Familie - Morten Makolje - E-Book

Familie E-Book

Morten Makolje

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Beschreibung

Kriminalroman eines Malers und Privatdetektivs, der sich in seine ehemalige Heimat aufmacht, um zu klären, wer da auf seine Eltern oder deren Wohnwagen geschossen hat. Die Reise zu seinen Eltern wird eine Reise in seine Vergangenheit. Er raucht und trinkt zu viel, er verliebt sich und führt aberwitzige Dialoge mit seinen Eltern. Diese romantische Kriminalkomödie ist der Bericht einer wahren Begebenheit.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Morten Makolje

Familie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Für Anne

1. Das Telefonat

2. Das Abendessen

3. Der Schuß

4. Die Polizei

5. Die Nachbarn

6. Der Verein

7. Die Jugend

8. Der Samstagmittag

9. Die Frage

10. Der Passant

11. Das Gerede

12. Die Flamme

13. Der Morgen

14. Das Spritzenhaus

15. Das Ziel

16. Die Verabredung

17. Der Brand

18. Der Fall

19. Der Freund

20. Der Streit

21. Die Erbschaft

22. Der Vater

23. Das Geschoß

24. Die Rechtshänder

25. Der Rückschlag

26. Die Täter

27. Die Erlösung

28. Der Abspann

Nachwort

Anhang

Käsekuchen

Hinweise zur Serie

Impressum neobooks

Für Anne

1. Das Telefonat

Der Sommer ging zu Ende. Gelegentlich fiel schon mal ein Blatt vom Baum. Ich hatte keine Ahnung, ob das für Anfang September normal war, aber normal war der Sommer ja auch nicht gewesen. Im Juni war es mal drei Wochen lang sehr heiß, dem Rest konnte man aber überhaupt nichts Sommerliches abgewinnen. Nach dem letzten Winter war eigentlich gleich – bis auf diese drei Wochen – der Frühherbst gekommen, selbst der Spätsommer war ausgefallen. Ich hatte auch schon daran gedacht, die Heizung anzumachen, aber ich glaubte auch, so frühes Heizen sei etwas für Weicheier. Und wer will schon ein Weichei sein? Also blieb ich hart und wappnete mich gegen die erste Erkältung der Saison. Die Vorbereitung war rein mental und trotzdem wirkte sie meistens. „Scheiße, jetzt wird’s wieder richtig scheiße kalt, und besser wird’s erst wieder in acht Monaten.“ Es war erstaunlich, aber meistens half das wirklich, ich bekam recht selten eine Erkältung. Vielleicht lag es aber auch daran, daß ich nach den ersten stumm ausgesprochenen Durchhalteparolen doch zum Weichei wurde und die Heizung anstellte. Gerade als ich dieses Jahr ganz schnell Begründungen für das Anstellen der Heizung gefunden hatte, irgendeine Mischung aus „muß ja niemand erfahren“ und „Kunden sollen nicht frieren“, klingelte das Telefon. Meine Mutter war dran. Es war ungewöhnlich, daß sie mich an einem Dienstagmittag im Büro anrief. Meistens telefonierten wir sonntags. Meine Eltern waren im Urlaub gewesen und hatten vermutlich vor dem obligatorischen Sonntagstelefonat das Bedürfnis, sich mitzuteilen oder „Neuigkeiten“ von mir zu hören, die es natürlich nicht gab.

„Seid ihr heile aus dem Urlaub zurück?“

„Schon.“

„Aber?“

„Das war ganz schön knapp. Es sind uns zwei Reifen geplatzt. Ich weiß gar nicht wie das gekommen ist.“

„Gleichzeitig?“

„Nein, kurz nacheinander. Zuerst der eine und dann zwanzig Kilometer weiter der andere.“

„Das ist wirklich ungewöhnlich.“

„Ja, so kurz hintereinander.“

„Beim Auto oder beim Wohnwagen?“

„Beide Male beim Auto. Dein Vater hat das wirklich beide Male klasse gemacht. Wie er den Wagen abgefangen hat. Wirklich toll.“

„Er hat halt viel Erfahrung.“

„Das klingt so, als würdest du sagen wollen, wir seien alt.“

„Nein, so war das gar nicht gemeint.“

„Gemeint nicht, aber...“

„Er fährt halt jeden Tag Auto, und wenn man das über vierzig Jahre lang gemacht hat, dann macht man bestimmt einige Dinge instinktiv.“

