Farm der Tiere - George Orwell - E-Book

Farm der Tiere E-Book

George Orwell

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Beschreibung

Man beraubt sie der Früchte ihrer Arbeit, sperrt sie ein, beutet sie aus. Die Tiere auf dem Gutshof haben genug und proben den Aufstand – für eine bessere Welt, in der alle Tiere gleich und frei sind. Doch bald zeigt sich: Gleich heißt nicht gleich, und Freiheit ist ein kurzer Traum … George Orwells berühmte Allegorie über den Aufstand der Tiere ist bis heute der vielleicht klarste literarische Weckruf vor dem korrumpierenden Effekt von Macht. Wie schnell sich unsere Visionen von einer besseren Welt in einen totalitären Albtraum verwandeln können, das ist die zeitlose Warnung dieser Fabel.

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Seitenzahl: 152

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GEORGE ORWELL

FARM DER TIERE

Ein Märchen

Aus dem Englischen neu übersetzt von Heike Holtsch

Anaconda

Die englische Erstausgabe erschien 1945 unter dem Titel »Animal Farm« bei Martin Secker & Warburg Ltd.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 by Anaconda Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotive: Schweinekopf Silhouette Shutterstock / Vasya Kobelev; Silhouetten Windmühle, Farmhaus, Häuschen, Zaun Shutterstock / kamomeen; Hintergrund Shutterstock / svekloid; außerdem lizenzfreie Motive aus Dingbatsfont »Barnyard« und Dingbatsfont »Trees TFB«

Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de

ISBN 978-3-641-27928-8V002

www.anacondaverlag.de

INHALT

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

KAPITEL VIII

KAPITEL IX

KAPITEL X

KAPITEL I

Den Hühnerstall seines Gutshofes hatte Mr. Jones am Abend abgeschlossen, aber so betrunken, wie er war, hatte er nicht daran gedacht, auch die Ausschlupfklappen zu schließen. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe schwankte hin und her, als er über den Hof torkelte, an der Hintertür des Herrenhauses die Schuhe abstreifte und sich aus dem Fass in der Vorratskammer noch ein Glas Bier einschenkte, bevor er hinaufging ins Schlafzimmer, wo Mrs. Jones schon schnarchend im Bett lag.

Sobald aus dem Zimmer kein Licht mehr zu sehen war, begann in den Ställen geschäftiges Treiben. Am Tag hatte nämlich die Nachricht die Runde gemacht, dass Major, der altehrwürdige, preisgekrönte Eber, in der Nacht zuvor etwas Sonderbares geträumt hatte, wovon er den anderen Tieren berichten wollte. So war man übereingekommen, sich am späteren Abend, wenn man vor Mr. Jones sicher war, in der großen Scheune zu versammeln. Der alte Major (so wurde er von allen genannt, obwohl der Name, unter dem er viele Preise gewonnen hatte, eigentlich Willingdon Beauty lautete), genoss auf dem Hof ein so hohes Ansehen, dass alle bereit waren, auf die eine oder andere Stunde Schlaf zu verzichten, um sich anzuhören, was er ihnen mitzuteilen hatte.

