Krähentod - Katja Bohnet - E-Book

Krähentod E-Book

Katja Bohnet

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Beschreibung

Sniper-Morde in Berlin und Moskau: der dritte außergewöhnliche Thriller von Katja Bohnet mit den Ermittlern Rosa Lopez und Viktor Saizew vom LKA Berlin Viktor Saizew vom LKA Berlin gönnt sich einen seltenen Urlaub in Moskau, als in seiner unmittelbaren Nähe ein Mann per Kopfschuss liquidiert wird. Der Tote war ein bekannter Schriftsteller, und absurderweise wird Viktor als Tatverdächtiger vernommen. Kurz darauf stirbt in Berlin eine russische Journalistin, erschossen auf offener Straße. Rosa Lopez erkennt Gemeinsamkeiten zwischen den Taten – und muss eilends nach Moskau reisen, als Viktor mit einer Waffe in der Hand aber ohne Erinnerung an die letzten Stunden in einer riesigen Blutlache aufgefunden wird … »Katja Bohnet entwickelt einen Sog, der den Leser immer tiefer in die Geschichte hineinsaugt.« FAZ über "Messertanz"

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Katja Bohnet

Krähentod

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Sniper-Morde in Berlin und Moskau: der dritte außergewöhnliche Thriller von Katja Bohnet mit den Ermittlern Rosa Lopez und Viktor Saizew vom LKA Berlin

 

Viktor Saizew vom LKA Berlin gönnt sich einen seltenen Urlaub in Moskau, als in seiner unmittelbaren Nähe ein Mann per Kopfschuss liquidiert wird. Der Tote war ein bekannter Schriftsteller, und absurderweise wird Viktor als Tatverdächtiger vernommen. Kurz darauf stirbt in Berlin eine russische Journalistin, erschossen auf offener Straße. Rosa Lopez erkennt Gemeinsamkeiten zwischen den Taten – und muss eilends nach Moskau reisen, als Viktor mit einer Waffe in der Hand aber ohne Erinnerung an die letzten Stunden in einer riesigen Blutlache aufgefunden wird …

 

»Katja Bohnet entwickelt einen Sog, der den Leser immer tiefer in die Geschichte hineinsaugt.« FAZ über »Messertanz«

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

MOSKAU

Tragödie

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

BERLIN

52. Kapitel

53. Kapitel

Zwei Monate später

Figurenverzeichnis

Danksagung

Für Stefan

Ein Mann und ein Vogel, was für eine rührende Geschichte!

 

Alex Proyas, Die Krähe

 

 

Im Rückspiegel sah ich die beiden Jungen auf der Straße stehen. Dreadlockjunge lachte, Selbstmordjunge lachte nicht.

 

Sara Gran,Die Stadt der Toten

 

 

He changed from being dead to being alive with the same mental shrug a busy man gives when he realizes he’s wrong about what day it is.

 

Lee Child,Tripwire

MOSKAU

 

 

 

 

 

 

Tragödie

Viktor lag in einer Lache roten Blutes. Er wusste noch nicht, dass es sich um Blut handelte. Er schlief. Nein. Er schlief nicht, er wachte. Es war Nacht. Eine Halbmondsichel ruhte sich über ihm aus. Die dunkle Decke musste der Himmel sein. Ein schwarzer Vogel flog über ihn hinweg. Viktor schwamm in einem See. Er hatte sich nie als versierter Schwimmer profiliert, aber jetzt glitt er mühelos auf dem Rücken dahin. Sanft schaukelte er auf und ab, hatte jegliche Körperbewegung eingestellt. Solange ich atme, dachte Viktor, trägt mich das Wasser. Reine Physik. Der See lag ruhig da, und obwohl es Nacht war, fürchtete sich Viktor nicht. Nichts irritierte ihn an der Situation. Hätte ihn etwas daran beunruhigt, hätte er es auf den Tumor geschoben. Eine kleine Halluzination. Halluzinationen beängstigten Viktor erst, wenn sie ins Albtraumhafte kippten. Wenn seine Wahrnehmung mit ihm spielte, ihm seinen Tod vorgaukelte, seinen Körper zu Boden warf, ihn schüttelte oder seinen Verstand mit schrillen Farben und Tönen über einem ewigen Feuer einer von den Teufeln verlassenen Vorhölle briet. Aber jetzt umfing ihn nur Stille. Wärme breitete sich in ihm aus. Viktor kannte keine Angst vor der Natur. Nur kurz flackerte ein Gedanke an das auf, was sich unter ihm befinden musste. Über der Tiefe dieses Sees, in dem er so ruhig schaukelte. Obwohl es angemessen gewesen wäre, dachte er nicht an Ungeheuer mit langen Hälsen oder Tentakeln. Woher er wusste, dass es sich um einen See handelte und nicht um ein Meer, konnte er nicht sagen. Warte, dachte Viktor sich, das kann noch nicht alles sein. Er hatte mit dem Grauen einen Pakt geschlossen: Wenn es ihn ereilte, begrüßte er es. Er wehrte sich nicht mehr, weil dieses Verhalten das Grauen nur anstachelte. Das Grauen mochte keinen Widerstand. Aber überraschen konnte es Viktor nicht mehr. Unerwartet davon betroffen zu sein, das hatte Viktor jahrelang gequält. Seinen Feind zu kennen und zu wissen, wie er sich tarnte, welche Verstecke er wählte, um ihn hinterrücks zu überfallen, erhob Viktor über die gewöhnlichen Opfer, die das Unheil leichtfüßig ereilte. Zeig dich!, dachte Viktor und vernahm sofort ein leises Geräusch. Ein Plätschern drang in die ihn umgebende Stille ein. Als Viktor den Kopf leicht drehte, erkannte er die Wellen, die kreisförmig von ihm ausgingen. Wieso wirft mein Körper Wellen, wenn ich mich nicht bewege?, fragte er sich. Viktor betrachtete den Wellenschlag und stellte fest, dass er sich geirrt hatte. Die Kräuselung des Wassers ging nicht von ihm aus, die Wellen rollten auf ihn zu. Einbildung, Irrsinn oder Traum? Viktor störte die Unmöglichkeit, Phänomene einzuordnen, nicht mehr. Aber was die Wellen verursachte, das interessierte ihn. In der völligen Schwärze der Umgebung konnte er nichts ausmachen. Geduld, ermahnte sich Viktor. Die Dinge geschahen ohnehin, ohne dass er sie rief oder beeinflusste. Als Polizist hatte er gelernt, abzuwarten. Er hatte sich nie als Teil einer schnellen Eingreiftruppe verstanden. Eher als ein Mensch, der hinter den anderen aufräumte. Der Struktur in das Chaos brachte, das ein gewaltsamer Tod hinterließ. Der einen kleinen Teil der Welt zur alten Ordnung zurückführte. Viktor hatte die Worte »Zeig dich!« noch nicht ein zweites Mal gedacht, als er spürte, wie der Seegrund unter ihm bebte. Wie etwas von unten gegen seinen Körper drückte. Wie es um ihn herum plötzlich rauschte und das Wasser sich erhob. Biblisch, wie in dem Moment, als es sich für Moses teilte. Wo er doch lag und nicht stand. Wie er über das Tauchen nachdachte und das Schwimmen, es aber verlernt zu haben schien. Wie er Salz und Blut schmeckte, als eine Woge über ihm zusammenschlug.

Viktor suchte nach Luft und fand nur Flüssigkeit, die er aufsog, weil ihn ein Reflex dazu zwang. Blut, dachte er. Er kannte den Geruch und die Struktur von Blut nur zu gut. Besser als er Wasser kannte. Rot vermittelte Viktor das Gefühl eines Zuhauses, keinesfalls Alarm. Jetzt spuckte er, etwas stach schmerzhaft in sein Kreuz, seine Lungen verlangten nach Luft, sie schrien danach. Eine alles überlagernde Empfindung stahl sich in sein Bewusstsein: ein Überlebenstrieb. Er musste sich bewegen, was ihm nicht gelingen wollte. Als er schließlich auf die Seite rollte, erkannte er glasklar den Geruch von Erbrochenem. Blind suchten seine Hände nach Halt in der ihn umgebenden Feuchtigkeit. Der Schmerz in seinem Rücken hatte nachgelassen. Er öffnete die Augen wie ein neugeborenes Kind, abwartend, was er sehen würde, sollte, musste. Schrift, ein Schild. Es erschien ihm wie Ironie, dass er kyrillische Buchstaben las, die eine überirdische Macht für ihn in gelbfarbener Neonschrift erleuchtete. Er las »Paradise«. Ein englisches Wort. Aber warum? Para dies. In diesem Wort steckte der Tod. Wer musste sterben? Aber dann erinnerte er sich, sein Gedächtnis setzte wie ein abgesoffener Motor wieder ein. Eine Kneipe, eine Bar. Vor Viktors innerem Auge zogen verschmutzte Holztische und verstaubte Lampen vorbei. Im gedimmten Licht erkannte er jemanden, der ihm gegenübersaß. Diese Person besaß keinen Kopf. Etwas an ihrer Kleidung kam ihm vertraut vor. Aber noch stotterte der Motor seiner Erinnerung. Viktor lag auf der Straße in seinem eigenen Erbrochenen. Es musste sein eigenes sein, denn im Mund verspürte er einen säuerlichen Geschmack. Er würgte und erhob sich mühsam wie ein Untoter aus seinem Grab. Kaum fanden seine Füße Halt auf dem rutschigen Asphalt. Seine Rippen schmerzten. Es regnete nicht, die Luft umgab ihn kühl, nicht kalt. In einigen Metern Entfernung streute eine dreiarmige Laterne fahles Licht. Etwas lief in sein Auge, vernebelte seine Sicht. Als er sein Lid mit den Fingerspitzen berührte, fühlte es sich genauso klebrig an wie die rote Pfütze, in der er stand. Die Nacht malte alle Flächen schwarz, aber auch ohne Tageslicht wusste Viktor, dass es sich um Blut handeln musste. Dass er selbst blutete, dass er in einem See von Blut stand. Viel Blut. Er kannte den typischen Geruch. Er wusste nicht, ob alles Blut ihm gehörte. Wäre er dann nicht tot? Oder war er es vielleicht? Diese absurden Gedanken, die sich ihm seit Monaten aufdrängten. Er sah niemanden. Die Straße wirkte verlassen, das Pflaster menschenleer. Die kyrillischen Buchstaben lösten eine Gewissheit aus: Moskau. Er hatte eine Reise dorthin angetreten. Die Häuser um ihn herum protzten mit verschnörkelten Fassaden. Typisch für den Arbat. Das Viertel kannte er. Warum, wusste er nicht. Er hatte nie dort gelebt. Aber dass sich nichts und niemand rührte, kam ihm seltsam vor. Wie eine menschenleere Welt, auf der er als einziger Überlebender noch nach Leben suchte. Viktor sah sich um und fühlte sich kalt, leer und allein. Eine Empfindung, die er nur zu gut kannte. In ihrer Entfremdung sehr vertraut.

