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Erzählt werden die Ereignisse in Deutschland der zwanziger bis vierziger Jahre aus der Sicht einer bürgerlichen Familie. In Dresden und Rostock genießt man die letzten Jahre der Weimarer Zeit und begrüßt zunächst die neuen Machthaber. Marie verlebt eine glückliche Jugend und heiratet 1935 den Marinesoldaten Kurt, der aus einer kaisertreuen Familie in Rostock stammt. Sie gründen eine neue Familie in Kiel. Hier wächst ihr Sohn Wolfgang zunächst in friedlicher Umgebung auf. Die Anfangserfolge der Nazis werden begrüßt, die Schattenseiten jedoch nicht wahrgenommen oder verdrängt. Wegen des Kriegsausbruchs 1939 wird Wolfgang zu den Großeltern nach Ostsachsen geschickt, wo er unbeschwert heranwächst. Die Wehrmacht eilt von Sieg zu Sieg, aber Kurts Eltern werden in Rostock zweimal ausgebombt. Marie wird nach Schleswig dienstverpflichtet wo auch ihr Sohn ein Jahr voller Abenteuer verlebt. 1944 weichen beide nach Sachsen aus. In Kiel geraten sie in einen schweren Luftangriff. Endlich in Sicherheit, findet Marie im Dorf eine Anstellung. Während der Kriegsalltag jetzt auch hier den Alltag bestimmt, verarbeitet Wolfgang alles spielerisch. Seine Cousine in Dresden erlebt jedoch das Inferno des 13. Februar 1945 in aller Grausamkeit. Mit dem Einmarsch der Sowjets wird auch die Dorfidylle zerstört und ein schwieriger Neuanfang beginnt. Der Hitlerkult ist dem Stalinkult gewichen.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Der Autor, Jahrgang 1935, wurde in Kiel geboren, aber die Kriegsereignisse verschlugen ihn nach Ostsachsen, wo er die ersten Schuljahre bis zum Abitur verbrachte. Er studierte in Dresden Bauingenieurwesen und übersiedelte nach einem Berufsjahr in der DDR nach Wien, dann nach Hamburg und schließlich nach Bremen. Hier arbeitete er bis zu seiner Verrentung in einem Ingenieurbüro und war seit 1970 hauptsächlich im asiatischen und afrikanischen Ausland tätig.
Er ist in zweiter Ehe mit einer Wienerin verheiratet und hat insgesamt fünf Kinder.
FAHNEN, FLAMMEN, FANATISMUS
20 Jahre deutscher Geschichte
aus dem Blickwinkel einer kleinbürgerlichen Familie
1928 bis 1949
Impressum
©2015 Klaus Schröder
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Auszüge aus „Mein Kampf“ mit Genehmigung des Bayerischen Staatsministerium der Finanzen vom 03.04.2014
Abdruckgenehmigung für Erich Kästners Gedicht durch Atrium-Verlag Zürich 1930 und Thomas Kästner vom 11.04.2014
ISBN
Nichts bleibt von uns
als die Erinnerungen
und die Seele im Himmel.
Für die Seele sorgt Gott –
wenn man daran glaubt –
aber wer sorgt für die Erinnerung?
(unbekannter Autor)
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
I.KAPITEL – Wenn die bunten Fahnen wehen
II.KAPITEL – Uns’re Fahne flattert uns voran
III.KAPITEL – Wochenend und Sonnenschein
IV.KAPITEL – Deutschland erwache
V.KAPITEL – Es zittern die morschen Knochen
VI.KAPITEL – Kamerad nun heißt’s marschieren
VII.KAPITEL – Heil unserm Führer
VIII.KAPITEL – Mit unseren Fahnen ist der Sieg
IX.KAPITEL - Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n
X.KAPITEL – Heimat deine Sterne
XI.KAPITEL – Vor der Kaserne vor dem großen Tor
XII.KAPITEL – Es geht alles vorüber
XIII.KAPITEL - Davon geht die Welt nicht unter
XIV.KAPITEL – Führer befiel! Wir folgen dir
XV.KAPITEL – Brüder zur Sonne zur Freiheit
XVI.KAPITEL – Dem Morgenrot entgegen
LITERATURNACHWEIS
ABKÜRZUNGEN
ERKLÄRUNGEN
Es begann alles so hoffnungsvoll. Die Euphorie hatte den Großteil der Bevölkerung erfasst, die in den zwanziger Jahren von unvorstellbarer Inflation und nie dagewesener Arbeitslosigkeit gebeutelt wurde. Jetzt endlich war ein Hoffnungsträger aufgetaucht, der versprach, das alles ändern zu wollen; und der stark genug schien, das auch durchzusetzen.
Die Masse der jubelnden Menschen sah nicht die Schrift an der Wand; und die, die sie sahen, wurden brutal mundtot gemacht. Endlich sollte die „Schmach von Versailles“ getilgt werden, Deutschland wieder seinen ihm zustehenden Platz unter den Großen der Welt zurück erhalten.
Das vorliegende Buch springt mitten hinein in die Hochstimmung und schildert den äußerst schmerzvollen Weg in die Selbstzerstörung einer Nation anhand einer typischen Familie, angelehnt an meine eigene. Die geschichtlichen Ereignisse sind korrekt, die persönlichen wurden teilweise anders dargestellt, ergänzt und Namen verändert.
Zwar erkannten immer mehr Menschen das Verbrecherische des Systems, aber sie verharrten angesichts der totalen Überwachung und gnadenlosen Justiz in einer fatalistischen Starre. Bis zum bitteren Ende gab es fanatische Anhänger des größenwahnsinnigen, selbsternannten „Führers“, den die „Vorsehung“ bei all den zum Teil dilettantischen Versuchen, ihn zu beseitigen, scheinbar immer wieder beschützte. Und so steuerte die Entwicklung auf eine Katastrophe zu, die nicht nur 60 Millionen Menschen in ganz Europa den Tod brachte, sondern auch eine Vielzahl von nicht ersetzbaren historischen Bauwerken und Kulturgütern zerstörte und ganze Landstriche verwüstete.
Die deutsche Nation hatte sich aufgelöst und musste nach mehr als 30 Jahren ganz neu entstehen.
Das Buch spannt den Bogen von Dresden, Wien, Rostock, Kiel und Nordschleswig zur Oberlausitz in Sachsen und umfasst den Zeitraum von 1928 bis 1949. Die Ereignisse werden aus der persönlichen Sicht einer kleinbürgerlichen Familie erzählt. Sie erlebt den Rausch der Fahnen, die Flammen, die zuerst nur Bücher, dann Synagogen und schließlich ganze Städte verzehrten, und den blinden Fanatismus, der sogar nach dem Zusammenbruch, wenn auch in anderer Form, das Leben knebelte.
Am Schluss des Buches ist Erich Kästners Gedicht „Die andere Möglichkeit“ wiedergegeben. Es datiert von 1930 und bezieht sich auf den Krieg 1914/18, könnte aber ebenso die Auswirkung eines von Hitler gewonnenen Krieges charakterisieren, wenn man „Kaiser“ durch „Führer“ ersetzt. Die Folgen wären allerdings noch schlimmer gewesen.
„Fahnen, Flammen, Fanatismus“ stellt den ersten Teil einer an meine Familiengeschichte angelehnten Trilogie dar.
Der zweite Teil: „Wie ein bunter Schmetterling“ handelt von der Oberschulzeit in der Oberlausitz (Ostsachsen) 1949 bis 1953
Der dritte Teil: „Rübergemacht – eine schwere Entscheidung“ handelt von der Studentenzeit 1953 bis 1959 in Dresden mit dem ersten Berufsjahr in Magdeburg und dem Verlassen der DDR im Jahr 1960
Jugendzeit in Dresden - 1928-34
I-1
„Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer, woll´n wir ferne Lande sehen, fällt der Abschied uns nicht schwer.“
Singend saßen die elf Mädel der 63. Volksschule Dresden-Blasewitz, Höhere Mädchenabteilung, mit ihrem Lehrer Dr. Weißflog in einem Abteil des Sonderzuges nach Gmunden im Salzkammergut. Ziel war die Tagung des „Vereins für das Deutschtum im Ausland (V.D.A.)“. Mit ihren prall gepackten Rucksäcken fuhren Delegationen aus allen Schulen Dresdens am 25. Mai 1928 voller Erwartung zu diesem Ereignis. Nicht viele konnten sich in dieser Zeit eine Urlaubsreise leisten, und schon gar nicht ins Ausland. Die Fahrt ging durch Thüringen nach Plauen, wo ein kurzer Aufenthalt genutzt wurde, um den Würstelmann mit seinen herrlichen „Hofer Würsteln“ zu umlagern. Endlich, nach 13 Stunden Fahrt war Passau erreicht und alle sanken todmüde auf ihr Lager in der Jugendherberge.
Marie tuschelte noch ein wenig mit ihrer Freundin, bevor auch sie in das Land der Träume hinüberglitt. Sie war ein lebenslustiges Mädchen von gerade 16 ½ Jahren und wuchs unbeschwert aber behütet in einem harmonischen Elternhaus auf. Ihr Vater, ein gelernter Böttcher, war inzwischen Polizeianwärter und die Familie wohnte im Gärtnerhaus eines reichen Weinhändlers, der selten in seiner großen Villa wohnte. Marie war Pauls Liebling und er tat alles in seiner Macht, um sie glücklich zu machen. Jetzt schlief sie fest und träumte von den kommenden Abenteuern.
Schon sechs Uhr am Morgen musste man aufstehen und eine müde Truppe trabte zum Kaffee beim Stockbauer. Das Frühstück war einfach, aber der Blick auf die Donau und das heiße Getränk hoben die Stimmung. Die konnte auch durch den Dauerregen nicht getrübt werden und alle redeten durcheinander. Wie junge Mädchen eben so sind.
In Gmunden schien die halbe Stadt auf den Beinen zu sein. Der Bahnhof glich einem Heerlager. Wie eine Schlange bewegte sich ein Wimpel und Standarten schwenkender Zug deutscher Jugendlicher und Erwachsener auf die Stadt zu. Von 14 Jahren aufwärts waren sie aus allen deutschen Sprachgebieten, aus Südtirol, aus dem Baltikum, aus Siebenbürgen, dem Banat, aus dem besetzten Saarland und allen deutschen Landen angereist. Sie wurden in Privathäusern und Scheunen untergebracht. Marie und ihre Schulfreunde kamen in die Büroräume eines Fabrikanten. Dort war es warm und sie hatten einen herrlichen Ausblick auf den See und Schloss Orth. Erschöpft sanken sie in die Betten.
