Familie mit Herz 62 - Heide Prinz - E-Book

Familie mit Herz 62 E-Book

Heide Prinz

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Lilli, das vergessene Kind
Wenn sich ein kleines Mädchen verzweifelt nach Liebe sehnt
Von Heide Prinz

Als sie sich kennenlernen und ineinander verlieben, macht es Manuel keine Sekunde etwas aus, dass er Nora nicht allein haben kann. Zu ihr gehört die fünfjährige Lilli, ein niedliches, temperamentvolles Persönchen, das - genau wie seine Mutter - sein Herz im Sturm erobert. Bald spricht Manuel nur noch von "unserem" Kind, und die drei Menschen wachsen zu einer glücklichen Familie zusammen.
Zwei Jahre später ist Nora schwanger - und Manuel schier aus dem Häuschen vor Freude. Nur Lilli sieht der Geburt des neuen Babys voller Angst entgegen. Denn plötzlich ist sie für Manuel "nur" noch Noras Kind ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 103

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Lilli, das vergessene Kind

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: GO / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-8973-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Lilli, das vergessene Kind

Wenn sich ein kleines Mädchen verzweifelt nach Liebe sehnt

Von Heide Prinz

Als sie sich kennenlernen und ineinander verlieben, macht es Manuel keine Sekunde etwas aus, dass er Nora nicht allein haben kann. Zu ihr gehört die fünfjährige Lilli, ein niedliches, temperamentvolles Persönchen, das – genau wie seine Mutter – sein Herz im Sturm erobert. Bald spricht Manuel nur noch von „unserem“ Kind, und die drei Menschen wachsen zu einer glücklichen Familie zusammen.

Zwei Jahre später ist Nora schwanger – und Manuel schier aus dem Häuschen vor Freude. Nur Lilli sieht der Geburt des neuen Babys voller Angst entgegen. Denn plötzlich ist sie für Manuel „nur“ noch Noras Kind …

Ein hässlich kreischendes Geräusch, das von den weiß gestrichenen Wänden widerhallte, war die akustische Begleitmusik, als die Metallfüße des orangefarbenen Schalensessels über den Kunstfliesenboden schabten.

Nora Bernhard stürzte erschrocken aus dem Badezimmer, wo sie gerade ihre Haare trocknen wollte. Sie verzog ihr Gesicht, als habe sie starke Zahnschmerzen. Gleichzeitig hielt sie sich mit beiden Händen die Ohren zu.

„Einfach grässlich!“, stöhnte sie. „Was soll denn das, Lilli?“ Sie betonte bei diesem Kosenamen für ihre fünfjährige Tochter stets die zweite Silbe. „Willst du erreichen, dass sich die übrigen Hotelgäste über uns beschweren?“

Lillian schob den Stuhl ungerührt weiter an die geschlossene Balkontür heran.

„Ich kann doch nichts dafür, dass der Stuhl so laut ist, Mami“, verteidigte sie sich schmollend. „Ich will doch nur rausgucken.“

„Das hättest du mir doch sagen können“, sagte Nora vorwurfsvoll. „Ich hätte dir den Stuhl hingestellt, wohin du ihn hättest haben wollen. Ohne dabei jedoch einen solchen Lärm zu machen.“

„Brauchste jetzt nich’ mehr, Mami“, tönte Lillian fröhlich.

Ihr kleines Gesicht war von der Anstrengung gerötet. Doch sie war stolz darauf, dass sie es allein geschafft hatte, den ausladenden Sessel quer durch das teppichlose Zimmer zu schleifen.

Kopfschüttelnd ging Nora zurück ins Bad und griff erneut zum Haartrockner. Während sie ihre sportlich kurzgeschnittenen braunen Haare in Form föhnte, rief sie laut:

„Eh du wieder mal vorhast, solch nerv tötende Geräusche zu fabrizieren, sagst du mir vorher Bescheid, klar?“

„Ja-a-a“, antwortete Lillian geistesabwesend.

