Falkenberg - Regine Seemann - E-Book

Falkenberg E-Book

Regine Seemann

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Beschreibung

Bei einem Schulausflug zum Hamburger Falkenberg finden Kinder die grausam zugerichtete Leiche eines alten Mannes. Eine Wunde des Toten deutet auf einen rechtsradikalen Hintergrund hin. Doch die Kommissarinnen Stella Brandes und Banu Kurtoglu haben ihre Zweifel. Denn immer wieder stoßen sie auf die Legenden um Klaus Störtebeker, der am Falkenberg seinen Schatz vergraben haben soll. Oder liefert das traurige Schicksal eines jungen Mädchens in einer vergangenen Zeit den entscheidenden Hinweis, der zum Täter führt?

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Regine Seemann

Falkenberg

Kriminalroman

Zum Buch

Ahnenerbe Regen und zwölf Grad – ein typischer Hamburger Sommertag. Eigentlich hatten die Kommissarinnen Stella Brandes und Banu Kurtoglu gehofft, in der Abwesenheit ihres Chefs, den Berg an Papierkram abarbeiten zu können. Doch dann wird im südwestlichsten Stadtteil Hamburgs, am Falkenberg, eine Leiche gefunden. Schnell ist die Identität des Toten geklärt. Es handelt sich um den 87-jährigen Psychiater Dr. Henning Manteuffel, einen unbescholtenen Bürger und Gentleman alter Schule. Das auf dem Rücken des Toten eingeritzte Hakenkreuz könnte ein Hinweis auf ein politisch motiviertes Verbrechen sein. Als ein Verdächtiger verschwindet und sich eine Zeugin meldet, scheint die Lösung des Falls zum Greifen nah. Doch Stella und Banu haben nicht mit den menschlichen Abgründen gerechnet, mit denen sie konfrontiert werden. Als sie begreifen, welche Rolle die geheimnisvolle Josefine spielt, entdecken sie die schreckliche Wahrheit, die sie in das grauenvollste Kapitel der deutschen Geschichte führt.

Regine Seemann, geb. 1968 in Hamburg, wohnt seit ihrer Kindheit am Rande der Fischbeker Heide und hat die Legenden von Klaus Störtebeker förmlich aufgesogen. Auch sie ist als Kind losgezogen, um mit einer Plastikschaufel bewaffnet nach dessen Schatz auf dem Falkenberg zu suchen. „Falkenberg“ ist ihr Debüt im Gmeiner-Verlag.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2019

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © manun/photocase.de

ISBN 978-3-8392-5610-7

Widmung

Für meine Eltern, die mir alles ermöglicht haben.

Die Sage vom Störtebeker

»Eine Stunde von Harburg nach Buxtehude zu liegt bei Neugraben ein Sandhügel, der Falkenberg genannt und jetzt mit Tannen bepflanzt, wo er (Störtebeker) eine Burg gehabt und von da aus die Elbe mit Ketten gesperrt haben soll.«

Friedrich Köster: Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden (1856)

Prolog

Mai 2010 

Das kleine Wohnzimmer war aufgeräumt wie immer. Auf dem Sofa lagen Zierkissen und eine akkurat zusammengelegte Decke aus schwarzem Nerzfellimitat. Da er schon seit einiger Zeit spürte, dass seine Blase anfing zu drücken, entschloss er sich, vor dem Gespräch zur Toilette zu gehen. Es würde heute eine ziemlich lange Sitzung werden und er würde es unhöflich finden, mittendrin aufzustehen und das Gespräch zu unterbrechen, weil er mal musste.

Nachdem er sich erleichtert hatte, ging er zum Wasch­becken und drehte den Wasserhahn auf. Als er nach der Seife griff, rutschte etwas Glänzendes klackernd ins Waschbecken. Glücklicherweise war der Deckel auf dem Abfluss, sonst wäre der Ring weg gewesen. Er fischte ihn aus dem Waschbecken und nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann hielt er den Ring gegen das Licht der Badezimmerleuchte und betrachtete ihn genau. Das Schmuckstück bestand aus einer runden Platte mit Gravur, die auf einem dicken silbernen Reif saß. Die Gravur zeigte eine hohe verzierte Säule, die in den Himmel ragte. Nein, er korrigierte sich, es sah so aus, als ob sie den Himmel hielt. Als er den Ring hin- und herdrehte, erkannte er auf der Rückseite der Platte eine Inschrift: »Brandau, 17.03.1943«.

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dieser Ring, den er noch nie an der Hand von Herrn Manteuffel gesehen hatte, bedeutsam war. Der Ring erinnerte ihn auch an irgendetwas. Er zog sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke und fotografierte das Schmuckstück von allen Seiten.

Dann legte er ihn wieder hinter die Seife, verließ das Badezimmer und ließ sich auf dem Sofa nieder. Zu Hause würde er noch mal seine Aufzeichnungen durchgehen. Vielleicht würde ihm dann einfallen, ob er die Abbildung auf dem Ring schon einmal gesehen hatte.

Es war kaum eine weitere Minute vergangen, da hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte.

Erstes Kapitel, Juni 2010

Iris Behnke trat hinter einen Baum, um sich eine Zigarette anzuzünden. Gierig zog sie am Filter, und als das Nikotin ihre Blutbahn erreichte, merkte sie, dass sie ruhiger wurde. Es wurde auch langsam Zeit für eine kurze Massage ihrer Nerven.

Iris hasste Klassenausflüge. Bei 25 Drittklässlern musste man die Augen überall haben. Es ging heute Morgen an der Bushaltestelle in Marmstorf bereits damit los, dass Marvin einen Streit vom Zaun brach, weil Timo ihm eine angeblich gewonnene Yu-Gi-Oh!-Karte nicht geben wollte. Iris konnte nur mit Mühe verhindern, dass Marvin Timos Schulranzen in den Matsch schmiss. Ihr Teampartner, Daniel Bender, hielt sich hingegen scheinbar unbeteiligt die Wanderkarte »Harburger Berge« vor die Nase.

