Melusine - Jakob Wassermann - E-Book

Melusine E-Book

Jakob Wassermann

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Beschreibung

In seinem ersten Buch "Melusine" von 1896 erzählt der noch unbekannte Autor Jakob Wassermann von einer jungen, unreifen Liebe, die vom ersten Moment an zum Scheitern verurteilt scheint. Der junge Student Vidl Falk freundet sich mit der jungen Melusine an. Melusine, genannt Mely, hat sich mit ihrem Vormund Oberst Wolfgang Thewalt überworfen und droht nun mittellos zu werden. Will Vidl der jungen Frau anfangs noch beistehen, lassen Melys Verhalten und ihre Antworten viele Fragen über ihr wahres Verhältnis zum Oberst offen; ihre wirklichen Motive bleiben rätselhaft. Ist es Liebe oder Abhängigkeit, die sie zwischen dem jungen Studenten und ihrem Vormund hin- und hertaumeln lassen. Wie auch Vidl bleibt der Leser im Unklaren, der Autor lässt in den wichtigsten Momenten den literarischen Vorhang fallen und überlässt das Ungeschriebene der Fantasie. Null Papier Verlag

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Jakob Wassermann

Melusine

Jakob Wassermann

Melusine

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 1. Auflage, ISBN 978-3-954188-32-1

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Inhaltsverzeichnis

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

Schluß.

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I.

We­ni­ge Men­schen ver­ste­hen es, ihre Wün­sche im Be­reich des Mög­li­chen zu las­sen. –

Nach mo­na­te­lan­gem Hun­gern war es Vidl Falk end­lich ge­lun­gen, ein Sti­pen­di­um von der Hoch­schu­le zu er­hal­ten. Mehr hat­te er nicht ge­wünscht. Er be­trach­te­te sich als ge­mach­ten Mann und streb­te, sich das Le­ben et­was ge­mäch­li­cher ein­zu­rich­ten. Mit der gan­zen Be­sit­zes­freu­de ei­nes Ka­pi­ta­lis­ten trug er sein Ver­mö­gen spa­zie­ren. Je­doch ver­mied er das Ge­drän­ge der Ver­kehrs­s­tra­ßen, denn er fürch­te­te sich vor Ta­schen­die­ben. Wenn er beim Mit­ta­ges­sen die Zei­tung zur Hand nahm, so stu­dier­te er zu­erst un­ter der Ru­brik »Lo­kal­nach­rich­ten« die Auf­zäh­lung der Dieb­stäh­le und der ver­lo­re­nen Geld­bör­sen.

Der plötz­lich ein­ge­tre­te­ne Reich­tum be­rausch­te ihn. Die schma­le, arm­se­li­ge Zel­le, in der er bis jetzt ge­haust, ekel­te ihn auf ein­mal an. Er kün­dig­te und ging aus, ein Zim­mer zu su­chen, das mit sei­nen Träu­men mög­lichst über­ein­stim­men soll­te. Der er­fin­de­ri­sche Sinn Münch­ner Ver­mie­te­rin­nen, der schon den Aus­hän­ge­zet­tel mit je­nen fei­nen Nuan­cen ver­sieht, wel­che auf den Preis schlie­ßen las­sen, er­leich­ter­te ihm das Su­chen.

Ei­nes Nach­mit­tags er­klet­ter­te er die zwei stei­len Trep­pen ei­nes ziem­lich vor­neh­men Hau­ses in der Heß­stra­ße. »Pen­si­on Ben­der« stand an der Kor­ri­dor­tü­re.

Ein klei­nes, zier­li­ches Fräu­lein führ­te ihn in das aus­ge­schrie­be­ne Zim­mer. Leut­se­lig und mit welt­män­ni­schem Be­ha­gen be­trach­te­te Falk die vier Wän­de des Zim­mer­chens und be­klag­te, daß kei­ne Ot­to­ma­ne oder »so was Ähn­li­ches« vor­han­den sei. Der­sel­be her­ab­las­sen­de jun­ge Mann hat­te sich vor noch nicht vier Ta­gen mit ei­nem Mit­ta­ges­sen be­gnügt, das aus ei­nem für zehn Pfen­ni­ge Äp­fel be­rei­te­ten Mus und mit ei­nem Abendes­sen, wel­ches aus pu­rem Schwarz­brot be­stand.

Mit iro­ni­schem Lä­cheln be­ob­ach­te­te ihn das jun­ge Mäd­chen. Es schi­en sei­ne Spott­lust mit Mühe zu zü­geln.

»Wa­rum la­chen Sie denn?«, frag­te Falk, in­dem er ein mög­lichst gut­mü­ti­ges Ge­sicht mach­te, füg­te aber so­gleich has­tig hin­zu, daß er das Zim­mer mie­ten wür­de. »Wer wohnt denn sonst noch bei Ih­nen?«, frag­te er, mit der Nase in der Luft schnup­pernd, denn es roch nach Weih­rauch.

