The Path to you - Claire Kingsley - E-Book
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The Path to you E-Book

Claire Kingsley

4,0

Beschreibung

Schatten der Vergangenheit.

Mit dem eigenen Restaurant habe ich mir meinen größten Traum erfüllt, aber dennoch fehlt mir etwas im Leben. Während alle um mich herum ihr Glück gefunden haben und verliebt sind, bin ich allein. Doch dann tritt Sadie in mein Leben. Eigentlich ist sie für mich tabu, denn sie arbeitet in meinem Restaurant. Aber sie berührt etwas tief in mir, was ich schon verloren glaubte. Und Sadie macht es mir nicht einfach. Sie läuft vor ihrer Vergangenheit davon und lässt niemanden an sich heran. Aber ich gebe nicht auf und werde nicht zulassen, dass man ihr jemals wieder etwas antut …

Ich will nur vergessen, was damals geschehen ist. Nicht zurückschauen, sondern einfach weitermachen – das ist seit Jahren meine Devise. Wenn ich allein bin, kann mir auch niemand wehtun. Doch Gabe macht es mir nicht leicht diese Mauern um mich herum weiter aufrechtzuerhalten. Er ist immer für mich da, hört mir zu und gibt mir Zeit. Aber kann ich ihm wirklich vertrauen? Oder wird er mich genauso enttäuschen, wie alle anderen in meinem Leben?

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Über das Buch

Schatten der Vergangenheit.

Mit dem eigenen Restaurant habe ich mir meinen größten Traum erfüllt, aber dennoch fehlt mir etwas im Leben. Während alle um mich herum ihr Glück gefunden haben und verliebt sind, bin ich allein. Doch dann tritt Sadie in mein Leben. Eigentlich ist sie für mich tabu, denn sie arbeitet in meinem Restaurant. Aber sie berührt etwas tief in mir, was ich schon verloren glaubte. Und Sadie macht es mir nicht einfach. Sie läuft vor ihrer Vergangenheit davon und lässt niemanden an sich heran. Aber ich gebe nicht auf und werde nicht zulassen, dass man ihr jemals wieder etwas antut …

Ich will nur vergessen, was damals geschehen ist. Nicht zurückschauen, sondern einfach weitermachen – das ist seit Jahren meine Devise. Wenn ich allein bin, kann mir auch niemand wehtun. Doch Gabe macht es mir nicht leicht diese Mauern um mich herum weiter aufrechtzuerhalten. Er ist immer für mich da, hört mir zu und gibt mir Zeit. Aber kann ich ihm wirklich vertrauen? Oder wird er mich genauso enttäuschen, wie alle anderen in meinem Leben?

Über Claire Kingsley

Claire Kingsley schreibt Liebesgeschichten mit starken, eigensinnigen Frauen, sexy Helden und großen Gefühlen.

Sie kann sich ein Leben ohne Kaffee, ihren Kindle und all den Geschichten, die ihrer Fantasie entspringen, nicht mehr vorstellen. Sie lebt  im pazifischen Nordwesten der USA mit ihrem Mann und ihren drei Kindern.

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Claire Kinglsey

The Path To You

Übersetzt von Cécile Lecaux aus dem amerikanischen Englisch

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Triggerwarnung

Kapitel 1: Sadie

Kapitel 2: Gabe

Kapitel 3: Gabe

Kapitel 4: Sadie

Kapitel 5: Gabe

Kapitel 6: Gabe

Kapitel 7: Sadie

Kapitel 8: Sadie

Kapitel 9: Gabe

Kapitel 10: Sadie

Kapitel 11: Sadie

Kapitel 12: Gabe

Kapitel 13: Sadie

Kapitel 14: Gabe

Kapitel 15: Gabe

Kapitel 16: Gabe

Kapitel 17: Sadie

Kapitel 18: Sadie

Kapitel 19: Gabe

Kapitel 20: Sadie

Kapitel 21: Gabe

Kapitel 21: Sadie

Kapitel 22: Sadie

Kapitel 23: Gabe

Kapitel 24: Sadie

Kapitel 25: Gabe

Kapitel 26: Sadie

Epilog: Gabe

Nachwort

Impressum

Liebe Leser:innen, dieser Titel enthält potenziell triggernde Inhalte zu den Themen Gewalt und Vergewaltigung.

Kapitel 1 Sadie

Der Typ an Tisch zehn macht mich krank. Er zieht mich mit seinen Blicken aus, seit ich seine Getränkebestellung aufgenommen habe. Das Porthole Inn ist kein besonders schicker Laden, aber die Gäste sind in der Regel sehr nett. Viele Familien, manchmal Pärchen bei einem Date oder auch Freunde, die zusammen etwas essen oder trinken gehen. Doch der Kerl sitzt allein an einem Tisch und lässt mich nicht aus den Augen.

Kurz verschwinde ich in der Küche, um mich seinen Blicken zu entziehen. Ich wünschte, er würde einfach wieder gehen, aber er lässt sich unendlich viel Zeit mit seinem Filet und der gebackenen Kartoffel. Und die Art, wie er sich die Lippen leckt, während er mir auf den Busen starrt, ist einfach nur widerlich. Ich habe sogar Angst, er könnte warten, bis ich Feierabend habe, und mir dann nach draußen folgen.

Doch ich habe mir ja nicht umsonst Pfefferspray besorgt. Ich werde es einsatzbereit in der Hand halten, wenn ich nach meiner Schicht zum Wagen gehe.

Jetzt muss ich mich erst mal auf die Arbeit konzentrieren. Ich bin noch neu hier, und das Letzte, was ich will, ist Ärger. Ich verdiene gerade so viel, dass ich mir die Miete für das Haus leisten kann, und meine mageren Ersparnisse sind für die Kaution und die letzte Miete draufgegangen.

