Fasnetsmord - Angela Fehr - E-Book

Fasnetsmord E-Book

Angela Fehr

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Beschreibung

Riedlingen, Ende Januar 2016: In der Stadthalle wird deren neuer Pächter Hansjörg Bruhn ermordet aufgefunden. Nicht nur Julius Hafner, Redakteur beim Schwäbischen Anzeiger, fragt sich, ob anders als beim Fohlenmarktmord in den Achtzigerjahren der Mörder gefasst wird. Auch manch anderer macht sich so seine Gedanken. Wird der Ministerpräsident am Fasnetsdienstag wie stets zum Froschkuttelnessen kommen? Und: Werden die Riedlinger bei der Landtagswahl im März wählen wie immer, oder können sie auch anders?

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Angela Fehr

Fasnetsmord

Kriminalroman

Zum Buch

Ganz schön narred Als der kleine Riese Goliath einst zum ersten Mal die Augen öffnete, stellte er fest, dass er in Riedlingen gelandet war, an der oberschwäbischen Donau, zwischen Dörfern und Hügeln – jedenfalls nach den Erkenntnissen der Narren im Städtchen, die ihm deshalb jedes Jahr an der Fasnet huldigen. So soll es auch 2016 sein, doch dann wird wenige Tage vor Beginn der Fasnacht der neue Stadthallenpächter Hansjörg Bruhn ermordet aufgefunden. Dabei wird am Fasnetsdienstag, wie seit Jahrzehnten, der Ministerpräsident zum Froschkuttelnessen der Narrenzunft erwartet, und weil im März die Landtagswahl ansteht, will auch der Herausforderer nicht fehlen. Nicht nur Julius Hafner, Redakteur beim Schwäbischen Anzeiger, fragt sich deshalb, ob anders als beim Fohlenmarktmord in den Achtzigerjahren der Mörder gefasst wird. Auch manch anderer macht sich so seine Gedanken und landet dazwischen schon einmal beim Bauernleben, bei Kommunisten, Grünen, Schwarzen und Heiligen. Und für Julius Hafner wird es schließlich sehr ernst.

 

Angela Fehr ist in Oberschwaben geboren und aufgewachsen, entdeckte ihre Liebe zu München und zog kurzerhand hin. An der Isar lebte sie höchst gern, studierte Politik, Komparatistik und Ethnologie, jobbte im Krankenhaus, zum Wohle der Patienten jedoch in der Anmeldung, schloss ihr Studium ab und wurde vom Schicksal schließlich nach Ulm verschlagen. Seither verbringt sie ihre Zeit mit dem Schreiben über Menschen, Bücher und allerlei mehr. Das Texten für ein Gästehaus in ihrem Geburtsort weckte neues Interesse für die frühere Heimat. Da lag es beinah auf der Hand, der Region eine längere Geschichte zu widmen. So entstand ein Krimi, der in und um Riedlingen spielt.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Andreas Praefcke

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:VSAN_TT_2014_So409.jpg

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5916-0

Widmung

Für meine Patentante

1.

Bernhard Schauerlich hatte vier Gläser Trollinger getrunken. Weil er so gut wie nie Alkohol trank und schon gar nicht am frühen Abend, war er in wundersam heiterer Stimmung, als er nach Hause spazierte. Es war gegen 21 Uhr, er hatte gerade die Sankt-Georgs-Kirche hinter sich gelassen und ging am Kaplaneihaus vorbei, da glaubte er, von drinnen einen grauenvollen Schrei zu vernehmen. Da er zu den Auserwählten gehörte, die für das Gebäude einen Schlüssel besaßen, ging er über den Parkplatz zur Eingangstür.

Im Haus war es dunkel und ruhig. Er machte Licht, doch es schien alles in bester Ordnung zu sein, auch in den oberen Stockwerken. Leise klopfte Schauerlich im Vorbeigehen gegen eine der Türen. »Na, alter Knabe da drinnen«, sagte er, »hast du wohl einen Albtraum gehabt? Schlaf schön weiter. Es ist nicht mehr lange bis Mittwoch, dann musst du aufstehen.« Danach verließ er das Kaplaneihaus wieder, schloss sorgfältig ab und setzte seinen Heimweg fort durch das nächtliche Riedlingen.