Im hinteren Teil der Scheune hatte sich Major bereits unter einer Laterne, die von einem der Balken herunterhing, auf einer mit Stroh gepolsterten Rampe niedergelassen. Im stolzen Alter von zwölf Jahren war er mittlerweile recht korpulent, aber durchaus noch eine ehrfurchtgebietende Erscheinung, mit einem klugen, gutmütigen Gesicht, obwohl man ihm nie die Hauer abgeschliffen hatte. Nach und nach trudelten die anderen Tiere ein und machten es sich jedes nach seiner Fasson bequem. Als erste erschienen die drei Hunde Bluebell, Jessie und Pincher, gefolgt von den Schweinen, die sogleich im Stroh vor der Rampe Platz nahmen. Die Hennen hockten sich auf die Fensterbretter, die Tauben flatterten auf die Dachbalken, die Schafe und Kühe legten sich wiederkäuend hinter die Schweine. Die beiden Kaltblüter Boxer und Clover betraten die Scheune gemeinsam. Für den Fall, dass eines der kleinen Tiere sich unter dem Stroh gemütlich eingerichtet hatte, setzten sie mit äußerster Vorsicht einen ihrer fellbedeckten Hufe vor den anderen. Clover war eine etwas untersetzte Stute in den besten Jahren, die nach der Geburt ihres vierten Fohlens nie wieder ihre ursprüngliche Figur zurückerlangt hatte. Boxer war ein riesiger Ackergaul mit einem Stockmaß von über einem Meter achtzig und so stark wie sonst nur zwei Pferde zusammen. Eine Blesse ließ ihn ein wenig dümmlich erscheinen, und er war tatsächlich nicht unbedingt der Hellste, doch aufgrund seiner Charakterstärke und seiner Arbeitskraft wurde er allseits respektiert. Nach den Pferden kamen Muriel, die weiße Ziege, und Benjamin, der Esel. Benjamin war das älteste Tier auf dem Hof, und das schlecht gelaunteste. Er machte nur selten das Maul auf, und wenn er es denn tat, kam meistens eine ironische Bemerkung heraus – er sagte zum Beispiel immer, Gott habe ihm nur deshalb einen Schwanz gegeben, damit er die Fliegen vertreiben könne, er aber hätte gut und gerne auf beides verzichten können. Er war das einzige Tier auf dem ganzen Gutshof, das niemals lachte. Und wenn man ihn fragte, warum nicht, antwortete er, dass es seiner Ansicht nach ja wohl nichts zu lachen gebe. Nichtsdestoweniger und auch wenn er es niemals zugegeben hätte, war er Boxer sehr ergeben, und sonntags grasten die beiden immer nebeneinander auf der Koppel hinter der Obstwiese – natürlich ohne ein Wort miteinander zu sprechen.

Nachdem die beiden Pferde sich niedergelassen hatten, kam eine Schar von Entenküken, die ihrer Mutter ausgebüxt waren und einen Platz suchten, wo niemand auf sie treten würde. Schüchtern piepend watschelten sie hin und her, bis Clover schützend eins ihrer langen Vorderbeine ausstreckte und um sie legte, wo sie es sich gemütlich machten und sogleich einschliefen. Kurz vor Toresschluss kam auf einem Stück Zucker kauend die anmutige, aber etwas überkandidelte weiße Stute Mollie hereinstolziert, die Mr. Jones für gewöhnlich vor seinen Pferdewagen spannte. Sie nahm in einer der vorderen Reihen Platz und schüttelte ihre weiße Mähne, wohl in der Hoffnung, dass alle die eingeflochtenen roten Bänder bemerkten. Zu guter Letzt kam die Katze, die sich wie immer nach dem wärmsten Platz umsah und sich schließlich zwischen Boxer und Clover drängte, wo sie während Majors gesamter Rede zufrieden vor sich hin schnurrte, ohne auch nur ein einziges Mal wirklich hinzuhören.

Bis auf Moses, den zahmen Raben, der schlafend auf seiner Stange draußen vor der Hintertür hockte, waren nun alle Tiere versammelt. Als Major sah, dass alle es sich in gespannter Erwartung bequem gemacht hatten, räusperte er sich und ergriff das Wort:

»Liebe Freunde, wie ihr schon gehört habt, hatte ich letzte Nacht einen merkwürdigen Traum. Doch mehr dazu später. Denn zunächst habe ich euch noch etwas anderes mitzuteilen. Ich glaube nicht, dass ich noch lange unter euch weilen werde, liebe Weggefährten, und bevor ich aus dem Leben scheide, betrachte ich es als meine Pflicht, all das Wissen, das ich erworben habe, an euch weiterzugeben. In meinem langen Leben hatte ich viel Zeit, mir Gedanken zu machen, während ich allein in meinem Stall lag. Und ich darf wohl behaupten, dass ich verstanden habe, worum es in diesem Leben geht, ebenso wie im Leben aller anderen Tiere auf dieser Erde. Genau darüber möchte ich heute zu euch sprechen.

Was, liebe Gefährten, ist denn das Wesentliche in unser aller Leben? Machen wir uns doch nichts vor: Unser Leben ist armselig, arbeitsreich und kurz. Wir werden geboren, wir bekommen gerade genug zu essen, damit wir nicht vorzeitig unseren Atem aushauchen, und diejenigen von uns, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, sind gezwungen, bis zur Erschöpfung zu arbeiten – bloß um mit erschreckender Grausamkeit geschlachtet zu werden, sobald der jeweilige Nutzen nicht mehr vollständig gegeben ist. Kein Tier im Alter von über einem Jahr weiß noch, was Glück oder Freizeit überhaupt bedeuten, weder hier noch sonst irgendwo in Europa oder in einem anderen Teil der Welt. Das Leben eines Tieres bedeutet Elend und Versklavung. So und nicht anders lautet die Wahrheit.