Eigentlich arbeite ich gerne hier – zumindest bis jetzt. Todd, der Geschäftsführer, ist etwas schroff, aber das Trinkgeld ist nicht übel. Wenn ich mich bedeckt halte und mich mit niemandem anlege, kann ich mit der Zeit genug Geld verdienen, um wieder auf die Beine zu kommen. So ein Neuanfang ist ganz schön hart.

Ich nehme mir einen Augenblick Zeit, um meinen Pferdeschwanz zu richten und meine kleine schwarze Schürze zurechtzuzupfen, bevor ich ins Café zurückgehe. Sobald ich die Küche verlasse, starrt mich der schmierige Typ wieder unverwandt an, doch ich ignoriere ihn demonstrativ und steuere stattdessen Tisch zwölf an.

»Kann ich noch etwas für Sie tun?«

Ein hübsches Paar. Beide tragen einen Ring, ich bin also ziemlich sicher, dass sie verheiratet sind. Die Frau hat eine lockige blonde Mähne und ein breites Lächeln. Ihr Mann ist ebenfalls überdurchschnittlich attraktiv mit freundlichen grünen Augen und dunklen Haaren.

»Ich glaube, wir brauchen nichts mehr«, sagt die Frau.

»Kein Nachtisch, Sonnenschein?«, fragt der Mann.

»Ich kriege keinen Bissen mehr herunter. Vielleicht das nächste Mal.«

»Kein Problem«, entgegne ich und lege die schwarze Mappe mit der Rechnung auf den Tisch. »Rufen Sie mich, wenn Sie so weit sind. Lassen Sie sich Zeit.«

Ich habe nicht die geringste Lust, den Lüstling nach seinen Wünschen zu fragen, aber ich muss an Tisch neun die Bestellung aufnehmen, und das ist der Tisch gleich neben seinem. Als ich an ihm vorbeigehe, halte ich den Blick geradeaus gerichtet und stelle mich anschließend so hin, dass er mir den Rücken zuwendet. Der Typ dreht sich wahrhaftig auf seinem Stuhl zu mir um und glotzt mich weiter an. Er macht mich ganz nervös, und ich muss mich konzentrieren, um die Bestellung an Tisch neun aufzunehmen.

Tief durchatmen, Sadie. Er kann dir gar nichts. Er kann gucken, und die unverhohlene Lüsternheit ist abstoßend, aber er wird gleich weg sein, und dann bist du ihn los. Nicht aufregen.

Ich stecke den Notizblock in die Schürze und wende mich ab, um die Bestellung weiterzugeben. Als ich gerade zwei Schritte gemacht habe, legt sich eine Hand schraubstockartig um mein Handgelenk.

»Lassen Sie mich los«, zische ich ihn leise an.

Der Lustmolch verzieht die Lippen zu einem widerwärtigen Lächeln. Er sitzt auf der Stuhlkante und hält mein Handgelenk mit eisernem Griff gepackt.

»Komm her, Süße«, sagt er.

Angst und Wut lodern in mir auf, und Erinnerungsfetzen tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich stehe wie angewurzelt da, unfähig, mich zu rühren. Hilflos. Ich schnappe nach Luft und versuche, die Bilder auszublenden. Mein Puls rast, und Adrenalin jagt durch meinen Körper.

»Lassen Sie los.« Ich glaube, es ist meine Stimme, aber es kommt mir vor, als hätte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren. Als würde ich über mir schweben und die Szene als Zuschauer verfolgen.

»Komm schon, Süße, sei mal ein bisschen nett.« Er zieht an meinem Arm, so ruckartig, dass ich auf ihn zu stolpere.

Das Gefühl der Losgelöstheit verstärkt sich. Ich bin wie betäubt und sehe, wie meine andere Hand sich zur Faust ballt und auf sein Gesicht zufliegt. Ich sollte Schmerz fühlen, spüre jedoch nichts, als meine Fingerknöchel gegen seine Nase krachen. Er lässt mein Handgelenk los, und ich taumele rückwärts.

Schlagartig kehren die Geräusche zurück, als wäre ich einen Moment taub gewesen. Der Typ schreit, und Blut läuft unter ihm den Händen hervor, die er auf sein Gesicht presst. Todd fragt mit zorniger Stimme, was los sei.

Ich flüchte in die Küche. Oh mein Gott. Was habe ich getan? Habe ich ihn wirklich geschlagen? Ich starre auf meine Hand. Meine Fingerknöchel sind gerötet, und ich erinnere mich, wie es sich angefühlt hat, als sie mit seiner Nase kollidiert sind. Heilige Scheiße, ich glaube, ich habe sie ihm gebrochen. Meine Hand tut weh, und das Handgelenk, das er festgehalten hat, brennt. Seine Finger haben rote Abdrücke auf meiner Haut hinterlassen.

Die Köche starren mich an, und innerhalb von Sekunden tuschelt das ganze Personal und wirft mir verstohlene Blicke zu.

Todd kommt mit grimmiger Miene zurück in die Küche. »Sadie, in mein Büro. Sofort.«

Ich schlucke und folge ihm nach hinten. Mir ist immer noch schwummrig von dem Schock. Er schließt die Tür hinter mir, was einen so starken Fluchtinstinkt bei mir auslöst, dass es mich meine ganze Willenskraft kostet, nicht kopflos hinauszustürzen und zu meinem Wagen zu laufen.

»Du bist gefeuert«, sagt er. Sonst nichts. Er fragt nicht, was passiert ist, und es scheint ihn auch nicht zu interessieren. Das war’s. Ich habe keine Arbeit mehr.

»Todd, er …«

»Du hast einem Gast die Nase gebrochen«, fällt er mir ins Wort. »Das kann uns eine Klage einbringen.«

Ich hebe das Handgelenk, das immer noch rot ist, dort, wo er mich festgehalten hat. »Er hat meinen Arm gepackt und wollte mich nicht loslassen.«

Todd wirft nur einen flüchtigen Blick darauf. »Trotzdem. Du hast ihn verletzt. Gut möglich, dass er dich anzeigt.«

Ich lasse die Schultern hängen. Das darf doch nicht wahr sein. Habe ich »Macht mit mir, was ihr wollt, interessiert sowieso keinen« auf die Stirn tätowiert? Offenbar dürfen kranke Scheißkerle mit mir tun, was sie wollen, und wenn ich mich wehre, bin ich diejenige, die den Ärger bekommt.

