Faking Ms. Right - Claire Kingsley - E-Book

Faking Ms. Right E-Book

Claire Kingsley

4,5

Beschreibung

Sorry – als ich dich letzte Nacht geküsst habe, habe ich nicht nur so getan. 

Mein Liebesleben ist eine komplette Katastrophe. Ein schlimmes Date nach dem anderen und kein Traumprinz in Sicht. Dafür läuft es in meinem Job umso besser. Keine Assistentin hat es je so lange bei meinem Boss Shepherd Calloway ausgehalten. Er sieht gut aus und besitzt ein eigenes Firmenimperium, ist aber schrecklich übellaunig. Dann bringt ihn seine geldgierige Ex in Schwierigkeiten, und Shepherd bittet mich um einen Gefallen: Ich soll ein paar Wochen bei ihm einziehen und seine neue Freundin spielen. Wir verbringen ohnehin den ganzen Tag im Büro miteinander, und er weiß, wie professionell ich bin. Klingt nach einem guten Plan, und sein Vorschlag kommt mir gerade recht, denn auch ich möchte Shepherd um einen Gefallen bitten … einen sehr besonderen …

Faking Ms. Right – ein wunderbar amüsanter Roman über das Chaos, das sich Liebe nennt.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Cover for EPUB

Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Mein Liebesleben ist eine komplette Katastrophe. Ein schlimmes Date nach dem anderen und kein Traumprinz in Sicht. Dafür läuft es in meinem Job umso besser. Keine Assistentin hat es je so lange wie ich bei meinem Boss Shepherd Calloway ausgehalten. Er ist sieht gut aus und besitzt ein eigenes Firmenimperium, ist aber schrecklich übellaunig. Dann bringt ihn seine Ex-Freundin in Schwierigkeiten und Sheperd bittet mich um einen Gefallen: Ich soll ein paar Wochen bei ihm einziehen und seine neue Freundin spielen. Wir verbringen eh den ganzen Tag im Büro miteinander und er weiß, wie professionell ich bin.

Klingt nach einem guten Plan und sein Vorschlag kommt mir gerade recht, denn auch ich möchte Sheperd um einen Gefallen bitten …

Über Claire Kingsley

Claire Kingsley schreibt Liebesgeschichten mit starken, eigensinnigen Frauen, sexy Helden und großen Gefühlen.

Sie kann sich ein Leben ohne Kaffee, ihren E-Reader und all den Geschichten, die ihrer Fantasie entspringen, nicht mehr vorstellen. Sie lebt  im pazifischen Nordwesten der USA mit ihrem Mann und ihren drei Kindern.

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Übersicht

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1 Everly

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3 Shepherd

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26 Shepherd

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28 Shepherd

29 Shepherd

30 Everly

31 Shepherd

32 Everly

33 Shepherd

34 EVERLY

35 Everly

Epilog: Everly

Nachwort

Danksagungen

Impressum

Claire Kingsley

Faking Ms. Right

Übersetzt von Juna-Rose Hassel aus dem amerikanischen Englisch

Für meine engsten Freundinnen

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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1 Everly

2 Everly

3 Shepherd

4 Everly

5 Shepherd

6 Everly

7 Shepherd

8 Everly

9 Everly

10 Shepherd

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29 Shepherd

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31 Shepherd

32 Everly

33 Shepherd

34 EVERLY

35 Everly

Epilog: Everly

Nachwort

Danksagungen

Impressum

1 Everly

Das mag vielleicht seltsam klingen, aber ich hasste den Montagmorgen nicht. Jeder Montag war ein Neuanfang. Eine Chance, die vergangene Woche abzuschütteln – beziehungsweise in meinem Fall die katastrophalen Ereignisse des Wochenendes – und einfach weiterzumachen.

Ich will gar nicht daran denken, an wie vielen Montagen ich in den letzten paar Monaten das Bedürfnis verspürt hatte, ein schlimmes erstes Date hinter mir zu lassen. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um über mein schreckliches Dating-Pech zu grübeln, auch wenn es echt übel war. Ich würde es heute Abend mit meinen Freundinnen durchhecheln. Bei Martinis, natürlich.

Aber nun musste ich arbeiten. Und hier, in diesem Büro, war ich nicht Everly Dalton, die notorische Dating-Katastrophe. Ich war Everly Dalton, Assistentin der Geschäftsleitung. Und ich war verdammt gut in meinem Job.

»Guten Morgen, Everly.«

Ich lächelte Nina, die Rezeptionistin, an. »Guten Morgen. Deine Haare sehen heute toll aus.«

Über mein Kompliment war sie sichtlich erfreut. »Danke.«

Dann ging ich den Flur entlang und begrüßte meine Kollegen. Alle sagten Hi und erwiderten mein Lächeln. Selbst Leslie – die die Morgenstunden mehr hasste als jeder, den ich kenne – musste ein wenig über ihrem Kaffee grinsen.

»Guten Morgen, Sonnenschein«, sagte Steve. Wie üblich trug er ein kariertes Hemd und eine braune Strickjacke. Er war gar nicht so viel älter als ich – vielleicht fünf oder sechs Jahre, aber durch seine Kleidung wirkte er wie ein Opa aus den Fünfzigern. Nach der Arbeit trug er bestimmt eine Wolljacke mit Reißverschluss und dazu wahrscheinlich braune Pantoffeln. Aber er war supernett.

»Guten Morgen, Steve«, sagte ich. Ihm gefiel der Gedanke, er hätte mir den Spitznamen »Sonnenschein« verpasst, doch er war schätzungsweise schon der Zehnte, der mich im Laufe meines Lebens so genannt hatte. Vielleicht lag es daran, dass ich so viel Gelb trug – meine Lieblingsfarbe –, oder aber daran, dass ich so viel lächelte. Sein Schreibtisch stand in der Nähe von meinem, gleich über dem Gang, deshalb plauderten wir recht oft. »Wie geht es Millie?«

»Ich glaube, ich muss ihre Kost wieder ändern. Vielleicht lasse ich mal den Fisch weg, um zu sehen, ob sich ihre Laune dadurch bessert.«

Millie war Steves Katze, und er optimierte andauernd ihre Ernährung, in der Hoffnung, dass sie dann weniger fies wäre. Ich brachte es nie übers Herz, ihm zu sagen, dass Millie einfach nur eine alte, übellaunige Katze war und dass kein Futter der Welt sie dazu bringen würde, nett zu sein. Doch er wäre am Boden zerstört, wenn er erführe, dass seine Katze ihn hasste und ihm wahrscheinlich am liebsten die Augen ausgekratzt hätte.

»Klingt nach einem guten Plan. Halt mich auf dem Laufenden.«

»Auf jeden Fall«, sagte er und ging an seinen Schreibtisch zurück.

Wollte ich tatsächlich alles über Millies Ernährungsweise hören? Eigentlich nicht. Aber Steve freute sich, wenn ihm jemand zuhörte, deshalb ließ ich das bisschen Cat-Talk hin und wieder über mich ergehen. Wenn alle sich bemühen würden, freundlich zu sein, wäre die Welt wohl eine sehr viel bessere.

Tatsächlich gefiel es mir, Menschen glücklich zu machen. Das hatte auf mich dieselbe Wirkung wie Katzenminze auf Katzen. Jemand Griesgrämiges zum Lächeln bringen? Das war ein echtes Highlight für mich. Wie zum Beispiel Leslie, Miss I-Hate-Mornings. Sie war eine ganze Zeit lang immun gegen meine Guten-Morgen-Attacken gewesen. Aber letzten Endes habe ich sie in die Knie gezwungen. Ihr ab und zu Muffins und starken Espresso zum Frühstück mitzubringen hat vollauf gereicht.

Jeder hatte irgendwo eine Schwachstelle, die ich suchen und so herausfinden konnte, was ihn glücklich machte. Selbst die Übellaunigsten waren Everly Daltons Sonnenschein nicht gewachsen.

Abgesehen von einem Mann.

Wie eine Wolke, die sich vor die Sonne schob und einen dunklen Schatten warf, breitete sich das Gefühl von eisiger Kälte im Büro aus. Ich schaute auf die Uhr. 8:27 Uhr. Pünktlich auf die Minute.

