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Attentat am Alexanderplatz: Ein neuer Thriller mit dem Ermittlerteam vom LKA-Berlin: Rosa Lopez und Viktor Saizew Sechs Menschen fallen am Berliner Alexanderplatz einem Attentat zum Opfer – ausgerechnet, während in der Stadt ein Kongress der Polizeiorganisation Interpol stattfindet. Mit einer Machete richtet der Killer ein Blutbad an. Anschließend flüchtet ein Motorradfahrer vom Tatort Richtung Berlin Falkensee. Dort muss sich Viktor Saizew wegen eines Dienstvergehens einer Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung unterziehen, doch das Verbrechen respektiert keine Auszeit. Mit Viktors Hilfe kommt Rosa Lopez, die vom LKA Berlin mit den Ermittlungen beauftragt wird, dem Täter bedrohlich nahe. Bis sie selbst zur Zielscheibe wird. Actionreich und »stets am Rande der Selbstaufgabe« (Stern) tauchen Rosa Lopez und Viktor Saizew vom LKA Berlin auch in ihrem vierten Fall in menschliche Abgründe und die düsteren Seiten der Hauptstadt ein. Die Thriller-Reihe von Katja Bohnet ist in folgender Reihenfolge erschienen: • »Messertanz« • »Kerkerkind« • »Krähentod« • »Fallen und Sterben«
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2020
Katja Bohnet
Thriller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Sechs Menschen fallen am Berliner Alexanderplatz einem Attentat zum Opfer – ausgerechnet, während in der Stadt ein Kongress der Polizeiorganisation Interpol stattfindet. Mit einer Machete richtet der Killer ein Blutbad an. Anschließend flüchtet ein Motorradfahrer vom Tatort Richtung Berlin Falkensee. Dort muss sich Viktor Saizew wegen eines Dienstvergehens einer Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung unterziehen, doch das Verbrechen respektiert keine Auszeit. Mit Viktors Hilfe kommt Rosa Lopez, die vom LKA Berlin mit den Ermittlungen beauftragt wird, dem Täter bedrohlich nahe. Bis sie selbst zur Zielscheibe wird.
Widmung
Motto
Unten
Springer
Schon da
Dreimal
Herzschlag
Am Waldrand
Sherlock Holmes
Unten
Überführt
Unten
Perlinger
Kartons
Unten
Kühlfächer
Anderer Name, gleiches Produkt
Unten
Drei Affen
Unten
Dirty Talk
Karten und TV
Unten
Suizidvertrag
Angst mischt sich mit Koffein
Tauben fliegen hoch
Prinzen aus Indien
Abweichen von Symmetrie
Minimale Bewegung auf engstem Raum
Taschenspielertricks
Bodenfrost
Chinesen mögen Katzenfleisch
Viktor hört Geräusche
Tote und Vermisste
Stille nach dem Sturm
Leichen, die nach oben treiben
Unter einem Dach mit Kannibalen
Metaphysik
Interessenkonflikt
Ohne Konjunktiv
Nicht klein beigeben
Dinge, die nach Kupfer schmecken
Anakonda
Ausgerechnet Dommartin
Glück gehabt
Frieren
Verstärkung anfordern
Keine Papiere
Gulliver auf Reisen
Überlebende finden
Wegsehen im richtigen Moment
Zwischen Wut und Heiterkeit
Abdrücken
Zimmer 303
Drei Tage später
Frauen
Namen auf einem Kreuz
Danksagung
für Lola
»Wissen Sie, Männer sehen Frauen überhaupt nicht. Je berühmter man ist, desto weniger wird man gesehen.«
Sara Gran, »Das Ende der Lügen«
»Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen.«
»Hänsel und Gretel«, »Kinder- und Hausmärchen« gesammelt durch die Brüder Grimm
»I wanna end me«
Billie Eilish, »Bury a friend«
Als ein Deckel über das Loch geschoben wurde, ahnte ich, dass es das Ende war. Noel verhielt sich mucksmäuschenstill. In der Dunkelheit spürte ich, wie seine kleinen Hände nach mir tasteten. Er schien okay zu sein. Wir rappelten uns auf. Ich streckte meine Glieder vorsichtig, um zu testen, ob etwas gebrochen war. Dabei sagte ich etwas Beruhigendes. Für ihn und für mich. Keine Ahnung, ob Noel es hörte. Celine schrie immer noch wie am Spieß. Es dröhnte in meinen Ohren. Zwei Stunden später sollte ich etwas milder über sie urteilen. Sie ging uns immer maximal auf die Nerven. Aber jetzt hatte sie einen guten Grund, zu schreien. Viele Gründe. Normalerweise regte sie sich über alles auf. Egal was wir sagten: Maman und Papa gaben ihr meistens recht. Ich wartete darauf, dass sich mein Herzschlag beruhigte. Aber in meiner Brust explodierte etwas fast. Ich musste nachdenken. Panik hatte noch nie etwas gebracht. Nicht beim Handball, wenn die anderen zuverlässig trafen, wenn das Spiel immer schneller wurde. Auch nicht in der Schule, beim Rechnen an der Tafel, wenn ich nicht gelernt hatte. Nicht beim Fahrradfahren, wenn ich schneller ankommen wollte als die anderen. Celine schrie genug für uns alle. Wenn jemand in der Nähe war, würde er sie garantiert hören. Falls er sie hören wollte. Aber wer verirrte sich schon hierher? Wir kannten das Feld, aber kaum jemand spielte hier. Von dem alten Schacht hatten wir auch nichts gewusst. Hätte ich auch nur eine Vorstellung davon gehabt, was noch passieren würde, hätte ich auch geschrien. Aber nur Versager ließen sich gehen. So wie Celine. Ich machte Dinge auf meine Art. Noel wusste das, weshalb er sich jetzt auch an meine Hand klammerte und nicht an die von Celine. Gott! Selbst in diesem Moment habe ich sie gehasst. Ungerecht. Vermutlich war sie die Einzige von uns, die sofort kapierte, was mit uns geschehen war.
1
Leben war tödlich. Keiner wusste das so gut wie Viktor. Er galt als ein Experte in Sachen Tod. Er hatte sich nie viele Gedanken gemacht. Weder über die nächste Mahlzeit, seine Lebenssituation noch, wie er sterben wollte. Wenn es nach ihm ging, hatte er ein Monopol auf die Unsterblichkeit. Eine beeindruckende Leistung für einen ehemals Todkranken, einen Menschen, der immer die Konfrontation gesucht hatte, einen Mann, dem nicht mehr viel am Leben lag. Viktor war der eine Kunde, dem Schnitter Tod das Ende einfach vorenthielt. Viktor rätselte, ob er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. In einem schwachen Moment, von denen es schon viele gegeben hatte. Schon wieder verweigerte sich ihm der Tod.
Wie eine Laune,
wie die Missgunst des Dealers,
wie ein eingeschnapptes Kind.
Viktor konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als nicht sterben zu dürfen. Warum hatte er es schon so unendlich viele Male versäumt, abzutreten? Er hatte es wahrhaftig oft genug versucht.
Das Ende winkte einen nach dem anderen durch. Männer, Frauen, Kinder. Viktor hatte neben ihren Leichnamen gestanden. Gestürzt, erstickt, erschossen, aufgeschlitzt, erwürgt. Kaum stand Viktor auf der Schwelle, schüttelte der Tod den Kopf. Viktor konnte sich nicht erinnern, wann er dieses Urteil unterschrieben hatte. Wie, warum oder an welchem Ort. Seine Verstrickung war ihm ein Mysterium. Jetzt hätte er alles gegeben, um den Deal rückgängig zu machen. Aber der Teufel galt als geschickter Handelsreisender, der jeden übervorteilte.
