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»Klug und kühn erzählt Hegarty eine Detektivgeschichte, die auf geniale Weise dem verschlossenen Raum des Genres entflieht, um sich den großen Fragen von Leben und Tod zu widmen.« Paul Murray, Autor von ›Der Stich der Biene‹ Was eben noch unterhaltsames Spiel war, wird scheinbar plötzlich bitterer Ernst: Nach einer ausgelassenen Silvesterparty mit Krimi-Motto unter Freunden wird Benjamin am Morgen seines Geburtstages tot aufgefunden. Was ist geschehen? Und wer ist schuld an seinem Tod? Seine Schwester Abigail sucht verzweifelt nach Antworten. Ein berühmter Privatdetektiv namens Auguste Bell soll ihr helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch dieser zeigt sich erstaunlich bewandert in den Regeln des klassischen Kriminalromans. Und auch weitere Details sind merkwürdig verschoben. Denn für Abigail ist die Welt nicht mehr wie vor Benjamins Tod. Und wird es nie wieder sein. ›Fair Play‹ ist ein literarisches Debüt voller Überraschungen, experimentell und emotional zugleich – denn Trauer spielt nicht nach den Regeln und im Gegensatz zu Kriminalgeschichten hat das echte Leben manchmal keine klare Lösung parat. »Eine Schriftstellerin mit phänomenalem Talent, die es geschafft hat, etwas vollkommen Originelles zu erdenken.« The Sunday Times »Eine fesselnde, kunstvolle Möbiusschleife von einem Roman.« The Guardian
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Veröffentlichungsjahr: 2026
»Eine fesselnde, kunstvolle Möbiusschleife von einem Roman.« The Guardian
Was eben noch unterhaltsames Spiel war, wird scheinbar plötzlich bitterer Ernst: Nach einer ausgelassenen Silvesterparty mit Krimi-Motto unter Freunden wird Benjamin am Morgen seines dreiunddreißigsten Geburtstages tot aufgefunden. In einem Zimmer, das von innen verschlossen war. Was ist geschehen? Und wer ist schuld an seinem Tod? Seine Schwester Abigail sucht verzweifelt nach Ant-worten. Ein berühmter Privatdetektiv namens Auguste Bell soll ihr helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch dieser stürzt sich nicht nur in die Zeugenbefragungen, er zeigt sich auch erstaunlich bewandert in den Regeln des klassischen Kriminalromans. Und noch weitere Details sind merkwürdig verschoben. Denn für Abigail ist die Welt nicht mehr wie vor Benjamins Tod. Und wird es nie wieder sein.
›Fair Play‹ ist ein literarisches Debüt voller Überraschungen, experimentell und emotional zugleich, das die Bedeutung von Narrativen und den Trost des Bekannten für unser aller Leben eindrucksvoll vor Augen führt.
Louise Hegarty
Roman
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Für Mom, Dad und Martha
WIEDEREINMALISTESANDERZEIT, BENJAMINSGEBURTSTAGZUFEIERN, DASNEUEJAHREINZULÄUTENUNDEINENMORDAUFZUKLÄREN!
ZURFEIERVONBENJAMINSGEBURTSTAGBISTDUAMSILVESTERABENDHERZLICHZUEINEMKRIMIDINNEREINGELADEN.
ANKUNFTBITTEUM14UHR.
DRESSCODE: GOLDENEZWANZIGER.
ORT: YEWTREEHOUSE.
ANFAHRTSPLANSIEHEANHANG.
RSVPANABIGAIL
Abigail wacht um sieben auf, streckt sich, meditiert zehn Minuten lang halbherzig, duscht, zieht sich an, erledigt Gesichtspflege und Make-up, föhnt sich die Haare, brät Rühreier und isst sie auf einem halben Bagel und mit etwas scharfer Sauce, wuchtet die am Vorabend gepackte Tasche in den Kofferraum ihres Autos und platziert dann den Champagner, den Wein und das Essen vorsichtig auf der Rückbank. Sie hakt Punkte auf ihrer To-do-Liste ab und wirft einen Blick auf die Uhr. Sie vergewissert sich, dass sie die Quittung für die Torte eingesteckt hat. Die vom Handy vorgeschlagene Route zur Bäckerei überprüft sie ein zweites Mal – ohne Stau sollte sie in achtundzwanzig Minuten dort sein.
Sie erreicht die Bäckerei kurz vor der Öffnungszeit, und während sie wartet, überfliegt sie die Nachricht, in der ihre Airbnb-Gastgeber die Ankunftszeit bestätigt haben. Dann schaut sie zu, wie der Minutenzeiger sich langsam der vollen Stunde entgegenschiebt. Sobald die Tür aufgeschlossen wird, steigt sie aus dem Auto, die Quittung in der Hand. Die bestellte Torte befindet sich in einer Schachtel, die Abigail vorsichtig in den Fußraum stellt. Sie gibt die Postleitzahl des Airbnb bei Google Maps ein, startet einen Podcast und geht in Gedanken alles durch, was sie noch erledigen muss, bevor am Nachmittag die anderen eintreffen. In der Freundesgruppe ist Abigail diejenige, die immer alles organisiert; sie genießt und hasst die Rolle gleichermaßen.
Der Verkehr ist überschaubar. Während Abigail in Gedanken weiterhin ihre To-dos abarbeitet, wird aus den urbanen Straßen eine Schnellstraße und schließlich eine schmale Landstraße. Sie schaltet den Podcast aus, um sich ganz aufs Fahren zu konzentrieren. Drei Kilometer geradeaus. Am Stoppschild rechts abbiegen. In zwei Kilometern links halten.
An einer Kreuzung tritt sie auf die Bremse. Zu ihrer Rechten sieht sie eine Häuserzeile, einen kleinen Lebensmittelladen und einen Pub mit »Zimmer frei«-Schild, zur Linken eine Tankstelle. Abigail biegt ab wie geheißen und folgt einer engen, gewundenen Straße. Eine wandernde Familie winkt ihr zu, ein entgegenkommendes Auto weicht in eine Bucht aus, um sie passieren zu lassen. Und dann verkündet die Stimme aus dem Handy, sie habe ihr Ziel erreicht.
Sie fährt zwischen zwei hohen Torsäulen durch, an einer unbesetzten Pförtnerloge vorbei und findet sich auf einer langen, von Bäumen gesäumten Auffahrt wieder. An deren Ende ragt das Haus auf, die von Efeu bedeckte Fassade ist nach Süden ausgerichtet. Abigail stellt sich vor, wie grün und fruchtbar das Gelände im Frühling oder Sommer aussehen wird. Der Asphalt unter den Autoreifen geht in Kies über, sie parkt neben einem alten Jeep direkt vor dem Haus. Es steht auf einer Anhöhe, die angrenzenden Wiesen fallen sanft ab und ziehen sich auf der gegenüberliegenden Talseite wieder in die Höhe. In der Ferne ist hier und da ein anderes Gebäude zu erkennen. Als Abigail aus dem Auto steigt, öffnet sich die Haustür, und heraus kommen ein Mann und eine Frau, die sie auf Mitte sechzig schätzt. Beide tragen Steppweste und Jeans und haben glänzendes, von Grau durchzogenes Haar. »Sie müssen Abigail sein«, sagt die Frau. »Ich bin Dorothy, das hier ist Brian.« Sie umarmt Abigail noch auf der Treppe und erkundigt sich dann nach der Anreise. »Ohne viel Verkehr war es kein Problem«, antwortet Abigail. Brian schüttelt ihr die Hand.