Das Mäd­chen ließ ein hel­les, höl­zer­nes La­chen hö­ren und er­wi­der­te: »Ne­ben­an wohnt Dok­tor Bro­sam – er ist Arzt und er mag den Weih­rauch sehr gern –«

»Pfui!«

»Dann ein Fräu­lein von Erd­mann, eine Ge­lehr­te, und Fräu­lein Mir­beth. Das ist al­les.«

»Eine Ge­lehr­te –? Jung?«

Jetzt lach­ten sie Bei­de. –

Ge­gen Abend des nächs­ten Ta­ges – es war der 1. No­vem­ber – be­zog Falk sei­ne neue Woh­nung. Als er mit Auspa­cken und Ord­nen sei­ner Hab­se­lig­kei­ten fer­tig war, ging er in die Kü­che, um die Magd nach et­was zu fra­gen. Die Kü­chen­tü­re stand halb­of­fen und er woll­te sie schon auf­sto­ßen, als ihn der An­blick ei­ner weib­li­chen Ge­stalt, wel­che drin­nen ganz nahe an der Tür stand, dar­an hin­der­te. Die­se Ge­stalt war groß und schlank, fast ha­ger. Das ihm zu­ge­wand­te Pro­fil zeig­te her­be und un­schö­ne Li­ni­en, ja, es er­schi­en ihm fast ab­sto­ßend. So­viel er im Dun­keln ur­tei­len konn­te, war sie noch sehr jung; er hör­te eine schlep­pen­de und et­was ge­wöhn­li­che Stim­me, die mit dem Ton­fall ei­ner Er­mü­de­ten der Magd Er­klä­run­gen ir­gend wel­cher Art gab.

Vidl Falk wand­te sich rasch ab, um nicht ge­se­hen zu wer­den; aber in die­sem Au­gen­blick kam das Fräu­lein Ben­der aus dem Wohn­zim­mer und frag­te nach sei­nem Be­gehr. Wäh­rend er noch mit ihr sprach, ver­ließ das schlan­ke, jun­ge Mäd­chen die Kü­che und ging an ih­nen vor­bei. Falk sah ihr nicht ins Ge­sicht, ob­wohl er ihre Züge jetzt ge­nau hät­te se­hen kön­nen, da die Magd mit der Kor­ri­dor­lam­pe folg­te. Nur flüch­tig mus­ter­te er ih­ren Schlaf­rock von düs­ter­ro­ter Fär­bung mit den Auf­schlä­gen an der Brust und dem Bro­ka­tauf­putz. Doch ob­wohl er der Vor­bei­ge­hen­den durch­aus kei­ne Be­ach­tung schenk­te, hör­te er doch auch nicht dar­auf, was das klei­ne, spöt­ti­sche Fräu­lein Ben­der sag­te. Eine Un­ru­he, die frei­lich nur ei­ni­ge Se­kun­den dau­er­te, hat­te ihn dar­an ver­hin­dert.

»Wer war denn das?«, frag­te er nach­her ganz gleich­gül­tig die Klei­ne.

Das Mäd­chen streif­te ihn mit ei­nem kur­z­en Sei­ten­blick und sag­te mit ko­mi­scher, fast ko­mö­di­an­ti­scher Wich­tig­keit: »Das war Fräu­lein Mir­beth.«

Falk glaub­te et­was Ge­häs­si­ges aus dem Ton die­ser Ant­wort zu hö­ren, nicht ge­gen ihn, son­dern ge­gen jene Dame. Nach Mo­na­ten noch er­in­ner­te er sich der iro­ni­schen Be­to­nung des Na­mens und des über­le­gen ge­spitz­ten Mun­des mit der her­vor­tre­ten­den Un­ter­lip­pe.

Noch in der­sel­ben Nacht schrieb Vidl Falk die fol­gen­den, et­was ju­gend­lich klin­gen­den Sät­ze in sein Ta­ge­buch: »Ich bin ru­hig und glück­lich jetzt, – be­glückt von der Ein­sam­keit und al­ler­lei un­nüt­zen Ge­dan­ken. Und doch füh­le ich et­was Lee­res in mir, eine Lücke, ein Loch. Soll­te dies das Weib sein? Ich glau­be kaum. Man kann sich doch nicht nach dem Gift­be­cher seh­nen.«

Auf der ers­ten Sei­te die­ses Ta­ge­buchs be­fan­den sich in la­pi­da­ren Let­tern die prunk­vol­len Wor­te: Die rei­ne Wahr­heit.

II.

Fräu­lein Emi­lie von Erd­mann er­wach­te seuf­zend aus dem Mor­gen­schlum­mer. Das Auf- und Zu­klap­pen der Tü­ren hat­te ih­ren Schlaf ver­scheucht. Die di­cke, ält­li­che Dame stöhn­te sehr laut und hielt sich mit bei­den Hän­den den Kopf. Als der Lärm kein Ende nahm, mur­mel­te sie Flü­che und Schimpf­wor­te, ball­te bei­de Fäus­te ge­gen die un­sicht­ba­ren Fein­de drau­ßen und rief end­lich ver­zwei­felt aus: »Mein Le­ben ist ver­pfuscht!« Dann sank sie thea­tra­lisch in die Kis­sen zu­rück und hol­te ein Brust­bon­bon aus dem Schub­fach ei­nes klei­nen Ti­sches ne­ben dem Bett.

Sie emp­fand je­nes hef­ti­ge Un­be­ha­gen, das Je­den heim­sucht, der aus dem Schlaf zu den Sor­gen des Le­bens zu­rück­kehrt. Auch die Über­le­gung, wie­der um einen Tag äl­ter ge­wor­den zu sein, ver­stimm­te sie. Der Ver­fall ih­res Kör­pers war das Schau­spiel, wor­über sie täg­lich von neu­em grol­len muß­te. Und sie woll­te noch jung sein und zur Ju­gend ge­zählt wer­den. Aber mit fünf­zig Jah­ren ist man alt, der kunst­reichs­ten Mo­dis­tin zum Trotz.