Am nächsten Tag wurde die Stadt erkundet. Fast jedes Haus war mit Reisiggirlanden und reichsdeutschen und österreichischen Fahnen geschmückt. Im Laufe des Vormittags fanden Gottesdienste und verschiedene Sitzungen statt. Am Mittagstisch saßen Marie und ihre Freundinnen dann mit bayerischen „Buam“ zusammen, aber von ihren Reden verstanden sie nicht viel. Trotzdem wurde jede Menge gelacht und geschäkert.
Als sie nach dem Essen so ganz ohne Plan auf dem Markt herumstanden, kam der Direktor, bei dem sie logierten, vorbei und lud sie zu einer Spazierfahrt in die Umgebung ein. Das Auto war ein Sechssitzer, aber alle 11 Mädels wurden eingeladen. Das war ein Gaudi. Sie erregten überall Aufsehen. Sie fuhren durch die schneebedeckte Alpenwelt, tief unten die Traun, zu der Stelle, wo sich der Fluss mit ungeheurem Getöse in die Tiefe stürzt.
Gerade rechtzeitig kamen sie zu der Sieben-Uhr-Abendfeier zurecht, die für die Sachsen auf dem Moosberg stattfand. Die Feierstunde wurde eingeleitet von dem Choral:
„Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten. Er waltet und haltet ein strenges Gericht. Er lässt von den Schlechten nicht die Guten knechten; Sein Name sei gelobt er vergisst unser nicht.“
Der Vorstand bedankte sich für die Einladung und danach sprach ein Wiener. Unter großem Applaus bat er darum, dass die Österreicher wieder zum deutschen Mutterland gehören dürften. Er erinnerte daran, dass in Südtirol, in dem seit dem Weltkrieg von Italien okkupierten Teil, seit einem halben Jahr die deutsche Sprache in Schulen und auf Schildern verboten sei. Es folgten Ansprachen von Herren aus Litauen, dem Elsass und Westpreußen, die Not und Elend der Deutschen in den Grenzstaaten hervorhoben. Dazwischen sang und tanzte eine Zipfer Gruppe zur Violine. Die Flammen eines großen Holzstapels loderten zum Himmel. Zum Abschluss wurde gemeinsam das Deutschlandlied gesungen.
Die Berge ringsum waren stimmungsvoll beleuchtet und allen war sehr feierlich zumute. Das Trauntor zeigte ein beleuchtetes Monogramm mit den Buchstaben VDA, Scheinwerfer ließen das Schloss erstrahlen und auf dem See fuhren bunt illuminierte Boote.
Der nächste Morgen weckte die Mädchen mit Sonnenstrahlen und als man sich noch im Bett räkelte, klopfte das Hausmädchen an die Tür. „Herr Doktor lässt fragen, ob Sie fertig seien.“
Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Liesel und Käthe hatten mit ihrem Bubikopf wenig Probleme, aber Maries lange Haare zeigten sich widerspenstig. Doch dann waren alle Punkt 8 Uhr aufbruchbereit. Der Tag begann mit einer Morgenfeier der 15 000 Teilnehmer auf der Satoriwiese. Ein im Wald versteckter Chor sang einen Choral als Einleitung für die Rede eines greisen Priors aus Innsbruck. Der katholische Priester sprach von Pflichten, die die Jugend gegenüber Herrgott, Heimat und Volk habe, danach sprach ein evangelischer Bischof aus Siebenbürgen. Er beschwor die Teilnehmer, Träger des Einheitsgedankens zu sein. Zum Abschluss sangen alle
„Großer Gott wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke.“
Und natürlich das Deutschlandlied.
Am Nachmittag bewunderten alle einen Festumzug. Die Südtiroler trugen eine Tafel mit Trauerflor. Plötzlich ein Böllerschuss. Alles stand still und Musikkapellen spielten „Ich hatt' einen Kameraden…“ von Ludwig Uhland. Dann begannen sämtliche Glocken in Gmunden zu läuten und jeder nahm seine Kopfbedeckung ab. Nach einem erneuten Böllerschuss setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Als weiterer Programmpunkt fand ein Singwettstreit auf dem Hochkogel statt. Dabei lernten Marie und ihre Freundinnen eine lustige Wiener Gruppe kennen und man verabredete sich für den Abend. Beim Seefeuerwerk traf man sich wieder, und während die anderen am Fackelzug teilnahmen zogen sich drei Mädel und fünf Wiener an den Waldrand zurück. Sie sangen „Weaner Liadln“, die zuerst lustige Stimmung verbreiteten aber dann immer schwermütiger wurden. Die Unterhaltung drehte sich um Volk und Heimat, Sitten und Gebräuche. Einer von ihnen war bereits mit 19 von den Ungarn verhaftet worden, weil er sich dort zu sehr für das Deutschtum eingesetzt hatte. Später konnte er fliehen. Er war recht melancholisch. Sein Bruder dagegen war lustig und immer zu Späßen aufgelegt.
„Ein Herr Pavlitschek trifft die Hausbesorgerin und sagt: ‚Stellen Sie sich vor, Frau Pollak, in New York wird alle fünf Minuten ein Mann überfahren’. ’Nein’, sagt die, ‚der arme Mann.’“ Alle Mädel waren begeistert von ihm, vom Ernstl, und Marie wurde direkt etwas eifersüchtig, denn ihr gefiel er besonders.
Man trennte sich nach zwei Stunden mit dem üblichen „Heil!“ und die Burschen fuhren noch in der Nacht nach Wien zurück, nicht ohne sich dort mit den Mädchen zu verabreden. In ihrem Bett konnte ein junger Backfisch lange nicht einschlafen, weil er dem Treffen entgegenfieberte.
Am frühen Morgen saßen alle wieder im Zug und nahmen mit einem weinenden und einem lachenden Auge Abschied von dem gastfreundlichen Gmunden. Weinend, weil es so wunderschön gewesen war, und lachend, weil es nach Wien ging. Dr. Weißflog war heilfroh, dass er den Bienenschwarm bis dahin ohne Zwischenfälle durchgebracht hatte.
Die Fahrt ging am Traunsee entlang durch das Salzkammergut und alle hingen an den Fenstern um die atemberaubende Landschaft zu bewundern. Am offenen Fenster flog so manches schwarze Rußkorn ins Auge, aber das tat der Begeisterung keinen Abbruch. In Bad Aussee war der Anschluss weg, daher musste man dort übernachten. Im „Herzog Johann“ fand Dr. Weißflog Quartier für seine Mannschaft. Später traf man sich mit den anderen Gruppen und verbrachte im „Kleinen Prater“ den Abend bei Musik und Tanz.
Am anderen Morgen kamen die Mädchen kaum auf die Beine, denn schon um fünf Uhr war Wecken. Es reichte gerade für einen Schluck Kaffee, denn wie immer war man zu spät dran. Im Fiaker ging es im Galopp zur Bahn und der Zug wurde gerade noch erreicht. Alle waren erschöpft und der Doktor vergaß sogar die bereits gefürchtete Strafpredigt. Weiter ging es mitten durch die Alpen, hohe Felsen zu beiden Seiten, zum Teil noch mit Schnee bedeckt, Gletscher und tief im Tal buntgefleckte Rinder. So etwas hatten die Mädchen noch nicht gesehen. Schließlich erklomm der Zug die berühmte Semmeringhöhe. Er wand sich mit vielen Kurven schnaufend, Funken und Rauch ausstoßend durch Tunnel, über Brücken und Viadukte, und wieder klebten alle an den Fensterscheiben.
Endlich lief der Zug in Wien ein und die Bekannten aus Gmunden standen schon da, winkten und jodelten. Alle wurden fest umarmt – Marie etwas fester? – und zum Quartier „Zum Goldenen Tor“ begleitet. Nachdem sich die Gruppe frisch gemacht hatte, brach man zu einem Stadtbummel auf. Alles schien hier beschwingter und sorgloser zu sein, fand Marie. Alles so „g’müatlich“, selbst der Straßenbahnschaffner. Dr. Weißflog gab ihm 28 Fahrscheine, die hier „Billets“ hießen, und der fragte nur ob’s stimmt. Dann knipste er ohne nachzuzählen, was ein preußischer Beamter mit Sicherheit getan hätte. Überall auf dem „Trottoir“ standen kleine Tische und man trank erst mal einen Mokka, Braunen, oder Einspänner nach jedem Einkauf. „Deutsche Eile wirkt störend", erläuterte Ernstl. „Wien ,Wien nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein“, sang er unbeschwert auf der Straße und Passanten nickten dazu.
Nachdem Belvedere, Karlskirche, Oper, Hofburg und die Ringstraße abgehakt waren ging’s auf zum Prater. Das Herz von Wien, wie Marie fand, die sich einfach bei Ernst eingehakt hatte. Als das Riesenrad auf dem höchsten Punkt eine Weile ausruhte, sagte sie „Mir ist kalt“, was nur ungenau stimmte. Es hatte aber den gewünschten Effekt, dass Ernst sie an sich drückte. Die neidischen Blicke der Freundinnen ignorierte sie.
Nachdem alle Attraktionen des „Wurstelpraters“ ausprobiert waren, versammelte sich die Gesellschaft in einem Lokal und erfreute sich an „Stelzen“ und Bier. Dr. Weißflog drückte ob des Alkohols ein Auge zu. Schließlich fielen alle spät aber glücklich ins Hotelbett.
Am nächsten Morgen stand Ernst schon wieder bereit, um die Mädchen nach Schloss Schönbrunn zu begleiten. Er hatte bereits etliche Vorlesungen seines Architekturstudiums geschwänzt und auf ein paar mehr kam es jetzt auch nicht mehr an. Er gestand es sich noch nicht ein, aber er hatte angebissen. Das dunkelhaarige fesche Maderl war ein Leckerbissen. Er ließ sich aber nichts anmerken. Nur Marie fiel auf, dass sein Blick immer wieder zu ihr hin schweifte, während er die Schönheiten der Anlage erläuterte. Von der Gloriette aus konnte man weit nach Wien hineinblicken und wie zufällig ergab sich die Gelegenheit, der Marie einen flüchtigen Kuss auf den Nacken zu geben. Danach mischte er sich wieder unter die anderen und freute sich insgeheim, dass die so Ausgezeichnete kräftig errötete.
