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Kaum hat Raymond nach dem Tod seines Vaters den Nachtclub »Dreams« in New York übernommen, gibt es Probleme: Ein minderjähriges Mädchen in der VIP-Lounge. Wenig später steht ihre Mutter vor der Tür: Amber Stark - die ehemals beste Freundin seiner Schwester, die vor siebzehn Jahren spurlos verschwand.
Als Amber mitten in der Nacht in einen exklusiven New Yorker Club gerufen wird, erwartet sie alles - nur nicht, Raymond Walker wiederzusehen. Der charismatische, verschlossene Clubbesitzer war einst ihr heimlicher Schwarm ... bis sie alles hinter sich lassen musste. Die unerwartete Begegnung weckt nicht nur alte Gefühle, sondern auch längst begrabene Konflikte, gefährliche Feinde und eine Anziehung, der beide kaum widerstehen können. Doch in Raymonds Welt hat jedes Begehren seinen Preis.
Der erste Band der neuen Club-Romance-Reihe von Amy Baxter ist ein fesselnder Roman über Familie, zweite Chancen und den Mut, für das eigene Glück zu kämpfen - selbst wenn alles auf dem Spiel steht. Emotional, dramatisch und mitreißend! Verpasst auch nicht Band 2 und 3 über die Walker-Geschwister Chester und Florence.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Über die Autorin
Titel
Playlist
1. Prolog
2. Raymond
3. Amber
4. Amber
5. Raymond
6. Amber
7. Raymond
8. Amber
9. Raymond
10. Amber
11. Raymond
12. Amber
13. Raymond
14. Raymond
15. Amber
16. Amber
17. Amber
18. Raymond
19. Amber
20. Raymond
21. Amber
22. Amber
23. Raymond
24. Amber
25. Raymond
26. Amber
27. Amber
28. Raymond
29. Amber
30. Raymond
31. Raymond
32. Amber
33. Raymond
34. Epilog
Über dieses Buch
Weitere Titel der Autorin
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Amy Baxter ist das Pseudonym der Autorin Andrea Bielfeldt. Amy begann ihre Karriere als Selfpublisherin und eroberte dann mit ihren erfolgreichen Romance-Reihen SAN FRANCISCO INK und KING’S LEGACY eine große Fangemeinde. Dank ihres Erfolgs kann sie sich heute ganz dem Schreiben widmen. Zusammen mit ihrer Familie lebt und arbeitet sie in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein.
Amy Baxter
Fall into Dreams
Bad Omens – Just Pretend
Catch Your Breath – Dial Tone
OneRepublic – Secrets
VOILÀ – Figure You Out
Stone Sour – Through Glass
OneRepublic – Someday
Benson Boone – Nights Like These
Marshmello, Khalid – Numb
Alex Warren – Before You Leave Me
Teddy Swims – The Door
Michael Marcagi – Scared To Start
Jamie Miller – It Is What It Is
Kygo, Ava Max – Whatever
Teddy Swims – Lose Control
Linkin Park – Over Each Other
Myles Smith – Stargazing
Shaboozey – A Bar Song (Tipsy)
Matt Hansen – Something to remember
Lost Frequencies – Back To You
Raymond
Manche Nächte waren einfach nicht für einen Neuanfang gemacht. Aber danach fragte niemand.
Das Glas in meiner Hand zitterte, die im Gin schwimmenden Eiswürfel schlugen lautlos gegeneinander. Aber auch der Alkohol konnte den schalen Geschmack, den die letzten Tage hinterlassen hatten, nicht herunterspülen. Er war tot. Tot, verdammt.
Mein Vater war als reicher Mann gestorben. Reich an Geld, nicht an Glück. Nicht an Momenten. Oder schönen Erinnerungen. Das einzig Wichtige in seinem Leben war seine Arbeit gewesen. Seine Geschäftspartner waren seine Familie gewesen, nicht wir.
Ich war weit entfernt von dem Gefühl der Trauer, näher an der Erleichterung, dass der Bastard nicht mehr da war. Wir hatten von meiner Geburt an einen schlechten Start gehabt. Und ich war wütend. Wütend über seinen Abgang, den er mit Sicherheit genossen hätte.
Nachdenklich verharrte ich am Geländer auf der Dachterrasse des Clubs und blickte über New Yorks abendliches Lichtermeer. Fünf Etagen weiter unten bewegten sich Autos auf der Straße aneinander vorbei, begleitet von gedämpften Motorengeräuschen und hin und wieder einem Hupen von Ungeduldigen, die nicht schnell genug an einen anderen Punkt ihres Lebens kommen konnten. Sie schoben sich entlang des Hudson Rivers wie jeden Tag. Nichts hatte sich geändert. Alles war wie immer. Bis auf eines. Mason Walker war tot.
Man könnte meinen, dieses Ereignis wäre ein Wendepunkt in meinem Leben gewesen, aber mein Leben war schon seit zwei Jahren vorbei, und nichts würde es jemals wieder zurückbringen. Wie die schwere Last des Todes mit meiner Seele verschmolz, wurde das Eis langsam eins mit der Flüssigkeit, in der es nach und nach unterging.
Mein Blick folgte einem Taxi, das vor dem Eingang des Clubs hielt und weitere Gäste ausspuckte wie ein Automat Geld. Geld. Das war es, worüber Mason Walker sich definiert hatte. Geld, Macht und Erfolg. Die drei Säulen seines Lebens. Mutter war vor acht Jahren davor geflüchtet, hatte sich scheiden lassen, ein Drittel des Familienvermögens herausgeschlagen und war wenige Monate später an einem zu gut gemeinten Cocktail aus Schlaftabletten und Medikamenten gestorben. Meine Geschwister und ich hatten uns um alles gekümmert. Mason Walker war nicht mal auf der Beerdigung gewesen.
»Du kannst es nicht mehr ändern«, hörte ich die Stimme meines jüngeren Bruders. Offensichtlich konnte ich mich der Diskussion hinter mir im Büro nicht länger entziehen.
»Nein, du Superhirn, das kann ich nicht. Aber ich kann auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, verdammt!« Meine Schwester Florence stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Ich verließ die Aussichtsplattform und ging wieder zurück in das Zimmer, das geprägt war von Mason Walker. Jede Ecke, jede Wand, jedes Möbelstück zeugte von einem Stück seines Lebens. Könnten diese Gegenstände reden – ich wüsste nicht, ob ich ihre Geschichten hätte hören wollen.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die beiden, denn ihr Streit war kurz davor zu eskalieren. Und das sollte ich besser verhindern.