Das Dienst­mäd­chen brach­te den Mor­gen­kaf­fee und Fräu­lein von Erd­mann be­schwer­te sich leb­haft über die Un­ru­he. »Liebs­te Anna«, sag­te sie mit vi­brie­ren­der Stim­me, »ich bin so elend, so krank. Se­hen Sie her«, (sie streck­te ihre Gicht­fin­ger aus den Kis­sen) »wis­sen Sie was das ist? Das ist der Hohn des Le­bens! Ge­ben Sie mir die Hand, Anna! Ich weiß, daß Sie es gut mit mir mei­nen. Ich war nicht im­mer so. Ich habe Tage des Glan­zes ge­sehn.«

Das Mäd­chen lä­chel­te kalt. Mit ke­cker Ver­trau­lich­keit be­trach­te­te es nach Dienst­bo­ten­art die gel­be, schwam­mi­ge Hand. Wie­der al­lein, nahm die Kran­ke ei­lig den klei­nen Spie­gel von der Wand und blick­te starr hin­ein. Sie zuck­te mit kei­ner Wim­per, ihr Ge­sicht nahm einen kö­nig­lich stren­gen und dann einen fins­tern, zür­nen­den Aus­druck an, und ihre ab­norm lan­gen, flei­schi­gen Ohr­lap­pen rö­te­ten sich.

Von neu­em wur­den drau­ßen die Tü­ren zu­ge­schla­gen, pol­tern­de Schrit­te er­tön­ten auf dem Kor­ri­dor, und der neue Herr rief nach Was­ser. Mit ei­nem Wut­schrei sprang das Fräu­lein aus dem Bet­te. Sie such­te nach ih­ren St­rümp­fen, und kram­te zu die­sem Zweck un­ter den am Bo­den lie­gen­den Wä­sche­stücken, Zi­gar­ren­schach­teln, Bü­chern, Zei­tun­gen, Brie­fen und Un­ter­rö­cken; so­gar auf dem Tisch such­te sie zwi­schen den Kaf­fee­tas­sen, Fla­schen und Spei­se­res­ten. Aber das Er­folg­lo­se ih­rer Be­mü­hun­gen er­ken­nend, be­gnüg­te sie sich da­mit, einen lan­gen, fal­ten­lo­sen Man­tel um die Schul­tern zu hän­gen, der das schmut­zi­ge Nacht­hemd nur schlecht ver­hüll­te, und bar­fuß in ein paar zer­ris­se­ne Pan­tof­feln von ehr­wür­di­gem Al­ter zu schlüp­fen. Sie woll­te schon hin­aus­ge­hen, aber zwei Grün­de hiel­ten sie von ih­rem Be­schwer­de­gang ab. Ers­tens, dach­te sie, wird mein Kaf­fee kalt und zwei­tens wäre die­se klei­ne Frau Ben­der fä­hig, mich we­gen der lum­pi­gen paar hun­dert Mark, die ich schul­dig bin, zu en­nu­yie­ren. Dies »en­nu­yie­ren« ge­fiel ihr; es ver­hüll­te das am Bes­ten, was zu den­ken sie sich schäm­te.

Nach dem reich­li­chen Früh­stück hat­te sie ihre Mor­gen­zigar­re an­ge­zün­det und sich in schö­ner Pose auf die Ot­to­ma­ne ge­legt. Da knarr­te die Tür in den An­geln und un­wil­lig wand­te die Lie­gen­de das Haupt. Sie sah Fräu­lein Mir­beth im Zim­mer ste­hen, dicht ne­ben der Tür, die das jun­ge Mäd­chen lang­sam ge­schlos­sen hat­te. Emi­lie von Erd­mann sprang auf. »Was – Sie, Fräu­lein!«, rief sie er­staunt.

Fräu­lein Mir­beth ant­wor­te­te nicht. Sie schau­te ge­ra­de vor sich hin, aber nicht auf einen be­stimm­ten Punkt, son­dern sie blick­te weit in die Fer­ne und sie schi­en et­was wahr­zu­neh­men, das mehr und mehr ihre Angst er­reg­te. Ihre Arme hin­gen schlaff an dem grau­en, wol­le­nen, schwarz­ge­mus­ter­ten Mor­gen­rock her­ab und ihre klei­nen, fei­nen, schma­len und ma­ge­ren Hän­de leuch­te­ten förm­lich durch das Zim­mer.

»Aber lie­bes Kind, was ha­ben Sie denn?«, rief Fräu­lein von Erd­mann er­schro­cken und hasch­te zärt­lich nach der Hand die­ses »Kin­des«, das einen Kopf grö­ßer war als sie.

Das jun­ge Mäd­chen mach­te noch im­mer kei­ne Be­we­gung. Wohl aber be­gan­nen die Na­sen­flü­gel zu be­ben und die schwar­zen Au­gen, die aus dem blas­sen Ge­sicht her­vor­leuch­te­ten wie zwei über­aus glän­zen­de Per­len, füll­ten sich mit Trä­nen. Be­stän­dig, ohne auf­zu­hö­ren, nag­te sie an der Un­ter­lip­pe und dann ging ein Zu­cken durch ih­ren Kör­per. Sie zit­ter­te. Plötz­lich mach­te sie zwei oder drei Schrit­te vor­wärts, – schnell als fürch­te sie zu fal­len, warf sich auf die Ot­to­ma­ne, leg­te den Kopf auf die ver­schränk­ten Arme und be­gann zu wei­nen, – lei­se und un­auf­halt­sam.

Fräu­lein von Erd­mann war rat­los. Mecha­nisch strich sie über das wir­re, dunkle, glanz­lo­se Haar der Wei­nen­den, das bei je­der Berüh­rung knis­ter­te wie Sei­de.

