Fado fatal - Hanne Holms - E-Book
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Hanne Holms

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Beschreibung

Olá Portugal! Reisejournalistin Lisa Langer will sich in Porto Wein und regionale Leckereien schmecken lassen, als sie in einem Gasthaus in der Altstadt auf das blanke Chaos trifft. Seit die Eltern der Wirtin auf mysteriöse Weise zu Tode kamen, geht es dort drunter und drüber. Kurzerhand beschließt sie nachzuforschen. Das führt Lisa zu einer grottenschlechten Fado-Sängerin, einer perfiden Polizistin – und in eine der schönsten Weinbauregionen der Welt, in der ebenfalls ein Wirt zu Tode kam. Doch als sie zu recherchieren beginnt, fällt die neugierige Deutsche bald Leuten auf, denen das gar nicht passt …

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für R.

In Erinnerung an eine wunderbar intensive Zeit in Portugal

© Piper Verlag GmbH, München 2019

Redaktion: Annika Krummacher

Covergestaltung: Martina Eisele

Covermotiv: JohnnyWalker61/Bigstock (Laterne);incomible/Bigstock (Grafiken); ESB Professional/Shutterstock(Stadt)

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Inhalt

Cover & Impressum

– UM –

– DOIS –

– TRÊS –

– QUATRO –

– CINCO –

– SEIS –

– SETE –

– OITO –

– NOVE –

– DEZ –

– DIZ? –

– Danksagung –

– Alter Fisch, frisches Gemüse und eine mächtige Französin –

– UM –

Er musste länger warten als gedacht. Die letzten Gäste wa­­ren zwar schon gegen ein Uhr gegangen, aber anschließend hatte die junge Frau volle zwei Stunden in der Küche gewerkelt, hatte abgespült und aufgeräumt. Und als endlich alles erledigt schien, holte sie mehrere Stücke getrockneten Ka­­beljau aus der Speisekammer, legte sie in eine große Metallform und übergoss alles mit reichlich Wasser.

Kurz nach halb vier zog sie endlich die Küchentür hinter sich zu. Er blieb noch unter dem Fenster stehen, in der Dunkelheit an die Mauer gepresst, bis sie auf der knarrenden Holztreppe den dritten Stock erreicht hatte, in dem ihre Wohnung untergebracht war. Er lauschte, und tatsächlich hörte er, wie oben die Tür ganz leise ins Schloss fiel.

Ein letztes Mal schaute er sich um, aber niemand war zu sehen oder zu hören. Die nur einfach verriegelte Hintertür kostete ihn kaum eine halbe Minute, und den Weg zur Küche fand er auch im Dunkeln. Dort aber brauchte er Licht. Er zog seine kleine Taschenlampe hervor und steckte sie sich so in die Faust, dass nur ein schwacher Schimmer zwischen seinen Fingern hervordrang. Das genügte, um sich zurechtzufinden. Er überlegte eine Weile, welche Lebensmittel er präparieren sollte. Erst dachte er an den Bacalhau, aber er hatte sich schon immer vor Stockfisch geekelt – und halb eingeweicht fand er ihn am schlimmsten. Er lupfte Topfdeckel, stöberte in den Kühlschränken und ging die Vorräte in der Speisekammer durch. Dann hatte er seine Wahl getroffen.

Böse grinsend zog er den schmalen Umschlag aus der Jackentasche. Die zerstoßenen Rasierklingen funkelten, als er mit der Taschenlampe in das Kuvert leuchtete. Er schüttete einen Teil in den Lederhandschuh, den er an der linken Hand trug, und verteilte die Bruchstücke in diversen Behältern mit getrocknetem Reis, vorbereitetem Fischfond und sauer eingelegtem Gemüse. Die restlichen Metallsplitter ließ er in einen Mehlsack gleiten und rührte den Inhalt so um, dass die Klingenstücke nicht gleich zu sehen waren. Schließlich kehrte er in die Küche zurück, nestelte eine kleine Flasche aus der Jacke und gab hier und da ein paar Tropfen in Fonds, Suppen und Würzöle, die für den nächsten Tag vorbereitet waren.

Dann löschte er die Taschenlampe, drückte die Hintertür ganz leise zu und huschte bis zur nächsten Gasse. Dort lehnte er sich an die kühle Hausmauer, atmete tief durch und sah auf die Uhr. Er hatte kaum fünfzehn Minuten ge­­braucht, und er hatte alles erledigt, ohne dabei entdeckt zu werden. Der Dom würde sehr zufrieden sein mit ihm.

Die Maschine landete pünktlich. Als sie ihre Parkposition erreicht hatte, mussten die Passagiere kaum fünf Minuten aufs Aussteigen warten. Der Weg vom Flugzeug zur An­­kunftshalle war im herbstlich milden Sonnenschein ein an­­genehmer Spaziergang, und auch die Koffer der Reisenden rumpelten schon bald über das Förderband der Gepäckausgabe. Lisa Langer hatte ihr Handgepäck, einen Rucksack, schon umgehängt, nun wuchtete sie beschwingt ihren Rollkoffer von den schwarzen Gummilamellen des Gepäckbands und marschierte los. Ein Shuttlebus brachte sie zum Büro der Autovermietung, wo sie dank eines kostenlosen Up­­grades einen kleinen SUV in Empfang nehmen durfte. Nachdem sie ihr Ziel – ein kleines Restaurant namens Triângulo, das in der Ribeira von Porto, der Unterstadt am Fluss, einige Fremdenzimmer anbot – ins Navi eingegeben hatte, fädelte sie sich in den nachmittäglichen Verkehr ein.