Wenn er das Stockwerk betrat, war es, als würde ein Stein in stilles Wasser geworfen. Eine Wellenbewegung ging von ihm aus, wodurch alle vorgewarnt waren. Der einzige Mensch, den ich je kennengelernt hatte, der völlig unempfänglich war für meine Versuche, ihn glücklich zu machen. Mein Boss, Shepherd Calloway.

Steve sah mich an und zuckte zusammen. Ich tat, als hätte ich es nicht gesehen. Ich wusste, dass ich ihm leidtat. Für Mr Calloway zu arbeiten war nicht leicht. Er war kühl, schroff und anstrengend. Weder bedankte er sich für etwas noch lobte er einen auf irgendeine Weise. Die ersten paar Monate, in denen ich seine Assistentin war, lebte ich in Angst und Schrecken. Ich war mir sicher, dass er mich bald feuern würde. Er wirkte immer so verärgert.

Doch nach einer Weile merkte ich, dass er einfach so war und nichts gegen mich persönlich hatte. Er war nicht wütend auf mich. Tatsächlich bemerkte er mich kaum. Manchmal fragte ich mich, ob er mich überhaupt erkennen würde, wenn er mich bei einer polizeilichen Gegenüberstellung identifizieren müsste. Er schaute mir nur selten ins Gesicht, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn er gar nicht wüsste, wie ich aussehe.

Ich war mir ziemlich sicher, dass er wusste, wie ich hieß, obwohl er mich nie Everly nannte. Eigentlich nannte er mich bei gar keinem Namen. Er sagte einfach, was er zu sagen hatte, ohne mich direkt anzusprechen. Keine Begrüßung. Keine Verabschiedung. Bloß: Was steht heute in meinem Terminkalender? Oder: Schicken Sie mir vor dem Meeting die Dateien.

Die Wellenbewegung wurde stärker, seine Schritte hallten durch die plötzliche Stille auf unserem Stockwerk. Ich stand auf, schnappte mir einen Stoß Papiere und seinen Kaffee – schwarz wie seine Seele – und wartete.

Als er durch den Flur auf sein Büro zuging, sah er niemanden an. Kein Blick, kein Nicken in Richtung seiner Mitarbeiter. Nur sein gleichmäßiger Gang – ein Mann in maßgeschneidertem Anzug, der auf sein Büro zustrebte. Sein dunkles Haar war perfekt gestylt, sein Bart akkurat rasiert.

Ohne auch nur einen Blick in meine Richtung zu werfen, ging er an meinem Schreibtisch vorbei. Ich trabte hinter ihm her, während die Uhr auf 8:28 Uhr tickte.

Ich folgte ihm in sein Büro und stellte ihm den Kaffee auf den Schreibtisch, fünfzehn Zentimeter vom Rand entfernt und etwas außerhalb der Mitte, damit er ihn nicht umstieß, wenn er sein Jackett auszog oder seinen Laptop abstellte. Dann nahm ich eine Fernbedienung und öffnete die Jalousien, stoppte aber, bevor sie zu viel Licht einließen. Er zog sein Jackett aus, und ich war da, um es ihm abzunehmen und an den Garderobenständer neben der Tür zu hängen.

»Guten Morgen, Mr Calloway«, sagte ich fröhlich.

Er antwortete nicht. Das tat er nie. Nicht ein einziges Mal hat er mit Guten Morgen geantwortet. Doch ich sagte es weiterhin. Jeden einzelnen Tag. Das war Teil meiner Routine geworden, deshalb hätte es sich seltsam angefühlt, es nicht mehr zu sagen.

Er setzte sich und klappte seinen Laptop auf. Ohne hinzuschauen, griff er nach seinem Kaffee und nahm einen Schluck.

»Hat der Anwalt von Duggan und Nolan geschickt, worum ich gebeten hatte?« Seine Stimme war ruhig und glatt, ohne einen Hauch von Emotionen. Alles, was er sagte, wurde im gleichen Tonfall vorgetragen. Die Leute hatten Angst vor Shepherd Calloway, aber nicht etwa, weil er herumbrüllte. Weder wurde er laut noch schimpfte er mit Leuten, wenn sie Fehler machten. Er ließ sie erfrieren. Seine eisblauen Augen und seine leise Stimme waren abschreckender, als es jede Tirade gewesen wäre. Er war ein Mann, der mit einem einzigen Blick Herzen zum Stillstand bringen konnte.

»Ja, da gab es keine Probleme.« Ich legte einen dicken braunen Umschlag auf seinen Schreibtisch.

Er berührte ihn mit zwei Fingern und schob ihn zwei Zentimeter von sich weg.

»Ich habe auch etwas von Mark aus der Buchhaltung für Sie.« Ich legte einen Ordner direkt auf den Umschlag und achtete darauf, dass die Kanten hübsch genau aufeinander lagen.

»Warum hat er mir das nicht selbst gegeben?«, fragte er.

Weil alle Angst vor Ihnen haben. Aus diesem Grund kommen sie gleich morgens zu mir und tun so, als wäre ihnen gar nicht bewusst, dass Sie so früh noch nicht in Ihrem Büro wären. »Ich nehme an, weil Sie noch nicht da waren.«

Er erwiderte nichts.

»Sie haben Meetings um zehn, um zwölf und um drei.« Rasch wischte ich auf meinem Handy durch seinen Kalender, der mit meinem synchronisiert war. »Der Zwölf-Uhr-Termin ist bei McCormick and Schmick’s, und ich habe bereits für Sie bestellt. Ihren Zahnarzttermin habe ich auf nächste Woche verschoben, weil er zu nah an Ihrem Drei-Uhr-Meeting gewesen wäre. Ich wollte nicht, dass Sie hetzen müssen. Aber bitte halten Sie mit mir Rücksprache, bevor Sie für nächsten Dienstagnachmittag etwas vereinbaren, denn wir sollten das nicht noch mal verschieben. Mundgesundheit ist wichtig.«

Ich hielt inne, obwohl ich wusste, dass er nicht antworten würde. Und das tat er auch nicht.

»Ich habe mit Leslie über diese Berichte gesprochen, die Sie brauchen, sie bringt sie Ihnen heute Nachmittag. Das Gemälde, das Sie letztes Wochenende auf der Hope Gala gekauft haben, wird später zu Ihnen nach Hause geliefert, deshalb flitze ich kurz hinüber und unterschreibe dafür. Das bedeutet, dass ich dann ungefähr eine Stunde nicht im Büro sein werde.«

»Ich brauche für morgen Abend eine Reservierung fürs Abendessen«, sagte er und blickte dabei immer noch nicht auf. »Für zwei Personen. Tulio oder Assiaggo sind ausreichend. Canlis nicht. Und buchen Sie ein Zimmer auf Maui für zehn Tage, ab Samstag. Eines von den üblichen Resorts, egal welches.«

Wahrscheinlich hätte ich dem süffisanten Lächeln nachgeben können, das ich versuchte zu unterdrücken. Er sah mich ja ohnehin nicht an. Aber ich biss mir trotzdem auf die Lippen, um mich zu beherrschen. Dinner für zwei bei Tulio oder Assiaggo, aber nicht Canlis, sowie ein Last-Minute-Trip nach Maui bedeuteten, dass er mit Swetlana, der derzeitigen geldgeilen Tussi, mit der er zusammen war, Schluss machte.

»Soll ich alle anfallenden Termine stornieren?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass er mir gleich sagen würde, dass er nicht selbst hinflog. Er würde Swetlana auf die Reise schicken, um sie wegen der Trennung zu besänftigen. Doch ich musste so tun, als wüsste ich das nicht, und dennoch fragen.

»Nein, ich fliege nicht selbst hin.«

»Okay.« Ich gab dem süffisanten Lächeln nach. Ich hasste Swetlana. Sie war ein absolut umwerfendes bulgarisches Model – groß, schlank, tolle Oberweite. Eine so herzlose Frau hätte niemals mit so phänomenaler Schönheit ausgestattet werden dürfen. Aber ich hasste sie nicht wegen der Tatsache, dass sie einfach hinreißend war. Ich konnte sie nicht ausstehen, weil ich wusste, dass sie nur hinter Mr Calloways Geld her war.

