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**Wenn die Erfüllung deines Traums nur einen Schokofrosch entfernt ist…** »Achtung: Suchtgefahr!« »Ein absolutes Muss für alle Potterheads.« »Einfach zauberhaft.« (Leserstimmen auf Amazon) Luna gewinnt eine Reise zu den Universal »Harry Potter«-Studios in Orlando. Als sicherlich größter Booknerd auf Erden gehen für sie damit quasi alle Träume auf einmal in Erfüllung. Es wäre doch gelacht, wenn sie die dort auf sie wartende Challenge rund um ihr liebstes Fandom nicht für sich entscheiden könnte! Leider kommt ihr der arrogante Leo immer wieder in die Quere. Rücksichtslos kämpft er sich durch die Aufgaben und erweist sich damit schnell als ihr größter Konkurrent. Doch Luna und Leo verbindet mehr, als nur der Wille zu siegen. Unter dem Mantel der Überheblichkeit kommt plötzlich eine ganz andere Seite von ihm zum Vorschein… //Textauszug: »Ich habe keine Ahnung, was mich glücklich machen würde«, sagte ich schließlich. »Das stimmt nicht«, sagte er. »Bücher. Bücher machen dich glücklich. Besonders Harry Potter. Übrigens etwas, das wir gemeinsam haben.«// //»Fangirl auf Umwegen« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2016 Text © Amelie Murmann, 2016 Lektorat: Elisabeth Mahler Coverbild: shutterstock.com / © Ingrid Pakats / © Gabor Lajos / © Issa_tan / © Ioana Catalina E / freepik.com / © pikisuperstar Covergestaltung: Elbpixel Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-92887-7www.carlsen.de
Für all diejenigen, die genau wie ich selbst, als sie lange keine elf Jahre mehr alt waren, den Himmel nach einer Eule absuchten, die ihnen diesen einen Brief bringen würde.
Wenn man mir vor ein paar Wochen gesagt hätte, dass ich jetzt vor einem Regal im Supermarkt stehen würde und das Gefühl hätte, von der Entscheidung, welche Tafel Schokolade ich kaufen solle, würde mein Seelenheil abhängen, hätte ich vermutlich gelacht. Gelacht, jemandem den Vogel gezeigt und mich dann wieder in Abiturvorbereitungsbüchern vergraben. Allerdings waren meine Prüfungen vorbei und die Packungen, die vor mir lagen, schienen mir zuzuflüstern, dass meine Wahl weitreichendere Folgen haben könnte als bloß einen ordentlichen Zuckerschock.
Das Regal war so gut wie leergefegt, was sicher mit der Werbung zusammenhing, die gerade noch in unserem lokalen Radiosender gelaufen war – übrigens auch meine Informationsquelle. Dass ich nicht schon viel früher davon erfahren hatte, das schrieb ich allein der Tatsache zu, dass ich die letzten Tage nur in meinem Bett gelegen und gelesen hatte. Ironischerweise waren es meine Lieblingsbücher über einen gewissen Zauberer mit Blitznarbe gewesen, die mich davon abgehalten hatten, wie jeder normale Mensch, meinen Hintern zumindest ab und zu mal aus den Kissen hochzubewegen. Hätte ich wenigstens den Fernseher eingeschaltet, hätte ich die Werbung gesehen, mit der die Medien meine Mitmenschen seit Tagen offenbar dauerbeschallten: Die Magic Chocolate Challenge. In allen teilnehmenden Ländern waren zur Feier des neuen Films aus dem Harry-Potter-Universum jeweils drei goldene Tickets in einer besonderen Schokoladenedition versteckt worden. Magic Chocolate für magische Momente strahlte mir von den dunkelblauen Verpackungen entgegen. Sie waren schlicht gehalten, vielleicht ein wenig an Charlie und die Schokoladenfabrik angelehnt. Nur die goldenen Lettern zeugten davon, dass darin etwas besonders Wertvolles lauern könnte. Es waren noch genau vier Packungen übrig, ansonsten blickte mir aus dem Regal gähnende Leere entgegen. Heute war der letzte von fünf Tagen, an denen die Magic Chocolate verkauft wurde, und in Deutschland hatte es bisher nur einen einzigen Gewinner gegeben. Das bedeutete, dass noch zwei Tickets irgendwo in unserem schönen Land darauf warteten, gefunden zu werden. Ich blickte zum gefühlt hundertsten Mal hinab auf die sieben Euro fünfunddreißig, die ich in Händen hielt. Das war das gesamte Kleingeld, das ich aus der Trinkgeldkasse in der Bäckerei, wo ich nebenbei jobbte, hatte mitnehmen dürfen. Meine Chefin Claudia hatte mich zwar etwas schräg angesehen, mir aber trotzdem erlaubt, das Geld auszuleihen. Ich wusste, dass meine Mutter alles andere als begeistert sein würde, wenn sie erfuhr, dass ich mal eben Geld für überteuerte Schokolade aus dem Fenster geworfen hatte. Allerdings konnte diese Vorstellung den kleine Funken Hoffnung, der sich in mein Herz gegraben hatte, nicht ersticken, als ich die vertraute Melodie im Radio gehört hatte und die Sprecher von dem Gewinnspiel berichtet hatten. Drei Wochen im Universal Orlando Resort, das war der Preis. Und als wäre das nicht genug, fand dort eine Challenge mit allen Ticketgewinnern statt, deren Hauptgewinn 100.000 Dollar betrug. Ich hatte aktuell gerade mal zwanzig Euro auf dem Konto, da waren 100.000 für mich unvorstellbar. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das Geld der Grund dafür war, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte als dieses Ticket, denn eine solche Summe würde mir und meiner Mutter eine Menge Sorgen abnehmen. Aber in Wahrheit ging es mir nicht um das Geld. Es ging mir darum, aus meiner kleinen Heimatstadt herauszukommen und zum ersten Mal in meinem Leben etwas von der Welt zu sehen. Ganz zu schweigen davon, dass es sich bei dem kleinen Stück, das ich von der Welt sehen würde, um die Wizarding World von Harry Potter handelte.