Aber liegt das in der Natur der Sache? Ist das Land, in dem wir leben, etwa so arm, dass es uns kein anständiges Leben ermöglichen kann? Nein, liebe Gefährten, und noch mal nein! Der Boden ist fruchtbar, die klimatischen Bedingungen sind vorteilhaft, und dieses Land wäre sogar in der Lage, eine weitaus größere Anzahl von Tieren zu versorgen, als es gegenwärtig der Fall ist. Allein dieser Hof könnte ein ganzes Dutzend an Pferden ernähren, noch dazu zwanzig Kühe, Hunderte von Schafen – und sie alle könnten ein angenehmes und würdevolles Leben führen, ein Leben, das jenseits dessen liegt, was wir uns derzeit überhaupt vorstellen können. Warum also fristen wir ein so unwürdiges Dasein? Weil fast die Hälfte dessen, was wir produzieren, von den Menschen beansprucht wird. Darin, liebe Weggefährten, liegt die Ursache all unserer Probleme. Und diese Probleme lassen sich mit einem Begriff zusammenfassen: Mensch. Der Mensch ist unser einziges wirkliches Problem. Würde der Mensch von der Bildfläche verschwinden, hätte sich damit auch die Hauptursache für den Hunger und all das, was wir sonst noch erdulden müssen, dauerhaft erledigt.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das konsumiert, ohne etwas zu produzieren. Er gibt keine Milch, er legt keine Eier, er besitzt nicht die Stärke, um den Boden zu beackern, er verfügt nicht über die Schnelligkeit, ein Kaninchen zu fangen. Und dennoch spielt er sich zum Herrscher über alle Tiere auf. Er lässt sie für sich arbeiten, gewährt ihnen nur das absolute Minimum, damit sie gerade noch existieren können, und behält den größten Teil für sich. Wir sind diejenigen, die schuften und den Boden düngen, aber keiner von uns besitzt mehr als die eigene Haut. Ihr Kühe, die ihr hier vor mir sitzt, wie viele Hektoliter Milch habt ihr im letzten Jahr produziert? Und was wurde aus all der Milch, die euch zur Verfügung hätte stehen sollen, um kräftige Kälber großzuziehen? Unsere Ausbeuter haben sie sich einverleibt, ohne euch auch nur einen Tropfen davon zu lassen. Oder ihr Hennen, wie viele Eier habt ihr im letzten Jahr gelegt, und aus wie vielen dieser Eier sind Küken geschlüpft? Der Großteil kam auf den Markt und brachte Jones und seinesgleichen eine Menge Profit. Und du, Clover, wo sind denn die vier Fohlen, die du zur Welt gebracht hast und die dir in deinen besten Jahren eigentlich Freude machen und Gesellschaft leisten sollten? Sie alle wurden im Alter von nur einem Jahr verkauft, und du wirst kein einziges mehr wiedersehen. Und als Gegenleistung für all den Aufwand und deine Mühe, was hast du jemals bekommen, außer einem Stall und einem mäßig gefüllten Futtertrog?

Unter diesen unwürdigen Bedingungen erreichen wir nicht einmal unsere natürliche Lebenserwartung. Ich selbst kann nicht klagen, denn ich bin einer derer, die noch vergleichsweise glücklich dran sind. Ich habe ein Alter von zwölf Jahren erreicht und über vierhundert Kinder. So sollte es im Leben eines Schweins auch sein. Doch letzten Endes entkommt kein Tier dem grausamen Schlachtermesser. Für euch Mastschweine, die ihr hier vor mir sitzt, hat es sich binnen einem Jahr ausgequiekt, und zwar auf dem Schlachtblock. Dieser Horror steht uns allen bevor – Kühen, Hühnern, Schweinen, Schafen, ausnahmslos allen. Selbst Pferden und Hunden blüht kein besseres Schicksal. Noch am selben Tag, an dem du, Boxer, nicht mehr über deine gewohnte Muskelkraft verfügst, wird Jones dich an den Abdecker verschachern, und der wird dir die Kehle durchschneiden, deine Knochen abkochen und das Fleisch an die Jagdhunde verfüttern. Und was die Hunde hier in unseren eigenen Reihen betrifft: Sobald sie alt sind und kaum noch Zähne im Maul haben, wird Jones ihnen einen Ziegelstein um den Hals binden und sie im nächsten Teich ersäufen.