Ich bin in diese Kleinstadt gezogen, weil ich den Scheiß hinter mir lassen wollte, aber offenbar war das naiv. So etwas passiert überall.

»Es tut mir nicht leid, dass ich den Widerling geschlagen habe. Er hat es verdient.« Entweder halte ich an meiner Wut fest, oder ich breche heulend zusammen. Ich entscheide mich für die Wut. »Er hat mich die ganze Zeit angestarrt und anzügliche Bemerkungen gemacht. Als er mich dann angefasst hat, ist mir eine Sicherung durchgebrannt. Fick dich, Todd.«

Ich wirbele herum und stürme aus dem Büro, schnappe mir Mantel und Handtasche aus der Küche und verlasse das Porthole Inn durch den Hintereingang. Kurz mache ich halt, bevor ich zum Parkplatz gehe, und hole mein Pfefferspray aus der Tasche. Wenn der Arsch mir auflauert, kann er sich auf etwas gefasst machen. Furcht steigt in mir auf, und ich klammere mich bewusst an meinen Zorn. Zusammenbrechen kann ich zu Hause. Jetzt muss ich erst mal zu meinem Wagen, und meine Wut hält mich bei der Stange.

Meine Hände zittern, und ich habe das ungute Gefühl, dass ich im Ernstfall gar nicht in der Lage wäre, das blöde Spray wirklich einzusetzen. Tränen laufen mir über die Wangen – Tränen hilfloser Wut und Frustration. Erinnerungen wirbeln durch meinen Kopf, alte und neue bunt gemischt und schwer auseinanderzuhalten.

Als ich bei meinem Wagen bin, atme ich mehrmals tief durch. Der Schlüssel. Ich brauche meinen Schlüssel. Ich stecke das Pfefferspray weg und fische den Wagenschlüssel aus der Handtasche.

»Entschuldigung?«

Beim Klang der Frauenstimme zucke ich heftig zusammen. Es ist die Frau mit den blonden Locken von Tisch Nummer zwölf. Ihr Mann ist bei ihr und schaut mich besorgt an. »Sind Sie okay?«

»Ja«, entgegne ich, doch meine Stimme zittert. Ich wünschte, sie würden mich einfach in Ruhe lassen. Es kostet mich alle Kraft, nicht die Fassung zu verlieren, und ihr mitfühlender Tonfall macht es nur noch schlimmer.

»Darf ich mal Ihre Hand sehen?«, fragt der Mann. »Ich bin Arzt.«

Ich blicke auf meine Fingerknöchel. Sie sind gerötet und beginnen anzuschwellen. »Ich denke, es ist nichts.«

»Mag sein, aber mir wäre wohler, wenn Sie mich einen Blick darauf werfen lassen.« Er kommt einen Schritt näher. »Ich bin Cody Jacobsen, und das ist meine Frau Clover.«

Ich schlucke hart. »Sadie Sedgwick.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Sadie«, sagt Clover und klingt dabei absolut aufrichtig. »Sind Sie neu in der Stadt?«

»Ja.«

Ich halte Cody meine Hand hin, und er begutachtet sie kritisch. »Scheint auf den ersten Blick nichts gebrochen zu sein. Darf ich die Hand abtasten?«

Er ahnt ja nicht, wie dankbar ich bin, dass er fragt, bevor er mich anfasst. »Klar.«

Er legt eine Hand unter meine, um sie abzustützen, und tastet dann vorsichtig meinen Handrücken ab. »Könnten Sie mal die Finger bewegen?«

Ich gehorche. »Es tut etwas weh, aber nicht allzu sehr.«

»Gut«, meint er. »Ich denke nicht, dass wir das röntgen müssen. Kühlen Sie die Hand, wenn Sie zu Hause sind, um einer Schwellung vorzubeugen. Sollte die Hand trotzdem stark anschwellen oder Sie die Finger nicht mehr richtig bewegen können, lassen Sie das noch mal untersuchen, okay?« Er zückt seine Brieftasche und reicht mir eine Visitenkarte. »Meine Praxis ist sieben Tage die Woche geöffnet.«

Ich nehme die Karte und stecke sie in meine Handtasche. »Danke. Ich denke, es wird schon gehen.«

»Was da vorhin passiert ist, war furchtbar«, sagt Clover kopfschüttelnd. »Sie waren so cool.«

Cody lacht. »Clover …«

»Stimmt doch. Du hast ja gesehen, wie er sie festgehalten hat. Er hat es nicht besser verdient.«

»Das sieht mein Boss leider anders.« Sofort presse ich die Lippen zusammen, ich sollte fremden Leuten nicht die Ohren vollheulen. Sie sind sehr nett, aber meine Probleme gehen sie nun wirklich nichts an.

»Echt? Was ist passiert?«, fragt Clover.

»Ach nichts«, wiegele ich ab. »Entschuldigen Sie. Ich muss nach Hause.«

»Warten Sie«, sagt Clover. »Sie wurden doch nicht etwa gefeuert, oder?«

»Natürlich wurde ich gefeuert. Ich habe einen Gast geschlagen.«

Clover schnappt nach Luft und macht große Augen. »Oh mein Gott, Cody. Ich sagte doch, dass ich bei ihrem Anblick ein Kribbeln gespürt habe.«

»Hast du«, bestätigt ihr Mann.

»Sorry, ich verstehe nicht, was Sie meinen«, entgegne ich verwirrt.

»Sie sind Kellnerin«, stellt Clover fest, als würde das alles erklären.

»Zumindest war ich das bis vor fünf Minuten.«

»Exakt«, erwidert sie strahlend. »Das ist perfekt. Ich habe einen Job für Sie.«

»Äh, Sonnenschein … bist du sicher?«, mischt sich Cody zögernd ein.

