Narben - Morten Makolje - E-Book

Narben E-Book

Morten Makolje

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Beschreibung

Kriminalroman eines Malers und Privatdetektivs, der sich gemeinsam mit seinem Auftraggeber "auf die Suche nach der Welt, in der das Fernsehen wohnt", macht. Der Ich-Erzähler kämpft gleichzeitig mit dem Leben in den 1990ern und den Beziehungen zu mehreren Frauen.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Morten Makolje

Narben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Für Anne

1. Der Auftrag

2. Der Morgen

3. Die Suche

4. Die Videos

5. Der Anruf

6. Die Vergangenheit

7. Der Flug

8. Die Ankunft

9. Die Geschichte

10. Die Spanierin

11. Das Hotel

12. Der Einkauf

13. Der Verschwundene

14. Der Alte

15. Die Erinnerung

16. Die Flucht

17. Die Schuld

18. Der Plural

19. Das Mal

20. Der Kommissar

21. Die Freundin

22. Der Park

23. Der Brand

24. Das Spiel

25. Die Zwischenwelt

26. Die Beisetzung

27. Der Mörder

28. Das Geld

29. Das Ende

30. Der Anfang

Nachwort und Anhang

Hinweise zur Serie

Impressum neobooks

Für Anne

1. Der Auftrag

Es war einer dieser beschissenen, verregneten und viel zu kalten Tage, einer dieser Tage, an denen man noch nicht einmal den sprichwörtlichen Hund vor die Tür jagen würde. Man vielleicht nicht, ich schon, ich hasse Hunde, ich würde sie jeder Zeit rausschmeißen. Was Hunde, kleine Kinder, Wasser, Fische, Ananassaft und Philadelphia anging, so war ich ganz W. C. Fields‘ Meinung. Seiner äußeren Erscheinung wollte ich nicht folgen, vor allem auf diese Nase konnte ich verzichten. Ich war eher schmal, aber auch nicht besonders groß, sah recht gut aus. „Eine Mischung aus Humphrey Bogart und Brad Pitt“ hatte mal eine Frau gesagt.

Dieses Urteil hatte meine Chance bei der Betreffenden nicht erhöht, was aber auch egal war. An Stellvertreterinnen für die Eine mangelte es mir nicht, aber die Eine schien für mich unerreichbar zu sein. Irgendwann würde auch das mir egal sein, aber so weit war ich noch nicht. Ich wußte nicht, ob in dieser Formulierung ein ‚leider’ Platz haben sollte.

Ich langweilte mich, drehte ein paar Runden in meinem sogenannten Chefsessel. Ein Klient hatte meinen Schreibtischstuhl mal so genannt. Warum er ihn so nennen würde, hatte ich gefragt. Wegen der hohen Lehne, nur Chefs würden einen Schreibtischstuhl mit hoher Lehne haben. Von da an nannte er mich auch immer Chef. Ich konnte mich nur noch vage an seinen Fall erinnern, aber an den Eindruck, den er hinterließ. Er war der ewige Verlierer, der vermutlich alle Menschen mit Chef anredete, weil er selbst nie einer gewesen war.

Das Karussellfahren machte mich irgendwann schwindelig. Ich bremste, doch die Welt drehte sich weiter, würde sie noch eine ganze Weile tun. Ich fixierte einen Punkt im Raum, und zumindest meine Welt beruhigte sich wieder.

Das Gemälde an der Wand gefiel mir. Ich war nicht mit allen meinen Bildern im nachhinein zufrieden, aber mit diesem schon, besonders die schmutzigen und auch kräftigen Rot- und Blautöne hatte ich gut hinbekommen. Insgeheim spekulierte ich darauf, daß mich mal ein Klient darauf ansprechen würde und ich es ihm verkaufen könnte. Aber das war natürlich noch nicht passiert. Das Bild hing noch dort und war niemandem versprochen.

