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Ohne Mami bricht das Chaos aus
Mitreißender Roman um die Sorgen eines gestressten Familienvaters
Von Heide Prinz
Trauer und Wut spiegeln sich in den Kinderaugen. Ihre Gesichter wirken verschlossen und viel zu ernst, die Körperhaltung ist voller Abwehr. Niemand kann Rahel, Leni und den kleinen Gunnar trösten - am allerwenigsten ihr Vater. Warum war er nicht da, als ihre über alles geliebte Mami starb? Warum war er in all den Jahren überhaupt nur so wenig zu Hause?
Schuldgefühle werden in Gernot wach. Seine Kinder haben ja recht, wenn sie ihn anklagen. Er weiß wirklich viel zu wenig über sie, über ihre Vorstellungen, Träume, Sehnsüchte ...
Am Grab seiner Frau schwört Gernot sich, die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen. Doch sind seine Kinder bereit, ihm zu verzeihen?
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Ohne Mami bricht das Chaos aus
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Jacob Lund / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-8843-5
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Ohne Mami bricht das Chaos aus
Mitreißender Roman um die Sorgen eines gestressten Familienvaters
Von Heide Prinz
Trauer und Wut spiegeln sich in den Kinderaugen. Ihre Gesichter wirken verschlossen und viel zu ernst, die Körperhaltung ist voller Abwehr. Niemand kann Rahel, Leni und den kleinen Gunnar trösten – am allerwenigsten ihr Vater. Warum war er nicht da, als ihre über alles geliebte Mami starb? Warum war er in all den Jahren überhaupt nur so wenig zu Hause?
Schuldgefühle werden in Gernot wach. Seine Kinder haben ja recht, wenn sie ihn anklagen. Er weiß wirklich viel zu wenig über sie, über ihre Vorstellungen, Träume, Sehnsüchte …
Am Grab seiner Frau schwört Gernot sich, die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen. Doch sind seine Kinder bereit, ihm zu verzeihen?
Der Jeep preschte mit hoher Geschwindigkeit durch das weitläufige Gelände der Großbaustelle und hielt mit einer Vollbremsung vor der Baracke, die als Schreibstube diente.
Erschöpft wankte Gernot Rüdesheim aus dem verbeulten Fahrzeug und schlurfte die wenigen Stufen empor. Die leichte Tropenbekleidung klebte schweißnass an seinem Körper.
Im Inneren des von einem großen Deckenventilator einigermaßen erträglich temperierten Raumes hängte er im Vorübergehen seine fleckige Mütze an einen in die Holzwand geschlagenen Nagel und ließ sich nach einer kurzen Begrüßung müde auf einen wackligen Stuhl sinken.
„Mein Gott, die Hitze kann einen ja umbringen“, stöhnte er und fuhr sich über die Augen. „Ich bin fix und fertig.“
Der Mann, der hinter einem von Plänen und Skizzen bedeckten Schreibtisch saß, schaute kurz auf und pflichtete dem Ankömmling bei.
„Dabei sollte man meinen, wir hätten uns im Laufe der Jahre an diese Temperaturen gewöhnt – so lange, wie wir zwei schon bei dieser Truppe sind. Ach übrigens, Gernot, ich soll dir noch etwas geben …“ Jetzt schob er Papiere beiseite, hob Pläne an und ließ seine Hände suchend über die Schreibtischplatte gleiten. „Verdammt, es muss doch hier irgendwo sein!“
„Was suchst du denn?“
Der Ingenieur Gernot Rüdesheim, Ende dreißig, von kräftiger Statur und mit sonnengegerbter Haut, hatte im Moment nur noch zwei Wünsche: eine ausgiebige Dusche und ein kühles Laken, auf dem er einen Teil des versäumten Schlafes nachholen konnte. Er war jetzt fast zwei Tage von einer Baustelle zur anderen unterwegs gewesen, um nach dem Rechten zu sehen, sich Klagen anzuhören und neue Anweisungen zu geben. Als Angestellter eines deutschen Konzerns hatte er die Oberaufsicht über dieses Projekt.
Das unklimatisierte Notlager der vergangenen Nacht hatte ihn kaum Schlaf finden lassen. Nun sehnte er sich nach seiner eigenen Klause und hoffte, dass niemand den Ventilator abgestellt hatte.