Der Dezemberwind riss an Viktors Kleidung. Er ließ keinen Zweifel aufkommen, dass der Herbst in Berlin längst Geschichte war. Dass der Winter bleiben würde. Dass er bereit war, alles einzufrieren, mit einer Eisschicht zu bedecken, ausnahmslos. Viktors Kopfhaut zog sich fühlbar über seinem Schädel zusammen. Die Kälte drang in seine Poren ein. Unter Viktors Schuhspitzen fuhren Spielzeugautos vorbei. Spielzeugmenschen kreuzten die Straße, eilten über Bürgersteige. Spielzeugbauarbeiter zogen Mützen ins Gesicht. Die Ecke des Gebäudes, auf dem Viktor stand, wies wie eine düstere Prophezeiung in die Hauptstadt. Ein paar trockene Blätter, die sich wie Überlebende bis zuletzt noch an den Ästen festgehalten hatten, segelten vor Viktors Augen vorbei. Kapitulation. Aber Viktor fühlte keinen Schwindel. Ausgerechnet jetzt, wo Schwindel eine natürliche Reaktion auf die Höhe gewesen wäre, versagte das Symptom, das ihn in den vergangenen Monaten immer wieder überfallen hatte. Hinterrücks, Voraussage unmöglich, mit maximalem Überraschungseffekt. Gehirntumore verhielten sich unberechenbar wie Spieler. Viktors Existenz hatte sich schlagartig in einen Zustand der Unsicherheit verwandelt. Er war entweder krankgeschrieben, absent oder suspendiert. Manchmal war er unsicher, ob er sich seine Arbeit beim Landeskriminalamt Berlin nur eingebildet hatte. Die Marke, seine Dienstwaffe gaukelten ihm sein Gehirn vielleicht nur noch vor. Viktor war dem Verrücktsein häufig näher als der Normalität. Die Grenzen zwischen diesen Zuständen verschwammen zunehmend. Aber war das nicht auch das Wesen von Mordermittlungen? Die Entgrenzung von Gut und Böse? Eine Welt in Grauschattierungen. Einzig Schwarz und Weiß fehlten als Bezugspunkte.
Viktor sah an sich hinab über den Sims des Gebäudes und verspürte absolute Gewissheit. Ein kleiner Schritt, der ihm vorher noch nie eingefallen war. Unter ihm: Berlin, dieser vertraute Planet. Dieser Fixpunkt angesichts einer sich bewegenden Welt, die sich von nichts davon abhalten lassen würde, sich zu drehen. Von keinem atomaren Schlag, keinem Polumschwung, keinem Selbstmord einer traurigen Gestalt von einem Dach der Berliner Charité.
Viktor hatte nie bewusst über diese Selbsttötung nachgedacht. Er hatte sich nicht informiert. Weder bei anderen Patienten noch im Internet. Selbstmord war ihm vertraut. Er hatte in seiner Zeit als Polizist die Resultate zahlreicher erfolgreicher und erfolgloser Suizide gesehen. Körper, die bewegungslos an einem kurzen Seil baumelten. Befestigt an einem Querbalken auf irgendeinem Dachboden. Verdrehte Körper auf dem Asphalt. Meter darüber offene Fenster oder ein leerer Sims. Blutspritzer an Zimmerwänden, die ein ganz eigenes Muster bildeten. Davor ein zusammengesackter Körper. Offener Mund, der Hinterkopf ein Brei aus Knochen und Gewebe. Im Tod war der Mensch nur noch unbelebtes Material. Viktors eigene Regung erschien ihm eher spontan, Folge einer inneren Überzeugung, die sich erst jetzt manifestierte. Viktor wollte nicht um Hilfe rufen. Es war auch niemand anwesend, der ihn gehört hätte. Diesen einen Schritt hatte er nie bewusst geplant.
Im Sommer galt der mit einem Zaun abgegrenzte Bereich auf dem Dach der Psychiatrie als ein beliebter Treffpunkt. Manchmal grillten die Patienten mit dem Personal. Der Blick über die Stadt war spektakulär. Die Raucher fühlten sich frei, aschten in die laue Brise. Springer mussten unten bleiben. Jetzt waren die Stühle an der Wand gestapelt, die Tische lehnten zusammengeklappt daneben. Sonnenschirme lagen zusammengeschnürt am Boden. Die bunten Stoffkanten flatterten am Boden wie müde Falter. Die Stahltür war hinter Viktor zugeschlagen. Endgültig, wie ein letzter Schicksalsschlag.
Könnte auch einfach hier erfrieren, dachte Viktor. Aber ein Erfrierungstod benötigte Zeit, die Viktor nicht hatte. Sein Entschluss stand fest. So schnell er ihn gefasst hatte, so definitiv fühlte er sich an. Viktor sah wieder nach unten. Der Geruch nach Abgasen und Winterluft. Frische, verdreckte Luft. Die Aussicht, auf der Luisenstraße oder der Großen Hamburger Straße zu sterben, schien ihm nur konsequent. Selbst der Stadtplan Berlins, Viktors unmittelbarer Bezugspunkt in dieser Stadt, sein sicheres Netz, schmolz zu einer trivialen Kinderzeichnung zusammen. Straßen, Namen, nichts schien mehr Sinn zu ergeben. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Viktor gehörte zu dieser Stadt. Folgerichtig kehrte er nur zu ihr zurück.
Der Wind pausierte, eine nachfolgende Böe versetzte Viktor einen Stoß. Er strauchelte, überantwortete sich der Luftströmung, ließ sich einfach fallen. Da war sie wieder: die Natur. Sie nahm ihm die Entscheidung ab. Womit hatte er gerechnet? Mit freiem Fall? Mit Luft, die an ihm riss, dass er kaum Atem schöpfen konnte? Mit ultimativer Orientierungslosigkeit? Verwirrung? Mit Angst? Furcht? Mit einem brutalen Schlag, der alles beendete? Mit Schmerz? Viktor war sich sicher, dass kein Schmerz auch nur annähernd dem glich, der ihn seit Wochen quälte.
Als sein Körper auf der Kante aufschlug, nahm es Viktor den Atem. Er spürte tausend Nadeln, die seine rechte Seite perforierten. Schulter, Arm und Bein. Mit einem Stöhnen rollte er sich auf die Seite. Was ausblieb, war ein weiterer Fall. Was ausblieb, war wieder einmal der Tod. Er lag an einer halbhohen Mauer, vier Meter über ihm der Sims. Der tückische Wind. Heute sein Feind. Viktor begriff, dass Unsterblichkeit ein Fluch war, dem er nie zu entgehen schien.
Als er die Augen öffnete, erkannte er sie, eine Scheibe ein paar Meter weiter trennte ihn von ihr. Sie presste ihre Hände von innen gegen das Glas. In ihrem Blick lagen Mitleid oder Verachtung? Man konnte nie genau sagen, auf wie viele Arten sie ihre Mitmenschen missbilligte. Aber seine Mutter war tot. Genauso wie Siska. Ihr Blick sagte Viktor, was er ohnehin wusste: Er hatte ein weiteres Mal versagt.
2
Angesichts der Tatsache, dass Gunnar von mehrfachem Mord sprach, klang seine Stimme entspannt und kühl. Lopez erwartete auch nicht, dass sich eine Malerin noch über Eitempera erregte oder ein Lehrer über Schultafeln. In der Abteilung des LKA Berlin »Delikte am Menschen« geriet kaum einer in Wallung, wenn ein Mensch gewaltsam starb. Es gab Abläufe. Geschäft war Geschäft. Einer musste es abwickeln, erledigen, tun. Eine davon war Rosa Lopez. Gunnar Scholz war ihr Chef. Er konstatierte nüchtern »mehrere Opfer«, »am Alex«, nannte den Namen eines Kongresszentrums und den Ansprechpartner der Schutzpolizei vor Ort.
Rosa Lopez fror. Atemschwaden formten sich vor ihrem Mund. Auf der B1 bildete sich an der Ampel ein Stau, weil die Autos nicht in die Alexanderstraße einbiegen konnten. Abgesperrt. An der Kreuzung graue Plattenbauten, deren Fassaden man neu verkleidet hatte, um Berlin das Trabantenhafte zu nehmen, mit dem die Architektur im Osten Deutschlands so viele Großstädte prägte.