Iris runzelte genervt die Stirn. Dabei war es seine Idee gewesen, mit den Kindern nach Störtebekers Schatz zu suchen. Er war ein großer Fan von »außerschulischen Lernorten«, wie er es so gern formulierte. Sobald sich im Sachunterricht auch nur die kleinste Möglichkeit ergab, den Klassenraum zu verlassen und »Forscheraufträge« an die Kinder zu vergeben, war Daniel Feuer und Flamme. Bei der ersten ihrer Vorbereitungssitzungen zum Thema »Hamburg« hatte er selig grinsend ein eselsohriges Buch mit dem Titel »Sagen aus Harburg und Umgebung« aus seiner Tasche gezogen und aus dem Kapitel über den berühmten Seeräuber Klaus Störtebeker vorgelesen.

»Wusstest du, dass Störtebeker hier ganz in der Nähe auf dem Falkenberg gehaust haben soll? Es soll sogar eine Burg auf dem Gipfel gegeben haben, und er hat angeblich seinen Goldschatz dort vergraben. Und ich dachte immer, dass das Gold eingeschmolzen und die Spitze der Katharinenkirche daraus gemacht wurde.«

Um das Forscherinteresse bei den Kindern zu wecken und sie für das geschichtliche Thema zu begeistern, schlug er dann auch sofort vor, einen Ausflug zum Falkenberg zu machen, um nach dem Schatz zu suchen. Kleine Schaufeln und Hacken hatte er in seinem Rucksack mitgenommen.

Rückblickend auf ihre nun mehr drei Jahre als Klassenteam war klar erkennbar, dass Daniel und sie nicht immer eine pädagogische Linie hatten. Er war für alles zu haben, was nach offenem und freiem Lernen roch. Iris selbst hatte in ihrer Grundschulzeit die Frühblüher ausschließlich auf der Wandtafel betrachtet und das Gedicht »Die Tulpe« von Guggenmos abgeschrieben und auswendig gelernt. Und obwohl sie es nicht getanzt oder pantomimisch dargestellt hatte, konnte sie es nach so vielen Jahren immer noch fehlerfrei aufsagen.

Iris trat von einem Bein aufs andere, denn ihr wurde langsam kalt. Ihre Leinensneaker waren von dem beständig vom Himmel fallenden Regen bereits durchgeweicht und die neu gekaufte Outdoorjacke hielt nicht gerade das, was sie versprach.

»Das ist also mal wieder der Hamburger Sommer: zwölf Grad und Regen«, murmelte Iris. Sie schnippte die Zigarette in das Dickicht und trat aus dem Wald auf die Heidefläche hinaus. Die Kinder hatten sich in dem weiten Areal verteilt. Es würde ein Spaß werden, sie heute gegen Mittag alle wieder einzusammeln. Die Kinder schienen jedoch Freude an dem Ausflug zu haben, sie sahen erstaunlich friedlich aus, wie sie mit den kleinen Gartengeräten in der Erde buddelten. War das, was sie hier taten, überhaupt mit dem Naturschutz vereinbar? War dies hier überhaupt Naturschutzgebiet? Iris wusste es nicht.

»Frau Behnke, ich muss mal Pipi. Wo sind hier die Klos?« Tatjana zog Iris am Ärmel. Sie hüpfte von einem Bein aufs andere. Es schien also dringend zu sein.

»Hier gibt es keine Toiletten. Du musst hinter einen Baum gehen«, erwiderte sie.

Tatjana rollte mit den Augen. »Passen Sie dann auf, dass keiner guckt?«

Iris nickte ihr zu und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das kleine Waldstück, in dem sie gerade ihre Zigarettenpause gemacht hatte. Nach einem kurzen Zögern verschwand Tatjana hinter den dichten Tannen.

Gerade als Iris sich zu fragen begann, warum Tatjana beim Pipimachen so lange brauchte, durchschnitt ein gellender Schrei die Stille auf der weiten Ebene. »Frau Behnke, Herr Bender! Hilfe! Hier liegt ein Mann.«

Noch bevor Iris sich in Bewegung setzen konnte, war Daniel schon an ihr vorbeigesprintet. Es hatte doch Vorteile, wenn man mit einem Sportlehrer zusammenarbeitete. So war sie nicht die Erste, die wahrscheinlich auf einen völlig besoffenen Penner treffen würde. Er hätte sich allerdings einen gemütlicheren Ort aussuchen können als die Heide bei Regen.

Als Iris zwischen die Bäume trat, nahm sie Daniel wahr, der mit dem Rücken zu ihr stand. Er starrte auf etwas, das am Boden lag. Tatjanas Hose hing ihr bis auf die Knöchel herab und ein hellgelbes Rinnsal Urin lief die Innenseite ihrer Schenkel entlang.

Offensichtlich hatte Daniel in diesem Moment die Sprache wiedergefunden. »Iris, hol dein Handy raus und ruf die Polizei an. Der Mann hier ist tot.«

Mit zitternden Händen zog Iris ihr Telefon aus der Innentasche ihrer Jacke. Wie war das noch? Eins, Eins, Osterei, dann meldet sich die Polizei. Auch diese Weisheit hatte Iris in ihrer Grundschulzeit gelernt.

Es war acht Uhr morgens und der Verkehr auf der Otto-Wels-Straße kam mal wieder fast zum Erliegen. Stella Brandes freute sich schon darauf, wenn in Hamburg die Sommerferien anbrachen und sie einige Wochen zur Arbeit fahren konnte, ohne mindestens eine halbe Stunde der Fahrtzeit im Stau zu stehen. Sie kurbelte das Fenster herunter und drehte die Musik von Coldplay etwas leiser. Gerade als sie wieder anfuhr, sprang die Ampel auf Rot. Ihr Vordermann, der seit der Autobahnabfahrt die ganze Zeit im Schneckentempo vor ihr hergeschlichen war, kam gerade noch bei Dunkelgelb über die Kreuzung.

»Danke, Blödmann!«, schimpfte Stella und konnte sich nur mit Mühe verkneifen, den gestreckten Mittelfinger zu zeigen. Eine Anzeige wegen Beleidigung würde die Vorgesetzten der Kommissarin in der Hamburger Mordkommission nicht fröhlich stimmen.

Kurz vor ihrer Arbeitsstelle bog sie in eine kleine Seitenstraße ein, da die Chancen, um diese Zeit auf dem Gelände des Polizeipräsidiums einen Parkplatz zu bekommen, ungefähr genauso wahrscheinlich waren wie ein Sechser im Lotto. Als sie ihr Auto in die Parklücke auf dem Seitenstreifen manövrierte, sah sie Banus blauen Citroën. Anscheinend hatte sie heute mehr Glück auf der Straße gehabt als sie, oder sie hatte, gewissenhaft wie immer, heute deutlich früher das Haus verlassen.