Ist es da nicht sonnenklar, liebe Gefährten, dass alles Übel unseres jämmerlichen Daseins der Tyrannei des Menschen entspringt? Wenn wir den Menschen los wären, würden wir von den Früchten unserer Arbeit selbst profitieren. Nahezu von einem Tag auf den anderen würden wir in Wohlstand und Freiheit leben. Was also müssen wir dafür tun? Uns Tag und Nacht mit Leib und Seele dem Umsturz verschreiben. Das ist meine Botschaft an euch, liebe Weggefährten. Der Umsturz! Ich weiß nicht, wann dieser Umsturz kommen wird, ob in einer Woche oder in hundert Jahren. Aber eines weiß ich so genau, wie ich dieses Stroh hier unter meinen Füßen sehe: Früher oder später wird uns Gerechtigkeit widerfahren. Darauf müsst ihr den Blick richten, liebe Gefährten, für den kurzen Rest des Lebens, der euch noch bleibt. Und vor allem: Tragt diese meine Botschaft weiter an diejenigen, die nach euch kommen, damit künftige Generationen weiter dafür kämpfen, bis der Sieg errungen ist.

Und denkt immer daran, liebe Freunde, ihr dürft nicht nachlassen. Ihr dürft euch nicht von irgendwelchen Gegenargumenten beirren lassen. Hört nicht darauf, wenn man euch einreden will, der Mensch und die Tiere hätten ein gemeinsames Interesse, der Wohlstand des einen wäre auch der Wohlstand der anderen. Das ist nichts als Lüge. Der Mensch dient keinem anderen Interesse als dem eigenen. Deshalb muss unter uns Tieren Einigkeit herrschen. Wir müssen für einander einstehen. Denn alle Menschen sind Ausbeuter. Und wir als Tiere müssen zusammenhalten.«

Genau in dem Moment brach ein ungeheurer Tumult aus. Denn noch ehe Major seine Rede beendet hatte, waren vier große Ratten aus ihren Löchern gekrochen und hatten sich auf die Hinterbeine gesetzt, um ihm ebenfalls zu lauschen. Die Hunde hatten sie plötzlich entdeckt, und nur indem sie blitzschnell wieder in ihre Löcher zurückschossen, kamen die Ratten mit dem Leben davon. Mit erhobenen Schweinevorderfüßen bat Major sein Publikum um Ruhe.

»Ja, liebe Gefährten«, begann er, »das ist auch so ein Punkt, über den wir uns einig werden müssen. Wild lebende Tiere, wie beispielsweise Ratten oder Kaninchen –, betrachten wir sie als unsere Freunde oder als Feinde? Am besten stimmen wir darüber ab. Hiermit setze ich also folgende Frage auf die Tagesordnung: Gehören Ratten zu uns?«

Sogleich erfolgte die Abstimmung, und die überwältigende Mehrheit war sich darin einig, dass Ratten als Freunde betrachtet werden sollten. Es gab nur vier Abweichler: die drei Hunde und die Katze – wobei sich herausstellte, dass Letztere sowohl dafür als auch dagegen gestimmt hatte. Major ergriff abermals das Wort:

»Viel mehr habe ich auch gar nicht zu sagen. Ich kann es nur noch einmal wiederholen: Denkt immer daran, dass ihr fortan die Pflicht habt, den Menschen und all sein Tun und Handeln als feindlich zu betrachten. Alles, was auf zwei Beinen geht, gehört zu den Bösen. Alles, was auf vier Beinen geht oder fliegen kann, gehört zu den Guten. Und noch etwas solltet ihr nicht vergessen: Bei der Bekämpfung des Menschen solltet ihr euch auf keinen Fall seine Verhaltensweisen aneignen. Auch wenn ihr ihn verdrängt habt, solltet ihr euch nicht zu den gleichen Lastern hinreißen lassen. Kein Tier soll jemals in einem Bett schlafen, Kleidung tragen, Alkohol trinken, Tabak rauchen, sich Geld aneignen oder ein Gewerbe betreiben. All das, was sich der Mensch zur Gewohnheit gemacht hat, ist schlecht. Und vor allem: Kein Tier soll jemals über die anderen Tiere herrschen. Ganz gleich, ob stark oder schwach, gescheit oder einfältig, wir gehören alle zusammen. Kein Tier darf jemals ein anderes töten. Denn alle Tiere sind gleich.