Sie folgt den beiden durch eine schwere Holztür in die Eingangshalle. »Willkommen im Yew Tree House«, sagt Brian. »Das Anwesen wurde in den frühen 1790ern im palladianischen Stil erbaut und 1867 erweitert. Es geriet in Verfall, nachdem die letzten Nachfahren der Familie verstorben waren. Meine Eltern haben es 1954 aus einer verrückten Laune heraus gekauft und jahrzehntelang renoviert, bis wir es schließlich übernommen haben.« Abigail betrachtet die hohe Decke mit den filigranen Zierleisten und dem Kronleuchter und fühlt sich plötzlich sehr klein. »Hier aufzuwachsen, muss zauberhaft gewesen sein«, sagt sie und bereut es sofort; Brian ist vom Gesicht abzulesen, dass er sich in seinem Monolog unterbrochen fühlt. »Mit Zauberei kenne ich mich nicht aus«, sagt er. »Es war hier nicht immer so schön. In meiner Kindheit musste ich ständig den Wassereimern ausweichen, bis meine Eltern sich irgendwann die Dachreparatur leisten konnten.« »Ja, aber trotzdem … ich meine, als Kind … so viele tolle Verstecke, so viele Möglichkeiten zu spielen … jede Menge Raum für die Fantasie«, sagt Abigail. »Ich glaube, Brian ist schon als älterer Herr zur Welt gekommen«, wirft die Frau lachend ein. »Verstecken zu spielen, ist ihm wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen.« Mit einem Augenzwinkern drückt sie den Arm ihres Mannes, er quittiert es mit einem Lächeln. Wie schnell sie ihn besänftigt hat, denkt Abigail. Wie schön es sein muss, wenn man sich in einer langen Ehe eingerichtet hat.
Brian setzt die Führung fort. Zur Linken findet sich das repräsentative Wohnzimmer (»oder der Salon, wenn man ganz vornehm sein will«), am Ende des Flurs ein weiteres Wohnzimmer mit von Bücherregalen bedeckten Wänden. Gegenüber liegt das Arbeitszimmer (»dort hat mein Vater nach dem Essen immer seine Zigarre geraucht«). Es geht zurück in die Eingangshalle, vorbei an einer großen Standuhr und weiter in einen anderen Flügel mit Esszimmer und Küche. »Vor acht Jahren haben wir alles renovieren lassen, es ist also sehr modern«, erklärt Dorothy. »Da hinten ist die Vorratskammer. Wir haben uns für einen Küchentresen entschieden, weil wir wissen, dass nicht alle Gäste etwas mit einem formellen Esszimmer anfangen können.« Brian führt Abigail weiter zu den ehemaligen Dienstbotenkammern. »Heute nutzen wir sie als Haushaltsraum«, sagt er, »und als Lager. Falls Sie zusätzliche Stühle brauchen oder einen Staubsauger, werden Sie hier fündig.« Durch eine gläserne Schiebetür gelangen sie in einen kleinen Innenhof mit Sitzgelegenheiten, Feuerschale und einem Unterstand voller fachmännisch gestapeltem Kaminholz.
»In früheren Jahren haben wir hier oft mit Gästen Silvester gefeiert«, sagt Dorothy, »aber inzwischen sind wir dafür ein bisschen zu alt.« »Es ist nur zur Hälfte eine Silvesterparty«, erklärt Abigail. »Wir feiern gleichzeitig den Geburtstag meines Bruders – morgen wird er dreiunddreißig.« Die Eheleute verziehen mitleidig das Gesicht. »Wie ärgerlich, ausgerechnet am Neujahrstag geboren zu sein. Da hat doch niemand Zeit«, sagt Dorothy. Abigail zuckt die Achseln. »Es macht ihm nichts aus. Er ist froh, wenn er nicht im Mittelpunkt stehen muss.« Sie kehren in die Eingangshalle zurück und gehen dann hinauf in den ersten Stock. (»Achten Sie auf die Buntglasfenster mit dem Familienwappen.«) Abigail zieht langsam die Augenbrauen hoch.
»Die meisten Schlafzimmer sind ähnlich groß … hier ist das Hauptbad und auch der Wäscheschrank, falls Sie Laken oder Kissen brauchen. Zwei der Schlafzimmer haben eigene Bäder, das größte dort rechts mit eingeschlossen, und dann gibt es noch … Lassen Sie es mich Ihnen zeigen …« Brian führt sie in ein kleines, hellgelb gestrichenes Zimmer. Ein von Acrylglas geschütztes Wandgemälde zeigt Haus und Grundstück in einem vergangenen Jahrhundert. »Es ist kleiner als die anderen, aber ein wahres Schmuckstück«, sagt er. »Ich persönlich finde, dass man von hier die schönste Aussicht hat, aber noch viel wichtiger ist das im Originalzustand erhaltene Fresko von Nathaniel Grogan. Eine wirklich beeindruckende Arbeit.«
Zurück im Erdgeschoss findet die Schlüsselübergabe statt, und dann winkt Abigail den Gastgebern nach, während ihr Jeep über die Auffahrt rollt und schließlich verschwindet. Sie wirft einen Blick auf die Uhr. In knapp zwei Stunden sollen die anderen eintreffen, ihr bleibt gerade noch genug Zeit. Abigail entlädt das Auto, stellt die Lebensmittel in die Vorratskammer, versteckt die Torte für später und legt den Champagner in den Kühlschrank. Sie geht noch einmal nach oben, verschafft sich einen Überblick über die Zimmer und teilt sie in Gedanken den Gästen zu. Sie packt ihren kleinen Koffer aus, macht sich mit der Bedienung des Ofens vertraut und beginnt, alles für die Feierlichkeiten des Abends vorzubereiten. Jetzt kommt der beste Teil: Sie geht durchs Haus, versteckt Hinweise und legt falsche Fährten.
Beim ersten Krimidinner war sie noch ein bisschen zaghaft gewesen und hatte lediglich ausgedruckte Fotos der Gegenstände mitgebracht (eine Pistole, ein Testament, eine kaputte Armbanduhr) und in den Räumen eines gesichtslosen Ferienhauses verteilt. Aber von Jahr zu Jahr war sie mutiger geworden. Sie hatte gemerkt, dass die anderen sich umso prächtiger amüsierten, je mehr Aufwand sie hineinsteckte. Und weil sie in den vergangenen zwei Jahren pausieren mussten, hatte Abigail beschlossen, diesmal aufs Ganze zu gehen. Das Haus war eigentlich zu teuer, aber sie fand, dass sie es sich verdient hatten.
Sich die Hinweise auszudenken, hatte ihr großen Spaß gemacht: ein zerknüllter Liebesbrief, den sie wie damals als Kind in Tee getaucht hatte, damit er antik wirkte; eine altmodische entwertete Theaterkarte; ein billiges Stofftaschentuch mit von ihr per Hand aufgestickten Initialen. Und natürlich auch die Mordwaffe, eine Champagnerflasche, auf die sie sorgsam fünf Fingerabdrücke geklebt hat. Sie hofft, dass die anderen den ganzen Aufwand zu schätzen wissen. Sie will sie unbedingt beeindrucken.
Sie fragt sich, ob sie sich jetzt schon umziehen und die Gäste im Kostüm begrüßen sollte, entscheidet sich dann aber dagegen. Es wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Guten, ein bisschen zu bemüht.
Sie hat die anderen für zwei Uhr einbestellt, und obwohl ihr im Vorhinein klar war, dass sie sich verspäten würden, ist sie enttäuscht, als zur vorgesehenen Zeit noch keiner von ihnen aufgetaucht ist. Sie legt sich auf das Sofa im Wohnzimmer und scrollt auf dem Handy, hakt weitere Punkte von der To-do-Liste ab, überfliegt die neuesten Nachrichten online und landet dann bei WhatsApp. Sie ruft Stephens Profil auf und sieht sich den Chat an – ein nach dem Joggen aufgenommenes Foto, ein Link zu einem Artikel, den er möglicherweise interessant findet, gegenseitige Weihnachtsgrüße. Die Zeit vergeht wie im Flug. Fünfzehn Minuten verstreichen und dann weitere zehn, ohne dass Abigail es merkt.
Gegen halb drei klingelt es an der Tür. Abigail eilt hin und sieht Barbara auf der Treppe stehen. Barbara ist eine befreundete Arbeitskollegin von Benjamin und zum ersten Mal zu dieser Party eingeladen.