Auf ihrem Schreibtisch stand bereits eine Tasse Kaffee, der nur noch lauwarm war.

»Ich hatte dir extra schon einen hingestellt. Du hast ja gestern gesagt, dass du heute ganz früh hier sein wolltest.« Banu betonte das Wort »ganz«, grinste Stella an und fügte hinzu: »Ja, ja, der frühe Vogel …«

»Kann mich mal!«, ergänzte Stella. Sie hatte so viel abzuarbeiten, dass sie tatsächlich vorgehabt hatte, kurz nach dem Morgengrauen anzufangen. Aber als der Wecker zum ersten Mal um 5.30 Uhr geklingelt hatte, hatte sie sich schlaftrunken an ihren Kater gekuschelt und spontan entschieden, doch lieber länger im Büro zu bleiben, als früh aufzustehen.

Stella nahm den lauwarmen Kaffee und kippte ihn demonstrativ ins Waschbecken. Dann ging sie zur Kaffeemaschine und goss sich neuen ein.

»Soll ich dir auch noch einen mitbringen?«, fragte sie ihre Kollegin.

»Nein danke. Ich habe von dem Gebräu bereits Magenschmerzen«, gab Banu zurück.

Stella beäugte die schwarze Brühe in ihrer Tasse. Seit sie in der Mordbereitschaft 5 mitarbeitete, gehörte es zum morgendlichen Ritual ihrer Kollegen, sich über den Kaffee zu beschweren. Meist endete es mit dem Satz, dass einer sagte: »Wenn ich heute dazu komme, bestelle ich bei Amazon eine neue Maschine. So teuer sind die ja nicht mehr.«

Aber da anscheinend niemand dazu kam, blieb es bei dem alten Gerät und dem quasi ungenießbaren Gebräu.

Um 10 Uhr war Stella damit fertig, einen Vermerk im Mordfall »Elbtote« zu schreiben und die Zeugenaussagen nochmals durchzugehen. Sie war gerade dabei, ihre Brotdose aus ihrem Rucksack zu holen, als das Telefon klingelte. Banu nahm ab, sprach kurz in den Apparat und wandte sich dann an ihre Kollegin.

»Ein Toter in Neugraben. Jede Menge Einstiche in Brust und Bauch. Also einer für uns. Offensichtlich wurde er von einer Schulklasse gefunden.«

»Na denn mal los. Ich fahre«, sagte Stella und schnappte sich ihre Regenjacke. Eine Horde von aufgeregten Kindern zu befragen, war schon stressig genug. Da musste sie es sich nicht vorher noch antun, Beifahrerin bei Banu Kurtoğlu zu sein, die immer langsamer fuhr als vorgeschrieben. Selbst mit Blaulicht!

»Und der Chef ist auch noch im Urlaub«, seufzte Banu.

Stella sah Banu tief in die Augen. »Tja, meine Liebe, dann bist du also heute unser Häuptling!«

Banu rollte mit den Augen. Sie war die Dienstälteste der Mordbereitschaft 5 und die Stellvertreterin von Kriminalhauptkommissar Thorsten Fock.

»Ich rufe schnell bei Gunnar und Armin an. Sie sollen die ›Elbtote‹ ruhen lassen und so schnell wie möglich zu unserem Toten am …«, sie guckte auf ihren Zettel, »Falkenberg kommen.«

Stella war es auch lieber, wenn ihr Team zu viert die Ermittlungen aufnahm. Acht Augen sahen mehr als vier, und der Chef würde sicherlich stinksauer sein, wenn sie etwas übersahen. Die Weisheit, dass die ersten 48 Stunden nach dem Leichenfund maßgeblich waren, um den Täter zu finden, hatte sich schon so oft bewahrheitet. Da die »Elbtote« bereits vor mehr als zwei Wochen bei Blankenese an den Strand gespült und bisher noch nicht mal identifiziert worden war, wurde ihre Spur langsam kalt.

Stella parkte ihr Auto auf dem Parkplatz am Scharpenbargsweg. Dort standen bereits mehrere Einsatzwagen. Auf einem schmalen Wanderweg gelangten sie über eine weite Heidefläche an den Fuß des Falkenbergs, eines bewaldeten kegelförmigen Hügels. Stella kannte die Umgebung vom Joggen. Die Laufstrecke durch die Harburger Berge war für sie eine der schönsten und anspruchsvollsten Hamburgs. Um die Alster laufen konnte jeder, aber die vielen Steigungen und unbefestigten Wege verlangten einem Läufer einiges ab.

Schon von Weitem sahen sie das rot-weiße Absperrband und eine Menge an Leuten, die sich am Fuß des Falkenbergs verteilt hatte. Um die Kinder kümmerte sich bereits ein Interventionsteam aus psychologisch geschulten Kräften. Einige Kinder weinten, andere standen in Kleingruppen zusammen und unterhielten sich mit den Betreuern.

Stella und Banu traten an einen jungen uniformierten Kollegen heran. »Stella Brandes und Banu Kurtoğlu, Mordbereitschaft 5.«

»Guten Morgen. Andreas Höffner. Dienststelle Neugraben. Bin ich froh, dass ihr da seid. Ist ziemlich viel los hier«, sagte der junge Polizist. »Ihre Kollegen sind schon da.«

Stella und Banu zogen ihre Plastikoveralls und Einweghandschuhe über und kletterten unter dem Absperrband hindurch, um die Leiche in Augenschein zu nehmen.

»Ah, die Ladys von der Mordkommission. Ich würde euch ja gern gebührend begrüßen, aber ich habe gerade das Rektalthermometer in der Hand.« Dr. Thies Seligmann von der Rechtsmedizin zuckte die Achseln und winkte mit dem länglichen Gegenstand, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Trotz des Blaulichts waren Banu und Stella nur langsam zum Tatort durchgekommen. Dr. Seligmann hatte anscheinend mehr Glück gehabt.