Sie verdreht auf niedliche Art die Augen. »Ja. Absolut. Wir brauchen eine neue Bedienung. Schon seit Wochen. Darum hat Gabe bisher noch niemanden eingestellt. Ich sollte heute Abend Sadie kennenlernen. Es war vorherbestimmt.«

Ich bin so verwirrt, dass ich sie nur verdattert anstarre. »Ich … wie bitte?«

Clover lächelt. »Ich arbeite im Ocean Mark. Das liegt etwa zwanzig Minuten nördlich von hier, es ist also ein Stück. Dafür ist es tausendmal besser als das Porthole.« Sie wendet sich an Cody. »Und nachdem sie Sadie gefeuert haben, werden wir dort nie wieder essen gehen.«

»Natürlich nicht«, pflichtet Cody ihr bei.

Clover wendet sich wieder mir zu. »Kommen Sie morgen um drei vorbei. Sonntags ist nicht zu viel los, dann kann Sam gleich anfangen, Sie einzuarbeiten.«

Noch immer bin ich wie vor den Kopf geschlagen vor Überraschung und Unglauben. Ich weiß nicht einmal mehr, wo ich gerade bin. »Ich weiß nicht … äh … okay?«

Cody schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. »Machen Sie sich keinen Kopf, es geht vielen Leuten so, wenn sie ihr das erste Mal begegnen.«

»Was meinst du damit?«, fragt Clover stirnrunzelnd.

»Du verwirrst die Leute.«

»Das tue ich nicht«, protestiert sie. »Wie auch immer. Morgen um drei. Wir treffen uns vor Ort, und ich zeige Ihnen alles.« Sie zwinkert Cody zu. »Siehst du! Schicksal!«

»Und vergessen Sie nicht, Ihre Hand zu kühlen«, sagt Cody. »Ich hoffe, der Rest des Abends verläuft für Sie weniger aufregend.«

»Danke«, erwidere ich.

»Gute Nacht, Sadie.« Clover strahlt mich an. »Wir sehen uns morgen auf der Arbeit.«

Cody schüttelt lächelnd den Kopf und legt seiner Frau den Arm um die Schultern. Clover winkt. Als sie fortgehen, blicke ich ihnen ganz benommen nach und weiß immer noch nicht, wie mir geschieht.

Ich steige ins Auto und verriegele die Türen. Ist das tatsächlich passiert? Oder stellt sich, wenn ich morgen dort aufschlage, heraus, dass das Ganze nur ein Scherz war? Oder dass Clover nicht ganz richtig im Kopf ist. Eigentlich macht sie nicht den Eindruck, als wäre sie verrückt. Nur … begeisterungsfähig. Und Cody scheint wirklich Arzt zu sein, sofern die Visitenkarte keine Fälschung ist.

Wie paranoid muss man sein, um Cody und Clover Hochstapelei zu unterstellen? Warum sollte er sich fälschlich als Arzt ausgeben und sie als Restaurantangestellte?

Ich umklammere das Lenkrad und atme tief aus. Ich werde auf jeden Fall morgen um drei Uhr im Ocean Mark vorsprechen. Sollte Clover sich doch als entlaufene Irre entpuppen, behaupte ich einfach, ich hätte mich verfahren. Und wenn alles so ist, wie sie sagt, und sie mir nur Minuten nach meinem Rauswurf einen neuen Job verschafft hat, war es ein Riesenglück, dass sie ausgerechnet heute mit ihrem Mann im Porthole Inn essen war.

Ich könnte wirklich zur Abwechslung mal etwas Glück brauchen.

Kapitel 2 Gabe

Als ich aus meinem Büro komme, ist mein Team schon mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt. Alles gute Leute, engagiert und professionell. Meine Küche muss reibungslos funktionieren wie eine gut geölte Maschine, damit wir den Gästen die Qualität servieren, die sie von meinem Restaurant erwarten. Ich gebe den Ton an, doch wir müssen mehr sein als nur Rädchen im Getriebe. Ich kann mich glücklich schätzen, zuverlässige Mitarbeiter zu haben, auf die ich mich blind verlassen kann.

Bei der Arbeit läuft leise Hintergrundmusik. Es ist Sonntag, und wir sind nicht ausgebucht, ich rechne also nicht damit, dass es heute allzu stressig wird. Wir sind mitten in der Hochsaison, aber die meisten Touristen kommen über das Wochenende, und so ist es sonntagabends in der Regel eher ruhig. Gestern Abend war die Hölle los, da kann ein weniger stressiger Tag zwischendurch mal nicht schaden.

Die ersten Bestellungen kommen rein, und ich vertiefe mich in meine Arbeit, sodass ich kaum noch bemerke, was um mich herum vorgeht. Ich arbeite Seite an Seite mit meiner Souschefin Clover. Wir arbeiten seit einigen Jahren zusammen, sodass sich eine angenehme Routine entwickelt hat und wir uns ohne viele Worte verstehen. Wir richten die ersten Teller des Abends an, die dann von den Kellnern rausgebracht werden.

Als ich zwischendurch hochschaue, fällt mein Blick auf eine Frau, die ich noch nie gesehen habe. Noch bevor ich dazu komme, mich zu fragen, was eine Fremde in meiner Küche zu suchen hat, begegnen sich unsere Blicke. Urplötzlich scheint die Luft um mich herum elektrisch geladen, und ich schlucke hart. Das kastanienbraune Haar ist hochgesteckt, und sie hat die faszinierendsten grünen Augen, die ich je gesehen habe. Ihre kleine Nase und die Wangen sind mit Sommersprossen gesprenkelt. Sie lächelt scheu, aber das Lächeln schwindet gleich wieder. Sam, einer meiner Oberkellner, beugt sich zu ihr herab und sagt etwas zu ihr. Sie nehmen die fertigen Teller und gehen damit zurück in den Gastraum.

