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Familie mit Probezeit - Aber gibt es wirklich keine Umtauschgarantie für Eltern?
Im Urlaub haben sie sich kennengelernt, die beiden halben Familien von Lennart mit Sohn Nico und Marina mit Tochter Sina. Und eigentlich ist die weitere Entwicklung vorausschaubar: Die Erwachsenen verlieben sich ineinander, und aus zwei halben wird eine ganze Familie. Schön, oder?
Das finden alle - bis auf Nico! Sein Vater und er sind schließlich die ganze Zeit sehr gut alleine klargekommen. Frauen stören doch nur in einem ordentlichen Männerhaushalt. Und so tut er einiges, um gegen die Patchwork-Familie auf Probe zu intrigieren ...
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Familie mit Probezeit
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: PeopleImages / iStockphoto
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-6586-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Familie mit Probezeit
Aber gibt es wirklich keine Umtauschgarantie für Eltern?
Von Heide Prinz
Im Urlaub haben sie sich kennengelernt, die beiden halben Familien von Lennart mit Sohn Nico und Marina mit Tochter Sina. Und eigentlich ist die weitere Entwicklung vorausschaubar: Die Erwachsenen verlieben sich ineinander, und aus zwei halben wird eine ganze Familie. Schön, oder?
Das finden alle – bis auf Nico! Sein Vater und er sind schließlich die ganze Zeit sehr gut alleine klargekommen. Frauen stören doch nur in einem ordentlichen Männerhaushalt. Und so tut er einiges, um gegen die Patchwork-Familie auf Probe zu intrigieren …
»Du, Papa?«
»Ja.«
»Warum wollen wir denn erst nächste Woche mit dem Unterseeboot fahren? Können wir das denn nicht schon diese Woche?«
»Ja.«
Die Augen des zehnjährigen Nicolas begannen zu leuchten.
»Vielleicht morgen schon?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Ja.«
»Bestimmt?«
»Ja.«
Allmählich machte das stereotype »Ja« seines Vaters Nicolas doch stutzig. Dem kurz auflodernden Funken der Freude folgte Argwohn.
»Sagst du das auch nicht nur so dahin, Papa?«, forschte der Junge misstrauisch.
»Ja.«
Nun wurde es Nicolas aber wirklich zu dumm. Energisch zog er an Papas offenem Hemdkragen.
»Warum sagst du immer Ja, Papa?«, beschwerte sich Nicolas murrend. »Ich glaub, du hast überhaupt nicht zugehört, was ich dich gefragt hab.«
Das Zerren an seinem Hemd holte den 34-jährigen Lennart Brakwede, der mit seinem zehnjährigen Sohn Nicolas momentan Urlaub am Roten Meer machte, in die Wirklichkeit zurück. Nur im Urlaub durfte Nicolas mal so lange aufbleiben wie heute. Nach dem Abendessen hatten Vater und Sohn noch einen ausgedehnten Spaziergang gemacht. Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, hatte im großen Aufenthaltsraum mittlerweile ein buntes Unterhaltungsprogramm für die Hotelgäste begonnen, von dem sie sich auf Nicolas’ Bitten hin noch zwei, drei Nummern angeschaut hatten. Unter anderem auch die eines Illusionisten, die dem Jungen besonders gut gefallen hatte.
Als danach aber eine Bauchtänzerin angesagt worden war, hatte Lennart es für angebracht gehalten, seinen Sohn zu Bett zu bringen.
Doch in der großen Eingangshalle hatte Nicolas noch einmal ein paar Minuten Zeit für sein abendliches Lieblingsspiel herausgeschunden. »Leute begucken« nannte er es. Nicolas fand herausgeputzte Leute faszinierend. Besonders Frauen. Möglicherweise war der Grund dafür darin zu suchen, dass er seine schöne Mutter immer noch ein bisschen vermisste, obwohl sie inzwischen schon fünf Jahre tot war.