Barbara ist der einzige Gast, der sich absichtlich verspätet, aber nun stellt sie erstaunt fest, dass außer ihr noch niemand da ist. Sie dachte, eine Verspätung von einer halben Stunde wäre ausreichend, doch offensichtlich hat sie sich getäuscht. Sie hält einen kleinen Weekender umklammert. »Oh, tut mir leid«, lacht sie nervös, als sie erfährt, dass sie die Erste ist. »Habe ich mich in der Zeit geirrt?« »Oh, nein, es ist nur so, dass die meisten unserer Freunde sich mit Pünktlichkeit schwertun«, antwortet Abigail und bittet Barbara herein. Sie nimmt ihr die Reisetasche ab und zwingt sie zu etwas Smalltalk (»Wie war die Fahrt? Wie war Weihnachten? Das Wetter ist ungewöhnlich mild, oder?«). Sie gibt Barbara eine kleine Tour (»der Salon, das Arbeitszimmer«), gerät ins Schwafeln (»dieser Flügel wurde in den 1860ern angebaut«) und führt sie dann die Treppe hoch zu ihrem Zimmer (»ich lasse dich jetzt allein, dann kannst du auspacken«).
Abigail verschwindet wieder in die Küche, und Barbara lässt sich so viel Zeit wie möglich, ohne dass es unhöflich erscheint. Sie holt die Kleidungsstücke einzeln aus der Tasche und hängt sie eines nach dem anderen in den dunklen Mahagonischrank. Den Pyjama legt sie aufs Kopfkissen. Die Pflegeprodukte, Make-up und Haarstyling-Utensilien stellt sie auf die Kommode. Sie wirft einen Blick in den Spiegel und bindet sich die schwarzen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zurück. Die kleine Reisetasche schiebt sie unters Bett. Sie schaut nach, ob ihr Handy Empfang hat. Sie stellt sich ans Fenster, betrachtet die langgezogene Auffahrt und die Felder in der Ferne und fragt sich, ob es richtig war, die Einladung anzunehmen. Normalerweise hätte sie das nicht getan. Normalerweise hätte sie eine Ausrede erfunden und wäre zu Hause geblieben, aus reiner Rücksichtnahme. Den anderen zuliebe. Manchmal muss es so sein. Doch aus irgendeinem Grund hat sie diesmal zugesagt. Es sieht ihr gar nicht ähnlich.
Schließlich geht sie widerwillig nach unten. Sie bietet Abigail Hilfe bei den Vorbereitungen an, aber Abigail winkt ab. »Oh nein, du bist ein Gast«, sagt sie, und so sitzt Barbara verlegen am Küchentresen, während Abigail umherwuselt.
Glücklicherweise hört sie bald ein weiteres Auto in der Auffahrt und dann Abigails Begrüßung in der Halle und ein Gewirr neuer Stimmen. Weil sie es seltsam findet, allein in der Küche zu sitzen, wagt Barbara sich vorsichtig heraus. Als ihr bewusst wird, dass sie niemanden kennt, krampft sich ihr Magen zusammen. Immer noch kein Benjamin. Abigail umarmt und küsst die Neuankömmlinge. Sie dreht sich um und macht sie mit Barbara bekannt: »Das sind Cormac und Olivia, das hier ist Stephen.«
Auf einmal ist das Haus voller Leben: voller Menschen, Koffer und freundlicher Stimmen. »Ich fühle mich hier ein bisschen deplatziert«, sagt Cormac. »Viel zu nobel für meinesgleichen.« Abigail führt ihre Gäste nach oben. Cormac und Olivia bekommen das Zimmer mit dem Doppelbett und dem eigenen Bad, weil sie das einzige Paar sind. Olivia registriert Abigails Umsicht und freut sich sehr darüber. Sie ist relativ neu in der Gruppe und sehr erpicht darauf, ihren Platz zu finden. Sie mag Abigail. Sie glaubt, sie könnten gute Freundinnen werden. Die Pandemie hat persönliche Treffen erschwert, deshalb wurde Olivia das Gefühl noch nicht los, eine Außenseiterin zu sein. Sie hat mit Cormac darüber gesprochen, aber er reagierte jedes Mal gekränkt und sagte: »Meine Freunde haben dich doch immer herzlich aufgenommen, oder etwa nicht?« Haben sie natürlich. Sie sind so nett und höflich, wie man es Fremden gegenüber nun mal ist. Aber Olivia will keine Fremde mehr sein. Sie ist ein bisschen erleichtert, als sie Barbara entdeckt – die einzige Person, die noch neuer ist als sie.
Im Zimmer nebenan ist Stephen schon im Begriff, seine Sachen auszupacken. »Nein, nicht hier«, raunt Abigail ihm verschwörerisch zu. »Für dich habe ich ein schöneres Zimmer.« Früher war Abigail hoffnungslos in Stephen verliebt. Damals war es ihr wie eine große Sache erschienen. Heute redet sie sich ein, dass sie ihren Gefühlen entwachsen ist, freut sich aber trotzdem sehr, als er erzählt, seine Freundin verbringe die Weihnachtsferien daheim in Polen. »Ich dachte, vielleicht magst du die Aussicht«, erklärt sie. »Und das Fresko. Es ist über zweihundert Jahre alt.« Sie legt eine Hand an die Plexiglasscheibe, Stephen wirft seine Tasche aufs Bett und sich gleich daneben. »Das Haus ist irre, Abigail. Ein toller Fund. Es wirkt sogar noch größer als auf den Fotos, die du geschickt hast«, sagt er und stützt sich auf die Ellenbogen. »Wir haben uns ewig nicht gesehen«, sagt sie zögerlich. »Ja, ich weiß. Liegt wohl an meinem Job und an der Beziehung und an der ganzen Pandemiescheiße. Im neuen Jahr sollten wir uns öfter treffen, was Regelmäßiges verabreden. Du weißt schon, nur wir beide, oder wir und Benjamin oder so.« Abigail versucht, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. »Oh, warte, ich zeige dir meine Verkleidung«, sagt Stephen.
Sie setzt sich auf die Bettkante, er wühlt in seiner Tasche und zieht nach längerem Suchen eine Kopfbedeckung heraus: eine karierte Jagdmütze. »Für meinen großen Auftritt als Meisterdetektiv nachher.« »Steht dir«, sagt Abigail, während Stephen stolz vor dem Spiegel posiert. Stephen genießt die Silvesterpartys sehr. Er ist ein geselliger Typ und liebt Menschen, Alkohol und Spaß. In seinem Angestelltendasein fühlt er sich manchmal ein bisschen eingeengt; er hat den Eindruck, dass die nüchternen Eckdaten seines Lebens nicht zeigen, wer er wirklich ist. »Du weißt aber schon, dass Sherlock Holmes in keinem der Bücher eine Jagdmütze trug?«, fragt Abigail und nestelt an der Tagesdecke. »Das war nur in den Filmen und Serien so. Deswegen bringen alle die Mütze mit ihm in Verbindung.«
»Ich habe auch noch andere Requisiten dabei«, sagt Stephen. »Aber die halte ich vorerst geheim. Ich will die Überraschung nicht verderben.«
Im Erdgeschoss hat Barbara sich wieder an den Küchentresen gesetzt. Sie fragt sich, wie lange die anderen noch brauchen. Sie schenkt sich ein Glas Wasser ein. Sie stellt sich an die Schiebetür zum Hof und spielt mit dem Gedanken, hinauszugehen und das Gelände zu erkunden oder wenigstens so zu tun, als täte sie irgendetwas anderes außer Warten. Das Geräusch eines herannahenden Autos rettet sie aus ihrer misslichen Lage. Endlich sind auch die letzten Gäste da.
Abigail rennt die Treppe hinunter und öffnet die Haustür, und herein kommt Declan. Er lässt seine Tasche zu Boden fallen, umarmt alle Anwesenden und küsst sie stürmisch, selbst Barbara, die er nie zuvor gesehen hat.
Declan und Benjamin kennen sich, seit sie fünf waren, aber im Laufe der Jahre haben sie sich immer weiter auseinandergelebt. Leider ist Declan der Einzige, der es noch nicht gemerkt hat. Und obwohl er auch weiterhin zu bestimmten Anlässen eingeladen wird, liegt die Zeit, in der er gut in ihre Freundesgruppe passte, schon lange zurück.