Doch nun bin ich mitten ins Geschehen hineingeplatzt. Sie sitzen vielleicht im Bayerischen Wald oder an der Nordseeküste, womöglich sogar in Stuttgart, haben noch nie von Riedlingen gehört und fragen sich obendrein, wer ich eigentlich bin und wovon ich hier berichte. Ich bin also ich, und zu mir gibt es nicht viel zu sagen, außer vielleicht, dass ich manchmal ein kleines bisschen aushole beim Erzählen meiner Geschichte. Das wird Ihnen vermutlich nicht entgehen, sofern Sie sich entscheiden weiterzulesen.

Aber wovon erzähle ich denn nun? Ich erzähle von einem tragischen Geschehen in der kleinen Stadt Riedlingen, die, gebettet in die Hügel Oberschwabens, an der Donau lag, welche hier die Schwarzach aufnahm. Von der Gegend möchte ich behaupten, dass sie schon in der Steinzeit besiedelt war. Sehr viel später kamen die Kelten und schließlich die Römer, die von den Alemannen abgelöst wurden. Mochten die römischen Herrschaften, wenn sie in ihren schönen Häusern dinierten und der Literatur und der Kunst frönten, auch die Nase rümpfen über diese Barbaren, es half ihnen nichts. Letztlich mussten sie von dannen ziehen und die Alemannen setzten sich fest, bepflanzten ihre Felder für den Eigenbedarf, hielten ein paar Tiere und brachten Wodan Bieropfer dar, derweilen die Geschichte ihren Fortgang nahm, die Franken sie schließlich besiegten und in ihr neu entstehendes Herrschaftsgebiet eingliederten. Sie kennen sich da im Detail vielleicht sehr viel besser aus als ich, worauf Sie sich nichts einbilden sollten, es ist nicht allzu schwierig, mein Geschichtswissen zu überbieten. Unser Riedlingen nun tauchte in einer Urkunde aus dem Jahr 835 erstmals auf, als Hruodininga, nach dem Alemannen Hruodin, der sich dort mit seiner Sippe angesiedelt hatte. Zu dieser urkundlichen Erwähnung war das spätere Städtchen gekommen, weil König Ludwig der Deutsche dem Abt von Sankt Gallen und Weißenburg, Grimald, Güterschenkungen seines Vaters Ludwig des Frommen bestätigt hatte, darunter Hruodininga.

Inzwischen wurde aus Riedlingen eine kleine Stadt, zu der die sieben Dörfer Neufra, Pflummern, Grüningen, Daugendorf, Bechingen, Zell und Zwiefaltendorf gehörten, was aus den etwa 7.500 Einwohnern der Stadt alleine insgesamt etwa 10.500 machte, und zu diesen zählte neben Bernhard Schauerlich auch Julius Hafner. Hafners Arbeit als Redakteur beim Schwäbischen Anzeiger brachte es mit sich, dass er über zahlreiche lokale Ereignisse Bericht erstatten durfte, dass er aber eines Tages über einen Mordfall würde berichten müssen, in den er tiefer, als ihm lieb sein konnte, verwickelt werden sollte, daran hatte er sicher nie einen Gedanken verschwendet.