»Es war nicht deine Schuld.« Chesters Blick war fest. »Du konntest nichts dafür.«
»Das stimmt. Es ist die Schuld dieser gottverdammten Schlampe!«
Florence’ braune Augen wurden noch dunkler, als sie es von Natur aus schon waren. Und ihr fragiler Körper zitterte. Er zitterte so sehr, dass ich versucht war, sie fest in den Arm zu nehmen und all die Aufregung und Trauer, das Unverständnis und vor allem die Wut auf sich selbst aus ihr herauszupressen. Aber das konnte ich nicht. Abgesehen davon, dass es unmöglich war, würde sie mich ohrfeigen oder mir auf anderem Weg Schmerzen zufügen, sollte ich es wagen, sie in diesem Moment auch nur anzufassen. Ich kannte meine Schwester mittlerweile einunddreißig Jahre lang – ich wusste, wann es besser war, mich zurückzuhalten.
Chester allerdings war weniger schlau gewesen. Die roten Striemen auf seiner linken Wange sprachen Bände. Das hilflose schiefe Lächeln allerdings stand dafür, dass auch er seine Schwester gut genug kannte, um zu wissen, dass weiteres Öl im Feuer eine ganz schlechte Idee wäre.
Florence hob die Arme, sah mich mit feuchten Augen an und ließ sie kraftlos wieder fallen. »Ich ... Ich habe versagt.«
Diese Worte brachen mir das Herz.
Egal, ob sie mir die Augen auskratzen würde – zwei große Schritte und ich schloss sie in meine Arme. Entgegen meiner Erwartung entzog sie sich mir nicht, sondern ließ es einfach geschehen. Sie lehnte ihr Gesicht kraftlos an meine Brust, ihr dunkles Haar kitzelte in meiner Nase, ihre Arme hingen hilflos an ihrem zierlichen Körper herunter, während ihre Beine sie kaum mehr trugen. Aber ich war da. Ich hielt sie und würde es so lange tun, wie es nötig war.
Chester schenkte sich derweil einen weiteren Drink ein, vermutlich einen Blanton’s Gold. Teuer und edel. Masons Geschmack. Und offenkundig auch Chesters. Mein Bruder war unserem Vater am ähnlichsten. Wie Mason Walker war Chester ein Lebenskünstler. Die Position des Geschäftsführers im Hope in San Francisco hielt er nur zum Schein aufrecht, wusste er doch gar nicht, was ehrliche Arbeit war. Feste Regeln? Fehlanzeige. Er machte, was ihm gefiel, und es war ihm egal, wie der Rest der Welt damit klarkam. Rücksichtnahme? Kannte er nicht. Brauchte er nicht. Er hatte Ellenbogen, die er zu benutzen wusste. Ebenso wenig besaß er Empathie. Außer bei Florence vielleicht, denn er wirkte in dieser Sekunde nicht nur angeschlagen – er war es.
Chester ließ den Whisky in seinem Glas kreisen. »Wenn hier einer versagt hat, dann Dad. Du hast ihm damit doch einen Gefallen getan.« Sprach’s und kippte den fast zweihundert Dollar teuren Drink auf ex weg. Ich atmete scharf ein und warf ihm einen Hast-du-sie-noch-alle-Blick zu, den er mit einem schulterzuckenden »Was?« kommentierte. Nach kurzem Überdenken allerdings musste ich zugeben – er hatte recht. Der einzig Schuldige an der ganzen Situation war unser Vater.
Mason Walker war nicht irgendjemand gewesen – Mason Walker war der Gründer des exklusivsten Clubs in der Stadt New York. So exklusiv, dass er in den letzten zehn Jahren in zwei weitere Clubs in zwei Metropolen an der Westküste investiert hatte, die von meinem Bruder Chester und mir geleitet wurden, während mein alter Herr hier das Sagen gehabt hatte. Auch wenn wir sonst kein gutes Verhältnis gehabt hatten, waren wir geschäftlich ganz gut miteinander ausgekommen. Doch schon vor der Scheidung vor acht Jahren war er einer der größten Casanovas des Staates New York gewesen, was ihm dann zum Verhängnis geworden war. Und dass die Assistenzärztin und angehende Chirurgin Florence Walker ihrem Vater nicht hatte helfen können, als eine seiner verflossenen Affären auf ihn geschossen und dabei seine Halsschlagader getroffen hatte, war vielleicht Schicksal. Florence sollte sich keine Vorwürfe machen, dennoch hatte Chester recht. Mason Walker hätte diese Art von Dramatik geliebt. Ein standesgemäßer Abgang von dieser beschissenen Welt. Mit seinem Tod würde sich alles ändern.
Florence reagierte nicht auf Chesters Provokation. Ich achtete auf ihre Atmung, die sich allmählich normalisierte. Behutsam strich ich ihr über den schmalen Rücken und lotste sie zum Sofa. Nachdem ich sie auf das dunkle weiche Leder bugsiert hatte, nahm ich Chester die Drinks ab, die er im Hintergrund für uns gemixt hatte. Emotionslos griff Florence danach, setzte das Glas an ihre trockenen Lippen und trank es in einem Zug aus. Ich tat es ihr gleich.
Als hätte der Drink ihr wieder etwas Leben eingehaucht, sah sie mich nun an. »Ich sollte duschen.«
»Ich fahre dich nach Hause«, bot Chester an, in dem Wissen, dass wir nicht alle gehen konnten. Der Club war geöffnet, und die Show musste weitergehen. Ganz egal, ob jemand gestorben war. Nur deshalb hatte ich an diesem Abend den Club nach acht Jahren zum ersten Mal wieder betreten.
Stumm stellte sie das leere Glas auf dem Tisch ab und erhob sich. »Ich bin so weit.«
»Ich sehe später nach dir.« Sie sollte wissen, dass sie nicht alleine war. Wie ein Roboter nickte sie. Ihr Blick war leer, ihr Gesicht wirkte eingefallen. Sie tat mir so unendlich leid.
Dann waren sie fort.
