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Robin ist tot! Ein winziger Augenblick hat genügt, sein kurzes Leben auszulöschen. Für Gabriel und Mona Sandner scheint das Leben stillzustehen, doch die unendliche Trauer um ihr Kind schweißt das Ehepaar nicht zusammen, sondern treibt es stattdessen immer weiter auseinander.
Denn Gabriel gibt Mona die Schuld an dem Unfall, völlig ungerechtfertigt, doch er ist blind vor Schmerz. Niemals wieder will er einen solchen Verlust durchleben müssen. Niemals will er ein weiteres Kind!
Als Mona bald darauf feststellt, dass sie erneut schwanger ist, gerät die bereits schwer geprüfte junge Frau in einen tiefen Konflikt ...
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Mit kleinen Schritten ins große Abenteuer
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: mimagephotography / shutterstock
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5474-4
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Mit kleinen Schritten ins große Abenteuer
Wie Bastian die Herzen seiner Eltern versöhnte
Von Heide Prinz
Robin ist tot! Ein winziger Augenblick hat genügt, sein kurzes Leben auszulöschen. Für Gabriel und Mona Sandner scheint das Leben stillzustehen, doch die unendliche Trauer um ihr Kind schweißt das Ehepaar nicht zusammen, sondern treibt es stattdessen immer weiter auseinander.
Denn Gabriel gibt Mona die Schuld an dem Unfall, völlig ungerechtfertigt, doch er ist blind vor Schmerz. Niemals wieder will er einen solchen Verlust durchleben müssen. Niemals will er ein weiteres Kind!
Als Mona bald darauf feststellt, dass sie erneut schwanger ist, gerät die bereits schwer geprüfte junge Frau in einen tiefen Konflikt …
Als Mona Sandner den Wagen ihres Mannes vorfahren hörte, ging es bereits auf 22 Uhr zu. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie sich den Ablauf der nächsten halben Stunde vorstellte:
Beim Betreten des Hauses würde Gabriel ein düsteres »Abend« murmeln. Dann würde er rechts neben der Tür seinen schwarzen Aktenkoffer abstellen, sich im Bad die Hände waschen, kurz ins Wohnzimmer schauen und kritisieren, dass sie mit dem Abendessen auf ihn gewartet hatte. Vielleicht würde er noch kurz in die Zeitung schauen. Aber danach würde er ins Gästezimmer hinaufgehen, in welchem er nun schon seit einem Monat schlief. Und wie immer würde er laut und vernehmlich hinter sich abschließen …
Nur selten aß Gabriel am Abend noch gemeinsam mit Mona eine Kleinigkeit. Es kam ganz darauf an, ob er tagsüber trotz der vielen Arbeit zum Essen gekommen war oder nicht.
Eigentlich langte Gabriel nur noch bei Geschäftsessen mit Kunden oder Zulieferern richtig zu. Mit Leuten an einem Tisch, mit denen er über Firmenangelegenheiten oder Politik diskutieren konnte, schmeckte es ihm auch wieder. Bei solchen Unterhaltungen konnte er seinen Kummer am besten vergessen. Wenn auch nur für kurze Zeit. Aber immerhin lenkten ihn solche Gespräche vorübergehend ab.
Saß Gabriel hingegen mit Mona allein am Tisch, stocherte er gleichgültig im Essen herum, egal, was sie ihm auch vorsetzte. Er schien nicht einmal zu bemerken, was auf seinem Teller lag.
Mittlerweile sah man ihm seine Appetitlosigkeit an. Seit dem Tag des Unglücks musste Gabriel nach Monas Schätzungen mindestens zehn Kilo abgenommen haben. Sieben Wochen unvorstellbaren Leids hatten aus dem 48-jährigen lebhaften Bauunternehmer mit der stattlichen Figur einen schweigsamen Menschen werden lassen, dessen Augenringe von Tag zu Tag dunkler und dessen noch immer volle braune Haare sichtbar grauer wurden; dessen ehemals runde Wangen mittlerweile eingefallen waren.
