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Die Menschheit und die Ritter der Erde haben sich in der Galaxie bewährt. New Eden wurde entdeckt, neue Freunde gefunden und mächtige Gegner ausgemacht. Doch nun muss zunächst eine sich auf der Erde anbahnende Katastrophe abgewendet werden. Der Sinn intelligenten Lebens enthüllt sich ihnen. Sie erfahren, was das Multiversum ist und wie die unzähligen Universen in ihm entstehen und wieder vergehen. Ein junger Mensch macht den Schritt in das neue Zeitalter und wächst dabei über sich hinaus. Imana! Mit ihren besonderen Sinnen wird die junge Frau nicht nur zur Retterin New Edens. Ihr Talent als Pilotin wird zum entscheidenden Faktor in einem dramatischen Geschehen. Dann, gerade als Imana die Liebe ihres Lebens gefunden hat, begegnet ihr Ganzzunii. Und schon wieder ändert sich alles!
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Seitenzahl: 618
Veröffentlichungsjahr: 2022
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www.abenteuerunendlichkeit.com
„Die Sterne mit euch!“
K. Schröder
In Band 1 „Die Ritter der Erde“ erfuhren wir vom tragischen Schicksal des Telluriers Jairoum tan Lock. Aber auch, wie er schließlich neue Freunde fand und die Menschheit rettete. Die Menschheit wurde auf das technologische Niveau des Telluriers gehoben und begleitet ihn seitdem in der Unendlichkeit.
Ihnen begegnen fantastische Gebilde im All. Sie erfahren von fremdartigen Mächten im Universum. Sie müssen sich mit anderen Zivilisationen auseinandersetzen. Dies alles und noch viel mehr. Sie haben sich bewährt, doch das Abenteuer Unendlichkeit geht weiter! Hier nun erfahren wir unter anderem vom Schicksal eines jungen Menschen.
Imana! Die junge Frau macht mehrere Wandlungen durch und wird schließlich zu einem der mächtigsten Wesen in unserem Universum!
Aufbruch nach New Eden
Imana – Kampf um New Eden
Überraschungen in New Eden
Die Abakamen
Das Archiv
Leviatan
Duranier
Geheimnisse werden gelüftet
Entscheidungen
Ganzzunii
Glossar
Planet Tikal – Hauptwelt des Volanischen Reiches
Reichssaal der Clans
Jairoum tan Lock
„Zum Sardock mit den volanischen Sitten und Gebräuchen!“ Ich ballte die Hände zu Fäusten, als ich diesen Satz leise zwischen zusammengepressten Zähnen ausstieß. Nur der Respekt vor Eitara hielt mich davor zurück, Daschar meine Meinung zu sagen. Diese überaus arrogante Volan stand hier in der Halle der Clans meiner Freundin gegenüber und rezitierte aus dem Buch der Jaghema.
Wir befanden uns auf Tikal, dem Ursprungsplaneten der Volan und Eitaras Heimat. Auf wohl jedem anderen Planeten läge die Halle der Clans, die Regierungszentrale des Volanischen Reiches, in der Hauptstadt. Nur gibt es auf Tikal keine Städte im ursprünglichen Sinn. Vielmehr ist die Oberfläche des Planeten von einer einzigen Stadt bedeckt. Miteinander verwobene, kristalline Strukturen überziehen fast die gesamte Landmasse Tikals, selbst die Gebirge. Auch auf dem Grund der vielen kleineren Meere herrscht diese Bauweise vor. Kristalline Türme ragen überall aus den Strukturen hervor und kilometerweit in den Himmel. Bei Tag funkelt und glitzert dieses fantastische Gebilde wie ein Gewebe aus unendlichen miteinander verbundenen Edelsteinen im Licht Tikals aquamarinblau strahlender Sonne. Bei Nacht gibt der Kristall gespeicherte Wärme und Licht wieder ab. So wird die Nacht beinahe zum Tag. Aus dem All betrachtet gleicht Tikal wirklich einem funkelnden Juwel.
Auf diesem Juwel leben etwas über zwölf Milliarden Volan. Der Planet ist etwas kleiner als die Erde und nur etwa halb so groß wie Tellur.
Die Volan! Diese Wesen mit ihrer blassvioletten Haut, den nach oben zugespitzten Ohren sowie den bei Erregung blutrot flammenden Augen faszinieren. Sie leben nicht etwa in einer sterilen, nur aus Kristall bestehenden Umgebung, denn in das Kristall eingebettet sind zahlreiche andere Materialien verbaut. Hauptsächlich organische Stoffe wie Holz werden wie Intarsien vom Kristall eingefasst. Den Kristall lassen die Volan mittels einer von ihnen entwickelten Technik minutenschnell in jedweder Form wachsen. Aussparungen für die danach einzubettenden anderen Materialien und die Hohlleitungen für die spätere Zuführung von Wasser und Energie werden dabei gleich mitberücksichtigt. Ebenso übrigens wie für die unzähligen Pflanzeninseln mit nährreicher Erde. Aus diesen wuchert die exotische Flora Tikals über den Kristall und lässt den Planeten damit insgesamt weicher – organischer – erscheinen.
Diese Pflanzeninseln kommen in jedweder Größe und in fast allen Bereichen des Kristallgebildes vor, so zahlreich, dass sie beinah die gesamte Sauerstoffproduktion auf dem Planeten sicherstellen. Ein Übriges tun die gigantischen Farmanlagen unter Tikals kristalliner Oberfläche, denen das benötigte Sonnenlicht direkt durch die Kristallstruktur in unverbrauchter Form zugeführt wird. So ist Tikal nicht nur ein funkelndes Juwel, sondern auch eine in sich blühende Landschaft mit nur geringer Fauna, die den Volan alles bietet, was sie benötigen.
Seit dem gentechnischen Angriff einer feindlichen Lebensform besteht das Volk der Volan zu über 99 Prozent aus weiblichen Vertretern ihrer Art. Diese leben in einer Variation der Gesellschaftsform des Matriarchats. Die wenigen männlichen Volan können schon seit Jahrhunderten nicht mehr allein für den Erhalt ihrer Spezies sorgen. Daher wurde bereits vor langer Zeit damit begonnen, den Genpool anderer, kompatibler Völker in der Galaxis anzuzapfen. Unter gentechnischer Unterdrückung der meisten spezifischen Merkmale der anderen Art entstehen Volan, die sich jedoch stets in einigen Details von den wenigen noch reinblütigen Volan unterscheiden.
So entstand die Clangesellschaft der Volan. Die Mitglieder eines Clans sind Abkömmlinge von reinblütigen weiblichen Volan und den männlichen Vertretern einer bestimmten anderen Art oder hervorgegangen aus Verbindungen von Mitgliedern desselben Clans untereinander. Derzeit gibt es einundzwanzig Clans inklusive des Clans Emulan, dem die letzten reinblütigen Volan angehören. Jeder Clan wird gleichberechtigt von je drei Mitgliedern in der Clansversammlung vertreten. Dies, sobald die Gesamtzahl der Mitglieder eines Clans wenigstens die Eintausend überschreitet.
Die Clansversammlung wiederum ist das oberste Regierungsorgan der Volan, das alle wichtigen Entscheidungen trifft. Geführt wird die Clansversammlung von der Jaghema, die mit umfangreichen Sonderrechten ausgestattet ist. Die Jaghema wird jeweils für drei volanische Jahre von der Clansversammlung gewählt, was ziemlich genau sechs irdischen Jahren entspricht. Die erwähnten Sonderrechte der Jaghema sind allerdings mit einer nicht unerheblichen Anzahl von Verpflichtungen verbunden.
Dies alles findet sich im Buch der Jaghema niedergeschrieben, aus dem Daschar soeben rezitierte. Aus meiner etwas erhöht am Rand der Clanshalle liegenden Besucherloge für Repräsentanten fremder Völker hatte ich einen guten Überblick und betrachtete nun Eitara. Scheinbar unerschütterlich saß meine Geliebte in ihrem Kristallthron nahe dem einen Ende der Clanshalle. Vor ihr gab es eine zum Thron hin offene, u-förmige kristalline Erhöhung, die als Tisch- und Schaltpultensemble diente. An ihr saßen die anderen Ratsmitglieder. Standarten mit den Clanswappen verrieten ihre Clanszugehörigkeit, wie auch über Eitaras Thron das Banner derer von Emulan hing.
Ich befand mich allein in dieser natürlich ebenfalls aus Kristall geformten Loge am Rand der Ratshalle. Zu einer solchen Sitzung der Clansversammlung, wie sie gerade stattfand, wurden keine Fremden zugelassen – normalerweise! Eitaras Einfluss war es zu verdanken, dass man bei mir diese Ausnahme erlaubte. Allerdings hatte sie sich nicht eben weitere Freunde in der Clansversammlung gemacht, indem sie auf meiner Anwesenheit bestand. Wie mir Eitara versichert hatte, war dies aber auch nicht notwendig. Eine komfortable Mehrheit der Ratsmitglieder stand geschlossen hinter ihr. Außerdem genoss Eitara unter den normalen Volan eine so große Beliebtheit, dass die Ratsmitglieder um ihre Abwahl fürchten mussten, wenn sie aggressiv gegen ihre derzeitige Jaghema vorgingen.
Eitaras Rückkehr nach Volan hatte dann auch einem Triumphzug geglichen. Zwar hatte sie auf ihrer Mission zwei Schiffe samt Besatzungen verloren, aber die Tatsache, dass dies im Kampf gegen eine weit überlegene Flotte der feindlichen Menions geschehen war, machte diesen Verlust vollkommen wett. Die Aktion im irdischen Sonnensystem, in deren Verlauf die gewaltige Invasionsflotte der Menions zurückgeschlagen worden war, galt den Volan als ehrenvolle Heldentat, auch wenn die drei Volan-Schiffe damals lediglich als Bestandteil einer größeren Koalition aus Kräften verschiedenster Völker agiert hatten.