Ich starrte wieder aus meinem Fenster, auf Regenschirme und Autos, auf Pfützen und Dreck, auf die Langweile, die sich in den Straßen ausbreitete und in meinem Leben. Ich trat einen Schritt zurück, so, als würde ich mich vor der von draußen herein drängenden Langeweile verstecken wollen und starrte auf mein Spiegelbild, das einem Geist gleich, durchscheinend aus dem Nichts in der Fensterscheibe, eigentlich etwas dahinter, erschienen war, das nichts von Humphrey Bogart oder Brad Pitt hatte. Ich blies Rauch aus und mein Geist verschwand hinter oder in ihm oder vielleicht durch ihn. Die Zigarette in der einen Hand strahlte etwas Wärme ab, der Ascher in der anderen etwas Kälte. Spannung entstand dadurch nicht. Ich stellte den Ascher auf den Schreibtisch, der genauso ein Schreibtisch war wie der Chefsessel ein Chefsessel war, also nur der Einfachheit halber so genannt wurde, drückte den Zigarettenrest aus, setzte mich, nahm zur Abwechslung die Tasse lauwarmen Kaffees in die Hand und wartete... und wartete... und wartete. Es war kein hoffnungsvolles, freudiges Warten, eigentlich befürchtete ich eher, daß irgendwas passieren würde. Es passiert ja immer irgendwas, aber ich wartete auf das Irgendwas, das mir passieren würde. Unweigerlich würde es mir passieren, doch ich wußte nicht, was es sein würde und wann es passieren würde.

Lange hatte ich Glück im Unglück. Das Unglück war, daß ich schon seit Wochen keinen Penny mehr verdient hatte. Hätte ich eine Angestellte gehabt, dann hätte ich sie entlassen müssen. Typen wie ich haben eine Angestellte, die wegen mangelnden Geldes entlassen werden muß, die wegen mangelnden Geldes gar nicht erst eingestellt werden kann, oder die gar nicht erst existiert. Bei mir war natürlich letzteres der Fall. Das Glück im Unglück war nun, daß ich nicht irgendeinen Scheißauftrag hatte, der mich wie üblich in große Schwierigkeiten brachte. Das Unglück im Unglück war, daß ich auch keinen Auftrag hatte, der mich ohne viel Anstrengung über die nächsten Wochen gebracht hätte.

Das Irgendwas, das mir unweigerlich passieren würde, kam in Gestalt dieses komischen Typen in mein Büro gestürmt, und ich ahnte Unglück, hatte aber auch die Hoffnung auf Glück. So wie er hereinkam und wie er aussah, schien Unglück wahrscheinlicher. Ja, so wie er in mein Büro gestürmt kam, hätte man meinen können, er würde immer noch vor dem Wetter flüchten, doch mein Büro war im zweiten Stock und er hätte auf dem Weg hier hoch merken müssen, daß er hier drinnen keine weitere Feuchtigkeit befürchten mußte. Er hatte einen langen, dunklen Mantel an, der ziemlich naß war, genauso wie seine Schuhe, seine Haare, sein unrasiertes Gesicht und seine dunkle Sonnenbrille. Er hatte schwarze, kräftige Haare, seine regelmäßigen Bartstoppeln sahen schon ein bißchen gewollt aus. Als er den Mantel auszog – er plapperte schon die ganze Zeit drauflos, ich wollte aber abwarten, bis er sich beruhigt hatte – kam ein recht erfreulicher Anzug zum Vorschein, keiner dieser üblen Zweihundert-Marks-Anzüge von H&M, sondern ein feiner, dunkler, schlichter, eleganter, klassischer Dreiteiler, zeitlos und nicht jeder Mode hinterher hechten wollend, vielleicht Henry Poole, dazu ein gut abgestimmtes Hemd (Turnball & Asser) samt Krawatte (Drake's), die wahrscheinlich mehr gekostet hatte als die meisten Anzüge, die in der Stadt rumliefen. Zu den Schuhen konnte man in dem Zustand keine genauen Angaben machen, ein Derby, vielleicht sogar von Church's.