»Ich glaube, damit kann ich leben«, sagte Banu. »Was hast du denn für uns?«

»Männlich, zwischen 80 und 95 Jahren alt. Körpertemperatur ist bei 25 Grad. Leichenstarre setzt gerade ein. Totenflecken lassen sich wegdrücken. Der Mann ist in Rückenlage gestorben und wurde seitdem nicht mehr bewegt. Die Totenflecken reichen von der hinteren Rumpfwand bis zu den Achseln. Ich würde sagen, er ist mindestens zwölf Stunden tot, aber auch nicht viel länger. Todesursache kann ich noch nicht genau sagen. Dafür muss ich ihn erst aufmachen. Er ist bestimmt keines natürlichen Todes gestorben. Schwache Verätzungen um den Mund herum könnten von Chloroform stammen. Aber seht selbst.«

Dr. Seligmann trat beiseite und gab den Blick auf den Toten frei, der ausgestreckt auf dem Rücken im nassen Laub lag. Es war ein alter Mann. Seine Augen standen offen und sein Mund war weit aufgerissen. Um Ober- und Unterlippe herum waren punktförmige rote Pusteln zu sehen. Auffällig an dem ansonsten dem Alter der Leiche entsprechenden Gesicht war eine lange Narbe, die vom linken Auge über die Wange bis zum Mundwinkel verlief. Banu zeigte darauf. »Damit dürfte es nicht allzu schwer sein, ihn zu identifizieren.«

Eine kleine Spinne krabbelte, wahrscheinlich alarmiert durch den Lärm um sie herum, aus seinen weißen Haaren. Der Mann war in einem guten Ernährungszustand. Und er war nackt.

Banu kniete sich neben den Toten und zeigte auf die hohe Anzahl an Einstichen, mit denen sein Bauch und seine Brust übersät waren. Und die noch immer gefesselten Hand- und Fußgelenke.

»Das hast du gemeint, Thies, oder? Das sind so viele Stiche, dass man einige Zeit braucht, um sie zu zählen.«

Thies Seligmann erwiderte: »Um genau zu sein, es sind exakt 147. Ausgeführt mit einem Gegenstand mit sehr schmaler, spitzer Klinge.«

»Waren die Kollegen von der Spurensicherung schon da?«, fragte Stella.

»Ja, sie waren ganz standesgemäß als Erste am Tatort und haben schon alle wild gemacht. Die Kleidung, die neben dem Toten im Regen lag, haben sie eingesackt und weggebracht. Wir sollen Bescheid sagen, wenn wir das Opfer umdrehen, damit sie gucken können, ob unter ihm noch irgendwelche Spuren sind«, sagte Seligmann.

»Fundort!«, verbesserte Stella. »Ob dies auch der Tatort ist, wissen wir noch nicht.«

»Super! Dann können wir ihn ja umdrehen. Ich hole mal eben einen von den Kollegen.« Banu stapfte durch das nasse Laub davon und kam kurze Zeit später mit einem jungen Beamten von der Spurensicherung zurück, den Stella nicht kannte.

Zu dritt bewegten sie den Leichnam und legten ihn auf den Bauch. Banu pulte einige Blätter von der Haut der Leiche. Der Rücken des Toten war von flächigen Leichen­flecken bedeckt, deshalb fiel das eingeritzte ungefähr 20 mal 20 Zentimeter große Hakenkreuz nicht so ins Auge, wie es das auf einer Körperfläche mit einem natürlichen Hautton getan hätte. Aber es war auffällig genug.

Thies Seligmann pfiff durch die Zähne. »Da hat ihm aber einer ein hübsches Tattoo verpasst.«

Der Kollege von der Spurensicherung begutachtete die Fläche, auf der der Tote gelegen hatte, ging in die Knie und kämmte den Boden mit den behandschuhten Fingern durch. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich kann hier nichts ent­decken, was uns weiterhelfen könnte. Natürlich werden wir die Kleidung auf Auffälligkeiten prüfen.«

»Ich werde gleich bei der Staatsanwaltschaft eine Obduktion beantragen«, sagte Banu. »Je eher, desto besser.«

Thies Seligmann nickte. »Gut, dann kann der Tote ja abtransportiert werden. Ich kann jetzt hier auch nichts weiter machen. Ciao, Mädels.« Er drehte sich von Banu und Stella weg und fing an, seine Instrumente einzupacken. Der Leichnam würde gleich auf eine Bahre gelegt und zum Leichenwagen getragen werden.

Die beiden Kommissarinnen winkten Dr. Seligmann zu und hielten Ausschau nach ihren beiden Kollegen von der Mordbereitschaft 5.

Stella sah Gunnar mit einer völlig durchnässten Frau mittleren Alters sprechen, deren Zigarette bis auf den Filter heruntergebrannt war. Als die Frau dies bemerkte, trat sie die Zigarette hektisch auf dem Waldboden aus und zündete sich eine neue an. Stella mutmaßte, dass es sich hier um die Lehrerin der Klasse handeln könnte. Die Kinder standen in Grüppchen auf der Heidefläche verstreut, zwar jedes für sich, aber dennoch nicht weit voneinander entfernt.

»Wie eine Herde Heidschnucken«, bemerkte jemand hinter Stella. Sie drehte sich um und sah in Armins Gesicht.

»Gunnar ist gerade dabei, Frau Behnke, die Lehrerin, zu befragen. Ich habe bereits mit dem Klassenlehrer gesprochen.« Er nickte in die Richtung eines Mannes, der versuchte, die Kinderherde zusammenzuhalten. »Offensichtlich wollten die Kinder hier nach einem Schatz suchen.«

»Was für eine bescheuerte Idee«, sagte Banu, die hinzugetreten war. »Ich dachte immer, in der Schule sollen die Kinder was lernen. Was lernt man denn dabei, wenn man bei strömendem Regen die Heidelandschaft umgräbt? Die Klasse gehört doch bestimmt zu dieser freien Schule hier in der Nähe.«

Stella zuckte die Achseln. Sie wusste, dass ihre sonst so tolerante Kollegin eher konservativ eingestellt war, was die Gestaltung von Unterricht betraf. Ihre beiden Kinder gingen auf eine Schule mit bilingualem Zweig – Türkisch und Deutsch –, die eher für traditionellen Unterricht bekannt war.

»Nein«, antwortete Armin Leitmeyr und warf einen Blick auf seinen Notizblock, »sie gehen auf eine ganz normale Grundschule in Harburg.«

»Wer hat denn die Leiche gefunden?«, fragte Banu und klemmte sich eine durchnässte Haarsträhne hinters Ohr.

»Eines der Mädchen. Sie musste mal pinkeln und ist dann quasi über den Toten gestolpert«, antwortete Armin.