Während das Gerät sie von einer Stadtautobahn auf die nächste lotste, ließ Lisa die vergangenen zehn Tage Revue passieren. Das Hamburger Magazin myJourney, ihr bester und am besten zahlender Kunde, hatte sie als Reisejournalistin nach Lissabon und an die Algarve geschickt, wo sie für eine Reportage »auf den Spuren der Portugalkrimis« recherchieren sollte – so jedenfalls hatte sich Alex Burgmann ausgedrückt, der für sie zuständige Redakteur. Sie hatte versucht, durch vorsichtiges Nachfragen herauszufinden, ob der Auftrag nur zufällig gerade sie traf oder ob Alex inzwischen wusste, dass sie unter einem Pseudonym Kriminalromane schrieb, die an beliebten Urlaubsorten spielten – aber er hatte sie darüber im Ungewissen gelassen.

Die Reportage hatte sie natürlich gern übernommen, denn obwohl sich ihre Krimis inzwischen blendend verkauften, hatte sie nach wie vor auch an ihrem Job als Reisejournalistin Spaß – und das Spesenbudget von myJourney war wie immer großzügig bemessen. Sie hatte in Lissabon und in Faro viele interessante Schauplätze aufgetan und sich mit spannenden Menschen getroffen. Nun wollte sie noch ein oder zwei Wochen Urlaub in diesem schönen Land dranhängen.

Erst hatte sie geplant, dem Rat einer Kollegin zu folgen, die für einen Reisebericht einmal die ganze Nationalstraße 2 entlanggefahren war, die Faro mit dem Norden Portugals verband und durch viele schöne Landstriche abseits von Touristentrubel und Autobahnen führte. Doch als nach gut drei Stunden Wegweiser in Richtung Lissabon vor ihr aufgetaucht waren, hatte sie ihre Pläne kurzerhand geändert. Erst hatte sie zwei schöne Abende in Portugals Hauptstadt verbracht, zusammen mit der Künstlerclique, zu der sie während ihres ersten Aufenthalts in Lissabon Anschluss gefunden hatte, danach hatte sie einen Flug nach Porto gebucht.

Das Navi des Mietwagens meinte es gut mit ihr: Die Route führte am Ufer des Douro entlang in Richtung Innenstadt und eröffnete ihr schöne Blicke auf den Fluss, und als sie vor sich die Eisenstreben der berühmten Dom-Luís-I.-Brücke sah, war es nicht mehr weit bis zu ihrer Unterkunft. Kurz darauf rumpelte sie direkt vor dem Restaurant Triângulo über den Bordstein und stellte ihren Wagen vor dem schmalen Torbogen ab, durch den das Lokal offenbar zu erreichen war. Der Kellner eines benachbarten Restaurants eilte mit wehender Schürze auf sie zu.

»Não, Senhora «, rief er so genervt, als müsse er das mehrmals täglich erklären, »hier können Sie nicht parken!«

Lisa schenkte ihm ihr süßestes Lächeln und erklärte, dass sie nur kurz ihr Gepäck ins Triângulo bringen wolle, und halb überrumpelt, halb besänftigt trollte sich der Kellner wieder.

Nach einigen Schritten durch den Torbogen führte auf der linken Seite eine Tür in eine Gaststube, in der auch um diese Zeit schon einige Gäste saßen und Lisa misstrauisch beäugten, als sie geradewegs zum Tresen ging. Vielleicht hatten die Gäste Sorge, dass Lisa sich vordrängeln könnte.

Lisa wandte sich an eine junge Frau, die gerade mit zwei Essen aus der Küche gekommen war.

»Senhora Bermudes? Ana Bermudes?«, erkundigte sich Lisa.

Die junge Frau nickte hastig und warf einen hektischen Blick auf die anderen Gäste.

»Einen Moment, bitte!«

Sie huschte an Lisa vorbei, servierte die beiden Essen und entschuldigte sich für die Verzögerung.

»Wir warten auch noch!«, rief ihr ein Mann am Nebentisch nach, doch Ana tat so, als hörte sie seine Beschwerde nicht, und steuerte wieder auf die Küche zu.

»Viel los heute, was?«, versuchte sich Lisa an etwas Small Talk, doch Ana Bermudes wirkte gehetzt und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht, die ihr schon im nächsten Moment wieder über die Augen hing.

»Wenn Sie mir nur kurz den Schlüssel zu meinem Zimmer geben würden, dann bringe ich mein Gepäck nach oben und fahre meinen Wagen weg«, fuhr Lisa fort. »Der Kellner von nebenan wartet sicher schon ganz ungeduldig, dass ich endlich den Platz neben seinen Tischen frei mache.«

Jetzt sah Ana Bermudes sie etwas genauer an, bevor ein müdes Lächeln über ihr Gesicht huschte.

»Ah, Senhora Langer, nicht wahr? Natürlich, natürlich. Hier, bitte …« Sie zauberte einen Schlüssel hervor und drückte Lisa einen kleinen Zettel in die Hand. »Das geben Sie bitte Ruben. Er ist Parkwächter auf dem Parque da Alfândega, das ist nur dreihundert Meter von hier. Ich habe mit ihm einen guten Tarif für Sie ausgehandelt, da können Sie den Wagen ein paar Tage stehen lassen. In der Stadt kommen Sie mit den Öffentlichen besser überallhin.«

»Danke, dann geh ich nur kurz ins Zimmer hoch und …«

»Nein, nein, das mach ich für Sie. Fahren Sie lieber den Wagen weg. Tiago, der Kellner von nebenan, ist ein netter Kerl – aber wenn jemand neben seinen Tischen parkt … da versteht er keinen Spaß!«

Ana lachte, Lisa stimmte ein, aber dann deutete sie auf die hungrigen Männer und Frauen im Lokal.

»Vielleicht lassen Sie den Koffer einfach irgendwo stehen, nicht dass Ihnen noch die Gäste weglaufen. Ich bring das Gepäck nachher selbst hoch, kein Problem.«

Damit war sie auch schon wieder draußen und eilte zu ihrem Wagen. Sie winkte Tiago, der sie genau im Auge be­­hielt, fröhlich zu und fuhr davon.