Ich sollte nicht hier sein, dachte er und machte zwei unsichere Schritte aus dem Bannkreis der dickflüssigen Lache hinaus. Etwas zog seinen Blick magisch an. Da lag etwas, das in dem spärlichen Mondlicht glänzte. Als er sich hinunterbeugte, fühlte er einen Schwindel, den er schnell abzuschütteln versuchte. Er berührte den Stahl, nur um sich zu vergewissern. Eine Waffe. Viktor erinnerte sich an den unangenehmen Druck. Er musste auf dieser Pistole gelegen haben. Wem gehörte sie? Viktor trug keine Waffe. Aber er wusste sie zu gebrauchen. Hatte es jahrelang trainiert.

Viktor war nie ein guter Läufer gewesen. Sein Körper wog zu viel, war zu langsam, unbeweglich und massiv. Ein Berg rannte nicht. Er bliebt unverrückbar an seinem Ort. Warum bin ich hier?, fragte Viktor sich. Aber er wusste, dass er nicht hier bleiben durfte, um die Antwort auf diese Frage abzuwarten. Intuitiv entschied er sich für eine Richtung und setzte sich in Bewegung. Nach einigen Metern hielt er an und ging zurück. Seine blutigen Fußabdrücke zeigten ihm den Weg. Nur Sekunden waren vergangen. Die Waffe lag noch am selben Platz. Viktor ergriff sie ohne Hast, wischte sie notdürftig mit seiner durchweichten Jacke ab und steckte sie in den Hosenbund. Danach drehte er sich um und lief, so schnell er konnte, weg von diesem Ort.

Zwei Tage zuvor

1

Die Kugel riss dem Mann den Hinterkopf weg. Wiatscheslaw Maximow, wie Viktor später erfuhr. Knochensplitter und Blutstropfen flogen durch die Luft. Deutlich sichtbar vor dem völlig weißen Hintergrund, ausgeleuchtet von dem grellen Licht am Flughafen. Der Mann strauchelte, wie von einer Eisenhand gestoppt. Viktor, der den viel zu schweren Koffer seiner Großmutter Mila und den eigenen hinter sich herzog, bemerkte, wie er im Fallen seinen Griff löste und jemanden neben sich mit zu Boden zog. Die Schüsse hallten nach, der Mann sackte zusammen, und Viktor fand sich halb über eine Frau gebeugt auf dem Boden wieder. Fängt ja gut an, dachte er.

Viktor meinte damit seinen ersten Urlaub seit Jahren. Die zweite Reise nach Russland – sein ehemaliges Heimatland –, die er innerhalb eines Jahres unternahm. Der helle Marmorboden wirkte makellos, und Viktor erwischte sich dabei, wie er immer wieder auf Russisch »Vniz! – Runter! Alle runter!« brüllte. Wie sich die Menschen nach und nach wie in einem Garbenkreis um ihn herum zu Boden warfen. Wie andere panisch flüchteten. Einige verloren immer die Nerven.

Viktor bildete die Nachhut. Sein Blick zuckte von dem Getroffenen über den Menschenteppich, weil er seine Angehörigen suchte. Siska, Mila und ihren Freund, Trixi und Petja, die sich vielleicht schon am Ausgang des Flughafens Domodedovo befanden. Ein Mal täglich flog Air Berlin dorthin. Milas Koffer hatte auf sich warten lassen. Als die letzten Reisenden das Gepäckband verließen, schickte Viktor Siska mit den anderen vor. Es sollte sich nur noch um Minuten handeln, bis auch Milas Koffer auf dem Band erschien. Sie konnten schon ein Taxi klarmachen. Viktor würde den Preis aushandeln. Er kannte das. Warum unnötig Zeit verlieren?

Als Viktor nach dem Schützen suchte, sah er einen hektischen Geschäftsreisenden, der sein Handgepäck sogar in Lebensgefahr nicht loslassen wollte. Einen Mann mit schwarzer Kapuzenjacke, der in Richtung Abflug lief. Eine Gruppe Frauen, die rannten und deren Mäntel in modischen Farben mit jeder Bewegung wogten. Alte, Junge, Dicke, Dünne, Kleine, Große. Die Flucht hatte einen demokratisierenden Effekt.

Die Frau unter ihm lag völlig still, nach einer Weile rührte sie sich. Viktor bedeutete ihr mit einer Handbewegung, unten zu bleiben, aber er verlagerte sein Gewicht, das nicht unbeträchtlich war. Er wollte schließlich niemanden aus Versehen ersticken. Laute Schriftzüge schrien von Wänden und Plakaten, hauptsächlich Marken hochprozentiger Alkoholika. Willkommen in Russland, Land des Wodkas, Land des transparenten Giftes! Viktor hörte keine Schüsse mehr. Er robbte über den makellosen Boden zu dem leblosen Körper hin, der vor ihm lag. Viktors Finger prüften den Puls am Hals des Mannes, der in die Luft starrte. Viktor erkannte eine Leiche, wenn er eine sah. Kopfschuss, maximale Präzision.

Viktor schaute sich um. Er hörte die Schreie der Fliehenden nur noch leise, als habe jemand die Lautstärke reguliert. Die Ankunftshalle leerte sich. Koffer und Taschen bedeckten den Boden wie Steine einen Strand. Kein Puls, das sagte die Haut des Mannes, unter der das Blut nicht mehr zirkulierte. Eine Hand krampfte sich noch um eine altmodische Aktentasche. Ein heller Mantel, halb unter dem Körper eingeklemmt. Kurzes braunes Haar, nachlässige Rasur, Mund offen, überraschter Blick, akkurates Loch ins Gesicht gestanzt. Eine Blutlache, die sich unter dem Kopf ausbreitete, erreichte den Kragen eines hellblauen Hemdes, oberster Knopf geöffnet, Krawatte lose, dichte Körperbehaarung zeigte sich am Halsansatz. Brauner Anzug, Stangenware, schwarze Schuhe, nicht modisch, Gummisohlen. Auf circa hundert Kilo schätzte Viktor den Toten. Außer einem auffälligen Goldring trug er keinen Schmuck. Viktor widerstand nur mühsam dem Drang, in dessen Anzugtaschen nach seinem Geldbeutel und seinen Papieren zu suchen. Den Tatort nicht verändern. Gewohnheiten, Gebote, die man nicht vergaß. Mordermittler, wieder einmal a. D. Wie schon so viele Male zuvor. Ich bin im Urlaub, dachte Viktor. Das hier geht mich gar nichts an.

Mittlerweile schrillte ein Alarm, Uniformierte kamen mit der Waffe im Anschlag auf Viktor zu. Viktor hob die Hände. Er kniete noch. Er wusste, dass er auch fernab jeder Leiche anderen Menschen Furcht einflößte. Dass sein grob gezeichnetes Gesicht, sein massiger Körper andere verschreckte und bedrohte, obwohl er sich stets friedlich gab. Dass er sich als Polizist Recht und Ordnung verpflichtet fühlte, auch wenn er wusste, wie dehnbar die Definition dieser Begriffe war. Neben ihm erhob sich die Frau, die er mit seinem Körper geschützt hatte. Viktor sah in den Lauf einer Waffe, eine Jarygin PJa, Halbautomatik, beidseitiger Sicherungshebel, er kannte das Modell. In Russland nannte man die Pistole auch »Gratsch«, russisch für Saatkrähe. Schwarz und schillernd, Viktor schätzte die Poesie dieses Spitznamens. Der Lauf der Waffe zitterte nicht. Das Gesicht des Sicherheitsmannes wirkte ruhig. Kein Polizist. Dunkle Uniform. Vielleicht eine Ausbildung beim Militär? Die Sondereinheiten würden gleich eintreffen. Mehr Krähen flogen ein, bis sie auf dem Acker landeten.

»Danke!«, hörte Viktor die Frau neben sich sagen.

Er fand es unmöglich, sein Gesicht von der Waffe abzuwenden, um zu sehen, wer mit ihm sprach. »Ich war es nicht«, hörte er sich auf Russisch sagen.

»Er war es nicht«, wiederholte die Frau neben ihm. Nüchtern und bestimmt. Keine Spur von Angst.