„Da ist es ja schon wieder. ‚Über vierzig Jahre‘.“

„Aber so ist es doch. Überleg doch mal wie alt ich schon bin...“

„Und wie lange du schon von Zuhause weg bist.“

„..., was alles inzwischen passiert ist. Die Zeit vergeht schnell.“

„Ach ja, du hast ja Recht. Zu schnell, wenn du mich fragst.“

„Hat denn Papa die Aufregung gut verkraftet?“

„Ja, das schon, aber er ärgert sich jetzt, daß das alles so teuer ist. Wir hatten natürlich nur einen Ersatzreifen mit. Wir mußten also beim zweiten Mal den ADAC kommen lassen. Und der meinte, mit dem Ersatzreifen würden wir auch nicht lange sicher fahren können, also mußten wir uns von einer Werkstatt zwei neue Reifen montieren lassen. Und da kann man natürlich nicht irgendwo die billigsten raussuchen, da muß man schon das nehmen, was die haben. Und da waren die Reifen gleich mal 50 Prozent teurer als bei dem Händler hier im Ort.“

„Wann seid ihr denn wiedergekommen?“

„Samstag. Da haben wir erst mal ausgepackt. Sonntag waren wir dann bei Oma. Die ist froh, daß wir wieder da sind.“

„Wenn ich mir vorstelle, was auf der Fahrt hätte passieren können, dann bin ich aber auch froh!“

„Sonst nicht?“

„Doch, natürlich. Immer...“

„Was?“

„Immer diese Wortklauberei. Oder Verdrehung von allem Gesagten. Hätte ich beispielsweise gesagt, ich hätte euch auch einen längeren Urlaub gewünscht, dann hätte man das auch wieder negativ interpretieren können. Du bist manchmal wie Papa und ich noch viel mehr. Ach, immer dieses Umdrehen der Worte im Mund. Und dann die anschließenden Rechtfertigungen. Ich mache es gerade wieder und kann es eigentlich nicht ertragen.“ Kurze Pause. „Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin froh, daß ihr heile zurück seid. Betonung auf heile.“

„Hm, es ist aber auch wirklich ganz schön, wieder hier zu sein. Wenn nur nicht der ganze Dreck wäre.“

„Ja, ja, alles meterhoch mit Staub zugedeckt.“

„Ja, das stimmt aber wirklich. Und wie der Garten aussieht.“

„Dann guck doch nicht hin.“

„Na ja, stimmt, ist auch gar nicht so schwer, so schmutzig wie die Fenster sind.“

„Laß einen Fensterputzer und einen Gärtner kommen. Ist beides nicht so teuer. Aber laß den Gärtner zuerst kommen. Nicht, daß der so viel Dreck macht, daß die Fenster gleich wieder geputzt werden müssen.“

„Aber wir müssen doch sparen, wegen der Rente.“

„Ja, dann müßt ihr sparen. Ich muß auch sparen, hab gerade keinen Auftrag.“

„Dann such dir doch endlich einen vernünftigen Job.“

„Ja, ja.“

„Ich weiß, das kannst du nicht mehr hören, aber es stimmt doch.“

„Ja, ist schon gut. Und auf eine von diesen ganz fürchterlichen Single-Partys soll ich auch gehen, damit ich auch gleich eine Frau finde.“

„Ach, die sind doch bestimmt nicht so schlimm, die Partys meine ich. Da muß man dann wenigstens nicht mehr abklären, weshalb man da ist.“

„Du warst noch nie auf so einer Party. Das ist so schlimm, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“

„Doch, das ist bestimmt so ähnlich wie früher bei uns in der Disco.“

„Nein, das ist ganz, ganz anders, viel, viel schlimmer, da dreht sich einem der Magen um. Da läuft Musik, die jeder kennt, die jeder mitsingen kann, die aber auch jeder schrecklich findet.“

„Aber jeder kann dazu tanzen.“

„Hm, so habe ich das nicht gesehen, aber jeder kann dazu auch kotzen.“

„Na. Also wirklich...“

„Ist doch war. Wenn ich nur die Wörter Staying alive höre, möchte ich schon das Gegenteil tun.“

„Aber vielleicht kann das ja auch verbinden.“

„Sterben? Kotzen? Schwachsinn!“

„Aber willst du immer alleine bleiben? Und willst du schon bald die Brücke fegen?“

„Brücke fegen, wenn man mit 30 noch nicht verheiratet ist? Ich weiß jetzt wenigstens, warum ich direkt nach der Schule in die Stadt gezogen bin, um diesen Dingen zu entgehen.“

„Und wegen deinen Eltern.“

„Quatsch.“

„Sag nicht immer ‚quatsch’.“

„Na gut, aber ihr meintet doch auch, es sei gut, wenn ich möglichst weit weg ziehen würde.“

„Ja, hier wärst du doch nur unglücklich geworden.“

„Bin ich auch so.“

„Wirklich?“

„Weiß nicht, vermutlich schon.“

„Immer noch dieses Mädchen?“

„Anne ist eine ausgewachsene Frau, kein Mädchen. Ja, ich komme von ihr nicht los.“

„Spricht das nicht für so eine Single-Party?“

„Nein, ich glaube, das spricht dafür, daß du mir mal den Papa gibst.“

„Der ist nicht da.“

„Wann kommt er denn wieder?“

„Das weiß ich nicht. Der bringt den Wohnwagen weg. Das kann dauern.“

„Wieso bringt er denn den Wohnwagen weg? Ist doch was passiert?“

„Ach, der hat ein Loch. Haben wir das noch nicht erzählt?“

„Ein Loch?“

„Auf den wurde geschossen.“

„Was?“, fragte ich deutlich lauter.