„Was suchst du denn da die ganze Zeit?“, fragte er ungehalten, weil ihn das Geraschel der Papiere in seinem jetzigen Zustand nervös machte.
„Die E-Mail“, antwortete sein Kollege Herbi, der mit vollem Namen Hans-Herbert hieß, aber von niemandem so genannt wurde. „Für dich ist eine E-Mail angekommen.“
„Was steht denn drin?“
„Weiß ich doch nicht“, meinte Herbi. „Ist doch für dich. Ah, hier ist sie. Ich sage doch immer: In einem geordneten Haushalt geht nichts verloren. Da – bitte!“
Gernot öffnete den Umschlag und ohne die geringste Hast, las die wenigen Zeilen – und sprang mit einem gewaltigen Satz auf.
„Wann, sagst du, ist die Mail angekommen?“, brüllte er.
„Vielleicht eine Stunde später, nachdem du abgedampft warst. Du hast ja nicht gesagt, welche Tour du nimmst. Sonst hätte ich jemanden hinter dir hergeschickt. Ich habe noch ein bisschen rumtelefoniert, aber dich nirgends erreicht. Ist es denn so wichtig?“ Herbi war ein wenig verwundert. Er hatte den Freund noch niemals so aufgebracht gesehen.
„Wichtig?“ Gernots Stimme bebte, und in seinen Augen lag ein gefährliches Glitzern. „Sieh zu, wie ich auf dem schnellsten Wege nach Deutschland komme. Lass einen Wagen klarmachen, der mich zum Flughafen bringt. Und alles möglichst gestern, verstanden?“
„Tut mir leid, Kumpel, wenn ich da einen Fehler gemacht habe. Aber ich konnte ja nicht ahnen …“ Herbi hob die Schultern. „Sag mir doch wenigstens, was los ist!“
Vermutlich hörte Gernot diese Aufforderung schon nicht mehr. Mit langen Schritten eilte er aus dem Raum, überquerte im Laufschritt den staubbedeckten Platz und verschwand hinter der Tür einer der Wohnbaracken, die sich die beiden Freunde teilten.
Herbi blickte ihm kopfschüttelnd nach. Erst dann entdeckte er den Zettel, der zusammengeknüllt zwischen den Papieren lag. Er nahm ihn auf, strich ihn glatt – und erstarrte, als er die wenigen Worte las.
Lisa ist verstorben. Wir erwarten dich umgehend. Vater.
„Mein Gott!“, entfuhr es Herbi. „Das darf einfach nicht wahr sein!“
Lisa war Gernots Frau, gerade mal dreißig Jahre alt, wenn er sich nicht irrte. Und daheim warteten jetzt drei kleine Kinder …
Herbi war wütend auf sich selbst. Wie konnte ich nur so nachlässig sein?
Er führte einige Telefonate und ging dann schuldbewusst zu der kleinen Baracke hinüber. Die verschwitzte Kleidung, die Gernot getragen hatte, lag im ganzen Raum verstreut. Von nebenan war das Rauschen der Dusche zu hören.
Herbi legte das geglättete Papier so behutsam auf den wackligen Holztisch, als handelte es sich um etwas Zerbrechliches. Dann ließ er sich auf sein Bett fallen und wartete, bis der Freund erschien.
Gernot blieb im Türrahmen stehen. Das Wasser perlte von seinem nackten braunen Körper ab. Mit einem weißen Baumwollhandtuch rubbelte er sein Haar trocken.
Herbi erhob sich, ging auf den Freund zu und reichte ihm die Hand.
„Nützt wohl nichts, wenn ich mich entschuldige, was? Das werde ich mir selbst nie verzeihen. Tut mir leid, Kumpel. War deine Frau denn krank? Du hast nie darüber gesprochen.“
Gernot hatte sich ein wenig beruhigt. Ihm hätte der Fehler genauso passieren können. Die mörderische Hitze war an allem schuld. Hier draußen am Rande der Wüste nahm man manches einfach nicht so wichtig.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, was da passiert sein könnte. Wenn Lisa krank war, hat sie es mir gegenüber jedenfalls verschwiegen.“
„Kann ich etwas für dich tun?“
„Du kannst dafür sorgen, dass hier alles so weiterläuft, bis ich mich melde“, sagte Gernot und öffnete seinen Spind.