»Erstaunlich, dass die Kleine überhaupt noch Gäste hat«, knurrte ein kräftiger Mann, der Ende vierzig sein mochte. Er hatte vor der Tapasbar Platz genommen, die gegenüber vom Triângulo lag, und signalisierte dem Kellner, dass er noch einen Cafezinho wollte.

Zwei weitere Männer saßen am Tisch: Der jüngere war schmal und hatte schulterlange blonde Haare, der andere, der fünfzig sein mochte, wirkte durchtrainiert, nippte an seinem Tonic Water und ließ ständig ein Streichholz vom linken in den rechten Mundwinkel wandern.

»Und vor allem ist noch keiner schreiend rausgekommen und hat nach einem Arzt gerufen«, fuhr der Endvierziger fort und sah mürrisch zu seinem schmalen Nebenmann. »Du bist dir sicher, Miguel, dass du heute Nacht in die richtige Küche eingestiegen bist?«

»Also, hör mal, Vicente! Hältst du mich für blöd, oder was?«

Vicente schwieg, nahm seinen Cafezinho entgegen und schüttete den Inhalt des Zuckertütchens hinein.

»Sag schon!«, drängte Miguel. »Hältst du mich für blöd?«

Vicente seufzte. »Frag lieber nicht, mein Junge.«

Miguel riss die Augen auf und sah aufgebracht den Dritten in der Runde an.

»Ramón, sag doch du mal was! Hat er eben gesagt, dass er mich für blöd hält?«

Ramón zuckte mit den Schultern und ließ das Streichholz wieder in den anderen Mundwinkel wandern. Vicente tauchte den Löffel in die Kaffeetasse und rührte um.

»Muss ich mir das gefallen lassen?«, rief Miguel.

Er stand so abrupt auf, dass beinahe sein Stuhl nach hinten gekippt wäre. Vicente rührte seelenruhig weiter in seinem Kaffee, und Ramón legte dem Jüngeren die Hand auf den Unterarm.

»Jetzt setz dich hin, Kleiner, und beruhige dich. Hast du heute Nacht der kleinen Bermudes zerkleinerte Rasierklingen in die Vorräte gepackt – ja oder nein?«

Miguel schnaubte, ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen und starrte beleidigt zum Triângulo hinüber. Vicente legte den Löffel beiseite und musterte den Jungen.

»Ja oder nein?«, wiederholte Ramón, und sein Blick wurde stechender.

»Klar«, brummte Miguel. »Ich hab alles genau so gemacht, wie wir es besprochen haben. Ich versteh’s ja auch nicht, dass das bisher keinem aufgefallen sein soll.«

Ramón entspannte sich wieder, und er tätschelte seinem Kumpan den Handrücken.

»Wird schon noch«, sagte er.

»Hoffentlich«, knurrte Vicente. »Aber wenn nicht bald was passiert, lass ich mir was Neues einfallen. Und darum kümmere ich mich dann selbst.«

Er trank seinen Cafezinho in einem Schluck aus und er­­hob sich.

»Du kommst mit, Ramón«, kommandierte er knapp. »Und du, Kleiner, behältst den Laden im Auge und zahlst die Rechnung.«

Einen Moment lang erwog Miguel zu protestieren. Dann fing er Vicentes strengen Blick auf und schwieg lieber. Die beiden anderen wandten sich zum Torbogen und waren kurz darauf in Richtung Uferpromenade verschwunden.

Die junge Frau, die zuvor mit Rucksack und Rollkoffer ins Triângulo gegangen war, kam wieder zum Vorschein und trat eilig durch den Torbogen auf die Straße. Kurz darauf blieb ein Ehepaar mittleren Alters vor dem Eingang zum Lokal stehen und studierte die Speisekarte im Aushang. Sie berieten sich und gingen schließlich hinein.

»Jetzt wird’s doch hoffentlich bald losgehen«, murmelte Miguel und bestellte sich noch ein kleines Bier.

Lisa hatte den Wagen zum Parkplatz gebracht und anschließend einen ersten Spaziergang durch Porto unternommen. Durch schmale, gepflasterte Gassen war sie zur Kathedrale emporgewandert, die auf einem Hügel über der Altstadt thronte, und hatte in der nur zweihundert Meter entfernten Bahnhofshalle die Azulejos bewundert, die aus blau bemalten Keramikfliesen kombinierten Wandbilder. Nun schlenderte sie vom Südende der Avenida Vimara Peres zur obersten Ebene der Ponte Dom Luís I., jener imposanten Eisenbrücke, die ein ehemaliger Kompagnon von Gustave Eiffel Ende des 19. Jahrhunderts konstruiert hatte.

Die Brücke bot einen herrlichen Blick auf den Douro, auf die Altstadt und den dicht mit Weinkellern und Wohnhäusern bebauten Hügel, mit dem jenseits des Flusses das Stadtgebiet von Vila Nova de Gaia begann. Immer wieder linste Lisa durch den fingerbreiten Spalt zwischen den Eisenelementen, die den Boden bildeten, aber hier, in sechzig Metern Höhe, war ihr der Blick in die Ferne doch etwas lieber.

Auf der Brücke war viel Betrieb, die Stadtbahnen näherten sich eher langsam, und entsprechend gemächlich machten ihr die Spaziergänger Platz. Lisa überquerte den Douro in aller Ruhe, blieb immer wieder stehen und genoss die Aussicht. Auf einem Hügel am anderen Ufer versammelten sich die ersten jungen Leute und breiteten ihre Picknick­decken aus. Lisa nahm die Seilbahn hinunter zum Fluss und spazierte von der Talstation aus an mehreren Portweinkellereien vorbei bis zur unteren Ebene der Brücke.