Die di­cke Dame such­te zu trös­ten. »Wer hat Ih­nen denn ein Leids ge­tan, Sie Arme? Ist es Ihr – Ihr Vor­mund, ist es die­ser schreck­li­che Oberst? Sa­gen Sie mir al­les. Un­be­sorgt dür­fen Sie sich mir an­ver­trau­en. Ich bin ver­schwie­gen wie das Grab. Ver­trau­en Sie mir, lie­bes Kind. Ist er denn in Sie ver­liebt, die­ser Oberst? Und hat er Sie be­lei­digt? Ver­trau­en Sie mir!«

Und sie dräng­te in das jun­ge Mäd­chen mit dem gan­zen Un­ge­stüm ei­ner Frau, die um je­den Preis ein Ge­heim­nis zu er­pres­sen sucht.

Fräu­lein Mir­beth rich­te­te sich auf. Sie drück­te einen Au­gen­blick die Li­der zu, wie um da­durch wi­der­wär­ti­ge Bil­der hin­weg­zu­scheu­chen und sag­te schroff. »Las­sen Sie mich!« Ihr Ge­sicht war voll Scham, und sie wuß­te nicht, wo­hin sie den Blick wen­den soll­te. Mit auf­ge­ho­be­nen Hän­den stand Fräu­lein von Erd­mann vor ihr und sag­te mehr als zehn­mal: »Ver­trau­en Sie mir!«

Das jun­ge Mäd­chen schüt­tel­te den Kopf und ent­geg­ne­te lang­sam: »Ver­zei­hen Sie, gnä­di­ges Fräu­lein. Ich war wohl recht dumm. Aber ich kann jetzt nicht re­den. Ver­zei­hen Sie mir.« Sie nick­te zer­streut und ging has­tig hin­aus.

Wü­tend, mit ver­ächt­lich zu­sam­men­ge­preß­ten Lip­pen sah ihr die di­cke Gnä­di­ge nach.

III.

Fräu­lein Mir­beth kehr­te in ihr Zim­mer zu­rück. Lan­ge Zeit ging sie auf und nie­der, mit großen Schrit­ten und schein­bar völ­lig los­ge­löst von al­lem, was sie um­gab. Sie war phleg­ma­tisch in ih­ren Be­we­gun­gen und ihr Ge­sicht ver­riet kei­ne in­ne­re Re­gung mehr. Aber et­was Freud­lo­ses und Hoff­nungs­lo­ses lag auf ihr wie No­vem­ber­reif. Beim ers­ten An­blick er­schi­en sie schlaff, müde und gleich­gül­tig.

Sie setz­te sich an den Schreib­tisch, nahm Fe­der und Pa­pier zur Hand und schick­te sich an, zu schrei­ben. Doch blieb es nur beim An­set­zen der Fe­der, de­ren Spit­ze sie stets ängst­lich be­trach­te­te. Of­fen­bar wuß­te sie ge­nau, was sie schrei­ben woll­te: Satz für Satz; aber die­se Sät­ze aufs Pa­pier zu brin­gen, war ihr un­mög­lich. Un­mu­tig warf sie die Fe­der fort und stütz­te den Kopf in die Hand. Jetzt muß­te sie auf­quel­len­de Trä­nen ver­schlu­cken und plötz­lich er­rö­te­te sie vor Scham oder vor Haß. Sie zog ein klei­nes, mit flot­ter Hand be­schrie­be­nes Stück Pa­pier aus der Ta­sche, ent­knit­ter­te es und sah län­ger als eine Vier­tel­stun­de dar­auf nie­der.

Da klopf­te es und das klei­ne Fräu­lein Ben­der trat her­ein. Mit ih­ren schwe­ben­den, et­was ge­sucht gra­zi­ösen Schrit­ten ging sie auf die re­gungs­los Da­sit­zen­de zu, faß­te sie bei der Hand und sag­te: »Was ist Ih­nen denn, Mely? Sie sind so ver­stört, schon seit ges­tern. So­gar Mama hat es be­merkt und hat ge­sagt, ich sol­le doch mal her­ein.«

Mely Mir­beth schüt­tel­te lang­sam den Kopf, wie je­mand, der fest ent­schlos­sen ist, sei­nen Kum­mer al­lein zu tra­gen. Aber im Nu war die­ser Ent­schluß bei ihr ver­ges­sen und die vo­ri­ge Schwä­che er­griff sie wie­der. Has­tig und su­chend er­faß­te sie die Hand des jün­ge­ren Mäd­chens. In die­ser un­will­kür­li­chen Be­we­gung lag ein Schwä­che­ge­ständ­nis und ein An­schmie­gungs­be­dürf­nis und dies wur­de von dem jun­gen Mäd­chen wohl ver­stan­den. Es nä­her­te sei­ne Lip­pen den Wan­gen Me­lys und frag­te lei­se: »Sie wa­ren bei Fräu­lein von Erd­mann?«

Mely lä­chel­te schuld­be­wußt.