Das Schlimmste war, dass sie nicht einmal versuchte, dies zu verbergen. Sie stolzierte hier herum, als würde ihr die halbe Firma gehören – und man merkte ihr an, dass sie das für eine ausgemachte Sache hielt. Als würde er sie heiraten. Würg. Allein bei dem Gedanken bekam ich eine Gänsehaut.

Zugegebenermaßen war sie nicht die erste seiner Freundinnen, die ihn nur ausnehmen wollten. Er zog solche Frauen regelrecht an. Die meisten von ihnen ähnelten sich: irrsinnig schön, nicht allzu intelligent und vorrangig interessiert an dem extravaganten Lifestyle, der ihnen geboten würde, wenn Shepherd Calloway sie datete – oder gar heiratete.

Ein unsanftes Erwachen war vorprogrammiert, wenn sie herausfanden, dass Mr Calloway nicht die Art von steinreichem Geschäftsmann war, der seine Freundinnen mit luxuriösen Geschenken überhäufte. Schicke Abendessen, vielleicht. Und sie konnten an seinem Arm an exklusiven Events der Elite von Seattle teilnehmen. Gesehen wurde man mit ihm ganz bestimmt.

Doch nach allem, was ich mitbekam, war er seinen Freundinnen gegenüber genauso kalt und emotionslos wie gegenüber seinen Mitarbeitern. Und er gab nie viel Geld für sie aus. Zweifellos hatten sie darauf gehofft, in Limousinen zu romantischen Abendessen zu fahren, hübschen Schmuck zu bekommen und schicke Urlaubsreisen zu unternehmen. Was sie stattdessen bekamen, war ein Mann, der sie fast genauso ignorierte wie mich und der ihnen keine Geschenke kaufte – wahrscheinlich, weil er einfach nie auf diese Idee kam.

Swetlana hatte sich nicht lange gehalten, doch das war keine Überraschung. Er war ein paar Monate mit ihr zusammen gewesen – nicht, dass ich das wirklich verfolgen würde –, und wie es aussah, war sie ihm bereits öfter auf die Nerven gefallen, als er ertragen konnte, ganz egal, wie sie aussah. Junge, Junge, war ich froh darüber.

Eigentlich ging mich das nichts an. Mr Calloway und ich waren nicht befreundet. Deshalb hätte es für mich keine Rolle spielen sollen, ob irgendeine Frau des Geldes wegen an ihm klebte. Tat es aber. Ich mochte ihn nämlich, auch wenn das albern war. Ich konnte nicht anders. So war ich eben, auch wenn ich versuchte, es zu ignorieren.

In Momenten wie diesen konnte ich allerdings auch insgeheim schadenfroh sein.

»Das ist dann alles«, sagte er.

»Wunderbar, Mr Calloway. Ich bin an meinem Schreibtisch, falls Sie noch etwas brauchen.«

Auch das sagte ich jeden Tag zu ihm. Und auch darauf erwiderte er nie etwas. Doch es war Teil unserer Routine geworden, daher sagte ich es trotzdem.

Wieder an meinem Schreibtisch bedachte mich Steve mit einem aufmunternden Lächeln. »Du bist wirklich tougher als du aussiehst.«

Ich zuckte mit den Schultern und grinste ein wenig selbstzufrieden. So fühlte ich mich immer, wenn Leute meine Arbeit kommentierten. Ich war schon länger hier als jede andere Assistentin, die Shepherd Calloway je gehabt hatte. Und diese Auszeichnung erfüllte mich mit enormem Stolz.

Nur zwei Menschentypen überdauerten in dieser Firma: solche, die nah genug an ihm dran waren, um als ebenbürtig durchzugehen, so dass sie sich nicht von ihm eingeschüchtert fühlten, und solche, die nichts mit ihm zu tun haben mussten.

Alle anderen blieben normalerweise sechs Monate – vielleicht auch ein Jahr, wenn sie ein dickeres Fell hatten als der Durchschnitt.

Ich arbeitete bereits drei Jahre für ihn – ein Firmenrekord. Vor mir hatte er die Assistentinnen so oft gewechselt wie manche Frauen ihre Handtaschen. In einer Saison in, in der nächsten schon wieder out. Aber ich? Miss Everly Dalton? Ich war die einzige Assistentin, die je mit ihm klargekommen war.

Tatsächlich gab mir das einen Kick. Es gefiel mit, Zugang zu dem Mann zu haben, vor dem sich alle fürchteten. Dem Mann, der hier die Macht hatte. Mir gefiel der Respekt, den mir meine Position verschafft hatte. Außerhalb dieser Mauern hielten mich die Leute für eine zuckersüße, aber auch langweilige Blondine mit einem Dauergrinsen im Gesicht.

Doch meine Kollegen sahen in mir etwas ganz anderes. Sie betrachteten mich mit Ehrfurcht und fragten sich, wie ich bloß mit dem großen bösen Wolf zurechtkam. Ohne je von ihm gebissen zu werden.

Das war gar nicht so schwer, wie alle glaubten. Als ich ihn erst einmal kennengelernt hatte – so gut das eben ging mit jemandem, der eigentlich kaum mit mir redete –, war es leicht, mit ihm auszukommen. Ich musste einfach nur seine Routine kennenlernen. Dafür sorgen, dass alles, was in meiner Macht stand, pünktlich erledigt wurde. Und ihm aus dem Weg gehen.

Das klappte tatsächlich. Ich wirbelte keinen Staub auf. Ich erwartete nichts von ihm, von dem ich wusste, dass er es mir nicht geben würde. Er würde nicht freundlich sein. Er würde nicht fragen, wie mein Tag war, oder sich bei mir bedanken, wenn er zufrieden mit meiner Arbeit war. Das war in Ordnung. Ich wusste, dass ich meinen Job gut machte, und meine Bezahlung spiegelte das wider.

Für mich funktionierte diese Situation so, und ob er das nun eingestehen würde oder nicht, wusste ich, dass sie es auch für Mr Calloway tat.

Ich zwinkerte Steve zu und schnappte mir das Telefon. Ich hatte zu tun.

2 Everly

3 Shepherd

Meine Assistentin kam zu mir ins Büro. Sie klopfte nicht, aber sie war der einzige Mensch, der damit ungestraft davonkam. Wahrscheinlich, weil sie mich nie unterbrach, wenn ich telefonierte oder in einem vertraulichen Meeting war. Sie nahm mein Jackett vom Haken und legte es sich über den Arm.

»Sie sollten los, sonst kommen Sie zu spät zu Ihrer Reservierung«, sagte sie.

Ich schaute auf die Uhr. Ich musste wirklich los. Unpünktlichkeit war etwas, das ich nicht ausstehen konnte. Das erlaubte ich mir selbst genauso wenig wie anderen. Doch ich war abgelenkt gewesen, gefesselt von einem Angebot.

Ich klappte meinen Laptop zu und steckte ihn in meine Aktentasche, dann stand ich auf, in Gedanken bereits bei dem unangenehmen Abendessen, das mir bevorstand. Es hatte das Potenzial, sehr schlecht zu enden. Mit Swetlana in der Öffentlichkeit Schluss zu machen stellte ein Risiko dar. Ich war nicht lange mit ihr zusammen gewesen, aber sie hatte einen Hang zum Drama. Hoffentlich war es die richtige Entscheidung gewesen, sie in einem Restaurant zu treffen.

»Ich habe die Reservierung im Tulio bestätigt«, sagte sie und reichte mir mein Jackett. »Soll ich Ihnen die Speisekarte schicken?«

»Nein.« Ich zog mein Jackett an und steckte mein Handy ein. Ich hatte das Angebot nicht zu Ende gelesen. Morgen wäre ich mit Meetings beschäftigt, deshalb würde ich es heute Abend noch durchgehen müssen. Je schneller ich dieses Abendessen über die Bühne brachte, umso besser. Vielleicht würde ich gar nichts essen. Rein, raus. Weitermachen.

Ich zupfte das Revers meines Jacketts zurecht und nahm die Aktentasche vom Schreibtisch.