Viel wichtiger noch war den Volan, dass Eitara mit den Menschen mögliche neue Bündnispartner und eventuell sogar „Scholaan“ entdeckt hatte. Bei dem Gedanken musste ich grinsen. Was die Menschen wohl davon halten würden, dass die Volan sie als genetisch kompatible Spezies und mögliche Kandidaten zur Gründung eines neuen Clans betrachteten?!
Ich hob meinen linken Arm mit dem Multifunktionsarmband auf Kinnhöhe und ließ ein Vergrößerungsfeld vor meine Augen projizieren. Damit zoomte ich mir Eitara näher heran und sah sie in relativ entspannter Haltung in ihrem Kristallthron sitzen. Ja, richtig: in! Denn dieser Thron war ein gewaltiges Gebilde. Seine reich verzierten Kristallformen reichten vom Boden bis hin zur hohen Decke der Clanshalle. Auch zu den Seiten hin wucherten wulstige Kristallelemente. In der Mitte dieses Kunstwerks war wie in einer geräumigen Nische eine sich der Körperform anpassende, mit Sicherheit sehr komfortable Einlage für die Jaghema eingesetzt. In dieser saß meine Gefährtin gleich einer edlen Statue. Eitaras Augen waren lediglich zartrosa verfärbt und gaben damit Aufschluss über den mäßigen Grad ihrer Erregung. Die in den Sehorganen der Volan überreichlich vorhandenen Blutbahnen konnten ihre ansonsten weißen Augen mit der bernsteinfarbenen Iris bei entsprechender Aufregung in wahrlich blutrot flammende Rubine verwandeln.
Ich schwenkte meinen Arm in Richtung der Volan, die mit dem aufgeschlagenen Buch in der einen Hand und mit der anderen Hand großartige Gesten vollführend wie dozierend im offenen Rund vor Eitaras Thron auf und ab stolzierte. Bei ihr sah die Angelegenheit schon anders aus. Ihre Augen strahlten wie zwei tiefrote Scheinwerfer! Ich ließ den Arm sinken und das Vergrößerungsfeld deaktivierte sich automatisch. Meine Hände krampften sich wieder um die Brüstung der zur Clanshalle hin offenen Kristallloge. Ich bemühte mich, dass soeben Gehörte zu verdauen. Längst hatte ich mittels Hypnoschulung Volanisch erlernt und benötigte so keinen Simultanübersetzer mehr in meinem Ohr. Überdies hatte mir Eitara noch die spezifischen Feinheiten ihrer Muttersprache nähergebracht, in der mit nur leichten Veränderungen in Tonlage und Aussprache ganze Emotionswellen zum Ausdruck gebracht werden konnten.
Durch diese zusätzliche Schulung erkannte ich auch, was hier wirklich ablief. Was Daschar bezweckte!
Eitara hatte mir schon vor einigen Tagen mitgeteilt, dass sie sich am Ende ihrer zweiten Amtszeit als Jaghema der Volan befände. Von einer Jaghema – zumal einer reinblütigen aus dem Clan Emulan – wurde erwartet, dass sie sich danach mindestens ein volanisches Jahr lang intensivst der Fortpflanzung widmete. Bei den Volan bedeutete dies, dass sie dieses gesamte Jahr unter strengster medizinischer Aufsicht und abgeschirmt vom öffentlichen Leben verbringen musste. In dieser Zeit würde bei ihr die Produktion von Eizellen angeregt, sodass diese auf weit über 200 Prozent des üblichen Maßes anstieg. Der Körper der Volan wurde in dieser Zeit auf spezielle gentechnische Art und Weise behandelt. Es erfolgte eine Optimierung der Eizellen auf die Zeugung von Volan des einen oder anderen Clans. Oder es entstanden optimierte Eizellen, die mit den Spermien jener wenigen männlichen noch lebenden, reinblütigen Volan ohne Gendefekte befruchtet werden konnten.
Letzteres würde wohl auch in Eitaras Fall geschehen. Eine Jaghema aus einem der anderen Clans konnte natürlich nur Nachkommen mit männlichen Vertretern des eigenen Clans, der Ursprungsrasse oder reinblütigen Volan haben. Diese Einschränkung galt für die Emulan nicht. Auch daher waren die anderen Clans so erpicht darauf, dass diese reinblütigen Volan sich der Tradition, die quasi Gesetz war, beugten.
Nun! Eitara und ich waren aus verständlichen Gründen nicht daran interessiert, für ein ganzes volanisches Jahr voneinander getrennt zu werden. Und genau dies hätte es bedeutet, wenn meine Freundin der Tradition ihres Volkes folgen würde. Eitara hatte mir jedoch versichert, sie habe einen guten Grund, dies zu verhindern. Es gab Präzedenzfälle in der volanischen Geschichte, in denen aus wichtigen Gründen Ausnahmen zugelassen worden waren. Einen weiteren Präzedenzfall zu schaffen war nun Eitaras erklärtes Ziel. Daher hatte sie diese Sonderversammlung der Clans einberufen – zunächst einmal, ohne den Grund dafür bekannt zu geben. Als amtierende Jaghema musste sie sich auch nicht weiter erklären.
Doch dann hatte sie gleich zu Beginn der Versammlung die Bombe platzen lassen, indem sie erklärte, dass sie beabsichtige, im Interesse des volanischen Volkes auf ihr „Jahr des Makai“ zu verzichten, um einer anderen, wichtigen Aufgabe nachzugehen. Zwar hatte sie nicht vorgehabt, diese Aufgabe näher zu definieren, wäre aber auch gar nicht dazu gekommen, weil ihr Ansinnen umgehend für helle Aufregung in der Clansversammlung gesorgt hatte.
Zunächst einmal hatte Eitara geschwiegen und abgewartet. Schließlich, nachdem sich Aufregung und Empörung ein wenig gelegt hatten, ergriff die Volan Daschar das Wort. Ebenfalls reinblütig und damit dem Clan Emulan angehörend, war sie jedoch die größte Widersacherin Eitaras in der Clansversammlung, wie mir meine Geliebte erklärt hatte. Eitara hatte damit gerechnet, dass Daschar ihr sofort widersprechen würde, und gedachte dies auszunutzen.
Die Worte und vor allem der Tonfall, mit denen sich Daschar jetzt gegenüber ihrer Jaghema äußerte, waren es, die mich schier zur Weißglut brachten. Zwar hielt sich Daschar peinlich genau an die Etikette der Clansversammlung, brachte es jedoch fertig, hintergründig höhnisch über Eitara und ihr Ansinnen zu reden. Daneben trug sie die relevanten Passagen aus dem Buch der Jaghema mit einer nicht zu überbietenden Arroganz vor. Beides ließ mir das Blut in den Kopf schießen und färbte meinen Teint mit Sicherheit tiefgrün. Ich konnte nicht fassen, wie ruhig meine Freundin bisher geblieben war und wie es ihr gelang, die in ihr brennende volanische Wildheit zu zügeln.
Doch nun schien Daschar zum Ende zu kommen, und ich konzentrierte mich auf das Folgende: „… besagt der Kodex der Jaghema eindeutig, dass diese spätestens nach ihrer zweiten Amtsperiode abzudanken und sich in das Jahr des Makai zu begeben hat.“
Das Buch der Jaghema in ihrer Hand zuklappend, drehte sich Daschar um, wies mit der anderen, ausgestreckten Hand wie anklagend auf Eitara und fuhr fort: „Jaghema Eitara von Volan, meine geehrte Clansschwester! Was könntet Ihr also als Grund für den von Euch gewünschten Verstoß gegen unsere heilige Tradition geltend machen? Ich bin mir sicher, es kann nicht die Verbindung zu Eurem neuen Lustpartner sein, mit dem noch nicht einmal die Gründung eines neuen Clans möglich wäre, da er der Einzige seiner Art in unserer Galaxie zu sein scheint!“
Während mir, dem sogenannten „Lustpartner“ vermutlich noch mehr Blut in den Kopf schoss, erhob sich Eitara majestätisch von ihrem Thron. Langsam schritt sie zwei kristalline Stufen hinab und begab sich damit ein klein wenig mehr auf das normale Niveau der Clansversammlung. In ihrem Zeremoniengewand machte sie eine wahrhaft prächtige Figur und stand mit steil aufgerichtetem Schwanz da. Ein Bild voller sinnlicher Kraft und Schönheit. Jetzt füllten sich dann doch noch ihre Augen, und sie ließ ihren flammenden Blick über die Clansversammlung schweifen, ohne Daschar besondere Beachtung zu schenken.
Schließlich begann sie mit kristallklarer Stimme zu sprechen: „Wisst ihr nicht mehr, wer ich bin? Vor euch steht Eitara vom Clan Emulan der Volan! Eure Jaghema, die diese Clansversammlung vor nicht ganz drei Jahren in eine zweite Amtsperiode gewählt hat. Ist dies etwa geschehen, weil ich mich als inkompetent, nicht vertrauenswürdig oder illoyal erwiesen habe?“
Die Menschen würden sagen, dass man jetzt die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. In der Halle der Clans war absolute Stille eingekehrt, und so fuhr Eitara fort: „Bereits während meiner ersten Amtsperiode habe ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Traditionen wie das Jahr des Makai für veraltet und anpassungswürdig halte. Über die Jahrhunderte haben sich Millionen von Volan dieser Prozedur unterzogen. Unter ihnen Hunderttausende aus dem Clan Emulan. Was einst überlebenswichtig für unser Volk schien, gehört längst hinterfragt. Die reine Blutlinie zu erhalten und allgemein den Fortbestand der Art sowie der Clans zu sichern ist längst nicht mehr notwendig. Traditionen sind gut, denn sie sorgen für Stabilität in einer Gesellschaft. Passt man diese Traditionen jedoch nicht an die aktuellen Gegebenheiten an, so wandeln sie sich zu einem Hemmnis in der Entwicklung eines Volkes. Im konkreten Beispiel liegen Milliarden und Abermilliarden von Eizellen in den Aufzuchtstationen in Stasis und warten auf die Befruchtung. Wofür? Wollen wir für eine Überbevölkerung auf den Welten des Volanischen Reiches sorgen? Benötigen wir Milliarden von zusätzlichen Kämpferinnen, um über unsere Nachbarn herzufallen? Ich sage Nein!“
An dieser Stelle machte Eitara eine Pause, wandte sich um und stieg wieder die zwei Stufen zur Ebene ihres Throns hinauf. Dort angekommen, blieb sie stehen und drehte sich wieder in Richtung Clansversammlung.
