeit wagte er es, ihnen zu folgen und vernahm noch die helle Stimme des Kindes von hoch oben. Abermals wartete er, darauf schlich er Stufe um Stufe die vier Treppen hinan, und vor der Wohnung verharrte er lautlos wie ein Dieb und stützte sich lauschend auf das Geländer. Allmählich milderte sich die Erregung in seinen Zügen; das Zuschlagen einer Tür, ein befehlender Ruf erschreckten ihn, und er trat den Rückweg an.

Indessen war Fleming schon am Morgen in die Wohnung Klaras geeilt und hatte dieser und Anna Faber Bericht erstattet. Die zwei Frauen sahen ihn an, als zweifelten sie an seinem Verstand, und Anna Faber ließ sich jedes Wort wiederholen, das Eugen gesprochen. Es waren nicht so viele, dass sich Fleming nicht an jedes hätte erinnern können. Er werde sicher im Lauf des Vormittags kommen, meinte er und fügte hinzu, dass ihm der Mut gefehlt habe, zu Martina zu gehen. Anna Faber wollte, dass man Martina telefonisch benachrichtigen solle; Klara hielt sie mit Mühe davon ab und sagte, entweder sei er bereits bei Martina, dann sei dieses Beginnen töricht und überflüssig, oder er habe sich dazu nicht entschlossen, dann sei es zwecklos und verfrüht, sie zu beunruhigen.

Fleming blieb bis zum Mittag bei den Frauen, und jedes Mal, wenn die Flurglocke läutete, sprang Klara auf und stürzte hinaus. Anna Faber konnte sich ins Warten nicht ergeben; sie schlug vor, man solle durch die Polizei in Erfahrung bringen, in welchem Gasthof er wohne; kaum war ihr dies ausgeredet, so wollte sie selbst ausgehen, um in den Hotels am Bahnhof nach ihm zu suchen, und auf Flemings Bemerkung, dass sie ihn schwerlich antreffen werde, auch wenn ihre Nachforschungen Erfolg hätten, schluchzte sie und erging sich in wilden Anklagen der Weltzustände. Klara bedauerte, dass ihr Mann verreist sei; er sei gestern zu einem Freund in die Provinz gefahren, sagte sie. Fleming teilte ihr Bedauern nicht, denn Hergesell war ihm beinahe fremd, und er hielt ihn zur Hilfe schon deswegen für kaum geeignet, weil er auch Eugen fremd war.

Den ganzen Nachmittag über saß Anna Faber mit aufgestützten Armen am Tisch. «Ist es möglich, kann er ein so schlechtes Gewissen haben, dass er Angst hat, ihr vor die Augen zu treten, ihr und mir?», wandte sie sich nach stundenlangem finstern Schweigen an Klara.

Klara, die mit Männerschritten auf und ab ging, machte ein Gesicht, wie wenn man sie mit kaltem Wasser angespritzt hätte. «Meinst du vielleicht, er hat sich eine chinesische Frau gekauft?», fragte sie schnöde lachend. «Wir wollen keine Romane ausdenken, Mutter, die Wirklichkeit lässt sich das nicht gefallen.»

Es war gegen neun Uhr abends, da kam er endlich. Anna Faber flog ihm mit einem Aufschrei an den Hals. Er musste sich erst mit sanfter Gewalt von ihr lösen, verbarg aber seine Ergriffenheit nicht. Klara sagte mit ihrer humoristischen Bassstimme, sie finde, dass er sich sein Erscheinen in jeder Beziehung lang überlegt habe. Danach küsste sie ihn wie ein guter alter Kamerad und betrachtete ihn aufmerksam von oben bis unten.

Als Anna Faber sich so weit beruhigt hatte, um Fragen an ihn zu richten, und er erklärt hatte, dass er schon zu Abend gegessen, wusste er, dass das gefürchtete Verhör nicht ausbleiben konnte. Er begnügte sich damit, die Achseln zu zucken, und Miene und Blick verrieten so viel Unruhe und verstörte Gedanken, dass Anna von ihren Versuchen einstweilen abstand. Er berichtete dies und das von der Überfahrt auf dem amerikanischen Schiff, auch von seinen Erlebnissen in den vorhergegangenen Monaten, doch waren es meist nur halbe Sätze, die er vorbrachte und die immer so klangen, als bereue er, sie angefangen zu haben. Er sagte, er habe das Reden verlernt. Die Mutter streichelte seine Hand; er entzog sie ihr langsam; sichtlich war ihm ihr dringlich forschender Blick unbequem. Nicht minder schien ihn die Schweigsamkeit der Schwester zu beirren; das hin und her flackernde Auge deutete daraufhin.