Wohnmaschinen, Wohnungsbau, Baukastensysteme, System. Die Funktionalisierung dieser Welt.
Menschen, die weite, betonierte, ungeschmückte Plätze wie Puppen bevölkerten. Chemnitz, Jena, Berlin. Weiß, Hellgrau, Mittelgrau, die Farbe Grau in allen nur möglichen Schattierungen. An der Ecke Alexanderstraße hatten Bauarbeiter wieder einmal den Bürgersteig aufgerissen. Junge Männer, deren Muskeln sich unter den dicken Arbeitsjacken wölbten, knieten auf dem kalten Untergrund. Mit behandschuhten Händen legten sie Steine. Lopez wunderte sich, dass der Frost sie nicht in die Winterpause gezwungen hatte. Die Arbeiter wirkten wie zu große Kinder, vertieft in ein riesiges Puzzlespiel. Mehrere Polizisten hatten sie inzwischen von ihrem Spiel- und Arbeitsplatz verbannt. Der blaue Bauwagen war geschlossen. Absperrband flatterte im Wind. Im Hintergrund heulte jemand laut und klagend. Der Platz, auf dem Lopez stand, wirkte wie ein Stillleben. Oder wie eine Coppola-Filminszenierung einer Oper in Weiß und Rot, die ihrem Mann Bernhard sicherlich gefallen hätte. Am Ende, auf der Treppe, kurz nachdem der Vorhang gefallen war.
Lopez wusste, dass Gunnar Scholz ihre Handynummer vermutlich häufiger wählte als die seiner Ehefrau. Rosa Lopez war Gunnars bester Mann. Noch vor einigen Wochen hatte sie sich diesen Titel mit einem anderen Mitarbeiter geteilt. Lopez schob den Gedanken beiseite. Seitdem Viktor Saizew nicht mehr zusammen mit ihr Fälle bearbeitete, hatte seine mentale Präsenz die körperliche einfach ersetzt. Lopez bevorzugte Viktor in Fleisch und Blut. Seine Projektion in ihren Gedanken hatte ein ausgefranstes Loch in der Brust. Oder einen blutenden Riss am Oberarm. Der Spuk-Viktor lag in einem Bett, er stotterte, suchte nach Worten oder stieß unverständliche Laute aus, seine linke Hand hing verkrümmt und leblos hinab. Manchmal sackte der riesige Körper urplötzlich in sich zusammen. Während er am Boden zuckte, rutschten seine Pupillen weg. Mal hielt er sich eine Waffe an den vernarbten, kahlen Kopf und drückte wieder und wieder ab, und sie vermochte es nicht zu verhindern. Immer aber sah er sie reglos an. Ruhig und gelassen. Eigenschaften, die sich denselben Wohnraum mit der explosiven Brutalität teilten, die in Viktor schlummerte. Wesenszüge, die Lopez fürchtete und schätzte. Auf eine seltsam verquere Art. Dieser Geist von Viktor konkurrierte mit den Gedanken an die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte, den Gedanken an ihre zerstörte Ehe, den Gedanken an Bernhard, der wie ein Fremder in der Küche ihrer gemeinsamen Wohnung saß,
den Gedanken an das nächste Opfer, dessen gewaltsamen Tod es aufzuklären galt.
Und den Gedanken an die Inserate auf »Zimmerscout« (zu klein oder zu schnell vergeben) und »Immo2000« (zu kostspielig), auf denen sie seit Wochen nach einer Wohnung suchte. Lopez hasste ihr Leben in diesem Moment mit einer Intensität, die sie selbst irritierte. Solange ich noch hassen kann, bemitleide ich mich noch nicht, dachte sie.
Als Gunnar irgendwann sagte, was er immer sagte, dass sie nämlich kommen müsse, jetzt sofort, da erwiderte Lopez etwas, das Gunnar überraschte. Sie schaute auf den zerfetzten Oberkörper, an dem Haut und Hemd blutig ineinander übergingen, auf den fast abgetrennten Unterarm, der nur noch an einigen Sehnen hing, und das Gesicht, dessen Ausdruck den gewaltsamen Unfrieden der letzten gelebten Augenblicke noch widerspiegelte. Gunnar befeuerte ihr Trommelfell mit Fragen. Lopez’ Blick wanderte über den abgeschlachteten Mann zum nächsten Opfer, das nur zwei Meter weiter entfernt lag, zu vier anderen, die im Umkreis von vielleicht zwanzig Metern auf dem mit Blut benetzten Platz dunkle Inseln bildeten, bis zu der dramaturgisch geschickt platzierten Leiche auf der Treppe zum Kongresszentrum. Sie sagte: »Lass mal, Gunnar! Ich bin schon da.«
3
Navid Muchtari begrüßte Viktor mit den Worten: »Da sind Sie ja schon wieder.«
Was sollte Viktor antworten außer dem Offenkundigen? Also sagte er nichts. Mit einem unterdrückten Stöhnen nahm er Platz.
Muchtari beobachtete ihn schweigsam. Das Aufnahmegerät lief leise. Jedes ihrer Gespräche zeichnete der Arzt auf. Viktor versuchte, sich möglichst wenig zu bewegen. Einen Augenblick verweilte der Blick des Arztes auf den zwei Plastikflaschen, die Viktor wie eine bizarre Herrenhandtasche an zwei Gazebändern über der Schulter trug. Die Flaschen baumelten neben dem Sessel hin und her. Ihr Inhalt folgte träge.
Mit einem Fingerzeig fragte Muchtari: »Sie haben die Prellungen punktieren lassen?«
Viktor nickte müde. Die Hämatome, die er sich bei seinem Sturz zugezogen hatte, breiteten sich über den halben Oberschenkel, seine linke Rumpfseite und den Arm aus. Unter den Rippen sowie in seiner Oberschenkelmuskulatur steckten Katheter, die das Blut aus den geplatzten Gefäßen saugten. Das Abfließen des Sekretes sollte ihm Erleichterung verschaffen. Erleichterung von den Schmerzen, die ihn bei jeder leichtesten Bewegung quälten. Aber Erleichterung war ein relativer Begriff. Viktor wusste genau, was ein Vakuum bedeutete. Er verspürte es seit Wochen jeden Tag.
»Wie viele Tage brauchen Sie die noch?«, fragte Muchtari und meinte damit die Blutflaschen.
»Zwei«, antwortete Viktor. Er hatte noch nie viele Worte gemacht, aber seit seinem erbärmlich gescheiterten Selbstmordversuch wog er jedes Wort mit der Goldwaage ab. Selbst das Sprechen bereitete ihm Schmerzen. Er bezahlte diese spontane Eingebung und sein Scheitern mit Zins und Zinseszins.
Muchtari sagte etwas von Bettruhe, und Viktor sagte etwas von keine Ruhe finden. Der Zeiger der Standuhr mit den römischen Ziffern rückte hörbar vor. Navid Muchtari schlug Viktors Akte auf, und Viktor schalt sich für die dumme Idee, die Therapie schon einen Tag nach »dem Vorfall« wieder aufzunehmen.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals in der Charité ein derart geschmackvoll eingerichtetes, mit antiken Möbeln ausgestattetes Arbeitszimmer gesehen zu haben. Dr. Mehringer und Dr. Nowak hatten in gesichtslosen Behandlungsräumen praktiziert. Ihre Büros waren zweckmäßig vor zwanzig Jahren von einer sparsamen Krankenhausverwaltung eingerichtet worden. Viktor fielen abwischbare Oberflächen ein, weiß und steril. Kunstdrucke an den Wänden von minderer Qualität. Landschaftsdarstellungen oder Stillleben. Bevorzugt Aquarelle. Ein Inventar ohne Inspiration oder Leidenschaft, zweckdienlich und belastbar. So wie die Diener ihrer Zunft.
Viktor las an einer Plakette an der Wand: Dr. Dr. Navid Muchtari und fragte sich, wie sein Therapeut es geschafft hatte, sich derart persönlich in einem städtischen Krankenhaus zu verwirklichen.