Der Sicherheitsbeamte wies Viktor mit einem leichten Ruck der Jarygin an, zur Seite zu treten, was Viktor gern tat. Er entspannte sich, spürte das Gewicht seiner Hände. Sie hingen merkwürdig schwer an seinen Armen. Als trage er ein Gewicht. Viktor war defensive Gesten nicht gewohnt. Der Beamte sicherte und senkte die Waffe leicht. Viktor atmete hörbar aus. Zwei Polizisten knieten mittlerweile bei dem Toten. Erst jetzt gestattete sich Viktor einen Blick auf die Frau, die sich bei ihm bedankt hatte. Wasserstoffblondes, kurzes Haar, große Nase, grell geschminkter Mund, mehrere Piercings in Lippe, Nasenflügel und Ohren. Schwarze Kleidung, eng anliegendes Leder. Ketten, Ringe, wohin Viktor auch sah.

»Paschalusta – bitte«, antwortete Viktor. Er überlegte, wie er Siska erreichen konnte. Siska Mohn, mit der er doch eigentlich auf Urlaubsreise war. Er wusste, dass man einen Koffer finden, aber die Kontrolle über das Leben erneut verlieren konnte. Es würde dauern, bis er seine Freundin wiedersah. Ein unsichtbarer Draht verband ihn mit Totschlag und Mord. Egal wo Viktor sich befand, egal wo es geschah.

»Glück gehabt«, sagte die Frau.

»Warum?«, fragte Viktor

Viktor wollte wissen, weshalb dieser Mann hatte sterben müssen. Oppositionsmitglied, Tschetschene, ein zu gesprächiger Sportler, Schutzgeldverweigerer, Journalist? In Deutschland war Viktor mit diesen Vorurteilen aufgewachsen.

Seit der Erkrankung an einem Hirntumor hatte sich Viktor daran gewöhnt, dass manche Menschen seine Gedanken lesen konnten. Und dass ihn kaum noch etwas überraschte.

Die blonde Frau mit dem roten Mund schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Die Kugel galt nicht ihm. Sie war für mich bestimmt.«

2

Er sah auf die Uhr: Viertel nach acht. In einer halben Stunde würde die Sonne untergehen. Auf der Flughafentoilette des Abflugterminals zog er sich eilig die Kapuze vom Kopf, entledigte sich der schwarzen Jacke und der dunklen Hose. Die Kleidungsstücke stopfte er in eine bunte Stofftasche, die er entfaltete. Die Waffe steckte er hinten in den Hosenbund und zog Sweatshirt und Felljacke darüber. Er zupfte die Strumpfhose zurecht, schlüpfte in seine Schuhe und verrieb, den Taschenspiegel nahe vor dem Gesicht, noch einen Fleck unter dem linken Auge. Mit ein paar Handgriffen richtete er seine Frisur. Perfekt. Es ertönte eine Durchsage, die alle Passagiere und Reisenden ermahnte, Ruhe zu bewahren und das Flughafengebäude zu verlassen. Dazwischen schrillte regelmäßig ein Alarm. Er betätigte die Wasserspülung und lauschte. Jemand verließ hastig den Raum. Es wurde still, und er wusste sich allein. Er öffnete die Tür und erprobte kurz vor dem Spiegel einen erschrockenen Gesichtsausdruck, mit dem er den grell erleuchteten Raum verließ. Der Alarm tönte ohrenbetäubend. Er hielt sich die Ohren zu. Jemand rief ihm etwas zu. Die Abflughalle leerte sich. Eine Frau kauerte am Boden und weinte. Wenige Polizisten brüllten Kommandos. Jemand hatte die Drehtüren entriegelt, weite Löcher klafften in der Fensterwand, durch die sich Passagiere drängten. Er umrundete verlassene Koffer, übersprang zurückgelassenes Gepäck und folgte den wenigen, die noch zum Ausgang rannten.

Seine Flucht passte zu ihrer Flucht.

Er schrie, drängte panisch von hinten gegen die anderen, die diesen Ort ebenfalls verlassen wollten. Aus Angst vor einer ungewissen Gefahr. Nur er allein wusste, dass es keine Gefahr mehr gab. Sie verließ gerade den Flughafen.

Eingezwängt zwischen einer dicken Frau in einem Pelzmantel und einem jungen Mann mit Rucksack, stolperte er ins Freie. Die Sonne schien. Er zog seine Jacke fester um sich. Es herrschten für den Juni kühle fünfzehn Grad, wie die Nachrichten gemeldet hatten. Er ließ sich mitreißen von dem Strom der anderen Touristen, die ihm Deckung boten. Vorbei an Taxis bis zu den Parkplätzen. Menschen murrten, murmelten, einige telefonierten. Er fand die Stimmung merkwürdig ruhig. Der Rucksackreisende fragte ihn auf Englisch, was geschehen sei. Bedauernd zuckte er die Schultern, obwohl er sehr gut verstand. Sicherheitsbeamte dirigierten die Menschen am Straßenrand wie Vieh aus einem Pferch. Er rannte zu seinem Wagen, den er in größtmöglicher Entfernung zum Flughafen geparkt hatte. Jetzt rechnete sich der lange Lauf, denn die Autos stauten sich bereits, aber sein Weg zur Autobahn war kurz. Ein roter Skoda ließ ihm den Vortritt.

Höflichkeit in Zeiten der Angst.

Die Geste erfreute ihn. Er nahm den direkten Weg zur A105, die ihn ins Zentrum Moskaus führte. Nur ein Mal hielt er noch kurz am Straßenrand, wo einige Obdachlose neben zwei Einkaufswagen saßen und den ungewohnt dichten Verkehr beobachteten. Er warf ihnen die Tasche mit der Kleidung zu, lächelte und winkte. Als er sich in den Verkehr einfädelte, winkte ihm ein bärtiger Alter mit der schwarzen Jacke hinterher.

»Es fängt an mit einer Jacke …«

»… und endet mit dem Tod.«

»Könnte sein, dass es mit dem Tod angefangen hat …«, sagte der Bärtige.

»… und mit einer Jacke enden wird?«, fragte der Graue.

»Wenn einer wagt, sich aufzulehnen …«

»… werden andere folgen«, ergänzte der Graue.

»Sollen Sie es doch wagen!«

»Keine Nachsicht, kein Vergeben! Alles wird bestraft«, rief der Graue. Mit der Hand zeigte er zum Himmel.

Der Bärtige steckte die Jacke in die Tasche. Die Tasche legte er in den Einkaufswagen. Danach setzte er sich wieder an den Straßenrand und wartete.

Viktor saß in einem flaschengrün gestrichenen Raum, durch dessen Panoramafenster er das Rollfeld sah. Aktuell bewegte sich kein Flugzeug. Kein Gepäckwagen rührte sich. Ein Stillleben. Maschinen kreisten über den Wolken, weil sie auf Landeerlaubnis warteten. Der Himmel kündete von Regen und von Nacht. Der Raum, in dem Viktor sich befand, präsentierte sich einladend. Beinahe neues Mobiliar. Keine wackeligen Holzmöbel aus einer anderen Zeit, sondern Stühle aus Stahl mit grauen Veloursbezügen. Eine graue Tischplatte aus einem Echtholzimitat. In der Luft ein schwacher chemischer Geruch. Die Wände frei von Dekoration. An der Kopfseite des Zimmers nur ein gerahmtes Bild. Kühle Sachlichkeit, beinahe modern und doch zugleich nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Reminiszenz an die typische Tristesse russischer Behördenräume. Es war still, ganz still bis auf ein leises, technisches Summen. Viktor konnte es nicht zuordnen.

Er war sich sicher, dass man ihn nicht unter Druck setzen wollte. Es gab kleinere, fensterlose Räume. Man erzielte als Ermittler andere Ergebnisse, wenn künstliches Licht und Klaustrophobie Hand in Hand gingen. So hätte Viktor im Fall einer Befragung gehandelt. An seiner Arbeitsstelle beim Landeskriminalamt Berlin. Delikte am Menschen, die er untersuchte und aufklärte, soweit es ihm gelang.

Aber er war wieder einmal krankgeschrieben. Seine Marke lag in Gunnar Scholz’ Schublade, als sei das ihr angestammter Platz. Sein Chef, der ihn protegierte und verstieß, wie es ihm gefiel. Seit Monaten spielten sie dieses Spiel, das Fahrstuhlmannschaften in der Bundesliga spielten. 1. Liga, Abstieg, Aufstieg, 2. Liga, auf Wiedersehen. Viktor widerte diese Dynamik an. Man hatte Viktor nie für seine Erfolge belohnt, er wurde stets nur nach Tarif bezahlt. Eine ordentliche Abrechnung der tatsächlichen Schicht- und Nachtdienste hätte jede Staatskasse gesprengt. Viktor hatte nie auch nur gemurrt. Er liebte seine Arbeit, wie andere sich an eine kaputte Beziehung klammerten. Er konnte sich wie Menschen, die zu sehr an ihren Partnern hingen, ein Leben ohne seine Arbeit bei der Mordkommission nicht mehr vorstellen.

Lopez fehlte ihm. Ihr intuitives Zusammenspiel, die Präzision, mit der sie den Dingen auf den Grund ging, ihr trockener Humor. Aber Lopez hatte sich für ein anderes Leben entschieden. Ein Leben als Hausfrau und Mutter. Sie hatte eine der Karten beim Skat ausgespielt, die alle anderen stachen. Viktor verspürte Wut, Verzweiflung, Leere, all dies in einem einzigen diffusen Gefühl. Er fühlte sich haltlos. Verlassen wie eine Leiche, wenn man sie in den Kühlraum schob. Kein Urlaub, keine Reise konnte diesen Eindruck mildern oder vertreiben.