War das sein einziger Anzug dieser Qualität, dann wollte er mich beeindrucken, hatte er mehrere davon, dann hatte er Geld und wollte grundsätzlich alle Welt beeindrucken. Wenn er etwas cooler gewesen wäre, hätte er gut einer Werbung oder einem Hollywood-Film entstiegen sein können.

„Bei einer bestimmten Sprechgeschwindigkeit weigere ich mich einfach zu folgen. Also entweder beruhigen sie sich etwas oder sie können genausogut die Wand anquatschen.“

„Gut, gut.“

„Kaffee?“

„Bitte!“

Er setzte sich vor meinen Schreibtisch, ich gab ihm Kaffee, mir auch noch einmal und setzte mich dann hinter meinen Schreibtisch.

„Also, wo drückt der Schuh?“

Aus seinem Mantel holte er einen Flachmann, gab jedem einen kräftigen Schluck in den Kaffee und sich selbst direkt einen hinter die Binde.

„Ich bin da was auf der Spur und brauche professionelle Hilfe, sonst komme ich wahrscheinlich nicht weiter beziehungsweise heile da wieder raus.“

Während er redete schaute er sich um, so als wolle er sichergehen, daß auch sonst niemand zuhörte oder ihm eins auf den Schädel haute.

Er erzählte irgendwas von ‚Realität’ oder mehreren ‚Realitäten’, Krimis und Fernsehen. Ich konnte und wollte ihm nicht folgen und dachte daran, ihm die Karte meines Psychiaters zu geben, da würde er professionelle Hilfe bekommen. Ich dachte aber auch an Mäuse. Kies, Schotter, Steine, Flocken, Mücken, Penunzen, Dollar, Pfund und Peseten.

Als er meine Gedanken mit „Mir kommt auch Vieles spanisch vor“ unterbrach, fühlte ich mich ertappt und war ihm deswegen etwas wohler gesonnen. Und wegen der Hellseherei, auch wenn es ein Zufallstreffer sein sollte, wuchs mein Interesse. Ich sagte also zu und er schien recht froh zu sein.

„Schööön! Dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach der Welt, in der das Fernsehen wohnt.“

Es war ein Samstag, später Nachmittag oder früher Abend oder irgendwas dazwischen. Ich hatte noch nichts vor, die Langeweile konnte ich gut verschieben, und er wollte mir etwas zeigen. Wir machten uns also sofort auf den Weg, aber was er mir noch zeigen wollte, verriet er nicht.

Wir kurvten jedenfalls in seinem schwarzen BMW mit passendem Kennzeichen durch die Stadt, ohne ersichtliches Ziel. Egal wohin es auch ging, der kürzeste Weg war es nicht. Ich dachte an Paul Auster und meine alte Klapperkiste, die es jetzt nicht mehr gab.

Es war schon absolut finster, als wir vor einer Bar hielten, aber er hatte noch immer diese blöde Sonnenbrille auf. Ich hasse es, Leuten nicht in die Augen sehen zu können. Jede Sonnenbrille ist eine Lüge, mindestens eine. Und wenn es nur eine ist, dann ist es eine große. Mit viel gutem Willen könnte man solche Lügen auch als Geheimnis bezeichnen, aber guter Willen gehört in den Kindergarten oder die Schule. Spätestens dann wird der gesamte persönliche Vorrat von Idioten pulverisiert...

Er parkte direkt vor dem Eingang, einen Teil des Wagens auf dem Gehweg, einen anderen Teil auf der Straße. Keiner parkte hier sonst so. Abgesehen von den Vertretern einer Berufsgruppe, die in meiner persönlichen Hitparade der Sympathieträger nur knapp vor Politikern rangierte, deren Schützlinge, meist Frauen, aber mehr Respekt verdient hätten, viel mehr. Aber das war ein anderer Fall gewesen.

Ich kannte die Zwischenwelt nicht, obwohl ich mich in der Kneipenwelt ganz gut auskannte, während einer Dürreperiode sogar mal an einem Kneipenführer geschrieben hatte.