Hier ging es weniger beschaulich zu als oben: Autos, Busse und Motorräder drängten sich in beiden Richtungen über die schmale Fahrbahn, während die Fußgänger auf den erhöhten Gehwegen blieben. Ein junger Mann, barfuß und mit freiem Oberkörper, balancierte in gut zwei Metern Höhe auf dem oberen Rand der Brüstung, bekreuzigte sich immer wieder, rief den Passanten etwas zu, das Lisa nicht gleich verstand, und warf sich von einer Machopose in die nächste.

Nun grölte er auch etwas in Lisas Richtung. Erst beim zweiten Mal verstand sie, dass er von ihr fünf Euro als Lohn dafür wollte, dass er sich gleich in den Fluss hinabstürzen würde. Lachend winkte sie ab und wandte sich ab, doch kurz darauf brachten sie einige Juchzer dazu, kehrtzumachen: Der junge Mann sprang vom Geländer und tauchte unten leidlich elegant in das kalte Wasser. Die wenigen Passanten, die seinetwegen stehen geblieben waren, setzten sich wieder in Bewegung, und auch Lisa ging weiter.

Sie erreichte Porto und folgte der Uferpromenade, ein paarmal stolperte sie wegen der uneben liegenden Steinplatten auf dem Gehweg. Als sie auf Höhe des Triângulo angekommen war, blieb sie noch einmal stehen und ließ den Blick über den Douro und die eindrucksvolle Brücke schweifen – und auch wenn sie es auf die Entfernung nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, so hätte sie doch mehr als fünf Euro darauf gewettet, dass es das Großmaul von vorhin war, das schon wieder auf das Brückengeländer kraxelte und sich zum nächsten Sprung bereit machte.

Im Torbogen, der zu Anas Lokal führte, kam ihr ein Pärchen entgegen, das auf Deutsch über den schlechten Service im Triângulo, die lange Wartezeit und die bescheidene Auswahl an Speisen schimpfte. Lisa hatte noch keinen Hunger, sie wollte bloß die Beine hochlegen nach der anstrengenden ersten Tour, also ging sie gleich in ihr Zimmer hi­­nauf. Ein sauberes, bequemes, nicht zu weiches Bett, Sonnenlicht, das den Raum erhellte, aber nicht aufheizte, und durch das offene Fenster wehte ein leichtes Lüftchen … Es dauerte nur einen Moment, bis Lisa eingeschlafen war.

Als sie wieder erwachte, war es später Nachmittag, und die Luft war erfüllt von stechendem Rauch. Lisa schwang die Beine über die Bettkante und rieb sich die Augen, bevor sie zum Fenster schlurfte. Auf der Uferpromenade, nur ein kleines Stück entfernt, hatte ein Mann seinen Holzofen angeworfen. Einige Passanten blieben stehen und ließen sich kleine Schälchen mit frisch gerösteten Esskastanien reichen. Ein junger Mann in eng geschnittenem Hemd und schwarzer Hose rief dem Verkäufer etwas zu, wedelte mit den Händen und machte zwischendurch Fotos mit seinem Handy. Aus der ungewohnten Perspektive brauchte Lisa einen Moment, um in dem Mann den Kellner Tiago zu erkennen, der natürlich nicht begeistert davon war, dass die Rauchschwaden des Kastanienofens auch die Terrasse seines Restaurants vernebelten. Den Verkäufer schien Tiagos Aufregung kaltzulassen, und nach einigen wüsten Beschimpfungen tippte der Kellner eine Nummer ins Handy.

Lisa schloss das Fenster, zog sich etwas Frisches an und ging hinunter ins Lokal. Im Moment war dort etwas weniger Betrieb, aber Ana Bermudes wirbelte dennoch zwischen Küche und Gastraum herum und wirkte abgehetzt.

»Gib mal her, Ana«, sagte Lisa, als die Wirtin mit einem Tablett aus der Küche kam, auf dem drei Teller und ein Brotkorb standen. »Wo muss das hin?«

»Tisch drei«, sagte Ana, ohne ihren Griff zu lösen.

Lisa sah sich um. Es kam nur ein Tisch für diese Bestellung infrage.

»Lass mich ruhig mitmachen. Ich habe während meines Studiums viel gekellnert. Und als es zu Beginn als Journalistin noch nicht so richtig lief, habe ich mir auch etwas im Service dazuverdient.«

»Kannst du denn gut genug Portugiesisch, um alles zu verstehen?«

»Portugiesisch?« Lisa lachte. »Ich verstehe fast alles und bringe auch einfache Sätze halbwegs zustande. Aber im Moment ist ja wohl kaum jemand im Lokal, der besser Portugiesisch spricht als ich, oder?«

»Stimmt natürlich«, sagte Ana, ließ ihren Blick über die Touristen gleiten, die auf ihr Essen warteten, und lächelte sie müde an. »Also dann leg los – und danke.«

Die Gäste an Tisch drei machten einen genervten Eindruck. Auf dem Weg zu ihnen hatte sie mitbekommen, dass die beiden Männer und die Frau Englisch miteinander gesprochen hatten. Also sprach Lisa sie ebenfalls auf Englisch an.

»Entschuldigen Sie bitte das Durcheinander«, begann sie. »Ana, die Wirtin, hat heute Personalprobleme, und ich helfe ein bisschen aus.«

Sie taxierte kurz die drei Teller, die sich nur durch die Art der Beilage unterschieden.

»Sie haben alle Bacalhau bestellt, sehe ich. Eine gute Wahl, gerade hier im Triângulo«, flunkerte Lisa, um die Stimmung aufzulockern.