Viktor verlagerte sein Gewicht. Vor seinem inneren Auge erschien der Tote, dessen Kleidung es Viktor nicht erlauben wollte, seinen Beruf zu erraten. Schwarze Schuhe, Gummisohlen. Kein reicher Mann. Eher ein Genießer, was das Gewicht betraf. Ein armer Schlucker, den jemand vor einer halben Stunde erschossen hatte.

Der Tatort war noch abgesperrt. Viktor rechnete damit, dass es circa zwei Stunden dauern würde, bis der normale Flugverkehr weiterlief. Ein paar Umleitungen, ein paar verstörte Reisende, nervöses Personal, das sich den ganzen Tag heimlich umsah. Da es sich nicht um einen Terrorakt handeln konnte, würde die Normalität schnell Einzug halten. Geschäftsreisende mussten fliegen, Touristen reisen.

Mord störte den Ablauf dieser gut geölten Maschinerie.

»Ich muss telefonieren«, sagte er. Siska und Mila sorgten sich bestimmt. Nichts wollte Viktor weniger, als die Frauen, die ihm nahestanden, zu verärgern.

Der Kopf oberhalb der dunkelblauen Uniform nickte zuvorkommend, aber mit völlig unbewegtem Gesicht. Jung, oval, akkurat rasiert. Der Polizist ihm gegenüber betrachtete konzentriert die Wand neben Viktor. »Nur noch einen Moment«, belog er Viktor ungeniert.

Dieses Versteinern des Gesichtsausdrucks war eine der Eigenschaften, die Viktor aus seinem Heimatland nach Deutschland importiert hatte, als er Anfang der Neunzigerjahre mit seiner Babuschka aus St. Petersburg geflohen war. Menschen fürchteten Viktor, sie mieden ihn. Er machte ihnen Angst. Passanten wechselten die Straßenseite, wenn er ihnen entgegenkam. Auf Partys verließen Gäste den Raum, wenn Viktor ihn betrat. Viktor hatte aus diesen Reaktionen das Beste gemacht.

In jungen Jahren trainierte er, bis seine Muskeln unter der Haut hervortraten. Er ließ seiner Aggression freien Lauf, bis er jemanden so schwer verletzte, dass sein Leben abrupt aus den Fugen geriet. Sein eigenes Leben und das seiner Babuschka. Aus dieser Flucht mit seiner Großmutter bestand der Kollateralschaden, den er auf sein Gewissen geladen hatte. Er zwang den einzigen Menschen, in dessen Schuld er stand, zu einem Neuanfang. Mila kannte Deutschland, aber sie hatte nie dahin zurückkehren wollen. Sie verachtete das Land, dessen Juden hassender Führer ihr seinen eigenen Datumsstempel aufdrucken ließ. Sechs grünliche Zahlen auf ihrem Unterarm, Erinnerung an die Tötungsmeisterschaft einer Nation. Viktor konnte nur einen Beruf ergreifen. Er musste Polizist werden, obwohl er mit seinem Hang zum Handgreiflichen die denkbar schlechteste Eignung dafür besaß. Er verschrieb sich der Ordnung, dem Recht, der Gerechtigkeit in dieser rechtlosen, chaotischen Welt. Er lernte, auf die Meinung anderer nicht viel zu geben. Und er stellte alle Charmeoffensiven ein, weil sie ihm nicht gelangen, weil sie ihm niemand abkaufte, weil das Schweigen Viktor besser stand. Auch hier fehlte Rosa Lopez. Sie hatte sich nicht abschrecken lassen. Viktor musste ihr Bild mit Macht aus seinem Kopf vertreiben. Es vergiftete ihn, mit einem Verlangen, einer Sehnsucht an sie zu denken, die nicht zu ihm passten. »Ich war es nicht«, sagte er. Sein Bewacher reagierte nicht.

Die Tür öffnete sich, und Viktor erwischte sich dabei, wie er automatisch Haltung annahm. Eine Gewohnheit aus seinen Zeiten beim russischen Militär, ein natürlicher Reflex. Viktor entspannte sich wieder, als eine Bekannte den Raum betrat. Er erinnerte sich an ihren Geruch, der ihm im Nachhinein gefiel. An die Wärme ihres Körpers und die Tatsache, dass ihr großer, schlanker Körper trotz seines eigenen beträchtlichen Gewichts und dessen Beschleunigung durch den beinahe freien Fall keinen Schaden genommen hatte.

»Er war es nicht!«, sagte sie.

Kein Gruß, keine Vorsicht, nichts.

Viktor hätte seiner Fürsprecherin beinahe Beifall gespendet, auch wenn ihn ihre Worte skeptisch stimmten. Viktor traute unbekannten Menschen nicht, die sich für ihn einsetzten. Warum auch? Dieser Impuls wirkte unnatürlich. Er galt in Viktors Leben als Rarität.

Jetzt bat sie um eine Zigarette, was der Polizist mit einem Kopfschütteln quittierte.

Sie fläzte sich auf einen Stuhl neben Viktor und – Viktor musste kurz blinzeln – stemmte ihre Füße gegen die Tischkante. Der Metallrahmen quietschte, als sie auf den hinteren Stuhlbeinen vor und zurück kippelte. Es roch auf einmal nach Tabak, Seife oder einem leichten Parfüm. Sie trug schwarze, hohe Springerstiefel, die zu schnüren Viktor schon seit jeher überfordert hätte. Feinmotorik benahm sich feindlich, wenn Viktor Hand anlegte, auch wenn er herausragendes technisches Geschick besaß. Fordernd sah die Blondine Viktor an, als ob er ihr eine Zigarette hätte geben können. Entnervt stieß sie die Luft aus, als er nicht reagierte. Nervös drehte sie an ihren Nasenringen. In ihrem Blick lag etwas Aufmüpfiges, das Viktor irritierte. Möglich, dass jemand sie tatsächlich ermorden wollte. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Lederjacke, was einen hochgereckten Mittelfinger als Druck auf ihrem T-Shirt enthüllte. Viktor staunte. Er hatte nicht mit einem Punk gerechnet, nicht als Erstkontakt in seinem Urlaub, nicht in Russland, nicht am Rand eines Mordes, nicht in diesem kahlen, grünlich gestrichenen Raum. Die wasserstoffblondierten Haare, schwarze Kleidung, Schuhe, der kirschrote Mund, alles gehörte zum Programm. Viktor konnte die weiteren Entwicklungen in dieser Angelegenheit kaum erwarten. Er kam sich neben dieser Frau plötzlich seltsam normal und unauffällig vor.

Endlich betrat ein hagerer Mann den Raum. Viktor fühlte sich mit einem Schlag unwohl und alarmiert zugleich. Reflexhaft, fast unwillkürlich, tastete er durch den Stoff nach der breiten Narbe auf seinem Oberarm. Viktor hatte seit der Erkrankung an einem Hirntumor zahlreiche Ausfallerscheinungen kennengelernt: Verschiebungen in der Wahrnehmung, das Wanken seiner gesamten Realität, körperlichen Kontrollverlust, Verfolgungswahn, unkontrollierbare Aggression. Aber auf der langen Liste dieser Geißeln hatte sich Erinnerungsverlust noch nicht eingestellt. Viktor vergaß selten ein Gesicht. Dieses hier hatte er schon einmal gesehen. Bei einem Treffen mit seinem schlimmsten Feind. In einer Tiefgarage in St. Petersburg.

3

Sieben Jahre zuvor sog der Pole an einer Kippe der Marke Stromin – rote Verpackung, weiße Schrift –, die er in einem überquellenden Aschenbecher ausdrückte. Die weiche Sonne des Frühherbstes schien zum Fenster herein. Er beobachtete für einen Moment, wie die Staubkörner im Licht tanzten. Weil er wusste, dass das Ende nahte. Noch ein letztes Mal betrachtete er die Bilder. Der Nadelstich des Schocks. Beklemmung, die ihm die Luft abschnürte. Panik und Verzweiflung, die sich in ihm ausbreiteten und durch seine Kehle hinausdrängten.

Er selbst in … er selbst auf … er selbst mit …

Jemand hatte beschlossen, ihn zu vernichten. Er begriff es mit einer Klarheit, die jede Kontur, jeden Augenblick scharf erscheinen ließ. Der Anfang vom Ende. Das wurde ihm jetzt klar.

Er zeichnete mit seiner zitternden Fingerspitze ein Herz in die dicke Staubschicht auf ein Buch, das sich mit Informatik beschäftigte. Zahlreiche Post-its ragten aus den Seiten. Er strich sich über die Augen. Sie kam gerade nackt aus dem Badezimmer heraus, lief auf ihn zu. Makellose helle Haut, üppige Brüste, an ihren Schamhaaren glitzerten noch Wassertropfen. Er klappte den Laptop zu. Sie lächelte ihn an. Hier in diesem überhitzten, beengten Dachzimmer in der Mitte Moskaus.

»Na? Immer noch am Schreibtisch?«

Er musste ihr nicht erklären, dass er die Nacht dort verbracht hatte. Dass er las, recherchierte und tippte, bis der Morgen graute. Manchmal kam sie früh zu ihm. Manchmal am Abend, schlief dann im Nebenzimmer, während er arbeitete. Zu diesen Arbeitszeiten gab es keine Alternative. Nicht für ihn. Aber sie hatten ihn getroffen, Blattschuss, bevor er sie erwischen konnte. Er hatte versagt.