»Wer war das, Clover?«

Clover wirft mir einen Blick zu. »Wen meinst du?«

»Die Frau bei Sam, die gerade das Essen für Tisch vier geholt hat.«

»Ach so. Das ist Sadie«, entgegnet sie mit dem ihr eigenen strahlenden Lächeln. »Das ist die Neue.«

»Die Neue? Ich kann mich nicht erinnern, jemanden eingestellt zu haben.«

»Hast du auch nicht.«

»Und wie kommt es dann, dass wir eine neue Kellnerin haben?«

»Ich habe sie eingestellt«, erwidert sie lapidar.

»Du hast was?«

Clover holt tief Luft. »Ich habe sie eingestellt. So was tun Restaurants, die zu wenig Personal haben. Sie stellen jemanden ein.«

»Falsch. Ich stelle jemanden ein, wenn wir zu wenig Personal haben.«

»Leider hast du das bisher versäumt«, sagt sie unbeeindruckt. »Wir haben seit Wochen zu wenig Leute. Außerdem war es Schicksal, und du erwartest doch nicht von mir, dass ich dem Schicksal ins Handwerk pfusche, oder?«

»Oh Mann«, stöhne ich. Clover gehört zu den Leuten, die an Schicksal glauben. »Hat sie denn wenigstens Erfahrung als Servicekraft?«

»Ja«, antwortet Clover gut gelaunt. »Sie hat im Porthole Inn gearbeitet, wurde allerdings gefeuert.«

»Was? Du hast eine Kellnerin eingestellt, die von ihrem letzten Arbeitgeber gefeuert wurde? Clover …«

»Halt, urteile erst, wenn du die ganze Geschichte gehört hast«, unterbricht sie mich. »Es war nicht ihre Schuld. Ein Typ hat sie angemacht und begrapscht. Und dann wurde sie auch noch dafür bestraft. Das Ganze war lächerlich. Aber auch perfekt, weil ich vor Ort war, um sie einzustellen. Es hat so sollen sein.«

Ich starre Clover mehrere Sekunden wortlos an. Dieser Gedankengang ist für sie zweifellos absolut logisch und plausibel, doch sie kann nicht einfach jemanden einstellen, ohne das vorab mit mir abzusprechen. Noch bin ich für Personalfragen zuständig. »Clover, ich weiß, dass du es gut gemeint hast, aber …«

Ich verstumme, als Sadie wieder hereinkommt. Sam geht mit ihr rüber zur Vorbereitungs-Station. Offenbar hat Clover Sam bereits angewiesen, sie einzuarbeiten. Das ist … effizient. Das muss ich ihnen lassen. Wieder begegnen sich unsere Blicke. Sie schaut mich aus großen Augen flehend an, als wäre ihr bewusst, dass die Umstände ihrer Einstellung nicht ganz dem Standard entsprechen.

Clover stößt mich mit dem Ellbogen an. »Außerdem ist sie ausgesprochen hübsch, findest du nicht?«

»Was?«

»Sie ist hübsch, oder?«

Ich reiße den Blick von Sadie los. Sie ist nicht nur hübsch. Sie ist schön. »Das ist nicht der Punkt. Du kannst nicht Leute einstellen, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen.«

»Sie ist ja erst mal zur Probe hier«, entgegnet sie. »Und ich spreche jetzt mit dir darüber. Und warum ist das nicht der Punkt?«

»Es spielt keine Rolle, ob ich eine Kellnerin, die für mich arbeitet, hübsch finde«, erkläre ich nachdrücklich.

»Gut. Dann sind wir uns ja einig«, sagt Clover.

»Worin sind wir uns einig?«

»Dass sie für dich arbeitet.«

»Wie bitte?«

»Sie ist aber wirklich hübsch, das musst sogar du zugeben. Doch jetzt ist nicht der richtige Moment für einen Plausch. Wir haben zu tun. An die Arbeit, Chef.«

Ich starre Clover entgeistert an und kann nicht fassen, was gerade passiert ist.

Sadie kommt wieder mit Sam in die Küche. Es stimmt wohl, dass wir noch jemanden im Service brauchen, aber wenn sie meine Anforderungen nicht erfüllt, werde ich derjenige sein, der sie entlassen muss.

Sie wirft mir erneut einen besorgten Blick zu, woraufhin ich wegsehe und mich wieder auf die Arbeit konzentriere. Entweder packt sie’s oder nicht.

Trotzdem ist es seltsam, dass ich jetzt schon einen Funken Hoffnung verspüre, dass sie ihre Sache gut macht.

Ich halte ihr den Rücken zugekehrt und richte meine ganze Aufmerksamkeit auf das Fleisch, das ich gerade anbrate. Schön oder nicht, sie ist eine Angestellte, und ich möchte nicht, dass mich jemand dabei ertappt, wie ich eine Mitarbeiterin anstarre. Ich werde später noch ein ernstes Wort mit Clover sprechen und ihr unmissverständlich klar machen, dass sie kein Personal ohne mein Einverständnis einstellen kann.

Das Abendgeschäft verläuft ohne Zwischenfälle. Die letzten Gäste gehen nach Hause, die Tür wird abgeschlossen, und wir räumen auf und putzen die Küche für den nächsten Tag.

Als ich die letzte Arbeitsfläche abwische, bemerke ich Sadie, die sich gerade die Handtasche über die Schulter hängt. Sie hält inne und schaut mich an.

Dann taucht wie aus dem Nichts Clover auf und schüttelt mit einer Hand ihre Locken auf. »Ah, gut. Ihr habt euch also schon kennengelernt. Offiziell, meine ich.«

Sadie blinzelt. »Oh. Nein, nicht direkt.«

Clover seufzt, und ich sehe ihr an, dass der Tadel mir allein gilt. »Gabe, das ist Sadie, unsere neue Servicekraft. Sadie, Gabriel Parker. Meine Güte, Gabe, ich dachte, du hättest dich ihr längst vorgestellt.«

»Längst? Clover …« Ich breche ab, weil es manchmal einfach sinnlos ist, mit Clover zu diskutieren. »Hast du schon den Papierkram mit Sadie erledigt?«

»Natürlich«, antwortet sie. »Und ich habe ihren Arbeitsplan an Sams angepasst, damit er sie weiter einarbeiten kann.«

»Okay.«

»Gute Nacht, Chef.« Clover lächelt. »Nacht, Sadie. Sie haben Ihre Sache richtig gut gemacht heute.« Dann sieht sie mich mit hochgezogenen Brauen an, als erwarte sie von mir, dass ich auch etwas sage.

