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**Ein geheimnisvolles Internat, ein unbeständiges Zeitgefüge, ein Komplott der Götter** Das erste Schuljahr an der »Palaestra Viatorum« beginnt für Emilia alles andere als rosig. Zwar weiß sie mittlerweile, dass es sich bei dem renommierten Internat um keine gewöhnliche Schule handelt, aber ihre neuentdeckten Fähigkeiten als Wanderer geben ihr immer noch so einige Rätsel auf. Nicht genug damit braut sich über den Köpfen der Internatsschüler ein gefährliches Himmelskomplott zusammen. Wieder liegt es an Emilia und Max, die Ziele der griechischen Götter und die Geschicke der Zeit zu entwirren. Dass ihre Beziehung vor wenigen Monaten in die Brüche gegangen ist, macht es für keinen der beiden leichter. Doch am Ende zählt nur eins: den drohenden Krieg der Götter zu verhindern… //Textauszug: »Ich werde nie verstehen, warum Menschen sich Blumen als Zeichen ihrer Liebe schenken.« »Warum denn nicht? Blumen sind doch schön.« »Aber Blumen sind vergänglich«, sagte Max. »Das ist, als würde ich dir sagen, dass unsere Liebe nicht von Dauer sein kann.« Ich lächelte. Einen anderen Jungen hätte ich für unromantisch gehalten, wenn er so etwas gesagt hätte, aber seine Worte bewirkten in mir das Gegenteil. »Und was würdest du statt der Blumen als Geschenk vorschlagen?« »Einen Baum. Bäume sind ewig. Es wird sie immer geben, selbst wenn wir Menschen bereits von der Erde verschwunden sind.« »Einen Baum - na, wenn du damit eine Frau nicht mal sehr glücklich machen wirst.« Maximilians Mundwinkel zuckten, als er meine Hände ergriff und seine Finger mit meinen verwob. »Versprich mir, dass wir einen Baum pflanzen, sobald das hier vorbei ist«, sagte er leise.// //Alle Bände der packenden Zeitreise-Reihe: -- Wanderer 1: Sand der Zeit -- Wanderer 2: Hüter der Zeit -- Wanderer: Alle Bände in einer E-Box// Die Wanderer-Reihe ist abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2015 Text © Amelie Murmann, 2015 Lektorat: Pia Trzcinska Redaktion: Annika Krummacher Umschlagbild: shutterstock.com/ © Manczurov / © gudimm / © Vadim Turetskiy Umschlaggestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral
Ich widme dieses Buch all denen, die das Lesen genauso sehr lieben wie ich. Es gibt nichts Schöneres als in einer Welt zu versinken, die einen dazu bringt, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. So sehr mit den Charakteren zu fühlen, dass sich das Herz schmerzhaft zusammenzieht. Dass man lacht, aber auch weint.
Und vielleicht, nein, hoffentlich, kann Wanderer für euch ein solches Buch werden.
Eris hatte lange auf diesen Moment gewartet. Hatte in der Dunkelheit gelauert auf die Sekunde, in der es endlich zu dem Kampf kommen würde, für den sich das Warten gelohnt hatte. Sie liebte das Chaos und das Chaos versprach, sich seinen Weg in ihre Welt zu bahnen. In die Welt der Götter, in der alles immer gleich blieb. Ruhig. Idyllisch. Langweilig.
Eris schnaubte, während sie unbemerkt hinter der schlanken Gestalt herschlich, die sich dem Gebäude näherte, in dem Ares, der Gott des Krieges, seine ruhigen Stunden verbrachte. Es war ein kleines Haus, fast schon bescheiden, zumindest im Vergleich zu den riesigen Wasserfontänen, die mit Skulpturen des Kriegsgottes geschmückt waren und den Weg dorthin säumten. Jene zeigten, dass Ares bis in die tiefste Faser seines Herzens von Arroganz geprägt war. Eris konnte ihm nur zustimmen. Er war einzigartig, unbesiegbar. Herrlich chaotisch.