»Na ja, Wahl …«, maulte einer der Männer. »Wir hätten gern etwas anderes genommen, aber außer Bacalhau war schon fast alles aus.«

»Oh, das tut mir leid – aber glauben Sie mir: Mit Bacalhau machen Sie in Porto nichts falsch!«

Sie warf den dreien noch ein zuckersüßes Lächeln zu, dann flitzte sie zu einem anderen Tisch, sammelte Getränkebestellungen ein und machte sich auch gleich ans Einschenken. Als eine Stunde später ein ganzer Schwung neuer Gäste eintraf und kaum mehr ein Sitzplatz im Lokal frei blieb, hatte sie sich von Ana die Nummerierung der Tische erklären lassen – und die Herstellung eines Portonic, der aus Eiswürfeln, einem Teil weißem Portwein, zwei Teilen Tonic Water, einer halben Orangenscheibe und einigen Minzblättern bestand. Und sie hatte auch erfahren, dass es im Moment außer Bacalhau nicht viel von dem gab, was auf der Speisekarte angepriesen wurde. Salat und einige Kleinigkeiten waren da, gesalzener Kabeljau natürlich in rauen Mengen, aber sonst fast nichts.

»Warum hast du denn nicht genügend eingekauft?«, fragte Lisa. »Dein Laden läuft wie verrückt … da darfst du doch nicht so knapp kalkulieren!«

Ana winkte nur ab und verschwand wieder in der Küche, und Lisa machte einem Gast nach dem anderen klar, dass Stockfisch mit Beilagen genau die Spezialität des Hauses war, die man auf keinen Fall versäumen durfte. Das half meistens, manchmal spendierte sie einem Gast noch ein Glas Wein extra, und den kostenlosen Feigenschnaps hinterher nahmen ohnehin alle gern an. So wurde die Stimmung im Triângulo immer entspannter und fröhlicher, und auch Ana kam dank Lisas Unterstützung wieder in die Spur.

»Wenn ich sehe, wie du hier mit anpackst«, raunte sie Lisa zwischendurch zu, »dann muss ich ja fast hoffen, dass du als Journalistin keine Aufträge mehr bekommst …«

Die beiden Frauen lachten, und ihre gute Laune übertrug sich allmählich auf die meisten Gäste, die nun Wein nachbestellten und auch die Tatsache genossen, dass Lisa für sie alle ein paar nette Worte in ihrer Muttersprache fand, ob sie nun aus England, Deutschland, Spanien oder Frankreich kamen.

Nur ein schmaler Typ Mitte zwanzig, der sich seit einer Stunde an seinem kleinen Bier festhielt und auch auf mehrmalige Nachfrage nichts zu essen bestellen wollte, ließ sich nicht von der aufgehellten Stimmung anstecken. Er fläzte auf seinem Platz, warf den anderen Gästen prüfende Blicke zu und musterte Lisa und Ana, wann immer er glaubte, sie würden es nicht bemerken.

Gegen halb zehn veränderte sich das Publikum allmählich. Die Touristen gingen, müde, satt und manche auch ein wenig angeschickert. Auch der mürrische Mittzwanziger hatte endlich sein kleines Bier ausgetrunken und sich mit den Touristen davongemacht. Dafür kamen nun immer mehr Einheimische, und fast jeder begrüßte die Wirtin und die anderen Gäste mit großem Hallo.

Noch immer gab es nicht viel mehr als Stockfisch, aber das schien nun niemanden mehr zu stören. Lisa hatte gut damit zu tun, Wein und Bier und Wasser zu den Tischen zu bringen, und ab und zu fragte einer der späten Gäste sie nach ihrem Namen oder wollte von Ana wissen, wo sie ihre neue Kellnerin aufgetan habe. Sie grinste immer nur kurz und sagte nichts dazu, aber nach einer Weile bugsierte sie Lisa in die Mitte des Gastraums, stellte sich neben sie und schlug leicht mit zwei Gläsern gegeneinander.

»Liebe Freunde«, sagte sie und ließ für einen Blick in die Runde eine kurze Pause, »das ist Lisa aus Deutschland. Sie ist eigentlich mein Gast, hat ein Zimmer bei mir gemietet – aber wenn sie mir heute nicht geholfen hätte, wäre ich jetzt vermutlich so kaputt, dass ich euch nicht einmal mehr Wein servieren könnte.«

»Um Gottes willen!«, rief ein wettergegerbter Mann um die sechzig und machte ein so übertrieben entsetztes Ge­­sicht, dass um ihn herum alle in schallendes Gelächter ausbrachen. Der Mann drückte sich von seinem Stuhl hoch, erhob sein Glas, nickte erst Lisa zu und machte dann mit dem Glas in der Hand eine Geste, die den ganzen Raum umfasste: »Cara Lisa, wir stehen alle tief in Ihrer Schuld! Obrigado, obrigado, vielen, vielen Dank – und wenn ich darf, würde ich Ihnen gern einen Wein spendieren.«

»Das machen wir aber erst, wenn ich Feierabend habe«, entgegnete Lisa.

»Und der Wein geht dann natürlich auf mich!«, schob Ana schnell hinterher.

Die junge Wirtin hielt Wort, und als sich alle verbliebenen Gäste an der längsten Tafel im Raum versammelt hatten, trugen Ana und Lisa noch einmal Brot und Oliven, Wasser und vor allem Wein auf, dann setzten sie sich zu den anderen. Ana stellte die Anwesenden reihum vor. Ihrem deutschen Gast zuliebe sprach sie ein wenig langsamer als sonst, machte aber keine Anstalten, ihre Erklärungen ins Englische zu übersetzen. Doch Lisa kam gut zurecht, und sie versuchte, sich die Namen und die Berufe ihrer Tischnachbarn zu merken. Parkwächter Ruben, dem sie ihren Wagen anvertraut hatte, kannte sie schon. Der wettergegerbte Sechzigjährige, der Lisa zum Wein hatte einladen wollen, hieß Afonso, war ein lustiger und trinkfreudiger Geselle und arbeitete für eine der großen Portweinkellereien.