Wir waren nicht zufällig in dieser Kneipe gelandet. Mein Auftraggeber mit den Manieren eines Zuhälters kannte viele Leute, Gäste und Angestellt. Und er kannte die Getränkekarte. Jedenfalls bestellte er, als wir uns zur Theke durchgearbeitet hatten, zwei Realitätskiller – Drinks, die vermutlich auf keiner anderen Karte standen, vielleicht noch nicht einmal auf der dieses Etablissements.

2. Der Morgen

Ich hatte einen tierischen Kater. Was sollen Kater auch sonst sein, menschlich? Ich hängte mich über die Kloschüssel. Eine Verbeugung vor den höllischen Drinks und Vorbeugung – wenn ich denn endlich kotzen könnte – vor Schlimmerem. Doch irgendwie klappte das nicht. Ich setzte mich aufs Klo und leerte meinen Darm. Dem Darm tat das gut und den daran angeschlossenen Organen, die sonst mit dem in der Scheiße enthaltenen Giften fertig werden müßten, auch, doch meinem Magen schmeckte der Geruch gar nicht, so daß ich nun doch kotzen konnte. Danach bemerkte ich meine Kopfschmerzen. Naja, bemerken ist ein ziemlich harmloser Ausdruck dafür, was sie mir antaten. Ich legte mich wieder aufs Bett, konnte aber leider nicht schlafen.

Ich schleppte mich ins Büro, wollte auf diesen durchgeknallten Typen warten und ihm alles hinschmeißen. Seine blöde Geschichte konnte er einem anderen Deppen im Dorf erzählen.

Ich lag auf dem Sofa und wollte mich an den Abend erinnern, irgendwelche Hinweise suchen, was diese ganze Geschichte sollte. Mir fiel noch nicht einmal der Name von diesem blöden Arschloch ein. Ich konnte mich nur noch daran erinnere, daß ich das Barmädchen kannte, daß ich ihr das auch sagte. Sie grinste, so als wolle sie gleich sagen, daß sie schon originellere Anmachen erlebt hätte, aber es war keine blöde Anmache, ich kannte sie wirklich. Als ich mich daran erinnerte – ein paar Drinks später – woher, haute es mich um – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fiel ins Koma und nahm mein wiedererlangtes Wissen gleich mit. Als ich vorhin so eine Art von Wachzustand erreichte, kam dieses Wissen leider nicht mit.

Es gibt eine ganze Reihe von Filmrißarten. Ein Schlag auf den Kopf ist eine mögliche Ursache, aber bei Schnüfflern wesentlich seltener als uns Hollywood glauben machen will. Das Schöne an dieser Art ist, daß man sich hinterher daran erinnert. Viel häufiger – und das verschweigt uns die Traumfabrik – ist Alkohol die Ursache. Diese Filmrißart kommt langsam, fügt man sich selbst bei, führt eher selten zur Bewußtlosigkeit, hinterläßt aber dauerhafte Gedächtnislücken und das größte Maß an Peinlichkeit. Vergiftungen anderer Art kommen auch gelegentlich vor, meist von Anderen verursacht. Sie treten oft auch recht schnell ein. Man erinnert sich an die Anfänge und auch an das Erwachen aus der Bewußtlosigkeit. Sie sind einer klassischen Ohnmacht am ähnlichsten, hinterlassen aber – im Gegensatz zum Besäufnis – kein peinliches Gefühl, nur eins der Hilflosigkeit. Einen Kater kann man davon aber auch bekommen. Ich konnte mir also einreden nicht der Alkohol sei schuld an meinem Zustand, sondern etwas, das das Arschloch mir in den Realitätskiller gemischt hatte.

Und dann gibt es natürlich noch den Filmriß im Kino, aber den hatte ich noch nie erlebt.

Das Barmädchen, lächelnd, und der Typ, der jetzt auch wieder eine Sonnenbrille auf hatte, kamen zur Tür rein.

„Hey Sunny, scheint die Sonne?“, fragte ich ihn.