Mit einem entzückten Lächeln auf den Lippen beobachtete Eris aus den Schatten heraus, wie der Mann an der Tür des Hauses seinen Mantel richtete und dann anklopfte. Ein Surren durchfuhr ihren Körper. Der Schlaf war vorbei. Schon bald würde ihre Welt erwachen und dann in dem Chaos, das Eris so liebte, untergehen.
»Kronos«, sagte Ares in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, wie er zu seinem einstigen Freund stand. »Wie überaus nett von dir, bei mir vorbeizuschauen. Ich bin allerdings gerade auf dem Sprung und habe nur wenig Zeit. Du verstehst das sicher.«
»Ich weiß, dass du die Menschen verachtest, aber das hier, das ist eine Sache zwischen uns beiden und niemandem sonst. Schlimm genug, dass du die Hüter jahrelang – «
»Es sind nur Menschen!« Ares' Stimme hatte einen vollen, tiefen Ton angenommen. Der Zorn, der darin mitschwang, ließ Eris erwartungsvoll aufkeuchen. Sie beobachtete, wie sich die Muskeln an seinem beeindruckenden Körper anspannten, als bereite er sich auf einen Angriff vor. »Schwache, wertlose Wesen. Ich weiß, dass du sie uns vorziehst, aber ihnen ohne Absprache Kräfte zu verleihen, die unseren gleichkommen? Es ist bereits ein Gott von ihnen in die Unterwelt geschickt worden. Wie viele von uns müssen noch sterben, bevor du begreifst, dass etwas getan werden muss?«
»Du bist derjenige, der die Hüter hier im Olymp behalten hat, um sie zu foltern. Und das nur, weil du mich dafür verachtest, dass ich mich in eine menschliche Frau verliebt habe. Wären sie nicht hiergeblieben, dann wären sie jetzt noch sehr viel menschlicher. Schwächer, wie du sagen würdest.«
Kronos wirkte durch Ares' Ausbruch kein bisschen beunruhigt. Einen Moment lang war Eris enttäuscht darüber. Doch dann dachte sie daran, wie Kronos wohl reagieren würde, wenn er herausfände, was Ares plante. Sie seufzte zufrieden.
»Dein Fehler muss ausgemerzt werden«, sagte Ares mit fester Stimme. »Es ist mir egal, wie viel dir an ihnen liegt – sie sind zu gefährlich. Früher oder später werde ich sie töten. Und du?« Er schubste Kronos mit einem heftigen Stoß zurück. »Du wirst damit leben müssen. Es ist mir egal, wie oft du die Zeit zurückdrehst. Du weißt genau, dass das bei uns Göttern nichts bringt. Ich werde deine kleinen Hüter einfach immer und immer wieder umbringen. So lange, bis du begriffen hast, dass du nichts daran wirst ändern können. Regeln sind Regeln.«
Kronos schlug den Kragen seines Mantels auf, sein langes Haar wehte im Wind. Er schien zu wissen, dass es verschwendete Zeit war, Ares überzeugen zu wollen. Er würde keine Wahl haben: Wenn es soweit war, würde er in die Geschicke der Welt eingreifen müssen. Etwas, das er noch nie gern getan hatte.
Während Kronos sich ohne ein weiteres Wort abwandte und den schmalen Weg zurückschritt, sah er sich nicht ein einziges Mal um. So entging ihm der hasserfüllte Blick und das Glimmen in Ares' Augen.
Aber Eris sah es. Sie sah es und lachte in die erwartungsvolle Stille hinein.
»Emilia, wenn du noch keine Zimmernachbarin hast, dann sag es mir einfach. Ich bin gerne bereit, mir ein Zimmer mit dir zu teilen!« Suzies falsches Lachen entblößte strahlend weiße Zähne.