Kurz nach ihm treten Benjamin und Margaret durch die Tür. Auf der Schwelle ist Benjamin kurz stehen geblieben, um ihr den Vortritt zu lassen. Er trägt beide Koffer. »Du hast eine neue Frisur«, bemerkt Margaret und zieht Abigail in eine Umarmung. Nachdem Benjamin Cormac und Stephen begrüßt hat, entdeckt er Barbara und beginnt zu lächeln. »Oh, wie schön, du bist schon da«, sagt er. Abigail nimmt ihm das Gepäck ab, um es nach oben zu tragen. »Das musst du nicht«, sagt er, aber Abigail legt ihm eine Hand auf die Schulter und erinnert ihn daran, dass er das Geburtstagskind ist. »Ich weiß doch, wie sehr du das ganze Drumherum genießt«, sagt sie.
Sie geht die Treppe hoch, Margaret folgt ihr. »Ich brauche unbedingt eine Führung«, sagt Margaret. »Sonst verlaufe ich mich noch in diesem Schloss.« Abigail erkundigt sich nach der Anreise, und Margaret antwortet: »Ach, ja, war gut«, aber Abigail hat das Gefühl, als wollte sie ihr nicht in die Augen sehen. Während des Studiums waren Benjamin und Margaret ein Paar. Sie sind schon seit Jahren getrennt, aber gute Freunde geblieben. Abigail möchte gerade die nächste Frage stellen, als Declan hereinplatzt. »Deins ist nebenan«, sagt sie. Doch beim Anblick seines Zimmers macht er ein Theater. Er hatte erwartet, er würde sich eins mit Benjamin teilen. »Sicher will Benji das auch«, protestiert er. »Wie früher.« »Dieses Jahr haben wir ein größeres Haus, damit jeder ein eigenes Zimmer haben kann. Das da habe ich extra für dich ausgesucht«, sagt Abigail wie zu einem Kind. Sie ärgert sich auf eine unbeschreibliche Weise über Declan, gleichzeitig macht sie sich Sorgen um ihn. Vor kurzem hat Benjamin ihr erzählt, Declan habe einen Immobilienkredit nicht bekommen, weil seine Kontoauszüge den regen Gebrauch von Glücksspiel-Apps offenlegten. Sie lenkt Declan ab, indem sie etwas von knappen Champagnervorräten faselt, woraufhin er prompt seine Tasche ins Zimmer wirft und davoneilt. Margaret verdreht die Augen, Abigail hat ihre Frage vergessen.
Unten haben sich alle in der Küche versammelt. Cormac und Olivia sitzen am Tresen, Barbara und Benjamin stehen an die Arbeitsplatte gelehnt, Declan untersucht den Inhalt des Kühlschranks. Stephen wirft einen Blick durch die gläserne Schiebetür in den Innenhof. »Wo ist deine Freundin?«, fragt Declan ihn. »Hat sie etwa schon mit dir Schluss gemacht?« Er lacht als Einziger. »Sie ist über Weihnachten nach Polen gefahren«, erklärt Stephen geduldig. »Nach Polen? Oh, ich dachte, sie ist aus Lettland oder so ähnlich – Litauen, genau«, sagt Declan. »Nein. Sie kommt aus Polen, deswegen ist sie auch in Polen. Eigentlich nicht schwer zu kombinieren«, sagt Stephen. »Du weißt doch, was man über Polinnen sagt, die …«, fängt Declan an, aber Cormac fällt ihm ins Wort. »Okay, okay«, sagt er und rutscht vom Barhocker herunter. »Dafür ist es noch ein bisschen früh.« Declan setzt eine unschuldige Miene auf, wehrt sich aber nicht. Cormac schlägt einen Spaziergang vor, bevor die abendlichen Feierlichkeiten beginnen. »Kommt«, sagt er. »Es wird bald dunkel.«
Alle ziehen sich Jacken und Mäntel an und laufen über die Auffahrt bis zur schmalen Landstraße. Cormac und Olivia gehen voraus, Declan folgt ihnen mit aufs Handy gerichtetem Blick. Abigail geht neben Margaret und Stephen. Sie dreht sich kurz um und sieht, wie Benjamin sanft und leise auf Barbara einredet. Weil keine Autos in der Nähe sind, spazieren sie mitten auf der Straße. »Hattest du schöne Weihnachten?«, fragt Margaret und hakt sich bei Abigail unter, als wären sie Schwestern. »Ach, es war wie immer«, sagt Abigail. »Sehr ruhig.« Stephen witzelt, er trage heute zum ersten Mal seit Heiligabend Schuhe. »Ich wusste ja nicht, dass wir Sport machen«, lacht er.
Abigail fragt Margaret nach ihrem neuen Job, der sehr nach dem alten Job klingt, aber Margaret ist zufrieden. Ihr Büro hat eine Aussicht auf den Fluss und eine sehr gute Kaffeemaschine. Margaret lässt den Blick immer wieder nach hinten schweifen. »Barbara macht einen netten Eindruck«, sagt sie. »Kanntest du sie schon?« Abigail sieht sie aufmerksam an. »Flüchtig. Benjamin hat erzählt, dass sie gerade erst eine schlimme Trennung hinter sich hat. Hoffentlich amüsiert sie sich heute Abend.« Margaret schaut abermals zurück.
Sie folgen einer Kurve, und plötzlich erstreckt sich vor ihnen das ganze Tal. Weiter unten ist die Straße zu erkennen, auf der sie gekommen sind und die sich in sanften Biegungen auf die Kreuzung zuschlängelt. Vor der Tankstelle steht ein einzelnes Auto.
Ein Paar mit zwei Hunden kommt ihnen entgegen. Beide haben gerötete Gesichter und lächeln freundlich. »Hey«, sagt Benjamin und geht in die Hocke, um die Hunde zu begrüßen. »Ihr seid aber hübsch.« »Das sind gewöhnliche Straßenköter«, sagt die Frau, »aber es sind unsere Straßenköter, falls Sie verstehen, was ich meine.« Benjamin fragt nach den Namen der Tiere und streichelt ihnen den Kopf.
»Würden Sie uns einen Gefallen tun?«, fragt Stephen. »Könnten Sie ein Foto von uns machen?« Er bietet der Frau sein Handy an. »Geben Sie es lieber meinem Mann. Ich kenne mich mit Technik nicht so gut aus.« Sie nimmt dem Mann die Hundeleinen ab, Stephen reicht ihm das Handy. Die Gruppe rückt zusammen, der Mann weicht einen Schritt zurück, um alle aufs Foto zu kriegen. »Dichter zusammen«, sagt er und gestikuliert mit den Händen. Abigail wird an Stephen gedrückt. Er legt einen Arm um sie und zieht sie an sich. Sie lässt den Kopf leicht an seine Schulter sinken. »Bitte lächeln!«, ruft der Mann und fotografiert. »Wahrscheinlich sind Sie im Yew Tree House untergebracht?«, fragt er, als er Stephen das Handy zurückgibt. »Brian hat uns erzählt, dass er eine Gruppe erwartet.« »Wohnen Sie hier in der Nähe?« »Wir sind Nachbarn – zwei Felder weiter.« »Sie haben viel Arbeit in das Haus gesteckt«, sagt die Frau. »Und auch viel Geld«, ergänzt der Mann. »Sie haben alle möglichen Versteigerungen und Flohmärkte besucht, um die passenden Möbel zu finden. Die zwei haben das wunderbar hinbekommen.« Dann wünschen sie einander ein frohes neues Jahr und ziehen weiter.
Nach einer Weile fällt Abigail auf, dass Stephen sich den Rücken reibt. Er erklärt ihr, er habe sich vor kurzem beim Fußballspielen im Park verletzt. »Dein Bruder hat sich in den vergangenen Wochen gedrückt, wahrscheinlich war es ihm zu kalt, und da musste ich als der einzige talentierte Spieler natürlich über meine Grenzen gehen.« Cormac mischt sich ein, auch er hat eine Verletzung zu beklagen. Er lüpft ein Hosenbein und tastet sich den vermeintlich geschwollenen Knöchel ab. Olivia, die hinter ihm steht, verdreht die Augen. »Vielleicht hast du einfach nur dicke Beine«, sagt Stephen. Cormac fährt herum, Olivia unterdrückt ein Grinsen. »Hat sie dir das vorgesagt?«, fragt er Stephen. Jetzt muss Olivia lachen. »Mein Knöchel ist geschwollen«, beharrt Cormac. »Man sieht, wie die Haut …«, aber weil die anderen nicht aufhören zu lachen, bedeckt er seinen Fuß schnell wieder. Olivia zieht ihn in eine Umarmung und gibt ihm einen Kuss.