»Wenn du doch mal ein paar Sekunden lang dein Plappermäulchen halten könntest, Nico!«, herrschte Lennart seinen Sohn an. »Tut mir leid, ich habe eben wirklich nicht zugehört. Ich versuch nämlich zu verstehen, was dort vorn an der Rezeption vor sich geht. Ich glaub, die Frau da, die mit dem kleinen Mädchen, die hat ein bisschen Trouble. Irgendwie scheint die mit dem Portier nicht klarzukommen. Vielleicht sollte ich sie mal fragen, ob sie Hilfe braucht?«, überlegte er halblaut.
Nicolas, von der Reaktion seines Vaters ziemlich enttäuscht, schließlich war es um einen seiner Herzenswünsche gegangen, warf dem kleinen dunkelgelockten Mädchen einen giftigen Blick zu.
Was hatte sich sein Vater um so ein fremdes Mädchen und deren Mama zu kümmern, selbst wenn die beiden da Probleme hatten? Sollten die doch selber sehen, wie die klarkamen.
»Warum kümmerst du dich um die und nicht um mich?«, beschwerte sich Nicolas. »Sag mir lieber, wann wir U-Boot fahren wollen, Papa.«
»Bald, Nico, bald«, antwortete Lennart Brakwede geistesabwesend. »Darüber unterhalten wir uns noch. Im Moment bleibst du hier mal sitzen und rührst dich nicht von der Stelle. Ich will mal sehen, was da los ist.« Noch ehe Nicolas abermals Einwände erheben konnte, hatte sein Vater sich schon erhoben.
Langsam schlenderte Lennart durch die Halle. Zwei, drei Meter von der jungen Frau entfernt, tat er so, als interessiere er sich für die an der Rezeption ausliegenden Prospekte für Tagesausflüge und sonstige Unternehmungen.
Während er scheinbar unentschlossen in verschiedenen Prospekten blätterte, horchte er auf den stotternden Dialog nebenan. Obwohl die junge Frau kein perfektes Englisch sprach, verstand er dennoch so viel, dass sie dem dunkeläugigen Portier klarzumachen versuchte, dass sie die Reise zu Hause in ihrem Reisebüro komplett mit Flug und Hotelunterbringung im Hotel »Aladin« gebucht und bei der Buchung auch sofort mit Kreditkarte bezahlt hatte. »Aladin« hieß das Hotel, in welchem sie vor Kurzem angekommen war.
»And what’s now?«, fragte sie den Portier mit unglücklichem Gesicht.
Tja, was war nun?
Lennart, ein blonder sportlicher Typ mit breiten Schultern und muskulösen Armen, wandte sich der Frau zu, einer nach seiner Schätzung hübschen zierlichen Mittzwanzigerin in Jeans, weißem T-Shirt und weißen offenen Sandalen, aus denen vorn zierliche Zehen mit rosa lackierten Nägeln hervorschauten. Das rötlich blonde Haar der Frau war zu einem modischen sommerlichen Kurzhaarschnitt gestutzt.
Obwohl sich die Frau englisch zu verständigen suchte, sprach er sie auf Deutsch an, da er in ihr eine Landsmännin vermutete.
»Gibt’s Probleme?«, fragte er freundlich.
Die junge Frau, die sich ihm jetzt zuwandte, blickte Lennart mit solcher Dankbarkeit an, als vermute sie, ihn habe ihr der Himmel als Retter gesandt.
Lennart machte zwei Schritte auf sie zu und war ihr jetzt so nahe, dass er ein paar lustige Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangen erkennen konnte.
»Probleme?«, stöhnte sie auf. »Das kann man wohl sagen! Da kommt man – und das, nachdem man früh genug eine ordnungsgemäße Reisebestätigung erhalten hat, die man auch vorweisen kann! – fast zu mitternächtlicher Stunde total übermüdet in einem fremden Land an, um dann im Hotel zu erfahren, dass man überhaupt nicht angemeldet ist! Soll man so etwas für möglich halten?«
»Und was sagt der Portier?«
»Dass das Hotel restlos ausgebucht ist.«
»Restlos ausgebucht, bis aufs letzte Bett, so was gibt’s in einem Hotel dieser Größenordnung doch überhaupt nicht«, widersprach Lennart.