»Nein, danke. Ich werde mir dieses Zimmer mit Kit teilen. Sie müsste jeden Moment hier sein.« Ich versuchte mich an dem Lächeln, das ich in den letzten Wochen immer wieder hatte zur Schau stellen müssen, und scheiterte kläglich. Damit war meine Laufbahn als Politikerin wohl vorüber. Dabei hatte ich so vieles vorgehabt! Die Schulden unseres schönen Landes begleichen, die Arbeitslosenquote senken und natürlich den Weltfrieden. Alles ruiniert durch meine Unfähigkeit, Leute anzulächeln, die mir auf die Nerven gingen. Die Tragik des Lebens.
Dabei war dies eigentlich ein Moment, von dem ich schon so lange geträumt hatte: Mein erster Tag an der Palaestra Viatorum, meiner Traumschule. Dass die Palaestra eine ganz besondere Schule war, das war mir schon immer klargewesen. Wie besonders, hatte ich jedoch erst Anfang der Sommerferien erfahren. Das Internat war ein Ort, wo so genannte »Wanderer« lernten, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Durch Gemälde zu springen oder die Zukunft vorherzusagen. Und ich selbst war ebenfalls ein Wanderer. Leider hatte ich bisher kaum Gelegenheit gehabt, meine Fähigkeiten anzuwenden, geschweige denn, mich darüber zu freuen.
Meine Grimasse hatte bedauerlicherweise nicht einmal den durchaus erwünschten Nebeneffekt, dass sie Suzie abschreckte. Im Gegenteil, sie ließ sich neben mir auf mein Bett fallen und strahlte mich weiter an.
»Stimmt es, dass Max sich von dir getrennt hat, weil du mit diesem Logan fremdgegangen bist?«
Diese Gerüchteküche. Wie ich sie verabscheute! Kaum war bis zur Schülerschaft durchgesickert, dass es einen Kampf gegen Hora gegeben hatte, Kronos' Tochter und der Vorfahrin aller Wanderer, waren die Geschichten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Am beliebtesten war wohl die, in der ich das letzte Sandkorn, das dem Stundenglas der Zeit noch gefehlt hatte, aus Horas leblosen Händen riss. Danach sei ich mit diesem magischen Artefakt, das uns Wanderern ermöglichte, durch die Zeit zu reisen, auf einem Drachen entkommen. Wo allerdings der Drache hergekommen sein sollte, war mir schleierhaft. Musste wohl das Game-of-Thrones-Zeitalter sein. Fast genauso hanebüchen war die Version, in der Maximilian Morgenstern, stellvertretender Schulsprecher und absoluter Schwarm bei der weiblichen Schülerschaft, mich im großen Finale heldenhaft gerettet hatte, nur um dann festzustellen, dass ich nun mit einem von Horas Anhängern zusammen war.
So verrückt diese Gerüchte auch waren – sie wären mir deutlich lieber gewesen als die Wahrheit. Hora hatte mich gezwungen, das Stundenglas der Zeit wieder zusammenzusetzen, damit sie seine Macht nutzen konnte. Das hatte allerdings zur Folge gehabt, dass die Hüter der Zeit wieder aufgetaucht waren und Hora umgebracht hatten. Genau diese Wahrheit hatte ich auch jedem gegenüber wiederholt, der mich seitdem gefragt hatte. Nur dass mir niemand so recht zu glauben schien. Schön und gut, die Geschichte von Hora und den drei Hütern, deren Aufgabe es seit jeher war, das Stundenglas zu beschützen, bis sie im Olymp gefangen wurden, hörte sich ein wenig an wie ein Märchen. Dennoch fragte ich mich, wie es möglich war, dass man mir das Ganze nicht abnahm. Als würde ich meine Freizeit damit verbringen, so einen Mist zu erfinden.