Die Straße wird schmaler, statt der Gräben erstrecken sich rechts und links nun niedrige Steinmauern. Hinter einem unbestellten Feld ist eine Kirchenruine zu erkennen. Das Tor lässt sich mühelos aufdrücken, sie gehen unter einem Baldachin aus Baumskeletten durch und finden sich vor einer verfallenen Abtei wieder. Die Gruppe strebt auseinander, jeder erkundet auf eigene Faust den Friedhof und die verschiedenen Gebäudeteile. Die Ruine ist still. Ein Rückzugsort. Abigail schreitet durch die Hülle des Kirchenschiffs, ihre Hand streift die Wände aus Sandstein. Auf dem Friedhof beugt sie sich über zerbrochene Grabsteine, fährt die Rillen der Inschrift mit dem Finger nach und versucht, Namen und Daten zu entziffern. In diesem Zwielicht erscheint der Ort unwirklich. Sie richtet sich wieder auf und entdeckt Benjamin in der Mitte eines Durchgangs. Er hat die Hände in die Taschen geschoben und die Augen geschlossen, sein Gesicht ist himmelwärts gekehrt.
Nach einer Weile sammeln sie sich wieder auf der Straße und treten den Rückweg an.
Als sie die Auffahrt erreichen, ist die Sonne untergegangen, und die Vögel in den Hecken haben ihr Abendlied angestimmt. Unter ihren Füßen knirscht der Kies, das Licht in der Eingangshalle – Abigail hat es brennen lassen – heißt sie zu Hause willkommen.
*
Stephen und Cormac holen Brennholz und machen sich daran, die Feuerschale zu reinigen und zu befüllen. Benjamin kommt in die Küche und fragt Abigail, ob sie Hilfe braucht, doch sie besteht darauf, dass er sich ausruht. »Du musst mich nicht im Auge behalten«, sagt sie und drückt kurz seinen Ellenbogen. Er will wissen, ob sie Barbara gesehen habe, aber Abigail sagt ihm, er solle lieber nach draußen gehen und Cormac und Stephen mit dem Feuer helfen. Benjamin gehorcht widerwillig.
Declan lungert in der Küche herum und erzählt den Frauen von einem angeblich urkomischen und skandalösen Vorfall bei der Arbeit, der für Abigail eher nach einem schwerwiegenden Übergriff klingt. Er bietet ihr seine Hilfe an, meint es aber eindeutig nicht ernst und zieht sich am Ende ins Wohnzimmer zurück, um sich mit seinem Handy zu beschäftigen. Abigail arrangiert die Käseplatte und richtet weitere Teller mit Aufschnitt und Crackern an. Olivia befolgt Abigails Anweisungen und bereitet kleine Kanapees mit Leberpastete, Tapenade, Ziegenkäse und sehr teurem Räucherlachs zu. Dazu gibt es partytaugliches Fingerfood von M&S, von dem Abigail weiß, dass alle es mögen. Jemand hat Musik aufgelegt, und Abigail entspannt sich langsam. Ihr ganzer Körper wird weich, was aber auch an dem Drink liegen könnte, den man ihr in die Hand gedrückt hat. Von draußen hört sie die Stimmen von Benjamin, Cormac und Stephen, die versuchen, Feuer zu machen. Sie versteht nicht genau, was gesagt wird, genießt aber den Rhythmus der Sätze. Sie hört ihr Lachen, ihren Frust, zuletzt ihr Jubeln, als die Scheite endlich Feuer fangen. Margaret steht rauchend in der offenen Tür und schaut den Männern zu.
Als Benjamin wieder hereinkommt, gefolgt von Stephen und Cormac, ist es an der Zeit, nach oben zu gehen und sich für das Krimidinner umzuziehen. Auch diese Silvesterparty hat ein Motto, das Abigail aber nicht allzu streng auslegt. Gutsherrenschick wäre ebenso gestattet wie New Yorker Prohibition. Dieses Jahr spielt der Kriminalfall in den Goldenen Zwanzigern. Abigail beeilt sich – sie steckt sich die Haare hoch, frischt ihr Make-up auf und schlüpft dann in ein mit Pailletten besetztes Flapperkleid. Während sie versucht, den Reißverschluss zu schließen, vibriert ihr Handy. Stephen hat das Gruppenfoto vom Spaziergang verschickt. Olivia und Cormac kauern im Vordergrund, am rechten Rand versteckt Benjamin sich halb hinter Barbara, Margaret steht ein bisschen steif neben Declan, Abigail und Stephen sind in der Mitte. Abigail berührt das Display, um das Foto zu vergrößern. Sie sieht ihr Gesicht, die aufgerissenen Augen, das breite Lächeln, und schämt sich ein wenig.
Sie schließt den Reißverschluss, zieht sich die Schuhe an, geht zu Benjamins Zimmer, klopft an die Tür und tritt ein, ohne seine Antwort abzuwarten. Benjamin sitzt auf der Bettkante und bindet sich gerade die Schnürsenkel. Als sie hereinkommt, hebt er den Kopf. »Oh«, sagt er, »du trägst die Ohrringe.« Er hat sie ihr zu Weihnachten geschenkt. »Ich wollte mal deinen Balkon sehen«, sagt Abigail, öffnet die Tür und tritt hinaus. Sofort steigt ihr beißender Qualm aus der Feuerschale in die Augen. Benjamin folgt ihr gemächlich. »Das Haus hast du gut ausgesucht«, sagt er und legt ihr einen Arm um die Schultern. »Du hast das alles wie immer ganz toll organisiert.« Sie spürt, wie er tief einatmet. »Wie war die Fahrt?«, fragt sie. Benjamin lässt sie los und zupft an seiner Fliege herum. »Tut mir leid, dass wir zu spät waren. Declan wollte unbedingt die Panoramaroute nehmen. Hattest du einen schönen Abend mit den Mädels?« Die Mädels – ein paar Frauen, die Abigail seit der Schule kennt – haben sich in diesem Jahr nicht so oft gesehen, wie Abigail es sich gewünscht hätte, aber immerhin haben sie es geschafft, sich anlässlich Weihnachten auf ein paar Drinks zu treffen. »Du hättest sie ruhig einladen können«, sagt Benjamin. »Ich meine, das Haus ist riesig …« »Oh, nein. Ist doch netter, wenn es immer dieselben Leute sind. Aber Barbara … ich hoffe, sie fühlt sich wohl. Also, hoffentlich kommt sie sich nicht überflüssig vor.« »Mach dir um Barbara keine Gedanken«, sagt Benjamin. »Ich werde mich um sie kümmern.« Sie gehen wieder hinein, Abigail schließt die Balkontür hinter sich.
Im selben Moment erscheint Margaret in der Tür. Sie trägt eine bodenlange, mit Perlen besetzte Robe und ein Stirnband, ihre kastanienbraunen Haare sind hochgesteckt. Sie sieht wunderschön aus. Abigail ist neugierig auf Benjamins Reaktion, aber er kehrt ihr den Rücken zu. »Ich dachte mir, alles oder nichts«, sagt Margaret und dreht sich einmal um die eigene Achse. »Du siehst hübsch aus«, sagt Abigail. »Hey, hey, hey«, geht Cormac dazwischen. »Hier finden doch hoffentlich keine Absprachen statt. Dieses Jahr habe ich nämlich eine echte Chance.« »Haben wir gar nicht nötig«, sagt Margaret. »Als amtierende Gewinnerin freue ich mich darauf, meinen Titel zu verteidigen.« Nun taucht auch Declan in der Tür auf. Er hat sich mit der Verkleidung nur minimal angestrengt, er trägt seine alten Turnschuhe und hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine Krawatte umzubinden. »Es ist ganz offiziell Abend, und ich hatte immer noch kein alkoholisches Getränk«, verkündet er. »Das ist ein Skandal. Bei wem kann ich mich beschweren?« Er legt einen Arm um Benjamin und schiebt ihn aus dem Zimmer. Margaret verdreht die Augen.