»Behauptet der Portier aber. Und da soll man sich nicht aufregen? Schauen Sie sich meine Tochter an! Die kippt vor Müdigkeit gleich aus den Latschen. Und der hier sagt, es gäbe im ganzen Hotel kein freies Bett mehr für sie! Hat man in Ägypten denn überhaupt kein Herz für Kinder?«
Lennart schenkte dem kleinen dunkelhaarigen Mädchen mit den großen blaugrünen Kulleraugen einen mitleidigen Blick. Einen abgegriffenen Plüschhasen mit langen Ohren, langen Armen und spindeldürren langen Beinen im Arm, schmiegte es sich an seine Mutter und blickte scheu zu ihm auf.
Das Kind gehört ins Bett!, dachte Lennart. Und zwar schnell.
»Regen Sie sich nicht auf«, versuchte Lennart, die junge Frau zu beruhigen. »Nichts wird so heiß gegessen, wie’s gekocht wird.«
»Das behaupten Sie!«, antwortete sie erschöpft, mit einem Blick auf ihr übermüdetes Kind, nun schon fast den Tränen nahe. »Aber was mach ich, wenn der hier«, sie wies mit dem Kinn kaum merklich zu dem Portier hinüber, »Ihre Worte Lügen straft? Mit schönen Redensarten ist uns nicht geholfen.«
Lennart überlegte sekundenlang. »Kommen Sie«, meinte er entschlossen. Er bückte sich, nahm das Kind auf den Arm, und fasste nach dem Ellenbogen der Frau. »Wir setzen uns mal einen Moment da drüben hin. Die Kleine kann sich ja gar nicht mehr auf den Füßen halten. Und Sie zeigen mir Ihre Reiseunterlagen. Ich werde dann sehen, was ich für Sie tun kann.«
Lennart schob die Frau einfach vor sich her durch die Hotelhalle bis zu einem breiten Sofa hinüber, wo sich Nicolas rekelte, der die Szene mit Argusaugen verfolgt hatte: »Mein Sohn Nico«, stellte Lennart ihn der Frau vor. »Rück mal ein bisschen, Nico, damit sich das kleine Mädchen bequem hinlegen kann. Es ist sehr müde. Du passt jetzt mal ein bisschen auf das Mädchen auf«, befahl er ihm. »Ich habe hier mit der Dame etwas zu regeln.«
Lennart kam sich auf einmal wie der Beschützer seiner beiden weiblichen Landsleute vor.
***
»Aber, Papa, ich …« Nicolas war wütend.
Er verstand seinen Vater überhaupt nicht mehr. Was gingen den diese fremden Leute an? Und was dachte der sich bloß dabei, ihn hier … Babys bewachen zu lassen! Wenn dieses Baby wenigstens ein Junge gewesen wär. Aber nein, es musste ausgerechnet ein Mädchen sein. Und Mädchen fand der fast Elfjährige schon von Haus aus blöd. Nicht nur ganz kleine. Wenn man sich mit einem Mädchen prügelte, und hin und wieder musste sich ein richtiger Junge prügeln, zog man als Junge stets den Kürzeren. Jedenfalls, wenn man diesen Mann hier zum Papa hatte. Egal, wer bei einer Prügelei angefangen hatte, sein Papa behauptete immer, man habe jederzeit auf Mädchen Rücksicht zu nehmen. Deshalb konnte er sie nicht gut leiden, weil es nämlich auch ganz schön freche gab. Sogar jetzt musste er noch Rücksicht auf ein Mädchen nehmen, wo er, Nico, doch selbst schon sooo müde war.
Ob er sich wohl verdrücken durfte, wenn er den Papa darauf hinwies?
»Papa, ich … Ich bin aber auch schon müde«, versuchte Nicolas noch einen Einwand. »Darf ich nicht schon zu Bett gehen?«
Zu Nicolas’ Enttäuschung hielt sein Vater es nicht einmal für nötig, die Frage zu beantworten. Nicolas kassierte dafür lediglich einen strafenden Blick von ihm. Und gleich darauf wandte sich sein Vater der fremden Frau zu.
»Bitte, nehmen Sie Platz, Frau …?« Er reicht ihr die Hand. »Lennart Brakwede«, stellte er sich vor.