»Stimmt. Danke, Sadie.«

Sadie blickt ein paar Mal zwischen Clover und mir hin und her. »Danke, dass Sie mir eine Chance geben. Das kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.«

Ich senke den Blick. Diese grünen Augen berühren etwas tief in meinem Innersten, und ich fürchte, wenn ich nicht sofort den Blickkontakt abbreche, kann ich gar nicht mehr aufhören, sie anzusehen.

»Es war Schicksal«, sagt Clover achselzuckend.

»Natürlich«, entgegnet Sadie, deren Tonfall meine eigene Skepsis widerspiegelt. »Gute Nacht.«

Sadie geht, aber Clover bleibt noch, die Hände in die Seiten gestemmt.

»Was?«, frage ich.

»Was ist los mit dir?«, erkundigt sie sich.

»Nichts.« Ich steuere mein Büro an, höre jedoch Clovers Schritte hinter mir.

Sie folgt mir hinein. »Ich schreibe Cody, dass ich etwas später komme.«

»Wieso? Wir sind doch früh fertig. Du kannst heimfahren.« Während Clover tippt, ziehe ich die Kochjacke aus. Ich warte nicht, bis sie gegangen ist, bevor ich auch das T-Shirt ausziehe. Ich weiß, dass Clover viel entspannter ist als die meisten anderen Leute. Und da sie mit dem Schwager meiner Schwester verheiratet ist, betrachtet sie mich ohnehin mehr wie einen Bruder als wie ihren Chef. In Clovers Welt heißt das unter anderem, dass sie es völlig normal findet, wenn ich mich vor ihr umziehe.

»Wir gehen aus«, sagt sie. »Du brauchst einen Drink.«

Ich ziehe ein frisches T-Shirt über. »Ist das so?«

»Offensichtlich«, entgegnet sie. »Komm, ich lade dich ein.«

Der Irish Pub meines Freundes ist fast leer. Ein kleines Grüppchen sitzt an einem der Tische und zwei Gäste befinden sich an der Bar. Clover steuert einen der freien Tische an und hängt ihren Mantel über die Stuhllehne.

Finn kommt rüber und trocknet sich dabei die Hände an einem weißen Tuch ab. »Bourbon?«

»Passt«, sage ich.

Er wendet sich Clover zu und zögert. »Normalerweise würde ich sagen Corona mit Limette, aber irgendwie fühlt sich das heute nicht richtig an. Was darf ich dir bringen?«

Sie lächelt zu Finn auf. »Nur ein Wasser mit Zitrone bitte.«

»Kommt sofort.«

»Okay, alter Griesgram«, beginnt Clover, sobald Finn außer Hörweite ist. »Was ist los?«

»Griesgram?«, frage ich. »Ich bin nicht schlecht gelaunt.«

Sie zieht die Brauen hoch. »Du bist ja immer etwas ernst, doch seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass dich etwas bedrückt.«

Finn bringt unsere Getränke, und ich nippe an meinem Bourbon. Er rinnt meine Kehle hinunter und hinterlässt eine angenehme Wärme. Ich starre lange auf den Tisch, ehe ich noch einen Schluck trinke, antworte aber immer noch nicht.

»Also gut, wenn du nicht über dich sprechen möchtest, lass uns über die Speisekarte sprechen«, sagt sie schließlich. »Sie ist seit acht Monaten unverändert. Findest du nicht, es wäre an der Zeit?«

Sie hat recht. Es ist sogar überfällig. Ein Gespräch über die Speisekarte würde allerdings alles andere aufwühlen, worüber ich nicht nachdenken, geschweige denn reden möchte. Dennoch muss ich irgendwas sagen.

»Wir müssen ein paar Gerichte tauschen, doch einige möchte ich auch beibehalten. Vielleicht können wir auf die Vorspeisen vom letzten Jahr zurückgreifen.«

»Das klingt … interessant«, sagt sie. »Aber denkst du nicht, uns fällt auch etwas Neues ein?«

Neue Ideen? Wie soll ich ihr begreiflich machen, dass mir die Ideen ausgegangen sind? Seit nunmehr einem Jahr habe ich keinen einzigen kreativen Einfall mehr gehabt. Das Schlimmste ist, dass mir das im Grunde egal ist.

»Vielleicht solltest du ja daran arbeiten«, entgegne ich. »Du experimentierst doch gerne.«

Clover öffnet den Mund, als wollte sie etwas darauf erwidern, schließt ihn jedoch wieder. Stattdessen wickelt sie sich eine Locke um den Finger und schaut weg.

Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Für gewöhnlich nimmt sie kein Blatt vor den Mund, ganz egal, worum es geht. Diese Nachdenklichkeit ist sehr untypisch für sie.

»Was ist?«, frage ich. Und dann geht mir ein Licht auf. Ich wette, sie will kündigen. Ich habe sie zu meiner Stellvertreterin ernannt, sodass sie an meinen freien Abenden in der Küche das Sagen hat. Das war ein großer Schritt für sie. Aber sie hat wirklich viel Talent, und ich werde sie nicht ewig halten können. Der Gedanke, sie zu verlieren, versetzt mir einen Stich. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich es nur ihr zu verdanken habe, dass das Restaurant bisher nicht unter meiner eigenen Antriebslosigkeit gelitten hat. Meine Küche profitiert enorm von ihrer Kreativität und ihrem Einsatz. Ich weiß nicht, wie es ohne sie um das Ocean Mark bestellt wäre.