Sie war inzwischen auf den Sessel hinaufgeklettert und kniete jetzt reichlich unbequem in der Sitzmulde des gepressten Kunststoffs. Die leicht aufwärts strebende kleine Nase gegen die Glasscheibe gestupst, schaute sie vom dritten Stock aus auf die gepflegte Außenanlage des Hotels hinab, in deren Mittelpunkt wie ein übergroßer Aquamarin der leuchtend blaue Swimmingpool funkelte. Heute glich die Wasseroberfläche aus dieser Entfernung jedoch nicht wie sonst einem Spiegel, dazu war es zu windig.

Augenblicklich befand sich niemand im Wasser. Auch auf der Liegewiese rund um den Pool herrschte nur wenig Betrieb. Den meisten Gästen war es zu kühl.

„Mami“, rief Lillian nach einer Weile, in der nur das gleichmäßige Gebrumm des Föns zu hören gewesen war.

„Ja, Schatz?“ Das Brummen verstummte auch jetzt noch nicht. Ein Umstand, der zur Verständigung eine gewisse Lautstärke erforderlich machte.

„Warum geh’n wir denn heute nicht zum Baden? Is’ doch überhaupt kein Regen draußen.“ Lillian musste mit ihrem piepsigen Kinderstimmchen gegen die Föngeräusche anschreien.

„Regen nicht. Aber windig ist’s. Und das nicht zu knapp.“

„Aber unter Wasser is’ doch kein Wind“, ließ Lillian nicht locker. „Da merkt man davon doch überhaupt nichts.“

„Unter Wasser nicht. Aber schon im selben Augenblick, wenn man rauskommt und sofort eine Gänsehaut kriegt. Heute zu baden ist die beste Möglichkeit, die folgenden Tage mit einer bösen Erkältung im Bett zu verbringen. Du hast inzwischen wohl schon wieder vergessen, wie es ist, wenn man vor Halsschmerzen nicht schlucken kann.“

Das Föngeräusch erstarb. Sie konnten ihre Stimmen wieder auf normale Zimmerlautstärke zurückschrauben.

„Nööö. Hab’ ich nich’. – Aber was machen wir denn nun, Mami? Im Zimmer bleiben is’ doch blöd.“ Lillians Stimme klang inzwischen missmutig.

War man deswegen extra für drei lange Wochen ans Meer gefahren – um jetzt doch nicht schwimmen zu können?

Nora schaute lächelnd um die Ecke. Sie bearbeitete ihre inzwischen trockenen Haare jetzt mit einer Bürste.

„Hey! Du fürchtest wohl, nicht genug Meerwasser schlucken zu können, was?“, fragte sie amüsiert.

„Blöder Wind“, maulte Lillian.

„Nun schimpf doch nicht gleich über den Wind“, tröstete Nora ihre Tochter. „Irgendwann muss der ja mal blasen dürfen, wenn es ihn schon gibt. Wir haben doch noch den weitaus größten Teil unseres Urlaubs vor uns, Lilli. Also, sei nicht so ungeduldig. Du wirst sehen, Schätzchen, morgen ist das Wetter wieder klar und die Luft total windstill.“

„Morgen . . .“ Es hörte sich an, als habe Lillian sagen wollen: Was schert mich morgen! „Aber was machen wir heute?“, fragte sie beharrlich.

„Heute lassen wir die Badeanzüge mal im Schrank und ziehen uns stattdessen etwas Wärmeres an. Und dann gehen wir trotzdem hinunter. Wenn man nicht gerade nass ist, ist der Wind erträglich.“

„An den Strand?“ Lillians Stimme klang wieder hoffnungsvoll.

„Nein. In den Garten hinunter. Am Strand ist es heute zu windig. Zieh dir die Bermudas und ein T-Shirt an, und such’ dir schon mal was zum Spielen zusammen. Ich bin auch gleich fertig.“

„Spielst du mit mir, Mami?“

„Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ich wollte mit meinem Buch eigentlich endlich mal wieder ein paar Seiten weiterkommen. Kannst du dich nicht eine Weile allein beschäftigen, Lilli? Vielleicht im Liegestuhl neben mir ein bisschen malen? Deine Stifte und deinen Block habe ich in die Schublade deines Nachtschränkchens gelegt.“

„Malen? Mal seh’n. Eigentlich hab’ ich heute dazu keine Lust. Vielleicht sind ja Kinder unten, mit denen ich spielen kann. Oder ich spiel ein bisschen Tischtennis. Meinen Schwimmring nehm’ ich aber trotzdem mit.“

„Nimm mit, was du willst.“

Bepackt, als handele es sich um eine Auswanderung, verließen Mutter und Tochter kurz darauf ihr Hotelzimmer, hübsch anzusehen in ihrer luftigen Sommerkleidung.