Kurz darauf haben alle sich in der Küche eingefunden, wie aus dem Ei gepellt und jetzt schon bestens gelaunt. Cormac und Stephen tragen elegante Anzüge, Olivia und Barbara wollten offenbar auf Nummer sicher gehen und haben sich jeweils für ein modernes Cocktailkleid entschieden. Abigail schiebt die letzten Snacks zum Aufwärmen in den Ofen, Declan lässt den ersten Champagnerkorken knallen.
Der Abend nimmt seinen Lauf. Sie lassen sich durch die Räume im Erdgeschoss treiben, essen Kanapees, schenken Champagner nach. Sie hören Musik, während des ersten Teils des Abends natürlich Jazz. Barbara war bislang eher still, jetzt gerade steht sie allerdings in einer Ecke des Esszimmers und unterhält sich fröhlich mit Margaret und Benjamin. Abigail hat auf alles ein Auge und muss sich selbst daran erinnern, locker zu bleiben; aber wirklich entspannen kann sie sich immer erst, wenn das Spiel vorüber ist. Um zehn vor acht teilt sie die Umschläge mit den Instruktionen und den einzelnen Figurenkarten aus. Sie weist die anderen an, erst hineinzuschauen, wenn die große Standuhr im Eingangsbereich die volle Stunde schlägt.
Die Instruktionen lauten:
Herzlich willkommen und vielen Dank für deine Teilnahme an diesem mörderischen Silvesterabend 2022!
Das Spiel sollte dir inzwischen vertraut sein. Für alle Neuen ist hier noch einmal der Ablauf: Jedem und jeder von euch wurde eine bestimmte Rolle zugewiesen, sei es Gast, Hausangestellte, Opfer oder Detektiv. Die Rahmenhandlung ist wie folgt: Du befindest dich auf einem Landsitz im Jahr 1929, wo Sir Hubert Handesley, der das Anwesen kürzlich von seinem verstorbenen Vater geerbt hat, zur Silvesterparty geladen hat. Einige Leute hatten gehofft, Sir Hubert würde nun endlich erwachsen werden, doch nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Seine Partys sind legendär, und du kannst dich auf jede Menge Champagner, Essen und guten Jazz gefasst machen, und auch auf pikante Gerüchte. Doch irgendwann im Laufe des Abends läuft etwas furchtbar schief …
In deinem Umschlag findest du eine Figurenkarte mit Informationen, die außer dir niemand besitzt. Wie du merken wirst, bekommst du spezifische Anweisungen, aber es steht dir frei, vom Skript abzuweichen und dich zu verhalten, wie deine Figur es deiner Meinung nach tun würde.
Du hast nun etwas Zeit, dir alles in Ruhe durchzulesen. Aber vergiss nicht, dass du dir immer gut überlegen musst, welche Informationen du weitergibst. Sonst kommt am Ende jemand anderes schneller zur Lösung!
Bei Fragen kannst du dich an Abigail wenden. Sie ist heute Abend die Erzählerin. Obwohl sie nicht direkt an der Aufklärung des Verbrechens mitwirkt, kann sie dir helfen, falls du nicht weiterweißt.
Abigail isst ein paar Kanapees, tanzt ein bisschen, singt zur Musik mit und plaudert mit allen. Die Uhr lässt sie aber nie aus den Augen, denn das Spiel sollte nicht zu spät beginnen. Damit alles glatt läuft, dürfen die Gäste noch nicht zu betrunken sein. Sie fängt Stephens Blick auf und nickt ihm kaum merklich zu, und dann verlassen die beiden unauffällig das Esszimmer. Abigail ist ziemlich aufgekratzt, was sie auf den Champagner schiebt.
Wenige Minuten später stößt sie einen schrillen Schrei aus. Im Esszimmer lässt Margaret fast ihr Glas fallen, Barbara zuckt zusammen, Declan brüllt auf und greift sich an die Brust. Als sie merken, dass das Spiel begonnen hat, lachen sie los. Sie folgen dem Geräusch in die Küche, wo Stephen am Boden liegt, einen fließenden roten Schal unter dem Kopf. Abigail beugt sich über ihn und schlägt sich eine Hand vor den Mund. »Ich wollte mir nur ein Glas Wasser holen, und da habe ich diese furchtbare Szene entdeckt. Sir Hubert Handesley tot und blutüberströmt am Boden. Einfach schrecklich. Anscheinend hat er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Wer würde so etwas tun?« Alle scharen sich aufgeregt um den reglosen Stephen. »Los geht’s«, verkündet Cormac. Er und Margaret machen sich unverzüglich daran, den Leichnam zu untersuchen. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich ihn mochte«, sagt Benjamin und stupst Stephens Bein mit der Schuhspitze an. »Oh, du darfst dich nicht einfach so outen«, sagt Cormac. »So früh kann der Mörder noch nicht entlarvt werden.«
Declan bleibt in der Tür stehen. Declan hat noch nie erraten, wer der Mörder ist. Er vermutet ein abgekartetes Spiel, denn in den vergangenen Jahren hat Abigail die uninteressanteste Rolle immer ihm zugewiesen. Letztes Mal war er das Opfer, da sie geglaubt hatte, das Problem löse sich damit von allein; aber sobald das Opfer sich in den Detektiv verwandelte, drohte das Spiel zusammenzubrechen, und Abigail musste seine Rolle übernehmen. Dieses Jahr spielt Declan den Haushälter. »Alle sollten sich den Toten genau ansehen«, sagt Abigail. »Achtet auf das zerzauste Haar. Womöglich gab es einen Kampf.« »Die Mordwaffe muss hier irgendwo in der Nähe sein«, sagt Cormac. »Wir sollten losgehen und Beweise suchen«, sagt Margaret zu Barbara. »Das ist der lustige Teil.« Damit sie sich besser einbringen kann, hat Abigail sich für Barbara eine besonders gute Rolle ausgedacht. Auf Barbaras Figurenkarte stehen lauter spannende Hinweise. »Hat er da was in der Jackentasche?«, fragt Abigail mit unschuldig aufgerissenen Augen. Cormac beugt sich vor. »Ich bin so frei«, sagt er und zieht ein Stück Papier heraus. »Ein Brief … oh, ein anzüglicher Liebesbrief von Marjorie Wilde an unseren nun leider verstorbenen Hubert Handesley. Sie schlägt ihm vor, gemeinsam durchzubrennen. Wer ist diese Marjorie Wilde?« Olivia quiekt und legt sich schnell eine Hand über den Mund. »Weib, verdammt sollst du sein!«, sagt Cormac. »Mit meinem besten Freund?« Olivia spielt die Empörte: »Ich glaube nicht, dass ich wirklich mit ihm durchbrennen wollte …«, aber da fällt Abigail ihr ins Wort. »Behalte die Hinweise lieber für dich«, sagt sie. »Sonst zieht noch jemand einen Vorteil aus den geheimen Informationen auf deiner Karte.«
Jetzt ist für Stephen der Moment gekommen, sich in den Meisterdetektiv zu verwandeln. Er geht in die Eingangshalle, legt den blutroten Schal ab, setzt sich die Jagdkappe auf und kehrt voller Elan in die Küche zurück. »Ich bin Allen, der Detektiv. Sicher haben Sie alle schon von mir gehört«, liest er von seiner Karte ab. »Ich bin, wie könnte es anders sein, der bekannteste Ermittler der Welt. Vermutlich fragen Sie sich, warum ich zu dieser Party eingeladen wurde. Nun, es war wirklich zu eigenartig! Letzte Woche rief Sir Hubert mich an und erzählte mir, er sei knapp einem Mordanschlag entgangen. Er wähnte sich in Gefahr, und deshalb bat er mich, herzukommen und herauszufinden, was vor sich geht. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass er in seinem eigenen Haus ermordet wird, auf seiner eigenen Party! Natürlich ist es meine Pflicht, das Verbrechen aufzuklären. Niemand darf abreisen, bevor ich meine Arbeit getan habe. Denn einer von Ihnen muss der Mörder oder die Mörderin sein. Tja, dann wollen wir uns den Tatort einmal ansehen und nach Hinweisen suchen.« Stephen geht über die Steinfliesen bis zu der Stelle, an der er eben noch lag, und lässt den Schal zu Boden fallen. »Ich glaube nicht, dass es für meine Ermittlungen von Bedeutung ist, aber ich muss schon sagen, eine schönere Leiche habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen.« »Ach, wirklich?«, fragt Cormac, stellt sich neben ihn und runzelt demonstrativ die Stirn. »Finden Sie nicht, die Augen stehen ein bisschen zu eng beisammen?« »Nein, dieses Gesicht ist perfekt proportioniert. Nun, was ist das … oh, anscheinend wurde der arme, wunderschöne Adonis auf den Kopf geschlagen. Ist die Mordwaffe schon gefunden?« Cormac wirbelt herum. Die Jagd beginnt! Olivia durchsucht die Küche. Barbara öffnet Schränke, Declan nippt an seinem Drink und schaut währenddessen auf sein Handy. Nach kurzer Zeit entdeckt Margaret die Mordwaffe in einem von Abigails bevorzugten Verstecken: unter der Spüle. Sie reckt die Champagnerflasche in die Höhe wie eine Trophäe. »Aha!«, ruft sie. »Lass mich mal sehen, gib her«, sagt Cormac, sie untersuchen die Flasche gründlich. »Oh, genau!«, sagt Stephen. »Wahrscheinlich wurde der arme, schöne Mann damit auf den Kopf geschlagen.«
Bezüglich der Champagnerflasche hat Abigail Olivia einen wichtigen Hinweis zukommen lassen. Olivia weiß als Einzige, wer an diesem Abend was getrunken hat; nur vier Gäste haben sich für Champagner entschieden. Besonders aufmerksame Personen würden bemerken, dass die Fingerabdrücke von einer linken Hand stammen, was den Kreis der Verdächtigen weiter einschränkt.