„Oh, ich glaube für dich nicht.“

„Geht dir wohl ziemlich scheiße“, sagte das Mädchen.

„Sieht man das?“

„Oh ja.“

„Was waren das für Drinks?“

„Ein Gast beschrieb es mal so: Beim ersten will man sich den Namen merken, um den Fehler nicht ein zweites Mal zu begehen. Beim zweiten will man den Namen vergessen, um eine Ausrede zu haben, doch noch einen weiteren bestellt zu haben. Und beim dritten vergißt man, zu vergessen. Den vierten kann man nur noch durch einen Fingerzeig bestellen.“

„So ein Blödmann.“

„Das warst du.“

„Na, sag ich doch. So ein Blödmann. ‚Vor dem Verzehr wird gewarnt’ ist die einzig zulässige Beschreibung.“

„Darf ich das so in die Karte schreiben? Klingt irgendwie cool, könnte die Leute neugierig machen.“

„Mir doch egal. Hey Sunny, vergiß die Scheiße, ja? Ich mach da nicht mehr mit.“

„Ach, du bist mies drauf. Wir drehen jetzt ne kleine Runde und dann geht’s dir gleich viel besser.“

Er grinste, so als wolle er sagen „Wer nichts verträgt, sollte auch nicht soviel trinken“ oder „Wenn man soviel zum Ertränken braucht, dann müssen die Sorgen aber ganz schön groß sein“.

3. Die Suche

Wir fuhren mit seiner Nobelkarosse wieder durch die halbe Stadt. Es kam mir ewig vor. Man hätte den Eindruck haben können, er hätte einfach nur Spaß am Fahren und würde deswegen diese ganzen Umwege nehmen, aber ich hatte überhaupt keine Eindrücke, höchstens Schmerzen und Übelkeit.

Nach einer Weile – war es eine viertel Stunde, eine halbe Stunde? – fragte sie mich: „Und wie geht es dir?“

Sie saß neben mir. Von vorne kam kein Wort.

„Beschissen.“

„Hast gestern auch ganz schön getankt.“

„Hm.“

„Sorgen?“

„Hm.“

„Geld?“

Pause.

„Frauen!?“

„Hey!“, ich stellte mir vor, ich hätte dazu einen Zeigefinger gehoben.

„Schon gut.“

„Tut mir leid, aber... Ich wollte dich gestern wirklich nicht anmachen.“

„Ach ja!?“, sagte sie etwas beleidigt.

„Irgendwie kann man es euch nicht recht machen. Macht man euch an, dann ist es nicht gut, wird gesagt, man dächte nur an das eine; macht man euch nicht, dann faßt ihr das als Beleidigung auf, so als würde man euch dann nicht schön finden oder was auch immer.“

„Das mußtest du jetzt wohl loswerden, was?“

„Ja.“

„Hat es sich wenigstens mit Kopfschmerzen gerächt?“

„Ja, sind stärker geworden.“

Sie grinste, versuchte es zu verstecken. Ich mochte sie.

In einer ziemlich üblen, weil kleinstädtischen, Gegend am Stadtrand hielten wir vor einem kleinen Laden und gingen natürlich auch rein.

Es roch nach lauwarmen Zwiebeln oder nach Döner oder nach irgendwas gegessenem, wirklich nicht angenehm. Vielleicht war ich wegen meines Zustands auch nur etwas empfindlich. An Kleiderstangen hingen Klamotten, knallig bunt oder in verblaßten 70er-Jahre-braun-beige-ocker-irgendwas-Farben gehalten. Eine Tür führte in ein Hinterzimmer. An einem kleinen Nähmaschinentisch, natürlich mit Nähmaschine, die von einer billigen Stehlampe beleuchtet wurde, saß ein alter, bärtiger Türke, Grieche oder was in der Art. Für meine Undifferenziertheit in dieser Frage würden mir wahrscheinlich Angehörige beider und noch anderer Volksgruppen den Kopf abreißen wollen, doch ich hatte ja noch nichts gesagt und deswegen vielleicht auch noch meinen Kopf. Der – sagen wir mal – Türke begrüßte Lou freundlich. Endlich wußte ich auch seinen Namen wieder. Das Barmädchen und ich bekamen nur einen kurzen, skeptischen Blick zugeworfen. Wir – das Barmädchen und ich – schauten uns an. In dem Augenblick war ich ganz Brad Pitt. Lou und der Türke tuschelten, mir egal was. Ich holte eine Zigarette raus und zündete sie mir an. Das tat gar nicht gut. Ich schwor mir, nie wieder etwas zu trinken, und wußte doch gleich, den Schwur nicht lange halten zu können, bestenfalls heute noch.