Lillian trug knielange Bermudashorts und ein weißes T-Shirt mit aufgedruckten Disneyfiguren. Ihr semmelblonder, leicht gelockter Pferdeschwanz wurde von einer bunten Haarspange zusammengehalten.

Um ihrer Tochter gegenüber mit gutem Beispiel voranzugehen, hatte sich Nora über sehr kurze weiße Leinenshorts und ein sonnenblumengelbes Seidentop mit dünnen Spaghettiträgern noch eine seegrüne Frotteejacke um die Schultern gehängt. Diese kurze Bekleidung zeigte ihre braunen Beine, ebenso makellos und schlank wie auch ihre Figur, in ganzer Länge. Die hochhackigen Clogs, die sie dazu trug, ließen sie weitaus größer erscheinen, als sie mit ihren einszweiundsiebzig tatsächlich nur war.

Wo immer die gut aussehende rehäugige Mutter und ihr hübsches blondes und blauäugiges Töchterchen auftauchten, folgten ihnen gewöhnlich bewundernde Blicke.

Heute allerdings begegneten ihnen auf ihrem Weg vom dritten Stock bis hinunter in den Garten kaum Leute.

Da dieser Tag wegen des unangenehmen Winds, der den Straßenstaub aufwirbelte und einem den Sand in die Augen trieb, ungünstig zum Baden war, hatten viele Hotelgäste ihn zu Ausflügen und Besichtigungen genutzt. Deshalb waren auch rund um den Pool nur wenige Liegestühle aufgestellt, und diese auch noch möglichst windgeschützt hinter Büschen oder in der Nähe der Mauern. Kinder waren keine zu sehen.

Im Ost- und im Westflügel des Hotels, das in seinem Gesamtkomplex ein Rechteck mit Innenhof bildete, befanden sich zu ebener Erde keine Zimmer. Diese beiden Flügel standen auf weißen Säulen, die wie Stelzen wirkten. Sie gaben den Blick nach Osten hin frei auf ein durch einen hohen Maschendrahtzaun abgetrenntes Brachland, auf welchem Baumaterial und ein aufgestelltes Holzschild darauf hinwiesen, das hier in Kürze mit dem Bau einer neuen Hotelanlage begonnen werden sollte.

Nach Westen hin befand sich hinter undurchdringlichen wildwuchernden Hecken eine Straße.

Nora kontrollierte, aus welcher Richtung der Wind kam, und ließ ihren Blick auf der Suche nach einem windgeschützten Plätzchen umherschweifen. Nachdem sie sich entschieden hatte, lud sie dort alles ab, was sie mit hinuntergebracht hatten.

„Du bleibst hier stehen, Lilli, bis ich uns Liegestühle besorgt habe“, schärfte Nora ihrer Tochter ein. „Du rührst dich hier keinen Schritt weg und passt auf, dass der Wind nichts davonträgt. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Mami.“ Lillians Stimme klang nicht besonders fröhlich.

Sie hatte gehofft, trotz des heftig blasenden Windes auch andere Kinder am Pool anzutreffen. Nun war sie enttäuscht. Einziger Trost war, dass auch drüben im Sportbereich niemand zu sehen war. Endlich hatte auch mal ein Kind wie sie die Chance, mit den kleinen Wurfpfeilen nach den Dartscheiben zu zielen.

Nora hatte inzwischen zwei Liegestühle herbeigeschafft. Sie stellte sie auf und breitete darauf ihre mitgebrachten Strandlaken aus.

„Willst du malen?“, wandte sie sich an Lillian.