Dr. Navid Muchtari war Ende der Zweitausendzehnerjahre aus dem Iran nach Berlin gekommen. Er machte keinen Urlaub oder besuchte einen Kongress, er war aus seinem Heimatland geflohen. Er hatte die Proteste nach dem Wahlsieg Ahmadineschads unterstützt, Listen unterschrieben, Demonstrationen besucht und sich für die Opposition politisch engagiert. Nur ein paar Monate zuvor hatte er sein Studium der Medizin beendet. Einen Abschluss in Psychologie hatte er bereits seit sechs Jahren in der Tasche. Viele im Land wussten, dass die Fortschrittlichen und Weltoffenen mehr als nur eine Wahl verloren hatten. Nach einer Protestveranstaltung in Teheran wurde Muchtari vom Geheimdienst vorgeladen. Nie vergaß er die kühle Zweckmäßigkeit dieses Verhörs, die Drohungen. Zwei Stunden danach saß er regungslos allein am Küchentisch seiner Verlobten. Sie spielte gerade bei einem Tennisturnier in ihrem Verein. Wie immer würde sie alle Spiele gewinnen. Sie war sehr ehrgeizig. Ihr Aufschlag tödlich, fast jeder Schlag ein Ass. Ein Schreiben lag vor Muchtari auf der Tischplatte. Kurz entschlossen steckte er ein paar Fotos und Dokumente in eine Umhängetasche und verließ das Haus, als wolle er Freunde besuchen. Er hob von seinem Konto einen überschaubaren Betrag ab und verließ das Land über die Türkei. Es zog ihn nach Lyon, wo er Verwandte hatte. Diese aber warnten ihn, dass eine direkte Spur von ihnen zu seiner Familie und Verlobten wies. Oppositionellen verzieh der Staat ihr Handeln nicht. Ihre Angehörigen nahm er deshalb gern in Sippenhaft. Sollte der lange Arm des iranischen Geheimdienstes tatsächlich bis in ein demokratisches europäisches Land reichen? Muchtari zweifelte, aber seine Zweifel reichten aus, um besonnen und überlegt zu handeln. Er entschied sich für einen kompletten Neuanfang. Als er in einem Auffanglager in der Nähe Augsburgs landete, hatte er einen falschen Pass in der Tasche, Heimweh im Herzen und Läuse auf dem Kopf. Er erreichte Berlin vier Monate später. Seine Ersparnisse waren mittlerweile aufgebraucht. Acht Jahre nach seiner Flucht besetzte er eine gut dotierte Stelle in der Charité, bewohnte eine Altbaumaisonette in Schöneberg, war immer noch Single und spielte samstags Squash mit anderen iranischen Exilanten. Die Telefonate mit seiner Freundin hatte er sechs Jahre zuvor eingestellt. Sie konnte ihm die unangekündigte Flucht nicht verzeihen. Mittlerweile hatte sie einen regimetreuen Zahnarzt geheiratet. Ihrem Hang zu Akademikern war sie treu geblieben.
Neben Viktor hing ein Stadtpanorama an der Wand, was er jetzt betrachtete. Eine Grafik von beinahe verstörender Präzision. Darauf ein Wappen, das Viktor nicht zuordnen konnte.
Der Arzt sah von den Akten auf. Sie lagen dick wie die Gerichtsakten eines strafrechtlichen Prozesses auf seinem übergroßen Biedermeierschreibtisch. Er erhob sich, um in einem Sessel gegenüber von Viktor Platz zu nehmen. Leder, cognacfarben.
Viktor bemerkte, wie die Zeit verging, und fragte sich, ob Ärzte auch durch Schweigen Geld verdienten.
Um ihn eines Besseren zu belehren, stellte Muchtari fest: »Das war das zweite Mal.«
Obwohl Viktor nicht entging, dass Muchtari das Was nicht benannte, verstand er ihn genau. Er überlegte kurz, diese Behauptung zu ignorieren, entschied sich aber aus einem unerfindlichen Grund, sie geradezurücken. Vielleicht, weil Viktor etwas an der Wahrheit lag. »Das dritte Mal«, sagte er mit Betonung auf dem zweiten Wort.
Muchtari zog die Augenbrauen hoch. »Drei Mal?«, fragte er und: »Was habe ich verpasst?«
Sekunden vergingen hörbar.
Viktor antwortete: »Tabletten. Am letzten Besuchstag. Musste sie wieder herauswürgen.«
Musste. Muchtari machte sich eine Notiz. »Wer besuchte Sie an diesem Tag?«, fragte Muchtari.
Viktor erkannte, dass er diesen kleinen, feingliedrigen Arzt unterschätzte. In einem Verhör öffnete eine scharfsinnige Frage wie diese Türen. Viktor zögerte die Antwort dennoch heraus. Es war das Wesen jeder anständigen Therapie, dass sie einen früher oder später zu unbequemen Bekenntnissen zwang. Das hatte diese Gesprächsform mit den Befragungen gemein, die er selbst durchführte. Jedem gelungenen Verhör sollte ein Geständnis folgen. War er bereit für einen solchen Akt der Selbstentblößung? Wollte er sich helfen lassen? Er benötigte Heilung, aber nicht um diesen Preis.
Muchtari betrachtete seinen Patienten, der offensichtlich darauf wartete, dass die Zeit schneller verging. Er wunderte sich, woher Viktor genug Tabletten für eine Selbsttötung erhalten hatte. Die Medikamenteneinnahme der Patienten wurde streng kontrolliert. Aber die Antwort darauf musste warten. Muchtari erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Auf die Frage, warum er sich selbst eingewiesen habe, antwortete dieser Riese von einem Mann, dass seine Großmutter es von ihm verlangt habe. Muchtari hatte gelernt, Patienten nicht vorschnell zu beurteilen. Jeder Mensch, mit dem er sich in diesem geschützten Raum unterhielt, offenbarte Überraschungen. Aber nur den wenigsten gelang das in der ersten Sitzung. In Viktor Saizews Gesicht hatte das Leben Spuren hinterlassen. Rote Narben, die auffällige Striche von der Schläfe über das rechte Ohr zeichneten, zogen den Blick wie selbstverständlich an. Auch rein klinisch war der Hauptkommissar des Berliner Landeskriminalamtes nach der Entfernung seines Gehirntumors ein interessanter Fall. In Viktor Saizews Blick lag die Erfahrung eines Menschen, der schon viel gesehen hatte, den nicht viel schockierte. Muchtari fand darin auch eine Sturheit, die ihresgleichen suchte. Und etwas Weiches, dass sich hinter einer hohen Mauer aus Stein verbarg. Der Blick, den Viktor Saizew aussandte, besagte: Leg dich besser nicht mit mir an! Man machte sich diesen Mann mit den rohen Gesichtszügen eines Schlägers, dessen abgetragene Kleidung über Muskelbergen spannte, besser nicht zum Feind. Kurz hatte Muchtari darüber nachgedacht, ob es für ihn als Arzt gefährlich werden würde, mit diesem Patienten über das Persönlichste zu sprechen. Frontlappenstirndefekte galten als persönlichkeitsverändernd. Sie förderten aggressives Verhalten, brachten es bei manchen lammfrommen Menschen erst hervor. Niemand konnte Saizew bei seiner Krankengeschichte einen Vorwurf machen, wenn er Muchtari in einem schwachen Moment bis zur Unkenntlichkeit verprügelte. Für diese Patienten waren Selbst- und Impulskontrolle oft nur noch Fremdworte, die sie niemals mehr ganz verstehen würden. Aber Saizew verhielt sich ungewöhnlich kontrolliert. Außer in Situationen, in denen ihm das Leben nichts mehr zu bedeuten schien. In denen der Selbsthass die Oberhand gewann. In Muchtaris Vorstellung materialisierte sich die schwarze Druckschrift der Einträge in Saizews Akte. Er hatte sich der Waffe eines Polizisten in Moskau bemächtigt. Es hatte mehrerer Menschen bedurft, ihn davon abzuhalten, sich selbst zu erschießen. Muchtari wusste aus dem Studium der Akte, was an Viktor Saizews Innerstem nagte wie der Adler, der sich von der Leber des Prometheus ernährte. Muchtari stand auf, durchquerte den Raum. Fünf weitere Minuten war der Zeiger der Standuhr vorgerückt. Der Geruch von Mittagessen drang zu ihnen herein. Die Mitarbeiterinnen der Kantine bereiteten sich auf den Andrang vor. Muchtari vermerkte zufrieden, dass der Vormittag außergewöhnlich still verlaufen war. Er tippte auf seiner Tastatur, scrollte durch einige Dokumente, deren Buchstaben auf seinem Bildschirm vorüberzogen. Als er fand, was er gesucht hatte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.