»Das soll­ten Sie wirk­lich nicht tun«, fuhr die Klei­ne fort. »Wa­rum das? Die haßt uns ja doch, weil wir jün­ger sind als sie. Sie stirbt vor Neid um un­se­re Ju­gend.«

Me­lys Lä­cheln wur­de hel­ler und fröh­li­cher. Mit nai­ver Ver­wun­de­rung sah sie das zier­li­che Mäd­chen an, das ein so schar­fes und selb­stän­di­ges Ur­teil zu ge­ben wag­te. Man sah auch an der schnel­len Be­we­gung ih­rer Li­der, daß sie dar­über nach­dach­te. »Sie sind bös, He­le­ne«, sag­te sie end­lich, er­hob sich und be­gann wie­der ihr Um­her­wan­dern. »Ach He­le­ne«, rief sie nach ei­ner lan­gen Pau­se, »wenn Sie wüß­ten, was ich al­les durch­zu­ma­chen habe!«

He­le­ne Ben­der saß mit ver­schränk­ten Ar­men auf der Leh­ne des Fau­teuils und blick­te mit ih­ren klu­gen, grau­en Au­gen Mely an. Et­was Ungläu­bi­ges und Iro­ni­sches lag in ih­rem auf­merk­sa­men Blick. So klein sie war und so un­be­deu­tend sie aus­sah, so skep­tisch blieb sie ge­gen­über je­dem Ge­fühls­aus­bruch und um den schma­len Mund mit der vor­ge­scho­be­nen Un­ter­lip­pe lag stets ein gleich­gül­ti­ger Spott. Sie glaub­te nicht an Me­lys Lei­den, sie hielt jene für zim­per­lich und an­spruchs­voll und vor al­lem für ober­fläch­lich. Nur aus Neu­gier­de war sie her­ein­ge­kom­men.

Mely ahn­te nichts da­von. Sie ver­trau­te al­len Men­schen, au­ßer de­nen, die sie haß­te. Was man ihr sag­te, das glaub­te sie, selbst die plum­pen Lü­gen. In ih­rem Schmerz be­fan­gen, hielt sie es für un­mög­lich, daß je­mand an der Tie­fe die­ses Ge­fühls zwei­feln kön­ne. Sie setz­te sich und sag­te mit ih­rer jetzt wei­chen und ein­schmei­cheln­den Stim­me, die et­was Be­küm­mer­tes stets in sich hat­te: »Ich woll­te ja auf al­les gern ver­zich­ten, wenn ich nur mei­ne Ruhe hät­te. Mit nack­tem Brot nahm ich vor­lieb, – nur end­lich ein­mal ein an­de­res Le­ben. Die Auf­re­gun­gen, die Quä­le­rei­en, die Be­lei­di­gun­gen, – ich bin ganz krank.«

Und sie seufz­te tief auf, wie Kin­der tun, wenn sie sich aus­ge­weint ha­ben. »Sie wis­sen nicht, was das ist, He­le­ne«, fuhr sie trau­rig fort. »Sie ha­ben Ihre Mut­ter da und le­ben so be­quem und Sor­gen ha­ben Sie kei­ne. Aber ich bin ganz al­lein auf der Welt und die­ser Mann darf mich miß­han­deln wie er will, darf mich be­schimp­fen – o, ich bin ganz krank! Da hab ich wie­der einen Brief, sehn Sie He­le­ne, – da, was das ist! – Ich muß mich zu Tod schä­men.«

»Was ist es denn?«

»Ach – das kann ich Ih­nen ja gar nicht sa­gen. Es ist – er will – – nein, es ist un­mög­lich.« Ver­wirrt und voll Scham wand­te sich Mely ab. »Schon ein­mal hat er es ver­langt«, flüs­ter­te sie. »Und weil ich nicht will, muß ich mich quä­len las­sen, um nichts, um jede Klei­nig­keit.« Sie nahm den Brief und zer­fetz­te ihn ner­vös zwi­schen den Fin­gern. Dann ging sie zum Klei­der­schrank, nahm ihre Stra­ßen­ro­be her­aus und öff­ne­te mit ei­nem ein­zi­gen Riß die Knöp­fe ih­res Mor­gen­rocks.

»Ja – mö­gen Sie ihn denn nicht?«, frag­te He­le­ne schüch­tern. »Oder wie ist das?«

»Mö­gen! Er­schie­ßen könnt ich ihn.«

Das klei­ne Mäd­chen lä­chel­te ver­stän­dig. Sie trat zu Mely und er­griff de­ren bei­de Hän­de. »Sei­en Sie doch ru­hi­ger«, sag­te sie. »Ist es denn gar so schlimm? Wer weiß, viel­leicht stel­len Sie sich's nur so ent­setz­lich vor. Er ist doch oft recht nett mit Ih­nen. Wie viel Schö­nes hat er Ih­nen schon ge­schenkt.«

Die Trost­grün­de wa­ren ba­nal; doch auf Mely übte die stil­le, si­che­re und selbst­be­wuß­te Art die­ser Früh­rei­fen einen be­ru­hi­gen­den Ein­fluß. Sie strich mit der Hand über die Stirn und blick­te un­schlüs­sig vor sich hin.

»Was wol­len Sie denn tun?«, frag­te He­le­ne ängst­lich.

»Hin­über will ich. Al­les will ich ihm sa­gen. Sei­nen Brief will ich ihm vor die Füße wer­fen!«, stieß das jun­ge Weib her­vor. Sie hat­te ver­ges­sen, daß sie den Brief so­eben zer­ris­sen hat­te.