Eine Stunde später raste der Wagen die endlose Wüstenstraße entlang. Herbi, der den Freund unbedingt selbst zum Flughafen bringen wollte, holte das Letzte aus der alten Kiste heraus. Es hatte fast den Anschein, als wollte er damit die verlorene Zeit einholen.
Gernot hing schweigend seinen Gedanken nach und fragte sich zum x-ten Mal, woran eine gesunde Dreißigjährige, Mutter dreier Kinder, sterben konnte. Und warum ihn niemand benachrichtigt hatte, falls sie krank war. Und was jetzt aus seinen Kindern werden sollte. Und, und, und …
Seine Gedanken glichen den Bildern eines Kaleidoskops, fielen auseinander, formten sich neu und gaben doch keinen Aufschluss.
„Kommst du überhaupt wieder zurück?“, fragte Herbi nach einer Weile. Eine berechtigte Frage, denn einer musste sich ja um die Kinder kümmern.
„Muss ich wohl, denn hier muss es ja weitergehen. Aber du verstehst, dass ich im Moment noch gar nichts Definitives sagen kann. Ich rechne damit, dass vorübergehend meine Mutter einspringen wird, meine Schwiegermutter ganz sicherlich nicht … Sie ist dafür zu alt. Aber zwischen dem Haus meiner Eltern und meinem liegen annähernd sechshundert Kilometer. Mein Gott, wenn ich nur wüsste, was vorgefallen ist …“
Sie schafften es noch rechtzeitig vor dem Abflug. Zum Telefonieren blieb allerdings keine Zeit mehr. Ein fester Händedruck, das war’s. Man verstand sich auch ohne viele Worte.
„Zerfleisch dich nicht, alter Freund“, sagte Herbi. „Du änderst nichts mehr. Denk jetzt an deine Kinder. Sie brauchen dich. Guten Heimflug. Und mach dir um uns keine Sorgen.“
Wenig später schwebte Gernot schon über den Wolken. Die Gedanken eilten ihm voraus.
Welches seiner Kinder würde den Tod der Mutter wohl am wenigsten verwinden? Rahel, die Elfjährige? Sie kam vom Temperament und Aussehen her ihrer Mutter am nächsten. Und die beiden hatten ein besonders inniges Verhältnis zueinander gehabt. Jedenfalls hatte er immer den Eindruck gewonnen.
Oder Leni, die Träumerin? Bei der Achtjährigen wusste man eigentlich nie so richtig, woran man mit ihr war. Leni war ein stilles Kind, das mit den Augen mehr ausdrücken konnte als mit Worten. Sie war auf eine distanzierte Art anhänglich, wenn es das überhaupt gab. Zuviel Nähe mochte sie nicht. Lieber hockte sie allein in ihrem Zimmer.
Am unbeschadetsten würde die Tragödie wohl Gunnar, der Dreijährige, überstehen. In diesem Alter vergaß man noch. Vielleicht würde er noch eine Weile nach seiner Mutter fragen. Doch mit jedem Tag, den er älter wurde, verblasste die Erinnerung ein bisschen mehr.
Ach Lisa, wie konntest du uns das nur antun?, dachte Gernot in wilder Verzweiflung. Und dann überlegte er, was er eigentlich wirklich von seiner Frau wusste. Von ihren Vorstellungen, Träumen, Sehnsüchten …
Wie oft hatte sie ihn gebeten, er möge keine neuen Auslandsjobs mehr annehmen. Aber er hatte nicht auf sie gehört, denn in Deutschland konnte er nie so viel verdienen. Allein die Auslandsjobs brachten das wirkliche Geld, mit dem er seiner Frau und seiner Familie ein schönes Leben ermöglichen konnte. Lisa hatte doch alles gehabt. Sie hatte nichts entbehren müssen. Jedenfalls hatte er sich das immer eingeredet – vielleicht nur deshalb, weil er vor sich selbst eine Entschuldigung brauchte?