»Rosa Lopez«, sagte er. Viktor Saizews Gesicht blieb absolut regungslos. »Wollte Sie am letzten Besuchstag hier aufsuchen. Aber Sie hatten angeblich keine Zeit.« Muchtari beobachtete den Mann. Er hätte schwören können, dass dessen Mundwinkel leicht zuckten. »Was hatten Sie Dringliches zu tun?«
Die Standuhr schlug zwölf Mal.
»Ich denke«, sagte Navid Muchtari nachdenklich, »das nächste Mal sollten wir über die Frauen in Ihrem Leben sprechen.«
»Die Frauen in meinem Leben«, sagte Saizew nach einer kurzen Pause, »sind entweder meine Großmutter, verheiratet, minderjährig oder tot.«
4
Weißt du, how difficult it is, einen Menschen mit einer Machete umzubringen?«, kauderwelschte Morris vor sich hin.
Es war zumindest Morris’ Stimme, die unter dem grauen Schutzanzug hervordrang. Es war auch Morris’ gedrungener Körper, der sich unter dem beschichteten Kunststoff abzeichnete.
»Nicht wenn man die Halsschlagader trifft«, mutmaßte Lopez.
»Oder die Bauchschlagader«, ergänzte Morris, »so wie bei dem da.« Unbestimmt deutete der Rechtsmediziner über den Platz. »But«, betonte er, »not easy!« Er stand auf. »Vorab: Diese Verletzungen hier«, erklärte er, »waren not deadly. Not at all.«
»Und warum ist diese Frau dann tot?«, fragte Lopez gehorsam, die sich wie eine billige Stichwortgeberin im Theater fühlte. Lopez fand, dass die wüsten Wunden an Schulter, Oberschenkel und Gesicht durchaus für einen Tod gereicht hätten. Oder für zwei. Aber der Mensch war ein zähes Tier. Er überlebte die unglaublichsten Verletzungen. Er fiel von Hochhäusern, wurde angefahren, mehrfach angeschossen und überlebte.
»How about Herzschlag?«, fragte Morris. »Wenn jemand mit einer Machete auf mich zukäme, würde ich guaranteed einen bekommen.«
»Du bist heute überzeugender als jedes Horoskop«, frotzelte Lopez.
»Tomorrow werde ich es dir genau sagen können.« Damit drehte er sich um, klappte seinen Koffer zusammen und bahnte sich den Weg zwischen den anderen Kollegen der Spurensicherung. Noch im Weggehen rief er Lopez zu: »Herzschlag! Mark my words.«
Lopez murmelte leise »Jaja« und konnte sich nicht entschließen, wem sie folgen sollte: Morris, der ihre Fragen zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht verlässlich beantworten konnte, oder Gunnar, der vor ein paar Minuten angekommen war und jetzt am Rande des Geschehens telefonierte. Morris’ Schnelldiagnose Herzschlag war angesichts des sich vor ihr ausbreitenden Schlachtfeldes so absurd, dass sie beinahe gelacht hätte. Aber laut herauszulachen fiel ihr nach all den Jahren immer noch schwer. Sie hatte acht Jahre lang nicht gelacht. Irgendwann hatte sie es verlernt.
Ihr Chef stand plötzlich neben ihr. Er telefonierte laut und zwang sie damit, ihm genau zuzuhören. Ab und an schaute er sie bedeutungsvoll an. Jeder Mord in Berlin, der unter offenem Himmel stattfand, zwang Gunnar dazu, danach erst einmal Drohnen abzufangen. Früher Journalisten, heute neugierige Technikfreaks. Erst vor ein paar Monaten waren Bilder einer verbrannten Frauenleiche auf YouTube aufgetaucht. Gunnar litt jetzt noch unter Schweißausbrüchen, wenn das Gespräch darauf kam. Bei jedem zweiten Satz strich er sich die hellen Haare aus dem Gesicht. Gunnar Scholz war ein großer, schlanker Mann. Stets in einfarbigem Hemd und Anzug gekleidet, reagierte er auf die meisten Vorkommnisse in ihrem Beruf nervös und aufgeregt. Immer schien er unter Strom zu stehen. Herzschlag. Genau genommen war Gunnar der ideale Kandidat. Mittlerweile entwickelte auch er einen leichten Bauchansatz, den seine Kleidung geschickt kaschierte.
»Täter?«, fragte er sie jetzt.
»Auf der Flucht«, antwortete Lopez.
»Zeugen?«
»Jede Menge. Da!« Lopez deutete zu mehreren Krankenwagen, neben denen sich eine Ansammlung von Menschen ballte. »Und dort. Der hier«, sagte sie, »hat es leider nicht mehr geschafft.«
Betroffen betrachtete Gunnar den Leichnam, den ein vermummter Kollege gerade mit einer Plane bedeckte. Der ein paar Meter weiter liegende Bauhelm erhielt jetzt einen Sinn. Polizisten bauten Sichtbarrieren um die Opfer auf.
»Tatwaffe?«
Lopez unterstrich das eine Wort, das sie sagte, mit einem Fingerzeig: »Da!«
Gunnar kniff die Augen zusammen. Energisch schritt er aus, kniete sich hin und beäugte die blutbeschmierte Machete argwöhnisch, die vor ihm neben einem Schild mit der Nummer sieben auf dem Boden lag. Hartholzgriff, gekrümmte Klinge aus rostfreiem Stahl, circa fünfzig Zentimeter lang. Aber diese Details würde er erst später erfahren. Jetzt sah er nur ein scharfes Werkzeug, das einem Menschen den Tod gebracht hatte. »Wo war das?«, fragte er ohne Zusammenhang.
Lopez wartete, bis sich ihr Chef erklärte.
»London, oder? Wurde da nicht einer auf offener Straße geköpft?«
»Beinahe«, antwortete Lopez. »Ein Soldat.«
»Waren das nicht Islamisten?«
»Sie riefen den Namen Allahs und haben danach noch per Video ein Statement abgesetzt.«
Gunnar überlegte. »Islamistischer Terror. Wir sind angehalten, diese Bezeichnung erst zu verwenden, wenn wir Gewissheit haben.« Er klang wie ein Student der Linguistik, der gezwungen wurde, die Bedienungsanleitung für ein Gerät zu übersetzen, dessen Funktion er weder kannte noch verstand. »Was wissen wir?«, fragte er Lopez.
»Nicht viel.«
»Sag mal«, fragte Gunnar, als habe ihn Lopez’ Bemerkung völlig aus dem Konzept gebracht, »wieso warst du eigentlich so schnell hier?«
Ihr Chef brauchte zwar immer lange, kam aber schlussendlich auf das Wesentliche. »Fortbildung«, sagte sie.
Gunnar schaute sie an, als rede sie Spanisch. Oder Denglisch wie Morris. Erst jetzt schien er zu bemerken, dass sie keine Uniform trug. Gunnar wusste, wie ungewöhnlich das für Lopez war.