Diese Zeit nutzte Daschar und begann: „Edle Eitara, Jaghema, die Gefahr der Menions ist …“
Doch weiter kam sie nicht, denn Eitara fuhr ihrer Artgenossin, einen bewussten Affront begehend, ins Wort: „Die Gefahr der Menions ist unter Kontrolle! Der nicht zuletzt von mir vorangetriebene Ausbau der Raumflotte und die Entwicklung der neuen Baureihe der Jagdschiffe wie meiner Vagher Vei tragen den dreisten Überfällen der Menions auf das Volanische Reich Rechnung. Wir haben genug Schiffe und Besatzungsmitglieder, um dieser Gefahr begegnen zu können. Außerdem sind den Menions mit den Menschen neue potente Gegner erwachsen, die ihre Kräfte in nächster Zeit aufs Äußerste beanspruchen werden. Doch zurück zum Thema!“
Während Eitara eben noch von einer zur anderen geschaut hatte, brannte sich ihr flammender Blick nun in die Augen Daschars! „Trotz meiner Vorbehalte wäre ich bereit gewesen, in wenigen ,Zehnten‘ mein Amt niederzulegen und mein Jahr des Makai zu beginnen. Doch ich bin der festen Überzeugung, meinem Volk und dem Volanischen Reich ab sofort in anderer Funktion besser dienen zu können.“
Eitara entließ Daschar aus der Umklammerung ihres trotz der flammenden Augen fast eisigen Blickes und wandte sich wieder der gesamten Clansversammlung zu: „Ihr alle habt meine Berichte vorliegen – über die Menschen, den Tellurier Jairoum tan Lock, die Menions! Auch die Informationen über die mit den Menions verbündeten sogenannten ,Schwarzen‘ oder auch ,Wächter des Alls‘ liegen euch vor. Ebenso vernahmt ihr meine Schilderungen über die Entdeckungen der Menschen und des Telluriers: den Behüter im Zentrumskern unserer Galaxie. Das sich Abgesandter nennende Geistwesen. Die Trei angh Schin. Die unfassbar mächtig erscheinenden Überintelligenzen Shagra und Shagra Tur. Schließlich die unglaubliche Lebenssphäre der Konstrukteure. Außer von Letzteren war den Volan noch nicht einmal in Legenden bekannt. Man mag darüber streiten, ob es dem Fremden in unserer Galaxie und der jungen Rasse der Menschen gebührt, aus diesen Entdeckungen ihren Nutzen zu ziehen. Nun, sie konnten es sich nicht aussuchen! Viel wichtiger aber ist: Sie sind zur Zusammenarbeit bereit und teilen ihre Erkenntnisse mit all jenen, die zur friedlichen Kooperation bereit sind.“
Erneut machte Eitara eine bedeutungsschwere Pause, und dieses Mal wagte niemand, sie zu unterbrechen. Dann kam sie auf den Punkt: „Die Volan sind eingeladen, an alldem von Anfang an teilzuhaben. Ich bin mir sicher, angesichts der Gefahren, die die Schwarzen und eventuell auch Shagra und Shagra Tur darstellen und neben denen die Gefahr, die von den Menions ausgeht, geradezu verblasst, angesichts des möglichen Erkenntnisgewinns und weiterer Entdeckungen, angesichts der Möglichkeit einer Allianz vieler Völker dieser Galaxis gegen Gefahren von innen wie von außen, angesichts all dessen kann das Volanische Reich es sich nicht leisten, diese Chance ungenutzt zu lassen!“
Eitara trat einen Schritt vor und ergriff erneut das Wort: „Ich bin bereit, auf den Rest meiner Amtszeit als Jaghema der Volan zu verzichten und als Botschafterin nach New Eden zu gehen, um dort die Interessen der Volan zu vertreten. Die von den Menschen sogenannte Lebenssphäre der Konstrukteure wird sich alsbald zum Brennpunkt der Ereignisse in dieser Galaxie entwickeln. Da bin ich mir sicher. Und schließlich bin ich die Volan, die am vertrautesten mit den Menschen und dem Tellurier ist. Daher halte ich mich dieser Aufgabe wohl mit Recht für gewachsen. Außerdem empfehle ich die Entsendung von wenigstens fünfzig unserer schweren Jagdschiffe, um die Verteidigung New Edens zu stärken. Sie können dort Flagge zeigen und die bereits von mir dorthin beorderten 24 mittleren Einheiten ersetzen.“
Eitara wandte sich um und nahm wieder in ihrem Kristallthron Platz. Während die anderen Mitglieder der Clansversammlung eine lautstarke Diskussion begannen, warf mir Eitara aus der Entfernung einen Blick zu und lächelte kurz.
Dann begann das Warten auf die Entscheidung der Clansversammlung. Natürlich war es Daschar, die noch einmal versuchte, die Stimmung gegen Eitara zu wenden. Diese Volan wand sich förmlich, um nicht so zu klingen, als bezichtigte sie die amtierende Jaghema der Lüge. Dennoch brachte sie zum Ausdruck, dass der Clansversammlung außer meiner und Eitaras Aussagen sowie einiger leicht zu fälschender Aufzeichnungen der Geschehnisse keinerlei Beweise vorlägen und unsere Schilderungen insbesondere der fantastischen Wesenheiten doch einigermaßen unglaubwürdig klängen.
Eitara spielte demgegenüber ihre ganze Autorität und Souveränität als Jaghema aus. Zudem verwies sie auf die Berichte ihrer Schiffsbesatzung sowie die Möglichkeit, unsere Aufzeichnungen nach allen Regeln der Kunst zu untersuchen und auf Echtheit zu überprüfen.
Ich sah bereits stundenlange Diskussionen der Clansvertreter auf uns zukommen. Daher beschloss ich, meiner Geliebten unabgesprochen zu helfen. Ich lehnte mich in meinem kristallinen Sitz zurück und dachte an einen, der uns bis Tikal gefolgt war, jedoch bisher kaum etwas von sich hatte sehen und hören lassen: „Abgesandter! Würdest du bitte…?“ Eine Sekunde darauf erschien unter der Kuppel über der Halle der Clans eine von Blitzen umzuckte blau-weiße Kugel. In die Gehirne aller Anwesenden drangen die Gedanken des Geistwesens wie gesprochene Worte: „Der Abgesandte grüßt die Volan. Folgt dem Weg des Lichts. Die Menschen und jener von Tellur wandeln auf ihm. Sich ihnen anzuschließen bedeutet die Erlangung der Gunst des Schicksals!“ Damit verschwand die Erscheinung, die der Abgesandte sich zu geben pflegte.
Nach einem Moment der Starre verwandelte sich die Halle der Clans in ein Tollhaus. Die Volan sprangen von ihren Plätzen auf und versicherten sich gegenseitig, dass das eben Erlebte tatsächlich geschehen war.
Eitara war nur halb aus ihrem Thron hochgeschreckt und schaute mit nun wieder flammenden Augen und stirnrunzelnd zu mir herüber. Ich jedoch zuckte nur mit den Schultern und breitete mit entwaffnendem Lächeln die Arme aus.
Planet Tikal
Heimatwelt der Volan
Der Abgesandte
Wieder einmal hatte dieser Tellurier mich gebeten, meine Rolle als beobachtender Abgesandter zu verlassen und mein Selbst zu offenbaren. Mein innerer Widerstand gegenüber solcherlei Ansinnen war inzwischen geschwunden. So tat ich jenem, der sich Jairoum tan Lock nannte, den Gefallen. Seit den Geschehnissen um die von den Menschen New Eden genannte sonnensystemgroße Lebenssphäre vor etwa zweieinhalb irdischen Monaten hatte ich viel Zeit damit verbracht, meine Situation zu überdenken. Schließlich hatte ich akzeptiert, dass mein eigenes Schicksal weit mehr mit dem des Telluriers und wohl auch dem der Menschen verknüpft war, als ich es mir zunächst eingestehen wollte. Mehr auch, als es für einen Abgesandten der Ajarden – für mich – bisher denkbar gewesen war.
Die Ajarden: mein Volk in unserem sterbenden Universum! Gleich Tausenden meiner Art war ich hinausgesandt worden. Hinausgesandt, um einen Weg für alle Ajarden zu finden. Einen Ausweg aus unserem erkaltenden Universum. Wie alle Abgesandten meines Volkes wurde ich hinausgeschleudert durch Raum und Zeit. Hinausgeschleudert durch die Dimensionen, um mich an irgendeinem fremden Ort in einem hoffentlich jungen, nicht vom Untergang bedrohten Universum wiederzufinden. Als reines Bewusstsein! Versehen mit dem gesamten Wissen der Ajarden und Fähigkeiten, mich frei in diesem neuen, unbekannten Universum zu bewegen sowie Einfluss zu nehmen. Um das Leben, wo immer ich es auch fand, zu fördern und zu schützen.