„Machst du Zigarette aus, ist nicht gut, wenn Kunden das hier riechen“, sagt der Türke.

„Und der Essensgeruch?“ dachte ich, ging kurz zur Tür und schnippe die noch brennende Fluppe raus.

Er sagte „danke“. Ich nickte nur und sie tuschelten weiter. Ich zeigte auf einen klapprigen, alten Küchenstuhl, das Mädchen schüttelte den Kopf, ihren Kopf, und ich setzte mich. Kaum hatte ich platzgenommen, da rief mich der Türke auch schon zu sich.

„Hey du, komm“, er winkte dazu, wie theatralisch. Ein „Bitte“ kannte er wohl nicht.

Ich hatte keine Lust, sondern immer noch dieses blöde Tier. Er winkte noch einmal, Lou nickte. Ich fügte mich, denn schließlich würde er mich eines schönen Tages dafür bezahlen, oder? Er würde auf jeden Fall dafür bezahlen, so oder so.

„Das sind Fotos...“, setzte Lou an.

„Woher?“, wollte ich ihn ausquetschen, so richtig, damit auch er litt und um ihm zu zeigen, daß, nur weil er die Zeche zahlen würde, nicht automatisch sagte wo es langginge, aber er blockte ab.

„Das ist jetzt egal. Das sind Fotos von Schimmis Jacke.“

„Welcher Schimmi?“, war mein nächster Versuch.

„Na, du weißt schon. Schimmi...“

„Nee, keinen blassen Schimmi-Schimmer“, sagte ich, hatte aber doch eine Ahnung, was da auf mich zukommen sollte.

„Na, Schimanski, Kripo Duisburg, Tatort.“

„Ach der Schimmi, jetzt ist der Groschen gefallen.“ Alle Befürchtungen sah ich bestätigt.

„Fotos beweisen, Jacke echt, dann natürlich Schimmi auch“, glaubte der Türke.

„Natürlich“, sagte ich mit etwas zuviel Emphase und war kurz vorm Verzweifeln.

„Komm, wir gehen nach hinten, Hermann will dir noch was zeigen“, sagte Lou.

„Wer ist Hermann?“

Lou verzog ziemlich angestrengt den Mund und zuckte mit dem Kopf. Was hatte der denn?

Er sagte „Iwi“ und machte ihr ein Zeichen, vorne zu bleiben. Jetzt erinnere ich mich, daß ich ihren Namen schon kannte – E. V. –, aber woher kannte ich sie?

Wir Männer gingen nach hinten.

Ein fensterloser Raum, zugestellt mit Regalen, darin Ordner, lose Blätter, Zeitschriften, Videokassetten, in einer Ecke ein kleiner Schreibtisch mit Computer, Fernseher und Videorekorder, aber kein Hermann.

Der Türke fing an, stolz von seinen ganzen Akten zu erzählen.

„Hier habe ich einen Ordner mit den wichtigsten Kriminalfällen, die sich während der Ausstrahlung von Schimanski-Tatort-Folgen ereignet haben.“ Das verstümmelte Deutsch war Geschichte.