Jetzt wollte ich nichts mehr, als meine Gefühle mit einem weiteren Drink meine trockene Kehle herunterspülen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden, wie es mit dem Imperium der Walkers weiterging. Denn eins war sicher – Mason Walker hatte immer einen Plan. Auch für die Zeit nach seinem Tod. Deswegen war ich hier.
Zwei Wochen später
»Wirf sie raus.«
Ein kurzer Blick zum Tisch auf der rechten Seite des Clubs hatte mir gereicht, um die Situation zu erfassen und meine Entscheidung zu fällen.
»Bist du sicher?«, fragte Paul.
Meine Augenbrauen schnellten hoch, mein Herzschlag lieferte sich einen Battle mit dem Beat des Songs, der alles Stimmengewirr übertönte. »Ich versteh die Frage nicht.«
»Ich meine, du weißt schon, wer das ist, oder?« Paul gehörte zum Sicherheitsteam des Dreams. Ich kannte ihn nicht, er arbeitete aber auch erst seit ein paar Tagen für mich. Oder andersrum – ich war erst seit ein paar Tagen sein Boss. Seit ich aus Los Angeles nach New York zurückgekommen war.
»Nein. Und es ist mir auch scheißegal«, gab ich zurück.
»Das ist Francesco DeLuca«, erklärte er, als hätte ich danach gefragt. Oder als würde dieser Name alles erklären. Tat es aber nicht. Und selbst wenn – es gab Regeln, an die man sich hielt. Das war besser für alle Seiten.
»Selbst wenn er als Jimi Hendrix auferstanden wäre – raus mit ihm.« Ich war nicht manipulierbar. Die letzten Jahre hatten mich darin geprägt.
»Aber -«
Mit einem Blick brachte ich Paul zum Schweigen. Er hatte jahrelang für meinen Vater gearbeitet, und möglicherweise musste ich ihm Respekt beibringen. »Ich werde mich nicht wiederholen. Wer in diesem Club Stress macht, fliegt raus.« Er sah mich verächtlich an, doch als ich meinen Blick nicht abwandte, gab er auf. »Gut. Vergiss das nicht. Niemals. Und solltest du jemals wieder mit mir diskutieren wollen – da ist die Tür«, setzte ich hinterher und sah zum Notausgang.
Paul schien verstanden zu haben, nickte und entfernte sich zu dem Tisch, den ich im Visier hatte. Eine Gruppe Männer benahm sich lautstark daneben und belästigte die Frauen am Nebentisch. Ein absolutes No-Go.
Paul und seine Leute standen vor DeLuca und redeten gestikulierend auf ihn ein, der allerdings unbeeindruckt davon breitbeinig auf dem Sessel sitzen blieb. Er bewegte sich nicht einen Millimeter und grinste nur überheblich. Ich schätzte ihn auf Ende zwanzig, mit seinen dunklen, an den Seiten rasierten Haaren sah er aus wie jeder zweite Mann hier im Club. Nur sein Hals-Tattoo, dessen Ansatz sich aus dem Kragen seines schwarzen Hemdes herausschlängelte, unterschied ihn von den anderen.
Seine Freunde beobachteten die Szene aufmerksam, ohne sich einzumischen. Aber genau das war das Gefährliche. Das wusste ich aus Erfahrung.
»Wer ist dieser DeLuca?«, fragte ich Sam, den Security-Chef des Dreams, der neben mir stand.
»Franceso DeLuca, ein Enkel von Enzo DeLuca, dem sogenannten Paten hier im Viertel.«
Ich zog die Augenbrauen hoch und wandte mich zu Sam. »Sollten mir die Namen etwas sagen?«
»Enzo ist ... war ein enger Freund deines Vaters. Er sagt hier im Viertel, wo es lang geht.«
»Und seine Enkel meinen, sie können das auch?«
Sam zuckte mit den Schultern. »Francesco ist ihm ziemlich ähnlich.«
»Und der andere? Die jüngere Ausgabe von ihm?« Ich nickte unauffällig zu dem Burschen neben Francesco.
»Sein kleiner Bruder Matteo.«
»Also ist Vorsicht geboten?«
»Ich würde kein Risiko eingehen.«
Ich hatte verstanden. Über meinen Knopf im Ohr rief ich die restliche Sicherheitscrew des Clubs zu mir und wies sie an, sich unauffällig in der Nähe des Tisches zu platzieren. Ich wollte verhindern, dass es eskalierte. Es war Samstagabend, das Dreams war voll. Die Bässe wummerten einen Song von Bad Omens aus den Boxen, Lichtblitze zuckten über die überdimensionale Tanzfläche, auf der sich wenigstens zweihundert Feierwütige zu den Beats bewegten. Alle Tische waren besetzt, es wurde getrunken, gelacht, gefeiert. Die VIP-Lounge war voll, Stars und ihre Sternchen wollten sehen und gesehen werden. Kurzum – die Stimmung war ausgelassen. Auf keinen Fall durfte es hier eine Panik geben, ausgelöst durch Handgreiflichkeiten oder womöglich eine Schießerei. Ich ging davon aus, dass meine Leute alle auf Waffen gecheckt hatten, aber Deeskalation war die oberste Priorität.
Es wurde Zeit, selbst einzugreifen.
Ich verließ meinen Platz auf der Treppe, von dem aus ich den ganzen Club überblicken konnte. Diese Etage war für das restliche Clubgeschehen gesperrt, hier befanden sich das Büro und noch ein Schlafzimmer. Keine Ahnung, wen mein Vater darin alles gevögelt hatte, ich jedenfalls würde es nicht betreten und schnellstmöglich dafür sorgen, dass es ausgeräumt und renoviert wurde. Vielleicht konnte man daraus etwas anderes Sinnvolles machen, wie eine Garderobe für VIPs oder DJs.
Zielstrebig, aber ruhig, näherte ich mich. Die Situation war klar: Francesco war der Anführer, sah nach Daddys Money aus. Er trug teure Kleidung mit Designerlogos und eine protzige Uhr. Nicht mein Geschmack. Seine Leute schirmten ihn ab, beobachteten unauffällig die Umgebung.