„Ja, am Samstag, als wir ankamen. Die Polizei war auch schon da.“

„Wie bitte?“, fragte ich, wieder lauter als zuvor.

„Ja, die Polizei war auch schon da. Machen konnten die natürlich auch nicht viel.“

Die Ruhe meiner Mutter war anstecken, auch ich beruhigte mich wieder etwas.

„Nein, das meinte ich nicht. Warum habt ihr mir nicht schon viel früher was gesagt?“

„Ach, das haben wir wohl vergessen.“

„Aber so was vergißt man doch nicht.“

„Doch, ist wohl passiert.“

„Was hat Oma dazu gesagt?“

„Der haben wir es nicht erzählt.“

„Auch vergessen?“

„Nein, die sollte sich nicht aufregen.“

„Also findet ihr auch, daß es keine Kleinigkeit ist.“

„Schon.“

„Aber?“

„Was hättest du denn tun können?“

„Weiß ich nicht, aber so was will man doch wissen. Ich will doch wissen, wenn auf euch geschossen wird.“

„Auf den Wohnwagen wurde geschossen.“

„Okay, was sagt die Polizei?“

„Ja nichts. Was sollen die denn sagen? Die haben das aufgenommen. Wegen der Versicherung.“

„Und sonst?“

„Was denn?“

„Na, ermitteln die den Täter?“

„Nein, wie denn? Die Kugel haben wir nicht gefunden. Die können da doch nichts tun.“

„Okay, dann hättet ihr mich um so mehr schon früher anrufen sollen.“

„Ja, warum denn? Willst du einen Beschwerdebrief schreiben?“

„Hast du schon vergessen, womit ich zur Zeit meine Brötchen verdiene? Äh, wenn ich sie mir denn verdiene...“

Kurz Pause und dann: „Ach ja, stimmt ja. Das hatten wir gar nicht auf dem Schirm.“

„Was gibt es zum Abendessen?“

„Ich wollte Bratkartoffeln machen.“

„Sehr gut, ich liebe Bratkartoffeln. Ich komme. Laßt mir was übrig oder wartet.“

„Aber wegen Bratkartoffeln muß du doch nicht extra vier Stunden durchs Land fahren. Da gibt es doch bei dir dieses Lokal...“

„Mama?“

„Ja?“

„Ich komme nicht wegen der Bratkartoffeln!“

„War das jetzt nett oder nicht nett?“

„Ich komme, weil auf euch...“

„Den Wohnwagen.“

„...geschossen wurde und ich Detektiv bin und das klären möchte.“

„Na, dann bis nachher. Fahr vorsichtig.“

„Ja, bis später.“

Ich hatte meinen Wagen seit ein paar Tagen nicht mehr bewegt, hatte auch vergessen wo er stand. Wartungsaufwand und Parkplatzprobleme sprechen eindeutig gegen ein Auto in der Großstadt, aber manchmal ist es einfach praktisch. Ich hätte in dem Augenblick nicht Bahn fahren wollen. Allerdings mußte ich mein Auto erst einmal finden.

Ich ging nach Hause und packte das Nötigste für ein paar Tage. Beim Abschließen der Wohnungstür fiel mir sogar wieder ein, wo der Wagen stand, jedenfalls wo ich ihn abgestellt hatte. Er sprang nicht gleich an, aber ich brauchte nicht länger als zum Rauchen einer Zigarette, um ihn zum Laufen zu bekommen. Der Tank war glücklicherweise voll.

2. Das Abendessen

Ich prügelte meinen roten Passat Kombi Baujahr 80, einen der letzten der ersten Baureihe, über die Autobahn. Das hieß nicht, daß ich wirklich schnell fuhr, aber so 160 waren es doch manchmal. Die Einheitsgeschwindigkeit irgendwo in der Nähe von 120 konnte ich einfach nicht ertragen. Schneller fahren bringt einen nicht nur gefühlt schneller ans Ziel, es macht mehr Spaß und erhöht den Adrenalinspiegel, was die Konzentration erhöht und die Unfallgefahr verringert. Klingt paradox, ist es auch.

Ich rauchte, hörte Musik, meist Klassiker aus Teenagertagen oder, wie im Fall von King Crimson, Musik, die ich als Teenager entdeckt hatte. Ich erinnerte mich, wie ich von einer Plattenböse in einem Ausflugslokal am Fluß in der Nähe des neuen Knastes – schon wieder solch eine Absurdität, aber so scheint die Welt nun einmal zu funktionieren – kam, neben ein paar Bootlegs die Platte „Islands“ dieser Band, deren Namen gelegentlich in Biographien auftauchte, die ich las, im Arm hatte, mich in mein Zimmer verzog und den Rest des Sonntags auf meinem Sofa lag, mit Kopfhörern den Klängen dieser seltsamen und irgendwie beglückenden Musik lauschend. Es war wieder einer der Tage, an denen ich glaubte, die Welt noch weniger zu kennen und zu verstehen als je zuvor, und es gefiel mir.