Zu Fuß gelangte man über die Wienzeile zur Kärntner Straße. Alles war hier noch größer und prächtiger als im wunderschönen Dresden und Marie konnte sich gar nicht satt sehen. Die vielen Ausländer, geschminkt und gepudert, störten zwar ihre Vorstellung vom gemütlichen Wien, aber es gab noch genügend Einheimische in ihren schönen Trachten.
Der Stephansdom überwältigte alle. Natürlich wollte jeder auf den Turm, aber bei 762 Stufen ging doch schnell die Puste aus. Das letzte Stück bis zur Spitze war nur für jeweils eine Person über eine einfache Leiter zugänglich, aber keine wollte Schwäche zeigen. Ernst gab vor, die Leiter halten zu müssen, aber der eigentliche Grund war der Blick nach oben, der ihm die Aussicht auf lange Mädchenbeine ermöglichte.
Von oben sahen die Menschen wie Puppen aus und Wien lag ihnen zu Füßen. Als Marie wieder herunterstieg streckte Ernst die Hände aus und sie ließ sich von der letzten Sprosse in seine Arme gleiten. Nur einen kurzen Moment waren ihre Körper aneinander gepresst, doch der genügte, dass sie sich minutenlang wie im Trance bewegte.
Jetzt wollten alle zum Quartier, um sich von den Strapazen etwas auszuruhen, aber Ernst bestand darauf, ihnen noch das Strauß-Denkmal im Stadtpark zu zeigen. Dort nahm er Marie in die Arme und drehte mit ihr ein paar Tanzschritte, den Donauwalzer summend. Sie hätte sich so gern in seinen Armen weiter gewiegt, aber die anderen hatten Hunger und waren müde. Spielverderber.
Am Nachmittag stand ein Ausflug nach Grinzing auf dem Programm. Die Schrammelmusik, die aus den Türen klang, lud zum Verweilen ein, aber dazu reichte weder die Zeit noch das Geld. Stattdessen stieg die bunte Schar zum Cobenzl empor, um den herrlichen Ausblick zu genießen. Der Doktor vorweg, die andern hinterher und ganz zum Schluss Ernst und Marie. Man hatte sich ja so viel zu erzählen, und wollte sich schreiben und ganz sicher auch treffen und … Vieles blieb ungesagt.
Dann musste es schnell gehen. Auf dem Weg zum Kai waren alle traurig, auch wenn sich Ernst bemühte, fröhliche Stimmung zu erzeugen. Mit dem Schiff sollte es bis Linz gehen. Alle waren schon auf dem Dampfer, die Sirene mahnte zur Abfahrt, der Doktor gestikulierte, aber da standen noch zwei am Ufer und hielten sich das erste Mal fest umschlungen. In letzter Sekunde gab Marie dem Ernstl einen herzhaften Kuss auf den Mund, riss sich los und stürmte über den Steg aufs Schiff. Langsam bewegte es sich vom Ufer weg, winken, winken und ein paar Tränen, dann war die einsame Figur am Kai außer Sichtweite.
Die Freundinnen hatten Marie einen Platz im Damensalon frei gehalten, aber immer mehr Mädchen wollten hinein. So gab man es schließlich auf und verstaute nur die Rucksäcke im kleinen Zimmer. Schade um den schönen Raum, der sah sonst vornehmere Gesellschaft. Inzwischen war es schon elf Uhr geworden und keiner dachte ans Schlafen.
„Wir wollen die ganze Nacht aufbleiben. Wir sind überhaupt nicht müde“, versicherten sie dem Doktor. Aber der bestand auf Schlaf, wenigstens ein paar Stunden. So fügten sich Marie und ihre Freundinnen, hüllten sich in warme Decken und suchten sich eine geschützte Ecke oben auf Deck. Dort lagen überall vermummte Gestalten, die unten keinen Platz mehr gefunden hatten. Der Doktor selbst gönnte sich keinen Schlaf, er bewachte seine Schäfchen. Immer wieder kam er auf seinem Rundgang vorbei, nur am Glühen seiner ständigen Zigarette auszumachen. Diese Leidenschaft war scheinbar sein einziger Fehler und die Mädchen machten ihre harmlosen Scherze über ihn. „Aus gutem Grund ist Juno rund, es glüht der Stengel zu jeder Stund“ dichteten sie.
Es war lausig kalt. Dazu der Fahrtwind und die Schiffsgeräusche. Und es war neblig. Dafür gab es einen wunderschönen Sonnenaufgang. Nach dem Frühstück im Speiseraum spielte eine Musikkapelle und alle genossen die vorbeiziehende Landschaft. Die mächtige Ruine Aggstein, dann Dürnstein und Krems glitten vorüber. Während die anderen Gruppenführer zusammenhockten saß Dr. Weißflog immer bei seinen Schützlingen. Nur einmal wurde er ihnen untreu, als die anderen ihn mit einem Skatspiel lockten.
In Linz war Zeit für eine kurze Stadtbesichtigung, dann brachte sie der Zug wieder nach Passau, wo sie in der Jugendherberge Schlaf suchten. Aber leider war alles besetzt. Wie die Sperlinge hockten sie jetzt auf der Bordsteinkante und hatten trotz der misslichen Lage einen Mordsspaß, bis der treu sorgende Doktor endlich ein Hotel gefunden hatte.
Katzenjammer am nächsten Morgen, weil die schönen Tage in der Gemeinschaft vorbei waren. „Alles ist vergänglich, nur der Kuhschwanz, der bleibt länglich“. Der Humor blieb.
„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Dumme Sprüche gab es zuhauf, um sich gegenseitig die schlechte Laune zu vertreiben. Auch Dr. Weißflog versuchte sein Bestes. „Nun steckt eure mummligen Gesichter in den Rucksack, sonst fliegt ihr alle miteinander in die Donau."
Nach dem Kaffee beim „Stockbauer Gasthäusle“ wurden die Lebensgeister wieder wach und in freudiger Erwartung auf die Heimat bestieg man den Sonderzug. Im Abteil ging es wieder hoch her. Alle waren in patriotischer Stimmung. Was hatten sie in den 10 Tagen nicht alles erlebt. Deutsches Wesen und deutsche Art in deutschem Land.
Unterwegs gab es einen größeren Aufenthalt und alle strömten hinaus in die Sonne. „Raus mit der Maus in die Frühlingsluft!“
Der Doktor hatte sich mit seiner unvermeidlichen Zigarette an einen Zaun gelehnt und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Strahlen. Heimlich wurde ein Bild geschossen. Als es ihm später gezeigt wurde, sagte er: „Kinder, das habt ihr wieder mal echt blasewitzerisch gemacht.“ Andere Klassen beneideten sie um ihren Lehrer, der so viel Verständnis für „seine Kinder“ hatte.
I-2
Marie hatte eine glückliche Jugend erlebt. Das Gartenhaus, im Park des Weinfabrikanten in Dresden-Blasewitz, glich eher einem kleinen Schlösschen und das Gelände lud zu allerhand Aktivitäten ein. Paul, ihr Vater, durfte hier frei wohnen und das ganze Grundstück nutzen. Er fungierte als eine Art Hausmeister ohne besondere Pflichten, da der Besitzer nur wenige Wochen des Sommers im Hauptschloss wohnte. Allerdings vermisste Marie hier anfangs Spielgefährten. Nur wenn die sechs Buben des Weinhändlers da waren, wurden im Park wilde Räuber- und Gendarm- oder Indianerspiele veranstaltet.
Mit Puppen hatte sie nichts im Sinn. Sie besaß eine wunderschöne, in Babygröße, mit Porzellankopf, rollenden Augen, klappenden Augenlider und langen braunen Echthaaren, dazu viele prächtige Kleider. Die zog sie aber lieber ihrer Katze an, die sich alles gefallen ließ. Angezogen und mit Häubchen versehen lag sie unbeweglich auf dem Rücken, mit den Pfoten auf der Decke und wurde spazieren gefahren. Das war interessanter als eine leblose Puppe. Seit tausenden Jahren waren Katzen Begleiter der Menschen. Ohne Katze, das war doch gar nicht vorstellbar und der Mensch konnte froh sein, bei ihr wohnen zu dürfen. Der Korbwagen wurde ihr so vertraut, dass sie später sogar ihre Kinder darin gebar.
Auch ein weißer Spitz gehörte neben Kaninchen, Ziegen, Hühnern und einem Schwein zur Menagerie. Als Marie aber versuchte, den Hund mit Vaters Rasiermesser zu rasieren, gab es die erste Dresche. So was tut man ja auch nicht. Bauz, so hieß der Spitz, war ein richtiger Schlawiner. Als er sich mal an der Pfote verletzt hatte, wurde er viel herumgetragen. Er hinkte auch noch, als die Wunde längst verheilt war. Allerdings nur, wenn jemand hinsah.
Als später die Schule begann, hatte Marie endlich viele Freundinnen. Deren Eltern waren zwar durchweg vermögender, aber das herrliche Grundstück zog alle an und Paul verstand es immer wieder, entzückende Gartenfeste zu veranstalten. Da konnte man so laut sein, wie man wollte, denn das Gelände grenzte auf der einen Seite an einen Friedhof und auf der anderen an eine Gärtnerei. Die Toten und die Blumen beschwerten sich nicht. Der kleine Park lag direkt an der Elbe und die Kinder machten sich einen Spaß daraus, versteckt im Gebüsch, die auf der Elbpromenade spazierenden Liebespaare zu belauschen. Danach wurden dann die tollsten Geschichten um das Erlauschte gesponnen.
Nach vier Grundschuljahren ging Marie in die Höhere Mädchenschule. Ihre Mitschülerinnen kamen aus der „besseren“ Gesellschaft, Marie wurde aber sofort integriert. Nicht nur wegen des Parks und der vom Vater organisierten Feste. Zwei adlige Mädchen waren Flüchtlinge aus Russland. Die Väter erschossen, die Güter beschlagnahmt, brachten die Mütter sie mit Nachhilfestunden durch. Nina sprach zuhause jeden Tag eine andere Sprache und in der Schule war sie ein Ass. Eine andere Klassenkameradin, Traute, war das einzige Kind eines Fabrikanten. Sie hatte alles, nur keine schlanke Figur, denn sie aß und naschte für ihr Leben gern. Deshalb fuhr sie jedes Jahr mit ihrer Mutter nach Karlsbad in die Tschechoslowakei, um dort für viel Geld ihre Pfunde abzuhungern. Sie kam schlank zurück und hatte nach drei Monaten wieder alles aufgeholt. Sie musste deshalb mit dem Fahrrad zur Schule fahren, aber ein Chauffeur begleitete sie im Auto, einem Maybach.