Sie schüttelte die nassen Haare. Tropfen trafen sein Gesicht, er blinzelte. Sie schob einen Papierstapel einfach zur Seite und setzte sich mit dem nackten Hintern auf die Schreibtischkante. Er spürte seine beginnende Erektion. Sie beugte sich vor. Unmöglich, nicht auf ihren Mund zu starren. Groß und voll, mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen. Abbild und Versprechen ihrer Weiblichkeit. Sie spreizte ihre Beine, und er zwang sich, nicht hinzusehen. Sie sagte: »Eine Einladung für den Dichter nach einer langen Nacht.«

»Kein Dichter, nur ein Journalist.«

»Du bist ein verdammt guter Tänzer, du kannst singen.«

»Blödsinn. Du nimmst es mit der Wahrheit nicht so genau.«

Überrascht sah sie ihn an. »Was ist mit dichterischer Freiheit?«

»Die gibt es nicht. Freiheit ist eine Illusion.« In diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem verdammten Land. Er stieß Rauch aus, der ihren göttlichen Körper einhüllte.

Sie lachte. »Und was ist damit?« Sie wühlte in dem Stapel und zog ein Blatt heraus. Sie las die ersten Zeilen laut vor, und seine eigenen Worte aus ihrem Mund zu hören, dazu das Bild ihrer nackten Aufforderung, brachte ihn fast um den Verstand.

»Hör auf«, sagte er, weil er es tatsächlich beinahe nicht mehr ertrug.

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Warum?«

»Das ist nur Schrott.«

»Du weißt, dass das nicht stimmt. Es ist perfekt.«

Er seufzte, wandte den Blick ab. Sah über den Gorki-Park hinaus. Spürte sich und sie im Hier und Jetzt. Mit dieser körperlichen Nähe und der kilometerweiten Distanz, die zwischen ihrer kindlichen Begeisterung und seinen Selbstzweifeln lag.

Sie nahm seine Hand, legte sie auf ihre Brust.

Er fühlte ihrem Herzschlag nach, versuchte zu vergessen, dass er selbst hektisch atmete, dass nur sie die Angst, die er immer wieder verspürte, vertreiben konnte. Was wusste sie schon? Wusste sie überhaupt etwas?

Sie zog seinen Kopf zu sich heran, streichelte seine Haare, murmelte beruhigende Worte. »Steh auf!«, sagte sie, und die Art, wie sie es sagte, klang zart und hart zugleich. Sie duldete keinen Widerspruch.

Er legte die Zigarette vorsichtig auf der Kante des Aschenbechers ab. Noch während er aufstand, knöpfte sie sein Hemd auf, streifte es über seine Schultern. Sie erhob sich ihrerseits und öffnete seine Gürtelschnalle, die Hose rutschte auf seine Füße hinab. Er sah nur auf ihren geöffneten Mund, die makellos weißen Zähne. Sie rieb sich an ihm, und er entledigte sich aller Kleidungsstücke, die ihn noch daran hinderten, sie auf den Boden zu manövrieren und sie zu besteigen. Als er in sie hineinglitt, hörte er ein Geräusch, aber er schweifte ab, während ihre Zunge an seinem Ohr spielte. Sie flüsterte Schmutziges und Heilendes. Er erhöhte den Takt seiner Bewegungen, die sie imitierte. Gerade noch rechtzeitig zog er seinen Schwanz aus ihr hinaus, ergoss sich auf ihren Bauch. Über ihrer Schulter schrie er seine Angst, Höhepunkt seiner Lust hinaus, während sie noch unter ihm zuckte.

Etwas zerbrach mit einem lauten Knall. Ein Stampfen, Stoßen, das nichts mehr mit dem Akt zu tun hatte, den sie gerade vollzogen. Hinter ihm fiel etwas um. Hände rissen ihn zurück, warfen seinen vom Schweiß feuchten Körper auf den Holzboden, zerrten seine Hände hinter den Rücken. Etwas Hartes schloss sich um seine Handgelenke. Ein unnachgiebiger Griff verhinderte, dass er sich bewegte. Sie lag noch an der gleichen Stelle. Vom Schrecken gebannt. Er sah in ihre aufgerissenen Augen, erahnte ihre Schreie eher, als er sie hörte. Der Schock machte ihn taub.

Man zerrte ihn hoch, jemand hielt sie fest. Er wehrte sich, weil er ihr helfen wollte. »Lasst sie!«, rief er. Aber man gönnte ihm keinen Zentimeter Platz. Männer in schwarzen Uniformen, die Gesichter durch Helme mit Visier unkenntlich gemacht, bevölkerten das Zimmer. Eine unbekannte Invasion. Er hörte sein eigenes Schluchzen. Zwei schwarze Männer schoben ihn mit unerbittlichem Griff zur Tür. Er stolperte nackt über zerbrochenes Mobiliar. Als sie ihn ins Treppenhaus stießen, wehrte er sich ein letztes Mal. Er beugte sich zurück und drehte sich. Bevor jemand eine Decke über ihn warf, sah er noch einmal ihr Gesicht. Verzerrt zu einer stillen Maske der Angst. Rauch stieg hinter ihr zur Zimmerdecke auf. Zwei vermummte Männer hielten sie an den Armen fest. Sie wirkte verletzlich und war nackt wie er. Er erkannte jetzt die Uniformen der Miliz. Ein dritter Polizist öffnete seinen Gürtel. Er heulte, würgte, schrie »Nein!« und »Es tut mir leid!«, bis der Stoff jedes Geräusch erstickte. Das Lachen der Männer drang noch an sein Ohr, als er die ersten Stufen hinunterfiel, die Hände nicht freibekam und erst ein gnädiger Schlag auf den Kopf die Bilder in seinem Gehirn abrupt beendete.

 

»Ich muss telefonieren«, wiederholte Viktor auf Russisch monoton. Er musste den Schock noch verarbeiten.

»Natürlich. Gleich«, antwortete der Mann, den Viktor kannte. In der Hand hielt er Viktors Pass. Den russischen, der es Viktor ermöglichte, problemlos in sein ehemaliges Heimatland einzureisen.

Viktor bemühte sich, nicht darauf zu starren. Obwohl das Dokument seinen Blick anzog wie weiße Kaninchen, die aus schwarzen Zylindern herausgezaubert wurden, es taten.

»Viktor Saizew«, sagte der dünne Mann mit dem länglichen Gesicht. Er las Viktors Adresse in Berlin laut vor, und Viktor beobachtete, wie die blonde Punkerin zwar gelangweilt wirkte, aber doch genau lauschte.

»Hast du eine Zigarette?«, fragte sie und verwendete mit unverhohlener Unhöflichkeit das Du.

»Verzeihen Sie!«, antwortete der dürre Mann, »wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.« Er sah Viktor an. »Das ist« – er pausierte, während er sein dunkelblaues Jackett auszog, akkurat faltete und sorgsam über die Stuhllehne hängte – »Zoya Bogdanowa.« Er genoss es sichtlich, wie Zoya den Mund verzog. Als habe er etwas wirklich Unanständiges getan. Als besäße er ein Wissen, das ihm nicht gebührte. Eine Information, die er sich unerlaubt beschafft hatte. »Mein Name«, fuhr er fort, »ist Rustam Komarow. Leitender Ermittler in Sachen Kapitalverbrechen der Moskauer Kriminalpolizei. Wer hätte gedacht, dass ich heute einen deutschen Bekannten treffen würde? Einen Kollegen. Involviert in einen Mord.«

Das saß. Viktor schwieg, obwohl er vieles darauf hätte erwidern können.

Zoya Bogdanowa hatte aufgehört, mit dem Stuhl zu kippeln. Sie saß jetzt aufrecht und verfolgte, was Rustam Komarow äußerte. Viktor hätte sich nie an dessen Namen erinnern können, weil er damals nicht offiziell gefallen war. Rustam Komarow, der Moskauer Kollege von Leonid Breschnew, den Rosa Lopez und er in St. Petersburg kennengelernt hatten. Leonid Breschnew trug einen prominenten Namen. Außer einer gewissen Ähnlichkeit mit dem KPdSU-Vorsitzenden teilte er allerdings keine Gemeinsamkeiten mit dem ehemaligen russischen Staatschef. Rustam Komarow hatte damals in der Tiefgarage des Nabereschnaja-Turms zurückhaltend gewirkt. Als habe er stillschweigend akzeptiert, dass Breschnew die Strippen zog. Aber jetzt agierte er selbstsicher. Wie jemand, der ein Heimspiel mit Leichtigkeit gewinnen würde. Damals blutete Viktors Arm, weil ihm Jan Lassarev im Kampf einen tiefen Schnitt mit dem Messer zugefügt hatte, bevor ihn, Viktor, wieder einmal ein epileptischer Anfall ereilte und nur Lopez’ schnelles Eingreifen Schlimmeres verhinderte. Zum Beispiel Viktors Tod.

Vergangenheit.

Viktor erinnerte sich, wie der Bär Leonid Breschnew, die schnelle Einmann-Eingreiftruppe, Lopez umwarb. Wie er seinen Charme nur für sie versprühte. Ausgerechnet seine unscheinbare Kollegin, die doch auf ihr Aussehen nichts gab, ließ die wenigsten Männer kalt. Was sie selbst nicht im Geringsten interessierte. Weil sie ihr Herz einem anderen geschenkt hatte. Einem linkischen Schriftsteller, der die Rolle des Hausmannes übernahm, während sie am Schießstand einen Rekord nach dem anderen brach, Mörder suchte und auch fand. Rosa Lopez hatte sich noch nie um Rollenerwartungen geschert. Und um Männer noch viel weniger. Sie war ein Arbeitstier. Ernsthaft und konzentriert. Aber Viktor wollte sich nicht erinnern. Weil es Rosa Lopez als seine Kollegin nicht mehr gab, was sich als Gewissheit zu jeder unpassenden Gelegenheit aufdrängte.