Letztendlich war es meine Hauptaufgabe, neue Erkenntnisse zu sammeln und danach zurückzukehren zu meinen Artgenossen, um auch den Millionen, die nicht mit den Fähigkeiten eines Abgesandten gesegnet waren, den Weg in ein neues Universum zu ebnen. So war ich also hier gelandet. In diesem Universum! In dieser Galaxie! Mein vor dem Beginn meiner Reise empfangener Multisinn ermöglichte es mir, den Klängen der Strahlungen zu lauschen, in ihnen zu baden und mich mit frischer Energie aufzuladen. Ich schmeckte die Strahlungen, roch die Farben, fühlte Gefahr und Glück, sah Dinge, die nur ein reines Bewusstsein sehen konnte. Und dies alles mit einer Intensität, dass ich so manches Mal Facetten meines Multisinns schließen musste, um nicht überwältigt zu werden.
Kurz nach meiner Ankunft in diesem Universum begegnete ich dem Tellurier. Als einzig Überlebender einer Katastrophe war er lediglich in Begleitung einer exzentrischen, künstlichen Intelligenz. Sie befanden sich an Bord eines gewaltigen Raumschiffes an einem ihnen völlig unbekannten Ort. Ob dieser Ort noch auf ihrer Zeitlinie oder in ihrem angestammten Universum lag, war ungewiss. Diese offensichtliche Parallele zu meinem eigenen Schicksal nahm mich sofort für dieses Wesen namens Jairoum tan Lock ein. So sorgte ich dafür, dass sich sein Weg mit dem eines vor der unmittelbaren Auslöschung stehenden Volkes kreuzte: den Menschen! Dank der überlegenen Technik seines Schiffes gelang es dem Tellurier, den lebensbedrohlichen Asteroideneinschlag auf der Erde, dem Planeten der Menschen, zu verhindern.
Er fand Freunde in der Fremde, während ich mit Genugtuung meinen ersten Erfolg verzeichnen konnte. Ich hatte Leben bewahrt. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Während der Tellurier gemeinsam mit den Rittern der Erde begann, die Menschheit auf sein technologisches Niveau zu heben, folgte ich einer mysteriösen Spur aus Licht. Diese führte mich auf verwirrenden Wegen an einen Ort, an dem sich zwei galaxiengroße, mächtige Intelligenzen in einem scheinbar ewigen Konflikt gefangen gegenüberstanden. Die eine dem Licht zugewandt, die andere der Finsternis verbunden, rangen beide über Universen hinweg miteinander. Mich aber kostete diese Entdeckung beinahe die Existenz. Schließlich machte mich jene dem Licht zugewandte Superintelligenz zu ihrem Boten.
Mir wurden zusätzliche Informationen gewaltigen Ausmaßes in mein Wissensdepot implantiert. Das Dumme war nur, dass sich mir diese Informationen nur in völlig unvorhersehbaren Zeitabständen offenbarten. Ein paar Dinge wusste ich aber sofort! So musste ich umgehend zurück in die Menschheitsgalaxie und jenen Tellurier suchen. Dieser wurde mir gegenüber als Träger des Schlüssels bezeichnet und sollte diese spezielle Galaxie vor einem grausamen Schicksal bewahren. Ich machte mich also auf den Weg und fand zunächst die Menschen wieder. Diese begleiteten mich und retteten den Tellurier samt seinem Schiff aus der Umklammerung einer Überzahl ihn angreifender dunkler Sphären. Ich erkannte sofort, dass diese auf den Pfaden der Finsternis reisten.
Der Tellurier und die Menschen folgten meinem Drängen, und wir entdeckten den Behüter am Kern der Galaxis, den Ort, der mir eingeprägt worden war. Es war eine mächtige Einrichtung der Trei angh Schin, die sich als ähnlich hohe Intelligenzen wie die zuvor von mir entdeckten Superintelligenzen herausstellten! Sie verliehen dem Tellurier aufgrund seiner während der Schiffskatastrophe erworbenen relativen Unsterblichkeit das Allauge! Damit erhielt er die Befehlsgewalt über den Behüter und seine fantastischen Möglichkeiten. Dank des Allauges verfügte er außerdem über die Fähigkeit, sich wie ich körperlos und gedankenschnell zu bewegen. Zumindest innerhalb der Grenzen der menschlichen Galaxis.
Noch am Behüter mussten der Tellurier und die Menschen sich erneut einer Übermacht der dunklen Sphären erwehren. Jene hatten diesmal ihre hiesigen Verbündeten dabei – die vogelartigen Menions. Schließlich wurden die dunklen Kräfte mithilfe des Behüters zurückgeschlagen. Wir kehrten ins Sonnensystem der Menschen zurück. Dort konnte die Entscheidungsschlacht gegen die vorerst letzten dunklen Sphären und die Menions nur äußerst knapp gewonnen werden.
Erwähnenswert waren noch folgende Dinge: Aufgrund einer Manipulation der Trei angh Schin offenbarte sich eine der mir eingepflanzten Informationen vorzeitig. So gelangten der Tellurier und die Menschen auf dem Rückflug ins irdische Sonnensystem in den Besitz der Tränen von Tellur. Diese Kristalle schenken ihren Trägern Wohlbefinden und eine Langlebigkeit, die jener relativen Unsterblichkeit des Telluriers gleichkommt. Dann beendeten die Menschen ihr bisheriges Schweigen im kosmischen Sinne. Vor der Entscheidungsschlacht in ihrem Sonnensystem riefen sie alle wohlmeinenden Intelligenzen in der Nähe um Unterstützung an. Unter den dann tatsächlich auf Seiten der Menschen in den Kampf eingreifenden Fremden waren auch die Volan. Unter Führung ihrer Jaghema Eitara vom Clan Emulan! Der Tellurier und diese Volan verliebten sich ineinander.
Dann war dem Tellurier noch sein Schiff abhandengekommen. Die in alle Systeme der Sternenbestie integrierte künstliche Intelligenz sagte sich los. Dem Tellurier bisher scheinbar treu zur Seite stehend, verschwand sie mit der Sternenbestie aus der Galaxis. Zuvor jedoch überließ die KI dem Tellurier und den Menschen eine grandiose Entdeckung. Die einst verborgene Hinterlassenschaft eines verschwundenen Volkes genialer Konstrukteure: eine sonnensystemgroße Lebenssphäre. Auf der Innenseite dieses Gebildes gab es eine Oberfläche wie auf einem Planeten. Nur dass hier Platz für die Oberfläche zigtausender Planeten der unterschiedlichsten Größen war! Beschienen wurde diese grandiose innere Welt ständig von den Strahlen einer künstlichen Sonne. Diese stand im Zentrum des inneren Weltraums dieser Lebenssphäre. So gab es hier auch keinen Tag- und Nachtwechsel. Es herrschte ständiger Tag! Die KI hatte dem Tellurier und den Menschen den Weg bereitet. Sie hatte sämtliche Abwehrmechanismen und Gefahren für die neuen, künftigen Nutzer ausgeschaltet. Zudem hatte sie ihren ersten Avatar als Hüter und Verwalter der Lebenssphäre zurückgelassen. Mehr noch: Als Ersatz für den Verlust der Sternenbestie ließ die KI in den gigantischen Werftanlagen der Lebenssphäre ein neues Schiff für den Tellurier bauen. Größer und leistungsstärker noch als die Sternenbestie, stand dem Tellurier nun das von ihm Fighting Prinzess getaufte Schiff zur Verfügung. Nach der Sicherung von New Eden, wie die Menschen die Lebenssphäre benannt hatten, machte der Tellurier sich schließlich in Begleitung seiner exotischen Freundin mit seinem neuen Raumschiff auf den Weg.
Ich folgte dem Tellurier, da ich überzeugt war, in seiner Nähe auch weiterhin die interessantesten Geschehnisse verfolgen zu können. So gelangten wir über den Behüter hierher, auf den Heimatplaneten der Volan.
Die kürzlichen Ereignisse zogen wieder einmal wie in Zeitraffer an meinem geistigen Auge vorbei. Doch nun wandte ich meine Aufmerksamkeit erneut dem aktuellen Geschehen zu. Unsichtbar schwebte ich in der Nähe und verfolgte die Begegnung meines Schützlings mit seiner Freundin – der Volan!
Planet Tikal
Reichssaal der Clans
Angegliederte Ruhezone
Jairoum tan Lock
Nach dem von mir veranlassten Auftritt des Abgesandten in der Clansversammlung hatte ich kurze Zeit später die Besucherloge verlassen und mich in jenen Bereich der Halle begeben, der den Ratsmitgliedern und ihrem jeweiligen Gefolge aus Beratern, Assistenten und Sicherheitskräften zur Entspannung in den Sitzungspausen diente. Eitara und ich hatten verabredet, uns hier nach der von ihr einberufenen Clansversammlung zu treffen.
Hier saß ich nun, umgeben von etlichen größeren und kleineren Pflanzeninseln. Diese schirmten die Sitzgruppen etwas voneinander ab. Ich hatte auf einem Sessel Platz genommen, der kristallin aus dem Boden zu wachsen schien. Seine halborganische Einlage passte sich komfortabel der Körperform des jeweiligen Nutzers an. Durch eine leicht gewölbte Wand aus Kristallglas sah ich hinaus in die urbane Landschaft Tikals und bewunderte zum wiederholten Mal das allumfassend scheinende Glitzern des Kristalls und die unzähligen Pflanzeninseln, die die Kälte aus diesem Bild nahmen. Die Symbiose von Kristall und Organischem war einfach perfekt. Ich wünschte nur, auch unsere Reise hierher wäre perfekt gewesen. Doch leider hatte unser Zwischenstopp beim Behüter am Zentrumskern der Galaxie meine Erwartungen schwer enttäuscht.
Ich dachte an meinen ersten Besuch dieser fantastischen Konstruktion der Trei angh Schin. Die Sensoren meines damaligen Schiffes hatten auf der Oberfläche der riesigen Torkonstruktion zum Behüter Hunderte von Raumschiffen entdeckt. Die riesige, mobile Raumstation stellte den einzigen Zugang zum inneren Bereich des Behüters dar. Hier waren auch Hunderte von Schiffen abgestellt. Einst gehörten sie all den Unglücklichen, die versucht hatten, das Geheimnis des Behüters zu ergründen. Sie alle waren von diesem als unwürdig abgelehnt worden und hatten den Rest ihrer Tage an Bord ihrer Schiffe verbringen müssen. Der Behüter hatte ihnen nicht erlaubt, mit ihrem Wissen über seine Position wieder in die Galaxie hinauszufliegen.