Die Schule hatte gute Ausbilder. Die Fremdsprachenlehrer mussten zuvor zwei Jahre im Ausland unterrichtet haben und der Chemielehrer war ein Experte, aber zu gut für diese Welt. Er wurde der Backfische nicht Herr. Marie war seine Hilfskraft, und wenn er im Nebenraum Unterrichtsmaterial holte, durchstöberte sie sein Zensurenbüchlein. Wenn man es gar zu arg trieb, wurde man gelegentlich zum Schulleiter beordert. Der sah die Sünderin nur lange eindringlich an, das genügte, um in Reue zu zerfließen. Da stand sie nun, zerknirscht am modisch kurzen Röckchen zupfend. „Ziehen hilft nicht, länger machen!“
Pauls Aktivitäten waren sehr vielseitig. Die Arbeit im Haus, im Garten und mit den Tieren blieb allerdings an der geduldigen Mutter Selma hängen. Das karge Beamtengehalt musste aufgebessert werden und zu Feiertagen kam auch noch die weite Verwandtschaft zum Essen und Feiern. Immerhin hatte er eine sichere Stellung, Polizei brauchte man immer, im Gartenhaus konnten sie umsonst wohnen und zu essen gab es genug. So mussten sie dank der eigenen Haustiere keine Eier zum Stückpreis von 320 Milliarden RM kaufen. Das kostete ein Ei zu Zeiten der Hyperinflation Ende 1923. Auch Fleisch, Gemüse, Obst und Ziegenmilch gab es aus eigener Produktion. Paul musste damals für eine Straßenbahnfahrt 600 RM hinblättern und es gab viele andere Kosten. Deshalb arbeitete Selma von der Früh bis zum Abend in Haushalt und Garten und beklagte sich nicht. Wenn sie mal einen hübschen Stoff für ein neues Kleid bekam, bettelte Marie es ihr oft ab. Die Mutter hätte auch ihr letztes Hemdchen gegeben, wie im Märchen vom Sterntaler. Dabei sang sie von früh bis abends.
Die schweren Zeiten waren dann nach der Währungsreform im November 1923 Gott sei Dank vorbei und man konnte sich wieder einige Vergnügungen gönnen. Jedenfalls der gehobene Mittelstand und die Beamtenschaft.
Zu der Zeit wurde Radfahren modern und Paul war sofort dabei. Er brachte sich als Vergnügungsvorstand ein und organisierte fast jeden Sommersonntag Ausflüge in die schöne Umgebung. Picknick im Freien – die Jugend saß meist etwas abseits. Das Trio Marie, Gretel und Ilse war unzertrennlich. Die Freundinnen scherzten: Marie die Kluge, Gretel die Reiche und Ilse die Hübsche. Auch Tanzvergnügen organisierte Paul und Marie lernte solche Gesellschaftstänze wie Menuett und Konter. Wenn ihr Vater im Beisein des älteren Reigenpartners dann in der Straßenbahn Fahrscheine für drei Erwachsene und ein Kind verlangte, wäre Marie fast im Boden versunken.
Als Weltkriegsteilnehmer war Paul selbstverständlich auch im Militärverein. Alljährlich fanden in allen Räumen des Dresdner Ausstellungspalastes Bälle statt. Das hatte den Vorteil, dass man tanzend den Eltern entschwinden konnte. Bei den schicken Fähnrichen brauchte Marie nie Mauerblümchen zu sein. Hier tanzte man modern, Charleston zum Beispiel.
„Das ist keine Kunst“, erklärte sie dem Vater, „Man muss sich nur vorstellen, dass man einen Floh im Rücken hat und die Schlüpfer verliert.“ „Na danke“, sagte Paul.
Spätestens um Mitternacht stand er mit dem Mantel an der Tür, ein stummer Mahner, manchmal geduldig und schwitzend eine ganze Stunde lang. Dann wurde es aber ernst. Gewöhnlich gingen sie per pedes nachhause und Marie hinkte in ihren hohen Absätzen lahm hinterher. Vaters Worte „Beim Tanzen warst du aber nicht so schlecht zu Fuß“ marterten ihre Seele.
Beim „Verein christlicher junger Männer“ war Paul Ehrenmitglied. Die bliesen Posaune. Zu Festtagen oder zu Pauls Geburtstag stellten sie sich am Tor auf und brachten ein Ständchen. Am Straßenrand standen die Zaungäste. Natürlich hatte er damit gerechnet, auch wenn er sehr erstaunt tat. Drinnen gab es Kartoffelsalat von Selma und dann wurde eine Holztanzdiele im Garten aufgebaut. Die Zaungäste staunten immer noch. Erich, ein posauneblasender Bankbeamter, verdiente schon eigenes Geld und war im heiratsfähigen Alter. Zur Silberhochzeit seiner Eltern saß Marie neben dem Jubelpaar an seiner Seite und wurde von der ganzen Verwandtschaft begutachtet. Sie aber hatte noch keinen Sinn fürs Heiraten. In ihrem Kopf war zurzeit nur Platz für schöne Kleider, ein Zustand, den ihre Eltern mit Geduld ertrugen.
Dann wurde sie Mitglied im Ruderverein, der nur fünf Minuten vom Haus entfernt sein Vereinsheim hatte. Die Periode des Radfahrens war vorbei, jetzt stieg man jeden Sonntag ins Boot. Meist bildete sich eine Gruppe von Zweisitzern, die elbauf bis in die Sächsische Schweiz ruderte. Dort gab es in einem kleinen Lokal Apfelstrudel und dann Tanztee im Freien. Am Abend ließ man sich hinter einem Raddampfer von der Strömung heimwärts treiben.
Im Winter war Schneeschuhlaufen angesagt. Bis Tharandt fuhr man mit dem Zug, dann wurden die Bretter mit vielen Lederschnüren vor dem Bahnhof befestigt. Die immer zu kurzen Abfahrten mussten mit mühsamen Aufstiegen errungen werden. Das machte nur in der Gruppe Spaß. Zu Mittag gab es Brote aus dem Rucksack.
Die Reise zum Treffen des VDA nach Gmunden mit drei Mädeln aus ihrer Klasse und sieben weiteren aus der Schule war der Abschluss und Höhepunkt des unbeschwerten Lebens gewesen. Sie wurden sorgfältig vorbereitet, eine Karte mit Darstellung des Deutschtums im Ausland wurde ausgiebig besprochen. Nach der Reise widmete sich Marie den Vorbereitungen für die Reifeprüfung.
I-3
Im März 1929 hielt Marie ihr Schulentlassungszeugnis in den Händen. Jetzt begann der Ernst des Lebens. Nach einer fünfmonatigen kaufmännischen Kurzausbildung bewarb sie sich für die Stelle als Chemielehrling an der Hochschule. Die Zeugnisse waren gut, die Vorstellung beim Professor schien erfolgreich zu sein, dann kam der Bescheid: „Ich habe noch ein Eisen im Feuer, es ist ein junger Mann. Sie sind ein hübsches Mädel. Da werden Sie sicher bald weggeheiratet, und dann fange ich von vorne an.“
So war das überall. Schließlich erhielt sie eine Anstellung als Telefonistin in der Funk- und Fernmeldezentrale des Polizeipräsidiums Dresden, die ihr der Vater, der jetzt Polizeiwachtmeister war, vermittelt hatte. „Da bist du später pensionsberechtigt.“
In diesen unruhigen Zeiten war das ein großes Glück. Gerade war der vierte Reichsparteitag der NSDAP beendet worden, Straßenschlachten mit den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteigängern waren an der Tagesordnung und erste jüdische Geschäfte wurden zerstört. In Deutschland führte der „Schwarze Freitag“ an der New Yorker Börse haufenweise zu Konkursen und überall wurde jetzt Kurzarbeit eingerichtet. Die Arbeitslosenzahl näherte sich der fünf-Millionen-Grenze. Da war es Gold wert, dass der Vater Beamter war und die Tochter eine feste Anstellung hatte, wenn auch mit geringem Verdienst.
Mit Wien wurde eifrig korrespondiert, aber eine Einladung hatte der Vater nicht gut geheißen. Es sollte eine Reise durch Tirol nach Rom sein. Ein 18-jähriges Mädchen allein in der Bahn und bei einem Mann, das ging nun wirklich nicht. „Wie kann ich mein Mädel zu einem Mann reisen lassen, den ich nicht kenne?“ Marie war traurig und heulte stundenlang, aber sie war sich nicht ganz im Klaren, ob wegen Ernstl oder wegen des Verlustes der schönen Reise. „Wenn er Interesse an dir hat, soll er gefälligst nach Deutschland kommen!“ Pauls Schnurrbart zitterte dabei. Nun ja, so war das eben. Erst mit 21 war man volljährig. Und die Etikette war wichtig. Also blieb es vorerst beim Briefe schreiben.
Marie stöpselte weiter die fernmündlichen Gespräche der Dresdner Polizei und Ernst bereitete sich auf das Diplom für sein Studium vor. So ging auch das nächste Jahr dahin. Die politischen Verhältnisse in beiden Ländern waren nach wie vor chaotisch. Bei der Reichstagswahl am 14.9.1930 gewann eine sich radikal gebärdende NSDAP schon 107 statt bisher 12 Sitze, aber noch war die SPD mit 143 Sitzen stärkste Partei. Die neue „FOX Tönende Wochenschau“ berichtete in dramatischen Bildern davon. Selbst im sächsischen Landtag wurde die NSDAP zweitstärkste Fraktion.
Für Paul war das unverständlich, er gehörte keiner Partei an, aber man machte sich doch so seine Gedanken. Wer war das denn, der da so großsprecherisch auftrat und das Heil verkündete. Adolf Hitler, ein staatenloser Gefreiter. Gesessen hatte er, Festungshaft. Und der wollte Deutschland wieder zu neuer Größe führen, Versailles revidieren und die 116 Milliarden Reparationen annullieren, den fünf Millionen Arbeitslosen Lohn und Brot geben und womöglich die Kolonien zurückholen? Ein Phantast, ein Scharlatan, Großmaul. Paul hatte wie immer die DVP[i] gewählt, der auch der sächsische Ministerpräsident Bünger angehörte. Nun hoffte er, dass die Regierung unter Brüning den verfahrenen Karren wieder aus dem Schlamassel ziehen würde.