»Nicht – nicht das«, be­schwich­tig­te He­le­ne. »War­ten Sie noch bis heu­te Abend we­nigs­tens. Sie ma­chen es ja nur schlim­mer, – war­ten Sie.« Das Mäd­chen sprach sanft und zu­gleich über­le­gen. Doch Mely schüt­tel­te den Kopf. »Ich muß«, sag­te sie. »Ich bin sonst ganz un­glück­lich den gan­zen Tag.« Und wäh­rend sie sich an­klei­de­te, er­zähl­te sie. »Sehn Sie, He­le­ne, ich habe neu­lich zu mei­nem schwar­zen Kleid einen bun­ten Hut ge­kauft. Da gab's Skan­dal. Das sei ge­mein, sag­te er. Die Dienst­bo­ten tä­ten das. Ich wol­le mich auf­fal­lend klei­den, nur aus Ko­ket­te­rie. Ich soll ko­kett sein, He­le­ne, das ist doch lä­cher­lich, wie? Aber er will nicht, daß mich ein an­de­rer Mann nur an­schaut, des­we­gen soll ich kei­ne Far­ben tra­gen. Und dann das: ich habe drei­tau­send Mark Ver­mö­gen ge­habt, von der Mut­ter noch. Und als ich voll­jäh­rig war, – nein et­was spä­ter, vor drei Jah­ren war's, be­kam ich das Geld. Da hat er nicht auf­ge­hört, zu drän­gen, ich sol­le doch das Geld ver­brau­chen, und ich – so dumm! – ma­che die un­sin­nigs­ten Aus­ga­ben. Kurz, in sechs Mo­na­ten war al­les ver­putzt. Und wie ich dann das ers­te Mal von ihm Geld ver­lan­gen muß­te, da hät­ten Sie ihn se­hen sol­len. Ganz glück­lich war er dar­über, ganz weg vor Freu­de.«

He­le­ne war er­staunt. »Nun – das ist doch schön!«

»Aber ver­ste­hen Sie denn nicht? Jetzt war ich doch von ihm ab­hän­gig und er konn­te ma­chen mit mir, was er woll­te. Jetzt hieß es ge­hor­chen, – oder… Ver­steht! Sie nicht? Aber es ist beim Oder ge­blie­ben. O, es war ge­mein.«

Sie war fer­tig mit der Toi­let­te, nahm Hand­schu­he und Schirm und zur Tür ge­hend, sag­te sie leicht­hin: »Gelt, ich bin dumm, He­le­ne. An­de­re wür­den la­chen. Ach Gott und gra­de zu die­ser al­ten Erd­mann muß ich hin­ein. Wie dumm, wie dumm! Was denkt sich jetzt die.« Als ob sie aus sich selbst nicht klug zu wer­den ver­möch­te, schüt­tel­te sie ganz lang­sam den Kopf. Sie war un­zu­frie­den mit sich, auch des­we­gen, weil sie so of­fen ge­gen He­le­ne ge­we­sen war.

Als sie schon im Haus­flur an­ge­langt war, kehr­te sie wie­der um und ging in ihr Zim­mer zu­rück. Furcht und Mut­lo­sig­keit hat­ten sie er­faßt. Sie lehn­te sich in den Fau­teuil und schloß die Au­gen. Trotz des Man­tels, den sie nicht ab­ge­legt hat­te, fror sie aus dem In­nern her­aus. Wie Spreu im Win­de wir­belt, so stürm­ten die Ge­dan­ken in ihr durch­ein­an­der. Hei­ra­ten kann ich dich nicht, das wirst du doch ein­se­hen, zi­tier­te sie ner­vös lä­chelnd. Sei­ne Frau hat er zu Grund ge­rich­tet, dach­te sie und run­zel­te feind­se­lig die Stirn. Es war selt­sam, daß die­se Frau jetzt vor ihr stand, wie sie an ei­nem Mas­ken­ball des letz­ten Kar­ne­vals ko­stü­miert ge­we­sen: im ro­ten Pier­rot­ge­wand mit wei­ßer Zip­fel­müt­ze. Noch deut­lich ent­sann sie sich da­bei des glü­hen­den Ge­sichts, das oft mit ei­nem spä­hen­den und un­ter­wür­fi­gen Aus­druck dem Oberst sich zu­wand­te. Zwei Jah­re erst war sie tot. Sie war ein fei­nes Ge­schöpf ge­we­sen, klug und we­nig ko­kett, groß und in ih­ren Zü­gen der Sas­kia von Uhlen­burg ähn­lich. Sie war stets die Skla­vin ih­res Gat­ten ge­we­sen. Bis ins Un­be­deu­tends­te ging die­ser skla­vi­sche Zug an ihr, dies gänz­li­che und für An­de­re oft so un­be­greif­li­che Auf­ge­löst­sein im We­sen des Man­nes.

Mely rühr­te sich nicht. Ihre Lip­pen wa­ren nicht ge­schlos­sen, und sie hielt den Atem an. Und dann lä­chel­te sie so, als sei sie mit al­lem ein­ver­stan­den, was man mit ihr trei­be. Eine große Mü­dig­keit kam über sie, und sie heg­te den Wunsch zu schla­fen. Aber Bild auf Bild stieg her­auf: sie leb­te wie­der in ih­rer Ver­gan­gen­heit. Sie sah sich als Kind zur Volks­schu­le ge­hen; sie sah bei­de El­tern auf dem To­ten­bet­te lie­gen, und sie sah den al­ten, gü­ti­gen Herrn, den Va­ter des Obersts, der ihr ge­richt­li­cher Vor­mund ge­wor­den war. Dann blick­te sie in die hel­len, kah­len Klos­ter­gän­ge hin­ein, in de­nen sie zum ers­ten­mal mit ent­setz­ten Au­gen ge­stan­den. Wie fremd und fei­er­lich war dort die Welt! Sie hat­te ge­glaubt, die Mau­ern sei­en end­los und hin­ter ih­nen be­gän­ne das Meer. Sie hat­te sich ge­fan­gen, be­straft ge­fühlt in­mit­ten der gleich­ge­klei­de­ten Mäd­chen, un­ter der stren­gen Ob­hut der Schwes­tern. Ihre Sehn­sucht nach der Stadt war groß; die Sand­hau­fen am Bahn­damm er­schie­nen in ih­ren Träu­men, und die el­ter­li­chen Püf­fe und Prü­gel ka­men ihr vor wie süße Spä­ße. Sie muß­te merk­wür­dig schwie­ri­ge Din­ge aus­wen­dig ler­nen und vor je­dem, der sie an­sprach, ängs­tig­te sie sich. Sie fürch­te­te alle Men­schen mit Aus­nah­me des Ka­te­che­ten Ki­li­an, den sie mit der Fül­le ih­res zwölf­jäh­ri­gen Her­zens lieb­te. Er war ein schö­ner, blü­hen­der Jüng­ling, der nie­mals seit­wärts blick­te, auch nicht zu Bo­den, son­dern stets ge­gen Him­mel. In die­ser Zeit wur­de sie sehr fromm und sehr folg­sam und wur­de den An­dern als gu­tes Bei­spiel ge­prie­sen. Doch un­ver­ständ­lich war ihr nur das eine, daß sie für alle Men­schen, die sie kann­te, mit­be­ten soll­te. Das konn­te sie nie fas­sen. Wie sorg­sam und ge­wis­sen­haft hat­te sie stets ihre Sün­den no­tiert, um bei der Beich­te ja nichts zu ver­ges­sen: ich habe der Schwes­ter Cä­ci­lia in Ge­dan­ken un­recht ge­tan; ich war zu träg, um die sa­li­schen Kai­ser zu ler­nen; ich habe mich beim Auf­we­cken schla­fend ge­stellt, um noch län­ger im Bett blei­ben zu kön­nen – –