Und um mich.

»Ich muss etwas mit dir besprechen.« Sie fährt mit dem Finger über den Rand ihres Glases.

»Schon okay«, sage ich. »Mir war von Anfang an klar, dass ich dich nicht ewig würde halten können. Wohin gehst du?«

»Dass du mich nicht halten kannst? Es wäre doch nur vorübergehend. Oder willst du damit sagen, ich kann hinterher nicht zurückkommen?«

»Vorübergehend?« Ich bin verwirrt. »Warum solltest du zurückkommen wollen, wenn du woanders als Chefköchin arbeiten kannst?«

Sie starrt mich einen Moment verständnislos an, dann strahlt sie über das ganze Gesicht. »Chefköchin? Nein, nein, es geht nicht um eine andere Stelle. Ich werde nur irgendwann in Mutterschutz gehen. Ich bin schwanger.«

Überrascht ziehe ich die Brauen hoch. »Schwanger? Das ist ja toll. Gratuliere. Natürlich finden wir eine Lösung.«

Sie lächelt wieder ihr breites Lächeln, doch ich fühle mich seltsam deprimiert. Natürlich freue ich mich für sie. Clover gehört praktisch zur Familie. Und ich sollte auch nicht überrascht sein. Immerhin hat es im Jacobsen-Clan in den letzten Jahren einen wahren Babyboom gegeben. Ryans und Nicoles Tochter Madeline kann inzwischen laufen und fängt an zu sprechen. Meine Schwester und ihr Mann Hunter haben einen kleinen Jungen bekommen, Sebastian, der vor ein paar Monaten seinen ersten Geburtstag gefeiert hat. Melissa und Jackson sind zwar streng genommen keine echten Jacobsens, aber das zählt in dieser Familie nicht. Die Jacobsens haben Jackson praktisch adoptiert, und damit gehören sie dazu. Ihre kleine Tochter Skylar ist inzwischen drei, und Melissa ist schon wieder schwanger. Tatsächlich ist es überraschend, dass Cody und Clover nicht längst Kinder haben, immerhin sind sie bereits zwei Jahre verheiratet.

Und genau darum geht es. In meinem privaten Umfeld gibt es ständig Hochzeiten und Geburten, und da meine Freunde mir sehr am Herzen liegen, sollte mich das glücklich machen.

»Danke«, erwidert sie. »Ich hatte etwas Angst, es dir zu erzählen.«

»Aber warum denn? Ich freue mich für dich.«

Sie schiebt mein Glas auf mich zu. »Du trinkst das jetzt, und dann erzählst du mir, was los ist. Dass da was ist, weiß ich, und ich werde keine Ruhe geben, bis du mir sagst, was es ist.«

Ich kippe den Rest von meinem Bourbon hinunter. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich darüber sprechen möchte.«

»Wir sind hier nicht auf der Arbeit. Ich bin so etwas wie deine Schwester. Du kannst mir alles erzählen.«

Keine Ahnung, ob es an Clovers Hartnäckigkeit liegt oder ob der Bourbon anfängt zu wirken, jedenfalls platze ich plötzlich damit heraus. »Das Leben der Menschen um mich herum entwickelt sich weiter. Weißt du, auf wie vielen Hochzeiten ich in den letzten Jahren war? Ryan und Nicole … Melissas Megafeier in Seattle … deine Hochzeit … die meiner Schwester … Und zwei meiner besten Freunde sind auch schon verlobt und haben mich gebeten, Trauzeuge zu sein.«

»Aha«, sagt Clover. »Das ist, als wäre man immer nur Brautjungfer statt Braut … nur eben als Mann.«

»So was in der Art«, entgegne ich. »Es kommt mir vor, als hätte ich meine Chance gehabt. Ich war ja verheiratet, aber es hat nicht funktioniert. Wir wollten nicht das Gleiche vom Leben, darum hat sie mich verlassen. Und die anderen machen es besser, gründen Familien, während sich bei mir alles nur um die Arbeit dreht. Ich weiß nicht, was mir das noch bringen soll außer vielleicht ein Alkoholproblem.« Ich winke Finn zu und bestelle noch einen Bourbon.

»Nur weil deine erste Ehe gescheitert ist, heißt das doch noch lange nicht, dass du den Rest deines Lebens alleine bleibst«, meint Clover sanft.

»Das sagt sich so leicht. Du weißt nicht, wie das ist.«

»Wie was ist?«

»Derjenige zu sein, der kein Mädchen abbekommen hat.«

Clover drückt mitfühlend meine Hand.

Eigentlich bin ich derjenige, der kein Mädchen abbekommen wollte. Zumindest in den letzten Jahren. Es ist nicht so, als hätte ich keine Gelegenheiten gehabt. Ich bin seit Jahren geschieden, und ich war auch zwischenzeitlich mit Frauen aus, aber diese Beziehungen sind alle im Sande verlaufen, sodass ich es irgendwann aufgegeben habe.

»Oh, Gabriel«, sagt Clover. »Ich fühle, dass das Schicksal etwas für dich bereithält. Ich bin ganz sicher. Du bist einer der tollsten Menschen, die ich kenne.«

»Gib seinem Ego nicht zu viel Auftrieb.« Finn stellt den Bourbon vor mich hin.

Dann geht die Tür auf, und mein Freund Lucas tritt herein. Als er uns sieht, tippt er sich zum Gruß an einen imaginären Hut und kommt herüber.

»Hey, ihr Penner«, grüßt er. »Und hallo, Clover.«

»Du kannst meinen Stuhl haben, Lucas. Ich muss nach Hause.« Clover steht auf und tätschelt meinen Arm. »Bis dann.«

Lucas setzt sich, und Finn kommt mit zwei Bieren zurück an den Tisch. Er reicht das eine an Lucas weiter und nimmt dann auf einem freien Stuhl Platz.

»Schon Feierabend?«, fragt er.