»Wie ich euch kenne, habt ihr sie zuerst befragt?«

»Alles erledigt, Banu, sie hat weiter nichts gesehen und war natürlich völlig aufgelöst. Eine Psychologin kümmert sich um sie. Heute Nacht träumt sie bestimmt schlecht.«

Banu überlegte kurz. Dann zog sie ihr Telefon unter ihrem Plastikoverall hervor und führte ein kurzes Gespräch. »Ich habe eben einen HVV-Bus angefordert, der die Kinder gleich hier abholt und nach Hause bringt. Es bringt ja nichts, wenn sie hier noch länger rumstehen. Das Interventionsteam soll mitfahren und für Fragen der Eltern zur Verfügung stehen.«

Armin nickte. »Ich hoffe, die Schulleitung hat schon die Eltern informiert. Ich würde mich etwas wundern, wenn Lasse nach Hause käme und sagen würde, dass sie heute beim Ausflug einen Toten gefunden haben.«

Stella sah, dass Gunnar Müller sich von der Lehrerin verabschiedete, und winkte ihn zu sich.

Gunnar war erst ein gutes halbes Jahr bei der Mordbereitschaft 5. Sie konnte gut mit ihm arbeiten, denn seine lockere, offene Art half manchmal, die Arbeit, die sie taten, etwas erträglicher zu machen.

»Frau Behnke hat nichts gesehen und nichts gehört«, meldete Gunnar. »Und überhaupt fand sie die Idee, hier nach einem Schatz zu suchen, von vornherein bescheuert.«

»Sag ich doch!«, sagte Banu. Dann informierte sie Armin und Gunnar kurz über die Verletzungen des Toten und fügte hinzu: »Nachdem wir die Zeugen alle vernommen haben, können die Lehrer mit den Kindern zurückfahren. Sie haben ja unsere Nummer, falls ihnen noch etwas einfallen sollte, oder?« Armin und Gunnar nickten. »Na gut, Gunnar und Stella erkundigen sich bei der örtlichen Polizeidienststelle danach, ob hier jemand vermisst wird, auf den die Beschreibung unseres Toten passen könnte. Dann treffen wir uns gleich im Präsidium.«

»Bevor wir hier irgendetwas tun, muss ich etwas essen. Ist hier nicht irgendwo ein McDonald’s?« Stella zeigte auf ihren knurrenden Magen.

»Google wird es uns sagen«, antwortete Gunnar ein wenig angeberisch und tippte etwas in sein brandneues iPhone ein. »Bingo, hier direkt an der B 73 hinter der Tankstelle gibt es einen.« Er sah seine Kollegin Beifall heischend an und tatsächlich erschien ein Lächeln auf Stellas Gesicht. »Dann muss ich doch noch nicht sterben. Hin da!«

Nachdem sie den ersten Bissen ihres Big Macs mit einem Schluck Cola light heruntergespült hatte, fühlte Stella sich deutlich besser. Da sie keine Zeit hatten, sich im Restaurant niederzulassen, verschlang sie ihren Burger auf dem Beifahrersitz und warf einen bedauernden Blick auf die noch in Papier eingepackte Apfeltasche. »Du bist später dran«, sagte Stella zu dem Gebäckstück und ließ es beim Aussteigen auf dem Autositz liegen. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, sich diese kleinen Sünden weitestgehend zu verkneifen, aber die Apfeltaschen von McDonald’s waren einfach zu köstlich.

Die Polizeidienststelle in Neugraben war ein Backsteinbau aus den 80er-Jahren. Der Beamte am Empfang hörte Gunnar und Stella aufmerksam zu und nickte dann.

»Das passt ja. Vor einer Viertelstunde war eine ältere Dame da, die ihren Verlobten als vermisst gemeldet hat.« Er tippte etwas in den Computer ein. »Dr. Henning Manteuffel, 87 Jahre alt, 1,68 Meter groß, 70 Kilogramm schwer. Wohnhaft in der Seniorenwohnanlage ›Residenz Waldfrieden‹ hier in Neugraben. Ich war gerade dabei, einen Suchtrupp zusammenzustellen. Es ist schon eine ziemlich ernst zu nehmende Sache, wenn ein so alter Mensch vermisst wird.«

»Seiner Verlobten?«, fragte Gunnar belustigt.

Stella boxte ihm grinsend in die Seite. »Warum sollte man nicht auch noch mit Mitte 80 sein Liebesglück finden?«

Mittlerweile hatte der Kollege das Foto des Vermissten ausgedruckt und hielt es Gunnar und Stella hin.

Stella nickte. »Das ist unser Toter. Dann machen wir uns wohl gleich mal auf zu Frau Agnes Ellrath, der Verlobten.« Das letzte Wort zog sie extra in die Länge.

»Schicken Sie bitte einen Krankenwagen zur Seniorenresidenz. Man weiß nie, wie alte Leute auf so eine Nachricht reagieren«, rief Gunnar beim Verlassen der Wache seinem Kollegen zu.

Die »Residenz Waldfrieden« lag am Ende einer Sackgasse, kaum 15 Minuten Fußweg vom Falkenberg entfernt, direkt am Waldrand. Sie bestand aus einem beeindruckenden Gebäudekomplex von vier Jugendstilvillen, die im Rechteck um einen großen Rasenplatz angeordnet waren.

Gunnar pfiff durch die Zähne. »Wow! Das hätte ich hier am südlichsten Zipfel Hamburgs nun nicht erwartet. Ich wette, Hartz-IV-Empfänger können es sich nicht leisten, hier alt zu werden.«

Sie parkten ihren Dienstwagen zwischen einem Porsche Cayenne und einem alten Golf. »Der gehört wahrscheinlich einer Altenpflegerin«, mutmaßte Stella.

Der Empfangsbereich der Seniorenresidenz war ganz in Creme und Elfenbeinfarben gehalten. Auf dem riesigen Empfangstresen stand ein Strauß mit orangenen und gelben Rosen in einer weißen Porzellanvase. Davor lag ein cremefarbener Teppich mit dem Logo der Einrichtung, einer stilisierten Villa umgeben von Tannen und dem Schriftzug »Residenz Waldfrieden – Willkommen im Herbst Ihres Lebens«.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte eine Dame in einem cremefarbenen Hosenanzug, an dem ein Namensschild befestigt war, das sie als »Frau Marschmann, Empfang« auswies. Sie hatte dunkelblondes lockiges Haar, das bereits von einigen grauen Strähnen durchzogen war. Frau Marschmann blickte Stella und Gunnar über den Rand einer Lesebrille hinweg fragend an.