»Interpol. Cyber-Crime-Conference.«
Der Gesichtsausdruck ihres Chefs klarte unmittelbar auf. »Heilige Scheiße!« Dann öffnete er überrascht den Mund. »Interpol! Heißt das, die meisten Opfer könnten Polizisten sein? Womöglich auch noch ausländische Kollegen?!«
»Gut möglich«, antwortete Lopez, »aber so weit sind wir noch nicht.«
Gunnar stammelte: »Aber … aber falls doch … warum hat sich keiner von ihnen mit einer Waffe gewehrt?«
»Ein Kongress, Gunnar. Kein Jahrestreffen der Mafia. Die Teilnehmer tragen keine Waffen. Sie würden damit gar nicht reinkommen.«
»Wäre etwas für Viktor gewesen«, sagte Gunnar nachdenklich.
»Tja«, bemerkte Lopez, die verstand, was ihr Chef meinte. Viktor, der sich immer geweigert hatte, eine Waffe zu tragen. Weil er selbst eine Waffe war. »Aber Viktor ist nicht da.«
Sie schwiegen, als habe sie Viktors gedankliche Manifestation am Tatort völlig aus dem Tritt gebracht. Als dränge er sich zwischen sie, obwohl er nicht anwesend war. Viktor blieb dem gewaltsamen Tod treu. Sogar in der Psychiatrie.
»Die müssen doch einen Sicherheitsdienst haben«, stellte Gunnar schließlich fest.
»Natürlich«, sagte Lopez. »Drinnen.« Sie sah, wie Gunnar langsam das Ausmaß dieses Verbrechens begriff. Und die behördlichen Verwicklungen, die es mit sich bringen würde.
Ihr Chef griff erneut zum Handy. Sie hörte die Worte »dringend«, »Fahndung« und »BKA«. In Kürze würde entschieden werden, wer die Lage führte. Bevor die Antiterroreinheiten auftauchten, würde Lopez das tun, was sie im Schlaf beherrschte: Erbsen zählen, Fleißarbeit. Sie sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde Zeugenbefragung. Auf Glück und den Richtigen hoffen. An diesem Platz zählte sie vier Überwachungskameras. Sie musste Detlev aus der Kriminaltechnik anrufen. Es war noch ungewiss, welche Behörde die Bilder auswertete. Lopez hasste die Stabstreffen. Die Meetings zum Informationsaustausch, in der sie in einem gesicherten, fensterlosen Raum tagten und sich in Telefonkonferenzen über Lautsprecher mit den anderen Behörden verständigten. Ein beklemmendes, anstrengendes Szenario.
Als Betreiber der Kameras kamen die Stadt Berlin oder CongressBerlin infrage. Mehrere Telefonate. Eilige Gerichtsbeschlüsse. Bei dieser Sachlage jedoch kein Problem. Sie brauchte Hilfe. Rosa Lopez hatte den Namen noch nicht zu Ende gedacht, als sich die Person bereits vor ihr manifestierte. Lopez lächelte gezwungen.
Mette Hansen war völlig außer Atem. Selbst abgehetzt wirkte sie wie aus dem Ei gepellt. Akkurater Pferdeschwanz. Modische Hornbrille. Die Uniform saß wie eine zweite Haut. Es fiel Lopez immer noch schwer, zu akzeptieren, dass sie zusammen mit ihr arbeitete. Dass sie de facto Viktor vertrat. Ausgerechnet die Kollegin aus Dänemark, die sie vor ein paar Monaten kennengelernt hatte, kam als Hospitantin zum LKA. Hansen war Fachfrau für Daktyloskopie. Was sie in ihrer Abteilung »Delikte am Menschen« suchte, war Lopez rätselhaft. Wie sich die Sorgen doch wandelten. Damals hatte sich Lopez im Mutterschutz gesorgt, Hansen könnte sie vielleicht ersetzen. Dass es ausgerechnet Viktor geworden war, glich dem abgründigen Humor, den das Schicksal gelegentlich besaß. Gunnar hatte Hansen und sie zusammengesteckt wie zwei Teile, die nicht richtig passten. Aber Teamwork war wichtig. Ohne gute Kolleginnen ging es nicht. Teamwork war bei der Polizei noch wichtiger als Hierarchie. Das hatte Lopez seit der Polizeiakademie in der Zusammenarbeit mit Viktor gelernt. Die neue Kollegin hatte Talent. Sie war ehrgeizig. Das hatte sie bei den Ermittlungen in Dänemark bewiesen. Lopez grüßte Hansen kurz, sah auf die Uhr. Nur noch vier Stunden, bis sie die Kinder abholen musste.
5
Was wollen Sie?
Arbeiten.
Was brauchen Sie?
Therapie.
Viktor hatte diesen Dialog zwischen ihm und seinem Arzt nicht vergessen. Kein Entweder-oder. Nur Schwarz, kein Weiß, nicht einmal Grautöne.
»Ich habe mit Ihrer Kollegin telefoniert.«
»Mit welcher?«, fragte Viktor, obwohl er sehr gut wusste, um wen es sich handelte.
Muchtari verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Sie müssen mir nichts vormachen. Das hier ist kein Verhör.«
Viktor hatte man schon vieles vorgegaukelt. Was nicht bedeutete, dass er glaubte, was man ihm erzählte.
»Es könnte da eine Lösung geben.«
»Passend zu meinem Fall?«, schob Viktor bissig ein.
»Wenn Sie gesund werden wollen, sollten Sie zumindest für eine Zeit lang diesen Sarkasmus abstellen.«
Was Viktor nicht unbedingt einleuchtete, hatte ihm doch dieser Sarkasmus oft genug das Leben erträglicher gemacht. Eine Eigenschaft, die er im Übrigen mit Lopez teilte.
»Rosa Lopez. Sie sagt, Sie bräuchten eine Aufgabe.«
»Wie ein altes Zirkuspferd?«
Muchtari machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich verstehe Ihre Beziehung zu dieser Frau nicht.«
Viktor seufzte. »Warum sollte es Ihnen besser als mir ergehen?«
»Na gut. Wollen Sie zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören?«, fragte Muchtari, während er eine der Kanülen aus Viktors Oberschenkel entfernte.
Viktor verzog das Gesicht. »Ist mir scheißegal«, antwortete er.
»Halten Sie bitte mal!« Während Viktor den Tupfer auf die Wunde presste, trennte Muchtari Nadel und Drainageschlauch. Die Spitze warf er in eine Kunststoffbox. Schlauch und Flasche mit Viktors Blut gefüllt, lagen wie bizarres Inventar auf der Untersuchungsliege. Viktors Haut hatte die Farbe gewechselt. Lilafarbene Schattierungen wechselten sich mit grünlichen Flecken ab. Er sah aus wie ein Hooligan, der bei einer groben Schlägerei nach Strich und Faden verprügelt worden war.
»Die Untersuchungskommission«, fuhr Muchtari fort, »hat nach Ihrem gewalttätigen Angriff auf den Mann Ihrer damaligen Ärztin entschieden, dass Sie sich für mindestens drei Monate in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung einfinden müssen.«
Damalige Ärztin.
Leander Nowak.
Geschlossene Abteilung.