Auch an jenem Mittwoch im Januar 2016 ahnte er nicht, was auf ihn zukommen sollte, als er den Block samt Kugelschreiber in die Hosentasche steckte und die Stadthalle verließ, wo er gerade mit deren neuem Pächter gesprochen hatte. Hansjörg Bruhn, seit Anfang des Monats Herr über die Halle, hatte ihn am Nachmittag zu einem Gespräch empfangen. Gerade erst war er von Koblenz nach Riedlingen gezogen, um Stadthallenpächter zu werden, und auf Hafners Frage nach dem Warum hatte er geantwortet, dass es ihm hier früher bei seinem Großonkel und seiner Großtante stets gefallen habe. Tatsächlich war er kein völlig Unbekannter in Riedlingen, auch Hafner kannte ihn, obwohl er früher nie persönlich mit ihm zu tun gehabt hatte. In den 70er- und 80er-Jahren hatte Bruhn zunächst als Bub und dann als Student regelmäßig Großonkel und Großtante besucht. Doktor Gustav Wohlfahrt, Anfang der 80er verstorben, hatte einst eine gut gehende Praxis gehabt, und seine Gattin Walburga war ihm dort zur Hand gegangen. Die Familie war einigermaßen übersichtlich. Kinder waren ihnen nicht vergönnt, der Bruder Gustav Wohlfahrts war 1918, erst 20-jährig, gefallen, die Schwester ins Kloster gegangen und von Walburga Wohlfahrts Geschwistern waren zwei im Säuglingsalter gestorben. So war ihr noch eine Schwester geblieben, die Großmutter von Hansjörg Bruhn, die eines Tages ein Konzert in München besucht und dort einen jungen Mann aus wohlsituierten Verhältnissen kennengelernt hatte. Zwei Jahre später heirateten sie und sie zog mit ihm nach Koblenz. Nach vielen Ehejahren bekamen sie, inzwischen völlig unerwartet, doch noch eine Tochter, die ihrerseits zuerst einen Sohn, den sie Hansjörg nannte, und später noch zwei Töchter zur Welt brachte. Hansjörg Bruhn war damit einziger männlicher Nachkomme der Wohlfahrts und ihr erklärter Liebling, deshalb sollte er auch das Vermögen von Großonkel und Großtante erben. Ende der 80er-Jahre, als auch Walburga Wohlfahrt gestorben war, nahm er sein Erbe in Empfang und verkaufte das Riedlinger Haus einige Monate später. Für beinahe drei Jahrzehnte unterbrach Hansjörg Bruhn danach seine Verbindung mit Riedlingen – bis er sein Interesse an der Stadthalle bekundete, eine großzügige Pacht bot, seine langjährige Erfahrung in einer Großstadt in die Waagschale warf und gleichzeitig mit seinen alten Beziehungen zur Stadt prunkte. Den Ratsmitgliedern gefiel es offenbar, dass sich ein Großstädter für ihr Örtchen interessierte, jedenfalls stimmten nahezu alle für ihn, und das wollte etwas heißen, wenn sich im Riedlinger Gemeinderat einmal alle weitgehend einig waren. So zog Bruhn also nach Riedlingen, wo er an jenem Mittwoch Hafner zum Gespräch empfing.

Dieser marschierte jetzt flott den Oberamtsberg hinauf und erreichte, fast schon oben angekommen, das Redaktionsgebäude des Schwäbischen Anzeigers. Der Oberamtsberg, das zur Erläuterung, hieß eigentlich Haldenstraße und hatte seinen umgangssprachlichen Namen aus der Zeit, als es noch das Oberamt Riedlingen als württembergischen Verwaltungsbezirk gegeben hatte. Die Nationalsozialisten machten 1934 den Kreis Riedlingen daraus, und als sie 1938 die Kreise reduzierten, fiel dieser ganz weg. Wie es aber so ging, konnte sich der Name Oberamtsberg über alle Zeiten hinweg halten und die Älteren benutzten ihn immer noch. Wenn Sie einmal Riedlingen besuchen, sagen wir mit dem Zug, und vom Bahnhof in die Stadt hineinmarschieren, die Hindenburgstraße entlang, der die Riedlinger bis heute ihren Namen gelassen haben, kommen Sie irgendwann zur Donaubrücke. Bereits ein paar Meter vor der Brücke liegt übrigens auf der rechten Seite der Tourist Energy Point mit Schließfächern, abschließbaren Fahrradunterständen und Toilette und dahinter das Stadthallenareal mit der Stadthalle, der Versteigerungshalle, einem Jugendtreff, ein paar weiteren Hallen und einem Parkplatz. Bevor jedoch aus dem Platz ein Parkplatz wurde, war er eine steinige Fläche gewesen, auf der, wenn im Mai der Flohmarkt und im Oktober der Gallusmarkt stattfand, der Rummel aufgebaut war.