»Guten Abend«, begrüßte ich die Runde freundlich, aber bestimmt, und hatte sofort ihre Aufmerksamkeit. »Ich muss euch bitten, jetzt den Club zu verlassen.«
Francesco sah mich an, sein herablassendes Grinsen fror ein, aber sein Blick erzählte eine andere Geschichte. Er war auf der Hut. »Sagt wer?«, fragte er und richtete sich gerade auf.
»Raymond Walker«, stellte ich mich vor. Weil es die Höflichkeit gebot. Und weil er wissen sollte, mit wem er sich anlegte. Ich mochte ihn von der ersten Sekunde an nicht, und auf mein Bauchgefühl hatte ich mich bisher immer verlassen können. Das Wissen, dass ich vor wenigen Minuten über ihn erlangt hatte, tat sein Übriges.
Francesco verzog das Gesicht. »Masons heimgekehrter Sohn?« Als ich nicht antwortete, verschwand das Grinsen. »Was sollen wir?«
»Du hast mich gehört.« Ich nickte mit dem Kopf zum Ausgang.
»Es ist gerade so nett hier.« Er legte seine Arme über die Lehne der Lounge, saß breitbeinig vor mir. Ganz offenkundig genoss er die Show. War es Abscheu oder Belustigung, die seine Miene widerspiegelte? Egal was es war – es stand ihm nicht.
»Man sollte gehen, wenn es am schönsten ist.«
»Und wenn ich nicht gehe?«
»Dann werden meine Leute dir dabei helfen.« Paul stand noch immer unbeweglich da. Er war gefeuert. »Und gerne fasse ich auch selbst mit an. Aber wir wollen alle keinen Ärger, richtig?« Ich wusste, wie schnell so etwas eskalieren konnte, aber dieser Jüngling verbreitete vor allem heiße Luft. DeLuca und ich starrten uns an wie Gegner im Ring, keiner von uns wollte nachgeben, keiner den ersten Schritt machen.
»Oh, hey, was ist denn hier los?«
Ohne meinen Blick von DeLuca zu wenden, bemerkte ich in meinem Augenwinkel eine junge Frau, die jetzt zur Gruppe stieß. Der Junge neben Francesco, sein Bruder Matteo, sprang auf und zog das Mädchen zu sich. Francesco wandte endlich den Blick ab und verdrehte genervt die Augen.
Ich warf ihr einen Blick zu – lange dunkle Haare, zu viel Make-up, doch die Röte in ihrem Gesicht war kein Rouge. Kurzes Kleid, hohe Schuhe, glasiger Blick, Pupillen klein wie Stecknadelköpfe. Sie war eindeutig betrunken. Und mit Sicherheit noch keine einundzwanzig. Wer zum Teufel hatte sie reingelassen? In mir brodelte es.
Sie sah zu ihrem Begleiter hoch, der jetzt den Arm um sie legte, und raunte ihm irgendwas ins Ohr. Er nickte.
Ich atmete ein und wieder aus.
»Gehört sie zu euch?«, wandte ich mich an Francesco.
Er zuckte mit den Schultern. Sie war jung. Zu jung. Verdammt, sie war noch ein Kind! Wut wallte in mir auf. Was für ein mieses Arschloch.
»Ruf die Cops«, befahl ich dem Türsteher, der mir am nächsten war. Die Antwort war ein ungläubiger Blick, doch er bemerkte schneller als Paul, dass es mir ernst war, und griff nach seinem Funkgerät.
Francesco erhob sich. »Okay, verstanden! Alles cool. Keine Cops. Wir gehen.« Seine Jungs taten es ihm nach. »Wir wollen keinen Ärger. Matteo, hol den Wagen!«
»Aber -«
»Hol. Den. Verdammten. Wagen!«, fuhr Francesco ihn jetzt an und warf ihm einen scharfen Blick zu.
Dieser sah von dem Mädchen zu Francesco und wieder zurück. »Bin gleich zurück«, versprach er ihr, dann verschwand er in der Menge.
Francesco stand auf und kam einen Schritt auf mich zu. Zu viel Testosteron lag in der Luft. Neben mir sah ich ein Funkgerät in der Luft verharren, ich bedeutete, es wegzustecken.
»Man trifft sich immer zweimal«, raunte er mir zu, und ich war kurz versucht, ihm sein Grinsen aus dem Gesicht zu wischen.
»Aber sicher nicht hier.« Jeder Muskel war gespannt.
»Das werden wir noch sehen.« Er nickte mir knapp zu, dann schob er sich an mir vorbei, nicht, ohne meine Schulter anzurempeln. Ich sog scharf die Luft ein, blieb aber ruhig.
Als das Mädchen ihm folgen wollte, stellte ich mich ihr in den Weg.
»Du bleibst hier.« Sie wollte protestieren, sich an mir vorbeidrängen, aber ich ließ sie nicht. Sie war zart, zu jung und zu betrunken, um mit diesem Scheißkerl mitzugehen. Nur über meine Leiche.
Francesco zögerte, dann zuckte er die Achseln. »Sie ist den Ärger nicht wert. Du kannst sie haben«, sagte er an mich gewandt.
Das Mädchen schnappte nach Luft und wollte hinterher, aber ich ließ sie nicht vorbei.
»Francesco, was soll das?« Aber er reagierte nicht auf ihren Hilferuf. »Lass mich vorbei«, zischte sie mir zu und rief wieder Francescos Namen.
Ich blieb vor ihr stehen, sah sie eindringlich an. »Vergiss es. Erst werden wir deine Eltern anrufen.«
»Du kannst mich hier nicht einfach festhalten«, fauchte sie mich an, aber der Schock, den meine Worte verursacht hatten, stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Ich kann auch die Cops rufen, damit sie dich nach Hause bringen«, bot ich ihr an. Sie funkelte mich böse an, aber hielt den Mund.
Die Security begleitete Francesco und seine Leute aus dem Club, ich konzentrierte mich auf das Mädchen.
»Wie heißt du?«
Sie presste die Lippen aufeinander, als wollte sie verhindern, dass ihr versehentlich Worte entwichen. »Dein Name?«, versuchte ich es erneut.
Sie sah mich an. Ihr Blick war alles andere als klar, aber in ihr schien eine unglaubliche Wut zu brodeln. Dann, ganz unerwartet, spuckte sie mir ins Gesicht.