Gewalt war Gewalt. Sie kannte keine Graustufen. Nicht im Fall einer misshandelten Frau, die zufällig auch Viktors Ärztin gewesen war. Nicht im Fall von Viktors körperlicher Zurechtweisung ihres Peinigers, der zufällig der Mann seiner Ärztin gewesen war. Man machte nichts recht, indem man unrecht tat. Viktor schien diese Lektion nur schwer zu lernen. Viktor überlegte, was er von der Nachricht seines Arztes halten sollte. Ob sie die schlechte oder die gute war. Er war nach den Erfahrungen der letzten Monate wachsam geworden. »Werden mir die Wochen hier angerechnet?«
»Das muss ich noch klären. Therapie statt Strafe. Sie sind als Polizist hier sozusagen ein Sonderfall.«
Sonderfall. Viktor kannte sich mit dem Attribut bestens aus. Schon während seiner Kindheit hatte er sich anders als die anderen verhalten, behauptete zumindest seine Babuschka. In seiner Jugend hatte er sich aufgelehnt. Streit gesucht und auch gefunden. Schlägereien warteten an jeder Ecke, und er kostete sie aus. Bis der andere am Boden lag, bis Zähne wackelten, bis er sich keuchend und mit wunden Fingerknöcheln abwandte. Viktor schwänzte die Schule ab einem Zeitpunkt konsequent. Er klaute, wenn er etwas brauchte. Viktor fühlte sich niemandem verpflichtet, seitdem seine Mutter gestorben war. Ihr Gesicht kannte er nur von alten Fotografien. Das Gesicht seines Vaters nur aus Erzählungen seiner Großmutter Mila. Dass ihr Enkel ausgerechnet das Aussehen des Mannes geerbt hatte, der ihre Tochter verlassen hatte, als sie schwanger war, schien Mila ihm in schlechten Augenblicken zu verübeln. Wie eine negative Erinnerung, die sich nicht verdrängen ließ. Viktor hatte aber auch die braunen Augen seiner Mutter geerbt. Das erinnerte Mila jeden Tag daran, was Verantwortung bedeutete. Dass sie sich übertrug. Von einer Generation zur nächsten. Sie heftete sich an Viktors Fersen wie ein Ermittler an einen schwierigen Fall. Mila holte ihn von der Schule ab und brachte ihn morgens wieder hin. Sie zwang ihn, sich bei anderen zu entschuldigen, wenn er sie verletzt hatte. Die Liste war lang. Sie bestrafte ihn, wenn ihre Gutmütigkeit versagte. Viktor bemühte sich, weil er ihr enttäuschtes Gesicht nur schwer ertrug. Weil sie ihn unterstützte und begleitete und umsorgte, während Freunde einfach abstürzten. Ohne Beistand ihrer Familie, ohne Netz im freien Fall. Viktor würde ihn dennoch nie ganz verlieren, diesen Hang zur Gewalt. Die süchtig machende Anspannung vor einem Konflikt, das Entladen der Brutalität, das Abebben des Adrenalins nach dem Kampf, die Schmerzen, die jeden Triumph begleiteten.
Es war eine Auseinandersetzung von so vielen, die Viktor zwingen sollte, sein Heimatland Russland zu verlassen. Ein Mitbewohner seiner Kommunalka, der ihn provozierte und nicht damit aufhörte. Viktor, der – einen mittelmäßigen Schulabschluss in der Tasche – mittlerweile in der Nachbarschaft konsultiert wurde, wenn es etwas zu reparieren gab, weil er ein natürliches Talent dafür besaß, Zerbrochenes zu flicken, konnte nicht widerstehen. Noch einmal, nur ein letztes Mal, ließ er sich gehen. Er schlug den Kontrahenten, bis er sich nicht mehr rührte. Noch konnte er im Rausch des Kampfes nicht ahnen, dass sein Leben gerade eine Wendung nahm. Dass ihn der Kampf fünfundzwanzig Jahre später einholen würde. Dass manche Siege Niederlagen waren. Dass manche Pechsträhnen nie endeten.
Mila zwang ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Land zu verlassen, bevor die Polizei ihn verhaftete. Sie suchte ihn bereits. Sein Gegner lag mit ernsthaften Verletzungen im Krankenhaus. Viktors Steckbrief hatte die Grenzen noch nicht erreicht, als sie außer Landes flohen. Diese Schuld würde immer an ihm kleben.
Dieses Gewicht am Bein sollte ihn immer daran erinnern, wem er sein Überleben verdankte. Anfang der Neunziger reiste er mit seiner Babuschka nach Deutschland ein. Es verschlug sie nach Marzahn. Marzahn. Polabisch für Sumpf. Viktor hatte Sankt Petersburg nie als reiche Stadt empfunden. Nur das Zentrum seiner Heimat prahlte an jeder Ecke mit dem Gold einer Zarenstadt. Es waren also nicht die Hochhäuser in Marzahn, die Viktor irritierten. Auch nicht die kahlen Plätze, die der Wind als Durchgangsstraßen nutzte. Es war die Anonymität.
Mila drängte Viktor zu einer Ausbildung bei der Polizei. Dieses Zugeständnis verlangte sie ihrem Enkel ab als Akt der Läuterung. Also bewarb er sich. Er lernte Deutsch. Ackerte russisch-deutsche Wörterbücher durch, las laut Texte aus alten Schulbüchern, die seine Babuschka auf Flohmärkten erwarb. Den russischen Akzent verlor er jedoch nie. Die slawische Herkunft sah man Viktor an. Die körperlichen Voraussetzungen für die Ausbildung bei der Polizei erfüllte er. Für praktische Prüfungen musste er nicht trainieren. Er war ein junger starker Mann, der nicht wusste, wohin mit seiner Kraft. Eine saubere Weste zu behalten, darin bestand Viktors Ziel. Zumindest während der ersten Jahre in dieser fremden Stadt. Nur unter dieser Bedingung hatte sich Mila bereit erklärt, das Land überhaupt wieder zu betreten, dessen Führer und willige Vollstrecker sie noch mehr hasste als den Krieg. Mila verachtete Deutschland mit einer Wucht, die Viktor überraschte. Zu spät erfuhr er von diesem Teil ihrer Vergangenheit. Viktor musste sich eingestehen, dass sein Leben auf Versprechungen basierte. Immer wieder verpflichtete er sich seiner Babuschka. Auch jetzt hatte eine Abmachung ihn hier in die Psychiatrie gebracht. Das Zirkuläre dieser Welt. Wenn Viktor es recht bedachte, schien Mila ihn nur durch Verhandlungsgeschick vor dem Niedergang zu bewahren. Oder er sie. So sicher konnte sich Viktor da niemals sein. Seine Großmutter war sein Schutzengel. Alt, stur und weißhaarig. Obwohl Mila keineswegs ein Engel war.
»Litt jemand in Ihrer Familie unter Depressionen?«, wollte Muchtari wissen.
»Wer nicht?«, fragte Viktor zurück.
»Hat sich ein Verwandter deshalb umgebracht?«
»Niemand«, antwortete Viktor nach einigem Nachdenken »den ich besonders gut kannte.« Dieser Satz schien das Verhältnis zu seiner Mutter präzise zu beschreiben.
»Die gute Nachricht ist, dass ich da ein Projekt habe«, brach Muchtari in Viktors Überlegungen ein. »Darf ich?« Mit diesen Worten klebte Muchtari ein Pflaster auf Viktors Haut.
Viktor erinnerte sich an Marita Nowak, die auch ein Projekt gehabt hatte. Eine ärztliche Studie. Viktor hatte keine guten Erinnerungen daran. An ihr Haus in Dänemark. An den Keller, in dem er auf dem nackten Zementboden fast gestorben war.
Muchtari zog sich die Gummihandschuhe von den Fingern, rollte auf seinem Hocker zum Mülleimer und entsorgte das Verbandsmaterial, das noch an Viktors Sturz erinnerte. Er bat Viktor, sich wieder anzuziehen. »Falkensee.« Mit diesem Wort unterbrach Muchtari Viktors Tätigkeit, »Das Haus liegt am Wald. Großes Grundstück. Geschlossene Einrichtung mit Park. Am Stadtrand, ein ruhiger Ort.«
Aha, dachte Viktor. Waldrand, mit Park. Nur Urlaub konnte schöner sein.
»Eine kleine Therapiegruppe. Ausgesucht. Nur Männer.«
»Sie wissen«, sagte Viktor, »dass das keine gute Werbung ist.«
»Bei Ihrer Kranken- und Lebensgeschichte bin ich mir da nicht so sicher«, antwortete Muchtari schnell.
Viktor musste zugeben, dass dieser Arzt es verstand, Widerspruch im Keim zu ersticken. Falkensee. Bürgerlicher Appendix Berlins. Viktor erinnerte sich an die Leiche eines Medienberaters, der an einer Überdosis vor seinem Flachbildschirm dort gestorben war. Falkensee.
Waldrand. Park. Männer.
Viktor bemerkte, dass ihm alles egal war. Dass er nichts fühlte.