Ernst schrieb aus Wien, dass ihm ein Adolf Hitler unbekannt sei. Dabei soll er doch Österreicher gewesen sein. Und bei den Nationalratswahlen wurden die Sozialdemokraten stärkste Partei, die Nationalsozialisten erhielten keinen einzigen Sitz. „Das wird sich auch bei uns geben“, meinte Maries Vater, der inzwischen Polizeihauptwachtmeister geworden war.
Seine Tochter träumte zwar weiter von ihrem Prinzen aus Wien, aber das hinderte sie nicht, das Leben zu genießen und sich von den zahlreichen Verehrern den Hof machen zu lassen. Im Ruderklub gab es zahlreiche Gelegenheiten dazu. Es schaffte aber keiner, ihr Herz zu erobern. In den Lichtspielhäusern lief der Film „Die Drei von der Tankstelle“ mit der Harvey und den Lieblingen Willy Fritsch und Heinz Rühmann. Das war der Schwarm aller Mädchen. So einer müsste es sein.
Fritz, ein Gartenbaustudent, hatte gute Chancen. Er wurde Fuchsmajor seiner Verbindung und Marie stickte ihre heißen Gedanken in seine Coleurbänder hinein. Sie machten gemeinsame Radtouren, kletterten im Elbsandsteingebirge herum und gingen auf Bälle. Der Vater war immer dabei. Marie fand das nicht als Bevormundung oder Gängelei. Das war eben so. Dafür organisierte Paul herrliche Gartenfeste und eine verschwiegene Bank im großen Park, mit Blick auf die Elbe, sah so manchen Kuss.
Dann hatte Fritz sein Studium als Bester des Jahrganges abgeschlossen und suchte eine Anstellung. Das war aber so gut wie aussichtslos. Die Regierung kürzte mit Notverordnungen die Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst, und das Ausland hielt sich mit Investitionen zurück, weil die Politik der erstarkten NSDAP beunruhigte. Als Arbeitslosenunterstützung bekam Fritz gerade mal 53 RM, aber für Grundnahrungsmittel waren 66 RM erforderlich. So gab er entnervt dem Werben der einzigen Tochter des größten Gartenbaubetriebes nach, der durch den Tod des Vaters einen Nachfolger brauchte. Fritz heiratete Lilo und nicht Marie. Aus der Traum.
Umso mehr verklärte sich ihr Bild vom Ernstl in Wien. Im August 1931 sollte es endlich zu einem Treffen kommen. In Begleitung der Eltern fuhr Marie mit der Bahn nach Plauen, wo man im „Kurfürst“ übernachtete. Um drei in der Früh hieß es schon wieder aufstehen und vor lauter Angst, die Ankunft von Ernst zu verpassen, saß Marie frierend eine Stunde im Wartesaal.
Der Zug aus Wien kam mit 20 Minuten Verspätung. Endlich. Zischen, quietschen, Türen aufschlagen, aber kein Ernst. Was nun? Plötzlich fasste sie jemand am Arm. „Marie, Grüß Gott!“ Vor Aufregung hatte sie ihn übersehen. Zurück im Hotel wurden die Eltern begrüßt und Kaffee geordert. Paul schlurfte behaglich, aber Ernst schüttelte sich. „Das soll Kaffee sein?“ In Wien ist eben alles anders.
Ein schnaubendes Dampfross brachte sie nach Jena. Hier tauchte die kleine Gesellschaft in das bunte Leben der Studenten ein, die auf dem Marktplatz ihren Konvent abhielten. Tisch an Tisch, unter Bäumen oder Sonnenschirmen, tranken und sangen die „Burschen“ mit den „Füchsen“, wohlwollend überwacht und gesponsert von den „alten Herren“
„O alte Burschenherrlichkeit wohin bist du entschwunden Nie kehrst du wieder gold´ne Zeit so froh und ungebunden!“
Weiter ging es nach Weimar. Ernst stand lange am Zaun zu Goethes Gartenhaus. „Wenn ich hier ein paar Jahre wohnen könnte, würde mich sicher wie Goethe die Muse küssen und ich würde dichten“, sagte er in einer Anwandlung von Größenwahn. Marie nahm ihm alle Illusionen. „Die arme Menschheit!“ rief sie und rannte weg.
Der Zug fuhr schon wieder in aller Herrgottsfrühe. Unterwegs servierte Selma das Frühstück. In einer Hand die Schnitte, in der anderen eine Birne. Ernst amüsierte sich, dass eine Scheibe Brot hier „Bemme“ hieß. So erreichten sie Eisenach und stürmten sofort auf die Wartburg. Zu Anfang wurden noch Lieder gesungen, dann nur noch gekeucht. Paul ließ sich mitten im Grünen fallen. „Bis hierher und nicht weiter!“
Zur Mittagsrast gab es Äpfel, Birnen, Brot, Wurst und Butter aus dem Rucksack. Der war danach viel leichter. Auf der Burg andächtiges Staunen. Sängersaal, Lutherstube, Rüstsaal mit allen Rüstungen und Uniformen der Zeit um 1500. Ernst schoss mit seiner neuen Leitz-Leica – "Kleine Aufnahmen - Große Bilder" – viele Fotos und achtete darauf, dass Marie möglichst oft mit aufs Bild kam. Dann wurde es schon wieder höchste Zeit, den Bahnhof zu erreichen. Zum Glück fuhr ein Bus, der dank Ernstls Charme fünf Minuten eher abfuhr.
Der Reiseplan war von Paul auf die Minute genau ausgearbeitet worden. Kaum saßen sie im Abteil rief schon der Bahnhofsvorsteher: „Abfahrt!“ So eine Hetze. Alle waren total erschöpft und sammelten ihre letzten Lebensgeister zusammen. Alle außer Ernst. Der kam mit einem echten „Weaner“ ins Gespräch, der vor 30 Jahren hierher gezogen war.
In Kelbra ging es singend zu Fuß weiter. In einem Gasthof gab es Butterbrote und frische Kuhmilch, die in Wirklichkeit von Ziegen stammte. Paul und Selma kannten sich da aus. Ein zehn Kilometer langer Marsch zur Höhle „Heimkehle“ schloss sich an, auf dem alle bekannten Fahrtenlieder erklangen.
„Wir sind die Herren der Welt, die Könige auf dem Meer.“
Inzwischen war es sechs Uhr abends und man wollte noch nach Nordhausen, noch einmal so weit. „Am besten durch den Wald“, riet ein freundlicher Bergmann. Langsam wurde es dunkel und kein Wegweiser weit und breit. Mit lautem Gesang kämpfte man gegen die Dunkelheit an.
„Im Wald im grünen Walde, da steht ein Försterhaus. Da schauet jeden Morgen, so frisch und frei von Sorgen, des Försters Töchterlein heraus…“
Endlich ein Dorf. „Nach Nordhausen? Da laufen Sie hier in die verkehrte Richtung.“
Große Enttäuschung und im ganzen Dorf kein Gasthaus. Das nächste Dorf eine Stunde entfernt. „Na, ich habe die Ehre“, maulte Ernst, „also weiterhatschen.“
Die Sommernacht war lau und angenehm, so reifte der Wunsch, sich einfach im Wald niederzulegen. Ernst hatte ja seine Zeltplane im Rucksack dabei. Aber noch hielten die Lieder wach. „Lore, Lore, Lore, Lore, schön sind die Mädchen von siebzehn, achtzehn Jahr...“
Gegen zehn Uhr in der Nacht erreichte man Görsbach, weit ab von Nordhausen. Nur ein Gasthof hatte noch Licht und Paul klopfte an die Fensterscheibe. Sie hatten Glück, der Wirt war ein Dresdner, der froh war, etwas von seiner Heimat zu erfahren. Er tischte reichlich zu essen auf, Marie entdeckte ein Klavier und so kehrte bald die Fröhlichkeit zurück. „Dös is a Hetz!“ sagte Ernst und alle lachten. Um Mitternacht sank die Gesellschaft endlich ins Bett.
Morgens um halb fünf war schon wieder Wecken, es galt einen Zug nach Nordhausen zu erwischen. Das klappte wieder mal gerade so. Dort stand die Brockenbahn bereit, ein Bähnle mit fauchender Lokomotive und vier Wagen. Ernst bewährte sich als Zugbegleiter. „Alles fertig – los!“ rief er und das fauchende Ungeheuer gehorchte ihm.
In Drei-Annen-Hohne musste man umsteigen mit einer Stunde Aufenthalt. Alle hatten Hunger, aber im Ort gab es außer dem Bahnhof nur einen Gasthof und drei Häuser. Das Gasthaus konnte nichts erübrigen, „Das Brot ist für die Gäste!“ Blieb nur das Bahnhofsrestaurant. Auch hier zögerte der Wirt, aber als er hörte, dass da ein Wiener und eine Dresdnerin vor ihm standen war er so erstaunt, dass er Brötchen und Wurst herbeizauberte. „Dass sich so etwas zusammengefunden hat!“ Er konnte es gar nicht fassen.
Schließlich kam der Zug zum Brocken aus Wernigerode. Er ächzte aus allen Nähten aber schaffte es schließlich zur Spitze. „Nein, diese Aussicht! Wie herrlich.“ Der Sturm zerrte an den Sachen, aber dieser Blick. „Hier hatte auch Goethe gestanden.“
Gern hätten Marie und Ernst noch eine Weile in die Weite geschaut und sich Hexengeschichten erzählt, aber der Vater mahnte bereits wieder zum Aufbruch. Bergab ging es über quer liegende Äste und Felsblöcke, steil, ohne Wegweiser. Die Blaubeeren am Weg mussten daran glauben und landeten in begierigen Mündern. Tief im Wald fanden sich eine Quelle und einen prima Rastplatz. Das Schild: „Abkochen im Walde streng verboten!“ hatte man bewusst übersehen und ließ sich am Feuer auf der Zeltbahn nieder. Selma deckte den provisorischen Tisch, Paul war Koch, Ernst Wasserträger und Marie spähte in die Runde, damit sie keiner überraschte. Bald saßen sie im Kreis und löffelten die Erbsensuppe. Danach gab es Kaffee, extra stark, um bei Ernst bestehen zu können. Aber der schüttelte sich wieder und verschmähte das „Gesöff“. Ein „Einspänner“ sei ihm lieber.