Ich presste die Kiefer aufeinander, griff ihren Arm, holte mit der anderen Hand ein Taschentuch aus meinem Jackett und wischte mir die Spucke von der Wange.
»Mitkommen.« Ich schob sie vor mir durch den Club, die Treppe rauf und in mein Büro. Sam sicherte die Tür zu meinem Büro, und ich bedeutete ihm, mit mir reinzukommen. Auf keinen Fall wollte ich mit diesem kleinen Biest alleine sein und mir womöglich noch etwas anhängen lassen. Ich wusste doch, wie so was lief.
»Wie heißt du?«, versuchte ich es noch einmal. Sie schwieg weiter. Ich bat Sam, sich ihrer winzigen schwarzen Clutch anzunehmen, die sie mit schmalen Fingern umklammerte. Nicht fest genug, es war ein Leichtes für Sam, sie an sich zu bringen. Während er die Tasche durchsuchte, musterte ich die Kleine aus sicherem Abstand genauer – mit dem Schreibtisch als Barriere zwischen uns.
Sie war etwa einen Meter siebzig groß. An den Füßen trug sie schwarze High Heels, die sicher gute zehn Zentimeter ihrer Körpergröße ausmachten. Der Rock war viel zu kurz, das Top zu tief ausgeschnitten. Die dunklen Haare waren zu einem Zopf gebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten und ihr schmales Gesicht umrahmten. Ihre Gesichtszüge wirkten wie eine Maske, deren starkes Make-up den Blick auf ihr wahres Ich verbarg. Aber sie war jung, viel zu jung. Ich schätzte sie auf siebzehn, höchstens achtzehn. In meinen Club durfte man erst mit einundzwanzig. Mir war bewusst, dass dieser Francesco sie hier reingeschleust hatte. Alleine wäre sie hier nicht reingekommen. Ich fragte mich nur, warum die Türsteher ihren Job nicht gemacht hatten. Aber das war eine Frage, die ich später klären würde. Genau wie Pauls Rauswurf. Vielleicht gab es noch mehr Kündigungen auszusprechen. In mir brodelte es. Ich war erst vor zwei Wochen aus L.A. nach New York zurückgekommen, mein Vater gerade zwei Tage unter der Erde, und schon zeigten sich Probleme in diesem Club, auf die ich gerne hätte verzichten können. Während der Situation eben war mir klar geworden, dass hier einige Leute auf eigene Karte arbeiteten, aber so etwas gab es bei mir nicht. Und das würden die Angestellten auch schnell lernen müssen, wenn es sein musste auch auf schmerzhafte Art.
Sam reichte mir ein Handy, das er aus der Tasche gefischt hatte. »Außer Lippenstift und Taschentüchern ist nichts drin«, sagte er und gab dem Mädchen die Tasche wieder. Ein kurzer Blick auf das Display zeigte mir, dass es gesperrt und nur mit einem Fingerabdruck freizugeben war. Also legte ich es auf meinen Schreibtisch.
»Das ist Diebstahl«, muckte sie auf, aber etwas kleinlauter als noch zum Anfang unserer Begegnung.
»Zeig mich an«, erwiderte Sam gleichmütig und stellte sich wieder an die Tür.
Sam gefiel mir.
Dem Mädchen schenkte ich ein großes Glas Wasser ein und hielt es ihr hin. Sie ignorierte mein Entgegenkommen, also stellte ich es auf den Tisch vor der Couch.
»Zwei Möglichkeiten«, sagte ich und lehnte mich gegen den Schreibtisch. »Entweder du redest jetzt oder ich rufe die Cops. Was dann passiert, kannst du dir vielleicht vorstellen.«
Abwartend verschränkte ich die Arme vor der Brust, ich rechnete damit, gleich wirklich die Polizei anrufen zu müssen. Das allerdings war der letzte Ausweg, denn Vorstrafen machten sich nicht gut in der Vita. Außerdem würde das schlechte Publicity für den Club bedeuten. Minderjährige im Dreams aufgegriffen war eine Schlagzeile wert. Ich sah auf die Uhr. Seit meiner Ansprache waren zwei Minuten vergangen.
Während die Uhr tickte, Sam unbeweglich vor der Tür stand und ich mir innerlich verschiedene Szenarien ausmalte, trat das junge Ding nervös von einem Fuß auf den anderen, kaute auf der Unterlippe und zupfte an ihrer Nagelhaut herum. Insgeheim tat sie mir leid. Was ging in so einem Kopf nur vor, dass sie sich mit solchen Typen einließ? War sie freiwillig mitgegangen oder gezwungen worden? Warum passten ihre Eltern nicht auf sie auf? Aus welchen familiären Verhältnissen kam sie? Ihre Kleidung sah nicht übermäßig teuer aus, aber auch nicht so, als käme sie vom Müll. Nach einem weiteren kurzen Scan bemerkte ich an ihrem leicht bekleideten Körper auch keine blauen Flecken oder andere Male, die auf eine tätliche Auseinandersetzung hinwiesen.
»Okay, die Zeit ist um«, sagte ich und griff nach dem Telefon. »Eine Nacht im Knast wird dir hoffentlich helfen, wieder klar zu werden.«
Ich wollte wählen, da trat sie abrupt einen Schritt vor. »Nein! Nicht. Ich ...« Mein Bluff hatte gewirkt.
Ich ließ das Telefon sinken und sah sie an. »Ja?«
Sie schluckte, und ihre Augen fingen an zu glänzen. »Ich heiße Izzy.«
Schöner Name, aber sicher nicht der echte. »Und weiter?«
Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, was ihr Make-up nicht besser machte. »Stark. Izzy ... Isabella Stark.«
Isabella also. Irgendwas klingelte in meinem Hinterkopf. »Wie alt bist du, Isabella Stark?«
Sie murmelte etwas. Ich fragte noch mal. Trotzig sah sie mich an. »Sechzehn.«
Ich pfiff durch die Zähne. »Eindeutig zu jung für den Club. Und zu jung, um zu dieser Uhrzeit noch auf der Straße zu sein. Was ist mit deinen Eltern? Kannst du sie anrufen?«
»Sie haben doch mein Telefon«, gab sie patzig zurück.
»Und ich werde den Teufel tun und es dir wiedergeben. Sag mir die Nummer, die ich wählen soll, und ich rufe sie an.«
Sie schwieg. Und zitterte.