Die anderen am Tisch waren Bewohner der umliegenden Häuser, einer betrieb einen kleinen Kiosk zwei Straßen weiter, ein anderer kaufte für die hiesigen Restaurants Obst und Gemüse ein, und eine ältere Frau hatte früher in einem Hotelrestaurant in der Oberstadt gekocht und besserte nun als Putzfrau ihre schmale Rente auf.

Später am Abend stieß noch eine Frau in Uniform zu der ausgelassenen Runde: Die dreißigjährige Janira war Polizistin und schaute nach Dienstschluss gern noch auf ein paar Gläschen in Anas Lokal vorbei. Aus den Gesprächen, die im Triângulo hin und her flogen, erfuhr Lisa, dass Ana früher mal mit Janiras Bruder zusammen gewesen war.

»Ist ein feines Mädel, die Janira«, raunte Afonso ihr mit schwerer Zunge zu. »Wann immer Ana mal Probleme mit den Behörden hat, regelt sie das für sie. Und das, obwohl Ana ihrem Bruder den Laufpass gegeben hat.«

Janira hatte ihre Uniformmütze an die Garderobe ge­­hängt, ihre Jacke etwas aufgeknöpft und setzte sich neben Lisa. Sie schien einiges zu vertragen und prostete der Deutschen zu. Nach einer Weile fragte sie sie über ihren Job als Reisejournalistin aus, und schließlich deutete sie auf Afonso, der stiller geworden war und offenbar Mühe hatte, die Augen offen zu halten.

»Unser Weinexperte war mal mit einer Deutschen verheiratet«, erzählte sie mit gedämpfter Stimme, damit Afonso sie nicht hörte. »Die ist ihm weggelaufen, aber sie hat ihm die gemeinsame Tochter dagelassen: Beatriz. Und wenn du mal gesehen hast, was für eine Schönheit unsere Beatriz ist, kannst du dir vorstellen, wie gut ihre Mutter ausgesehen hat. Immerhin musste sie noch die Gene von Afonso ausgleichen …«

»Hä? Was ist mit mir?«, fragte Afonso, der seinen Namen aufgeschnappt hatte, weil Janira zuletzt etwas lauter ge­­worden war.

»Nichts, nichts, trink ruhig weiter. Oder noch besser: Geh langsam nach Hause. Du siehst müde aus.«

»Ach was, müde! Durstig bin ich!« Er hielt Ana sein volles Glas hin. »Schenk ein!«

Die Wirtin lachte und deutete auf die dunkelrote Flüssigkeit, die im Glas hin und her schwappte.

»Da passt nichts mehr rein, Afonso. Dein Glas ist voll.«

»Nicht mehr lange«, brummte der und leerte den Wein in einem Zug. Dann setzte er das Glas ein wenig zu ruppig auf die Tischplatte, legte beide Unterarme vor sich, sank vornüber und war schon im nächsten Augenblick eingeschlafen. Nach einer Weile erhob sich Ana.

»Bleibt ruhig ein bisschen, es ist noch genügend Wein da. Später kommen übrigens noch zwei Freunde von mir: Clemente und Henrique, die wirst du auch mögen. Ich geh nur schon mal in die Küche und räume ein wenig auf.«

»Soll ich dir helfen?«, fragte Lisa.

»Du hilfst mir am meisten, wenn du meine Gäste weiterhin bei Laune hältst«, sagte die junge Wirtin, legte ihr kurz die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihr. »Danke«, flüsterte sie, und dann war sie auch schon in der Küche verschwunden.

Die Stimmung kochte sofort wieder hoch. Es wurden Witze und launige Anekdoten zum Besten gegeben, und als etwas später am Abend die Nachbarn und die Putzfrau nach Hause gegangen waren, kamen zwei Männer zur Tür herein, die von den Stammgästen umgehend in Beschlag genommen wurden. Kaum, dass sie saßen, hatten sie auch schon jeder ein volles Weinglas vor sich stehen, und nachdem Ruben die beiden darüber aufgeklärt hatte, was heute im Triângulo los gewesen war und wie Lisa der Wirtin aus der Patsche geholfen hatte, prosteten die beiden Neuen ihr mit einem wohlwollenden Nicken zu. Tiago ließ es dabei nicht bewenden.

»Das ist mein Cousin Clemente«, sagte er und deutete auf den einen Neuankömmling. Er war Mitte vierzig, gutmütig und ein wenig mollig. »Clemente röstet Kastanien, aber …« Tiago hob theatralisch den Zeigefinger. »… aber er bekommt keinen Ärger mit mir, weil er seinen Ofen nicht an der Uferpromenade aufstellt. Sehr löblich, wie ich finde! Stattdessen räuchert er in der Fußgängerzone die Touristen ein, die ins Café Majestic wollen.«

Die anderen am Tisch prosteten den beiden lachend zu. Lisa hatte vom Majestic schon gehört, und das legendäre Café stand natürlich auf der Liste der Sehenswürdigkeiten, die sie sich in Porto nicht entgehen lassen wollte.

Dann stellte Tiago den anderen Neuankömmling vor: Henrique schipperte Touristen auf dem Fluss umher. Er hatte dafür ein Rabelo hergerichtet, eines der alten Boote, wie sie früher für den Transport von Weinfässern auf dem Douro benutzt worden waren, und hatte unter der Wasser­linie eine kleine Schiffsschraube eingebaut, die von einem Elektromotor angetrieben wurde. »Der Motor macht keinen Mucks«, erklärte er Lisa. »Also merken meine Touristen nichts, und ich muss mich nicht so sehr mit dem Ruder plagen.«

Neue Trinksprüche machten die Runde, und nach einer Weile erhob sich Clemente, füllte am Tresen eine Karaffe mit Wasser und stellte sie auf den Tisch. Dann holte er sein Weinglas und ließ sich auf den Platz neben Lisa sinken, auf dem vorhin Ana gesessen hatte.