»Sag mal, kaufst du die jetzt oder stehst du weiter hier rum und zerbeißt dir die Unterlippe?«
Ich wirbelte herum und starrte den Typen an, der lässig neben mir am Regal mit den Gummibärchen lehnte und mich mit belustigtem Gesichtsausdruck beobachtete. Er hatte so helles Haar, dass es unter dem Käppi, das er trug und von dem ich, weil er so viel größer war als ich, nur den Schirm sehen konnte, in weißen Strähnen in sein Gesicht fiel. Außerdem gefielen mir sofort seine Augen, die einen warmen, ockerfarbenen Ton hatten und mir das Gefühl gaben, als könnte ich ihm vertrauen. Trotzdem stellte ich mich demonstrativ vor das Regal mit der Magic Chocolate und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Vergiss es, das ist meine«, sagte ich mit gehobenen Augenbrauen und nickte mit dem Kopf in Richtung Kasse, um ihm klarzumachen, dass er ruhig weitergehen solle.
»Dann nimm sie dir, bevor noch jemand daherkommt und sie dir wegschnappt.« Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter und ich versuchte, nach außen hin keine Reaktion zu zeigen, auch wenn mich bei seinen Worten Panik befiel.
»Fein«, sagte ich und wandte mich wieder dem Regal zu. Das Problem war nur, dass ich nicht genug Geld hatte, um alle vier Tafeln zu kaufen. Es reichte nur für drei, was bedeutete, dass ich eine hier im Laden zurücklassen musste. Eine, die vielleicht das Ticket enthielt, das mir meinen Traum erfüllen könnte.
»Es ist gar nicht so schwer«, meinte der Typ neben mir, rührte sich dabei aber nicht vom Fleck. »Einfach die Hand ausstrecken und eine aussuchen.«
»Eine? Das hättest du wohl gern!« Ich betrachtete die, die ganz rechts lag. Sie sah irgendwie am verlockendsten aus, also griff ich danach. Ich wog sie in der Hand und ließ meinen Blick zu dem Typen hinüberwandern. Andererseits hatte ich in meinem Leben noch nie etwas gewonnen. Wenn ich mich also auf mein Gefühl verlassen wollte, dann eher darauf, dass es mich, egal, worum es ging, immer trügen würde. Also legte ich die Tafel wieder zurück, griff die drei anderen und schloss die Arme darum. Drei Chancen. Drei kleine Hoffnungsfünkchen für mich.
Der Typ hatte sich nicht vom Fleck gerührt, sondern blickte noch immer mit funkelnden Augen auf mich herab. »Bist du dir sicher, dass du die übriglassen möchtest? Willst du nicht lieber gleich alle nehmen?«
Mein Blick glitt zurück zu der einsamen Tafel, die noch im Regal lag, und ich umschloss die Münzen in meiner Hand so fest, dass es wehtat. Was machte ich hier überhaupt? Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur in einer der vier Packungen eines der beiden Tickets versteckt war, war gering. So gering, dass es eigentlich Geldverschwendung war, überhaupt eine Tafel zu kaufen. Außerdem würde ich mir vor dem Typen sicher nicht die Blöße geben und ihm sagen, dass mir das Geld fehlte.
»Ja, ich bin mir vollkommen sicher. Warum vier kaufen, wenn ich das Ticket schon in einer von denen hier habe?« Wie zum Beweis hob ich die Arme ein wenig und blickte auf die drei Tafeln, die verheißungsvoll darauf warteten, ausgepackt zu werden.
»Okay«, sagte der Typ und grinste mich nun so offen an, dass ich seine Zähne hätte zählen können. »Einer Frau in Uniform sollte man nicht widersprechen.«
Ich sah an mir hinab und mir wurde bewusst, dass ich noch immer den Kittel, die Schürze und das Halsband trug, die auf der Arbeit zur Uniform der Verkäuferinnen gehörten. Das Senfgelb mit den roten Streifen war sicher nicht gerade schmeichelhaft, meine Haare glichen einem wilden Wischmopp und meine Wimperntusche war, wie immer nach einem langen Arbeitstag, vermutlich ziemlich verschmiert. Allerdings war mir das gerade ziemlich egal. Viel wichtiger war, dass der Typ jetzt einen Schritt näherkam und an mir vorbei in das Regal greifen wollte. Als ich sah wie seine Finger sich langsam der dunkelblauen Verpackung näherten, hatte ich das Gefühl, als würde die Welt sich plötzlich in Zeitlupe weiterdrehen. Ich lehnte mich langsam zur Seite und rammte meine Schulter gegen seinen Arm, so dass er damit gegen eine Reihe Duplo-Packungen stieß, die daraufhin mit lautem Klappern aus dem Regal fielen.
»Woah«, machte der Typ und sah mich an, als hätte ich vollkommen den Verstand verloren. Was, wenn ich ganz ehrlich war, so ziemlich der Wahrheit entsprach.
»Ich hab’s mir anders überlegt!«, sagte ich. Panisch blickte ich hinab auf meine Packungen und nahm die, die am wenigsten nach einem Gewinner aussah, drückte sie ihm in die Hand und griff nach der Schokolade, die noch im Regal lag. »Da ist das Ticket drin«, schloss ich.
Er grinste schon wieder und folgte mir, als ich mich umwandte und um die nächste Ecke bog. »Aber jetzt bist du dir sicher, ja? Du möchtest ganz bestimmt nicht doch die hier auch noch kaufen?« Er wedelte mit der Packung vor meinem Gesicht herum. »Wenn du nicht genug Geld dabeihast, dann kann ich dir sicher aushe…«
»Ich habe genug Geld, um mir so viele Packungen zu kaufen, wie ich will. Berge von Packungen, Meere von Packungen, Universen von verdammten Schokoladenpackungen.« Wir hatten mittlerweile die Kasse erreicht und ich warf meine Ausbeute auf das Fließband. »Außerdem wärst du die letzte Person auf Erden, von der ich mir Geld leihen würde.«
»Es wäre nicht geliehen. Ich würde es dir schenken.«
Mein Blick glitt über sein Outfit und schnell registrierten meine Augen das Modell seiner Turnschuhe, das von einer teuren Marke war und aktuell voll im Trend lag. Die Jeans waren, wenn ich mich nicht sehr täuschte, von Levi’s und das Hemd … Ich hatte keine Ahnung, woher das Hemd war. Bestimmt Calvin Klein. Am Handgelenk trug er außerdem eine silberne Uhr, bei der es mich nicht wundern würde, wenn es eine Rolex wäre. Alles an dem Typen strahlte Geld aus und nicht nur das: Es strahlte aus, dass er dieses Geld auch ausgab.