Rustam Komarow schlug seine überlangen Beine auf dem Stuhl übereinander. Auf Viktor wirkte es, als versuche jemand, einen Schirm einzuklappen. Komarow legte die Fingerspitzen aneinander. Mit seinen wasserblauen Augen betrachtete er Viktor und Zoya abwechselnd, als warte er auf irgendeine Reaktion.

»Sie sind also ein deutscher Polizist?«, fragte Zoya nochmals ungläubig, Viktor zugewandt.

Viktor zuckte mit den Schultern. Was sollte er schon sagen? Krank, suspendiert, beurlaubt, kurzfristig oder langfristig außer Gefecht gesetzt. Es wurde zunehmend schwieriger, diesen undefinierten Berufszustand zu erklären. »Nicht im aktiven Dienst«, sagte er.

»Daher der deutsche Akzent«, sagte sie, ohne seinen Einwand zu beachten.

Viktor bemerkte nicht zum ersten Mal, dass man als Russe, der in Deutschland lebte, zwar immer ein Russe blieb, dass er aber in Russland immer der Deutsche war. Eine unmögliche Konstellation. Wie die Sprache ihn immer wieder wie ein Geigerzähler verriet. Egal welche Grenze er übertrat. Perfektion unmöglich. Kein Zuhause. Weder in Deutschland noch in Russland, nirgendwo beheimatet, wo immer Viktor sich auch befand. Exil, wohin immer er sich auch begab.

»Interessant«, bemerkte Komarow. »Warum sind Sie nicht mehr als Polizist aktiv? Das habe ich in ganz anderer Erinnerung.«

Viktor, der eine viel zu enge, fremde Jacke trug, weil seine eigene zerfetzt und unbrauchbar geworden war. Viktor, der eine unmögliche Aufgabe lösen sollte, weil eine dunkelhaarige Frau am Boden saß und drohte, durchzudrehen. Viktor, der eine Zauberkiste öffnete.

»Ich bin nur ein Tourist«, sagte Viktor und wusste, wie lächerlich das in dieser Situation klingen musste. Als sei das sein Beruf: Tourist in Sachen Mord.

»Frau Bogdanowa. Sie sind vorbestraft«, sagte Rustam Komarow jetzt.

»Erzählen Sie mir was Neues«, sagte sie.

Viktor wunderte der Widerstand. Autorität schien ihr keine Angst einzuflößen. Sogar Viktor fürchtete sich. Angespannt wartete er auf das, was kommen würde.

»Ein Jahr Arbeitslager wegen volksgefährdender Propaganda. Sicher keine schöne Zeit.« Komarow präsentierte einen mitleidigen Blick, der zu seiner sanften Stimme passte.

Eine fast unheimliche Ruhe legte sich über die Runde.

Und Viktor bemerkte, wie er zunehmend Respekt für die aufmüpfige Frau entwickelte, mit der ihn das Schicksal in diesen tristen Raum verbannt hatte.

Zoyas bohrender Blick erstach Komarow so lange mit seiner Wucht, bis sie den Bann brach: »Warum sind wir noch hier?«

Komarow gab dem Kollegen, der bewegungslos an der Tür stand, ein Zeichen, den Raum zu verlassen. Viktor bemerkte, dass jemand den Alarm abgeschaltet haben musste. Die Wolkendecke vor dem Fenster leuchtete in wechselnden Kitschfarben. Auf das Rollfeld senkte sich die Nacht. Flutlicht bemalte den Asphalt. Ein einzelner Wagen fuhr quer über die Start- und Landebahnen. Viktor wusste, dass es nicht mehr lang dauern würde, bis er die Scheinwerfer des ersten landenden Flugzeuges sehen würde.

Komarow lächelte, als er sich endlich bequemte zu antworten: »Wegen eines Mordes. Der Tote ist …«

»Wiatscheslaw Maximow«, fiel Zoya Bogdanowa ihm ins Wort.

Komarow beugte sich ruckartig nach vorn. Auch Viktor fühlte sich schlagartig wach.

»Woher wissen Sie das?«, fragte Komarow.

Entnervt stieß Zoya Luft durch die Zähne. »Er lag vorhin nur einen Meter neben mir. Maximow ist ein bekannter Mann.«

Viktor musste ratlos wirken, denn Zoya Bogdanowa erklärte ihm: »Maximow ist Schriftsteller. War Schriftsteller. Systemkritisch.« Die Art, wie sie das Adjektiv betonte, ließ keinen Zweifel daran, wie sehr sie das System hasste. »Sein Roman ›Die Schande‹ hat sich millionenfach verkauft.«

Viktor las nicht. Ihn wunderte nur, dass man auch gegen den Willen des Systems gut verkaufen konnte. Er dachte an Lopez’ Mann Bernhard, der es niemandem recht zu machen schien. Agenten, Verlagen, Lesern. Nach den ersten Erfolgen hatte Viktor zu viele Misserfolge Bernhards miterlebt, Absagen, Selbstzweifel, Sinnsuche, als dass er noch an Ruhm glaubte. Oder an Gerechtigkeit. Von kreativer Arbeit zu leben, das war nur den wenigsten vergönnt. Bernhard verfolgte als Autor historischer Romane einen Schlingerkurs, eher von Tälern als Höhen geprägt. Ohne die finanzielle Unterstützung seiner Eltern in Zeiten finanzieller Not hätte sich Bernhard schon längst umorientieren müssen. Der Irrsinn kreativen Schaffens lag in Viktors Augen in dessen Unberechenbarkeit. In dem ständigen Überlebenskampf. In der Unmöglichkeit, wertgeschätzt zu werden.

Und weil Komarow und Viktor sie anstarrten, weil noch eine Erklärung folgen musste, fuhr Zoya Bogdanowa fort: »Wir wollten uns treffen. Ich war gerade im Begriff, ihn zu begrüßen, als Maximows Kopf vor mir explodierte und dieser Muskelberg hier« – mit dem leichten Heben ihres Kinns deutete sie auf Viktor – »auf mich fiel.«

Sie schwiegen, bis Zoya »Ende der Geschichte« sagte.

4

Als der schwarze Van vorfuhr, dachte Siska Mohn noch an Dreistigkeit. An die Unverschämtheit all der Fahrer großer Wagen und SUVs, die sich benahmen, als gehöre die Welt ihnen. Als seien absurd hoher Benzinverbrauch, obszöne Anschaffungskosten, Protz und Prunk keine Verbrechen an der Umwelt, an der Menschheit schlechthin. Touristen drängten immer noch aus dem Flughafengebäude, umbrandeten sie. Es roch nach Abgasen und nach Schwermetall. Dazwischen ein fremder, lockender Duft, so interessant, wie nur neue Länder und Städte rochen. Siska genoss trotz der Hektik den Augenblick. Ein Mann mit Schiebermütze und weiter Lederjacke redete auf Siska ein. Sie verstand ihn nicht. Erst als er auf Deutsch das Wort »Taxi« wiederholte, bat sie mit einer Geste um Geduld. Mila hielt sich mit ihrem Freund an dessen Koffer fest. Sie hatte ihre weißen Haare hochgesteckt. Unmöglich, die fast Neunzigjährige nicht zu bemerken, die auch zu den elegantesten Kleidern neonfarbene Nike-Turnschuhe trug. Siska behielt ihre Tochter Trixi im Auge, die wieder einmal an einem der zahlreichen Löcher in ihrer Jeans herumspielte. Als sie Siskas Blick spürte, zuckte sie mit den Schultern, wie nur Teenager es taten. Eine Geste, die alles mit dem gleichen stillen Satz kommentierte: Macht doch nichts, egal. Siska hätte ihr gern über das schwarze Haar gestrichen, aber Trixi wollte in der Öffentlichkeit lieber zu niemandem gehören. Schon gar nicht zu ihr. Bei Petja bemerkte Siska, dass er sie alle umkreiste, wie es ein Hund bei einer Schafherde tat. Im Vergleich zu dem abgerissenen Look ihrer fünfzehnjährigen Tochter sah der Zehnjährige aus wie ein zu junger, hochbegabter Student der Betriebswirtschaft. Das dunkle Haar gekämmt. Kariertes Hemd, grauer Pullover, makellose Hose, darüber eine schwarze Jacke, der man ansah, was sie gekostet hatte. Reicher Junge, der er war. Er wirkte wie immer zu erwachsen, desinteressiert und unnahbar, aber er entfernte sich nie mehr als ein paar Schritte von der Gruppe. Wo war Viktor? Und was war passiert? Warum wurden sie hier regelrecht umgerannt?

Plötzlich rückten Polizisten in den Flughafen ein, Petjas Kopf ruckte hoch, als sie Kommandos riefen. »Was ist da los?«, fragte Siska ihn. Aber Petja schüttelte den Kopf, als wisse er es noch nicht genau. Siska fluchte, schimpfte, als jemand gegen sie stieß und sich nicht entschuldigte. Dann hörte sie den Alarm, dessen Schrillen aus dem Gebäude drang. Fetzen von Durchsagen. Erst auf Russisch. Danach englische Worte wie »quiet« und »move«. Die Drehtüren öffneten sich, und Menschen rannten an ihnen vorbei. Manche verloren Gepäck. Sie ließen es einfach liegen. In diesem Moment bekam Siska Mohn Angst. Es wurde unmöglich, hier am Rand der illegalen Taxistände länger zu verweilen. Kurz dachte sie darüber nach, doch ein Fahrzeug zu besteigen. Aber die Taxifahrer flohen selbst, verließen ihre Autos, deren Türen zum Teil noch offen standen. Der Strom der Flüchtenden riss sie einfach mit. Auf der Straße rannten Menschen in lebensgefährlichen Manövern zwischen fahrenden Autos hindurch. Das Quietschen von Reifen. Unmöglich, nicht an einen Anschlag zu denken. Das Wort »Terror« fand wie von selbst seinen Weg in ihren Kopf.