„Ja und?“

Der Türke verdreht die Augen und Lou erklärt: „Bei all diesen Verbrechen wurde ein Fernseher vollkommen zerstört.“

„Kann man einen Fernseher nicht nur einmal vollkommen zerstören, enthält ‚zerstört’ nicht ‚vollkommen’?“

„Hey, paß auf.“

„Schon gut.“

„Es wurde jedes Mal ein Fernseher zerstört, nicht immer derselbe, auch nicht der gleiche...“

„Kann ein Ding alleine ‚gleich’ sein?“

„Gleich setzt es was, dann weißt du, was gleich sein kann...“

„Jaja, schon gut.“

„Bist du sicher, daß der der richtige ist?“, fragte der Türke.

„Ja, einen Dümmeren hätten wir nicht finden können.“ Lou grinste.

„Ganz schlechte Retourkutsche. Also jedesmal bei der Ausstrahlung einer und so weiter wurde ein Verbrechen begangen und der Fernseher zerstört. Habe ich das richtig verstanden?“

„Ja, so ist es.“

„Puuuh“, sagte ich, ohne zu wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte.

„Starker Tobak, was?“

Das Telefon klingelte, der Türke ging ran, sagte nur „ja“, schrieb was auf einen Zettel und legte ein paar Sekunden später fassungslos auf.

E. V. stand in der Tür, sie hat wohl die Aufregung mitbekommen. „Was ist los?“, fragte sie.

Der Türke schaute mich an: „Dein erster Fall. Tatort Park.“

„Wir fahren sofort hin“, sagte Lou.

Der Türke gab Lou den Zettel, den er während des Telefonats beschrieben hatte, wie ich beschrieben hatte. Lou warf beim Hinausgehen einen kurzen Blick drauf und verabschiedete sich vom Türken. „Tschüß Hermann.“

Der Türke war also Hermann, Hermann war also der Türke, je nach Blickwinkel.

E. V. und ich saßen wieder hinten im Wagen, Lou fuhr sehr schnell Richtung Zentrum, hielt am Park, guckte noch einmal auf den Zettel, nahm einen Schluck aus seinem Flachmann, reichte ihn uns, E. V. winkte ab, ich nahm aber einen Schluck, ein Fehler.

In einem abgelegenen Teil des Parks – hierher hatte sich offensichtlich schon lange kein Hundebesitzer mehr mit seinem Spielzeug verirrt – steckte ein Fernseher im Rasen, so als wäre er von weit oben abgeworfen worden, um diesem Effekt zu erzielen. Vielleicht wurde auch nur ein kleines Loch gegraben und der Fernseher geschickt drapiert. Schließlich ging es hier ums Fernsehen. Die Mattscheibe war gesprungen. Die Risse breiten sich sternförmig etwa von der Mitte aus. Das sprach gegen einen Sturz. Außerdem war auf die Scheibe ein Fadenkreuz gemalt und das Zentrum der Risse war das Zentrum des Fadenkreuzes. Ich konnte auf die Schnelle nicht erkennen, ob das Fadenkreuz gemalt wurde, nachdem die Schreibe zerstört wurde, aber es sah so aus. Es wirkte alles wie eine kindische Inszenierung, aber vielleicht war ich auch nur zu skeptisch und wollte nicht an Herrmanns Glauben an eine Verschwörung teilhaben.

Als wir Blaulicht sahen verkrümelten wir uns. Auf dem Weg zum Auto kamen uns ein paar Beamte entgegen, einer schaute Lou fragend an, erhielt aber keine Antwort, ich bekam jedenfalls keine mit. Lou fuhr E. V. in die Bar und mit mir in mein Büro. Von dort rief er Hermann an und beschrieb ihm den Tatort. „Die Bullen sind jetzt da“, schloß er seinen Bericht ab.

„Ich verdufte jetzt“, sagte er zu mir, gleich nachdem er den Hörer aufgelegt hatte..

„Keine Anweisungen?“

„Nein, erst einmal nicht, werde mich aber bald melden.“

„Ok.“

„Doch eine Anweisung: Schlaf dich aus!“

„Darauf wäre ich selbst gekommen.“

Ich ging also nach Hause und legte mich ins Bett.