Finn zuckt die Achseln. »Ist ja nichts los. Ich glaube nicht, dass noch Gäste kommen.«

»Klingt gut.« Ich nippe an meinem frischen Bourbon.

»Geht es nur mir so, oder findest du das Mädels-Wochenende auch scheiße?«, erkundigt sich Lucas.

»Was für ein Mädels-Wochenende?«, frage ich.

»Juliet und Becca sind mit einer Freundin weggefahren und kommen erst morgen zurück«, erklärt Finn.

»Und warum ist das scheiße?«, möchte ich wissen.

»Weil ich meine Kleine vermisse«, entgegnet Lucas achselzuckend.

Das klingt wahrscheinlich egoistisch, aber das Leben war einfacher, als Finn und Lucas noch Singles waren. Damals waren wir noch »Brüder«, alle drei auf demselben Stand. Wir wollten alle keine feste Beziehung mehr. Finn hatte nichts gegen Affären einzuwenden, wollte aber auf gar keinen Fall heiraten, und das fand ich clever. Dann hat er Juliet kennengelernt, und innerhalb weniger Monate hat sich das Blatt gewendet. Bei Lucas war es ähnlich. Ihm ging es nur um Gelegenheitssex, bis er Becca kennengelernt hat. Ich muss allerdings zugeben, dass Becca eine Süße ist und ich Lucas verstehen kann. Ich war dann auch kein bisschen überrascht, als er mir vgor ein paar Wochen eröffnet hat, dass er einen Ring gekauft hat. Als sie dann letztes Wochenende vom Surfen zurückkamen, steckte der Ring an ihrem Finger. Die beiden sind geradezu unanständig glücklich miteinander – ebenso wie Finn und Juliet.

»Er ist wieder mies drauf«, bemerkt Lucas und zeigt mit dem Daumen auf mich.

»Halt die Klappe«, sage ich schroff. »Ich bin nicht schlecht gelaunt. Warum behaupten das alle?«

»Der Arme ist akut untervögelt«, erwidert Lucas. »Und er hat insgesamt zu wenig Spaß. Was haltet ihr von einem vorgezogenen Junggesellenabschied? Wir lassen uns volllaufen, gehen in einen Stripschuppen.«

»Wie ich schon meinte: keine Stripperinnen.« Finn schüttelt den Kopf.

»Ich darf wirklich keine Stripperinnen für deinen Junggesellenabschied buchen?«, fragt Lucas.

»Nur wenn du willst, dass ich Stripperinnen für deinen Junggesellenabschied buche«, entgegnet Finn.

»Scheiße, nein«, sagt Lucas. »Becca wäre stinksauer.«

Finn starrt ihn mit offenem Mund an, das Bier auf halber Strecke zum Mund.

»Dir ist schon bewusst, wie hinterhältig du bist, oder?«, will ich wissen.

»Klar, na und?«

»Warum soll er auf seinem Junggesellenabschied Stripperinnen haben und du nicht? Ist doch dasselbe, oder?«, frage ich, winke aber sofort ab. »Egal. Spielt keine Rolle. Ich brauche keine Stripperin. Und ich muss mich auch nicht mit euch zwei Vollhonks besaufen.«

»Aber irgendwas fehlt dir«, stellt Lucas fest.

Ich nippe wieder an meinem Drink. Er hat recht. Mir fehlt etwas. Ich brauche etwas, das mir wichtig ist. Ich weiß allerdings nicht, was das sein sollte.

Kapitel 3 Gabe

»Was machst du hier?«

Ich seufze tief, als ich die Stimme höre. Linda, meine Geschäftsführerin, steht in der Tür zu meinem Büro. Ich blicke vom Schreibtisch auf. »Ich wollte nur ein paar Dinge nachsehen.«

»Heute ist dein freier Tag.« Ihr kurzes dunkles Haar ist von Grau durchzogen. Sie hat die Hände auf die Hüften gestützt und mustert mich mit hochgezogenen Brauen. »Du hast gesagt, ich soll dich rauswerfen, wenn du an deinen freien Tagen hier aufschlägst.«

»Wenn ich nicht irre, stammt diese Anweisung nicht von mir, sondern von Clover und meiner Schwester.« Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Computerbildschirm.

»Stimmt«, gibt sie zu. »Aber sie haben recht, weißt du.«

»Vermutlich.«

»Wo du schon mal da bist …« Sie tritt herein und setzt sich auf einen der Besucherstühle vor dem Schreibtisch. »Das Team von Simple Pleasures kommt in ein paar Wochen. Ich hoffe, du hast das auf dem Radar. Nicht dass du aus allen Wolken fällst, wenn sie hier aufkreuzen.«

Ich kneife mir in den Nasenrücken. Simple Pleasures ist ein Lifestyle-Magazin mit Print- und Online-Ausgabe. Sie haben vor einiger Zeit einen kurzen Beitrag über mich geschrieben und möchten jetzt eine etwas umfangreichere Story bringen. »Warum genau ist das noch mal eine gute Idee?«

»Gabe, diese Werbung für das Restaurant ist unbezahlbar«, sagt sie. »Weißt du noch, was nach dem ersten Bericht los war? Und das war nur ein kurzes Feature. Diesmal soll es ein richtig umfangreicher Artikel werden. Das könnte in einem Ansturm auf das Ocean Mark gipfeln. Wir könnten unseren Umsatz verdoppeln.«

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Stress nach der letzten Publikation. Und ich weiß noch sehr gut, wie es war, ständig unter Beobachtung zu stehen, mit Fragen bombardiert, bedrängt und fotografiert zu werden. Ich habe es gehasst. Ich habe unzählige unangenehme Fragen zu meinem Privatleben abblocken müssen.

Trotzdem hat Linda natürlich recht – das Restaurant wird davon profitieren. Das heißt allerdings nicht, dass es mir gefallen muss.

»Gut«, sage ich. »Ich werde kooperieren. Aber ich beantworte keine Fragen zu meinem Beziehungsstatus.«