»Dann bist du eben der Letzte, von dem ich mir etwas schenken lassen würde.«
Sein strahlendes Lächeln fiel ein wenig in sich zusammen und er folgte meinem Blick hinab an seinen Klamotten. »Schön«, sagte er und legte seine Magic Chocolate mit großem Abstand zu meinen aufs Band. »Ganz wie du wünschst.«
Ich kniff kurz die Augen zusammen, wandte meinen Blick jedoch schnell nach vorn. Ich hätte wirklich netter zu ihm sein sollen, immerhin hatte er mir nichts getan und mir sogar eine Schokolade ausgeben wollen. Er wusste schließlich nicht, was für ein heikles Thema das für mich war. Allerdings fiel es mir in meinem Bäckereikittel und dem Gammlerlook neben seinem gestriegelten Aussehen sehr schwer, ihn fair zu behandeln, da das Leben uns beide nicht gerade fair behandelt hatte. Ressourcenverteilung sollte jedenfalls etwas anders verlaufen.
Nachdem die Verkäuferin mein Geld genommen und ich mich an die riesige Fensterfront gestellt hatte, um dort in den Packungen nachzusehen, spürte ich, wie mein Herz schneller zu klopfen begann. Das hier war der Moment der Wahrheit. Meine Finger strichen über die Verpackung und ich schloss kurz die Augen, bevor ich das knisternde Material der ersten Tafel zur Seite riss. Darunter kam nichts als braune Vollmilchschokolade zum Vorschein. Kein Ticket. Mein Herz schien plötzlich ein klein wenig schwerer zu werden. Als hätte man einen Stein daraufgelegt und es würde verzweifelt versuchen, gegen das Gewicht anzukämpfen. Während ich die zweite Packung in die Hände nahm, zitterten meine Finger so sehr, dass ich Angst bekam, ich könnte die Tafel gleich fallen lassen. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen, um mich wieder zu fangen, dann öffnete ich auch diese Packung. Doch hier erwartete mich ebenfalls kein goldenes Funkeln. Der Stein auf meinem Herzen schien zu wachsen und ich spürte, wie die Tränen in mir hochstiegen, mir den Hals zuschnürten und nur darauf lauerten, endlich herauszudürfen.
»Ganz schön spannend. Wie wäre es, wenn wir die letzte Packung gemeinsam aufmachen würden?« Der Typ lehnte schon wieder neben mir, dieses Mal an einer der Mauersäulen zwischen den Fenstern. Er betrachtete mich nachdenklich, als versuche er zu ergründen, warum ich so durchgeknallt war, dass ich mitten im Supermarkt anfing zu weinen.
»Sag mal hast du kein eigenes Leben, Casanova?«
»Hast du mal ein Bild von Casanova gesehen?« Der Typ verzog das Gesicht. »Der Kerl war nicht gerade eine Schönheit.«
»Exakt«, meinte ich grinsend, während ich die beiden geöffneten und die noch geschlossene Packung in meine Handtasche stopfte.
»Sollte das also eine Beleidigung werden?« Er folgte mir tatsächlich zum Ausgang, statt zurückzubleiben und seine eigene Schokolade zu öffnen. Aus einem Grund, den ich nicht genau benennen konnte, ärgerte mich das nur noch mehr.
»Eigentlich nicht«, sagte ich seufzend. »Es war mehr darauf bezogen, dass du mir hinterherrennst, als wärst du es nicht gewohnt, dass Frauen nicht bei jedem Wort an deinen Lippen kleben.« Einen Moment lang ging ich einfach weiter, aber dann bemerkte ich, dass er ein Stück zurückgefallen war.
»Ich wusste nicht, dass dich das stört«, meinte er und seine warmen Augen wurden plötzlich eiskalt. »Aber wie du möchtest, dann lasse ich dich in Ruhe.«
Während er über den Parkplatz lief und einen weißen Wagen ansteuerte, versuchte ich die Schuldgefühle, die in mir hochkamen, zu unterdrücken. Heute war wirklich nicht mein Tag. Einen Moment lang überlegte ich, mich vor den Wagen zu stellen und mich bei ihm zu entschuldigen, aber wenn ich genau darüber nachdachte, dann wusste ich nicht einmal, wofür. Natürlich war ich nicht gerade freundlich zu ihm gewesen, allerdings waren die meisten jungen Frauen sicher mehr als freundlich zu ihm. Vielleicht war es ausgleichende Gerechtigkeit, wenn ich nur dieses eine Mal fies zu ihm war.
***
Zu Hause erwartete mich drückende Stille. Meine Mutter hatte heute die Nachtschicht im Krankenhaus und würde erst um 23 Uhr heimkommen. Ich hängte meine Jacke an den Haken hinter der Eingangstür und zog mit einem tiefen Seufzen die Schuhe aus. Wenn ich heute auch nur eine einzige weitere schlechte Nachricht erhielt, dann würde ich mit Sicherheit den Verstand verlieren. Die letzte Packung Schokolade legte ich auf den Tisch, wo die Buchstaben im Licht der Küchenlampe schimmerten. Magic Chocolate für magische Momente.