»Genau so ist es gewesen, Suzie. Weißt du, ich glaube, du solltest Max mal auf ein Date einladen! Das würde ihm sicher sehr gut gefallen.«
Ja, ich war tief gesunken. Maximilian hatte sich das allerdings selbst zuzuschreiben. Zugegeben, ich war dafür verantwortlich, dass seine Mutter beim Kampf um das letzte Sandkorn gestorben war, weil ich Hora gezwungen hatte, die Zeit zurückzudrehen. Leider konnte ich das kein zweites Mal tun, weshalb ich den Tod von Felicity Morgenstern nicht hatte verhindern können. Zu meiner Verteidigung sollte aber gesagt sein, dass ich im selben Atemzug Maximilian das Leben gerettet hatte. Sollte es das nicht irgendwie ausgleichen? Jedenfalls war ich der Meinung, dass ich die Gleichgültigkeit, mit der er mir seitdem begegnete, nicht ganz verdient hatte. Natürlich konnte ich verstehen, dass er verletzt und wütend war, aber nach allem, was ich hatte durchstehen müssen, konnte er mir da nicht einmal Hallo sagen?
»Ihr zwei würdet sowieso nicht zusammenpassen. Er ist immerhin Maximilian Morgenstern und du bist … normal.«
Ich zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Normal wäre ich liebend gern gewesen. Normal klang in meinen Ohren mittlerweile wie der Himmel auf Erden.
»Dieser ganze Rummel um dich wird vorbeigehen und danach brauchst du jemanden, der mehr in deiner Liga spielt« Hatte Suzie das gerade allen Ernstes gesagt? Ich sollte das Gespräch aufnehmen und eine Dokumentation erstellen: Girls Club – Bissige Realität.
»Allein vom Zuhören sterben mir meine wertvollen Gehirnzellen ab.« Ich sah auf und entdeckte Kit, die lautlos nähergekommen war und nun lässig im Türrahmen lehnte. Ihren giftgrünen Koffer hatte sie im Schlepptau. Das kurze, wild frisierte Haar war jetzt um ein paar Nuancen dunkler, weshalb das Lila nicht mehr ganz so sehr herausstach. Dafür entdeckte ich einen neuen Ring in ihrem Ohr. Wo sie sich die wohl immer ohne Erlaubniserklärung stechen ließ? Ihre Mutter würde so etwas jedenfalls nicht unterschreiben.
Ich lächelte, während ich beobachtete, wie Kit Suzie am Arm nahm und zur Tür schob. »Da geht es raus. Und nur noch einmal zum Mitschreiben: Wenn Emilia wirklich wollte, könnte sie einfach mit dem Finger schnipsen und der große, beliebte, einzigartige Maximilian Morgenstern würde ihr hinterherlaufen wie ein kleines Hündchen.«
Suzie setzte zu einer Antwort an, aber Kit knallte ihr die Tür vor der Nase zu. Dann drehte sie sich zu mir um und strahlte mich an.
»Da wären wir also!« Sie schmiss den Koffer, den sie bei sich trug, auf ihr Bett. »Hast du Loverboy denn heute schon zu Gesicht bekommen?«
»Allerdings«, seufzte ich. »Wie zu erwarten, hat er demonstrativ an mir vorbeigesehen, als wäre ich Luft für ihn. Immerhin sind wir jetzt bei Nichtbeachtung angelangt. Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut.«
»Ich kann noch immer nicht glauben, dass er dich so mies behandelt hat!« Kit verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer so etwas macht, der hat dich nicht verdient.«
»Er hat zwar durchaus seine Gründe, aber danke, Kit. Wie läuft es mit dir und Florian?«
»Gut«, sagte sie gedehnt. »Und jetzt Themawechsel. Das war genug hormonelles Gefasel für einen Tag.« Sie machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, als wolle sie das Thema Jungs einfach wegwischen. »Was ist bei dir heute los gewesen? Du hast geschrieben, dass dich die Leute vom Rat ewig ausgefragt haben. Was hast du ihnen gesagt?«
»Was ich ihnen auch schon vor Wochen gesagt habe: Dass die Hüter aufgetaucht sind und erzählt haben, wie man sie im Olymp eingesperrt hat. Dass sie Hora ermordet und mich mit dem Stab des Asklepios zurück zum Internat geschickt haben. Ach ja, und natürlich die Sache mit dem Sturz der Götter und den Rachegelüsten.«
»Wow. Davon waren sie bestimmt begeistert.« Kit stieß einen langen Pfiff aus.