»Marina Holthus.« Die junge Frau mit den hellen Augen deutete auf das Kind, das sich in halb liegender Stellung in die Sofaecke gekuschelt hatte, den Kopf auf die niedrige Lehne gebettet. »Meine Tochter Sina.«
Lennart wartete, bis Marina Holthus sich gesetzt hatte, um sich dann neben ihr niederzulassen.
Während die kleine Sina, ihren Hasen fest an sich gepresst, mit großen interessierten Augen den Buben musterte, der aber mit hochmütiger Miene an ihr vorbeizuschauen versuchte, sah Lennart Marina Holthus’ gesamte Reiseunterlagen durch.
»Soweit ich das beurteilen kann, sind sie vollkommen in Ordnung«, meinte er abschließend. »Ich weiß nicht, wie man mit denen Schwierigkeiten bekommen kann.«
»Nicht wahr?«, erwiderte sie erleichtert. »Es fehlt nichts. Wenn ich verreise, nehme ich stets alles mit. Auch die Zahlungsbestätigung, obwohl einem die Reisepapiere ja überhaupt nicht ausgehändigt werden, solange man die Reise nicht bezahlt hat. Aber ich denke mir immer: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und wie gut man daran tut, zeigt sich ja jetzt. Aber was nützt das, wenn die das hier nicht anerkennen? Ich hatte gleich nach der Ankunft am Flughafen so ein dummes Gefühl, nachdem uns niemand abgeholt hat.«
»Ach? Sie wurden gar nicht abgeholt?«, fragte Lennart ungläubig. »Wie sind Sie denn hierhergekommen?«
»Mit einer Taxe, die ich selber bezahlt habe. Was würden Sie jetzt an meiner Stelle tun, Herr Brakwede?«, fragte Martina Holthus mit Blick auf ihr Töchterchen unglücklich.
»Überlassen Sie mir die Papiere mal für einen Augenblick?«, fragte Lennart.
»Gerne, falls es uns weiterbringt. Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass sich überhaupt jemand um uns kümmert.«
Lennart erhob sich. »Es wäre doch gelacht, wenn man Sie trotz ihrer vollständigen Papiere hier nicht haben wollte«, sagte er zuversichtlich. »Bleiben Sie nur ruhig hier sitzen. Ich regel das schon.«
Es waren dann aber weniger die Reisepapiere als viel mehr ein diskret über den Tisch geschobener Geldschein, der Marina Holthus zu einem Zimmerschlüssel verhalf, wie sie beobachten konnte.
Marina bedankte sich bei Lennart überschwänglich für die Hilfe.
»Was hätte ich nur ohne Sie gemacht?«, meinte sie aufatmend. Sie suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie. »Wie viel haben Sie dem Mann zahlen müssen, damit er sich bereit erklärt hat, uns aufzunehmen?«, wollte sie wissen.
Lennart schob ihre Hand, die das Portemonnaie hielt, wieder zurück in ihre Tasche.
»Lassen Sie das Geld stecken«, erklärte er. »So schlimm war’s nicht. Außerdem ist die Sache noch nicht ausgestanden. Die Erlaubnis gilt nur für die heutige Nacht, damit Sie mit Ihrer kleinen Tochter nicht auf der Straße stehen. Morgen müssen wir dann mit dem Reiseveranstalter die Schuldfrage klären. Denn trotz der vollständigen Papiere scheint irgendjemand einen Fehler gemacht oder eine Mitteilung nicht weitergeleitet zu haben. Das wird sich dann schon herausstellen. Sie jedenfalls trifft daran keine Schuld. Falls es Ihnen recht ist, Frau Holthus, begeben wir uns morgen gemeinsam auf die Suche nach dem Verursacher.«
»Das würden Sie tatsächlich für uns tun?«, fragte sie ungläubig.
»Warum nicht? Außerdem sagten sie ja selbst, dass Ihre Englischkenntnisse mangelhaft sind. Und wer weiß, ob bei der Reiseniederlassung jemand gut deutsch spricht.«
»Hoffentlich findet sich in den nächsten Tagen noch eine Möglichkeit, mich für Ihre Freundlichkeit zu revanchieren, Herr Brakwede«, sagte Marina Holthus erleichtert lächelnd.