»Einen schönen Abend, Mr Calloway«, sagte sie, als ich zur Tür hinausging und mich auf den Weg Richtung Tiefgarage machte.

Diese Swetlana-Sache brachte mich aus dem Konzept. Wahrscheinlich hätte ich sie loswerden können, ohne sie noch einmal persönlich zu treffen, doch sie kam mir wie die Sorte Frau vor, die dann versuchen würde, Ärger zu machen. Wenn es etwas Schlimmeres gab als eine schmutzige Trennung, dann eine schmutzige Trennung, die es in die Presse schaffte. Sie wusste, wie zurückgezogen ich lebte – wie sehr ich mein Privatleben schützte. Wenn ich sie wütend machte, würde sie es bestimmt so öffentlich machen, wie sie nur konnte. Das Beste wäre, sie mit Geld zu beschwichtigen.

Keine direkte Bestechung. Ich würde sie nicht beleidigen, indem ich sie wie eine Prostituierte behandelte. Aber ich kannte die Währung, die das Potenzial hatte, eine Frau wie Swetlana zu besänftigen. Immerhin war sie genau aus diesem Grund in erster Linie mit mir zusammen gewesen.

Ich hätte es von Anfang an merken sollen, doch die schauspielerischen Fähigkeiten dieser Frau waren oscarverdächtig. Sie hatte mich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung angesprochen, und ihr Lächeln hatte mich fasziniert. Wenn man sie ansah, könnte man denken, es wäre ihr Körper gewesen – ihr Körper war ehrlich gesagt der Wahnsinn –, aber es war ihr Lächeln gewesen. Sie hatte mich angelächelt, breit und strahlend, und ich wusste sofort, dass ich sie mit nach Hause nehmen würde.

Doch obwohl ich schon sechsunddreißig war, war ich offenbar immer noch beschissen darin zu erkennen, ob jemand authentisch ist, denn ihr Lächeln war so künstlich wie ihre Haarfarbe.

Abgesehen von diesem unglaublich heißen Äußeren war Swetlana ein Albtraum. Sie war besitzergreifend, anstrengend und quengelig. Sie wollte einen Milliardär als Sugar Daddy – eine Rolle, an der ich kein Interesse hatte – und hatte mich deshalb anvisiert.

Genau wie Brielle. Und Sasha. Und Marissa vor ihr.

Ich hatte eindeutig ein Problem.

Allmählich glaubte ich, dass ein Fluch auf mir lag. Ich war nicht dumm. Ich wusste, dass es für einen Mann wie mich normal war, einen bestimmten Frauentyp anzulocken. Als ich jünger war, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich der Fülle an umwerfenden Frauen, die mir die Tür einrannten, je überdrüssig werden würde. Doch sie waren alle gleich. Ein hübsches Gesicht und ein heißer Körper, mehr nicht. Nicht dass ich nach etwas Ernstem Ausschau hielt. In meinem Leben gab es kaum Platz für eine lockere Beziehung, ganz zu schweigen von etwas Langfristigem. Aber Zeit mit einer Frau zu verbringen, die keine falsche Schlange in Gestalt eines Kätzchens war, wäre eine nette Abwechslung.

Mein schwarzer Mercedes stand in der Nähe des Aufzugs. Mit einem Gefühl der Resignation stieg ich ein. Ich würde es ihr so schonend wie möglich beibringen, dass ich mich von ihr trennte, was die negativen Konsequenzen hoffentlich minimieren würde. Und wenn sie Schwierigkeiten machte, würde ich damit fertigwerden. Wie bei einem geschäftlichen Deal – es gab immer alternative Lösungen. Methoden, um Herausforderungen und unvorhergesehene Probleme zu meistern.

Das Tulio war ein schickes italienisches Restaurant. Klein. Nette Atmosphäre. Gutes Essen. Swetlana war noch nicht da, daher wartete ich vorne.

Ich brauchte nicht von meinem Handy aufzusehen, um mitzubekommen, dass sie ein paar Minuten später eintraf. Das Aufsehen, das sie erregte, wo immer sie auftauchte, kündigte ihre Ankunft an.

Swetlana war in jeder Hinsicht schön – äußerlich zumindest –, und die Leute wurden auf sie aufmerksam. Fast alles an ihr war wirklich vom Feinsten, und den Rest hatte sie gekauft. Perfekt symmetrisches Gesicht. Große Augen. Glatte Nase. Volle Lippen. Umwerfende Kurven. Von ihrem bulgarischen Akzent war gerade genug übrig, um angenehm exotisch zu klingen.

Sie lächelte mich an, doch ich lächelte nicht zurück. Ich nickte lediglich der Empfangsdame zu, um ihr zu signalisieren, dass wir unsere Plätze einnehmen können. Wir folgten ihr zu einem Tisch ganz hinten. Swetlana blieb stehen, während ich ihr den Stuhl vorzog, aber ich küsste oder berührte sie nicht.

Sie schob die Unterlippe nach vorne, während sie sich setzte. »Du bist heute Abend ja besonders kühl.«

Das war keine Frage, deshalb gab ich ihr auch keine Antwort. Ich zog nur mein Jackett aus und nahm gegenüber von ihr Platz.

»Ich habe keine Ahnung, was ich hier bestellen soll«, sagte sie, als sie einen Blick auf die Karte warf. »Alles enthält Kohlehydrate.«

»Hm«, sagte ich und ignorierte ihren schlecht getarnten Vorwurf hinsichtlich meiner Restaurantwahl.

Die Kellnerin kam und fragte, ob wir etwas zu trinken wollten.

»Sollen wir eine Flasche Wein bestellen?«, fragte sie.

»Für mich nichts.«

Sie machte ein finsteres Gesicht und schnappte sich die Getränkekarte vom Tisch. »Dann einen Granatapfel-Martini für mich.«

»Kommt sofort«, sagte die Kellnerin. »Dann nehme ich auch Ihre Bestellung auf.«

Ich beschloss, nichts zu essen zu bestellen. Ich hatte zu viel Arbeit.

»Swetlana, ich habe einen zehntägigen Urlaub für zwei in einem All-inclusive-Resort auf Hawaii gebucht.« Ich griff in meine Tasche und zog einen Umschlag mit den Informationen heraus, die sie brauchen würde. »Es ist für alles gesorgt. Flüge. Mahlzeiten. Getränke. Sogar Unterhaltung.«

Sir riss die Augen auf. »O Shepherd, ist das dein Ernst?«

»Ja, aber ich komme nicht mit.« Ich legte das Kuvert vor sie. »Du kannst mitnehmen, wen immer du willst. Wende dich an meine Assistentin, um die letzten Details zu klären. Ich habe deine Gesellschaft in den letzten Monaten sehr genossen, aber wir werden uns nicht mehr sehen.«

Ihr blieb der Mund offen stehen, und sie starrte mich an. »Du verlässt mich?«

Verlässt mich. Sie hatte diese Formulierung nicht deshalb verwendet, weil Englisch ihre zweite Sprache war. Dadurch klang es so, als würde ich mich scheiden lassen und nicht nur eine flüchtige Affäre beenden.

»Unsere Beziehung ist beendet«, sagte ich.

»Und was soll das?«, fragte sie und deutete auf den Umschlag. »Du nimmst mich nie irgendwohin mit, und jetzt willst du mich loswerden, indem du mich allein in den Urlaub schickst?«

»Ich sagte, dass du mitnehmen kannst, wen immer du willst.«

»Ich bin nicht käuflich, Shepherd.«

Ich zog die Augenbrauen nach oben. Wenn ich je eine verdammte Lüge gehört hatte, dann diese. »Gewiss. Ich dachte, es wäre eine angenehme Ablenkung.« Ich nahm das Kuvert vom Tisch. »Aber wenn du glaubst, ich wollte dich damit beleidigen, habe ich mich wohl geirrt. Verzeihung.«

Weil ich wusste, dass sie ihn zurückverlangen würde, machte ich mich umständlich daran, den Umschlag in die Tasche zu stecken.