Das Interessanteste für mich war aber die Anwesenheit eines tellurischen Generationenschiffes. Dies konnte nur bedeuten, dass es schon vor mir Angehörige meines Volkes bis in diese Galaxie verschlagen hatte. Nur war es bei mir durch einen katastrophalen und unkontrollierten Hyperraumsprung geschehen. Dieses Ereignis hatte die Sternenbestie damals fast zerrissen und beinah die gesamte Besatzung das Leben gekostet. Ich hatte überlebt. Außerdem noch die organische Komponente der experimentellen KI an Bord des Schiffes.
Es gab keinerlei Daten oder Aufzeichnungen, aus denen hervorging, wie das Schiff sich in Bezug auf den Raum um das tellurische Imperium bewegt hatte. Außerdem hatten die beteiligten Energien bei dieser gewaltigen Versetzung im Raum durchaus das Zeug dazu, eine temporäre und eine überdimensionale Komponente zu enthalten. Meine damalige Schiffs-KI hatte mir die wenigen Aufzeichnungen hierzu zur Verfügung gestellt. Dies bedeutete nichts anderes, als dass sich das Schiff und ich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit oder gar zwischen den Dimensionen bewegt hatten. Ich wusste also weder, wo ich war, noch, zu welchem Zeitpunkt ich mich dort befand – oder ob ich überhaupt noch in meinem angestammten Universum war. Die Anwesenheit dieses tellurischen Jagh Var schien nun zu beweisen, dass ich mich wohl doch noch in meinem eigenen Universum befand. Und zumindest annähernd auf meiner Zeitlinie! Denn solche Schiffe waren noch bis einige wenige Jahrzehnte tellurischer Zeit vor meiner Geburt auf die Reise gegangen. Sie sollten Keimzellen des tellurischen Imperiums überall in unserem Universum gründen.
Ich hatte gehofft, den Datenspeichern des Schiffes entnehmen zu können, welchen Kurs das Generationenschiff genommen, wie lang seine Reise gedauert hatte und wann es am Behüter eingetroffen war. Umso größer war meine Enttäuschung, als sich herausstellte, dass die Datenspeicher des Schiffes völlig leer waren. Auch sonst waren keinerlei Aufzeichnungen vorhanden. Genauso wenig wie die sterblichen Überreste der ehemaligen Besatzungsmitglieder. Das Schiff war praktisch klinisch rein. Zwar voll funktionsfähig, aber ohne jegliche Information über sein bisheriges Dasein!
Ich holte tief Luft, wie um mich endgültig von der Last dieser Enttäuschung zu befreien. Direkt nach der Feststellung, dass das Schiff mir keine Hilfe bei der Suche nach meiner Heimat sein konnte, war ich kurz in Lethargie verfallen. Aus dieser hatte mich Eitara allerdings ganz schnell und resolut wieder befreit. Da war es wieder! Dieses warme Gefühl, wenn ich an meine Geliebte dachte. Eitara im Übrigen hatte sich sehr fasziniert von den Einrichtungen der Trei angh Schin gezeigt. Von dem Tor, dem Behüter selbst und der Lichtjahre durchmessenden, völlig leeren Zone um den Behüter herum. Mitten im materie- und energiereichen Toben des galaktischen Zentrumskerns. Ganz in der Nähe des gigantischen schwarzen Lochs im genauen Zentrum der Galaxie! Wir konnten nur staunen.
Fast genauso interessiert gab sich Eitara, als wir entdeckten, dass sich in einem der Labore des tellurischen Generationenschiffes Stasiskapseln befanden. Sie enthielten etliche tausend Eizellen und einen entsprechenden Spermienvorrat. All das war dazu gedacht, an einem fremden Ort im Universum schnell eine große Zahl von Telluriern aufwachsen zu lassen. So sollte eine überlebensfähige Keimzelle des tellurischen Imperiums entstehen. Dies stand nun mir zur Verfügung. Ich konnte mich mit meinesgleichen umgeben, und für die Volan bestand die Möglichkeit, einen neuen Clan aus volanisch-tellurischen Mischlingen zu gründen, wenn ich zustimmte. Unseren Clan? Ich hatte zwiespältige Gefühle dabei. Reinblütige Tellurier aufwachsen zu lassen oder einen neuen volanischen Clan zu gründen bedeutete beides ungeheure Verantwortung. Und ich sähe mich in der Verantwortung! Für meine Artgenossen ebenso wie für die möglichen Mischlinge. Eine Verantwortung, die ich in unserer gegenwärtigen Situation nicht übernehmen wollte und konnte. Es gab so viel anderes zu tun. Ich war einfach noch nicht bereit dazu, mich ernsthaft mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Daher hatte ich vorerst nur die Hälfte der aufgefundenen Stasiskapseln auf meiner Fighting Prinzess einlagern lassen. Ich wollte mich später um das Problem kümmern. Vermutlich viel später! Aufgrund meiner während der Katastrophe auf der Sternenbestie erworbenen Langlebigkeit, die noch durch das Tragen einer der Tränen von Tellur unterstützt wurde, konnte ich sehr langfristig planen und handeln.
Die Tränen von Tellur! Einen von diesen unglaublichen Kristallen, die auf so tragische Art und Weise entstanden waren, hatte ich Eitara geschenkt. Verliebt wie ich war, hatte ich ihr das Leben spendende Objekt einfach umgehängt. Als ich ihr dann später erklärte, was es mit diesen Kristallen auf sich hatte – dass diese ihrem Träger oder ihrer Trägerin eine fast unbegrenzte Lebensdauer bei bester Gesundheit schenkten –, da war meine starke Gefährtin fast zusammengebrochen. Zusammengebrochen unter der Last, die dies mit sich brachte. Doch Eitara wäre nicht Eitara gewesen, wenn sie sich nicht schnell von diesem Schock erholt hätte.
Schließlich hatte sie mir mit feiner Ironie in der Stimme erklärt, sie sei gespannt darauf, ob wir es wohl schaffen würden, das älteste Paar in der volanischen Geschichte zu werden. Dann hatte sie mir ihre Dankbarkeit auf ganz besondere Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Als wir schließlich wieder erschöpft voneinander abließen, schien es mir, als sei das unsichtbare Band, das uns zusammenschweißte, noch um ein vielfaches stärker geworden. Ich hatte die Frau meines Lebens gefunden – so exotisch sie auch für mich war. Eitara übrigens ließ keinen Zweifel daran, dass es ihr mit mir, der ich für sie mindestens ebenso exotisch sein musste, genauso ging!
Plötzlich nahm ich in einiger Entfernung eine Bewegung wahr und sah genauer hin. Die Versammlung der Clans hatte ein Ende gefunden. Die Ratsmitglieder strömten, immer noch laut debattierend, aus der Halle. Aus einem separaten Zugang heraus sah ich Eitara kommen. Sie schaute sich kurz um und schritt dann in meine Richtung. Kurz bevor sie mich erreicht hatte, erhob ich mich und blickte ihr erwartungsvoll entgegen. Eitara gab der Schar ihrer Dienerinnen und Leibwächterinnen, die sofort nach ihrem Erscheinen auf sie zugeeilt waren, einen kurzen, aber bestimmten Wink. So blieben diese etwas zurück. Dann stand die Herrscherin der Volan vor mir. Zur Begrüßung legten wir unsere rechten Handflächen aneinander und setzten uns gleichzeitig.