6
Lopez fühlte sich müde. Das Baby kam alle vier Stunden, in manchen Nächten sah die Bilanz etwas besser aus. Nicht aber für die letzte Nacht. Der Mann redete, aber Lopez verstand ihn nicht. Tränen fielen auf seinen offensichtlich sehr teuren, rosafarbenen Kaschmirpullover. Aus dem V-Ausschnitt quollen nicht nur ein blütenweißer, offener Hemdkragen, sondern auch schwarze Brusthaare. Er hatte sich in seinen – welche Marke war das? – Burberry-Mantel eingehüllt, trug aber keinen Schal. Dass er heulte, unterstrich nur Lopez’ Müdigkeitsgefühl. Wo war der psychologische Dienst? Nicht jeder konnte zügig am Tatort eintreffen. Diese Dienste wurden beauftragt, Mitarbeiter entsandt. Manchmal reichte der kurze Dienstweg. Wenn es der lange war, konnten Stunden vergehen.
»Wir brauchen einen Dolmetscher«, stellte sie fest. »Moment.« Mit Gesten gab sie dem weinenden Menschen vor ihr zu verstehen, dass sie kurz telefonieren musste.
Erleichtert wandte sie sich ab. Sie hörte noch den Warteton ihres Diensthandys, als sie Hansens Stimme vernahm. Ihre neue Kollegin sprach kein Deutsch mit dem schluchzenden Mann. Wie Dänisch hörte sich das, was sie sagte, auch nicht an. Der Zeuge, den Lopez mit ihrem Schulfranzösisch nicht verstand, hörte ihrer Kollegin konzentriert zu. Tränen liefen noch aus seinen Augen, aber er wirkte ruhiger als zuvor. Ablenkung, die Königin aller Ermittlungsdisziplinen. Und doch ganz anders als bei Sherlock Holmes. Lopez steckte ihr Handy wieder ein, ohne weiter auf die Verbindung zu warten.
»Er sagt, dass sie seine Kollegin war«, dolmetschte Hansen, »dass sie zusammen gestern Abend den Nachtzug nahmen. Heute Morgen ankamen. Dass er gerade, während sie vorging, noch kurz bei einem Plakat stehen blieb. Irgendeine brasilianische Trommlertruppe, die im Admiralspalast auftritt.«
Lopez wusste, welche Litfaßsäule der Zeuge meinte. Sie stand direkt neben der Ampel. Gut sichtbar mit ihren Anschlägen für Autofahrer, die dort warteten. Die Europawahl stand an. Die ganze Stadt war plakatiert. Der Name Gideon Berlichinger tauchte überall auf. Niemand kannte den Mann. Europa war groß. Und der Politiker nur einer unter vielen. Auf einem Plakat von vielen. Wie das der brasilianischen Trommler. Manchen rettete Kunst das Leben. Einfach so. »Du sprichst Französisch?«
Hansen zuckte mit den Schultern. »Selbstverständlich, sagte sie. »Seine Kollegin ist … war Beamtin bei Interpol.«
»Name?«
»Seiner?« Hansen richtete eine elegante Wortkombination an den Mann, der jetzt wieder schluchzte.
Lopez suchte nach einem Taschentuch. Und musste sofort wieder an Viktor denken. Es war sein Job, Taschentücher an Zeugen und Angehörige zu verteilen. Sie hingegen hatte nie welche dabei. Eine Mutter ohne Taschentücher, dachte sie. Wie ein Hund ohne Schwanz zum Wedeln, ein Haus ohne Tür zum Eintreten, eine Bank ohne Geld zum Verleihen.
»Sie hieß Isabelle Meunier.«
Lopez notierte sich den Namen. Die Identität eines Opfers. Fehlten noch fünf.
»Lopez! Er möchte wissen, ob er seine Kollegin später noch identifizieren muss.« Hansen wirkte unsicher, ob hier die gleichen Gepflogenheiten galten wie bei der Københavns Politii.
Lopez hätte gern gesagt, dass Angehörige in Leichenhallen, die vor zugenähten Leichnamen standen, von deren Gesichtern Rechtsmediziner ein Laken zurückschlugen, weder die Regel noch die Ausnahme waren. Dass diese Szenen Filmen und nicht der Wirklichkeit ihres Berufes entstammten. Sie fragte sich, inwiefern man es den Kollegen bei Interpol anmerkte, dass sie nicht aktiv ermittelten. Dass sie nur Informationen sammelten, um sie europäischen Behörden zur Verfügung zu stellen. Interpol. Die Herrscher über Datenbanken. Sie hätte das Häufchen Elend vor ihr gern gefragt, wie oft er seine Kollegin noch identifizieren wollte. Stattdessen beschränkte sie sich auf ein simples Nein.
Neben ihr erschien Gunnar auf den Stufen. Normalerweise blieb er nie lange an einem Tatort. Er zog den Platz hinter seinem Schreibtisch vor. Dort telefonierte er und zog im Hintergrund die Fäden. Gunnar Scholz wusste, wie Behörden funktionierten. In Lopez’ Augen benahm er sich wie ein Opportunist. Aber wenn es darauf ankam, schützte er seine Mitarbeiter. Lopez hatte das oft genug erlebt. Viktor provozierte ihren Vorgesetzten regelmäßig zu einem Verhalten, das Lopez überraschte. Auch hier blieb sich ihr Chef treu. Sein Laden lief am besten, wenn er die zwei Außenseiter umwarb, die alles für ihn taten. Zu jeder Nacht- und Tageszeit. Die keine Überstunden scheuten, bis ein Fall zu den Akten gelegt werden konnte. Es gab nicht viele Polizisten, die der Behörde diesen Dienst erwiesen. Zu Recht existierten Gewerkschaften, die dafür sorgten, dass Beamte nicht ausgebeutet wurden. Lopez wusste, dass nur wenige sich so bedingungslos verausgabten wie Viktor und sie. Viktor brauchte diese Arbeit genauso sehr wie sie. Sie hatten beide nie etwas Besseres gelernt. Nur wenige gingen in der Verbrechensbekämpfung auf wie sie. Lopez war sich des Abgrunds, an dem sie entlangbalancierte, durchaus bewusst. Wer sich über Mordaufklärung definierte, brauchte Morde. Diese Perversion nahmen Viktor und sie bereitwillig in Kauf. Sie wehrten sich nicht aktiv dagegen.
Lopez fühlte sich in ihrer Familie fremd. Dazu die langen Jahre, in denen die Schuld sie innerlich zerfressen hatte. In denen sie nur an eines denken konnte: an den Verlust ihres zweiten Kindes, das eines Tages auf einem Berliner Spielplatz verschwunden war.
Viktor liebte seinen Job. Lopez konnte sich nicht erinnern, dass er während der ersten Jahre ihrer Bekanntschaft jemals eine ernsthafte Beziehung eingegangen war. Dass jemand oder etwas mit seinem Dienst konkurriert hatte. Diese Besessenheit verband sie, seitdem sie sich das erste Mal getroffen hatten. Lopez war in der Ausbildung, und Viktor war ihr Ausbilder. Seelenverwandte erkannten sich sofort. In Lopez’ Augen wurden sie beide erst vollständig, wenn sie gemeinsam arbeiteten. Das wusste Gunnar Scholz. Hier kreuzten sich ihre Interessen. Für ihren Chef stellten sie den Hauptgewinn dar. Sie bescherten ihm einen Ermittlungserfolg nach dem anderen. Viktor verstieß zwar ständig gegen die Auflagen seiner Behörde. Und Lopez wusste, dass sie niemand leiden konnte. Genauso wie die Leute Viktor mieden, machten sie auch um Lopez einen Bogen. Viktors schiere Größe, seine grobschlächtigen Gesichtszüge, seine wortkarge Art erschreckte andere. Lopez gab nicht viel auf ihr Äußeres. Sie arbeitete konzentriert. Auch das befremdete die meisten. Gunnar wusste: Als Menschen verhielten sich Viktor und Lopez schwierig bis abseitig, aber als Angestellte gehörten sie ganz ihm.
»Was gibt’s Neues?«, fragte Gunnar.