Und nun, liebe Weggefährten, werde ich euch erzählen, was ich letzte Nacht geträumt habe. Den Traum selbst kann ich eigentlich gar nicht so recht beschreiben, denn er handelte davon, wie es ist, wenn die Menschen verschwunden sind. Aber dieser Traum erinnerte mich an etwas, das ich schon längst vergessen hatte. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Ferkel war, sangen meine Mutter und die anderen Säue immer ein altes Lied. Sie kannten nur die Melodie und die ersten drei Worte, und die habe ich in meiner Kindheit oft gehört. Aber das ist so lange her, dass ich sie vergessen hatte. Letzte Nacht jedoch ist mir in meinem Traum dieses Lied wieder eingefallen. Mehr noch: Plötzlich wusste ich auch den Text, denn ich bin mir sicher, dass es genau der Text ist, den die Tiere vor langer Zeit gesungen haben und der über Generationen in Vergessenheit geriet. Dieses Lied werde ich euch jetzt vorsingen, liebe Gefährten. Ich bin zwar alt und meine Stimme ist schon ein wenig brüchig, aber wenn ich euch das Lied beigebracht habe, könnt ihr es auch selbst singen. Es heißt ›Ihr Tiere hier und überall‹.«

Der alte Major räusperte sich noch einmal und begann zu singen. Wie er selbst gesagt hatte, war seine Stimme ein wenig brüchig, aber ungeachtet dessen konnte er gut singen und das Lied war mitreißend – mit einer Melodie irgendwo zwischen »Clementine« und »La Cucaracha«. Der Text ging folgendermaßen:

Ihr Tiere hier und überall,

Aller Länder, aller Breiten,

Hört meiner Botschaft frohen Schall

Von kommend goldnen Zeiten.

Denn kommen wird er einst, der Tag

Da der Arbeit Frucht und Lohn,

Die der Mensch uns hat lang versagt,

Werden unser sein, bald schon.

Fort mit all den Nasenringen,

All der Geschirre Schnallen,

Trensen, Sporen, solchen Dingen,

und lautem Peitschenknallen.

Mehr als man sich kann erhoffen,

Hafer, Gerste, Weizen, Heu,

Klee und Rüben und Kartoffeln,

alles unser dann aufs Neu.

Sonne scheint auf alle Felder,

klarer alles Wasser sei,

sanft der Wind weht über Wälder,

an dem Tag, wenn wir sind frei.

Für den Tag, da lasst uns streiten,

auch wenn wir dann nicht mehr sind,

Freiheit lasset uns bereiten,

für Huhn und Gans, für Pferd und Rind.

Ihr Tiere hier und überall,

aller Länder, aller Breiten,

tragt weiter meiner Botschaft Schall

von kommend goldnen Zeiten.

Majors Gesang versetzte die Tiere in wahre Begeisterungsstürme, und kaum hatte er die letzte Strophe beendet, stimmten sie das Lied von vorn an. Selbst die einfältigeren unter ihnen hatten sich die Melodie und einige Worte des Textes gemerkt, und die gescheiteren, wie beispielsweise die Schweine und Hunde, konnten nach wenigen Minuten schon alle Strophen auswendig. Nachdem sie das Lied einige weitere Male angestimmt hatten, schallte »Ihr Tiere hier und überall« schließlich mit vereinten Stimmen über den ganzen Gutshof. Die Kühe muhten es, die Hunde jaulten es, die Schafe blökten es, die Pferde wieherten es, die Enten quakten es. Voller Freude sangen sie es gleich fünf Mal hintereinander und hätten es vermutlich die ganze Nacht lang gesungen, wären sie nicht jäh unterbrochen worden.

Unglücklicherweise war Mr. Jones von dem Aufruhr nämlich wach geworden und aus dem Bett gesprungen, um sich zu vergewissern, dass nicht etwa ein Fuchs auf dem Hof sein Unwesen trieb. Er hatte sich seine Flinte geschnappt, die stets griffbereit in einer Ecke des Schlafzimmers stand, und eine Ladung Sechser-Schrot in die Dunkelheit gefeuert. Als die Schrotkugeln auf die Scheunenwand einprasselten, löste sich die Versammlung hastig auf und alle eilten zu ihren Schlafplätzen. Die Vögel hüpften auf ihre Stangen, die anderen Tiere ließen sich im Stroh nieder, und im Nu kehrte auf dem Gutshof nächtliche Ruhe ein.

KAPITEL II

Drei Nächte später starb Major friedlich im Schlaf. Er wurde am Rand der Obstwiese begraben.