Ich hatte natürlich bemerkt, dass Eitaras Augen rubinrot funkelten. Also sagte ich erst einmal nichts und wir schwiegen eine Weile. Als der Farbton ihrer Augen langsam ins Rosafarbene überging, entspannten sich ihre Gesichtszüge und ihr gesamter Körper. Schließlich schlug sie ein Bein über das andere. Etwas, das bei dem Gewand, das sie trug, alles andere als einfach war. Ein leichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Und?“, wagte ich zu fragen. „Wie ist es ausgegangen?“
Während das Rot in ihren Augen wieder ein wenig zuzunehmen schien, verstärkte sich ihr Lächeln. „Du meinst, wie ich das Chaos in der Clansversammlung nach dem Auftritt des Abgesandten, der sicherlich von dir inszeniert worden war, unter Kontrolle bringen konnte?“
„Ich weiß“, entgegnete ich schuldbewusst, „wir hatten das so nicht abgesprochen. Aber mir war klar, dass es stundenlange Diskussionen über den Wahrheitsgehalt der von uns geschilderten Geschehnisse und entdeckten Wesen geben würde. Und da ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass das in deinem Sinn gewesen wäre, habe ich den Abgesandten um diesen dramatischen Auftritt gebeten, um eure Ratsmitglieder ein wenig in Schwung zu bringen. Tut mir leid!“
Eitaras Lächeln verblasste und sie kniff ein wenig die Augenlider zusammen. Spätestens jetzt erkannte ich meinen Fehler. Bei den Volan war es unter Gleichgestellten nicht üblich, sich zu entschuldigen. Es galt als Zeichen der Schwäche. Daher fügte ich schnell hinzu: „Außerdem ging mir deine arrogante Clanschwester, diese Daschar, gewaltig auf die Nerven. Hätte ich ihr Gezeter noch ein wenig länger ertragen müssen, hätte ich wohl etwas getan, was zu einem Ehrenduell zwischen Daschar und mir geführt hätte. Und diese Peinlichkeit wollte ich uns wirklich ersparen.“
Das Lächeln kehrte in Eitaras Gesicht zurück. Doch nur kurz. Denn als sie vom Ausgang der Ratssitzung zu berichten begann, wirkte sie sehr nachdenklich. „Wir haben unser Ziel erreicht. Ich gebe zu, dass der Auftritt des Abgesandten sehr zur Beschleunigung der Meinungsfindung aller Ratsmitglieder beigetragen hat. Aber wie für alles im Leben hat es einen Preis gegeben, den ich zahlen musste!“
Eitara stieß einen leisen Seufzer aus und starrte eine Weile durch die Kristallwand hinaus ins Weite. Dann wandte sie sich mir wieder zu und fuhr mit ernster Miene fort: „Die Ratsversammlung hat meinen Wünschen mit großer Mehrheit entsprochen. Ich übergebe die Regierungsgeschäfte im Verlauf der nächsten zehn Tage an meine kommissarische Nachfolgerin. Danach vertrete ich das Volk der Volan als diplomatische Abgesandte mit Sonderermächtigung in der ganzen Galaxis. Mit den Schwerpunkten New Eden, dem Sonnensystem der Menschen und einem gewissen Tellurier! Die Sonderermächtigungen, die meine Befürworter im Rat für mich durchgesetzt haben, verleihen mir einen Rang gleich unterhalb der künftigen Jaghema der Volan. Gleichgestellt mit der jetzigen kommissarischen Vertreterin, die die Amtsgeschäfte bis zur regulären Neuwahl der Jaghema führen wird. Gemäß den Regeln im Buch der Jaghema muss die Vertreterin aus dem gleichen Clan wie die ausscheidende Jaghema stammen. Und nun rate mal, wer den konservativen Kräften im Rat Tribut zollend zur geschäftsführenden Jaghema gewählt wurde!“
Eitaras Augen hatten sich mehr und mehr gerötet und strahlten mich nun blutrot an. Ich ahnte sofort, wen sie meinte, und stöhnte: „Doch nicht etwa Daschar! Ich denke, sie ist unbeliebt im Rat und hat sich eben noch ein wenig mehr ins Abseits geschossen.“
„Unbeliebt ja! Aber auch kompetent“, lautete Eitaras Antwort. Dann fuhr sie fort: „Daschar ist die logische Wahl. Sie stammt aus meinem Clan und ist diejenige mit den größten Erfahrungen aus der Delegation derer von Emulan in der Ratsversammlung. Ich hatte gehofft, Janatabé, meine bisherige Abwesenheitsvertretung, würde auch zur kommissarischen Jaghema gewählt werden. Doch Janatabé ist bei meinen Gegnern noch unbeliebter als ich selbst. Die entsprechenden Kräfte im Rat hätten sich bis zum Äußersten gesträubt und jeden Fortschritt mit Verfahrensfragen lahmgelegt. Also haben ich und meine Befürworter diesen ,Goschp‘ schlucken müssen. Nur so ist es möglich, alles Weitere in meinem Sinn und vertretbarer Zeit abzuwickeln.“
Eitara machte eine Pause, und ich nahm die Gelegenheit wahr, um anzumerken: „Aber meinst du denn, dass Daschar als kommissarische Jaghema viel Unfug anstellen kann? Der Rat schaut ihr doch auf die Finger. Und du bist ja auch nicht weit entfernt. Was sind schon ein paar tausend Lichtjahre! Du hast sicher genug Vertraute im näheren Umfeld, die dich informieren werden, wenn hier etwas in die falsche Richtung läuft.“
Daraufhin sah mich meine Freundin zweifelnd an. „Das ist zwar richtig, aber ich habe trotzdem ein seltsames Gefühl dabei, demnächst meine bisher ärgste Kontrahentin als Führerin des Volanischen Reiches zu sehen!“
„Gleichgestellt!“, erwiderte ich grinsend. „Du sagtest, bis zur nächsten regulären Wahl wärst du der kommissarischen Jaghema gleichgestellt. Also kannst du Daschar stoppen, wenn sie tatsächlich irgendwelchen Unsinn anstellen sollte.“
Mit einem optimistischen Lachen stand ich auf, ging einen Schritt auf Eitara zu und zog sie hoch. Dann verstieß ich ganz bewusst gegen das Protokoll und küsste meine Geliebte und damit das Staatsoberhaupt der Volan lang und innig. Zunächst zuckte sie zurück, ließ sich dann aber auf meine Liebkosungen ein und schien sie sichtlich zu genießen.
Nach einer Weile unterbrach ich den Kuss und sah ihr tief in die zwei rubingleich funkelnden Augen. Dann sagte ich mit Nachdruck und voller Ernst: „Du bist Eitara aus dem Clan Emulan der Volan. Was du willst, das erreichst du auch. Daschar ist nur ein vorübergehendes Übel. Bei der nächsten Wahl zur Jaghema unterstützt du eine Volan deiner Wahl, und ich würde mich sehr wundern, wenn der Großteil deines Volkes dir nicht folgen würde. Ich weiß, wie sehr du von den Volan verehrt und geliebt wirst. Also mach dir keine unnötigen Sorgen und geh an die Arbeit. Ich nehme an, du hast viel zu tun, wenn du in den nächsten zehn Tagen alles in deinem Sinn geregelt haben willst. Das wird dich viel Kraft kosten.“
Mit der linken Hand tastete Eitara nach der Träne von Tellur, die sie unter ihrem Zeremoniengewand an einer feinen Kette um den Hals trug. „Und ich weiß, dass mir die Kraft dafür nicht ausgehen wird.“ Dann zwinkerte sie mir doch tatsächlich zu und meinte noch: „Außerdem ist da ja noch mein ,Lustpartner‘, der mir und meinen Wünschen sicher uneingeschränkt zur Verfügung stehen wird, nicht wahr?“
Während mir schon wieder ganz heiß im Gesicht wurde und ich bestimmt tiefgrün anlief, lachte Eitara wie befreit auf. Dann straffte sie sich, nahm die einer Jaghema gemäße würdevolle Haltung an und wies auf den Platz an ihrer Seite. Gemeinsam verließen wir den Ruhebereich und dann die Halle der Clans. Umschwärmt von Eitaras Assistentinnen, Dienerinnen und Sicherheitspersonal, ging es hinaus ins Freie unter die wärmenden Strahlen einer aquamarinblau leuchtenden Sonne. Ich konnte es kaum fassen. Nur noch zehn Tage! Dann würden Eitara und ich wieder gemeinsam unterwegs sein. Unterwegs in Richtung New Eden – und damit bestimmt in Richtung aufregender neuer Abenteuer!
Planet Erde, Hauptwelt der Menschheit und der ALLIANZ
Studio 1 des Senders NTN (New Terra Network)
Verwaltungschefin der Erde Tanja Zubelinsk im Interview
„Guten Morgen, guten Tag oder guten Abend rund um die Welt, wo auch immer Sie sich gerade aufhalten. Ich bin Samara Messier und begrüße all unsere Zuschauer und Zuschauerinnen auf der Erde und im Sonnensystem zu einem weiteren denkwürdigen Ereignis in der jüngeren Geschichte unseres Planeten. Bei mir im Studio begrüße ich Tanja Zubelinsk, die Verwaltungschefin der Erde. Wie geht es Ihnen, Frau Zubelinsk? Sie scheinen nicht so aufgeregt zu sein wie die meisten von uns.“
„Danke, Samara! Nennen Sie mich bitte Tanja. Und was die angesprochene Aufregung angeht … Ich würde sagen, eine gewisse Anspannung breitet sich nun auch in mir aus. Aber ich weiß, dass wir alles unter Kontrolle haben. Sämtliche Vorbereitungen sind abgeschlossen. Alle Daten weisen auf einen positiven Verlauf des Entlüftungsvorgangs hin. Alle Teams und alle Schiffe mit ihren Besatzungen sind bereit. So können wir planmäßig in den nächsten Minuten loslegen und unserem Planeten und uns selbst zu mehr Sicherheit verhelfen.“
„Gut, Tanja! Aber viele Menschen halten das, was Sie soeben ganz harmlos einen Entlüftungsvorgang genannt haben, für eine riskante Aktion. Wenn nicht sogar für ein sehr gefährliches Unterfangen. Was entgegnen Sie diesen Menschen? Vielleicht beschreiben Sie noch einmal, wie es zu diesem Vorhaben gekommen ist und warum die Welt heute gespannt den Atem anhält!“
„Gern, Samara! Zunächst einmal möchte ich betonen, dass es zum jetzigen Stand unserer Erkenntnisse keine Alternative zu diesem Vorhaben gibt. Jetzt nicht zu handeln würde eine Gefährdung unseres ganzen Planeten und der auf ihm lebenden Menschen bedeuten.
Wie Sie wissen, gibt es über die Erde verteilt neben zahlreichen aktiven und inaktiven Vulkanen auch einige sogenannte Supervulkane. Das sind scheinbar inaktive Vulkane, teilweise von der Größe ganzer Landstriche. Diese Vulkane sind manchmal nicht auf den ersten oder zweiten Blick als solche zu erkennen. Es gibt häufig keinen Vulkankegel – keinen Vulkanberg. Oder aber es existiert ein Vulkankegel normaler Größe, der keinen Rückschluss auf einen Supervulkan zulässt. Bei Supervulkanen handelt es sich um unterirdische Magmablasen mit teils gigantischen Ausmaßen. Sie werden aus dem Erdinneren mit Magma versorgt, das Richtung Erdoberfläche aufsteigt und sich in der Magmablase sammelt. Weil aber der weitere Weg zur Erdoberfläche versperrt ist, dehnt die Magmablase sich aufgrund des stetigen Zuflusses aus dem Erdinneren immer weiter aus, bis der Druck zu groß wird. Dann kommt es zu einer Eruption, durch die der Druck abgebaut wird, einem Vulkanausbruch. Dies verläuft ganz ähnlich wie bei normalen, kleineren Vulkanen. Nur macht hier die Größe einen gewaltigen Unterschied aus!