In der Küche verbirgt sich noch ein Hinweis, und Barbara ist diejenige, die ihn findet. Sie bückt sich nach der Theaterkarte, die unter einem Tischbein klemmt und die Abigail vor wenigen Minuten dort platziert hat. »Ich bin mir nicht sicher …«, sagt Barbara. »Ist das ein Hinweis?« Stephen nimmt ihr das Ticket aus der Hand und untersucht es. »Wahrscheinlich ist es dem Täter während des Kampfes aus der Tasche gefallen«, sagt er und zeigt es herum: eine Eintrittskarte für eine Vorstellung von Ein Inspektor kommt am dreiundzwanzigsten Dezember.
Alle beeilen sich, auf ihren Figurenkarten nachzuschauen, ob sie am fraglichen Abend im Theater waren. Abigail verfolgt, wie Cormac mit leuchtenden Augen liest, er habe dort mehrere der hier anwesenden Gäste gesehen. Für ihn verringert sich die Zahl der Verdächtigen damit auf drei. Benjamin wirkt ein bisschen still, aber Abigail kennt den Grund: Er ist der Mörder. Sie sorgt dafür, dass es jedes Jahr einen anderen Täter und ein anderes Opfer gibt; manche Leute können einfach ein besseres Pokerface aufsetzen als andere. »Vielleicht solltet ihr mal das restliche Haus durchsuchen«, sagt sie in die Runde. »Vielleicht werdet ihr sogar oben fündig.« Alle stürmen los, alle außer Declan, der immer noch mürrisch am Durchgang zum Esszimmer steht. »Wie lange dauert das noch, Abi?«, fragt er. »Komm, lass dich doch einfach mal drauf ein«, sagt Abigail. Sie hasst es, wenn er sie Abi nennt. »Und wer weiß, vielleicht findest du diesmal den Mörder?« »Wohl kaum«, murmelt er.
Gelegentlich mischt Abigail sich ein, um Leute in die richtige Richtung zu dirigieren und das Spiel in Gang zu halten. Sie macht Barbara im Wohnzimmer auf die hinter der Standuhr versteckte Taschenuhr aufmerksam, woraufhin alle Barbara zu ihrer Entdeckung gratulieren. Abigail hat ein Etikett auf die Rückseite der Taschenuhr geklebt: In Liebe für R. »Du schon wieder«, sagt Cormac. Olivia wirft einen Blick auf ihre Karte. »Nein, da steht, meine Initialen sind MW. Ich kann es nicht gewesen sein.« Cormac wendet sich an Stephen. »Mein Gott, nun mach deinen Job.« »Oh, mit Namen bin ich nicht so gut. Könnten Sie mir sagen, wessen Name hier mit R anfängt?« »Ich heiße Angela North«, sagt Barbara, »ich kann es also auch nicht gewesen sein.« Nun drehen sich alle zu Margaret um. »Eine Lady schweigt«, grinst sie. »Du kleines Luder«, sagt Cormac lachend.
Sie brauchen ungefähr zwei Stunden, um alle Hinweise und falschen Fährten zu finden. Zwischendurch füllen sie immer wieder ihre Gläser auf, sprechen in Zwanzigerjahre-Manier und spielen dramatische Szenen nach. Als alle Indizien zusammengetragen sind, werden sie auf dem Esszimmertisch ausgebreitet. »Interessant, sehr interessant«, sagt Stephen und lässt den Blick darüberschweifen. »Wir sollten uns im Salon versammeln, damit Meisterdetektiv Allen die Befragung durchführen kann«, sagt Abigail.
Im Wohnzimmer zwirbelt Stephen sich den falschen Schnurrbart. »Ein faszinierender Fall«, sagt er. »Ich musste jede einzelne meiner kleinen grauen Zellen anstrengen, aber es gibt immer noch einiges zu klären.« Er zieht einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts und faltet ihn in einer dramatischen Geste auf. »Ich werde jedem von Ihnen einige Fragen stellen, die Sie offen und ehrlich beantworten müssen«, sagt er, jetzt mit Pfeife im Mundwinkel. Er beginnt das Verhör. Sind Sie Rechts- oder Linkshänder? Wissen Sie, aus welchem Grund jemand es auf Hubert Handesleys Leben abgesehen haben könnte? Sprechen Sie fließend Französisch? Alle haben eine Vermutung, wer schuldig ist – Margaret tippt auf Cormac, Cormac tippt auf Margaret –, aber niemand liegt richtig. In diesem Jahr hat Abigail sie alle überlistet. »Und«, sagt Stephen, »wird der Mörder sich nun endlich zu erkennen geben?« Benjamin tritt vor. »Ich hätte es wissen müssen«, heult Stephen auf. »Mein allerbester Freund!«
*
Gegen dreiundzwanzig Uhr bricht irgendwo ein Feuerwerk los. Alle gehen nach draußen, sind aber zu weit entfernt, um etwas zu erkennen, außerdem versperren die vielen Bäume die Sicht. Ohne die Lichtershow bleiben nur enttäuschende Geräusche. Abigail behält ihren Bruder und Margaret stets im Auge, doch den beiden ist nichts anzumerken. Draußen in der Kälte herumzustehen und einem Feuerwerk zu lauschen, macht schon bald keinen Spaß mehr, also gehen sie wieder hinein ins Warme. Olivia hat es sich allein in einem Sessel im Salon bequem gemacht. »Ich wollte nur Hallo sagen«, sagt Abigail. »Oh, das ist nett von dir. Aber mach dir keine Gedanken. Ich habe einen schönen Abend«, sagt Olivia. »Das Spiel hat mir gut gefallen. Ich glaube, ich habe den Dreh jetzt raus. Nächstes Jahr werde ich gewinnen.« »Ich weiß nicht, wie Cormac es finden wird, wenn du ihn besiegst«, sagt Abigail, und Olivia muss lachen. »Ja, einmal habe ich ihn im Tennis geschlagen – normalerweise bin ich da die totale Versagerin, aber sag ihm das bitte nicht –, und wir haben nie wieder drüber gesprochen.« Sie lachen beide. »Dabei bin ich ziemlich ehrgeizig«, fährt Olivia achselzuckend fort. »Ich hänge mich gern rein, ich mag es zu gewinnen. Aber wenn nicht, ist es auch in Ordnung.« »Klingt nach einer ziemlich gesunden Einstellung«, sagt Abigail. Olivia sieht zu ihr auf. »Eigentlich komisch, dass wir uns nicht besser kennen. Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt, aber neue Freundschaften zu schließen, fällt mir seit dem Umzug schwer.« »Oh«, sagt Abigail, »dann lass uns doch in Zukunft mehr gemeinsam unternehmen. Mit Cormac. Oder ohne ihn.« Olivia wirkt erfreut. »Was ich dich noch fragen wollte. Barbara …« Sie beendet den Satz nicht. Abigail dreht sich um. Barbara steht an der Tür und unterhält sich angeregt mit einem Gast, der außer Sichtweite ist. Abigail wendet sich wieder Olivia zu. »Barbara …«, spricht Olivia weiter. »Cormac und ich haben uns gefragt, ob sie und Benjamin …« »Oh«, sagt Abigail, die jetzt erst verstanden hat, worum es geht. »Oh, nein. Sie ist nur eine Kollegin.« Aber Olivia sieht nicht gerade überzeugt aus und fragt in höflichem Ton: »Kanntest du sie schon?« »Ich glaube, ich bin ihr ein paar Mal begegnet. Ich kenne sie nicht gut, falls es das ist, was du wissen wolltest.« »Nein, ich dachte nur … Cormac hat sich auch gewundert. Wir wussten nicht, wen wir fragen sollen.«