»Müller und Brandes von der Kriminalpolizei.« Stella und Gunnar hielten der Empfangsdame ihre Ausweise hin. »Wir möchten zu Frau Ellrath.«

Frau Marschmann schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Oh Gott, kommen Sie wegen Herrn Manteuffel?«

Stella lächelte sie an und sagte dann freundlich, aber bestimmt. »Darüber möchten wir zunächst mit Frau Ellrath alleine sprechen.«

»Ja, sicher. Apartment 8, dritter Stock in der ›Villa Sonne‹.« Sie zeigte über den Rasen zu dem Haus, das ganz links stand. »Ich informiere Frau Ellrath, dass Sie kommen.« Frau Marschmann nahm das Telefon von der Station und tippte eine Nummer ein, während Stella und Gunnar bereits hinausgingen.

Die »Villa Sonne« hatte einen großen Wintergarten und vier Türmchen. Sie war passend zum Namen in einem satten Gelbton gestrichen. Neben der Tür waren insgesamt zehn Namensschilder mit Klingelknöpfen angebracht. Schnell fand Stella das Namensschild »Manteuffel und Ellrath« und klingelte. Keine zehn Sekunden danach öffnete sich die Tür mit einem Summen.

Der Eingangsbereich der »Villa Sonne« war deutlich kleiner als der im Haupthaus, aber nicht weniger elegant. Ein sehr ähnlicher Teppich wie der am Empfang lag auf dem gepflegten Dielenboden. Ein cremefarbener langer Läufer bildete eine Brücke zwischen der Lobby und einem großen Wintergarten.

Stella hatte bereits den Fahrstuhl erspäht, der relativ dezent in der Ecke des Raumes installiert worden war und dennoch nicht recht zum Ambiente des Altbaus passte.

»Ich nehme die Treppe. Ich möchte mir vor dem Urlaub noch eine Bikini-Figur zulegen.« Gunnar klopfte sich auf den Bauch.

»Zum Glück habe ich erst im Herbst wieder Urlaub. Bis dahin …«, grinste Stella und stieg in den Fahrstuhl.

An der Tür von Apartment 8 hing ein altmodischer Türklopfer aus Messing in Form eines Löwenkopfes. Doch bevor ihn die beiden Polizisten betätigen konnten, öffnete sich die Wohnungstür und eine ältere Dame trat in den Flur. Stella und Gunnar zeigten ihre Ausweise und wurden eingelassen. Die Frau stellte sich als Hedi Carstens vor. »Wir sind so in Angst um Henning. Haben Sie ihn gefunden? Ist er im Krankenhaus?«

»Könnten wir zunächst mit Frau Ellrath sprechen?« Stella legte Frau Carstens die Hand auf den Arm und merkte, wie diese zitterte.

Frau Carstens zeigte mit einer Handbewegung auf ein Biedermeiersofa, auf dem eine Frau saß, die man gemeinhin als »feine Dame« bezeichnen würde. Frau Ellrath trug ein Kostüm aus dunkelgrüner Wildseide über einer hellbeigen Bluse. An den Füßen hatte sie cognacfarbene Wildlederpumps, dazu passend hatte sie sich ein Seidentuch in demselben Farbton um die Schultern gelegt. In der rechten Hand hielt sie ein zusammengeknülltes weißes Spitzentaschentuch. Als Frau Ellrath sie anblickte, sah Stella, dass sie geweint hatte. »Bitte setzen Sie sich.« Sie zeigte auf zwei zierliche Sessel, die dem Sofa gegenüberstanden.

»Sie haben Ihren Verlobten, Herrn Henning Manteuffel, heute Morgen als vermisst gemeldet?«

Frau Ellrath nickte. »Er ist gestern Nacht nicht in unsere Wohnung gekommen. Ich hatte außergewöhnlich lange und tief geschlafen und deshalb erst heute Vormittag gemerkt, dass er nicht da war. Ich schlafe sonst nie so lange!« Sie schluckte hörbar.

»Es wurde heute Morgen ein Mann gefunden, auf den die Beschreibung, die Sie der Polizei gegeben haben, passt. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass dieser Mann tot ist.«

Bei diesen Worten fing Frau Ellrath leise an zu weinen, während Hedi Carstens ihr den Arm um die Schultern legte. Stumm drückte sie ihr ein sauberes Spitzentaschentuch in die Hand. Dann ging ein Ruck durch den Körper von Agnes Ellrath und sie setzte sich kerzengerade hin. »Aber ich vergesse meine Kinderstube. Hedi, biete doch den Herrschaften eine Erfrischung an.« Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass sie einmal Personal gehabt haben musste. Die Angesprochene setzte sich sofort in Bewegung Richtung Küche. Stella schien das Verhältnis zwischen den beiden nicht ganz symmetrisch zu sein.

»Nein danke. Wir möchten nichts«, beeilte Gunnar sich zu sagen. »Frau Ellrath, um feststellen zu können, ob der Mann, den wir gefunden haben, tatsächlich Ihr Verlobter ist, wäre es gut, wenn wir Fingerabdrücke von ihm hätten oder Haare oder Ähnliches. Hilfreich wäre es auch, wenn Sie uns seinen Zahnarzt nennen würden.«

»Dann sind Sie sich noch gar nicht sicher, dass es Henning ist?« Ein Funken Hoffnung huschte über das Gesicht von Frau Carstens.

»Wir sind uns leider sehr sicher, aber Gewissheit haben wir erst, wenn er identifiziert ist.«

Frau Ellrath nickte und tupfte sich die Augen mit dem Tüchlein. »Danke, dass Sie es mir ersparen wollen, ihn jetzt ansehen zu müssen. Ich habe ihn so geliebt. Wir wollten im September heiraten.« Sie streckte ihre linke Hand aus, an deren Ringfinger ein schmaler goldener Ring, der mit einem Stein verziert war, steckte.

Dann zeigte sie auf die Küchenzeile. »Aus diesem Weinglas hat er gestern Abend getrunken, bevor er die Wohnung verlassen hat. Da sind bestimmt viele Fingerabdrücke drauf. Im Badezimmer liegt auch noch seine Haarbürste. Hedi, zeig sie den Herrschaften bitte. Und sein Zahnarzt ist Dr. Wackendorf hier in Neugraben. Henning hatte so gute Zähne.« Nun war es doch um Frau Ellraths Beherrschung geschehen und sie brach in lautes Schluchzen aus.