»Sagen wir mal so: Ich habe mich in die dritte Klasse zurückversetzt gefühlt, als ich noch an den Weihnachtsmann geglaubt habe und meine Mitschüler mich dann aufklären mussten, dass es ihn nicht gibt.« Müde fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht. Die Hüter waren bei den Wanderern mit der Zeit zu einer Legende geworden. So schwer es ihnen auch fiel, mir diesen Teil abzunehmen – ich hatte meine Glaubwürdigkeit endgültig verloren, als ich den Olymp erwähnt hatte. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wäre ich nicht selbst dabei gewesen, würde ich es vermutlich auch nicht für möglich halten.
»Wenigstens sind wir dieses Problem jetzt los. Die letzten Wochen waren genug Aufregung für meinen Geschmack, und wenn diese Hüter meinen, sie müssten die Götter herausfordern, bitte! Haben wir ja nichts mit zu tun.« Während Kit begann, ihren Koffer auszupacken, hoffte ich, dass sie mit dieser Einschätzung Recht behalten würde.
***
Maximilian war selten so schlecht gelaunt wie an diesem ersten Schultag. Er hatte es immer als große Ehre empfunden, der stellvertretende Schulsprecher zu sein, aber heute? Heute war es ein Fluch. Ganze Scharen von Schülern hatten ihn belagert, um herauszufinden, warum der innere Rat der Wanderer plötzlich nur noch ein Mitglied besaß. Natürlich gab es zwischendrin die üblichen Zankereien um Zimmerbelegungen oder Stundenpläne. Als Max zum zehnten Mal gefragt wurde, ob seine Mutter tatsächlich auf Horas Seite gewesen sei, hatte er schließlich die Geduld verloren und sich zu früh auf den Weg zu einem Treffen in Herrn von Hohenfelds Büro gemacht. Dort musste er dann feststellen, dass er nicht der Einzige war, der sich hier zu verstecken versuchte.
»Soso, unsere pflichtbewusste Schulsprecherin drückt sich also vor der Arbeit. Du weißt schon, dass man mich da draußen fast zerfleischt hat?«
Celia, die auf der Couch gesessen und gelesen hatte, schreckte hoch. Sie versuchte das Buch hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen, schien dann aber zu bemerken, dass das nicht mehr möglich war. Seufzend ließ sie sich wieder in die Kissen sinken.
»Ein Mädchen muss tun, was ein Mädchen tun muss.«
»Lesen?«
»Auf das Buch warte ich schon seit Monaten! So eine kleine Weltkrise wird mich nicht davon abhalten, es zu beenden. Ich bin gerade in der spannenden Phase! Sie haben es endlich auf das Schiff geschafft und wenn sie jetzt noch den Drachen besiegt haben, dann … «
Max grinste, während Celia das Buch wieder aufschlug und die Nase rümpfte. »Interessiert dich ja sowieso nicht, du Kunstbanause.«
»Ich lebe eben gern in der Realität.«
Celia verdrehte die Augen. »Die Realität stinkt gerade gen Himmel. Außerdem lebe ich im Gegensatz zu dir normalerweise mit einem Bein in der Zukunft. Jetzt, da die Visionen aufgehört haben, brauche ich einen Ausgleich.«
Schon lange hatte es die Legende gegeben, dass es die Hüter waren, die ausgewählten Wanderern Visionen schickten, um das Zusammensetzen des Stundenglases zu beschleunigen. Dass alle dem Rat bekannten Seher in den letzten Wochen keinerlei Visionen gehabt hatten, deutete darauf hin, dass diese vorher eher belächelte Geschichte vielleicht doch einen wahren Kern hatte.