»Nett von dir, dass du ausgeholfen hast«, sagte er.

Sein Tonfall machte Lisa stutzig. Er hatte recht leise ge­­sprochen, als wäre das, was er zu sagen hatte, nur für ihre Ohren bestimmt. Und er klang … besorgt? Angespannt? Sie musterte ihn, wurde aber aus seiner Miene nicht schlau. Die Schiebermütze, die er nicht einmal im Lokal abgenommen hatte, verschattete seine Stirn, doch die Augen darunter funkelten, als habe er etwas auf dem Herzen.

»Du weißt, warum es im Triângulo drunter und drüber geht?«, fuhr er fort.

»Soweit ich es mitbekommen habe, hat Ana zu wenig zu essen eingekauft.«

»Ich meine nicht, warum es heute drunter und drüber geht. Das ist schon seit einigen Wochen so.«

»Oje! Herrscht hier immer so ein fürchterliches Chaos? Dann wundert es mich, dass überhaupt noch Gäste kommen!«

»Da bist du nicht die Einzige …«

Lisa wartete darauf, dass er seine Andeutung erklärte, und als er schwieg und erst noch einen tüchtigen Schluck nahm, riss ihr der Geduldsfaden.

»Jetzt sag schon, Clemente, was ist hier los? Du willst mir doch irgendetwas mitteilen – dann sag’s bitte einfach gradeheraus.«

»Im Triângulo geht es so chaotisch zu, seit Anas Eltern tot sind. Die beiden sind vor vier Wochen ums Leben gekommen.«

»Oh … das tut mir leid.«

»Durch einen Autounfall.« Clemente hob die Augenbrauen und fügte hinzu: »Sagt man.«

»Wie meinst du das?«

»Augusto, Anas Vater, war ein guter Autofahrer, immer rücksichtsvoll, immer vorsichtig, und er hat sich kein einziges Mal betrunken hinters Steuer gesetzt. Warum also sollte er in seinem Wagen tödlich verunglücken?«

»Ach, Clemente! So etwas passiert manchmal – da kann man noch so vorsichtig sein. Einer nimmt dir die Vorfahrt, einer überholt, und du bist im falschen Moment auf der Gegenfahrbahn … Manchmal läuft es halt blöd, da kannst du gar nichts machen. Wie ist es denn passiert?«

Die Antwort musste kurz warten. Afonso schnarchte in­­zwischen so laut, dass er die Gespräche am Tisch ernsthaft störte. Clementes Vetter Tiago versuchte, den Alten zu wecken, Ruben wollte ihn daran hindern, und Janira sprach ein Machtwort, woraufhin die beiden den Schlafenden in Ruhe ließen und stattdessen begannen, der Polizistin an­­zügliche Witze zu erzählen.

»Augusto und seine Frau Maria wollten rauf ins Weingebiet am Alto Douro, Verwandtschaft besuchen in der Nähe von Peso da Régua«, erzählte Clemente. »Sie haben die Autobahn genommen, damit es schneller geht, und auf dem kurzen Stück Nationalstraße von der Ausfahrt bis zur Stadt sind sie von der Fahrbahn abgekommen und mit ihrem Wagen den Hang hinuntergestürzt. Das Auto hat sich mehrmals überschlagen. Als das Wrack unten völlig zerstört zum Liegen kam, waren die beiden vermutlich schon tot.«

»Tragisch, aber warum glaubst du, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte?«

»Na, hör mal, es sind höchstens ein paar Hundert Meter von der Autobahn bis zur Stadtgrenze – und ausgerechnet dort kommt Augusto mit seinem Wagen von der Fahrbahn ab. Ich sag dir …«

»Ach, du meine Güte!«, fiel ihm Janira ins Wort. »Belabert dich Clemente schon wieder mit dieser haarsträubenden Geschichte?«

»Haarsträubend ist doch nur, dass deine Kollegen in Régua nichts gefunden haben«, schnauzte Clemente sie an. »Angeblich war an dem Wrack von Augustos Auto nichts zu finden, was auf Fremdverschulden hindeutete. So nennt ihr das doch, oder?«

»Ja, Clemente, so nennen wir das. Und wenn du das Auto gesehen hättest, würdest du dich nicht darüber wundern, dass daran nichts mehr festzustellen war. Das war nur noch ein Haufen Schrott, und es hat ziemlich lange gedauert, bis wenigstens die Leichen von Anas Eltern aus dem Knäuel herausgeholt werden konnten.«

Lisa sah fragend zwischen den beiden hin und her.

»Falls du dich wundern solltest, Lisa, woher ich weiß, wie der Wagen nach dem Unfall aussah: Es kamen auch schon direkt nach dem Tod der beiden Gerüchte auf, dass da wo­­möglich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Deshalb habe ich mich an die Kollegen in Régua gewendet – Ana ist schließlich meine Freundin. Ich habe mir die Akte zeigen lassen, die Fotos, die Protokolle, ich bin sogar zur Unfallstelle gefahren – und ganz ehrlich: Augusto ist von der Straße abgekommen, warum auch immer, und dadurch sind er und seine Frau gestorben. Tragisch, aber so etwas kommt vor.«

»Und haben deine Kollegen eine Erklärung dafür gefunden, warum Anas Vater von der Straße abkam? Ist es dort eng oder besonders kurvig oder aus einem anderen Grund gefährlich?«

»Ach was!«, knurrte Clemente. »Eine breite, gut ausgebaute Nationalstraße ist das.«