Einmal, im Oktober 1988, nahm ein solcher Rummelbesuch für eine junge Rathausangestellte, die sich mit ihren Freundinnen getroffen hatte, um den Gallusmarkt zu genießen, ein schlimmes Ende. Immer vor dem Todestag des heiligen Gallus wurde dieser Markt veranstaltet, wobei es doch erstaunlich ist, wozu man es bringen kann, wenn man Anfang des siebten Jahrhunderts als Wandermönch auf Missionstour war. Stellen Sie sich vor, Sie sind Gallus, missionieren im Gefolge Columbans hier Heiden und da Heiden, bis Sie sich schließlich vom Bodensee aus an die Bekehrung der Alemannen machen, mit Unterstützung der Franken, die sich sagen, dass dieses Volk besser zu integrieren wäre, wenn sie mithilfe jener Mönche Christen aus dessen Angehörigen machten. Und während Columban weiterzieht über die Alpen, bleiben Sie am Bodenseeufer, errichten eine Einsiedlerzelle, scharen Schüler um sich und bekämpfen heidnische Bräuche, bis man das Jahr 640, vielleicht auch 620 oder 650 schreibt und der Herr beschließt, dass es nun genug für Sie ist. Kaum sind Sie 50 bis 100 Jahre tot, wird am Ort ihrer einstigen Zelle ein Kloster gegründet, das fortan nach Ihnen Sankt Gallen heißt. Mannomann, sagen Sie, während Sie von oben verfolgen, wie aus den wenigen Klöstern, die es zu Ihrer Zeit gab, immer mehr werden, und aus den Christen ebenfalls. Schließlich werden Sie selbst ein Heiliger und Ihre Karriere nimmt immer mehr Fahrt auf, Kirchen und Städtenamen werden Ihnen gewidmet und Märkte nach ihrem Gedenktag am 16. Oktober benannt, wie der Riedlinger Gallusmarkt und er wird immer größer. Erst dauert er vermutlich einen Tag, 1874 sind es dann schon zwei Tage und der Ochsenwirt schreibt: »Haben Sonntag und Montag circa 1.000 Liter Bier verkauft. An Fleisch haben wir 160 Pfund gebraucht. Erlöst wurden 210 Gulden. Das ist noch nie da gewesen!« Kaum vergehen noch einmal 100 Jahre, können Sie sehen, wie aus Ihrem Markt ein vier Tage dauerndes Fest geworden ist, mit dem schon erwähnten Rummelplatz. Gut, es sind nur eine Handvoll Fahrgeschäfte, ein paar Schieß-, Fressalien- und Losbuden und das war es auch schon, aber es hupt, es blinkt und die lockenden Frauenstimmen sagen: Kommen Sie, kommen Sie, ja, das ist toll, ja, das ist klasse. Und dazu kommt noch der Krämermarkt mit Geldbeuteln, Gürteln, Kittelschürzen, knielangen Unterhosen mit Spitzen und Blümchen, Wäscheklammern, gebrannten Mandeln, Socken, Handschuhen und Roten Würsten am Montag, dem letzten und wichtigsten Tag des Gallusmarkts.

Die junge Frau und ihre Freundinnen liebten diesen Krämermarkt am Montag, der gewissermaßen der Riedlinger Nationalfeiertag war. Vormittags wurde gearbeitet, nachmittags ruhte die Arbeit in der Stadt fast überall und die Schule war schon nach drei Stunden zu Ende. Als Julius Hafner noch ein Schüler gewesen war, hatte er als Riedlinger Pech, denn die Schüler, die von auswärts mit dem Bus kamen, mussten zu seiner Schulzeit am Montag am Bahnhof aussteigen, weil die Innenstadt bereits für den Aufbau der Marktstände gesperrt war, und zu Fuß den Weg durch die Stadt zur Schule gehen. Jetzt, wie es eben so war, auch wenn man die Geschwindigkeit von vornherein etwas drosselte, um mit den Kräften sparsam umzugehen, war das Gehen, wenn man es genau bedachte, halt doch ein wenig anstrengend, sodass man hier und da eine Rast einlegen musste, um vielleicht in der Bäckerei ein Päckchen Kakao und etwas zu essen zu kaufen. Außerdem war es sehr interessant und lehrreich, zuzusehen, wie die Händler ihre letzten Waren an ihren Ständen ausbreiteten. Präsentierten sich schließlich all die Angebote komplett, empfahl es sich doch, das eine oder andere genauer zu betrachten, denn wenn die Schule aus war, war gerade das Gewünschte womöglich schon weg, und überhaupt: Hier galt es, einem Karton auszuweichen, dort einem Korb, die Händler wuselten auch überall herum und Mitschüler versperrten die halbe Straße, sodass keiner vorbeikam. Wie wollte man da zügig voranschreiten, wenn sich dann auch noch die ersten Marktbesucher hinzugesellten? Es war wirklich nicht leicht, zur Schule zu kommen. War schließlich nach eineinhalb bis zwei Stunden Fußmarsch das Ziel erreicht, war es neun oder halb zehn und es langte gerade noch für eine halbe bis ganze Stunde Unterricht, dann war Schulschluss. Julius Hafner aber wohnte nicht nur in Riedlingen, sondern auch noch in der Kirchstraße, und so führte sein Schulweg beim besten Willen nicht an den Gallusmarktständen vorbei. Wenn die Schule aus war, schaffte er es aber gerade noch, seinen Ranzen im Hausgang abzustellen, dann zog er mit den Freunden Dietmar, Frank und Martin auf den Rummelplatz.