»Nummer?«, fragte ich erneut.
Ihr Blick war kalt, als sie die Ziffern runterbetete. Ich tippte sie in mein Telefon und wartete, bis das Freizeichen ertönte. Nach einem Klingeln wurde abgenommen.
»Isabella?« Eine aufgeregte Frauenstimme erklang am anderen Ende. Ich bemerkte die Panik in ihrer Stimme. Isabella wurde also vermisst.
»Nein, hier spricht Raymond Walker.«
»Raymond ... Walker?«, gab die Frau am anderen Ende vorsichtig zurück. Die Stimme ... sie kam mir seltsam bekannt vor, aber ich konnte nicht ausmachen, woher.
»Ich bin der Besitzer des Dreams an der 10th Avenue. Wir haben Ihre Tochter Isabella aufgegriffen.«
»Was? Aber ... Geht’s ihr gut?«
Ich warf Isabella einen kurzen Blick zu. »Ja, es geht ihr gut, allerdings ist sie etwas ... betrunken. Vielleicht auch high«, gab ich zurück.
»Betrunken? High ...?«
»Hören Sie ... Es ist nicht meine Aufgabe, ihren Zustand zu beurteilen. Ihre Tochter wurde in meinem Club aufgegriffen, und da sie mit ihren sechzehn Jahren eindeutig zu jung für einen Besuch hier ist, hatte ich die Wahl zwischen einem Anruf bei der Polizei oder bei Ihnen. Also, wenn Sie Ihre Tochter bitte abholen möchten?«
Die Mutter murmelte noch etwas, dann gab ich ihr die Adresse und verabschiedete mich. Isabella sah mich fragend an.
»Sie macht sich auf den Weg«, fasste ich das Gespräch knapp zusammen.
Isabella nickte, ließ sich auf das Sofa fallen und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Nun zitterte sie stärker. Der Alkohol – oder was auch immer sie intus hatte – ließ in seiner Wirkung nach, und die Panik vor dem, was nun kam, setzte sich in ihr fest. Ich zog mein Sakko aus, trat vorsichtig auf sie zu und legte es ihr um. Sie hob den Blick, und ich sah so etwas wie Dankbarkeit in ihren Augen.
Ich setzte mich ihr gegenüber auf den Sessel und schob ihr das Glas Wasser über den Tisch zu. »Trink was«, bat ich und nickte zufrieden, als sie danach griff.
»Wie bist du eigentlich hier reingekommen?«, fragte ich in der Hoffnung auf Antworten.
»Durch die Hintertür«, sagte sie leise. Mehr musste ich nicht wissen. Es gab also jemanden in meinem Club, der Leute hineinschmuggelte und sich somit über die Regeln hinwegsetzte. Es würden Köpfe rollen. Und wenn ich die ganze Crew feuern musste, würde ich das tun.
Sams Blick traf meinen, dann sah er stur an die Wand. Mir war augenblicklich klar, dass er wusste, was hier abging. Auch das war etwas, das wir später klären würden.
»Warst du mit den Männern hier?« Sie nickte. »Kennst du sie?« Wieder nickte sie. Also war sie freiwillig mitgegangen und nicht gezwungen worden. Naiv, aber immer noch besser, als keine andere Wahl gehabt zu haben.
Was genau es mit den DeLucas auf sich hatte, warum sie hier das Viertel regieren wollten – das würde ich später mit meinen Männern klären, denn es war offensichtlich, dass sie hier bekannt waren. Und dass sie so etwas wie einen Freifahrtschein gehabt hätten, wäre ich nicht aufgetaucht. Insofern gab es jemanden hier, der nicht für mich, sondern gegen mich und meine Prinzipien arbeitete. Das hatte vielleicht bei meinem Vater funktioniert, aber ganz sicher nicht bei mir.
Wir schwiegen, während wir auf ihre Mutter warteten. Ich versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren und die wenigen Puzzleteile, die ich bisher zur Verfügung hatte, zusammenzusetzen. Doch als sich eine halbe Stunde später die Tür zu meinem Büro öffnete und eine Frau eintrat, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, brachen die unterschiedlichsten Gefühle in meinem Körper wie Wellen über mich herein. Erst ihre Stimme brachte mich wieder auf Kurs.
»Hallo, Raymond.«
»Amber?«
Mein Name aus seinem Mund.
Es waren siebzehn lange Jahre, in denen ich nichts mehr von Raymond Walker gehört hatte. Siebzehn Jahre, in denen jeder von uns sein Leben gelebt hatte. Siebzehn Jahre, in denen ich mich im Lauf der Zeit immer weniger gefragt hatte, was aus dem jungen Mann mit den Grübchen und den wunderschönen blauen Augen geworden war, in den ich einmal ein bisschen verknallt gewesen war. Siebzehn Jahre, die in dieser Sekunde wie ein Film an mir vorbeizogen, der auf zehnfacher Geschwindigkeit lief. Empfindungen wie Leichtigkeit und das Kribbeln, aber auch wie Scham und Enttäuschung waren der Soundtrack dazu. Doch all das stoppte jäh, als ich mir ins Bewusstsein rief, warum ich hier war. Izzy. Isabella. Meine Tochter.
Ich zog die Augenbrauen nach oben und verkniff mir in Anbetracht der Lage ein Lächeln. Mit dem Blick einer Löwenmutter scannte ich den Raum, und da saß sie. Ein Häufchen Elend, zusammengesunken mit blassem Gesicht, verschmiertem Make-up und unter einem Männerjackett derart sexy Klamotten, wie ich sie nicht mal in meinen wildesten Zeiten getragen hätte. Wo zum Teufel hatte sie die her? Wieso sah sie so aus, wie sie aussah? Fragen fluteten meinen Kopf, die Szenarien dazu waren grausam. Ich atmete tief durch und schob alles an Vorhaltungen beiseite, was mir auf der Zunge lag. Langsam trat ich auf meine Tochter zu und musterte sie. Aus ihrem Blick sprach Angst. Das kannte ich nicht. Isabella hatte nie wirklich Angst haben müssen, seitdem sie auf der Welt war. Ich hatte mich bemüht, sie zwar ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, aber auch immer zu beschützen. Angst war in meinen Augen etwas total Negatives. Ich hatte Angst gehabt – und wollte diese nie wieder spüren. Und meine Tochter sollte das auch nicht. Schon gar nicht sollte sie Angst vor mir haben. Respekt ja – Angst nein.