»Die könnte ich mehr als gut gebrauchen«, murmelte ich leise, während ich mit dem Finger über die goldenen Schnörkel strich. Magie hatte mich schon immer fasziniert, selbst bevor ich gemeinsam mit einem kleinen Waisenjungen in den Wandschrank unter der Treppe gesperrt worden war. Damals hatte ich zusammen mit meinem Vater Zaubershows besucht und ich konnte mich noch genau an das Gefühl erinnern, wenn die Menschen auf der Bühne scheinbar Tauben verschwinden ließen oder hübsche Damen in zwei Hälften schnitten, nur um sie wenig später wieder unverletzt zusammenzusetzen. Es war das Unerwartete, das Neue, das Magische, das mich daran reizte. Dann, als ich zehn war, verloren meine Mutter und ich meinen Vater an den Krebs und die Bücher, die ich heute so sehr liebte, halfen mir über diese Zeit hinweg. Wenn ich mich schon nicht in meiner eigenen Welt sicher und geborgen fühlen konnte, dann wenigstens in der, in der es fliegende Pferde und Drachen und Einhörner gab. In der an Weihnachten mit riesigen Eisskulpturen und Tannenbäumen geschmückt wurde. Eine Welt, in der das Gute stets stärker war als das Böse.
Erneut strich ich mit den Fingern über die Buchstaben. »Okay. Gott, Macht, Schicksal, was auch immer. Wenn es dich irgendwo da draußen gibt, dann wäre es wirklich wundervoll, wenn du ganz eventuell in Erwägung ziehen könntest, mir nur dieses eine Mal ein klitzekleines bisschen Glück zu schenken. Ich habe dich bisher nie um etwas gebeten und ich weiß, ich gehe nie in die Kirche oder richte mein Zimmer im Feng Shui Stil ein und eigentlich glaube ich nicht mal wirklich daran, dass es tatsächlich etwas gibt, das unser Denken übersteigt, aber wenn doch … bitte, bitte mach, dass ich die richtige Tafel erwischt habe.«
Bevor ich das Papier zur Seite schob, holte ich einmal tief und lange Luft. Es war noch nicht vorbei. Das hier war meine Chance und bestimmt, ganz bestimmt … Das Material fühlte sich unter meinen Fingern scharf an und ich sah, dass ich mich leicht in den Finger geschnitten hatte. Nicht so tief, dass Blut an die Oberfläche drang, aber so tief, dass es unangenehm war. Tja, so weit war es schon gekommen: Für meinen großen Traum nahm ich die schlimmsten Verletzungen auf mich und kämpfte bis zum bitteren Ende. Ich musste schmunzeln, während ich die Folie endlich zur Seite schob. Eine kleine Sekunde lang sah ich etwas Goldenes darunter hervorblitzen, aber schon wenig später musste ich mir eingestehen, dass ich mir das Funkeln nur eingebildet hatte, denn auch meine letzte Packung war leer. Von der Schokolade, für die ich mich in diesem Moment kaum weniger hätte interessieren können, einmal abgesehen.
Ich hatte eigentlich Enttäuschung erwartet, aber das Gefühl, das mich stattdessen überrollte, war ein anderes: Wut. Nicht einmal Wut auf die Welt, sondern Wut auf mich selbst. Weil ich es mir erlaubt hatte, an etwas zu glauben, von dem mein Verstand wusste, dass die Wahrscheinlichkeit viel zu gering war, als dass ich dafür hätte Geld ausgeben dürfen. Ich blickte auf die drei Tafeln Schokolade und beschloss, diesen ganzen Tag hinter mir zu lassen. Ich könnte damit abschließen und mich für diejenigen freuen, die das Glück gehabt hatten zu gewinnen. Schließlich hatte mir niemand etwas weggenommen und ich hatte im Leben immerhin alles, was ich brauchte: Ein Dach über dem Kopf, durch meine guten Schulnoten eine Zukunft und eine Mutter, wie ich mir keine bessere hätte wünschen können. Mit einem entschlossenen Nicken packte ich die drei Tafeln und legte sie auf den Küchentresen, die Verpackung schmiss ich in den Müll und dann begann ich zu backen. Die Brownies, die meine Mutter so sehr liebte. Wenn sie nach Hause käme, würde sie ein frisches Blech erwarten und ich wüsste, dass ich die Schokolade letzten Endes doch nicht umsonst gekauft hatte.
***
Meine Mutter weckte mich um halb zwölf, weil ich auf dem Küchentisch eingeschlafen war – im mit Schokolade besudeltem Arbeitskittel, mit Mehl im Gesicht, aber mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und einem ganzen Blech voller Brownies neben mir. Sie strich mir sanft durchs wild abstehende Haar und seufzte, während sie das Chaos betrachtete, das ich hinterlassen hatte.
»Na, hast du einen harten Tag gehabt?«, fragte sie.
»Keinen harten, aber einen enttäuschenden«, gähnte ich. Meine Augen drohten bereits wieder zuzufallen. »Mama, es gab da dieses Gewinnspiel und ich war blöd genug, zu hoffen, dass ich gewinnen könnte. Die Chancen standen vermutlich noch schlechter als beim Lotto.«
»Das mit der magischen Schokolade? Eine Patientin hat mir davon erzählt. Sie meinte, dass ihre Enkelin unbedingt so ein Ticket haben wollte, aber keines bekommen hat.«
»Dann sind wir schon zwei«, murmelte ich.
Meine Mutter sah mich an, während sie mir eine Haarsträhne hinters Ohr strich. »Du klingst ziemlich niedergeschlagen, mein Schatz. Dann war das also das letzte Mal, dass du an so einem Gewinnspiel teilgenommen hast?«
»Auf jeden Fall«, murmelte ich und richtete mich auf. »Beim nächsten Mal falle ich nicht mehr auf so einen Unsinn herein. Im Leben bekommt man nichts, es sei denn man arbeitet hart dafür.«
Mama seufzte. »Das ist eine sehr weise Einstellung, aber trotzdem darf man sich auch mal ein wenig Hoffnung erlauben.«
Ich schnaubte. »Als ob du jemals so blöd wärst, bei so etwas mitzumachen.«
Meine Mutter grinste mich wissend an und ich hob eine Augenbraue, aber sie antwortete mir nicht, sondern ging zum Haken an der Tür zurück und schnappte sich ihre Tasche. »Weißt du, manchmal muss man dumme Dinge tun, weil die einen auf unerwartete Schätze stoßen können.«
»Was meinst du damit?«, fragte ich vorsichtig. Ihre Hand schob sich in die Tasche und sie zog ein kleines Stück Papier hervor. Von der Entfernung konnte ich allerdings nicht lesen, was darauf stand.