Stella winkte Frau Carstens zu sich. »Vielleicht sollten Sie den Hausarzt von Frau Ellrath kommen lassen, damit er ihr ein Beruhigungsmittel gibt. Ansonsten steht draußen ein Krankenwagen. Sie könnte gleich medizinisch versorgt werden.«

Hedi Carstens wischte sich eine Träne von der Wange. »Ich rufe ihren Hausarzt an. Fremde Leute würden sie jetzt zu sehr aufregen. Es nimmt sie natürlich sehr mit. Die beiden waren so glücklich.«

Gunnar zog sich einen Einweghandschuh an und steckte sowohl das benutzte Weinglas als auch die Haarbürste in je einen Papierbeutel. »Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir die Ergebnisse haben. Wenn die Fingerabdrücke brauchbar sind, wird es nicht lange dauern.« Und zu Frau Carstens gewandt: »Wir gehen sehr stark davon aus, dass Herr Manteuffel der Tote ist. Wir werden morgen einen Wagen schicken, der Frau Ellrath aufs Präsidium bringt, damit sie eine Aussage machen kann. Vielleicht können Sie sie begleiten.«

Dann verabschiedeten sich Stella und Gunnar von den beiden Damen.

Banu und Armin hatten im Besprechungszimmer bereits ein Flipchart und ein Whiteboard aufgestellt, an denen Fotos der Leiche und des Fundortes mit Magneten befestigt waren.

»Also, was haben wir? Einen toten Mann Mitte 80, keines natürlichen Todes gestorben. Bauch und Brust des Toten weisen insgesamt 147 Wunden auf und ein Hakenkreuz ist auf dem Rücken eingeritzt«, fasste Banu zusammen. »Keine Papiere vorhanden, aber sicherlich bereits als vermisst gemeldet. Es lag ein Haufen Kleidung neben ihm, die wahrscheinlich ihm gehörte. Sie wird gerade untersucht. Wahrscheinlich werden sich DNA-Spuren daran finden. Wenn nicht, müssen wir sie Frau Ellrath zeigen. Zu 99 Prozent handelt es sich um Dr. Henning Manteuffel, 87 Jahre alt. Die Obduktion ist für morgen früh angesetzt. Ich werde hingehen.«

Stella war erleichtert. Obwohl sie schon einige Jahre bei der Mordkommission war, lief ihr noch immer ein Schauer über den Rücken, wenn sie das Institut für Rechtsmedizin betrat. Einer Obduktion beizuwohnen gehörte zu den Aufgaben, die sie an ihrem Job am wenigsten mochte.

»Übrigens habe ich auch die Kollegen vom Staatsschutz verständigt. Das Hakenkreuz könnte natürlich auf einen rechtsradikalen Hintergrund deuten. Theo meinte aber, dass die Nutzung dieses Symbols auch genauso gut ein Ablenkungsmanöver sein könnte. Falls wir bei unseren Ermittlungen auf weitere Hinweise dieser Art stoßen, sollen wir uns wieder melden«, seufzte Banu und zuckte die Achseln. »Wir sind also auf uns gestellt. Um ehrlich zu sein, habe ich auch versucht, den Chef anzurufen. Aber sein Handy war aus.«

»Nun gönne dem Chef doch mal seinen Urlaub. In zweieinhalb Wochen ist er ja wieder da«, sagte Armin.

Banu gab zurück: »Na ja, du musst ja auch nicht den Leitwolf machen. Falls wir hier irgendetwas vergeigen, bin ich verantwortlich.«

Insgeheim wusste Stella, dass Banu schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, zu zeigen, wie gut sie in der Lage war, die Mordermittlungen zu leiten. Sie gönnte der Kollegin eine Beförderung und dann demnächst vielleicht die dauerhafte Leitung einer Mordbereitschaft.

»Stella und Gunnar, ihr übernehmt morgen die beiden Zeuginnen, Frau Ellrath und Frau Carstens.« Banu hatte sich einen Stift genommen und schrieb die Arbeitsaufträge auf das Flipchart.

»Ich gehe als Erstes morgen in die Rechtsmedizin und du, Armin«, sie zeigte mit dem Edding auf ihren Kollegen, »setzt dich an den Rechner und machst Recherchearbeit. Versuche alles über die rechte Szene im Hamburger Süden herauszufinden. Dafür kannst du ja Theo vom Staatsschutz noch mal kontaktieren. Das Hakenkreuz ist entweder ein Hinweis oder eine bewusste Irreführung. Es könnte die Visitenkarte von aktiven Neonazis sein. Danach trägst du die Ergebnisse der Spurensicherung zusammen. Dann werden wir sicher noch mal zum Fundort fahren. Vielleicht haben wir heute Morgen etwas übersehen. Außerdem sollten wir uns in dem Seniorenheim umsehen.« Banu gähnte und sah auf die Uhr. »Ich finde, 19 Uhr ist eine gute Zeit, um für heute Feierabend zu machen.«

Als Stella ihre Dreizimmerwohnung in Harburg aufschloss, hörte sie schon lautes Miauen.

»Hallo, Dicker, ist das Futter schon wieder alle?« Ein großer schwarz-weiß gefleckter Kater rieb seinen Kopf an ihrem Bein und gab ein weiteres vorwurfsvolles Maunzen von sich.

»Oder hast du dich gelangweilt?«

Schuldbewusst dachte Stella daran, dass sie schon lange vorhatte, eine zweite Katze aus dem Tierheim zu holen, da ihr Kater sicher sehr einsam war, wenn sie den ganzen Tag arbeitete. Da sie im dritten Stock wohnte, gab es leider auch keine Möglichkeit für ihn, mit einem Spaziergang mal Abwechslung in seinen Alltag zu bringen.

Sie ging in die Hocke und kraulte ihren Mitbewohner zwischen den Ohren. Sie hatte den etwa dreijährigen Kater im letzten Herbst bei einem Mordopfer in einer Wohnung in Eppendorf gefunden und sich sofort in das zutrauliche Tier verliebt, das vier Tage lang mit der Leiche in einer Wohnung eingesperrt gewesen war. Von den Familienangehörigen wollte ihn keiner haben und so hatte sie ihn mit zu sich genommen. Da keine offene Schublade, kein Karton und kein Wäschekorb vor ihm sicher waren und er vor allem seinen Knistertunnel über alles liebte, hatte sie ihn »Caveman«, Höhlenmensch, genannt.