Beim Ausbruch eines Vulkans normaler Größe wird eine gewisse Menge Asche und Gesteinspartikel in die Atmosphäre geschleudert. Diese Asche und die Partikel werden durch die Luftströmungen um den Erdball herum verteilt. Es handelt sich um eine Größenordnung, die die Temperaturen in gewissen Regionen der Erde vielleicht um bis zu ein Grad absenken kann. Bricht aber ein Supervulkan aus, wird so viel Material an die Atmosphäre abgegeben, dass das Sonnenlicht bald weltweit kaum noch bis zur Erdoberfläche durchdringen kann. Dies bedeutet nicht nur das Absinken der Temperaturen in einigen Regionen um viele Grad Celsius, sondern es führt zu einer Reduzierung der Durchschnittstemperatur auf der gesamten Erde. Zusammen mit dem wohl für viele Jahre fehlenden Sonnenlicht würde dies zunächst einmal jahrelange Missernten nach sich ziehen und das Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten bedeuten. Eine neue Eiszeit würde anbrechen. Nicht zuletzt wären auch wir Menschen ganz entscheidend betroffen. Wären wir nicht inzwischen im Besitz einer noch vor einigen Jahren unvorstellbaren Technologie und noch auf die Erde beschränkt, bestünde die reale Gefahr, dass die Menschheit aussterben würde!“
„Ein weiteres Schreckensszenario so kurz nach dem nicht erfolgten Einschlag des gewaltigen Asteroiden Baker 9 auf der Erde, Tanja! Damals hat noch die überlegene Technologie unseres tellurischen Freundes Jairoum tan Lock unser aller Auslöschung verhindert. Nun wollen wir es mit der von den Telluriern übernommenen Technik selbst schaffen und eine weitere globale Katastrophe von der Erde abwenden. Wo und wie soll das geschehen?“
„Zunächst einmal, Samara, ist es nicht nur die tellurische Technologie, die uns nun zur Verfügung steht und weiterhilft. Zwar sind die wissenschaftlichen Kenntnisse und die Technologie der Tellurier der entscheidende Grundstock, aber wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen aufbauend auf eben diesem Grundstock und unter Verwendung eigener Ideen und Kenntnisse inzwischen einen weiteren Schritt getan haben. Einen großen Schritt, unser Wissen zu erweitern und unsere Technik weiterzuentwickeln. Hinzu kommt, dass wir das, was uns nun zur Verfügung steht, immer noch selbst richtig und weise anwenden müssen. Und genau das werden wir nun am Beispiel des Yellowstone-Supervulkans tun!
Seit einigen Jahrzehnten wissen Geologen und Vulkanologen um die Gefährlichkeit dieses Gebildes. Man hat entdeckt, dass dieser Supervulkan im Verlauf der Erdgeschichte mehr oder weniger regelmäßig ausgebrochen ist. Der durchschnittliche Zeitraum zwischen zwei Ausbrüchen von mehreren hunderttausend Jahren ist inzwischen längst überschritten. Satelliten zur Vermessung der Erdoberfläche haben bereits vor Jahren den Nachweis erbracht, dass sich das Gelände, auf dem sich der Großteil des Yellowstone-Nationalparks befindet, über der dortigen Magmablase erheblich angehoben hat. Mit den uns nun zur Verfügung stehenden Sensoren können wir von Bord unserer Raumschiffe aus tief unter die Erdoberfläche schauen. Wir haben inzwischen ein genaues Bild von Größe und Lage der Magmablase und wissen, dass diese bis zum Bersten gefüllt ist. Der Druck, der sich aufgebaut hat, wirkt in Richtung Erdoberfläche. Im Gestein sind Risse entstanden. Alte Magmakanäle hin zur Oberfläche stehen kurz davor, wieder zu Leitungen des Erdfeuers nach außen zu werden. Der Supervulkan steht kurz vor dem Ausbruch!
Auch die Tellurier standen auf vielen ihrer Welten immer wieder vor Problemen, die der Vulkanismus dort verursacht hat. Wir haben nun ein Verfahren der Tellurier herangezogen und an die örtlichen Begebenheiten angepasst. Zunächst einmal wurde das gesamte Gelände über der Magmablase und weitläufig darum herum von Menschen und – soweit möglich – von Tieren geräumt. Jetzt wird das Gelände ebenfalls großräumig von energetischen Schutzwänden vom Rest des Planeten abgeschlossen. Diese Schutzwände sind undurchdringlich für Materie. Sie reichen bis tief in den Boden hinein und bis hoch in die Atmosphäre hinaus. Die eingesetzten energetischen Barrieren gleichen Schutzschirmen von Raumschiffen. Sie werden teils von mobilen Projektoren, teils von über dem Gelände schwebenden Raumschiffen unserer Flotte projiziert. Weitere Raumer halten sich als Reserve und zur Unterstützung bereit.
Als Nächstes fliegt ein für diesen Zweck umgebautes Asteroiden-Bergbauschiff ein und bringt sich etwa fünf Kilometer über der Oberfläche in Position, und zwar an einer genauestens ermittelten Stelle über der Magmablase, wo die Erdoberfläche am stabilsten und härtesten ist. Auf natürlichem Wege würde es dort nie zu einem Ausbruch kommen. Hier wird mit Hilfe eines modifizierten Desintegratorbohrers vom Schiff aus in Sekundenschnelle ein Loch von 500 Metern Durchmesser geschaffen – ein Kanal durch alle Gesteinsschichten hindurch bis hinab zur Magmablase. Der Druck in der Magmablase wird umgehend dazu führen, dass sich das Magma durch die neu entstandene Öffnung seinen Weg bis hin zur Erdoberfläche bahnen will. Doch wie schon zuvor das feste Gestein beim Bohren des Kanals wird nun das hinaufschießende flüssige Magma von den materieauflösenden Strahlen des Desintegrators in molekulares Gas verwandelt.
Dieses wird vom Bergbauschiff abgesaugt, hoch verdichtet und eingelagert. Der Prozess wird so lange fortgeführt, bis der Druck in der Magmablase auf ein ungefährliches Maß gesunken ist. Auf ein Maß, das einen Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans für die nächsten hunderttausend Jahre eher unwahrscheinlich macht. Ist dieses Maß erreicht, schaltet der Desintegratorbohrer an Bord des Bergbauschiffes um und sendet einen Integrationsimpuls durch das aufsteigende Gas hinab in den Schacht bis zur Magmablase. Das führt dazu, dass das molekulare Gas sich augenblicklich wieder in feste Materie verwandelt. Diese bildet so einen festen Pfropfen über der Magmablase. Kein weiteres Magma kann dort mehr aufsteigen. Die Gefahr ist beseitigt!“
„Wie ein Korken in der Flasche! Eine anschauliche Schilderung, Tanja. Aber warum wird die Magmablase denn nicht völlig geleert? Das würde die Gefahr für viele weitere hunderttausend Jahre bannen. Und warum wurde die Stelle für den Kanal hinab zur Magmablase so sorgfältig ausgesucht? Kann man diesen Kanal nicht einfach mitten über der Magmablase schaffen?“
„Berechtigte Fragen, Samara! Es ist jedoch folgendermaßen: Wird die Magmablase unter dem Gelände des Yellowstone-Nationalparks mehr als notwendig geleert, besteht die Gefahr, dass das Gelände in sich zusammenbricht. Es stürzt dann in den darunter entstandenen Hohlraum. Der fehlende Druck innerhalb der Magmablase wird sowieso dafür sorgen, dass sich das Gelände wieder absenkt. Dies würde schon bei der Entlüftungsaktion viel zu schnell geschehen. Daher werden wir zeitgleich von Bord der zahlreichen Raumschiffe aus über dem Yellowstone die strukturelle Integrität des Geländes stützen. Auch dies erfolgt durch den Einsatz energetischer Felder. Dadurch wird sich das Gelände nur ganz langsam absenken. So kommt es zu keinen dramatisch großen neuen Rissen oder Verwerfungen. Ganz lässt sich das natürlich nicht vermeiden. Die Erde über der Magmablase wird während der ganzen Aktion ganz schön beben und erschüttert werden. Jedoch sollte der Boden danach schnell wieder zur Ruhe kommen und stabil bleiben. Wir werden das natürlich genauestens beobachten und eine ständige Überwachungsstation einrichten. Diese wird künftig jede Regung des Yellowstone-Supervulkans aufzeichnen und bei Gefahr sofort Alarm schlagen.
Die sorgfältige Auswahl der Position des Bohrkanals ist äußerst wichtig und hat auch mit der strukturellen Integrität des Geländes zu tun. Den Kanal einfach irgendwo über der Magmablase anzulegen würde dazu führen, dass dieser auch durch weiche, schwache Bodenstrukturen liefe. Bei dem danach entweichenden Druck aus der Magmablase könnte neben dem künstlich geschaffenen Schacht das Gestein in sich zusammenbrechen, sodass auch dort Magma und Druck an unerwünschter Stelle entweichen würden. Das wäre dann nur schwer wieder unter Kontrolle zu bringen. So aber führt der Entlüftungskanal an ausgesuchter Stelle durch hochfeste Gesteinsschichten, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stabil bleiben werden. So können sich Druck und Magma nur innerhalb des geschaffenen Schachtes Bahn brechen.“
„Danke, Tanja, für diese klärenden Worte. Wir könnten sicherlich noch Stunden über die vielen weiteren Unwägbarkeiten dieses Vorhabens diskutieren. Aber wie Sie schon sagten: Um den bevorstehenden natürlichen, aber katastrophalen Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans abzuwenden, muss etwas unternommen werden! Wie wir auf unseren Livebildern vom Ort des Geschehens sehen können, kommt soeben das angesprochene Bergbauschiff ins Bild. Damit beginnt die letzte Phase der Umsetzung des Plans zur Entlüftung der gigantischen Magmablase unter dem Yellowstone-Nationalpark. Wir können diese Aktion nun fast hautnah miterleben. Außerdem sehen wir, wie sich uns gerade Jack Robinson zuschaltet. Der Vorsitzende des Rats der Zehn und Erster Ritter der Erde! Vor Ihrem Abflug zur kürzlich entdeckten Hohlwelt New Eden wollen Sie sich dieses Schauspiel hier auf der Erde sicherlich nicht entgehen lassen, Herr Ratsvorsitzender, oder?“
Erdumlaufbahn
Überschwerer Kreuzer der Challenger-Klasse First Contact
Jack Robinson
„Wow!“ Mit diesem Ausruf fuhr ich von einer Sekunde zur anderen hellwach von meinem auf Körperkontur geschalteten Hightech-Bett hoch. Während ich mich auf die Bettkante schwang, nahm ich mir den Schlafwächter von der Stirn. Das kleine, linsenförmige Gerät hatte während der letzten viereinhalb Stunden für einen stärkenden Rem-Schlaf bei mir gesorgt, mich aber viel zu abrupt geweckt.