»Ich habe in den letzten Tagen jeden Tag vor der Arbeit eine gekauft und heute habe ich das hier darin gefunden.«
Sie hielt den Zettel so, dass ich ihn sehen konnte und die goldene Farbe reflektierte das Licht. »Magic Chocolate Challenge Ticket« stand darauf geschrieben.
Es sah ganz so aus, als hätte das Glück mich letztendlich doch noch gefunden.
»Ich habe dir schon zu Hause gesagt, dass du die Bücher nicht hättest einpacken sollen. Wofür brauchtest du die überhaupt?«, fragte meine Mutter seufzend.
Nachdenklich sah ich hinab auf meine Hände, in der einen den siebten Band der Harry Potter Reihe, in der anderen meinen Kulturbeutel. »Shampoo könnte ich mir ja eigentlich auch dort kaufen.«
»Luna! Pack sofort die Kulturtasche wieder in den Koffer und gib mir alle Bücher, die du da drin hast!«
Ich öffnete den Mund zum Protestieren, aber dann seufzte ich. Sie hatte ja irgendwo Recht. Frustriert ließ ich mich in den Schneidersitz sinken und blickte auf das Chaos, das einmal ein ordentlich gepackter Koffer gewesen war. War ja klar, dass er um 500 Gramm zu schwer sein würde und die miesmufflige Mitarbeiterin der Lufthansa mir sagen würde, dass ich ihn umpacken solle. Eigentlich wäre das kein Problem gewesen, wenn meine Mutter nicht jetzt darauf bestehen würde, dass ich Raum ließe für alles, was ich in den USA vielleicht würde kaufen wollen.
»Ein Buch kannst du behalten, Luna. Alles andere solltest du hierlassen. Du wirst mir auf der Rückreise dafür danken, glaub mir.«
Während der Fluglinien-Miesmuffel uns vom Schalter aus grimmig anstarrte, überreichte ich meiner Mutter sieben der acht Bücher, die ich für die drei Wochen eingepackt hatte. Immerhin hätte ich auch noch meinen E-Reader dabei. Der hatte zwar seine Launen und sprang öfter nicht an, aber Lesestoff würde ich trotzdem genug haben. »Das muss aber mit«, schloss ich mit Blick auf den ersten Band von Harry Potter.
Meine Mutter sah aus, als würde sie mir am liebsten auch das noch aus der Hand schnappen, aber weil einige Leute bereits mit neugierigen Blicken an mir und meinem Koffer vorbeigelaufen waren, entschied sie sich offenbar für die Friedenspfeife. »Schön, du bist erwachsen und kannst das selbst entscheiden. Aber beschwer dich hinterher nicht bei mir, weil du deshalb auf der Rückreise etwas zurücklassen musst.«
»Keine Sorge, Mama. Es gibt nichts, was mir wichtiger sein könnte als dieses Buch.«
»Ich weiß nicht, ob ich mir auf die Schulter klopfen sollte, weil aus dir so ein literaturinteressierter junger Mensch geworden ist, oder lieber weinen, weil du dir nicht vorstellen kannst, dass es etwas geben könnte, das mehr wert ist als ein paar Wörter zwischen zwei Buchdeckeln.«
Ich beschloss, nicht darauf zu antworten, sondern stattdessen den Reißverschluss meines Koffers zu schließen und ihn wieder zum Schalter zurückzuzerren. Das Teil war mit seinen knapp 25 Kilo ein Monstrum, das ich, klein wie ich war, kaum hinter mir hergezogen bekam. Statt mir zu helfen, schüttelte meine Mutter nur wieder den Kopf, als wolle sie sagen, dass ich selbst schuld sei. Die Bücher, die ich abgegeben hatte, hatte sie sich unter den Arm geklemmt.
Während der Fluglinien-Miesmuffel meinen Koffer erneut wog – jetzt nur noch 21,3 Kilogramm schwer – schweifte mein Blick hinüber zu einer Frau um die vierzig, die ihr Gepäck bei derselben Fluggesellschaft aufgab. Allerdings hatte sie nicht so ein Pech wie ich, denn als bei ihr die Waage 25,4 anzeigte, lächelte die Dame, die sie bediente, nur und zwinkerte verschwörerisch. Umpacken musste sie jedenfalls nichts. Vielleicht hätte ich mich darüber geärgert, wenn ich nicht mein Flugticket nach Orlando, Florida in Händen halten würde. Ich würde gleich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Flugzeug steigen, in die USA fliegen und dort die drei besten Wochen meines Lebens verbringen. Heute würde mich nichts aus der Bahn werfen!
Mit einem dicken Grinsen im Gesicht schulterte ich den Rucksack, den ich als Handgepäck mitgenommen hatte, und drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange.
»Bist du dir sicher, dass du schon durch den Sicherheitscheck gehen möchtest, Luna?«, fragte sie mit besorgter Miene. »Du hast noch fast zwei Stunden Zeit, bis das Boarding beginnt.«
»Die werde ich schon rumkriegen.« Ich ließ den Blick durch den Flughafen schweifen, der mit der hohen Decke und den riesigen Glasfenstern fast aussah wie ein kleines Einkaufszentrum. Mein Blick heftete sich an den Eingang zum Sicherheitscheck.
»Okay«, sagte meine Mutter schließlich, bevor sie mich an sich drückte, so fest, dass ich kaum noch Luft bekam. »Pass auf dich auf, Süße.«
»Immer, Mama, weißt du doch.«
Sie drückte mich noch ein letztes Mal, ehe sie mich losließ.
Ich lächelte. »Ich schreib dir, sobald wir gelandet sind!«
»Viel Spaß!«
Damit wandte ich mich von ihr ab und dem Abenteuer der nächsten Wochen entgegen.
***
»Oh mein Gott! Ich habe gerade den dritten Teil von Teen Vampire beendet und es war so genial. Luna, kein Witz, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lustig das gewesen ist! Helena hat Luciens Schwäche endlich herausgefunden und es war Erdbeerkäse! Erdbeerkäse, Luna, verdammter Erdbeerkäse. Ich konnte nicht mehr!« Meine Freundin Hannah schnappte am anderen Ende der Leitung nach Luft, während ich mit wachsamem Blick die Anzeigetafel beobachtete, auf der in einer halben Stunde das Boarding angezeigt werden würde.