»Kurvig ist die Strecke natürlich«, merkte Janira an, »und abschüssig auch. Vielleicht wurde Augusto vom Sonnenlicht geblendet, als er aus dem Tunnel herauskam – das wissen wir alles nicht.«

»Schon gut, du Superbulle!«

»Clemente, ich warne dich!«

»Deine Kollegen da oben haben gar kein Interesse daran gehabt, die Geschichte aufzuklären, so sieht’s aus!«

»Clemente!«

»Die haben sich schmieren lassen, das sag ich dir! Jemand mit viel Geld hat denen so viel zugesteckt, dass sie gar nicht mehr genau wissen wollen, wie Augusto und Maria ums Leben gekommen sind!«

»Jetzt reicht’s aber wirklich, Clemente!«, fuhr Janira ihn an und stand auf. »Ich hör mir deinen Mist nicht länger an. Du hast zu viel getrunken, und du schaust zu viele Krimis. Mir tut es unendlich leid, dass Ana ihre Eltern verloren hat. Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen, aber damit ist die Polizei nun wirklich überfordert!«

Clemente brummte und nahm noch einen Schluck.

»Schau lieber zu, dass ich dich nicht besoffen im Auto erwische. Dann bist du dran, darauf kannst du dich verlassen!«

Janira wandte sich zum Gehen, verabschiedete sich von den anderen und raunte Lisa dann noch zu: »Hör dir seine Räuberpistolen lieber nicht länger an – der kommt einfach nicht damit klar, dass das Leben manchmal ungerecht ist.«

Sie streckte Lisa die rechte Hand hin.

»War schön, dich kennenzulernen.«

»Gleichfalls«, sagte Lisa und schlug ein.

Clemente wartete, bis die Polizistin ihre Uniformmütze vom Garderobenhaken genommen und das Lokal verlassen hatte.

»Vielleicht steckt die mit drin«, knurrte er und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür.

»Jetzt hör aber auf«, bat Lisa. »Wir trinken aus, und dann gehst du nach Hause, okay? Du bist doch zu Fuß hier, oder?«

»Ja, ja«, erwiderte er lahm, »mach dir keine Sorgen.«

Zwanzig Minuten später hatten auch die anderen das Tri­ângulo verlassen. Lisa stellte das Geschirr zusammen und brachte die Gläser zum Tresen. Und weil sie nicht wusste, was in welche Spülmaschine gehörte, ging sie in die Küche, um Ana danach zu fragen. Die junge Wirtin stand mit dem Rücken zu ihr. Ihre Schultern bebten, und immer wieder war ein Schluchzen zu hören. Einen Moment lang dachte Lisa daran, leise wieder aus der Küche zu schleichen und in ihr Zimmer zu gehen, dann trat sie aber hinter Ana und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ana zuckte zusammen und drehte sich um.

»Ach, du bist es, Lisa«, sagte sie und lächelte unter Tränen. »Ich wollte eigentlich nicht, dass du mich so siehst.«

»Alles gut. Ich hab das mit deinen Eltern gehört. Tut mir leid.«

»Danke. Das ist alles noch ganz frisch, und …«

»Und?«

»Ach, nichts.«

Lisa musterte sie, wartete darauf, dass Ana noch etwas sagte, aber sie blieb stumm, wischte sich die Nase und machte sich wieder daran, Pfannen und Rührlöffel abzubürsten. Lisa nahm ein Geschirrtuch und trocknete ab. So arbeiteten sie eine Weile miteinander und sprachen kein Wort.

»Wo kommt denn diese Riesenpfanne hin?«, fragte Lisa nach einer Weile.

»Die kannst du im Vorratsraum ins untere Regal stellen.«

Ana deutete mit dem Kopf auf eine Tür, die nach hinten aus der Küche führte. Lisa trug die Pfanne in den Nebenraum – und stutzte angesichts der Menge an Vorräten, die teils in großen Schüsseln lagen, teils in einem Abfalleimer. Sie war zwar keine Köchin, aber dass man mithilfe all dieser Zutaten viele Gäste mit verschiedensten Gerichten hätte bewirten können, war offensichtlich.

»Sag mal, Ana«, begann sie, als sie wieder neben der Wirtin an der Spüle stand. »Wieso behauptest du, dass außer Bacalhau fast alles aus ist – und drüben im Nebenraum stapeln sich die Vorräte?«

»Oh …« Ana lächelte sie entschuldigend an. »Stimmt ja, der Vorratsraum … Ich bin so durch den Wind, dass ich daran gar nicht mehr gedacht habe, als du wegen der Pfanne gefragt hast.«

Ana schrubbte wie verrückt an einer weiteren Pfanne herum, die längst blitzblank war. Lisa sah ihr kurz dabei zu, dann nahm sie ihr Bürste und Pfanne aus der Hand und drehte sie zu sich. Ana ließ es widerstandslos geschehen und lehnte sich erschöpft an die Spüle.

»Also, was ist hier los?«, fragte Lisa.

Ana wurde von einem neuerlichen Weinkrampf geschüttelt, und Lisa wartete, bis sie sich die Augen trocken getupft hatte.

»Was genau wurde dir über den Tod meiner Eltern er­­zählt?«, wollte sie schließlich wissen.

»Dass sie vor vier Wochen ums Leben gekommen sind, als dein Vater weiter oben am Douro mit dem Wagen von der Nationalstraße abkam.«

Ana schien auf eine Fortsetzung zu warten, deshalb fügte Lisa nach einer kleinen Pause hinzu: »Und es ist wohl nicht jeder davon überzeugt, dass es ein tragischer, aber ganz normaler Unfall war.«

Ana nickte.

»Und was glaubst du? Steckt mehr als ein normaler Unfall hinter dem Tod deiner Eltern?«

Ana zuckte mit den Schultern.