Die Sonne meinte es gut und die letzten Tage war der Schlaf zu kurz gekommen. Bald lagen Paul und Ernst ausgestreckt im Gras, Selma und Marie auf der Zeltplane. Nach zwei Stunden gab es noch einen Kaffee, alle erfrischten sich an der Quelle, dann ging es bergab Richtung Bad Harzburg. Der Weg war steinfrei, also leicht zu begehen, und schon klangen wieder Lieder durch des Waldes Stille. „Das Wandern ist des Müllers Lust…“, und „Im Frühtau zu Berge wir zieh’n Valera…“Alles was man so drauf hatte. Zwischendurch erzählte Ernst von seinem Beruf, seiner Mami, den Mitmenschen und dem Garten. Es war eigentlich das erste Mal, dass sie ernsthaft miteinander redeten. Dabei verloren sie die Eltern aus den Augen. Erst ein Jodler von Ernst führte sie wieder zusammen.
Im „Molkenhaus“ gab es erfrischende Buttermilch. Dann ertönte zartes Glöckchengebimmel. Braune Kühe, alles braune, strebten von den saftigen Wiesen dem Abhang zu. Der Viehhirt in seiner Kutte stapfte gemächlich hinterher, sein Schäferhund an der Seite. Jede Kuh fand ganz allein den Weg zu ihrem Stall.
In Bad Harzburg war schon wieder Eile geboten, der Zug nach Goslar fuhr um Sieben. Dort kam man im Dunkeln an und musste sich doch noch ein Nachtlager suchen. Durch das Rosentor betraten sie die Stadt und gingen suchend die Bahnhofstraße entlang. Da sprach sie ein Mann an; „Suchen die Herrschaften Quartiere?“ Ein freudiges „Jaaa“ scholl ihm entgegen. Er führte sie zu einem neuen Einfamilienhäuschen. „Bitte sehr, das ist mein Heim. Ich kann Ihnen zwei Zimmer anbieten, 2 RM pro Bett.“ Da gab es kein Überlegen. Der Mann war ohne Arbeit und versuchte durch Zimmervermietung über die Runden zu kommen. In der Veranda servierte die Hausfrau Kaffee, und Selma packte die Brote aus. Endlich konnten sie mal wieder duschen. Es wurde halb zwölf, ehe Ernst im ersten Stock verstaut wurde. Die Familie war in Erdgeschoss untergebracht. Es gab keine Diskussion darüber, dass Marie bei den Eltern schlafen musste. Trotz ihrer 20 Jahre.
Am nächsten Morgen wurde Marie vom Plätschern des Vaters am Waschtisch munter. Die Sonne schien ins Zimmer, aber sie war noch sehr müde. Erst die strengen Worte des Herrn Papa: „Hau’n bisschen hin. Es ist schon sieben!“ brachten sie auf die Beine. Auch Ernst war schon munter. „Deine Guckerln schaun noch ganz trüb aus“, begrüßte er sie.
Nach dem Frühstück führte sie der Gastgeber durch die alten Gässchen Goslars, zur Kaiserpfalz und zum Rathaus. Im Huldigungszimmer wurde die silberne Bergkanne aus dem Jahr 1477 bewundert. Auf einem Teich beim Festungsturm am Zwingerwall glitten majestätisch zwei Schwäne über das Wasser. Beim Anblick der Menschen änderten sie ihren Kurs und schwammen lautlos auf sie zu. Leider umsonst, sie bekamen keine Mahlzeit und schwammen beleidigt davon. Es gab noch sehr viel zu sehen, aber wieder musste ein Zug erreicht werden.
Während die Eltern schon die Plätze belegt hatten, standen Ernst und Marie noch Händchen haltend und lachend auf dem Bahnsteig. Ein älterer Herr beobachtete sie eine Weile und sagte dann bärbeißig: „Nun nehmt doch endlich Abschied. So schwer wird das wohl nicht sein:“ Er erntete nur ein weiteres Lachen und die zwei stiegen erst ein, als der Bahnhofsvorsteher die Kelle hob.
In Hannover nutzte man die vier Stunden Aufenthalt zu einem kurzen Stadtbummel durch die Knochenhauerstraße mit den schönen mittelalterlichen Fachwerkbauten, bestaunte Markt und altes Rathaus. Die Zeit war wieder mal zu kurz. Außerdem hatten alle Hunger. In einem vornehmen Restaurant fielen sie in ihrer Wanderkluft auf, Ernst in kurzen Lederhosen, Marie im Dirndl, Selma mit Strickjacke und Paul in Knickerbockern. Aber immerhin mit Schlips. Den band er selbst bei größter Hitze um. „Für einen Polizisten in Zivil gehört sich das.“
Weiter ging es mit dem Zug nach Soltau, wo eingekauft wurde. Die Leute waren verschlossen und redeten nur das Nötigste. Die Fremden wurden von den Heidemenschen argwöhnisch beobachtet. Hier gab es nicht viele Touristen, schon gar nicht solche mit solch komischer Kleidung und der eigenartigen Sprache. Zuhause würden sie was zu erzählen haben.
Nächstes Ziel war Wintermoor. Im Zug schliefen alle. Die Strecke war auch zu eintönig. Im „Heidehof“ konnte man sich endlich mal wieder waschen. Das tat gut, auch wenn das Wasser durch das Moor ganz braun war. Im Garten gab es Abendbrot mit Käse und Westfälischem Schinken. Paul genehmigte sich eine Zigarre, einen „Friedhofsspargel“, wie Ernst despektierlich bemerkte.
Ein Abendbummel schloss sich an. Die Weite und das Rauschen der Birken und Heidebüsche legten sich auf die Gemüter. Hier konnte man Löns erst so richtig verstehen. Ganz leise klang ihr Gesang, voller Schwermut, aber in inniger Umarmung. „Es dunkelt schon in der Heide, nachhause lasst uns geh’n …“ Und schon an der Haustür sangen sie gedämpft: „Steh‘n zwei Stern am hohen Himmel, leuchten heller als der Mond…“ Das konnte nur mit einem Kuss enden. Einem? Ernstl wollte noch ein Busserl und noch eins. Dann verschwand jeder in seinem Zimmer, aber am offenen Fenster dachte Marie noch lange an ihn und versuchte sich über ihre Gefühle klar zu werden.
Am nächsten Morgen war die Schwermut verflogen. Ein lustiges „Grüß Gott“ von Ernst brachte die Heiterkeit zurück. Am Horizont zogen Wolken auf und verhießen Regen. Paul schaute besorgt aus dem Fenster, hatte er doch auch für heute ein großes Wanderprogramm. Ernst, der Schelm, fragte mit ernster Miene: „Herr Wirt, wie schaut’s mit dem Wetter aus?“, wo doch alle selbst das Unheil sehen konnten.
Unverdrossen marschierte das Quartett los, den Rucksack mit Broten und Äpfeln auf dem Rücken. Ringsum rosenrotes Heidekraut, so weit man sehen konnte, Blüte an Blüte. Es duftete schwer und süß. Die Füße versanken mit jedem Schritt im feinen gelben Sand. Ernst war der erste, dann folgten alle seinem Beispiel und zogen Schuhe und Strümpfe aus. Kein Mensch begegnete ihnen, es war ja auch mitten in der Woche. Natürlich erschollen wieder fröhliche Lieder „… leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken, klingen die Lieder weit übers Meer.“
Als es dann anfing zu regnen, war man froh über einen kurzen Schauer, der die Schwüle nahm, aber als er stärker wurde rettete sich die kleine Wandergruppe unter einen großen Kugelbaum auf einer Anhöhe. Die Unterbrechung wurde genutzt um zu frühstücken.
Nachdem Frau Holle sich ausgeweint hatte ging es weiter mit Schnaderhüpferln. Jeder sang einen Text und alle den Refrain. Auch Ernst hatte einen Beitrag.
„Juchhe und Juchhu, weil ma’s Leb’n no ham, seids lusti, mir komma so jung nimma zam! Holladihia, holladiho, a echter Weaner is allweil so.
Und mit Blick auf Paul
„Zwölf Polizisten und fufzehn Schandarm, san siemzwanz’g Spitzbuam wann’s zamkettelt warn.
Oben auf dem Wilseder Berg stand an einer Orientierungstafel eine andere Wandergruppe. Griesgrämige alte Damen, ein Taschentuch über den Kopf gebunden. Sie konnten sich über den Weg nicht einigen. Ein „Grüß Gott. Kemma aushelfen“ von Ernst erhellte die Gesichter. Er kam halt mit seiner Art überall gut an.
Dann ging es bergab, bei glühender Sonne. Die schweren Rucksäcke auf dem Buckel. Vor einem Haus schälte eine Frau Kartoffeln. „Erdäpfel“ nannte sie Ernst und alle lachten. „Wasser? Ja da aus dem Ziehbrunnen!“ Es war köstlich frisches und kaltes Wasser. Das Mittagsmahl, Brote und Äpfel, wurde am Waldesrand eingenommen. Paul war „Speerwerfen“. Er musste es nicht erklären. Die Frauen und Ernst konnten länger aushalten.
Dann kam die letzte Tagesetappe, zur Bahnstation nach Hützel. Heide so weit das Auge blicken konnte. Nach einiger Zeit kamen Höfe in Sicht, aber nirgendwo Menschen. Nur die vielen Bienenstöcke zeugten von Leben. Marie deklamierte Storm:
„Es ist so still. Die Heide liegt im warmen Mittagssonnenstrahle … Kein Klang der aufgeregten Zeit, drang noch in diese Einsamkeit.“
Es hatte sich nichts verändert seit 1852. Auch in Hützel war alles ausgestorben, selbst im Gasthof öffnete niemand auf das Klopfen. Also zogen die vier Wanderer am Bach entlang zum Dorf hinaus und lagerten auf der Wiese. Vater kochte Kaffee mit trockenem Reisig zwischen vier Steinen, die Beine baumelten im kühlen Nass, das Gesicht wurde der Sonne entgegen gestreckt.
Plötzlich verschwand Ernst hinter Bäumen und kam in Badehose zurück. Kurz entschlossen sprang er ins Wasser, der Bach hatte dort eine tiefe Stelle. Die anderen wuschen sich so gut es ging, um den Schweiß der Wanderung wegzuspülen. Danach frisierten sich die Damen, um wieder in der Zivilisation aufgenommen zu werden. Die Herren nutzten den Rest des heißen Wassers, um sich zu rasieren.