Der Bereich, in dem ich wartete, war sehr viel leerer, als ich gedacht hätte. Bisher saß etwas weiter zu meiner Rechten nur eine Familie mit zwei Kindern, die gerade genüsslich Butterbrote mampften. Mittlerweile war es fast neun Uhr und mein Bauch grummelte ein wenig bei dem Anblick. Ich hätte mir ebenfalls etwas mitnehmen sollen.
»Du weißt genau, dass ich davon jetzt nichts hören möchte. Ich kann den neuen Teil von Teen Vampire wahrscheinlich erst lesen, wenn ich aus Amerika zurück bin. Und wenn du mich noch weiter zuspoilerst, dann beende ich zur Not das Telefonat. Und unsere Freundschaft. Du weißt, dass ich, wenn es darum geht, keine Gnade kenne.«
»Jaja, ich weiß«, machte Hannah. »Nachdem ich dir fast erzählt hätte, dass Tris in Allegiant …«
»HEY!«, rief ich, weil ich genau wusste, dass Hannah gleich der nächste Spoiler entschlüpft wäre.
»Schon gut, nachdem ich dir fast erzählt hätte, dass bla in blabla blablabla passiert, hast du eine Woche lang nicht mehr mit mir geschrieben. Ich hatte schon Entzugserscheinungen«, räumte Hannah ein.
»Ich wusste genau, dass du noch so high von dem Reihenende warst, dass du es dir nicht hättest verkneifen können.«
Hannah seufzte. »Eigentlich hättest du es verdient, dass ich dir jetzt das komplette dritte Buch von Teen Vampire spoilere. Immerhin bin ich nicht diejenige, die bald durch die heiligen Hallen von Hogwarts wandern wird. Du solltest mir wenigstens ein kleines bisschen Freude im Leben lassen, wenn du schon das größte Glück auf Erden für dich selbst gebunkert hast. Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt mit dir befreundet bin.«
»Weil deine Reallife-Freunde es leid waren, dass du ständig mit ihnen über Bücher sprichst«, entgegnete ich wahrheitsgetreu. Hannah und ich hatten uns vor etwa einem halben Jahr in einem Online-Forum zu Harry Potter kennengelernt. Wir hatten beide dieselbe (ziemlich miese) Fanfiction kommentiert und uns darüber ausgelassen, warum sie die Charaktere nicht angemessen widerspiegelte. Hannah hatte mich schließlich bei Twitter gefunden, wo wir weiterschrieben, weil uns der Autor der Fanfiction wegen angeblicher Beleidigungen gemeldet hatte. Von dort ging es dann weiter zu WhatsApp, wo wir uns seitdem regelmäßig über die neuesten Bücher austauschten. Denn wie ich Hannah schon gesagt hatte, waren es die meisten Menschen normalerweise schnell leid, sich etwas über Bücher anzuhören, die sie selbst nie gelesen hatten, und von meinen Schulfreunden war ohnehin keiner ein großer Bücherfreund.
»Hast du schon gesehen, dass sie bereits die Homepage eingerichtet haben, wo sie hinterher täglich Videos zeigen werden?«, fragte Hannah.
»Nein«, meinte ich. »Sieht sie denn gut aus? Ich hoffe echt, dass niemand so ein extremer Stalker ist wie du und draufstößt.« Ich hatte erst, nachdem ich mich mit dem Gewinnticket bei der Firma gemeldet hatte, erfahren, dass die Chocolate Challenge in Amerika teilweise mit der Kamera begleitet werden würde. Täglich würde es Updates im Internet geben und wir wären die Stars einer Art Webshow. Ich war zwar normalerweise kein großer Freund davon, gefilmt zu werden, aber um ehrlich zu sein war mir das in Anbetracht des unglaublichen Gewinns fast schon egal. Was ich nämlich auch nicht gewusst hatte, war, dass die Gewinner der jeweiligen Länder – USA, Kanada, Australien, Nigeria, Großbritannien, Deutschland, Japan, Norwegen, Russland und Frankreich – nicht nur die Reise bezahlt bekamen, sondern auch zwei Tickets inklusive Anreise zur Premiere von Phantastische Tierwesen in ihrem jeweiligen Heimatland erhalten würden. Und das bedeutete, dass ich, ganz vielleicht und eventuell, nicht nur den neuen Film vor allen anderen sehen, sondern auch auf die Schauspieler treffen würde. Wenn ich mir nicht ständig in den Arm zwicken würde, würde ich vermutlich selbst nicht glauben, dass das alles hier kein Traum war.
»Hallo? Erde an Luna? Bist du noch da oder hast du gerade unterwegs noch Justin Bieber getroffen und mit dem ein Pläuschchen gehalten? Bei dir würde mich jetzt jedenfalls nichts mehr überraschen.«
Ich lachte, während ich beobachtete, wie eine zweite Familie sich etwas weiter links niederließ. Deren Kinder waren allerdings nur ein paar Jahre jünger als ich und sie starrten beide mit gelangweilten Mienen auf ihre Smartphones, ganz so, als wäre die Aussicht darauf, sich gleich in einer riesigen Maschine in die Lüfte zu erheben, nicht einmal ansatzweise etwas Besonderes.
»Glaubst du, ich habe eine Chance, das Preisgeld zu gewinnen, Hannah? Jetzt mal so ganz objektiv betrachtet. Ich weiß, dass es echt viele Teilnehmer gibt, aber andererseits ist es ja doch so, dass ich ein riesiger Fan bin, und wer weiß, ob das bei den anderen Teilnehmern auch der Fall ist.«
Hannah überlegte einen Moment, bevor sie antwortete. »Nun ja, wir wissen leider noch immer nicht, was genau ihr überhaupt machen müsst. Wenn ich das wüsste, könnte ich dir vielleicht eine Antwort geben, aber eigentlich kann es alles Mögliche sein. Sicher wird viel Wissen abgefragt werden, was für dich bestimmt kein Problem ist, aber sie könnten sich auch irgendwas ausdenken, wie euch Quidditch am Boden spielen lassen, und dann sehe ich, um mal ganz ehrlich zu sein, für dich ziemlich schwarz. Auch wenn du Köpfchen hast, ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass du ein guter Treiber wärst.«
»Fliegende Besen? Ich würde nicht einmal fünf Minuten überleben, vermutlich nicht mal vom Boden hochkommen.«
Zwischen uns breitete sich Schweigen aus, während ich über den Wettkampf und meine Chancen nachdachte. Was Hannah in ihrem Köpfchen ausbrütete, wusste ich nicht.