»Na ja …« Sie unterbrach sich und verdrehte die Augen. »Wenn es schon gebucht ist, kann ich genauso gut hinfliegen.«

Ich legte gerade den Umschlag vor sie, als die Kellnerin mit ihrem Martini kam. Ich sah die Kellnerin an. »Ihr Abendessen geht auf mich. Sie kann bestellen, was immer sie will.«

»Natürlich, Mr Calloway«, sagte die Kellnerin.

Ich stand auf und nahm mein Jackett.

»Guten Abend.«

Ohne eine Antwort von Swetlana oder der Kellnerin abzuwarten, drehte ich mich um und ging.

Das war weit besser gelaufen als erwartet. In ein paar Tagen wäre Swetlana auf Hawaii. Wenn sie zurückkehrte, würde sie jemand Neues finden, daran zweifelte ich nicht. Eine Frau wie sie blieb nicht lange allein.

Ich hingegen schon. Eine Frau in meinem Leben zu haben war immer nur eine Komplikation gewesen. Eine Ablenkung.

Eine Enttäuschung.

Ich schob den Gedanken an Swetlana – und meine Unzufriedenheit über das Daten im Allgemeinen – beiseite und ging zu meinem Wagen. Heute Abend hatte ich noch viel zu tun.

4 Everly

Das kleine Bistro, das meine Schwester und meine Schwägerin fürs Abendessen ausgesucht hatten, war reizend. Es war farbenfroh, mit flippigem Dekor und einer großartigen Speisekarte. Als ich kam, saßen sie bereits an einem Tisch, steckten die Köpfe zusammen und lachten über etwas.

Annie war drei Jahre jünger als ich, schien aber ihr Leben immer auf eine Art und Weise auf die Reihe zu bekommen, wie ich es nicht vermochte. Sie war sehr zielstrebig und ehrgeizig. Sowohl die Highschool als auch das College hatte sie mit den besten Noten abgeschlossen und war jetzt als Wirtschaftsprüferin tätig. Sie war nicht nur sehr intelligent und äußerst erfolgreich, sondern auch total hübsch. Und in der Liebe hatte sie ebenfalls Glück, denn sie war mit Miranda, der coolsten Frau überhaupt, verheiratet. Gerade gestalteten sie zusammen ihr zweites Haus um, weil sie Energie ohne Ende hatten.

Es war ja nicht so, dass ich neidisch war. Neid ist so negativ. Doch ich neigte dazu, mich neben meiner kleinen Schwester ein wenig minderwertig zu fühlen. Ich wohnte immer noch in einer Mietwohnung. Mein Job war großartig, aber Assistentin der Geschäftsleitung klang nicht annähernd so beeindruckend wie Wirtschaftsprüferin. Nicht einmal, wenn ich die Assistentin eines der prominentesten Geschäftsmänner in Seattle war.

»Hey, Schwesterherz.« Annie stand auf und umarmte mich. Sie sah mir sehr ähnlich, außer dass ihr Haar ein wenig dunkler und zu einem glatten Bob geschnitten war. Wie immer war sie top gestylt, sie trug eine Bluse und Slacks.

Miranda stand auf, um mich zu umarmen. Sie hatte eine Brille und trug nie weniger als vier Farben gleichzeitig. Sie war ein lebhafter Künstlertyp, und das zeigte sich in ihrem welligen Haar und ihrem eklektischen Stil. Auch wenn meine Schwester und sie so unterschiedlich wirkten, passten sie hervorragend zusammen.

»Hey, ihr zwei«, sagte ich, als wir alle Platz nahmen. »Wie läuft’s?«

»Gut«, entgegnete Annie. »Und bei dir? Es fühlt sich an, als hätten wir uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.”

»Ja, finde ich auch«, sagte ich. »Mir geht es gut. Viel zu tun bei der Arbeit, natürlich.«

»Ist das nicht immer so?«, fragte Annie. »Was ist mit deinem Privatleben? Gibt es irgendjemand Besonderen, von dem du uns erzählen musst?«

Ich schüttelte den Kopf. Annie war großartig, aber sie war nie der Mensch, dem ich mich anvertraute. Von meinen neuesten Dating-Abenteuern wollte ich ihr lieber nicht erzählen. »Nein, ich bin mit niemandem zusammen.«

»Warum nicht?«, hakte sie nach. »Echt jetzt, Everly, ich kann nicht glauben, dass du immer noch Single bist.«

Miranda stieß sie an. »Annie.«

»Tut mir leid. Ich habe es nicht so gemeint. Ich weiß einfach, wie großartig du bist, das ist alles.«

»Danke. Aber das ist schon okay. Ich mache gerade eine kleine Pause vom Daten.«

»Das ist toll«, sagte Miranda. »Ich glaube, es ist klug, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Vor ein paar Jahren habe ich das auch gemacht, und das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.«

»Du hast ja wohl kaum eine Dating-Pause eingelegt«, warf Annie ein. »Nach ein paar Wochen hast du bereits mich kennengelernt, oder?«

»Genau«, stimmte Miranda ihr zu. »Ich glaube fest daran, dass der richtige Mensch in dein Leben tritt, sobald du aufhörst, nach ihm zu suchen.«

»Hm«, überlegte Annie, »da könnte sie recht haben.«

»Ja, vielleicht«, sagte ich. »Eigentlich ist alles in Butter. Mein Job gefällt mir, und Single zu sein ist gar nicht so schlecht.«

»Natürlich nicht«, sagte Annie.

»Und bei euch so?«, fragte ich. »Was gibt es Neues?«

»Nun ja«, entgegnete Annie und warf Miranda einen Blick zu, »wir haben tatsächlich Neuigkeiten.«

»Ja?«, hakte ich nach. »O Gott, bitte, sagt mir jetzt nicht, dass ihr in einen anderen Bundesstaat zieht oder so.«

»Nein, wir ziehen nicht um«, erwiderte Annie. »Aber wir wollen versuchen, ein Baby zu bekommen.«

»Oooh«, sagte ich und löschte das hässliche kleine Aufflackern von Neid aus, das in meinem Bauch aufloderte. Ich war älter als sie und Single, na und? Annie war glücklich verheiratet und ließ demnächst den Traum unserer Mutter wahr werden, indem sie ihr ein Enkelkind schenkte, na und? Das spielte keine Rolle, und ich würde Annie nicht die Stimmung verderben. »Das ist großartig! Ich freue mich so für euch beide.«

»Danke«, sagte Annie. »Wir haben immer gewusst, dass wir Kinder wollen, und der Zeitpunkt fühlt sich genau richtig an.«

Miranda ergriff ihre Hand und drückte sie. »Genau. Es ist eine große Entscheidung, aber wir sind bereit.«

»Ihr werdet fantastische Eltern sein«, sagte ich. »Wie wollt ihr es anstellen? Wollt ihr adoptieren?«

»Das machen wir, falls wir uns entschließen, dass wir mehr als nur eins wollen«, antwortete Miranda. »Aber Annie möchte eigentlich die Erfahrung einer Schwangerschaft machen.«

Annie nickte. »Ja, das will ich. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich Schwangerschaftsstreifen bekommen und mir die Brüste ruinieren werde, doch das ist mir egal. Ich will es trotzdem tun.«

»Es wird deine Brüste nicht ruinieren«, sagte Miranda. »Und ich werde deinen Körper auch mit Schwangerschaftsstreifen lieben.«

Annie strahlte sie an.

»Ich finde das super«, sagte ich.

»Ja?«, fragte Annie.