Wie lan­ge war das schon her! Wie schnell wa­ren die Jah­re hin­ge­gan­gen! All­mäh­lich hat­te sie die Welt drau­ßen ver­ges­sen, und sie be­griff nicht mehr, daß es au­ßer­halb des Klos­ters noch et­was von Wich­tig­keit und Be­stand ge­ben kön­ne. Welt­lich und sünd­haft wa­ren ihr jene Mäd­chen er­schie­nen, die, lus­tig und gu­ter Din­ge, das Le­ben son­nig fan­den und von ih­ren El­tern in der Stadt er­zähl­ten, von Kaf­fee­kränz­chen, Mu­sik und Tanz.

Ei­nes Um­stands er­in­ner­te sie sich mit Ent­set­zen und stets such­te sie ihre Ge­dan­ken dar­an zu ver­scheu­chen, nur um sich das Nach­füh­len je­nes Schre­ckens zu er­spa­ren. An ei­nem Os­ter­fest, kurz nach ih­rem fünf­zehn­ten Ge­burts­tag, ging mit ih­rem Kör­per et­was Neu­es, Un­be­greif­li­ches vor. Sie stand vor ei­nem Rät­sel, das sie tief er­schüt­ter­te. Noch sah sie sich mit zit­tern­dem Leib an den Fens­ter­pos­ten ge­lehnt und in den ver­reg­ne­ten Früh­lings­mor­gen hin­aus­schau­en. Sie wünsch­te aufs in­nigs­te, zu ster­ben, sie glaub­te ge­sün­digt zu ha­ben und wuß­te nicht, worin die­se Sün­de be­stand. Sie sah das Le­ben als et­was Fins­te­res und Ge­walt­tä­ti­ges vor sich ste­hen und fürch­te­te sich. Stun­den­lang in der Nacht lag sie wei­nend auf ih­ren Kis­sen, und die Qual der Ver­heim­li­chung er­drück­te sie. Sie schäm­te sich vor al­len, sie ver­steck­te sorg­fäl­tig die be­nutz­te Wä­sche, und kein Mensch fand sich, der das Dun­kel ih­rer kind­li­chen Phan­tasi­en ge­lich­tet hät­te. Einst, als ihre See­le durch das er­neu­te Auf­tre­ten des Un­ge­wohn­ten in Schre­cken ver­setzt war, ging sie, un­wis­send wie sie war, ins Bad. Da­rauf kam die furcht­ba­re Krank­heit, de­ren Fol­gen sie nie­mals ver­wun­den hat­te. Eine un­si­che­re Emp­fin­dung des Grolls und des Has­ses be­herrsch­te sie jetzt, wenn sie dar­an dach­te, wie­viel Schmerz ihr hät­te er­spart wer­den kön­nen durch die ver­stän­di­ge Of­fen­heit ei­ner Leh­re­rin oder ei­ner Freun­din.

Aber nie hat­te sie eine Freun­din be­ses­sen. Von Al­len war sie ab­seits ste­hen ge­las­sen wor­den. Et­was, das sie un­auf­hör­lich be­drück­te, et­was Hoff­nungs­lo­ses stand über ih­rem Le­ben.

Sie über­leg­te, was sie tun könn­te, um sich frei und un­ab­hän­gig zu ma­chen. Und doch, wel­che Angst emp­fand sie vor die­ser Frei­heit. Sie sah da­bei im­mer das Bild ei­nes ein­zel­nen Bau­mes auf ei­ner end­lo­sen Hei­de, und die­ses Bild der Hilf­lo­sig­keit mach­te sie schwach. Wenn ich doch nur einen Bru­der hät­te, dach­te sie, der mich vor Be­lei­di­gun­gen wie der heu­ti­gen schüt­zen könn­te. Dann dach­te sie an ihre Schwes­ter, die sich hat­te ver­füh­ren las­sen und die sich nun mit ei­nem Kind elend durch die Welt schlepp­te. Nie­mand durf­te wis­sen, daß sie eine Schwes­ter hat­te und wer das sei. Das hat­te sie dem Oberst ge­schwo­ren, und er hat­te ihr un­ter die­ser Be­din­gung er­laubt, das Mäd­chen zu un­ter­stüt­zen. »Aber sei vor­sich­tig da­bei; denn die Ge­sell­schaft, in der du ver­kehrst, und zu der ich dich em­por­ge­ho­ben habe, ist schlau und arg­wöh­nisch.«

Sie zer­knüll­te ih­ren Hand­schuh in der Faust. Ent­schlos­sen stand sie auf, und bald dar­auf ging sie mit has­ti­gen Schrit­ten dem Hau­se des Oberst The­walt zu. Ihre Au­gen blitz­ten vor Kampf­lust.