Was meine Erinnerungen von jenem Sonntag noch weiter zurück in die Vergangenheit in den damaligen Wohnwagen meiner Eltern und einen Sommerurlaub an der holländischen Nordsee trieb, wird vermutlich nie jemand erklären können. Vielleicht war es nur das Wort „Islands“, die damit verbundene Assoziation „Meer“ und die Tatsache, daß mir gerade der beschossene Wohnwagen meiner Eltern im Kopf rumspukte. Jedenfalls dachte ich an ein Mädchen, das mir in jenen beiden Wochen gefiel. Alexandra war ihr Name, und vor allem dachte ich an meine frühpubertäre Phantasie von Sex mit Alexandra in den Dünen irgendwo zwischen Wohnwagen und Meer, unweit der Wege, die sich durch die Dünen schlängelten.

Natürlich blieb es bei der Phantasie und nach jenem Urlaub sah ich dieses Mädchen nie wieder, aber die Phantasie kam immer mal wieder, vielleicht weil sie – auch mit anderen Mädchen oder anderen Frauen – sehr lange eine Phantasie blieb.

Nach gefühlten zwei Millionen LKW auf der rechten Spur während dreieinhalb Stunden Fahrt und einer halben Schachtel Zigaretten parkte ich den Wagen vorm Grundstück meiner Eltern. Einer der Vorteile des Dorfes, vermutlich jeden Dorfes, war, daß man nie einen Parkplatz suchen mußte.

In der Einfahrt zur Garage parkte der Wagen meiner Eltern, irgendeiner dieser modernen, charakterlosen Wagen, die alle gleich aussehen. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, welches Modell welcher Marke es war. Die Stelle zwischen Haus und Garage, die wir Hof nannten und an der normalerweise der Wohnwagen wohnte, war leer.

„Tach, mein Junge“, sagte mein Vater, der in der Haustür stand, die Hände in den Hosentaschen, und zuguckte wie ich meine Tasche aus meinem Auto nahm und abschloß. Eigentlich würde nichts passierten – es passiert immer etwas, weshalb Sätze niemals so beginnen sollten, aber ich denke, es ist klar, was gemeint ist –, wenn man das Auto auch mal offen ließe, aber wenn hier neuerdings scharf geschossen wurde, wer weiß, was dann noch in Mode gekommen war.

„Du fährst ihn ja immer noch.“

„Ja, wenn er erstmal läuft, dann ja auch gut.“

„Immer noch Probleme beim Anlassen?“

„Ja, das Übliche.“

„Laß mal den Vergaser austauschen.“

„Kein Geld.“

„Soll ich mal unseren Kemal fragen? Der hat’s drauf und er macht einem immer einen mehr als fairen Preis. Darfst aber nicht hoffen, daß es von heute auf morgen geht. Der bastelt dir aus drei Coladosen einen neuen Auspuff.“

„Nee, danke, laß mal. Ewig wollte ich ja nicht bleiben.“

„Verstehe schon.“

„Na ja, mal sehen wie schnell sich das alles klärt.“

Den Wagen hatten mir meine Eltern vererbt, als ich auszog. Ihre Beweggründe waren klar, ich sollte sie öfter mal besuchen. Und ich freute mich über den fahrbaren Untersatz, den sie anfangs auch noch finanzierten. Später wollte ich dann das Dreibuchstabenkennzeichen loswerden und es gegen den einen Buchstaben meiner neuen Heimat tauschen. Ich meldete den Wagen also auf mich an. In dem Augenblick wurde mir auch klar, wie sehr ich an dem Wagen hing. Er war einer der Begleiter meiner Teenagerzeit, ich lernte mit ihm das Autofahren, noch bevor ich in der Fahrschule meine Pflichtstunden runterriß, und jetzt wollte ich auch, daß er noch meine 20er überstand. Ich wollte ihn keinem Bastler überlassen, egal wie geschickt der war.

„Und?“, fragte mein Vater, um überhaupt irgendwas zu sagen und meine Gedanken zu unterbrechen.

„Er schluckt ganz schön. Ich habe den Eindruck, das wird immer schlimmer.“

„Das kann schon sein. Die heutigen Autos verbrauchen zwar weniger, dafür ist der Sprit viel teurer geworden.