„Verdammt!“ Ich hatte wieder vergessen, die Länge der Weckphase einzustellen, bevor ich mir den Schlafwächter anlegte. Das Resultat war der heftige Weckimpuls, der mich soeben schlagartig in die Senkrechte befördert hatte. Schon wieder! Vor mich hin grummelnd, nahm ich die entsprechende Einstellung für die nächste Benutzung des Schlafwächters bereits jetzt vor. So konnte ich davon ausgehen, den nächsten Aufwachvorgang als ein über fünf Minuten langgezogenes Hinübergleiten in den Wachzustand zu erleben. Viel angenehmer!
Doch immerhin! Ich fühlte mich frisch und ausgeruht, verzichtete auf eine Dusche und legte gemächlich meine Unterkombi an. Meine ultramoderne Ruhestatt hatte während des Schlafes meinen Körper gereinigt und die Haut mit ausreichend Feuchtigkeit und pflegenden Substanzen versorgt. Ich tastete an meiner Wange und dem Kinn entlang. Nichts! Auch der beginnende Bartwuchs war während meiner Ruhephase mit den entsprechenden Wirkstoffen beseitigt worden. Zufrieden und voller Wohlwollen dachte ich an die Annehmlichkeiten der neuen Techniken. Diese erstreckten sich immer mehr auch auf die Dinge des täglichen Lebens. Man musste sie nur – und hier warf ich grinsend einen Blick auf den auf meinem Kopfkissen liegenden Schlafwächter – zu bedienen wissen!
Schon griff ich zu meiner üblichen Bord-Uniform, als ich mich plötzlich besann. Ich hatte ja heute noch einen TV-Auftritt zu absolvieren. Also Gala-Uniform! Ich drückte auf ein Sensorfeld und aus der Schrankwand meines Ruheraumes schwebte – gehalten von einem Servofeld – meine Uniform als Ritter der Erde hervor. Samt des dazugehörigen Schwertes in seiner sparsam, aber edel verzierten Scheide. Der ultra-schmutzabweisende Stoff der strahlend weißen Uniform war gegen meinen Willen mit einigen Goldintarsien versehen worden. Meine Freunde und Ratsmitglieder hatten gemeint, als Erster Ritter der Erde müsse man sich schon ein wenig von der Masse abheben. Also hatten sie dafür gesorgt, dass meine Uniform entsprechend umgearbeitet wurde. Ich hatte erfolglos dagegen argumentiert und mich schließlich diesbezüglich in mein Schicksal ergeben. Schnell war die Uniform angelegt und ein weiterer Druck auf eine Sensortaste verwandelte die Frontseite der Schrankwand in ein Spiegelfeld.
„Sieht schon schick aus.“ Ich grinste meinem Spiegelbild entgegen. „Aber das nicht!“ Mein Blick war auf meine im Bett verunstaltete Frisur gefallen. „Wie ein aufgeplatztes Kopfkissen!“, grummelte ich und steckte den Kopf unter den Hairstyler. Mittels warmer Luft, einigen Sprühnebeln fein abgestimmter Essenzen und leichten, energetischen Zug- und Druckstrahlen verhalf mir das Gerät in nur zwanzig Sekunden zu meiner üblichen Frisur. Ein letzter Blick in das Spiegelfeld der Schrankwand: „Passt!“ Noch ein Griff in die unsichtbar getarnte Ablagemulde neben der aufgleitenden Tür zu meiner großzügigen Kommandeurskabine und schon ruhte auch meine persönliche Träne von Tellur von einer dünnen Panzerkette gehalten auf meiner Brust.
Während ich den kurzen Korridor hinter der Tür mit schnellen Schritten durchmaß, dachte ich an unsere Absprache. Wir Träger dieser unbegrenzt lebenspendenden und stärkenden Kristalle hatten beschlossen, diese zunächst einmal offen zu tragen. Für unser Umfeld galten sie als Schmuckstücke, die die Mitglieder des Rats der Zehn und einige andere trugen. Von der unglaublichen Wirkung der Kristalle wussten jedoch nur deren Träger. Noch zumindest hatte wohl niemand einen Zusammenhang zwischen den Kristallen und dem Wohlbefinden, das sie in der Nähe der Träger ebendieser empfanden, entdeckt. Gut so! Irgendwann würde es aber mal auffallen, dass sich die Lebewesen in unserem nächsten Umfeld so wohl und energiegeladen fühlten. Die Tränen von Tellur beschränkten ihre Wirkung eben nicht nur auf ihren Träger, sondern entwickelten diese auch in einem bestimmten Umkreis um sich herum. Dessen Durchmesser war abhängig von der Größe des Kristalls. Durch vorsichtige Beobachtungen hatte ich herausgefunden, dass der Wirkungskreis meiner eigenen Träne von Tellur etwa fünfzig Meter um sie herum betrug.
Wenn das Geheimnis erst einmal offenbar wurde, würden die Träger der Kristalle sich wohl nicht mehr so unbelastet wie jetzt in der Öffentlichkeit bewegen können. Die Begehrlichkeiten, die solche Objekte bei anderen weckten, würden uns vermutlich zu Gejagten machen.
Die Tür vom Korridor hin zur Kommandozentrale glitt vor mir auf und ich trat von einem Ort der Ruhe hinüber zu einem Ort geschäftigen Treibens. Vor der hinter mir wieder zugleitenden Tür blieb ich kurz stehen, sah mich um und lauschte auf das leise, aber vielfältige Summen und Gepiepse. Auf die Geräusche, die viele über Sensorschaltpulte huschende Hände erzeugten. Die gemurmelten Unterhaltungen einiger miteinander arbeitender Mitglieder der Kommando-Crew. Dann war ich richtig angekommen, denn Jerry van Moyen, der Erste Offizier der First Contact und mein Stellvertreter hier an Bord, drehte sich im Kommandosessel grinsend zu mir um und meinte: „Sieh an, sieh an! Herausgeputzt wie ein Pfau! Wer beehrt uns denn da?“
Die milde Frotzelei meines ersten Offiziers säuerlich grinsend ignorierend, ging ich auf meine Kommando-Station zu. Ich setzte mich in den Sessel, den Jerry sogleich freigegeben hatte. Jerry zählte ich inzwischen zu meinen engeren Freunden. Nachdem er sich an seine eigene Station zurückgezogen hatte, fragte ich ihn: „Wie sieht’s denn aus? Was macht unser Sorgenkind, der Supervulkan?“
Jerry drehte sich in seinem Sitz zu mir um, schlug lässig ein Bein über das andere und antwortete mir ausführlich: „Das Baby ist prall und rund und steht wie befürchtet kurz vorm Platzen. Wir haben inzwischen alle Vorbereitungen abgeschlossen, um ihm Luft zu verschaffen. Die Energiewände rund um die Magmablase stehen und reichen jeweils fünf Kilometer hinab in das Erdreich sowie fünf Kilometer hinauf in die Atmosphäre. Die abgestellten Schiffe der Flotte, die über dem Yellowstone auf ihren Positionen schweben, stärken die Energiewände. Sie haben soeben angefangen, das gesamte Gelände unter ihnen in ein energetisches Feld zu hüllen, das die strukturelle Integrität stärkt und aufrechterhält. Die drei schweren Kreuzer Calypso, Jericho und Winchester halten sich bereit, um eingreifen zu können, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Wir warten jetzt auf das Eintreffen des Bergbauschiffes. Dann kann’s losgehen!“
Ich nickte Jerry zu und befahl, während ich eine Sensortaste gedrückt hielt: „Panorama-Holo an!“
Die KI meines Schiffes führte den Befehl umgehend aus. In der Zentrale der First Contact baute sich blitzschnell ein riesiges dreidimensionales Bild der Situation über dem Yellowstone-Supervulkan auf. So hatten wir den vollen Überblick über das Geschehen und konnten interessante Einzelheiten übergangslos heranzoomen lassen.
„Das Bergbauschiff trifft ein!“, stellte Jerry fest. Gleich darauf tauchte dieses dann auch im Hologramm auf. Wir konnten verfolgen, wie es zügig der Erdoberfläche entgegensank, wo es an vorbestimmter Position etwa fünf Kilometer über dem Gelände verharrte.
Ich seufzte, griff zum Schwert an meinem Gürtel, löste den Schnellverschluss der Scheide und stellte beides in die Halterung an meinem Sessel. Dann sagte ich: „Okay! Verbindung zu NTN herstellen. Dann will ich mal Tanja begrüßen und die gewünschte Show abliefern.“
Ich stand auf und stellte mich in Positur, während Jerry schon wieder grinsend und völlig überflüssigerweise einen Countdown herunterzählte: „… drei, zwei, eins und … auf Sendung!“
„… wie sich uns gerade Jack Robinson, der Vorsitzende des Rats der Zehn und Erster Ritter der Erde, zuschaltet. Vor Ihrem Abflug zur kürzlich entdeckten Hohlwelt New Eden wollen Sie sich dieses Schauspiel hier auf der Erde sicherlich nicht entgehen lassen, Herr Ratsvorsitzender?“