Er liebte dieses Zigeunerleben, den Staub, der sich in den Lungen festsetzte, und die Geräusche einer Baustelle. Es war ein verwirklichter Jugendtraum von Freiheit, wie er sie verstand. Warum erinnerte er sich ausgerechnet jetzt des sündteuren nachtblauen Seidenkleides, das er seiner Frau einmal mitgebracht hatte? Wie aus weiter Ferne drang Lisas Stimme zu ihm, schlich sich in seine Gedanken:
„Für wen soll ich mich denn schön machen? Etwa für fremde Männer? Ich brauche keine eleganten Kleider – ich brauche dich! Überall muss ich allein hingehen. Kennst du überhaupt deine Kinder, deine Frau, unsere Vorstellungen vom Leben? Für deine Kinder bist du doch nur ein Besucher, der hin und wieder mal vorbeischaut und ihnen teure Geschenke macht. Wozu wolltest du eigentlich Kinder haben, wenn sie dir jetzt so wenig bedeuten? Die Erziehungsarbeit überlässt du ganz allein mir!“ Lisa hatte sich, statt sich über das Kleid zu freuen, Luft gemacht und ihren Frust herausgelassen.
Ach, Lisa … Du hattest ja so recht, mein Liebling!
Während Gernot sich die Bilder seiner Familie ins Gedächtnis rief, wurde ihm plötzlich klar, dass er sein Leben ändern musste, wenn er bei seinen Kindern wieder als Vater Anerkennung finden wollte.
Deutlich hatte er jetzt seine Zukunft vor Augen: Er würde noch seinen Nachfolger einarbeiten und danach keine Auslandsaufträge mehr annehmen. Auch in der Heimat gab es schließlich interessante Aufgaben für einen Ingenieur mit seiner Erfahrung. Seine Kinder sollten zu ihm aufschauen können, zu ihm als Menschen, dem sie vertrauen konnten. Er wollte sich ihre Liebe mit Fürsorge verdienen, sich diese nicht mit Geschenken erkaufen. Freund und Berater wollte er ihnen sein, Kumpel, mit dem man Pferde stehlen konnte, und Fels in der Brandung, wenn sie Probleme hatten.
Mit diesem tröstlichen Vorsatz gelang es Gernot Rüdesheim endlich, ein wenig Entspannung zu finden. Er würde noch seine ganze Kraft brauchen.
♥♥♥
„Soll ich uns eine Tasse Kaffee machen?“ Anna Rüdesheim blickte zu der Schwiegermutter ihres Sohnes hinüber, die mit rotgeweinten Augen und hängenden Schultern im Sessel saß und vor sich hinstarrte, zwischen ihren faltigen Händen ein Taschentuch zerknüllend.
Als Anna keine Antwort erhielt, setzte sie kurzentschlossen den Wasserkessel auf und nahm das Geschirr aus dem Schrank.
Lisas Mutter bot ein Bild des Jammers. Sie, die ihr einziges Kind in einem Alter geboren hatte, in welchem viele Frauen bereits die ersten Enkelkinder auf ihren Knien schaukelten, hatte allen Lebensmut verloren. Sie schien in diesen Tagen förmlich zusammengefallen zu sein.
Was hatte die unglückliche Frau vorhin gesagt? Anna versuchte, sich an deren Worte zu erinnern.
„Wenn diese Tage vorüber sind, dann will ich nie mehr im Leben etwas mit deinem Sohn zu tun haben, Anna. Wann hat sich der Gernot je richtig um seine Familie gekümmert? Alles hat er meiner Tochter überlassen. Und jetzt, da sie tot ist, reagiert er nicht einmal auf eine Nachricht. Was ist das nur für ein Mensch?“
Und dann hatte sie räsoniert, dass Gernot seinen Drang nach Freiheit mit Geld zuzudecken versuchte. Sie wisse, wie sehr Lisa darunter gelitten habe, dass ihr Mann so selten zu Hause war. Sie wisse auch, wie gern ihre Tochter auf manche Annehmlichkeit verzichtet hätte, wenn nur Gernot daheim geblieben wäre. Aber Lisa habe ihm zu selten Vorwürfe gemacht. Vielleicht, dass er deshalb glaubte, sie sei mit allem einverstanden gewesen.