»Glaubst du, die werden heute deine Konkurrenten verkünden? Oder wirst du das erst erfahren, wenn du persönlich auf sie triffst?«, fragte sie schließlich.
»Ich denke mal, dass ich es erst übermorgen erfahren werde. Wenn ich heute Nacht ankomme, muss ich erst mal schlafen und morgen soll dann ja eine Führung durch den Park stattfinden. Vielleicht sind da zumindest die anderen deutschen Kandidaten dabei. Aber auf den Rest werde ich erst übermorgen bei der ersten Aufgabe treffen.«
Hannah seufzte. »Ich zerfließe gerade vor Neid, Luna. Drei Wochen Orlando. Sonne, Shopping und dann auch noch das Universal Orlando Resort. Außerdem eine coole Challenge mit anderen Fans, die die Bücher vermutlich genauso lieben wie wir. Und als wäre das nicht genug, könntest du dann auch noch einen riesigen Haufen Kohle gewinnen.«
»Könnte. Ich könnte ihn gewinnen. Die Chancen stehen allerdings nicht besonders gut. Vermutlich wäre es wahrscheinlicher, zufällig Joanne K. Rowling über den Weg zu laufen.«
»Trotzdem. Wenn die anderen Kandidaten jetzt auch noch männlich, süß und in deinem Alter sind, dann werde ich dich verfluchen. Ich schließe mich dann einem Hexenzirkel an und stopfe jede Menge Nadeln in eine Voodoo-Puppe, damit das Leben wieder gerecht ist.«
Ich überlegte einen Moment, ehe ich antwortete: »Ich würde dir ja zustimmen, wenn ich im Leben bisher nicht so viel Pech gehabt hätte, dass alles Glück auf Erden das nicht wieder ins Lot bringen kann. Wenn ich die Challenge dagegen eintauschen könnte, meinen Vater zurückzubekommen, ich würde nicht mal eine einzige Sekunde zögern. Selbst dann nicht, wenn man noch die 100.000 Dollar Gewinn drauflegt. Und 10 Millionen Euro mehr.«
»Das weiß ich doch, Luna«, murmelte Hannah. »Ich mach nur Spaß. Es tut mir leid und glaub mir, ich würde dir helfen, wenn ich könnte.«
»Ich weiß«, flüsterte ich zurück und schluckte. »Vielleicht war es Schicksal, dass meine Mutter das Schokoladenticket entdeckt hat. Vielleicht geht es bei diesem Trip gar nicht so sehr darum, das Karma auszugleichen, sondern um etwas ganz anderes.«
»Darum, dass du über die Sache mit deinem Vater hinwegkommst, meinst du?«
»Wer weiß«, murmelte ich.
***
Das Flugzeug war vollgestopft mit Touristen. Einen Großteil davon machte die Reisegruppe eines Kegelclubs aus, deren Mitglieder alle älter als 60 zu sein schienen. Ich war darüber ganz froh, denn sie alle waren ausnahmslos höflich und plauderten mit mir, während eine Reisegruppe in meinem Alter sicher rumgegrölt hätte. Als ich der Frau, die links von mir am Gang saß, mitteilte, wohin ich unterwegs war und warum, hörte sie mir mit einem wohlwollenden Lächeln zu.
»Das ist ja ganz wundervoll!«, sagte sie schließlich und tätschelte mir liebevoll die Hand. »Florida ist ein hinreißender Staat und Sie werden sicher viel Spaß haben bei ihrem Spiel.«
»Spiel?«, fragte ich verwirrt.
»Es ist toll, was Sie da mit ihren Freunden auf die Beine gestellt haben!«
Offenbar hatte sie die Tragweite der Challenge nicht ganz verstanden, aber der gute Wille zählte. Als sie mir dann auch noch einen selbstgebackenen Keks anbot, konnte ich gar nicht glauben, was für ein Glück ich hatte. Schließlich hätte es genauso gut sein können, dass ich neben jemandem landete, der stank oder die ganze Zeit laut schmatzte oder, noch schlimmer, redete ohne Unterlass. Frau Flickern jedoch wirkte so, als werde sie voraussichtlich den ganzen Flug über Plätzchen essen oder schlafen. Mein Blick wanderte zu dem leeren Platz zu meiner Rechten, dem Platz am Fenster.
Das Flugzeug befand sich noch immer auf der Gate Position. Allerdings wunderte es mich, dass wir schon so lange hier warteten. Eigentlich sollten alle Passagiere bereits an Bord sein, aber Frau Flickern hatte gesagt, dass der Pilot eine Durchsage machen würde, wenn wir uns auf dem Weg zur Startposition machten, und dass die Stewardessen auch noch ihre berühmten pantomimischen Sicherheitsanweisungen durchführen mussten. Wenn der Platz neben mir dann noch immer frei wäre, dann könnte ich bestimmt aufrücken und den Flug vom Fenster aus beobachten. Ich hätte den Platz liebend gern selbst gebucht, aber leider hatte die Firma, die die Challenge organisiert hatte, auch die Plätze zugewiesen. Schade eigentlich.
»Ladies und Gentlemen, ich begrüße sie herzlich auf diesem Lufthansa Flug von Berlin nach Orlando. Unsere Abfahrt zur Startposition wird sich nur noch um wenige Minuten verzögern. Wir warten auf einen Passagier, der sich aktuell auf dem Weg zum Gate befindet. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld.«
»Junges Fräulein, Sie werden sicher gleich aufrücken können!«, sagte Frau Flickern neben mir. »Es gibt nichts Schöneres als die Aussicht aus einem Flugzeug, wenn es über die Wolken hinwegschwebt«, schwärmte sie weiter.