IV.

Es war Nacht, als sie die Woh­nung des Obersts ver­ließ. Sie muß­te ge­gen den Wind an­kämp­fen, der ih­ren Schlei­er auf­blies. Fest schloß sie den Mund, und mit weit vor­ge­beug­tem Kopf ging sie. Sie hat­te die Beglei­tung des Obersts aus­ge­schla­gen. »Nie mehr wer­de ich dies Haus be­tre­ten, nie mehr«, flüs­ter­te sie ver­zwei­felt, »ich Elen­de, ich Elen­de.«

Ganz be­lang­lo­se Din­ge fuh­ren ihr durch den Kopf. Es wäre schön, dach­te sie, wenn ich jetzt mit­ten durch den Wind rei­ten könn­te auf ei­nem wil­den Gaul, wie neu­lich drau­ßen am See.

In der Pen­si­on saß man beim Tee. Fräu­lein von Erd­mann, ein pol­ni­scher Ad­li­ger, Dok­tor Bro­sam, Frau Ben­der und He­le­ne wa­ren da. Die Her­ren er­ho­ben sich, als Mely ein­trat. Sie at­me­te noch hef­tig vom Trep­pen­stei­gen und preß­te eine Hand auf die Brust. Zer­streut nick­te sie, wo­bei sie kei­nen der An­we­sen­den an­sah, und die Zäh­ne schau­ten un­ter den schwel­len­den Lip­pen her­vor, ohne daß sie je­doch lä­chel­te.

»Neh­men Sie viel­leicht noch eine Tas­se Tee, Fräu­lein Mir­beth?«, frag­te Frau Ben­der, und ihre großen, blau­en Au­gen leuch­te­ten da­bei. Sie lach­te fröh­lich, als Mely be­jah­te und zeig­te ihre pracht­vol­len Zäh­ne.

Es ent­stand eine pein­li­che Pau­se, so daß Mely den Arg­wohn faß­te, man habe sich über sie un­ter­hal­ten. Dar­über er­schrak sie; denn nichts fürch­te­te sie so sehr, als das, was man hin­ter ih­rem Rücken über sie sprach.

»Nein, wel­cher Sturm heu­te!«, sag­te sie end­lich zö­gernd. Sie fing den spöt­ti­schen Blick auf, den die Erd­mann mit dem Dok­tor wech­sel­te, und ihr Arg­wohn wur­de be­stärkt. Wie sie in den Dok­tor ver­liebt ist, die alte Schach­tel, dach­te sie. Wie sie sich her­aus­ge­putzt hat über ih­rem Schmutz. Sie lä­chel­te He­le­ne ver­ständ­nis­in­nig zu, die, als be­grif­fe sie nicht, mit ei­nem kaum sicht­ba­ren, ver­wun­der­ten Kopf­schüt­teln ant­wor­te­te.

»Das ist noch gar nichts, – der Wind ge­nügt nicht«, er­wi­der­te der Dok­tor, be­hag­lich schlür­fend. »Um die un­ge­sun­de Sumpf­luft un­se­rer Zu­stän­de zu ver­nich­ten, müß­te ein ganz an­de­rer Sturm ge­hen.«

»Sie So­zia­list!«, seufz­te Fräu­lein von Erd­mann heiß und nä­her­te ihre Hand dem Arm des Dok­tors.

»Sie hab­ben ab­ber garr kei­ne Käl­te hier«, sag­te der Pole wich­tig. »In Ruß­land – ooh! Was für Käl­te, was für Käl­te! Wer­de ick Ih­nen eine Ge­schich­te er­zäh­len. Vo­rikes Jahr fahrt ein Pfar­rer rus­si­scher in ein vil­la­ge Um­ge­gend von Kiew. War serr kalt. Schnee so hoch und Wind ei­si­ker. Und wie Ab­bend kommt, lau­fen, – wie sakt man: loup, des loups? –«

»Wöl­fe –«

»Rich­tik, kom­men Wöl­fe, heu­lend und lau­fen hin­ter Troi­ka herr. Wöl­fen wer­den im­mer gie­ri­ker und Pfar­rer – was tun? Kann sich nicht hel­fen, was tut, wirft sei­ne Kin­der die Wöl­fe vor. Eins, zwei, drei Kin­der, im­mer in große Wek­stre­cke, bis am Ziel war.« Der Pole sah sich her­aus­for­dernd um. »Das ist wahr, bei mei­ne Seel«, be­teu­er­te er, als ein Ge­läch­ter, das vom Dok­tor aus­ging und alle an­de­ren an­steck­te, ihn un­ter­brach. Nur Mely lach­te nicht.

»Was will das hei­ßen«, keuch­te Dr. Bro­sam in ver­hal­te­nem La­chen. »Die Chi­ne­sen wer­fen ihre Kin­der den Schwei­nen vor. Al­ler­dings neu­ge­bo­ren, da sind sie zar­ter.«

»Nun, bei uns wer­den die Schwei­ne den Kin­dern vor­ge­wor­fen«, mein­te He­le­ne tro­cken und freu­te sich, als das Ge­läch­ter von neu­em be­gann.