„Dummerweise frißt dieser alte Kasten mit dem Hunger von damals nur Sprit von heute, zu den Preisen von heute. Wenn man eine Zeitmaschine hätte und einfach zurückreisen könnte, in die Zeit vor den beiden Ölkrisen...“

„An die kannst du dich noch erinnern?“

„Nur an die zweite. Schuld war der Chomeini, oder?“

„Hm. Vielleicht auch Jimmy Carter. Der war einfach zu nett für den Posten. All das Gute, das er geschafft hat, verblaßt gegen die Probleme, die er nicht in den Griff bekommen hat. Irgendwie verdankten wir ihm auch diesen Spinner Reagan...“

„Hoffentlich hört dich Carter nicht. Der würde sich das bestimmt zu Herzen nehmen.“

„Okay, wenn ich ihn treffe, halte ich zu dem Thema die Klappe. Versuche es jedenfalls.“

„Aber wenn wir eine Zeitmaschine zum Spritkaufen hätten, vielleicht könnte man die auch für etwas anderes nutzen.“

„Nee, laß mal lieber. Zeitmaschinen machen bestimmt nur Ärger, wenn es die Dinger überhaupt geben kann. Kauf dir einen neun Wagen, einen ganz normalen, meinen Segen hast du.“

„Noch muß er ein bißchen halten.“

„Kein Geld?“

„Auch das.“

Ich stand am Zaun, dessen Holz mal schwarz gewesen war, inzwischen aber das meiste seiner Farbe verloren hatte. „Der müßte mal...“

„Ich weiß, gestrichen werden. Oder ich reiße ihn ganz raus. Habe aber keine Lust auf das eine oder andere.“

„Du bist doch inzwischen Rentner, hast doch Zeit.“

„Erstens: Frührentner. Das macht mich nicht ganz so alt. Zweitens: Rentner haben nie Zeit.“

„So wie Studenten?“

„Das ist etwas ganz anderes. Als Rentner, auch als Frührentner, ist dir bewußt, daß dir wirklich nicht mehr viel Zeit bleibt...“

„Hm.“ Kurze Pause. Depression kann ich nämlich auch ohne väterliches Zutun, also wirklich nur eine kurze Pause des Mitleids. „Hast du denn schon Farbe gekauft?“

„Nee.“

„War es in den letzten Tagen einigermaßen trocken? Wollen wir das morgen nicht einfach mal in Angriff nehmen? Ist bestimmt an einem Tag erledigt, vermutlich selbst dann, wenn wir zwei Durchgänge brauchen. Das Holz ist ganz ausgelaugt, das saugt den ersten Anstrich bestimmt auf wie nix.“

„Mal sehen, komm erst einmal rein! Das Essen wartet.“

Mein Vater hatte irgendwann die alte Mauer, die das Grundstück vom Gehweg – in diesem Teil des Dorfes gab es wirklich einen! – trennte, eingerissen und mit den Steinen den Hof gepflastert. An ihre Stelle kam ein Zaun, etwa alle zwei Meter ein Pfosten in die Erde gerammt, und an jeweils zwei Pfosten kamen jeweils drei Bohlen, relativ gleichmäßig über die Höhe verteilt. Die Bohlen waren an den Kanten nicht geradegeschnitten, sondern sollten noch die Form des Baumes, aus dem sie gemachte waren, erkennen lassen. Das wirklich tolle an dem Zaun war, daß mein Vater darauf geachtet hatte, daß die unterste Bohle immer so viel Abstand zum Boden hatte, daß der Rasenmäher noch gerade so drunter paßte. Eigentlich war ich solchen Feinheiten damals eher gleichgültig gegenüber, doch war ich fürs Rasenmähen zuständig und deshalb dankbar, jedenfalls etwas.

Mein Vater stand nicht mehr in der Tür, er war schon reingegangen, und ich ging auch, schloß die Tür, stellte meine Tasche in den Flur und ging in die Küche. Ich umarmte meine Mutter, gab ihr einen Kuß.

„Wie war die Fahrt?“

„Das Übliche an einem Werktag. LKW ohne Ende.“

„Hier, nimm deinen Teller mit. Ich habe im Wohnzimmer gedeckt. Es wäre noch mehr da, wenn du dann noch magst.“

Ich setzte mich an den Platz, an dem eine Flasche meines Lieblingsbieres stand. Mein Vater saß am Tisch und aß schon. Meine Mutter kam rein, und ich konnte mich nicht zurückhalten.

„Papa ißt schon“, doch meine Mutter sagte nur „Ja, hau rein, wird sonst kalt.“

Mein Vater hatte die Spitze vielleicht mitbekommen, vielleicht wunderte er sich aber auch nur, daß ich noch nicht aß. Er sagte: „Ja, was ist? Willst du neuerdings vorher noch ein Tischgebet hören?“

Ich sagte „nein“, stand auf, schloß die Tür, setzte mich wieder und fing auch an, zu essen. Meine Mutter sah mir zu und lächelte. Würde mein Vater jetzt noch den Fernseher anschalten, zwischendurch aufs Klo gehen oder einfach wortlos verschwinden, während die anderen noch aßen, dann... Mein Vater stand auf, ich schaute meine Mutter an, die mit den Schultern zuckte, was ich nicht eindeutig interpretieren konnte. Wollte sie nur ausdrücken, sie wisse auch nicht, was er jetzt wieder wolle, oder meinte sie, er wäre nun einmal so. Mein Vater kam wieder rein, und ich fragte „Was war? Brennt das Haus?“

„Nee, wieso?“

Ich stand auf und schloß erneut die Tür.