Sie suchte nach Trixis und Milas Hand. Aber Otto Sander, Milas Freund, kam nicht voran, weil er nicht von seinem Koffer lassen wollte. Siska schrie ihm ins Ohr, dass sie das Gepäck später wiederfinden würden. Gleichzeitig versuchte sie, sich die Stelle einzuprägen, wo sie die großen Taschen und Koffer einfach fallen lassen hatten. »Pertini« und »Exact-Wodka«, laute Schriftzüge. Werbung. Auf Kyrillisch und in arabischer Schrift. Rot und blau. Alkoholmarken. Dennoch wirkte jede Stelle, jeder Ort uniform. Als setzten Flughafenplaner möglichst alles daran, dass ein Ort genauso wie der andere aussah. Glas, Stahl und Beton. Auf Hochglanz poliert.

Und dazwischen der Gedanke, was mit Viktor geschehen war. Dass es sich immer rächte, die Mitglieder einer Gruppe zu trennen. Dass ausgerechnet ihr erster Besuch in dieser Stadt, ihre erste Reise mit Viktor, jetzt schon zum Desaster geriet. Als sich endlich die Menschen bei den Parkplätzen zerstreuten, versammelte auch Siska ihre Familie um sich. »Moment!«, bedeutete sie Mila und Trixi, die beide etwas sagen wollten. Das Handy ans Ohr gepresst, wählte sie Viktors Nummer. Enttäuschung von den Ausmaßen eines Ehebruchs durchflutete sie, als sich die Mailbox meldete. Die Angst davor, verlassen zu werden, machte sie langsam krank. Sie empfand es zunehmend als unmöglich, Situationen einzuschätzen. Diese Angst überlagerte sogar die Sorge, Viktor könnte etwas zugestoßen sein. Auf Milas fragenden Blick antwortete sie mit einem Kopfschütteln. Petja, Rosa Lopez’ Sohn, telefonierte ebenfalls.

Ein schwarzer Van blockierte vor ihr einfach den Bürgersteig. Zwei Männer kamen aus dem Wagen, dunkle Kleidung, Sonnenbrillen, raspelkurze Haare, durchtrainiert. Einer mit Vollbart, der andere mit mehr Goldschmuck, als Siska für irgendeinen Menschen auf diesem Planeten ratsam hielt. Der Vollbart verglich sein Display mit ihrem Gesicht und sagte tatsächlich ihren Namen. Sie nickte und schüttelte den Kopf, als er den Namen Viktor Saizew sagte. Während Siska noch versuchte, zu verstehen, warum sie keine Fremde für diese Männer war, öffnete der mit Goldschmuck überladene Mann die Schiebetür des Vans. Der Vollbart machte eine auffordernde Geste. Siska hörte, wie sie »Nein« sagte und ihre Ablehnung mit einem Schritt zurück noch unterstrich. Zeitgleich sah Mila sie fragend an, ihr betagter Freund lächelte naiv, als könne er nichts Seltsames an dieser Situation erkennen. Der Goldjunge schob Trixi einfach in den Wagen, die es überrascht hinnahm, was Siska dazu zwang, hinterherzuklettern, um ihre Tochter wieder aus dem Fond des Wagens herauszuziehen. Sie rief Trixi noch etwas zu, verspürte, wie sie gestoßen wurde und im Inneren des Wagens landete, wie Mila von hinten nachdrängte, obwohl Siska sich dagegen wehrte. Wie, nach einem unübersichtlichen Gewirr von Armen und Beinen, Siska wieder nach oben kam, die Hände in eine Sitzlehne gekrallt. Wie sie bemerkte, dass der Van verdunkelte Scheiben besaß. Wie sich die Schiebetür nach zwei erfolglosen Versuchen schloss. Wie Mila die Hände gegen die Scheibe presste, wie Ottos Lächeln sich in eine Angstfratze verwandelt hatte, die das Gesicht des alten Mannes entstellte. Wie nur Petja sich nicht rührte, als habe etwas ihn zur Regungslosigkeit verdammt. Schrecken oder Schock. Siska nahm wahr, wie ihr Atem rasselte, wie sie keuchte, als habe sie gerade einen Langstreckenlauf absolviert. Wie der Wagen losfuhr. Was geschah mit ihnen? Ohne Viktor, ohne ihre Einwilligung. Ohne ihr Gepäck. Wie sie sich gefangen fühlte. Wie sie ergebnislos am Türgriff riss. Wie sie sich an Mila vorbei über die vordere Sitzreihe drängte, wo Petja saß und Otto kauerte. Wie sie mit den Fäusten an die dunkle Trennscheibe hieb, die sie von den Fahrern trennte. Wie sie zitternd zurücksank und sich leer fühlte, während ihre Tochter das Wort »Entführung« sagte.

 

Viktor spürte förmlich, wie die Zeiger seiner Armbanduhr vorrückten. Stück für Stück, obwohl er einfach nur dasaß und sich kaum rührte. Zwei Stunden mussten vergangen sein, seitdem er von Siska und Mila getrennt worden war. Unmöglich, dass sie noch auf ihn warteten. Unmöglich bezeichnete den Zustand, der in seiner Verspätung und in der Zumutung seines Verhaltens lag. Dass ihn hier keine Nachricht erreichte, machte Sinn. Wenn Viktor beim LKA einen Zeugen befragte, geschah das am besten zeitnah und ohne dass jemand Einfluss von außen nahm. Das Wort Isolation zog durch seine Gedanken. Komarow, der der Moskauer Ermittlungsbehörde vorstand, schien keine Eile zu haben. Er nahm sich alle Zeit der Welt. Mechanisch beantwortete Viktor Fragen.

Was er gesehen habe? Nichts Besonderes. Was vor dem Mord geschehen sei? Koffersuche. Ob er eine Waffe trage? Nein. Irgendetwas Ungewöhnliches, das ihm aufgefallen sei? »Schuhe«, sagte Viktor. Aber warum, konnte er nicht erklären. Zu diffus das Bild. Zu schnell die Ereignisse. Im Hintergrund liefen mehrere Überlegungen gleichzeitig ab.

Dass sein Gehirn so gut funktionierte, überraschte Viktor. Hatte dieses Organ ihn doch vor Kurzem noch gnadenlos im Stich gelassen, ihn gelenkt, manipuliert oder ignoriert, wie es ihm gefiel. Weil dieser Tumor mit seinen Körperfunktionen spielte wie ein grausames Kind mit einem Spielzeug, das es fernsteuerte. Viktor kannte dieses Gehirn nur noch als defekten Apparat. Als eine Kiste der Pandora, die zu öffnen sich zuverlässig rächte. Eine Tatsache, die sein Schicksal als Mann, dem die Menschen gehorchten, schlichtweg ignorierte und in etwas Lächerliches verwandelte. Weil er sich stets nur wenige Millimeter von der Gewalt entfernt befand. Die ihn erniedrigte, in etwas Weiches, Verletzliches verwandelte, in ein zuckendes Bündel aus Fleisch, das sich am Boden wand. Viktor konnte sich in den meisten Fällen nicht einmal erinnern, was mit ihm geschehen war.

Bis heute konnte Viktor darin nichts Gutes erkennen. Dieses auf Zufall basierende Leben bedeutete ihm nichts. Für ihn lag keine Lektion darin, keine Erkenntnis, kein erzählerischer Wert. Er wurde es nicht los. Mehr als das machte ihm jedoch etwas Sorgen, das sich in seinem Bewusstsein mit einer Macht festsetzte, die er nur von der Suche nach Mila kannte. Er wusste, dass diese Gedanken auch seine Babuschka quälten. Als er einige Leute in St. Petersburg verprügelte und andere misshandelte. Als er stahl und sich in der Schule gehen ließ. Dass auch sie mittlerweile von der alten Angst geplagt wurde. Von dem einen Grund, der sie beide aus ihrem Heimatland vertrieben hatte. Dem Grund, den Viktor zu verantworten hatte. Nicht seine einzige, aber seine größte Schuld. Viktor schwitzte. Den Gedanken nicht verscheuchen zu können machte ihn beklommen.

Obwohl Rustam Komarow den Mund bewegte, hörte Viktor nicht zu. Was war, wenn nichts vergessen blieb? Was war, wenn es ein Gedächtnis gab, das alles bewahrte? Was war, wenn die Technik in Russland doch fortschrittlicher war, als Viktor sie in Erinnerung hatte?

»Sie haben noch exakt eine Minute. Wenn ich dann keine Zigarette bekomme, bin ich weg.« Zoya Bogdanowa verzog störrisch den Mund.

Rustam Komarow hob überrascht die Augenbrauen. Bedauernd schüttelte er den Kopf. »Rauchen verboten. Tut mir leid.«

Zoya Bogdanowa nahm seine Worte zur Kenntnis, ruhig und gelassen. Viktor erschien es wie die Stille vor dem Sturm.

Mit einer entschlossenen Geste schloss sie den Reißverschluss ihrer Lederjacke und stand auf. »Ich gehe jetzt.«

Komarow schüttelte langsam den Kopf, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen.

Viktor beobachtete die beiden und fühlte sich für einen Moment erleichtert, nicht das Objekt allgemeinen Interesses zu sein. Noch immer befanden sie sich zu dritt in diesem Raum. Eine geschlossene Gesellschaft, verdammt dazu, sich zu ertragen, bis … Bis wann eigentlich?, fragte Viktor sich. Er sehnte sich nach Freiheit. Nach frischer Luft. Nach Bewegung, die sein Körper brauchte wie andere Nahrung oder Alkohol. »Ich muss telefonieren«, wiederholte Viktor monoton.