Max wünschte sich für Celia, dass sie der Wahrheit entsprach. Seit bei ihr die Visionen eingesetzt hatten, musste sie ständig auf der Hut sein, weil sie jederzeit das Bewusstsein verlieren konnte. Es wäre schön, wenn ihr – und ihm – wenigstens diese Sorge genommen würde. Für Emilia wäre das auch leichter, flüsterte eine kleine Stimme in seinem Kopf. Max seufzte. Schlimm genug, dass er jede Nacht von ihrem verletzten Blick und dem Tod seiner Mutter träumte. Man sollte meinen, dass ihm wenigstens in seinen wachen Stunden Ruhe vergönnt wäre. Aber nein. An der Palaestra würde er Emilia nie entkommen können. Vor allem dann nicht, wenn er ihr nicht einmal in seinem eigenen Kopf entkam.
»Alles in Ordnung mit dir?« Celia sah ihn aus blauen Augen über ihr Buch hinweg besorgt an.
Er versuchte sich zu entspannen. »Ja, natürlich. Wieso?«
»Deine Haare sehen aus, als hättest du sie heute noch nicht gekämmt, und du seufzt alle fünf Minuten. Ich habe das Gefühl, als wärst du eine gespannte Sehne, die jeden Moment reißen könnte. Du solltest dir ein Ventil suchen.« Mit verschmitztem Gesichtsausdruck deutete sie auf ihr aufgeschlagenes Buch. »Lesen zum Beispiel. Das kann sehr beruhigend sein.«
Max stöhnte und setzte gerade zu einer Antwort an, als die Tür aufging und der Schulleiter, Alexander von Hohenfeld, das Büro betrat. Er sah genauso müde aus, wie Max sich fühlte, ging aber mit aufrechtem Gang zu seinem Schreibtisch und fixierte die beiden über seine Brille hinweg.
»Hallo, Papa«, grüßte Celia, die kaum von ihrer Lektüre aufblickte.
»Ich habe einen kleinen Anschlag auf euch zwei vor.«
Der Rektor sah sie so entschuldigend an, dass Max Schreckliches schwante. Er malte sich in den buntesten Farben aus, was man ihm nun wieder aufhalsen würde. Die letzten Sandkörner zu beschaffen war schlimm genug gewesen. Er hatte eigentlich damit gerechnet, jetzt endlich einmal keine geheimen Aufträge für den Rat erledigen zu müssen, sondern frei zu sein.
»Ich habe mit den di Fiores gesprochen. Sie sind genau wie ich der Meinung, dass wir die Jugendlichen, die bei ihnen gewesen sind, an unserer Schule aufnehmen sollten. Es sind nur drei und die ließen sich leicht in die jeweiligen Stufen einordnen. Sie werden allerdings Hilfe benötigen, den Unterrichtsstoff zu bewältigen.«
Also keine lebensbedrohliche Mission, bei der Maximilian seine Zukunft riskierte. Nur Nachhilfe. Normale Pflichten für normale Menschen. Sein Herzschlag beruhigte sich ein wenig.
»Dann …« Celia stockte und zwirbelte eine Strähne ihres hellen Haares um den Finger. »Dann kommt Niccolo also hierher?«
Daran hatte Max noch gar nicht gedacht. Sein ehemals bester Freund hatte das letzte Jahr bei Emilias Eltern verbracht und mit aller Macht versucht, dem Rat entgegenzuwirken. Erst vor kurzem hatte Max erfahren, dass Nic nur das Beste gewollt hatte. Hätte er das schon früher eingesehen, hätte Hora das Glas vielleicht nie in die Finger bekommen.
»Er wird in eure Stufe kommen. Ich dachte mir, dass du dich vielleicht ein wenig um ihn kümmern könntest, Celia. Meine Erinnerungen an das, was Max und Niccolo damals unter Arbeit verstanden haben, lassen mich vermuten, dass er nicht der richtige Kandidat für den Job wäre.«
Max schnaubte, bemühte sich aber um einen ernsten Gesichtsausdruck, als sich der Schulleiter ihm zuwandte.