Gerade war Gabriel dabei, für sich eine neue Garderobe zusammenzustellen, da ihm nichts mehr passte. Doch Mona durfte ihren Mann dabei nicht mehr wie früher begleiten und mit guten Ratschlägen unterstützen.
Auch Mona hatte nach jener Katastrophe viel an Gewicht verloren. Inzwischen aber nahm sie wieder zu. Sogar mehr, als ihr lieb war. Obwohl ihr Kummer dem ihres Mannes in nichts nachstand.
Gabriel hatte seinen Wagen jetzt in die Garage gefahren. Mona lauschte auf seine Schritte auf dem Plattenweg. Als er das Haus betrat, ging sie ihm entgegen.
»Hallo, Gabriel«, sagte sie so freundlich, wie es ihr in der angespannten Situation möglich war. Meistens schnürte ihr schon der bloße Anblick seines verschlossenen Gesichts die Kehle zu. »Hast sicher wieder einen anstrengenden Tag gehabt, stimmt’s?«, fragte sie Anteil nehmend.
Gabriel brummte etwas Unverständliches und stellte seinen Aktenkoffer neben der Tür ab.
Beflissen öffnete Mona für ihn die Badezimmertür. Sie sah Gabriel schweigend zu, wie er sich die Hände wusch. Als er die Tropfen von den Händen schüttelte, nahm sie das Handtuch von der Stange und reichte es ihm.
»Danke«, antwortete Gabriel knapp. Mürrisch setzte er hinzu: »Du brauchst mich nicht wie eine Mutter zu bedienen. Du weißt, wie sehr ich das hasse.«
Mona konnte sich noch gut an andere Zeiten erinnern. Gabriel hatte es sogar einmal sehr genossen, wenn sie ihn umsorgte. Sie ließ seine Bemerkung trotzdem unkommentiert. Es führte zu nichts, sich mit ihm auf ein Streitgespräch über derartige Nichtigkeiten einzulassen. Noch dazu zu dieser späten Stunde. Es würde sie beide nur Nerven kosten. Und Aufregungen hatten sie in den letzten Wochen mehr als genug gehabt.
Deshalb trat Mona schweigend zur Seite, als Gabriel an ihr vorüberging, ohne sie anzublicken. Er durchquerte die marmorgeflieste Diele, in der wertvolle orientalische Brücken verteilt waren, und öffnete die Tür zum Wohnzimmer.
Beim Anblick des gedeckten Tisches zogen sich Gabriels Augenbrauen unwillig zusammen.
»Herrgott, Mona! Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du mit dem Abendessen nicht auf mich warten sollst!«, fauchte Gabriel aufgebracht. »Ich hab nun mal abends keinen Appetit mehr. Merk dir das endlich! Was soll dieser Aufwand? Du hast mit dem Auf- und Abdecken nur unnötige Arbeit.«
»Aber die mache ich mir gern, Gabriel«, versuchte Mona, ihren Mann zu besänftigen. »Was hab ich denn sonst viel zu tun? Frau Schmidtbauer lässt sich nicht in ihren geregelten Tagesablauf hineinreden. Wenn ich ihr ein wenig zur Hand gehen möchte, um mich zu beschäftigen, tut sie gleich verschnupft.« Frau Schmidtbauer war ihre langjährige Haushälterin.
»Nicht mal im Garten darf ich ein bisschen helfen«, beschwerte sich Mona mit dünner Stimme. »Gleich steht Alfred mit kummervoller Miene da!«
»Soll ich dem alten Mann vielleicht seinen kleinen Zusatzverdienst streichen, damit die gnädige Frau seine Arbeit selbst übernehmen kann?«, fragte Gabriel herausfordernd.
Der »alte Mann« war der Rentner Alfred Schütte, der für ein kleines Zubrot das Grundstück der Sandners in Ordnung hielt und liebevoll pflegte.