»Ja, warum? Dachtest du, dass ich mich nicht für euch freue?«

»Nein, ich wusste, du würdest dich freuen«, entgegnete Annie. »Tust du das nicht immer?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nicht buchstäblich immer. Aber darüber freue ich mich natürlich. Ich werde Tante. Was sollte mir daran nicht gefallen?«

Annie holte tief Luft und wechselte einen Blick mit Miranda. »Eigentlich hatten wir gehofft, dass du uns dabei unterstützt.«

Ich kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schief. »Ja, das mache ich natürlich.«

»Gut«, sagte Annie, »wir brauchen nämlich deine Hilfe.«

»Ich weiß nicht so recht, wie ich in dieser Situation helfen kann. Ich habe Eierstöcke und eine Gebärmutter, aber davon habt ihr ja auch je zwei. Ich denke, ihr braucht jemanden mit den anderen Teilen, damit das mit dem Baby klappt.«

»Und genau dabei brauchen wir deine Hilfe«, sagte Annie. »Wir möchten eine Samenspende verwenden.«

»Okay.« Ich wusste immer noch nicht, worauf sie hinauswollte. »Aber wie kann ich da helfen? Geht man dafür nicht zu einer Samenbank oder so?«

»Nun ja, das könnten wir«, entgegnete Annie. »Allerdings haben wir schon einen Spender im Kopf, daher müsste es ein privater Austausch sein. Wir haben mit einer Anwältin gesprochen und einen Vertrag aufgesetzt, wir sind also bereit.«

»Wer schwebt euch da vor?«, wollte ich wissen. »Und was hat das mit mir zu tun?«

Wieder holte Annie tief Luft. »Shepherd Calloway.«

»Was?«, fragte ich und versuchte erst gar nicht, meinen Schock zu verbergen. »Was zum Henker wollt ihr damit sagen?«

»Everly, er ist perfekt«, sagte Annie. »Er hat alle Eigenschaften, die wir suchen. Größe, Körperbau, Haar- und Augenfarbe, Intelligenz. Und ja, ich weiß, dass das jetzt so aussieht, als wollten wir ein Baby nach Maß, doch wenn man mit einer Samenspende arbeitet, ist das eben so.«

»Klar, er hat alle Eigenschaften, die ihr wollt … aber keine Seele«, sagte ich. »Dir ist schon klar, dass du das Risiko eingehst, einen Roboter zur Welt zu bringen, oder? Ich bin mir nicht sicher, ob er kein Cyborg ist.«

»Komm schon, du arbeitest bereits seit Jahren für ihn«, sagte Annie. »So schlimm kann er nicht sein.«

»Der Mann hat keine Gefühle«, erklärte ich. »Wenn du ein Baby willst, das völlig emotionslos ist, dann wäre er eine großartige Wahl, ja.«

»Wir haben recherchiert«, sagte Miranda. »Wir haben eine sehr ausführliche Liste mit Eigenschaften erstellt, die wir anstreben, und solchen, die wir vermeiden wollen. Shepherd Calloway passt in jeder Hinsicht.«

Annie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dann zog sie die Schultern nach oben und lächelte mich zaghaft an. O mein Gott, sie wollte …

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf.

»Everly«, sagte Annie, »wir haben noch um gar nichts gebeten.«

»Ich weiß, was du sagen willst. Und die Antwort ist nein. Ich werde meinen Chef nicht fragen, ob er euch sein Sperma spendet. Das könnt ihr euch abschminken.«

»Komm schon, Evie«, sagte Annie. Verdammt, jetzt setzte sie auch noch meinen Spitznamen aus Kindheitszeiten ein, um mich weichzukochen. »Es ist unmöglich, an den Kerl heranzukommen. Und wir merken, dass er eine gewisse … Einstellung hat. Deshalb brauchen wir dich, damit du ihm Honig um den Bart schmierst.«

»Genau«, bestätigte Miranda. »Du kannst dich langsam herantasten, um ihn dann letztendlich zu fragen.«

»Und wie soll ich das eurer Meinung nach anstellen?«, fragte ich. »Leute, ihr habt eine völlig falsche Vorstellung von meinem Job, wenn ihr glaubt, ich könnte mich einfach so mit ihm zusammensetzen und ein Gespräch führen. Wir reden nicht miteinander.«

»Du bist seine Assistentin«, sagte Annie. »Natürlich redet ihr miteinander.«

»Nein, er spricht zu mir«, entgegnete ich. »Das ist ein Unterschied.«

»Du gehörst zu den wenigen Leuten auf dieser Welt, die Zugang zu ihm haben«, sagte Annie. »Sein ganzes Leben ist so abgeschirmt, dass es schwer ist, Informationen über ihn zu finden. Aber du siehst ihn jeden einzelnen Tag. Du bist in seinem Büro. Allein mit ihm.«

Ich wusste, dass sie recht hatte, und da war diese eine Sache, die mir gefiel – dass ich die Einzige war, die Zugang zu ihm hatte. Ich hätte mich davon nicht in Versuchung führen lassen sollen, doch ich konnte nicht widerstehen. »Ja.«

»Schau einfach mal, was du tun kannst«, sagte Annie. »Wir erwarten kein Wunder. Vielleicht hat er kein Interesse an einem solchen Arrangement, was auch okay ist. Wir wollen ihn nicht unter Druck setzen. Wir wollen einfach nur eine Chance. Und du, meine liebe große Schwester, bist diese Chance. Begreifst du das denn nicht? Du bist der Schlüssel. Du bist der einzige Weg, wie es funktionieren kann.«

»O mein Gott, du fährst ja schweres Geschütz auf«, sagte ich.

»Wirkt es?«

Ich stöhnte und ließ die Schultern hängen. »Ich weiß nicht. Vielleicht ein kleines bisschen. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich verspreche nichts.«

Annie ergriff meine Hände. »Danke. Echt, vielen, vielen Dank. Das bedeutet uns sehr viel.«

»Freut euch nicht zu früh«, warnte ich sie. »Ich habe nicht gesagt, dass ich es tue. Ich habe gesagt, ich denke darüber nach.«

»Mehr verlangen wir auch gar nicht«, erwiderte Annie. »Zieh es einfach mal in Erwägung.«

Ich griff nach der Speisekarte und schaute, was es zur Auswahl gab, aber ich war mürrisch. Mr Calloway fragen, ob er Samenspender sein wollte? Wie fing man so ein Gespräch überhaupt an? Vor allem mit jemandem, mit dem man keine wirklichen Gespräche hatte.

Guten Morgen, Mr Calloway. Sie haben um neun ein Meeting mit Ihrem Anwalt, und könnten Sie es sich – nebenbei bemerkt – vorstellen, meiner Schwester Samen zu spenden, damit sie und ihre Frau ein Baby mit Ihren genetischen Eigenschaften bekommen können?

Nur über meine Leiche. Keine Chance.

Aber meine Schwester sah so glücklich aus. Ich liebte Annie, und ich liebte es, Menschen glücklich zu machen. Gab es einen Weg, dies zu tun, der nicht total demütigend war? Ich hatte keine Ahnung, doch vielleicht fiel mir ja etwas ein. Auch wenn ich mich fragte, ob meine Zeit nicht besser investiert wäre, wenn ich einen anderen Spender suchen würde, der die genetischen Eigenschaften hatte, die sie haben wollten. Denn der Gedanke, meinen Boss zu fragen, ob er sein Sperma spenden wollte, erweckte in mir den Wunsch, unter den Tisch zu kriechen und zu sterben.

5 Shepherd

Ich zog die Ärmel meines Smokings glatt und ging zur Bar des Four Seasons hinüber. Sanfte Musik spielte im Hintergrund, und eine Handvoll Leute unterhielt sich in meiner Nähe. Das heutige Event fand im Ballsaal statt, aber ich war noch nicht bereit, mich dort sehen zu lassen. Ich war allein hier – ausnahmsweise ohne Date – und wollte mir Zeit lassen.

Ehrlich gesagt wäre ich am liebsten gar nicht hier gewesen. Ich war kein Fan solcher Events. Für wohltätige Zwecke zu spenden war in Ordnung, doch dafür konnte ich meine Assistentin auch einfach einen Scheck schicken lassen. Bei diesen Veranstaltungen ging es um Networking. Darum, mit Leuten zu verkehren. Zu posen.

Ich hatte es nicht nötig zu posen. Dennoch war ich hier. Die Seattle Philanthropic Society verlieh meinem Vater einen Preis, und er hatte mich so lange gepiesackt, bis ich eingewilligt hatte zu kommen. Mein Bruder Ethan hatte es irgendwie geschafft, aus der Nummer rauszukommen, was bedeutete, dass ich nun wirklich nicht wegkonnte.

Ich setzte mich an die Bar und suchte den Blickkontakt des Barkeepers. Bestellte einen Manhattan.