»Von Smokey-Eyes bis zur Crackhure ist es ein verdammt schmaler Grat«, murmelte ich leise, aber laut genug, dass sie mich verstehen konnte, und suchte ihren Blick. Sie schenkte ihn mir nur kurz. Als Antwort versuchte sie, sich mit einem Taschentuch die verlaufene Schminke unter den Augen wegzuwischen.
»Lass es, das macht es nicht besser.«
Sie erwiderte nichts, richtete den Blick auf den Boden und legte ihre Hände, das Taschentuch umklammernd, in den Schoß. Sie war eben doch noch ein kleines Mädchen. »In was für Schwierigkeiten steckst du?«, gab ich ihr die Chance, mir zuerst zu erzählen, was vorgefallen war, bevor ich es von Raymond hörte. Und ich betete, dass es nichts Schlimmes war.
Ich war mir Raymonds Präsenz im Raum durchaus bewusst und hatte mich noch nicht entschieden, wie ich mit dieser Begegnung umgehen sollte. Das hier konnte kein Zufall sein. Zufälle gab es nicht, alles im Leben hatte irgendeinen Sinn. Welchen Sinn das hier haben sollte, erschloss sich mir allerdings noch nicht. Doch das zählte jetzt nicht. Jetzt war nur Isabella wichtig. Und wie wir das hier hinter uns brachten.
»Ich war mit Matteo hier ...«, begann sie.
»Wer ist Matteo?«, unterbrach ich sie sofort. Der Name war mir nicht geläufig, und Bilder von tätowierten Riesen in Rockerkluft schossen durch meinen Kopf. Dabei sollte gerade ich es gelernt haben, vorurteilsfrei zu sein.
»Ein Freund.«
»Das reicht mir nicht.«
»Ich ... Wir ... Er ...« Mehr als unzusammenhängende, gestotterte Worte bekam sie nicht raus, das hatte so keinen Sinn.
»Okay. Und wo ist dieser ... Freund jetzt?«
»Gegangen.«
»Toller Freund.« Ich widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen, sie an den Schultern zu packen und zu schütteln, bis die Einzelteile in ihrem Gehirn wieder in die richtigen Positionen fielen. Ich wusste nicht, ob ich sauer auf meine Tochter sein sollte oder wütend auf mich selbst. Weil ich nicht aufgepasst hatte. Weil ich sie zwar vor all den Matteos dieser Welt gewarnt, aber es ganz offensichtlich nichts genützt hatte. Hatte ich versagt? War ich eine schlechte Mutter? In diesem Moment fühlte ich mich genau so. Aber mir war auch klar, dass uns meine Schuldgefühle hier nicht weiterbringen würden.
Ich drehte mich zu Raymond um. Seine Miene war ausdruckslos, und ich bemühte mich um Fassung. Doch ein Blick in sein Gesicht ließ mich für den Bruchteil einer Sekunde wieder Teenager sein.
Ich fühlte den Autositz unter mir, hörte die leise Musik aus dem Radio und sah in die Augen des Jungen, der zwar der große Bruder meiner besten Freundin war, aber mich schon vor einer Weile für sich eingenommen hatte. Aber wie gesagt – er war der große Bruder meiner Freundin, er war unerreichbar für mich. Und obwohl ich das wusste, hatte ich lange damit gekämpft, ihn nicht haben zu können. An jenem Abend war es besonders schlimm gewesen, denn er hatte mich geküsst ... und ich hatte mich danach in den Schlaf geweint. Allein. Und mir anschließend geschworen, nie mehr einen Gedanken an ihn zu verschwenden. Hatte ich auch nicht. Diese rosarote Brille hatte ich noch am selben Abend abgenommen und nicht wieder aufgesetzt.
»Amber Stark. Warum ist mir die Ähnlichkeit nicht gleich aufgefallen?« Sein tiefer Bariton riss mich aus meinen Erinnerungen. Raymond schien irritiert, sah von meiner Tochter zu mir und zurück.
»Sie hat gerade mehr Ähnlichkeit mit dem Joker als mit mir«, gab ich zurück und rang mir ein Lächeln ab.
Das Blau seiner Augen war dunkler geworden, seine Gesichtszüge kantiger, hatten nichts mehr mit dem einstigen Teenager gemein. Der Drei-Tage-Bart stand ihm gut. Seine Mundwinkel zuckten unmerklich, und genau wie damals rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger über Mund und Kinn, um seine Emotionen zu verstecken. Mir fiel der Ring auf, den er an seiner rechten Hand trug. Das brachte mich für einen kurzen Moment aus dem Gleichgewicht.
Raymonds Miene war ernst, aber nicht unfreundlich. »Sie ist sechzehn. Sie sollte nicht hier sein.«
»Ich weiß«, gab ich zurück und konnte gerade noch verhindern, den Kopf vor lauter Scham hängen zu lassen. Tränen der Wut und Enttäuschung über mein Versagen schluckte ich hinunter. Seinem Blick nach zu urteilen, steckten wir in noch größeren Schwierigkeiten, als ich anfänglich angenommen hatte.
Raymond nickte langsam, lehnte sich an den ausladenden Schreibtisch, an dem selbst ein Hüne wie er schmächtig wirkte, und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese hatte an Breite in den letzten Jahren ein gutes Stück zugelegt. Bestimmt verbrachte er die Tage im Gym, während er sich die Nächte in diesem Club um die Ohren schlug. Auch wenn er damals schon ein guter Sportler gewesen war, war es der Körper eines Jungen gewesen. Jetzt war er ein Mann. Verdammt. Zugegeben – er sah toll aus, aber ich fegte den Gedanken schnell beiseite wie eine lästige Fliege.
»Mit sechzehn ist sie fünf Jahre davon entfernt, überhaupt einen Fuß über die Türschwelle meines Clubs setzen zu dürfen.«
Seines Clubs? Wann war das denn passiert? Soweit ich mich erinnern konnte, wollte er damals Anwalt werden. Strafrecht? Hatte sich auf das College vorbereitet, wollte niemals in die Fußstapfen seines Vaters treten. Ich ohrfeigte mich innerlich, dass ich ausgerechnet jetzt über so etwas nachdachte. Was er tat und wo oder mit wem, das ging mich schlichtweg nichts an. Rein gar nichts. Unsere Zeit, wobei man nicht mal von einem »uns« sprechen konnte, war schon längst Vergangenheit.