»Aber wer redet denn davon, dass ich Alfred von seinem Platz verdrängen will, Gabriel?!«, widersprach Mona dieser Unterstellung. »Ich wollte dir lediglich erklären, weshalb es mir nichts ausmacht, den Tisch auch mal überflüssigerweise zu decken. Musst du mich immer wieder missverstehen? Was ist so schlimm daran, dass ich erwähnt habe, im Haus nur wenig zu tun zu haben?« Monas Augen brannten von ungeweinten Tränen.
»Dann tritt doch irgendeinem Verein bei, und tob dich dort aus!«, schlug Gabriel unwillig vor. »Mach dich bei einem Frauenverein nützlich. Oder übernimm eine ehrenamtliche Aufgabe! Eine Frau in deinen Jahren wird doch wohl noch ein neues Betätigungsfeld finden?« Gabriels Stimme triefte vor Hohn, der Mona zutiefst kränkte.
Bis jetzt war Mona sanft und ruhig geblieben. Doch den ungerechtfertigten Hohn in Gabriels Stimme vertrug sie nicht mehr.
»Bitte, Gabriel, setz dich!«, verlangte Mona plötzlich mit völlig veränderter Stimme. »Starr da nicht in die Dunkelheit hinaus, nur um mich nicht anschauen zu müssen!« Ihre Erregung wuchs. Mit zunehmender Verzweiflung begannen ihre Augen, unnatürlich zu glitzern.
Nach einem abfälligen Blick auf den gedeckten Esstisch war Gabriel an das große Fenster herangetreten. Die Hände auf den Rücken gelegt, hatte er in die mondlose Finsternis hinausgestarrt, während er ihr Ratschläge erteilt hatte, wie sie sich beschäftigen sollte.
Bei Tageslicht hatte man von dem Fenster aus einen wundervollen Ausblick auf den parkähnlichen Garten, der gegen neugierige Blicke von einer übermannshohen, akkurat beschnittenen Ligusterhecke umgeben war.
Verwundert blickte sich Gabriel nach Monika um. Diesen fordernden Ton, den sie gerade angeschlagen hatte, kannte er gar nicht an ihr.
»Ein anderes Mal, Mona«, antwortete Gabriel. »Jetzt bitte keine Diskussionen mehr. Ich brauche dringend meinen Schlaf. Heute war für mich ein langer, anstrengender Tag.«
»Setz dich!«, wiederholte Mona ungerührt. Sie nahm Gabriels Ausrede einfach nicht zur Kenntnis. »Es wird höchste Zeit, endlich gewisse Dinge zwischen uns zu klären. Du wirst dich jetzt nicht wieder drücken, wie du es schon ein paarmal erfolgreich getan hast. Du wirst mit mir reden! Hier und jetzt! So wie in den vergangenen Wochen geht es mit uns nämlich nicht weiter! Daran gehen wir auf die Dauer beide kaputt. Ich halte deine Ignoranz einfach nicht länger aus!«, schrie es verzweifelt aus Mona heraus. »Ich lass mir das nicht länger gefallen, verstehst du?«
Die Tränen, die sie noch bis vor wenigen Augenblicken tapfer zurückgehalten hatte, begannen nun doch noch zu fließen.
Gabriel schaute auf Mona hinunter. Einige Augenblicke lang schien er zu überlegen, ob er sich nicht besser davonmachte. Dann aber wuchtete er sich doch in einen der dicken Klubsessel hinein.
»Gut«, gab er nach. Obwohl er vor Frauentränen von jeher kapituliert hatte, ließ sein Gesichtsausdruck nicht die geringste Spur Mitleid erkennen. »Reden wir also miteinander!«
Mona war erleichtert. Das, was ihr das Herz abschnürte, musste sie endlich einmal loswerden.
Gabriel lehnte sich bequem zurück und schlug die Beine lässig übereinander. Dann blickte er seine Frau kühl an.