Aber Rustam Komarow wollte nicht von ihm lassen. Er wandte sich Viktor wieder zu. »Sie sind als Zeuge hier.« Er pausierte. »Aber was wäre, wenn Sie es waren?«

Viktor wusste, dass man diese Frage stellen konnte, dass es sich manchmal nicht vermeiden ließ. »Was ist, wenn sie es war?«, fragte er selbst provokativ. Er zeigte auf Zoya Bogdanowa. Im Krieg keine Gefangenen.

Zoya Bogdanowa klappte ihren roten Kirschmund auf, als wolle sie etwas sagen. Aber die Empörung verschlug ihr die Sprache.

Komarow zeigte auf Viktors Jacke. Nur ein Wort verließ seinen Mund: »Blut.«

Viktor sah an sich hinab. Die rostroten Flecken waren ihm nicht entgangen. »Kein typisches Muster, wenn ich auf ihn geschossen hätte«, sagte er. War nicht er Spezialist? Viktor hielt Komarow seine Hände hin, die größer als aufgeklappte Brockhaus-Bände wirkten. Oder Bratpfannen an Stielen. »Schmauchspuren. Suchen Sie!«, bot er an.

»Wird gemacht. Verlassen Sie sich darauf!« Komarow legte seine Hände flach auf den Tisch. »Sie waren dort, Sie hatten die Gelegenheit.«

»Ich kannte den Mann noch nicht einmal.«

»Zufallsopfer«, sagte Komarow ungerührt.

Viktor sah weg, obwohl er wusste, wie absurd die Vorwürfe klangen. Nichts als Widersprüche. Alles sprach für ihn. Fast alles. Bis auf die Vergangenheit. Aber er hatte eines gelernt. Es galt in Russland und in Deutschland gleichermaßen: Schuldig war nicht immer derjenige, der auch schuldig war. Recht war eine Frage der Perspektive, der Argumentation. Recht war im schlimmsten Fall eine Machtfrage, das Ergebnis einer Lotterie, ein Zufallsprodukt. Recht war häufig ein Kompromiss. In diesem Moment fühlte er sich unsicherer denn je, hier in diesem grünlichen Raum mit dem einen Bild an der Wand und der Dunkelheit, die vor dem Fenster lauerte. Die sie hier trotz des grellen, elektrischen Lichts umgab.

Aus einer Aktentasche, die er neben seinem Stuhl platziert hatte, entnahm Komarow eine braune Laufakte. Vergilbt und abgegriffen, die Kanten abgeknickt und eingerissen, wie angefressen von der Zeit. Darauf schwarze, kyrillische Buchstaben. Viktor sah, wie Komarow den Aktendeckel aufschlug, ein Foto entnahm. Über den Tisch hinweg schob er es Viktor hin. Neugierig trat Zoya neben Viktor, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Viktor musste sich das Foto nicht ansehen, weil er es kannte. Ihn ängstigten nicht viele Dinge, aber er fürchtete sich vor dem Gefängnis wie Abergläubische vor einem Dämon. Als die Furcht hier vor seinen Augen Gestalt annahm, raubte sie ihm fast das Gleichgewicht. Er spürte, wie der Schock nach einem Organ in seinem Brustkorb griff. Anders als zu dem Zeitpunkt, als dieses Herz nicht mehr schlagen wollte, dort in dem hellen Haus in Dänemark. Anders als auf verschiedenen Berliner Zimmerböden, wenn Viktor Blut schmeckte, weil er sich bewusstlos im Krampf in die Zunge biss. Die Vergangenheit holte ihn ein, sie ließ sich nicht verleugnen. Viktor erkannte ein Damoklesschwert, wenn es über ihm schwebte.

Zoya Bogdanowa stieß einen leisen Pfiff aus. Viktor wusste, dass sie ihn sofort identifiziert hatte. Das Bild vor ihm zeigte ihn selbst. Nur in einer jüngeren Version vor über fünfundzwanzig Jahren. Es zeigte Viktors Gesicht, bevor er über die Grenze geflohen war. Gesucht von der Polizei.

»Ich fürchte«, formulierte Komarow genau, während er ihm in die Augen sah, »gegen Sie, Herr Saizew, besteht hier in Russland noch ein Haftbefehl.«

5

Das Baby schrie. Im Kinderzimmer dudelte in ohrenbetäubender Lautstärke eine CD mit Kinderliedern. Gunnar Scholz saß in Rosa Lopez’ Küche und stellte mit Erstaunen fest, dass Tatorte im Vergleich dazu durchaus ruhige und entspannte Arbeitsplätze sein konnten. Seine Mitarbeiterin hatte Mord gegen Chaos eingetauscht. Im Flur war Gunnar über Spielzeug gestolpert. Auf dem Küchenboden lagen Stifte und Papier, als fände das Leben in diesem Haus eine Etage tiefer statt. Als seien Tische die Erfindung eines skrupellosen Kapitalisten, der Bedürfnisse der Menschen einfach erfand, weckte und sinnlos befriedigte. Rosa Lopez’ Tochter Tessa rannte kurz durch die Küche, stellte sich vor Gunnar, rief ihm etwas zu, was er aufgrund des schreienden Kindes auf Lopez’ Arm nicht verstand. Das Mädchen lachte und lief weg. Auf dem Herd kochte Wasser auf, der Ofen piepste, und Gunnar bot sich pantomimisch an, zu helfen, aber Lopez lehnte nonverbal ab. Gunnar sank auf seinen Stuhl zurück. Einhändig hantierte Lopez mit Töpfen und Löffeln herum, sodass es Gunnar beinahe waghalsig erschien. Akrobatisch. Alles hier sah nach Zirkus aus. Lopez rief ihrer Tochter über den Lärm hinweg zu, sie möge die Musik leiser machen. Aber es passierte nichts.

Gunnar dröhnte der Kopf, er erhob sich nochmals, weil er die Unmöglichkeit von Kommunikation erkannte und den Rückzug einläutete. Aber Lopez deutete unmissverständlich auf seinen Platz. Dieser Blick. Sie schüttelte den Kopf mit einer Unmissverständlichkeit, dass Gunnar Scholz sich einfach nicht mehr traute zu gehen. Lopez strahlte eine Konzentration und Klarheit aus, die er bei sich selbst vermisste.

Lopez knallte Teller und Besteck auf den Tisch und nickte Gunnar zu, der alles eilig und beflissen verteilte. Der weit aufgerissene Mund des brüllenden Kindes kam ihm bedrohlich nahe. Rot, nass, alles an dem Buben schrie Alarm. Rosa Lopez goss Nudeln in ein Sieb. Dampf wie über einem Höllenfeuer hüllte sie alle ein, hier in diesem fensterlosen Raum mitten in einer Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Gunnar hustete, Lopez schaufelte Nudeln und rote Sauce auf tiefe Teller.

Nichts an dieser Mahlzeit hatte etwas mit dem zivilisierten, gemeinsamen Essen von Gunnar und seiner Frau gemein. Lopez verließ das Zimmer, in dem Gunnar allein am Tisch verharrte. Ein Kinderlied brach mitten im Text ab. Ein harter Schnitt. Als Lopez zurückkam, schob sie ihre Tochter durch die Tür. Nur der Junge schrie noch, Spuckefäden liefen aus seinem Mund auf Lopez’ Bluse, wo sie dunkle Inseln formten. Gunnar packten Fluchtgefühle. Sie setzten sich an den Tisch, und er lächelte gequält. Ein Gefühl der Haltlosigkeit ergriff Besitz von ihm, als Lopez widerstandslos ihre Bluse vor ihm aufknöpfte und den offenen Mund des hysterischen Kindes wie einen Verschluss auf ihre Brustwarze drückte. Die Stille, die sich ausbreitete wie eine spürbare Substanz, war himmelsgleich. Gunnar kam nicht umhin, laut hörbar aufzuatmen. Lopez lächelte ihm aufmunternd zu. Gunnar begann, Nudeln aufzuwickeln. Es schmeckte ihm. Auch Tessa aß mit großem Appetit. Ihr leises Geschnatter und Gemecker über einzelne Zutaten wirkte wie eine leichte Brise nach dem Sturm.

Gunnar wollte Lopez fragen: Wie hältst du das nur aus? Er hatte selbst zwei fast erwachsene Söhne. Einer davon hatte gerade sein Coming-out gehabt, was Gunnar mehr zusetzte, als er zugeben wollte. Er vermied das Thema, schob seiner Frau den Schwarzen Peter zu. Sie galt in der Familie als Expertin für Kommunikation. Sie hatte ohnehin den besseren Draht. Gunnar wusste: Kinder beschäftigten ihre Eltern lebenslang, nur der elterliche Einfluss schwand zunehmend. Wie der Respekt. Und körperliche Zuneigung. Als Vater drehte er regelmäßig durch, weil keiner seiner Söhne mehr nach seiner Meinung fragte. Trotzdem konnte er nicht aufhören, sich in ihnen spiegeln zu wollen und zu hoffen, dass sie ihn, Gunnar, in ihrem Leben irgendwie verwirklichten. Darauf zu hoffen glich der Jungfernfahrt der Titanic. Dem Untergang geweiht. Zu schnell hatte er das Chaos der ersten Jahre vergessen, den fehlenden Schlaf, das Existenzielle eines jeden kindlichen Bedürfnisses. Das meiste hatte seine Frau abgefangen. Er konnte sich noch an das befreiende Gefühl erinnern, das jedes Mal einsetzte, wenn er damals das Haus verließ und sein Büro beim LKA betrat. Also sagte er nichts, aß und lauschte dem nervenberuhigenden Geräusch des saugenden Babys, das vor ihm lag.