Ich konzentrierte mich also wieder auf die Lage. »Wer hat sie denn reingelassen? Hast du kein fähiges Personal?«, konterte ich.
Sein Blick fiel einen Sekundenbruchteil lang auf den Security-Mitarbeiter, der weiterhin wie ein unbeweglicher Pitbull an der Tür stand. Aha, den Gedanken hatte er wohl auch schon gehabt.
Ich musste versuchen, Isabella hier so unbeschadet wie möglich rauszukriegen. »Ray ... Können wir uns darauf einigen, dass, wenn ich verspreche, sie in Zukunft von hier fernzuhalten, ihr ein Jahr Hausarrest erteile und zusätzlich zur Zwangsarbeit im Haushalt verdonnere, ich sie dann mit nach Hause nehmen kann?«, versuchte ich es. »Du kannst natürlich auch die Polizei rufen, dann haben wir allerdings beide ein Problem.«
Raymond sagte nichts, legte nur den Kopf ganz leicht schief, so wie er es schon damals gemacht hatte, wenn er nachdachte. Ich hatte diese kleinen Gesten an dem schweigsamen, aber auch einfühlsamen Jungen damals sehr gemocht. Er hatte nie viel von sich preisgegeben, aber das hatte ihn geheimnisvoll gemacht und mich dazu gebracht, ihn eine Zeit lang mehr zu mögen, als es gut für mich gewesen war.
Während ich auf eine Antwort wartete, warf ich einen Blick zu Isabella, die immer noch unbeweglich auf dem Sofa saß. Die Wenn-ich-mich-nicht-bewege-sieht-mich-niemand-Taktik beherrschte sie ausgezeichnet. In meiner Brust wurde es ganz warm, als ich sie ansah. Ja, sie hatte Mist gebaut, aber sie war meine Tochter und ich liebte sie abgöttisch. Außerdem konnte ich nicht urteilen, bevor ich nicht wusste, was genau geschehen war. Und das würden wir zu Hause klären. Nicht hier. Und diesen Matteo würde sie niemals wiedersehen!
»Ich hatte ihr die Wahl überlassen – Polizei oder Eltern. Nun bist du hier, also klären wir das unter uns. Was du aber noch wissen solltest – der Junge, mit dem sie hier war, dieser Matteo, ist kein guter Umgang.«
In mir zogen sich sofort die Eingeweide zusammen. »Das heißt was genau?« Wenn noch der wahrheitsliebende und immer direkte Raymond von damals in dem Mann steckte – dann war das nicht einfach so daher gesagt. Außerdem entsprach es meinem Bauchgefühl.
Raymond stieß sich vom Schreibtisch ab und kam auf mich zu. Als er vor mir stand, konnte ich sein Aftershave riechen. Er hatte die Marke gewechselt, roch erwachsener, männlicher als damals.
»Kein guter Umgang«, wiederholte er.
»Das sagtest du schon.«
»Ich sage es noch mal. Und ich wiederhole mich nicht gerne. Er ist der Enkel von einem DeLuca, der, wie ich erfahren habe, eine Art Mafia-Boss ist. Also bitte – tu euch selbst einen Gefallen – halte deine Tochter von dem Jungen fern.« Das Blau seiner Augen wurde dunkler, wie eine Veränderung auf dem Meer, wenn das Wetter wechselte. Ich erschauderte. »Er bedeutet Ärger.«
»Hey, ich sitze auch hier!«, beschwerte meine Tochter sich.
»Ja, und wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause«, schoss ich zurück.
»Matteo ist kein Mafioso oder so was! Er ist -«
»Nicht hier und hat dich allein gelassen.« Mein scharfer Blick brachte sie zum Schweigen. Sie zuckte kurz, dann senkte sie den Kopf und hielt den Mund.
Ich hätte gerne mehr über diese Mafia-Sache erfahren, aber der Nachdruck seiner Worte reichte mir fürs Erste. Google würde mir vielleicht helfen, mehr zu erfahren. Isabella würde es vermutlich nicht tun. Ansonsten blieb mir immer noch ein Anruf bei Raymond. Ich seufzte, dann nickte ich zustimmend.
»Okay.«
Er nickte nun ebenfalls. »Vertrau mir, bitte.«
»Fürs Erste«, sagte ich und warf ihm einen Blick zu, der ihm zeigen sollte: In der Sache ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. »Wir gehen jetzt besser.«
»Natürlich. Bist du ...? Hast du einen Wagen? Ich kann euch fahren lassen, wenn ...«
»Danke, ich bin mit dem Auto da.« Es wurde Zeit, dass ich hier rauskam.
»Braucht ihr noch was?« Raymond sah mich an. Ich wusste, er wollte helfen.
»Eine Hintertür wäre super.«
»Sam ...« Er nickte und wies den Pitbull an, uns durch den Hintereingang nach draußen und zum Auto zu bringen.
Isabella stand auf und zog sich das Jackett von den Schultern. Ich schluckte. Sie hatte noch weniger an, als ich auf den ersten Blick befürchtet hatte. Hätte ich doch nur an einen Mantel gedacht. Oder eine Tarnkappe.
Raymond winkte ab. »Behalt es.« Mit großen Augen sah sie ihn an, dann mich und wieder Raymond. Schließlich nickte sie, zog sich die Jacke erneut über und hielt sie mit verschränkten Armen über der Brust zusammen.
»Danke«, sagte ich schlicht. Ich wusste nicht mehr zu sagen, und keine Worte hätten ausdrücken können, was ich gerade fühlte.
Raymond nickte nur. Ich hatte den Eindruck, er wollte noch etwas sagen, aber vielleicht täuschte ich mich auch. Er hatte sich verändert. Die Offenheit von früher war einer Verschlossenheit gewichen, die es damals noch nicht gegeben hatte. Dennoch schien etwas unter seiner Fassade zu brodeln. Aber das ging mich nichts an. Wir lebten verschiedene Leben, und diese Begegnung würde in wenigen Tagen wieder vergessen sein.