»Wenn du mir etwas zu sagen hast, dann tu’s jetzt, Mona.«
***
»Wie du das sagst, Gabriel …« Monas Blick war voll abgrundtiefer Traurigkeit und Resignation. »Weshalb gibst du allein mir die Schuld an dem Unglück? Hast du nicht wenigstens ein kleines bisschen das Gefühl, dass es … auch Schicksal war? Herrgott, Gabriel! Ich frage mich schon selbst immer und immer wieder, ob mich nicht vielleicht doch ein Mitverschulden trifft! Aber ich hatte Robin so fest an der Hand …« In Erinnerung an ihren fünfjährigen Sohn, der sich urplötzlich von ihrer Hand losgerissen und an einer belebten Straße direkt vor ein Auto gelaufen war, schluchzte Mona heftig auf.
Es war alles so schnell gegangen, dass sie nichts mehr hatte verhindern können. Geschehen war es, weil Robin auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Nachbarn mit dessen Schäferhund erspäht hatte – den liebsten Freund des kleinen Jungen.
»Ich gebe dir nicht die Schuld an Robins Tod«, antwortete Gabriel müde. Doch er konnte Mona bei dieser Lüge nicht in die Augen schauen.
»Oh, nein!«, rief sie verzweifelt aus, »nicht in direktem Angriff! Nicht mit klaren Worten! Aber du zeigst es mir mit jeder Geste, mit jedem Blick, mit deiner ganzen Art. Du schaust durch mich hindurch, als sei ich aus Glas. Es schmerzt dich, mich anschauen zu müssen. Es ist für dich eine Tortur, mit mir am selben Tisch zu sitzen. O Gabriel …! Wie soll das nur mit uns weitergehen?«
Mona drückte die Ellenbogen auf ihre zusammengepressten Schenkel, verbarg ihr Gesicht in den Händen und brach in hysterisches Weinen aus, das ihren Körper wie im Fieber schüttelte.
»Du hasst mich! Als sei ich wirklich schuld an Robins Tod.«
Einen kurzen Moment zeigte sich so etwas wie Mitleid in seinen Zügen. Es sah aus, als wollte Gabriel auf seine Frau zueilen, um sie zu trösten. Doch schon im nächsten Augenblick versteifte sich sein Körper wieder in Abwehr.
»Du redest dir etwas ein, Mona«, erwiderte er rau. Doch seinen Worten fehlte Überzeugungskraft. »Wir sind beide noch etwas … angegriffen. Wir haben noch nicht gelernt, mit dieser Tragödie umzugehen. Deshalb weichen wir momentan einander aus. Aber es wird schon wieder … irgendwann«, fügte er lahm hinzu.
»Du glaubst doch selbst nicht, was du sagst, Gabriel!« Noch immer schniefend versuchte Mona, ihre Tränen mit einem nass geweinten Taschentuch zu trocknen. »Wenn sich gerade jetzt, wo wir einander so nötig brauchen, die Kluft zwischen uns von Tag zu Tag vertieft, wie sollen wir da je wieder zusammenfinden?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Gabriel resigniert.
Er erhob sich, nahm aus einer Schublade einen Packen Taschentücher und legte diesen vor Mona auf den Tisch. Danach ließ er sich sofort wieder in den Sessel fallen. Er schien zu fürchten, Mona könnte beim kleinsten Zögern seinerseits seine Hand ergreifen, und sich daran festklammern wollen …
Das hätte Mona tatsächlich auch am liebsten getan. Doch das traute sie sich nicht, aus Angst, Gabriel würde daraufhin fluchtartig das Zimmer verlassen. Das aber wollte sie nicht riskieren.
»Du behauptest, du gibst mir nicht die Schuld an Robins Tod«, fuhr Mona schließlich, ein bisschen ruhiger geworden, fort. »Weshalb behandelst du mich dann trotzdem, als sei ich Luft? Ehe das Unglück geschah, bist du abends oft so früh heimgekommen, dass du noch mit Robin spielen konntest. Inzwischen kommst du immer später.«
»Wir haben momentan ungeheuer viel Arbeit«, spielte Gabriel sein spätes Heimkommen herunter. »Ich …«