Kurz vor Mitternacht sucht Declan plötzlich Barbaras Nähe und legt ihr wie beiläufig eine Hand an den Rücken. Aber Barbara ist keine Frau, die sich irgendetwas bieten lässt. Im Laufe der Jahre hat sie viel Erfahrung darin gesammelt, Declans abzuwehren, und mit diesem hier wird sie spielend fertig. Außerdem ist er so betrunken, dass er Barbara um Mitternacht schon wieder vergessen hat und stattdessen Stephen küssen will. Weitere Champagnerflaschen werden geleert, die Häppchen sind fast aufgegessen, und der Countdown läuft. Nach laut gerufenen guten Wünschen fürs neue Jahr singen alle »Happy Birthday« für Benjamin. Abigail legt ihrem Bruder einen Arm um die Taille, stellt sich auf die Zehenspitzen und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
Die Party geht weiter. Sie tanzen durchs gesamte Erdgeschoss und hinaus in den Innenhof. Declan heult den Nachthimmel an, und ausnahmsweise ist niemand genervt. Auf einmal fällt Abigail die Torte wieder ein. Sie holt sie aus dem Versteck, hebt sie aus der Schachtel und steckt die Kerzen hinein. Dann reckt sie den Kopf durch die Schiebetür. Stephen, Margaret und Cormac stehen draußen und rauchen. »Wir schneiden jetzt die Torte an«, sagt Abigail. »Im Esszimmer. Wo ist Benjamin?« Sie wissen es nicht. Die anderen haben sich im Wohnzimmer versammelt, Abigail scheucht sie ins Esszimmer hinüber. »Wo ist Benjamin?«, fragt sie Declan. Er zuckt die Achseln. »Draußen vielleicht«, sagt er. »Super«, sagt Abigail. »Da braucht man ihn ein Mal, und er ist nicht da.« »Vielleicht musste er mal aufs Klo«, mutmaßt Cormac.
Abigail sprintet die Treppe hoch. Die Tür zum Bad ist nur angelehnt, Abigail schiebt sie auf. Aber Benjamin ist nicht hier. Sie schnaubt enttäuscht, dreht sich um, läuft durch den langen Flur zum großen Schlafzimmer und stößt fast mit Benjamin zusammen, der gerade herauskommt. »Was tust du da?«, fragt sie. »Nichts.« »Wir schneiden jetzt die Torte an. Im Esszimmer.« Er wirkt ein bisschen lethargisch, sie muss ihn vor sich herschieben. »Du kannst doch nicht jetzt schon einschlafen«, sagt sie.
Als sie unten ankommen, löscht Margaret das Deckenlicht und bedeutet Abigail mit einer Geste, dass alles bereit ist. Sobald die Gäste das Licht der Kerzen sehen, stimmen sie ein weiteres »Happy Birthday« an. Stephen stupst Benjamin an, Abigail stellt die Torte vor ihn hin. Als das Lied zu Ende ist, legt Abigail ihren Arm um Benjamin und ruft: »Wünsch dir was! Los, wünsch dir was!« Benjamin beugt sich vor, zögert kurz und bläst dann alle Kerzen auf einmal aus. Die Gäste applaudieren, Benjamin wird rot. Plötzlich ist er etwas schüchtern. Margaret schaltet das Licht wieder ein, die Torte wird angeschnitten und verteilt, obwohl niemand Hunger hat. Es macht nichts; sie werden sie zum Frühstück essen.
Keine halbe Stunde später hat Declan sich verausgabt und schläft auf dem Wohnzimmersofa ein. Sie ziehen die Tür zu und feiern in den anderen Räumen weiter. Olivia und Cormac beschließen bald darauf, schlafen zu gehen, die Übriggebliebenen – Benjamin, Stephen, Margaret, Abigail und Barbara – setzen sich im Salon auf den Boden, spielen Canasta und Cluedo und essen die Reste der Käseplatte. Sie unterhalten sich, wie man es in gedämpftem Licht und am Ende einer langen Nacht mit zu viel Champagner tut. Benjamin hat den Kopf an die Sofakante gelehnt, Abigail sitzt ihm gegenüber. Stephen will Doktor Bibber spielen, und weil sie dafür eigentlich zu betrunken sind, prusten sie bei jedem Brummton los. Gegen zwei Uhr beschließt Barbara, sich zurückzuziehen.
»Wisst ihr noch, wie wir bei euch im Garten gezeltet haben?«, fragt Stephen. »Als wir rausgehen wollten, hat eure Mutter ganz beiläufig erzählt, ein Krimineller sei aus dem Gefängnis ausgebrochen.« Abigail und Benjamin müssen lachen. »Einer ihrer Klassiker«, sagt Benjamin. »Und du warst ein ziemlich leichtgläubiger Zwölfjähriger.« »Anfangs habe ich es natürlich nicht für bare Münze genommen. Ich dachte, es sei ein Scherz. Aber dann haben wir uns Gruselgeschichten erzählt, und da ist meine Fantasie mit mir durchgegangen«, fährt Stephen fort. »Kurz nach Mitternacht haben wir Schritte gehört und ein Kratzen an der Zeltplane …« »Und du bist zur Hintertür gerannt, aber sie war abgeschlossen«, sagt Benjamin. »Du hast dagegengehämmert wie irre.« »Und ihr wart seltsam ruhig. Ich dachte, ich werde wahnsinnig«, sagt Stephen. »Ich war die Streiche meiner Mutter einfach gewöhnt«, sagt Benjamin. »Mom hat es geliebt«, ergänzt Abigail. »Total verrückt.« »Wenn ihr über sie sprecht, tut es mir immer sehr leid, dass ich sie nie kennengelernt habe«, mischt Margaret sich ein. »Du hättest sie geliebt«, sagt Benjamin. »Sie war … wirklich lustig, eine echte Komikerin. Sie hat sich auf den Hintern fallen lassen, um uns zum Lachen zu bringen. Zu seltsam, dass sie ausgerechnet Dad geheiratet hat, aber wahrscheinlich haben sie einander ausgeglichen.« »Sie hat im Chor gesungen. Sie war eine gute Bäckerin. Außerdem hatte sie immer einen roten Lippenstift in der Handtasche, nur für den Fall, dass sie zu einer Party eingeladen wird«, sagt Abigail. »Oh, das ist süß«, sagt Margaret. »Abigail sieht jetzt aus wie sie«, sagt Benjamin. Abigail schaut zu ihm hinüber und bemerkt, dass seine Augen glänzen.
Bald darauf beschließt Margaret, den Abend ihrerseits zu beenden. Sie wünscht den anderen drei eine gute Nacht und beugt sich hinunter, um Abigail auf die Wange zu küssen. Im Türrahmen zögert sie für den Bruchteil einer Sekunde, und in dem schummrigen Licht bekommt Abigail den Eindruck, Margaret wolle ihr mit Blicken etwas sagen.
Die drei Verbliebenen sitzen im Schneidersitz auf dem Perserteppich. Mit schwindender Energie erinnern sie sich an die die Uni, die Semesterferien, die Clubs, die Gaeltacht und das Haus, das Stephen und Benjamin im Sommer nach dem ersten Studienjahr gemietet hatten.