Ich folgte ihrem Blick zum kleinen Fenster, durch das man draußen den wolkenverhangenen Himmel und die Startbahn, über der ein leichter Nebel hing, erkennen konnte. Jetzt gerade konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich dahinter etwas so Wundervolles wie strahlender Sonnenschein und weiße Wolken verbarg.
Frau Flickern runzelte die Stirn, während sie mich betrachtete. »Das ist Ihr erster Flug?«
Ich nickte und spürte, wie mein Herz begann heftiger zu schlagen. Es war in der Tat mein erster Flug. Diese Maschine würde sich gleich tausende von Metern in die Lüfte heben und dabei von nichts weiter getragen werden als von der Geschwindigkeit des Geräts. Es schien, als würde diese Tatsache erst jetzt so richtig durchsickern und ich spürte, wie mein Atem plötzlich schneller ging. Was machte ich hier eigentlich? Ich hatte immerhin Höhenangst! Und war Fliegen nicht generell viel zu gefährlich? Wenn wir abstürzten, dann half es mir auch nicht weiter, dass am Ende des Flugs Hogwarts auf mich gewartet hätte. »Keine Panik, Luna«, murmelte ich leise vor mich hin, während ich die Augen schloss und mit den Fingern meine Heiligtümer-des-Todes-Kette umklammerte. Sie war einer der beiden Fanartikel, die ich besaß. Die Kette und den Ravenclaw-Schal, den mein Vater mir geschenkt hatte, als ich noch kleiner war. Der lag jedoch sicher verpackt in meinem Koffer, der sich gerade weiß Gott wo befand. »Alles wird gut.«
Ich hörte auf dem Gang leises Gemurmel, hatte jedoch Angst, dass ich mich eventuell übergeben würde, wenn ich jetzt aufstünde, um nachzusehen, was los war. »Ruhig bleiben, Luna.«
»Luna also«, erklang plötzlich eine männliche Stimme vom Gang. »Und ich frage mich schon seit Wochen, wie du eigentlich heißt.«
Einen Augenblick lang ließ ich die Augen geschlossen, um ganz sicherzugehen, dass Frau Flickerns Keks in meinem Magen bleiben würde, wo er hingehörte. Dann öffnete ich schließlich die Lider.
Blondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Ockerfarbene, strahlende, nachdenkliche Augen. Und ein Lächeln auf den Lippen, bei dessen Anblick ich sicher laut geflucht hätte, hätte ich meinem Magen inzwischen wieder vollständig vertraut.
»Das da ist mein Sitz«, sagte der Typ aus dem Supermarkt und deutete auf den Platz am Fenster.
Es stellte sich heraus, dass meine Überraschung stärker war, als die Angst, von der ich mittlerweile befürchtete, dass es sich dabei um Flugangst handelte. »Was zur Hölle machst du denn bitte hier?«, fragte ich. »Nein, ich ziehe die Frage zurück, ich will es gar nicht hören. Setz dich einfach auf deinen verfluchten Platz am Fenster, den du mir ja anscheinend weggeschnappt hast, und versuch bitte möglichst leise zu sein.«
Der Typ runzelte die Stirn. »Würde ich ja, wenn du aufstehen und mich durchlassen würdest.«
»Oh«, machte ich reichlich intelligent, bevor ich mich mit Frau Flickern, die mich bestürzt anstarrte, aus der Reihe zwängte. Sie schenkte dem Typen ein warmes Lächeln, bevor sie mich kritisch musterte. Kekse würde ich auf diesem Flug vermutlich keine mehr bekommen. »Sorry«, murmelte ich daher. »Ich habe Flugangst, deshalb bin ich vielleicht etwas leichter reizbar«.
Der Typ, der das offenbar gehört hatte, grinste auf eine Weise, die ich alles andere als lustig fand. Als wir endlich alle saßen, knackte es in den Lautsprechern und der Pilot gab durch, dass wir nun starten würden. Erst jetzt wurde mir klar, dass der Supermarkt-Typ offensichtlich derjenige war, der unser Flugzeug aufgehalten hatte. War ja klar. Der werte Herr war sich sicher zu fein, um pünktlich am Flughafen zu erscheinen. Mir wurde auf unangenehme Weise bewusst, wie nah wir nebeneinandersaßen. So nah, dass es unmöglich sein würde, ihn während des zehnstündigen Flugs nicht zu berühren. Jetzt gerade drückte sein Knie ganz leicht an meines. Ich drehte meine Beine so, dass sie stattdessen gegen die von Frau Flickern gedrückt waren, während das Flugzeug losrollte und die Stewardessen die Sicherheitshinweise abspulten. Ich hörte aufmerksam zu, um mich für den Fall der Fälle zu wappnen, und prägte mir besonders die Positionen der Notausgänge genau ein. Immerhin wäre ich vor dem Typen draußen, wenn es zu einer Notlandung käme, denn der schaute nicht einmal hin, sondern blickte mit nachdenklichem Gesichtsausdruck aus dem Fenster. Ich hätte zu gern gewusst, was in seinem Kopf vorging, aber fragen würde ich ihn ganz sicher nicht. Ich würde nicht ein einziges Mal mit ihm sprechen, den ganzen Flug über nicht.
»Ich bin übrigens Leo«, sagte er plötzlich, ohne sich mir zuzuwenden. Ertappt, dass ich ihn angestarrt hatte, öffnete ich bloß überrascht den Mund. Als er sich endlich umdrehte, sah ich, dass er mich auf eine offene, herrliche Art anlächelte. »Schön dich kennenzulernen, Luna.«
»Wir haben uns schon kennengelernt«, meinte ich und hob eine Augenbraue. »Weißt du noch? Im Supermarkt?«
»Oh ja, das weiß ich noch sehr gut.« Sein Lächeln geriet ein wenig schief. »Du hast mir unterstellt, ich würde Frauen belästigen.«
»So habe ich das gar nicht gesagt …«
Er lachte. »Doch, genau so.«
»Was willst du in Orlando?«, fragte ich ihn schließlich misstrauisch. Das alles konnte doch kein Zufall sein.