Allein hier zu sein war angenehm. Kein mäkeliges Date, um das man sich kümmern musste. Ich konnte mich verspäten (was ich getan hatte) und früher gehen (was ich vorhatte). Und ich musste mir nicht das endlose Geschnatter eines Dates anhören.

Ich würde diese Phase des Single-Daseins ausdehnen. Für eine gewisse Zeit lang keine Frau mehr haben. Vielleicht würde ich den Urlaub machen, mit dem mich mein Bruder immer nervte. Allein in eine Stadt fahren, in der mich niemand kannte. Meine Zeit beliebig zu verbringen, wie ich es gern wollte, nur mir selbst gegenüber verpflichtet. Das war so verlockend, dass ich mich beinahe davon überzeugt hätte, es zu tun.

Aber das würde ich wahrscheinlich nicht. Zeit, die ich nicht im Büro verbrachte, entspannte mich nicht. Dort passierte immer so viel, und ich vertraute keinem anderen die Leitung meiner Firma an.

Um ehrlich zu sein, vertraute ich ohnehin nicht vielen Menschen. In keinerlei Hinsicht.

Anderen zu vertrauen brachte nichts als Ärger. Die Menschen hatten immer Hintergedanken. Mein Geld und mein Einfluss machten mich zur Zielscheibe. Es war manchmal hart, das Gefühl, im Alleingang zu handeln. Doch ich sah keine Alternativen.

Das hatte mich meine Mutter gelehrt. Sie hatte mir diese Lektion unzählige Male eingetrichtert. Dann hatte sie das Ganze demonstriert, indem sie eine Affäre angefangen und meinen Dad verlassen hatte. Er hatte ihr vertraut, und nun seht, wohin das geführt hat. Meine Mutter war selbst reich, aber sie nahm meinen Vater trotzdem nach Strich und Faden aus, obwohl ihre Untreue der Grund für das Scheitern ihrer Ehe gewesen war. Sie war durch und durch Anwältin. Das Vertrauen, das mein Dad in sie gesetzt hatte, wäre beinahe sein Untergang gewesen.

Doch obwohl mein Dad viel zu vertrauensselig war, war er ein Überlebenskünstler – verdammt schlau und ausdauernd. Er kam wieder ganz gut auf die Beine.

»Oh, hallo.« Bei der sexy Stimme mit dem leichten Akzent verspannte sich mein Rücken. Was hatte Swetlana hier zu suchen? Hatte ich sie nicht irgendwohin in Urlaub geschickt?

»Was machst du hier?«, fragte ich.

»Etwas zu trinken holen.« Sie lehnte sich an die Bar und sah aus, als sollte sie eigentlich eine Zigarette zwischen den Fingern halten und darauf warten, dass ich ihr Feuer anbiete – wie ein Starlet aus den Vierzigern. »Maui war herrlich. Schade, dass du nicht mitgekommen bist.«

Es waren wohl mehrere Wochen vergangen, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. »Schön, dass es dir gefallen hat.«

»Das war sehr großzügig von dir. Ich habe mich nie richtig bei dir dafür bedankt.«

»Das musst du auch nicht. Das war ja der Sinn der Sache.«

Der Barkeeper kam herüber, und sie bestellte einen Cosmopolitan. Sie warf mir einen Blick zu, aber ich bot nicht an, sie einzuladen.

Warum war sie hier? Kurz nachdem ich mit ihr Schluss gemacht hatte, hinterließ sie mir zwei Nachrichten, doch ich rief sie nicht zurück. Wie es schien, hatte sie es genossen, auf Hawaii mein Geld auszugeben. Sonnengebräunt war sie jedenfalls.

Ich hatte klargestellt, dass wir nicht mehr zusammen waren. Was wollte sie?

»So allein heute Abend?«, fragte sie.

»Nein, mein Date hat sich nur verspätet.«

Natürlich hatte ich gar kein Date. Aber sie sollte das glauben. Ich wollte die Tatsache erhärten, dass unsere kurze Affäre beendet war. Und ich mein Leben lebte.

Der Barkeeper brachte ihren Cocktail. Sie hielt ihn mit spitzen Fingern. »Verstehe. Na ja, dann noch einen schönen Abend, Shepherd.«

»Dir auch.«

Sie entfernte sich, und ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Drink. Swetlana war wahrscheinlich hier gewesen, um die Bar zu inspizieren – entweder um mir »zufällig« über den Weg zu laufen oder einfach ein anderes reiches Arschloch kennenzulernen, das auf ihre Show hereinfiel. Das hier war genau der richtige Ort dafür, vor allem heute Abend.

Ich trank aus und schob die Gedanken an sie von mir.

Der Ballsaal war voll, die Luft war von einem tiefen Summen aus Stimmen erfüllt. Männer in Smokings und Frauen in Abendkleidern gingen umher oder standen in Grüppchen beieinander. Andere saßen an Tischen mit weißen Tischdecken. Kellner trugen Tabletts mit Hors d’oeuvres und Champagner durch den riesigen Saal.

Nicht allzu weit weg entdeckte ich meinen Vater. Er trug einen schwarzen Smoking mit silberner Krawatte, sein grau meliertes Haar war sauber geschnitten. Mein Vater sah aus wie ein Hai, hatte aber den Biss eines Welpen.

»Da ist er ja«, sagte Dad und kam mit ausgestreckten Armen auf mich zu.

Ich ließ seine Umarmung über mich ergehen und klopfte ihm auf den Rücken. »Hi, Dad.«

»Es ist ein Jammer, dass dein Bruder nicht hier sein kann«, sagte er. »Aber danke, dass du da bist.«

»Keine Ursache. Hast du eine Rede vorbereitet?«

Er winkte ab, als spielte das keine Rolle. »Ach, mir wird schon etwas Passendes einfallen. Ich habe eine geschrieben, aber … na ja, ich habe neuerdings eine andere Haltung zu den Dingen.«

»Du siehst gut aus. Braun gebrannt. Hast du Urlaub gemacht?«

»Ja.« Das Lächeln erstarb auf seinen Lippen, und für einen Augenblick sah er ernst aus. »Ich musste mal weg und den Kopf freibekommen. Aber darüber können wir später noch sprechen. Jetzt möchte ich dir jemanden vorstellen.«

Das Funkeln in seinen Augen sagte alles. Dad hatte eine neue Freundin. Oder eine neue Flamme. Das war schwer zu sagen. Leider war er auch nicht besser als ich, wenn es darum ging, die Richtige zu finden – meine Mutter war dafür ein erstklassiges Beispiel. Seit ihrer Scheidung, als ich ein Teenager war, war er mit einer Reihe verschiedener Frauen zusammen gewesen. Sie waren von Alter und Ethnie her unterschiedlich gewesen; eins musste ich ihm lassen: Zumindest hatte er Verschiedenes ausprobiert.

Ich wusste genau, was sein Problem war. Er war viel zu nett. Reiche Geschäftsleute hatten den Ruf, kalt und gefühllos zu sein. Herrje, der Begriff geschäftsmäßig zielte doch genau darauf ab. Aber mein Dad war ein verdammter Teddybär. Er war ein brillanter Geschäftsmann, allerdings sah er immer das Beste in den Menschen – vor allem in schönen Frauen. Was ihn zu einem leichten Ziel machte.

»Das ist großartig, Dad.«

»Was ist mit dir?«, fragte er. »Wo ist deine Begleitung? Ich hatte gehofft, dass ich sie kennenlerne.«

Ich klappte den Mund auf, um zu sagen, dass ich niemanden mitgebracht hatte, doch nichts kam heraus. Meine Kehle fühlte sich an, als hätte sich eine Hand um meine Luftröhre gelegt, die mir das Sprechen unmöglich machte.

Swetlana näherte sich, sie trug ein langes goldfarbenes Abendkleid, das beinahe bis zu ihrem verdammten Bauchnabel geschlitzt war. Das Kleid war mir vorhin in der Bar nicht mal aufgefallen, aber jetzt schlenderte sie auf uns zu und setzte jeden Zentimeter ihres Aufzugs so vorteilhaft wie möglich ein. Ihr dickes Haar fiel in Wellen um ihre nackten Schultern, und mit ihren glitzernden goldfarbenen High Heels war sie fast so groß wie ich.