Gerade wollten sie aufbrechen, da kamen zwei Handwerksburschen den Bach entlang gewatet, Bündel unterm Arm, Pfeife im Mund. Knietief standen sie im Wasser. „He, ist’s hier tief?“, rief einer. „Nö, überhaupt nicht“ kam es wie aus einem Mund. Beim nächsten Schritt hatten sie den Boden unter den Füßen verloren. Aber sie verstanden Spaß und schwammen mit all ihren Sachen weiter, die Pfeife über Wasser haltend. Wie begossene Pudel kamen sie heraus, schüttelten sich und stimmten in das allgemeine Lachen mit ein.
Mit dem Heidebähnle ging es weiter bis Lüneburg. Während draußen dunkle Wolken aufzogen kuschelte sich jeder in eine Ecke und döste. Es wurde immer dunkler, es grollte, es blitzte, und als der Zug in Lüneburg hielt, goss es in Strömen. Er hatte aber keine Einfahrt, hielt also außerhalb des Bahnsteiges. Trotzdem stiegen die Leute aus und rannten das Stück zum Bahnhof. „Wir warten“, sagte Paul. Doch plötzlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung, aber rückwärts. Paul und Selma sprangen schnell ab, aber Marie zappelte noch drin und suchte ihren Ernstl. Der Zug wurde immer schneller. „Spring ab!“, schrie Papa. Marie warf den Rucksack von Ernst zum Fenster hinaus und sprang mit Todesverachtung aus dem fahrenden Zug. Inzwischen war Selma nach vorn gelaufen und schrie dem Lokführer zu: „Da ist noch einer drin!“ Quietschend kam der Zug wieder zum Stehen. Da stieg Ernst vergnügt und langsam die Trittbretter herunter.
Jetzt waren alle klitschnass und strebten der Wartehalle zu. Wenigstens gab es hier Kaffee. Überall standen Leute, die auf den Anschlusszug nach Hamburg warteten. Ernst und Marie wollten so gern dem Plattdeutschen lauschen, aber wo immer sie sich hinstellten, hörten die Leute auf zu reden. „Eigenartiger Menschenschlag“, flüsterte Ernst.
Gegen Neun fuhr der Zug ein. Paul reservierte zwei Abteile. In einem bereitete Selma das Abendbrot, im anderen tanzten Marie und Ernst Walzer. „Donau so blau, so schön und blau, durch Tal und Au wogst ruhig du hin …“ Dann wurde nur noch „lala, lala“ gesungen. Bis Paul sich energisch Ruhe ausbat, um ein Nickerchen zu halten. Die Jugend schaute zum Fenster hinaus.
In Hamburg wurden sie von Pauls Bruder Fritz abgeholt, der durch Telegramm verständigt worden war. Mit der Straßenbahn fuhren sie zum Stadtteil Bergedorf, zu Fritz' komfortabler Wohnung oberhalb seines Geschäftes. Es gab ein Radio, Ledergarnitur, einen großen Schreibtisch im Herrenzimmer, ein Bücherschrank mit unzähligen Büchern, eine moderne Küche. Es war die Wohnung eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Tante Grete, eine gebürtige Polin, hatte Klöße mit Sauerbraten aufgetischt, und zum Nachtisch Eis mit Früchten. Bis ein Uhr wurde gequatscht, dann fielen allen die Augen zu. Sohn Fritzi, ein aufgeweckter „Hamborger Jung“ war schon lange im Bett. Ernst schlief im Herrenzimmer auf dem Ledersofa.
Am nächsten Morgen brachte sie die Bahn nach Aumühle, dann ging es weiter zu Fuß durch den Sachsenwald zur Waldsiedlung Dassendorf, wo Fritz ein Wochenendhaus besaß. Das Grundstück war sehr groß, bewaldet und hatte einen Karpfenteich, an dem Paul sofort die Rute auswarf und nach fünf Minuten das Mittagessen herausfischte. Danach sollten Pilze gesammelt werden, aber die Jugend rannte nur herum, durch Gestrüpp und Büsche, und spielte „Hasch“. Sie kamen ohne Pilze, aber mit etlichen Schürfwunden zurück. Zum Glück waren Paul und Selma ernsthafter gewesen und hatten fleißig gesammelt.
Zum Abendbrot gab es beim Schein einer Petroleumlampe köstlich geschmorte Pilze, „Schwammerln“, wie Ernst sie nannte. Dann mussten die Enten, der ganze Stolz von Onkel Fritz, in ihr Häuschen gescheucht werden. War das geschafft, kamen sie vergnügt quakend auf der anderen Seite wieder hinaus und schwammen noch eine Runde.
Am Abend wurde erzählt. Man sprach über die Situation in Deutschland. Die völkisch-bündische Jugend hatte sich der HJ und dem BDM angeschlossen., die Hälfte der fünf Millionen Erwerbslosen war auf die Wohlfahrt angewiesen, während in Kiel ein neuer Panzerkreuzer vom Stapel lief. „Dafür ist Geld da“, kommentierte Selma die Zeitungsmeldung.
Auch in Wien gab es rechtsextreme Tendenzen, aber Ernst wäre nicht er selbst, wenn er nicht wieder einen Witz auf den Lippen gehabt hätte. „Die neureichen Pollaks gehen in die Oper, um ihr erworbenes Vermögen zur Schau zu stellen. An der Garderobe wird die Frau von der Garderobiere gefragt: ‚Wünschen Frau Baronin ein Opernglas?’ ‚Nein danke’, sagt die, ‚wir trinken aus der Flasche’“ Mit Blick auf Grete entschuldigte sich Ernst schnell, Pollak sei kein Schimpfwort, sondern ein Name. „Wollt ihr noch einen? Da trifft Graf Bobby auf dem Opernring einen Dienstmann, der auf seinem Rücken eine große Standuhr schleppt. Bobby geht auf ihn zu und sagt: ‚Lieber Herr, das ist doch zu unpraktisch.’ Er zeigt auf seine Armbanduhr. ‚Kaufen’s so ane, dös is praktischer.’“
Waschen musste man sich draußen an der Quelle. Am Morgen stand in jeder Ecke einer mit Handtuch und Seife. Dann sollten Marie und Ernst zum Krämer laufen. Es fehlte das Salz. Kaum waren sie zurück: „Ihr könntet auch noch ein paar Eier holen, das wäre doch toll zum Frühstück. Also rannten die zwei abermals los.“ Endlich saßen alle am Tisch. Später baute Paul mit Fritz eine Tür aus Birkenholz und die beiden Jungen waren überall, meist jedoch dort, wo sie nicht gebraucht wurden. Sie streiften durch die Siedlung und beobachteten das Sonntagsleben. Dort drei Mann beim Kartenspiel, eine Frau klopfte Decken aus, Kinder spielten im Sand. Fast überall stand ein Auto vor der Tür der gutsituierten Hamburger Geschäftsleute. Was für eine friedliche Zeit.
I-4
Am Montag hieß es Abschied nehmen vom kleinen Paradies. Ernst verscheuchte mit einem flotten Spruch die Abschiedsgrillen. „Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht den Jäger blasen?“ Fritz führte sie an Hünengräbern und uralten Bäumen vorbei zum Bismarck-Mausoleum Friedrichsruh. Dort stiegen sie in den Zug nach Hamburg und im Rest des Tages wurde unter Fritzis Führung die Innenstadt mit der Straßenbahn erkundet. Rathaus, Jungfernsteg, Uhlenhorster Fährhaus, Landungsbrücken. Die „Deutsche Werft“ lag still, kein Kran bewegte sich. Deutschland am Abgrund.
Der Dienstag war der Höhepunkt der Reise. Alle waren zeitig auf den Beinen, erwartungsvoll und aufgeregt. Tante Grete aber war noch früher in der Küche und hatte Unmengen Brote, Fleisch, Schnitzel und Obst für jeden zurechtgemacht. Das Essen auf Helgoland war teuer. Jeder bekam noch warme Kleidung mit auf den Weg, dann betraten die vier Feriengäste das Seebäderschiff, den Turbinen-Schnelldampfer „Cobra“.
Für die Landratten war das, als würden sie eine Weltreise beginnen. Matrosen rannten zwischen den an Deck stehenden Passagieren hin und her, Kommandos erschollen, ein Pfiff, dann wurde der Landungssteg eingezogen. Das Schiff schwankte etwas und manche blickten schon jetzt ängstlich. Der Dampfer fuhr mit stampfenden Maschinen los, Punkt sieben Uhr. Zugleich spielte eine Bordkapelle „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus …“
Taschentücher winkten, am Kai und auf dem Schiff. Tante Grete wurde immer kleiner. Langsam glitt der Dampfer an den Vororten Hamburgs vorbei, die Kapelle spielte flotte Weisen und die Menschen strahlten. Alle waren sie Vergnügungsreisende. Paul und Selma ließen sich drinnen nieder und betrachteten die vorbeiziehende Landschaft durch das Fenster. Marie und Fritz dagegen liefen von vorn nach hinten und wieder zurück, alles bewundernd und sinnend auf die weite Wasserfläche blickend. Das war doch etwas anderes als die kleinen Raddampfer auf der Elbe. Sie stöberten in allen Ecken und drangen bis in den Maschinenraum vor.
Draußen wehte ein steifer Wind. Hüte auf und Kragen hoch. So viel gab es zu sehen. Fischdampfer, Segelboote, Bugwellen mit Schaumkronen. Möwen umschwärmten das Schiff und fingen die zugeworfenen Bissen im Fluge auf. Als ein Regenschauer aufkam, verzogen sich auch die Letzten unter Deck. Dort wurde sogar nach den Klängen der Kapelle getanzt. Auch Marie und Ernst versuchten zu tanzen, aber das Schiff tanzte auch und ließ das Paar aus dem Takt geraten. Was für ein Spaß. Jeder schien sich zu kennen, lächelte dem anderen freundlich zu und machte Scherze. Urlaubsstimmung eben.
In Cuxhaven legte das Schiff an und neue Passagiere kamen an Bord. Die Gelegenheit wurde genutzt, um eine Postkarte mit der Schiffsansicht „Auf hoher See“ an die Telefonzentrale in Dresden zu schreiben. Der Stempel würde Eindruck machen. Dann wurde es stürmischer, der Seegang stärker und das Schiff tauchte stark in die Wellen ein. Matrosen schlenderten gemächlich mit Eimer und Besen hin und her und schrubbten fallen gelassenes über Bord. Je stärker das Schiff schwankte, umso schneller rannten sie. Manche Leute konnten das Auf und Ab und das seitliche Rollen eben nicht ab.