„Was?“, fragte mein Vater, so als würde er wirklich nicht verstehen, was mich bewegte.

Ich schüttelte nur den Kopf, und meine Mutter übersetzte.

„Morten wundert sich nur über dein Verhalten.“

„Wieso, was ist damit?“

„Als er noch hier wohnte, da gab es feste Regeln, durchaus sinnvolle Regeln. Du erinnerst dich?“

„Was denn für Regeln?“

„Zum Beispiel Regeln für den Essenstisch. Erst anfangen zu essen, wenn alle am Tisch sitzen, keine offenen Türen, nicht während des Essens aufstehen, sitzenbleiben bis alle aufgegessen haben, kein Fernsehen bei Essen et cetera.“

„Ich gucke doch gar nicht fern. Was kommt denn?“

„Egal“, sagte ich und meinte ausnahmsweise nicht das Fernsehprogramm.

„Diese ganzen Regeln sind doch nur was, wenn Kinder dabei sind. Warum soll ich mich jetzt noch daran halten?“

„Aus Höflichkeit? Oder weil man das so macht?“

Mein Vater guckte meine Mutter an, dann wieder mich. „Ich nicht.“

„Das merke ich. Aber warum hast du mich dann damit meine Kindheit über gequält?“

„Hm, wenn ich mir das so angucke, wie es jetzt ist, dann war es wohl eher eine Qual für mich“, sagte mein Vater, „Immer ein Vorbild sein und so.“

„Wie war das denn in deiner Kindheit?“

„Bestimmt nicht besser als in deiner, hab ich aber vergessen.“

„Vielleicht frage ich mal Tante Frida.“

„Die wird sich auch nicht erinnern. Vielleicht erinnert sie sich gerade noch so, daß sie einen kleinen Bruder hatte, aber das glaube ich nicht.“

„Und wie geht’s ihr?“

„Gut.“

„Hat sie einen neuen Freund?“

„Schon“, antwortet meine Mutter.

„Noch“, antwortet mein Vater.

„In dem Alter immer wieder neue Freunde“, sagte ich, weder kritisch noch bewundernd, sondern nur mich wundernd.

„Horch, ein Spießer“, sagte meine Mutter in den Raum und „Das ist nur deine Schuld.“ zu meinem Vater.

„Ach, quatsch!“

„Sag nicht immer ‚quatsch’“, sagte meine Mutter.

„Sag nicht immer ‚Sag nicht immer quatsch’“, sagte ich.

„Na, vielleicht hast du Recht“, sagte mein Vater, aber natürlich wollte er auf etwas ganz anderes hinaus. „Ich fand es gut, daß er Architekt werden wollte. Aber du hast gesagt, daß er dann bestimmt nur Klohäuschen entwerfen würde. Als er“ – er redete, als sei ich gar nicht anwesend – „dann Rechtsanwalt werden wollte, da sagtest du doch auch gleich, daß das nichts mit Gerechtigkeit zu tun hätte und er dabei sicherlich unglücklich würde, bei seinem Gerechtigkeitssinn.“

„Ja, ja, aber ich habe ihn wenigstens nicht zum Spießer gemacht.“

„Genau. Als er dann meinte, irgendwas Künstlerisches machen zu wollen... Was war das doch gleich?“

„Ich wollte Maler werden.“

„Ach, deswegen willst du morgen den Zaun streichen. Dein Sohn hat mir Arbeit verschafft. Er meint, daß wir morgen zusammen den Zaun streichen.“

„Na, nötig hat er’s.“

„Der Zaun oder unser Sohn?“

„Ich wollte Maler werden, nicht Anstreicher.“

„Na, jedenfalls hast du damals, als er sich in den Kopf setzte, Maler zu werden, keinen flotten Spruch mehr auf Lager gehabt.“

„Ich finde was Künstlerisches gut.“

„Brotlose Kunst. Und das auch noch mit einer Drei in der Schule.“

„Ach, was verstehen Kunstlehrer schon von Kunst – und von künstlerischem Talent. Unser Sohn hat ein ganz hervorragendes Auge für Farben.“

Ich mußte lächeln, ich wußte auch nicht warum, wurden doch gerade meine Talente verhandelt, und unterm Strich würde eine Null stehen, vermutlich noch nicht einmal eine positive.

„Sein Talent für Farben kann er morgen im Baumarkt beweisen, wenn er zwischen schwarzem Schwarz, braunem Schwarz und schwarz wie die Nacht Schwarz...“

„...also blauem Schwarz...“

„...das richtige im Regal findet. Mir ist das schnuppe.“

Das Wortgefecht war zu Ende, was beide niemals als Streit bezeichnen würden, bestenfalls als Diskussion, vielleicht sogar nur als Unterhaltung, und ich überlegte, ob ich noch etwas zu meiner Rechtfertigung sagen sollte, oder ob ich den Spießer einfach so stehen lassen sollte, in irgendeinem Abseits, schien doch der Teil des Gesprächs eh schon wieder vergessen zu sein.