»Du könntest dich um zwei junge Damen zwei Stufen unter euch kümmern. Sie sind den di Fiores vor einem Monat über den Weg gelaufen und haben sich ihrer Gruppe angeschlossen.«
Bei der Erwähnung der di Fiores wanderten Maximilians Gedanken zurück zu Emilia und zu dem Moment, als er Emilias Geburtsnamen entdeckt hatte: di Fiore. Ihre leiblichen Eltern, die das Stundenglas einst gestohlen und sich danach jahrelang versteckt gehalten hatten, waren erst vor den Sommerferien wieder aufgetaucht. Obwohl sich herausgestellt hatte, dass sie die ganze Zeit nur versucht hatten, Emilia zu beschützen, war die Situation bestimmt nicht leicht für Emilia. Das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen, das ihn in den letzten Wochen immer wieder überkommen hatte, versuchte er mit einem Kopfschütteln loszuwerden. Angestrengt konzentrierte er sich wieder auf die Bitte des Rektors.
»Natürlich, kein Problem«, sagte er.
Celia rieb sich mit der Hand übers Kinn und schwieg.
»Ist das in Ordnung für dich, Schatz?«, fragte ihr Vater.
Sie seufzte. »Natürlich, Papa.«
Der Rektor wirkte zufrieden, aber Maximilian hatte etwas in Celias Augen aufblitzen sehen, das ihm gar nicht gefiel. Er war es nicht gewohnt, dass sie Aufgaben ausschlug. Besonders dann nicht, wenn es darum ging, anderen zu helfen. Was war so schlimm daran, Niccolo unter die Arme zu greifen? Lag es an Niccolo selbst? Als Celia und er das Büro in Richtung ihrer Kurse verlassen hatten, fasste er sich ein Herz und fragte sie.
»Du weißt, dass Nic uns nur verraten hat, um uns alle zu schützen, oder?«
»Natürlich«, sagte sie gedehnt.
»Okay.« Wenn sie darüber reden wollte, würde sie reden. Er hatte schon genug Probleme, ohne sich die anderer Leute auch noch aufzuhalsen. Vielleicht sollte er Celias Rat befolgen und sich ein Ventil suchen. Er dachte an die bevorstehenden Schwimmwettkämpfe und daran, dass er jetzt der Teamkapitän war. Zum ersten Mal an diesem Tag stahl sich ein echtes Lächeln auf seine Lippen.
***
Nachdem die Woche, in der man geprüft hatte, ob meine Fähigkeiten als Wanderer ausreichten, um an der Palaestra angenommen zu werden, ein einziges Chaos gewesen waren, verlief mein erster richtiger Schultag erschreckend normal. In Mathe surrte mein Kopf vor Funktionen, Steigungen und Ableitungen, während wir in Deutsch mit dem Thema Gedichte begonnen und über verschiedene Stilmittel gesprochen hatten. Das einzige Fach, in dem ich wirklich das Gefühl hatte, nicht mitzukommen, war Englisch. Dabei hatte ich Englisch schon immer gemocht. Meiner Meinung nach war es eine zwar simple, aber wunderschöne Sprache, die man in der heutigen Zeit einfach beherrschen musste. An meiner alten Schule war ich Klassenbeste gewesen, aber an der Palaestra sah das ganz anders aus. Fünf von den Schülern in meinem Kurs kamen aus anderen Ländern. Hugo, ein kleiner Franzose, hatte Schwierigkeiten sich auszudrücken, aber die anderen Vier sprachen perfektes Englisch. Sie trugen den Unterricht fast allein, während ich irgendwann den Versuch, sie zu verstehen, aufgegeben hatte. Ich seufzte, als es endlich klingelte und alle ihre Sachen zusammenpackten.