Doch weder die Tatsache, dass sie so viel Bein zeigte, noch der boshaft durchtriebene Blick in ihren Augen machten mich sprachlos. Sondern die Art und Weise, wie mein Dad ihr den Arm um die Taille schlang und sie an sich zog, schnürte mir die Luft ab.

»Shepherd, das ist Swetlana Genow«, sagte er und lächelte so breit, dass seine Grübchen erschienen.

O mein Gott, das sollte wohl ein Witz sein.

Swetlana lächelte und neigte ein wenig den Kopf, als wäre sie schüchtern, dann streckte sie die Hand aus. »Ich freue mich, dich kennenzulernen, Shepherd. Dein Vater hat mir bereits so viel über dich erzählt, dass es sich anfühlt, als würde ich dich schon kennen.«

Fuck. Dad hatte keine Ahnung, dass ich eine Affäre mit ihr gehabt hatte. Schließlich hatte ich sie meiner Familie nicht vorgestellt. Wahrscheinlich hatte ich nicht einmal ihren Namen erwähnt.

Wie hatte sie ihn kennengelernt? Und wollte sie weiterhin so tun, als würden wir uns nicht kennen? Warum zum Teufel ging sie davon aus, ich würde da mitspielen?

Aber ein Blick in Dads Gesicht und ich wusste, dass ich sie nicht verraten konnte. Nicht hier, vor allen Leuten. Wo es doch sein Abend war. Dieses sanfte Herz, das in der Brust meines Dads schlug, würde dadurch gebrochen. Irgendwie musste ich den Abend überstehen und meinen Dad später unter vier Augen sprechen.

Ich schüttelte Swetlana so kurz wie möglich die Hand. »Wo habt ihr euch kennengelernt?«

»Auf Hawaii«, sagte er. »Wir waren im selben Resort untergebracht. Sie lud mich zu einem Drink ein, und dann lachten wir uns tot, weil wir in einer All-inclusive-Anlage waren.«

»Echt jetzt?«, fragte ich. Verdammte Scheiße. »Dad, ich hatte keine Ahnung, dass du neulich auf Hawaii warst.«

»Wie gesagt, ich brauchte ein wenig Zeit, um ein paar Dinge zu überdenken.« Er zog Swetlana noch näher an sich. »Offenbar hat sich das gelohnt.«

Swetlana klimperte mit den Wimpern und schmiegte sich an seinen Arm.

Ich schluckte den Geschmack von Erbrochenem hinunter. »Das ist großartig, Dad.«

»Aber nun sag mir, mein Junge, wo ist denn deine Begleiterin? Ich würde sie gern kennenlernen.«

Swetlanas Lippen öffneten sich zu einem boshaften Grinsen über ihren weißen Zähnen. »Ja, Shepherd, wo ist sie? Ich würde sie auch gern kennenlernen.«

Ich verengte die Augen zu Schlitzen. Sie wollte dieses Spiel spielen? Sie hatte keine Ahnung, mit wem sie es zu tun hatte. Ich würde sie vernichten.

»Sie verspätete sich nur ein wenig.« Ich zog mein Handy heraus. »Ich sollte sie anrufen und fragen, ob sie schon auf dem Weg ist.«

»Gut«, sagte Dad. »Komm uns suchen, wenn sie da ist.«

»Ja, mache ich.« Ich bedachte Swetlana mit einem eisigen Lächeln, bevor ich mich umdrehte und wegging.

Ich ging ohne Eile, bis ich außer Sichtweite war. Dann stürzte ich in ein Treppenhaus und fing an, durch meine Kontakte zu scrollen. Verdammt, ich brauchte sofort ein Date. Aber wen konnte ich so kurzfristig hierher zitieren?

Ich scrollte durch die Namen, ignorierte meine geschäftlichen Kontakte – die den Großteil davon ausmachten. Ich hatte nicht gerade ein gutes Verhältnis zu irgendeiner meiner Verflossenen. Die Frauen, mit denen ich ausging, hassten mich normalerweise, wenn unsere kurzen Beziehungen zu Ende waren. Irgendwie gaben sie immer mir die Schuld dafür, dass ich nicht das war, wonach sie suchten – einem reichen Mann, der sie verwöhnte –, und waren dann tödlich beleidigt, wenn ich die Unverfrorenheit besaß, mit ihnen Schluss zu machen.

Ich scrollte wieder nach oben, in umgekehrt alphabetischer Reihenfolge. Diese Runde würde ich Swetlana nicht gewinnen lassen. Wenn ich einen verdammten Escortservice anriefe, hätte ich in der nächsten halben Stunde eine bildschöne Frau am Arm.

Ein Name starrte mich vom Display an. Bereits zweimal hatte ich daran vorbeigescrollt und ihn nicht einmal in Erwägung gezogen. Doch da war er. Everly Dalton, meine persönliche Assistentin.

Sie war mit Abstand die beste Assistentin, die ich je hatte. Die Tatsache, dass sie schon so lange für mich arbeitete, bewies das. Meine Assistenten – egal ob männlich oder weiblich – kündigten immer, sie wollten dauernd, dass man sie an der Hand nahm und ihnen den Kopf tätschelte, verdammt. Aber ich brauchte kein Hündchen, das ständig meine Anerkennung einforderte. Ich brauchte jemanden, der den Job erledigte, für den ich ihn eingestellt hatte.

Und genau das tat Everly.

Zuerst dachte ich, sie wäre wie alle anderen. Sie wirkte nicht wie jemand, der viel Rückgrat hatte. Sie war zu süß – lächelte zu viel. Aber sie war knallhart. Klug, effizient, produktiv. Sie machte ihren Job großartig, und ich bezahlte sie gut dafür. Sehr gut, eigentlich. In drei Jahren hatte ich ihr schon viermal das Gehalt erhöht.

Aber als mein Date einspringen? Finster starrte ich mein Handy an. Everly war nicht diese Art von Mädchen. Sie war hübsch anzusehen, klar. Ich wählte meine Assistentinnen nicht nach ihrer Attraktivität aus, doch wenn ich es täte, hätte Everly mit Bravour bestanden. Hübsches Gesicht, langes blondes Haar. Ich konnte sie mir fast im Abendkleid vorstellen, aber es wäre ziemlich weit hergeholt. Sie war nicht die Sorte Frau, die ich datete – überhaupt nicht. Konnte ich das durchziehen und meinen Dad austricksen?

Außerdem war Swetlana ihr begegnet. Sie würde wissen, dass ich log.

Oder? Als Swetlana zu mir ins Büro gekommen war, hatte sie Everly mit unverhohlener Eifersucht beäugt. Als wäre sie sich sicher gewesen, dass ich nebenher noch meine hübsche Assistentin vögelte. Tat ich aber nicht – ich hatte noch nie etwas mit einer meiner Mitarbeiterinnen. Doch Everly als mein heutiges Date würde Swetlana einen Seitenhieb versetzen wie keine andere Frau.

Das gab den Ausschlag. Ich tippte auf Everlys Nummer und dann auf Anrufen.

»Ähm, hallo?«, sagte sie. »Mr Calloway?«

»Ich brauche Sie im Ballsaal des Four Seasons«, sagte ich.

»Moment mal, was?«

»Four Seasons.«

»Ich weiß, wo Sie sind, ich will nur wissen, warum ich dorthin kommen soll. Es ist neun Uhr abends. Was ist los?«

Ich schaute auf meine Uhr. Ich brauchte sie hier, sofort. »Schicken Sie mir Ihre Adresse, und ich schicke einen Wagen, um Sie abzuholen.«

»Moment, Mr Calloway, ich verstehe nicht.«

»Kommen Sie einfach her«, sagte ich. »Ich bezahle Sie natürlich.«

»Ja, okay, aber ich bin verwirrt.«

Frustriert atmete ich aus. Sonst verschwendete Sie nie auf diese Art meine Zeit. »Everly, hören Sie. Adresse. Wagen. Four Seasons.«

»Ich … Sie haben … ähm … okay?«

»Und ziehen Sie sich etwas an, was sexy ist. Schreiben Sie mir eine Nachricht, wenn Sie hier sind.«