Trotz allem waren die Bratkartoffeln unübertrefflich.

3. Der Schuß

Ich nahm meine Tasche und brachte sie nach oben in mein Zimmer. Es war nicht mein Zimmer von damals. Es war etwas kleiner, aber das spielte keine Rolle. Ein Schreibtisch, ein französisches Bett und ein Kleiderschrank hatten darin Platz. Mein altes Zimmer war nach und nach zur Rumpelkammer geworden, nachdem ich nach und nach meine Sachen mitnahm. Dafür war der Kombi wirklich gut gewesen. Auf jeder Heimfahrt, also Rückfahrt, stopfte ich den Kofferraum voll, ohne jedes Mal zu wissen, wohin ich mit dem Kram zuhause sollte. Je schneller ich mein Zimmer räumte, desto schneller übernahmen es meine Eltern. Ob meine Eltern mir indirekt auf die Art und Weise sagen wollten, ich solle doch stärker auf eigenen Füßen stehen, überlegte ich zwar einmal, aber hätten sie mir statt des Autos dann nicht einen Umzugswagen spendiert?

In meinem neuen Zimmer kamen deshalb, weil es halt nicht mein altes Zimmer war, vermutlich auch keine Kindheitserinnerungen hoch, die Hollywood an dieser Stelle eingebaut hätte. Dieses Zimmer hatte keine Madeleine und auch keinen Pflasterstein, über den ich hätte stolpern können. Ich konnte mich noch nicht einmal daran erinnern, wie dieses Zimmer genutzt wurde, als ich noch hier wohnte.

Ich öffnete also einfach so, ohne irgendwelche Gefühle oder Gedanken, das Fenster und rauchte. Auch das löste keine Erinnerungen aus, konnte es eigentlich auch gar nicht, hatte ich mir das Rauchen doch erst als Erwachsener angewöhnt. Wie an so Vielem in meinem Leben war auch daran eine Frau schuld, oder ich verdankte ihr dieses Laster, werten wollte ich das in dem Augenblick nicht.

Ich drückte die Zigarette außen an der Hauswand aus, schloß das Fenster, ging nach unten und warf die Kippe in der Küche in den Mülleimer.

„Hast du wieder geraucht?“

„Ja, stört es dich?“

„Nein, mich wundert nur, daß dein Vater noch nichts gesagt hat.“

„Wieso?“

„Na, als Kind hast du uns das Rauchen verleidet, hast Zigaretten versteckt, Aschenbecher mit Wasser gefüllt, Feuerzeuge geleert, und jetzt rauchst du selbst. Wir haben dann ja auch wirklich aufgehört – ich schwöre –, aber das ist fast wie bei ihm.“

„Was meinst du?“

„Das Rauchen und die Tischmanieren. Du wirst vielleicht wie dein Vater. Zuerst das eine predigen und später das Gegenteil machen.“

„Verdammt“, war das Einzige, was mir dazu noch einfiel. Hätte ich noch eine Zigarette in der Hand gehabt, ich hätte sie sofort ausgedrückt. Meine Mutter hatte Recht. Sie hatte die Gabe, Menschen zu durchschauen, und die Größe, es ihnen nicht immer, und wenn doch, so wie jetzt, dann sehr behutsam, aufs Brot zu schmieren.

„Bier ist noch da?“

„Ja, hier oben im Kühlschrank.“

Ich nahm mir eins, den Öffner fand ich, ohne nachzudenken, instinktiv.

„Wie war das denn nun Samstag mit dem Schuß?“

„Wir haben das gar nicht so mitbekommen, es ging irgendwie an uns vorbei.“

„Das kann man wohl sagen. Und gut ist es.“

„Einen Schuß haben wir nicht gehört, nur ein komisches Geräusch. Das war wohl das Geräusch aus dem Wohnwagen. Dein Vater kann dir das aber genauer erzählen.“

„Wo ist er denn?“

„Bestimmt vorm Fernseher.“ Kurze Pause und dann etwas lauter: „Schatz?“ Keine Reaktion. „Schatz?“, rief meine Mutter jetzt deutlich lauter.

„Hä?“ kam aus dem Wohnzimmer.

„Wie war das am Samstag?“

„Was?“

„Na, das mit dem Schuß!“

„Was?“

„Erzähl doch mal.“

„Was? Ich versteh kein Wort. Es ist gerade so laut, es ist wieder Krieg.“

„Na, dann mach doch mal leiser.“

„Was?“

„Welcher denn?“

„Na, was ist denn heute für ein Wochentag? Ich weiß auch nicht, was auf dem Programm steht.“

„Welchen Krieg sie gerade zeigen!“

„Tagesschau läuft.“

„Ich glaube, ich geh mal hin“, sagte ich mehr amüsiert als genervt.