»Ich habe nicht ein einziges Wort verstanden«, murmelte Florian, der neben mir gesessen hatte. Er fuhr sich durch das blonde Haar und stieß ein verzweifeltes Stöhnen aus. »So langsam glaube ich, dass ein Eliteinternat vielleicht doch keine so gute Idee gewesen ist. Immerhin können wir gleich ins Wasser.«
»Ins Wasser?« Verwirrt sah ich Flo an. »Hast du jetzt noch Sport? Ich dachte, wir hätten jetzt beide Schluss.«
»Nein, kein Sport. Aber in einer halben Stunde ist das Vorschwimmen.« Flo gab mir einen kleinen Schubs und lachte. »Ich hätte eigentlich gedacht, dass du die Erste sein würdest, die da antanzt.«
Vorschwimmen? Richtig. Bei unserer Probestunde hatte unser Sportlehrer Herr Goldstrom erwähnt, dass er sich durchaus vorstellen könne, mich in das Schwimmteam aufzunehmen.
»Max ist auch dabei, oder?« Natürlich wusste ich selbst, dass er im Team war, aber die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
In Flos Blick blitzte Mitleid auf. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Warum behandelte mich jeder so, als würde ich jedes Mal auseinanderfallen, wenn jemand Maximilian auch nur erwähnte?
»Ja«, sagte Flo gedehnt. »Er ist der Kapitän, um genau zu sein.«
Das war ja großartig. Da gab es eine Sache, die in meinem Leben noch unkompliziert war, und auch da musste Max wieder seine Finger im Spiel haben. Trotzdem würde sicher nicht ich diejenige sein, die nachgab. Wenn er ein Problem mit mir hatte, dann würde er derjenige sein, der gehen müsste. Nicht ich. Lange genug hatte man mir gesagt, was ich zu tun und was ich zu lassen hatte. Niemals wieder. Das hier war mein Leben, und ich würde in dieses Team kommen. Koste es, was es wolle.
Niccolo di Fiore hasste Züge. Er hätte niemals geglaubt, dass er etwas noch nervtötender finden könnte, aber die Blicke, die ihm seine Mitschüler zuwarfen, waren definitiv ein Kandidat für diesen Posten. Er fluchte leise, als ihm ein Junge, der ihm vage bekannt vorkam, ein Bein stellte. Als er stolperte, fiel seine Tasche zu Boden und ihr Inhalt entleerte sich auf die grauen Fliesen des Schulflurs. Stifte rollten unter den Heizkörper, sein Füller blieb offen auf einem Heft liegen und Tinte durchtränkte die Seiten.
»Ups«, meinte der Junge in einem Tonfall, der so gar nicht entschuldigend klang. »Habe dich mit einem Haufen Dreck verwechselt.«
Niccolo ballte die Hände zu Fäusten und bemühte sich, keine Reaktion zu zeigen. Er würde ruhig bleiben. Ganz ruhig. Tiefe Atemzüge und…
»Ich bin mir nicht ganz sicher, woran das lag. An deiner hässlichen Visage oder der Tatsache, dass du ein mieser Verräter bist.«
Der Typ trat absichtlich auf Niccolos Stundenplan, während er sich an ihm vorbeidrängte. Ohne groß darüber nachzudenken, griff Nic nach dessen Bein und brachte ihn so zum Stolpern. Auf den bösen Blick, den er dafür erntete, reagierte Nic gar nicht mehr, sondern begann seine Sachen wieder in die Tasche zu stopfen. Als er gerade nach den Stiften unter der Heizung griff, schoss eine kleine Hand in sein Sichtfeld und kam ihm zuvor.
»Du solltest besser auf dich aufpassen.« Nic hob den Blick und entdeckte ein Mädchen in seinem Alter, das sich zu ihm herabbeugte. Das helle Haar, die blasse Haut, die strahlend blauen Augen. Sie hatte sich verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Zwar noch immer klein, war sie aber, wenn er sich nicht täuschte, seitdem um ein paar Zentimeter gewachsen. Außerdem sah sie reifer aus. Erwachsen.
Er griff nach den letzten Stiften, richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich muss ja wirklich tief gesunken sein, wenn die kleine Celia von Hohenfeld mich aufpäppeln muss.« Celias Augen wurden schmal, und er begriff, dass er genau das Falsche gesagt hatte.
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