Stella nahm gerade eine Flasche Merlot aus dem Weinregal, als das Telefon klingelte. Bounty, ihre beste Freundin, rief an. Bountys eigentlicher Name lautete Sigourney, denn ihre Eltern waren Fans der gleichnamigen Schauspielerin. Da aber bereits ihre Erzieherinnen in der Grundschule Probleme hatten, diesen Namen auszusprechen, musste ein Spitzname her. Die Abkürzung »Siggy« fand sie doof. Aber Sigourney zeichnete sich nicht nur durch einen ungewöhnlichen Namen, sondern auch durch eine ungewöhnliche Leidenschaft aus. Sie war nämlich der einzige Mensch, den zumindest Stella kannte, der gerne Bounty-Schokoriegel aß. Wenn man Sigourney einlud, konnte man sicher sein, dass die »Mix-Mini-Riegel«-Tüten leer wurden und man nicht auf den Kokosriegeln sitzen blieb.

»Hi, Stella, ich wollte dich nur an das Date morgen Abend im ›La Dolce Vita‹ erinnern«, flötete sie, um gleich darauf bereits Sanktionen anzudrohen. »Wehe, du kommst nicht.«

»Na ja, Lust habe ich nicht gerade«, gab Stella zurück.

»Du kommst!« Bountys Befehlston duldete keine Widerrede. »Ich habe Viktor schon in den höchsten Tönen von dir vorgeschwärmt.«

»Super, dann hat er ja einen völlig falschen Eindruck von mir. Und wird dich bestimmt als Lügnerin beschimpfen, wenn er mich sieht.« Seit Stella sich vor knapp einem Jahr von ihrem Mann getrennt hatte, hatte sie fünf Kilo zugenommen, denen sie jetzt mit ihrem wiederaufgenommenen Lauftraining zu Leibe rückte.

»Ach was! Früher warst du ein Hungerhaken und flach wie ein Brett, weil Mirko dich immer auf Diät gesetzt hat. Jetzt kriegst du wenigstens wieder ein bisschen Busen. Also: Für 20 Uhr ist ein Tisch für vier Personen bestellt. Ich freue mich schon«, sagte Bounty.

»Ja, du mich auch!«, sprach Stella in den Hörer, aber Bounty hatte schon aufgelegt. Es war wie in einem schlechten Film oder wie bei »Harry und Sally«, was ja eigentlich ein guter Film war. Ständig versuchte Bounty, ihre Freundin zu verkuppeln, und hatte schon die abwegigsten Typen angeschleppt. Von »Bob, der Baumeister« bis »Spongebob« war alles dabei gewesen. Und nun war es also ein Viktor. Der Name allein klang ja schon verheißungsvoll … Es war auf gar keinen Fall so, dass Stella nach einer festen Beziehung suchte, aber ihr fehlte momentan auf jeden Fall der Sex. Und das wusste Bounty.

»Aber ich bin ja selber schuld, wenn ich das alles so mitmache, oder, Cavey?«, flüsterte sie ihrem pelzigen Mitbewohner zu. »Außerdem meint Bounty es gut.« Aber der Kater schaute sie nur mit seinen rätselhaften bernsteinfarbenen Augen an.

20. November 1932

Liebes Tagebuch,

heute Morgen ganz früh hat meine liebe Mutter mich geweckt und mir »Lebe wohl« gesagt. Sie hat geweint, als sie eine kleine Tasche für mich packte und mich dann an Tante Ella übergab. Meine Brüder konnte ich nicht mehr sehen, aber ich hatte mich gestern schon von ihnen verabschiedet. Meine Mutter hat mich auf die Wange geküsst und mir ein kleines Paket in die Hand gedrückt. In dem warst du, liebes Tagebuch.

Heute Nacht hatte es das erste Mal in diesem Winter geschneit und ich fror, obwohl ich die kratzige Strumpfhose anhatte.

Tante Ella zog mich hinter sich her zu der Straßenbahnhaltestelle. Als wir in die Bahn einstiegen, wurde ich traurig. Wir fuhren eine lange Zeit. Ich glaube, ich war noch nie so weit von unserem Zuhause weg gewesen. Einmal mussten wir umsteigen und fuhren mit der zweiten Bahn sogar noch länger!

Als wir beim Waisenhaus ankamen, war es noch nicht ganz hell. Das Waisenhaus ist groß und grau. Es hat viele Fenster, die auch bereits hell erleuchtet waren.

Nachdem Tante Ella geklingelt hatte, öffnete sich die Tür und eine sehr dicke Frau ließ uns herein. Sie begrüßte Tante Ella und mich freundlich und bat uns, an einem Tisch Platz zu nehmen. Dann holte sie ein beschriebenes Stück Papier und stellte mir einige Fragen. Wie ich heiße und wie alt ich bin. Ich nannte meinen Namen und sagte, dass ich im Juli 13 Jahre alt geworden bin. Die Frau schien mit meinen Antworten zufrieden zu sein. Dann sprach sie mit Tante Ella. Anscheinend wusste sie schon vieles über mich und auch, dass ich jetzt hier wohnen würde. Sie wusste, dass mein Vater von einer Kutsche überfahren wurde und tot ist. Und dass ich zwei ganz kleine Brüder habe und meine Mutter mich deshalb weggeben muss. Denn sie hat nicht genug Geld, um sich um drei Kinder zu kümmern. Und sie wusste Bescheid über meine Krankheit. Wie oft ich Anfälle hätte, fragte sie Tante Ella. Tante Ella antwortete, dass es nicht wieder vorgekommen wäre, seit ich fünf Jahre alt war. Dann gaben Tante Ella und die dicke Frau sich die Hand. Zum Abschied sagte Ella zu mir, dass ich jetzt ein großes Mädchen sei. Ich solle immer brav sein und auf die Erwachsenenhören. Dann würden alle nett zu mir sein. Dann nickte sie mir zu und ging.

Die dicke Frau heißt Frau Weber und ist die Leiterin des Waisenhauses. Sie stieg mit mir in den zweiten Stock und brachte mich in ein Zimmer mit 16 Betten. Ü