4. Die Videos

Am nächsten Tag – es war Mittag als ich mich endlich aufraffen konnte – fand ich vor der Bürotür ein Paket. Es hatte die Größe von zehn Videokassetten, enthielt einen Zettel von Lou – „Schau sie dir an, wenn du Zeit hast.“ – und zehn Videokassetten.

„Falls oder wenn?“, fragte ich mich und sagte mir, daß es auf das gleiche hinauslaufen würde, vielleicht sogar dasselbe.

Auf acht der Kassetten waren jeweils zwei Titel vermerkt, auf zwei Kassetten jeweils nur einer: Grenzgänger, Kuscheltiere, Der unsichtbare Gegner, Der Fall Schimanski, Schwarzes Wochenende, Freunde, Spielverderber, Gebrochene Blüten, Einzelhaft, Rechnung ohne Wirt, Duisburg-Ruhrort, Zahn um Zahn, Miriam, Kielwasser, Der Pott, Katjas Schweigen, Die Schwadron, Hart am Limit.

Ich erinnerte mich daran, daß einige Folgen Andeutungen auf frühere Folgen enthielten, die Reihenfolge, in der ich die Filme gucken würde, also vielleicht von Bedeutung war, vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich hatten die Filme überhaupt keine Bedeutung, jedenfalls nicht für diese Geschichte, egal in welcher Reihenfolge man sie sehen würde.

Ich vermißte Das Mädchen auf der Treppe und wußte somit, daß die Sammlung nicht vollständig war. Der Fall Schimanski war der letzte in der Tatort-Reihe, Die Schwadron bereits der erste in der eigenständigen Serie. Duisburg-Ruhrort mußte eigentlich der erste sein. Deswegen nahm ich diese Kassette, steckte sie in den Videorekorder und machte den Fernseher an.

Duisburg-Ruhrort. In der rechten oberen Ecke stand WDR, Leader of the Pack leierte mehr als üblich.

Die wievielte Kopiengeneration dies wohl war?

Schimanski räumte die Reste der letzten versoffenen Nacht weg. Die Jacke war zum ersten Mal zu sehen. Ein Typ schmiß einen Fernseher aus dem Fenster. „Dieses scheiß Fernsehen taugt eh nichts.“ Schimanski ging in die Kneipe „Bierquelle“, aß was, rief im Büro an, um zu sagen wo er steckte, mußte aber zu seinem Bedauern zu einem Einsatz. Ein Wagen holte ihn ab. Es war dunkel. Ein Toter auf einem Schiff. Thanner war schon da, redete französisch mit einem Zeugen. Am nächsten Morgen. Treffen bei Königsberg („Klops“), Schimanskis Chef. Schimanski hieß Horst. Es gab eine Serie von Brandstiftungen. Schimanski ging zur Wohnung des Toten.

Was sollte das alles? Trotz des Fernsehers gab mir das alles nichts. Außerdem machte es keinen Spaß Schimanski zu gucken, wenn es Arbeit bedeutete.

Alles sah zunächst nach einem Eifersuchtsdrama aus. Alles soff, betrog und prügelte sich, alles irgendwie halt das typische Milieu, aber Schimanski wäre nicht Schimanski, wenn er an eine so einfache Lösung glauben würde. Außerdem war der Film erst eine halbe Stunde alt.

Es kamen immer interessantere Drogen ins Spiel, nach Alk kam Hasch. Thanner war verheiratet und hieß Christian. Meistens wachte Schimanski nicht in seinem Bett auf. Schimanski hatte wahrscheinlich kein eigenes Auto, fuhr Bus. Vielleicht hatte er es verspielt.

Eine zweite Leiche kam dazu.

Draußen regnete es, genauso wie im Film. Fürchterlich.

Waffenschmuggel kam auch noch dazu. Am Ende paßten alle Geschichten natürlich irgendwie zusammen

Es war ein typischer Schimanski, wenig spektakulär, sondern eher ein Hauch Authentizität.