Lillian schüttelte den Kopf. „Jetzt noch nicht.“

„Dann lass ich deine Utensilien vorerst noch in der Tasche. Sonst trägt der Wind sie möglicherweise noch davon.“

„Darf ich drüben mit den Pfeilen werfen, Mami?“

Nora zögerte mit der Antwort. Konnte sie es verantworten, dass ein Kind von fünf Jahren mit derart spitzen Gegenständen hantierte?

„Versprichst du mir, vorsichtig damit umzugehen und die Pfeilspitzen immer vom Körper wegzuhalten? Du weißt, die scharfen Dinger sind nicht ungefährlich!“

„Du kannst ja zugucken, ob ich’s richtig mache.“

„Ich behalt’ dich im Auge. Dann spiel’ mal schön.“

Lillian sauste davon.

Ehe es sich Nora auf ihrer Liege bequem machte, zog sie ihre Frotteejacke aus und faltete sie akkurat zusammen, um sie so als Kopfkissen benutzen zu können. Anschließend klemmte sie alles, was dem Wind nicht standhalten würde, fest unter die Liege, die sie für Lillian aufgestellt hatte.

Eine Weile beobachtete Nora ihre Tochter beim Spielen. Als sie sicher war, dass dem Kind von keiner Seite Gefahr drohte, griff sie nach dem mitgebrachten dicken Wälzer, bei dessen Inhalt es sich um eine bittersüße Liebesgeschichte aus dem Mittelalter handelte.

Nora liebte tragische Liebesgeschichten.

Vielleicht gerade deshalb, weil diese sie jeweils an ihre eigene, so tragisch verlaufende Liebesgeschichte erinnerte.

Und an das kurze Glück mit Peer, den sie nicht vergessen konnte.

♥♥♥

War der Wind daran schuld, der an allem riss und rüttelte, was irgendwie beweglich war?

Jedenfalls wollte es Nora an diesem Tag nicht recht gelingen, sich voll auf den Roman zu konzentrieren. Zwischen den einzelnen Absätzen irrten ihre Gedanken immer wieder ab, obwohl das Buch sehr spannend war. Aber konnte es nicht auch recht erholsam sein, sich einfach mal ein bisschen treiben, die Seele ruhig mal baumeln zu lassen?

Auf dem Rücken liegend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, beobachtete Nora schläfrig das Wechselspiel der einander jagenden Wolken. Wie damals als Kind versuchte sie, in den Wolken Gestalten zu erkennen, die ihr Aussehen permanent veränderten. Mal waren es nur Gesichter, dann ganze Figuren, aufgescheuchte Vögel mit weit gespreizten Schwingen oder davongaloppierende Vierbeiner. Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

Ab und zu beobachtete Nora auch Lillian, die zwar mit wenig Geschick, dafür aber umso bewundernswerter Ausdauer versuchte, die kleinen schnellen Pfeile so zu werfen, dass sie auch tatsächlich in der Scheibe stecken blieben.

Noras Herz krampfte sich zusammen vor lauter Liebe zu diesem Kind, das sie für immer mit Peer verbinden würde.

Hier, unter südlichem Himmel einer ungewohnten Muße hingegeben, sehnte Nora sich auf einmal wieder so verzehrend nach Peer wie zuvor schon lange nicht mehr. Es mochte daran liegen, dass sie als stumme Beobachterin selbst in manchen Bewegungen ihrer Tochter noch deren Vater wiedererkannte. Abgesehen davon, dass Lillian Peer sowieso mit jedem Jahr ähnlicher wurde. Die Natur hatte ihr sein blondes, leicht gelocktes Haar vererbt, seine blauen Augen und die vollen Lippen, die das Kind ebenso süß schmollend vorzuwölben verstand, wenn es bei ihr etwas erreichen wollte, wie es auch Peers Art gewesen war.

Dass ihre Tochter als Erwachsene genauso attraktiv und charmant sein würde, wie es zu seinen Lebzeiten deren Vater gewesen war, daran bestand für Nora nicht der geringste Zweifel.

Warum nur hatte Peer so jung sterben müssen? Warum?

Nora haderte noch immer mit dem Schicksal – obwohl doch kaum jemand die Antwort so gut kannte wie sie selbst.