Die Frage, welche Windstärke das wohl sei beschäftigte Marie und Ernst sehr. Gelegenheit, mal mit einem der schneidigen Offiziere ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam gingen sie nach unten. Beim Offiziersspeisesaal stand „Eintritt verboten“, aber Marie übersah das Schild. So’n oller Seebär schaute sie fragend an. “Na min Deern, wat wist ju dor?” Sie fasste sich ein Herz: „Bitte können Sie mir sagen, welche Windstärke wir haben?“ Der Bärtige lachte übers ganze Gesicht. „Windstärke? Gor keen!“ Marie schaute enttäuscht. „Nu, Frollein, sechs sind’s schon, aber bei uns beginnt Wind erst bei Stärke Acht!“, erläuterte er auf Hochdeutsch, damit die Landratte das auch verstand.
Das war natürlich übertrieben und Marie kam sich auf den Arm genommen vor. Gern hätte sie mit vielen Windstärken geprahlt. Die Tür nach draußen ließ sich nur mit zwei Mann öffnen und an Deck musste man sich gegen den Wind stemmen. Stärke sechs, lächerlich. Ihr Seidentuch flatterte davon. Es waren fast nur Männer draußen, aber Marie wollte sich keine Blöße geben. Ab und an kamen noch mehr zur Reling, ziemlich blass, die dann lebhafte Zwiesprache mit dem Meer hielten.
Marie hielt sich tapfer, aber als neben ihr eine Dame ihren Geist aufzugeben schien, wurde auch ihr mulmig und sie rannte nach unten zu Muttern. Nur ein paar Minuten setzen. Dann ging’s wieder. Oben kam sie gerade zurecht, als Ferngläser gezückt wurden, um die Wasserfläche abzusuchen. Dann ein vielstimmiger Ruf: „Helgoland in Sicht“. Ein kleiner dunkler Fleck der sich schnell zu einem mächtigen Felseneiland entwickelte. Alle waren in Hochstimmung. Ein Hamburger erklärte den Greehorns die Bedeutung des Gedichtes:
„Grün ist das Land, rot ist die Kant, weiß ist der Sand. Das sind die Farben von Helgoland.“
Die Fahrt wurde langsamer, die Ankerkette rasselte, dann schwiegen die Kolben und das Schiff stand. Weit vor der Insel. Was nun? Aber schon kamen kleine Motorboote, und gingen längsseits, um die Landratten zur Felseninsel überzusetzen. „Die heißen ‚Börteboote’ informierte der Hamburger, „und die Insel auch ‚Das Heilige Land’, wegen des guten Klimas.“ Er selbst blieb bis Sylt an Bord, wo er seinen Urlaub gebucht hatte. Das Ausbooten machte viel Spaß, den älteren weniger. So manches „Huch!“ entfuhr den älteren Damen, die dann todesmutig am Arm von abgehärteten Seebären den Sprung in das schwankende Boot wagten.
Die Sonne schien gnädig, es war zwei Uhr. Sie hatten zweieinhalb Stunden Zeit, die Insel zu erkunden. Sofort wandten sie sich dem Oberland zu, die senkrechte Felswand vor sich. Die Eltern nahmen den Fahrstuhl, die Jungen rannten den Zickzackweg nach oben, zwei Stufen auf einmal. Sie waren sogar schneller oben als Selma und Paul, wenn auch außer Atem. Die hatten auf den nächsten Aufzug warten müssen.
Kinder boten Muscheln und Seesterne an. „Nur 10 Pfennige das Stück!“ Ernst wurde weich. Von oben ein zauberhafter Blick, tiefgrünes Wasser ringsum, die Sanddüne mit dem Badestrand, die Hafenanlagen. Auf dem Ankerplatz große Schiffe, von den kleinen Booten eifrig besucht, die Leute hin- und hertransportierten.
Die Zeit reichte nur für ein kurzes Picknick im Gras. Ernst musste noch mit dem Beefsteak in der Hand seinen Rucksack schultern, dann noch ein kurzer Weg entlang der schmalen Straße direkt am Abgrund, dem Falm, noch ein Foto, und schon ging es wieder abwärts, die Treppe hinunter. Auf dem Unterland kleine Fischerhäuschen, die großen Netze am Zaun zum Trocknen aufgehängt. An der Kaiserstraße war das Angebot an preiswerten Waren in den vielen kleinen Läden sehr verlockend. Jeder kaufte noch schnell ein Andenken oder Wollwaren. Marie zog ihren Pullover gleich über, aus Angst vor der Zollrevision.
Die Landungsbrücke war mit den Fahnen aller Nationen geschmückt und von allen Seiten kamen Menschen, die auf das Schiff zurück wollten. Ein letzter Blick. Kräftige Hände halfen beim Einstieg. Einer umfasste Maries Hüfte und hievte sie mit Schwung ins Boot, das taten sie gern bei jungen Mädchen. Draußen wartete schon der Dampfer, es war der „Kaiser“, die Cobra war weiter nach Sylt gefahren.
Schon an Bord, gerade wollte man zum Oberdeck hinaufsteigen, empfing sie ein donnerndes „Halt! Zollrevision!“ Marie mit ihrem kleinen Rucksäckchen ließ man mit einer Handbewegung passieren, aber Ernst erregte mit seinem Riesengepäck auf dem Rücken ihre Aufmerksamkeit. Er beteuerte hoch und heilig, nichts schmuggeln zu wollen, und wirklich, die Beamten ließen ihn vorbei. Er behauptete später, das sei seinem sympathischen Dialekt zu verdanken. „Ein Wiener ist halt überall gern gesehen.“ Auch Paul kam mit seiner kleinen Packung Zigarren in der Innentasche der Jacke ungeschoren davon.
Die vier ergatterten eine schönen Fensterplatz. Paul bestellte ein Bier, Selma und Marie bekamen einen Kaffee und Ernst eine Schokolade. Die Kapelle intonierte einen schneidigen Marsch und langsam setzte sich das Schiff in Bewegung. Die Insel wurde zusehend kleiner, dann blieben auch die Möwen weg. Man war wieder allein mit Neptun auf hoher See. Alle waren jetzt müde, genossen die Ruhe im Liegestuhl oder schrieben Postkarten. Marie und Ernst standen auf dem Achterdeck und schauten in die Wogen. Jeder mit seinen Gedanken, die baldige Trennung vor Augen. Große Frachtdampfer mit zwei oder gar drei Schornsteinen zogen vorbei, dicke Rauchfahnen ausstoßend. Nach dem vierten Feuerschiff kam Cuxhaven in Sicht.
Marie und Ernst wollten hier einen Tag allein verleben, während die Eltern zu Onkel Fritz in Hamburg weiterfuhren. Paul gab seinem Herzen einen Stoß, nachdem Selma ihn ihrerseits angeschubst hatte und Marie hoch und heilig versichert hatte, brav zu bleiben. Das Winken nahm kein Ende, als gelte es für Monate Abschied zu nehmen. Dann waren die zwei allein.
Das Abendbrot nahmen sie in einer Fischbratküche ein, dann gingen sie auf Quartiersuche. Hier erfuhren sie, dass am Strand die alljährlich am 11. August vom Reichsbanner organisierten Verfassungsfeiern stattfänden. Zwar waren sie müde von der ungewohnten Seeluft, aber das wollten sie sich nicht entgehen lassen. Die Straßen wimmelten von Menschen, hauptsächlich junge fesche Marineschüler mit ihren weißen Mützen und blauen Bändern. Marie äugte mal hier mal da hin, während Ernst sachkundigen Blickes die einheimischen Mädel begutachtete. Im Pavillon spielte eine Militärkapelle, die zum Tanzen einlud. Die Umzüge interessierten sie weniger, da sie zu sehr politisch aufgezogen waren. Zehn Uhr mussten sie im Quartier sein und jeder ging brav in sein Zimmer, um sofort einzuschlafen.
Am Tag darauf wanderten sie zum Strand nach Duhnen und auf dem Weg dorthin passierten sie etliche Truppenübungsplätze. „Photographieren streng verboten!“ Es fanden gerade Feldübungen mit leichten Geschützen und schweren Kanonen statt, die im Sand teilweise eingegraben waren. Sie sahen eine Weile zu, dann wanderten sie weiter. In Dunen herrschte lebhafter Badebetrieb, Strandkörbe wurden herangeschleppt und die ersten Badegäste breiteten ihre Handtücher aus. Das Motorboot zur Insel Neuwerk war leider schon weg und der Pferdewagen fuhr erst am Nachmittag. Langsam und still liefen sie weiter am Strand entlang. Das plätschern der Wellen war der einzige Laut, der die Stille unterbrach.
Sie legten die Zeltplane hinter einem Holzstoß aus, windgeschützt. Die Flut ging langsam zurück und hinterließ einen kahlen Strand. „Du, Marie, kommst du mit baden?“ „Nö, das ist mir noch zu kalt, aber ich werde dich ein Stück begleiten.“ Sie wanderten über eine halbe Stunde lang, ohne das davoneilende Wasser einzuholen. Nur tote Fische, Krabben und Muscheln hatte es zurückgelassen und die Möwen zankten sich darum. Dann hatte Marie keine Lust mehr und ließ Ernst allein weiterziehen, der unbedingt einmal im Meer schwimmen wollte.
Sie ging zurück und ließ sich am Holzstoß in der prallen Sonne braten. Wieder schweiften ihre Gedanken um ihr Verhältnis zu Ernstl. Ein guter Kamerad war er, aber als Mann? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Mentalität und Charakter waren doch zu verschieden. Sie hatten es durch Alberei überspielt. Vielleicht war sie auch einfach noch zu jung. Noch nicht einmal volljährig. Papa hatte ihr erklärt, als sie mal allein waren, dass Ernst zwar riesig nett sei, aber Alltag und Urlaub seien ein paar verschiedene Schuhe. In Wien würde sie in einen völlig anderen Kulturkreis kommen. Ob das wohl gut ginge? Er hatte ja Recht. Das Leben lag noch vor ihr. Die Gedanken verlangsamten sich… sie musste wohl eingeschlafen sein.