„In Ordnung. Guck mal, wo heute wieder Krieg ist.“

Ich ging ins Wohnzimmer und mir war es total egal, in welcher Ecke der Welt sich wieder zwei Gruppen die Köpfe einschlugen, weil wieder irgend jemand vergessen hatte, warum man das eigentlich tat, oder so. Es war irgendwo in Afrika oder Amerika oder Asien, und ich war froh, nicht in Australien zu leben, denn die wären bestimmt als nächstes dran.

„Papa, jetzt mach doch mal die Kiste aus und erzähl, wie das am Samstag war.“

„Na gut“, er machte den Fernseher auch aus, behielt aber die Fernbedienung in der Hand. „Was willst du denn wissen?“

„Eigentlich nur, wer auf euch geschossen hat.“

„Auf den Wohnwagen hat der geschossen, nicht auf uns.“

„Also wer war’s?“

„Das weiß ich nicht.“ Er drehte sich weg und wollte den Fernseher schon wieder einschalten.

„Halt, halt, halt. Ich will das jetzt wissen.“

„Aber das weiß keiner, auch die Polizei nicht.“

„Na, das ist ja mal klar. Aber du hast ‚er’ gesagt. Also hat ein Mann geschossen?“

„Das nehme ich doch mal an. Eine Frau doch nicht.“

„Warum nicht?“

„Das machen doch Frauen nicht.“

„Okay, ich will kein positives Frauenbild zerstören, bleiben wir also dabei, daß es ein Mann war. Gesehen hast du ihn nicht?“

„Nein.“

„Nun laß dir doch nicht alles aus der Nase ziehen und gib mir diese blöde Fernbedienung.“ Statt darauf zu warten, daß er sie mir gab, nahm ich sie mir. „Und jetzt erzähl.“

„Es war Samstagmittag. Wir kamen an. Ich stellte das Gespann vor dem Haus ab. Ich wollte erst aufs Klo und einen Kaffee trinken, bevor ich den Wohnwagen auf den Hof fahre. Nur einen Augenblick nachdem ich die Autotür zugemacht hatte, schepperte es. Ich dachte, ich hätte die Tür zu doll zugeschlagen und etwas sei aus dem Fach in der Tür gefallen. Erst später, als ich in den Wohnwagen ging, um zu gucken, ob ich vor dem Rangieren besser noch was rausnehme, da hab ich im Wohnwagen die Kassetten auf dem Boden gesehen. Einige Hüllen waren kaputt, und als ich sie zurückstellen wollte, da hab ich gesehen, daß das Fach kaputt war, Holz war abgesplittert. Das kam mir komisch vor. Es sah so aus, als hätte jemand mit einer langen, dünnen Stange von außen in den Wagen gestoßen. Ich also raus und habe draußen geguckt, und da war wirklich die Einschußstelle. Es war ganz eindeutig eine Einschußstelle, ziemlich rund, drum herum war der Lack ab und nach innen war das Blech durchbohrt, so daß sich eine Art Vulkankrater gebildet hatte, nur umgekehrt, also nach innen. Das war ziemlich genau auf der Höhe, wo innen das Fach für die Kassetten ist.“

„Hast du die Kugel gefunden?“

„Nein, auf der Straße lag nichts, und im Wagen habe ich auch keine gefunden.“

„Könnte es auch woanders passiert sein?“

„Das glaube ich nicht. Ich habe doch ein Scheppern gehört. Irgendwas muß doch gewesen sein.“

„Hast du den Schuß gehört?“

„Nein, habe ich nicht.“ Meine Mutter kam rein. Er fragte sie „Schatz, hast du den Schuß gehört?“

„Nein, ich weiß noch nicht einmal, ob ich den Einschlag gehört habe. Ich weiß es gar nicht mehr. War ich gleichzeitig mit dir ausgestiegen oder kurz vorher oder nachher? Erst als du die Tür noch mal aufgemacht hast, dachte ich auch, daß da was war, aber einen Schuß habe ich nicht gehört.“

„Also kam der Schuß von weit weg oder es wurde schon auf der Fahrt auf euch geschossen“, schloß ich.

„Oder ein Schalldämpfer“, sagte meine Mutter.

„So wie im Film?“, fragte ich. „Habt ihr so was gehört?“

„Nein“, sagten beide.

„Das wäre auch komisch, denn in Wirklichkeit klingt das anders und auch lauter. Wenn ihr also was gehört hättet, dann nicht das Schaldämpferfilmgeräusch.“

„So was weißt du?“

„Ja. Ich hatte mal einen Fall, bei dem ich einem Geräuschmacher vom Film begegnet bin. Der hat mir das demonstriert.“

„Toll! Aber warum wird dann immer das gleiche falsche Geräusch bei Filmen benutzt?“