Und dort nahm also im Oktober 1988 das Unglück einer jungen Frau seinen Ausgang. Sie hatte mittags ihren Schreibtisch bei der Stadtverwaltung verlassen und vor dem verglasten Eingang auf ihre Freundinnen Claudia und Steffi gewartet. Es war herrliches Oktoberwetter. »Wenn an Gallus Regen fällt, er bis Weihnachten anhält. Ist’s an Gallus aber trocken, folgt ein Sommer nasser Socken.« Dieser Spruch fiel ihr ein, während sie auf ihre beiden Freundinnen wartete, die sie kurz darauf kommen sah. Stundenlang bummelten sie anschließend durch die Innenstadt. Sie sahen sich hier eine Tasche an und dort einen Gürtel, bis sie irgendwann sagte: »Was für ein schöner Geldbeutel, den kauf ich mir.« Und nachdem ihre Freundinnen sich endlich für Handschuhe und einen Schal entschieden hatten, gingen sie auf den Rummel, wo sie ein paar Fahrten mit der Geisterbahn genossen. »Jetzt noch die Berg- und Talbahn«, riefen sie und als sie schließlich später am Zuckerwattestand Bekannte trafen, unterhielten sie sich so fröhlich, dass sie die Zeit vergaß. Es war schon acht vorbei, als sie auf die Uhr sah. Flugs verabschiedete sie sich und ging so schnell sie konnte zum Bahnhof, wo ihr Bruder um acht mit dem Auto auf sie hatte warten wollen. Aber allein bis sie sich durch die Leute auf dem kleinen Platz gekämpft hatte, dauerte es, und sie musste noch die ganze Hindenburgstraße entlang. Zwanzig nach acht war es, als sie am Bahnhof ankam und sah, dass ihr Bruder schon weg war. Sollte sie daheim anrufen? Wo doch noch angenehme Temperaturen herrschten? Nein, sie würde zu Fuß gehen. So ging sie wieder stadteinwärts, vorbei am Stadthallengelände und bog auf der gegenüberliegenden Seite, am Hochwasserkanal kurz vor der Donaubrücke, nach links ab, den Weg an den Mißmahl’schen Anlagen entlang. Müde fühlte sie sich ohnehin nicht. Eine knappe Stunde war sie bereits gelaufen, weit hatte sie es nicht mehr nach Neufra, gleich würde es links auftauchen. Einmal, kurz nach Riedlingen, waren zwei Radler an ihr vorbeigefahren, und nun raschelte es schräg hinter ihr. Jetzt, wenn es in einem Wäldchen raschelte, dachte sich noch keiner arg viel, trotzdem beschleunigte sie ihren Schritt, doch das nützte nichts mehr, weil es plötzlich ganz schnell ging. Sie wurde von einer Gestalt gepackt, und kaum hatte sie den Alkoholgeruch wahrgenommen, spürte sie einen Schlag auf den Hinterkopf. Alles um sie herum drehte sich für kurze Zeit und in ihrem Innern brauste es, während der Mann sie an den Waldrand zerrte. Irgendwann verlor sie das Bewusstsein, und als sie wieder zu sich kam, war er verschwunden. Zitternd lag sie da, bis sie schließlich wie in Trance aufstand. Schmerzen fühlte sie keine mehr, sie fühlte gar nichts. Als sie zu Hause die Tür aufschloss, war es drinnen schon dunkel. Dreiviertel elf. Alle waren wohl kurz zuvor ins Bett gegangen. Hinter ihrer Schlafzimmertür brach sie zusammen.

Aber ich stelle fest, ich bin ganz und gar auf Abwege geraten, ich war ursprünglich dabei, zu schildern, wie Sie, sollten Sie einmal Riedlingen besuchen und mit dem Zug am Bahnhof ankommen, über die Hindenburgstraße in Richtung Innenstadt spazieren. Wenn Sie also nahezu das Ende der Hindenburgstraße erreicht haben, gleich nach der Stadthalle, dem »Tourischt Energy Point«, wie wir Schwaben sagen, und der ehemaligen Post, erwartet Sie ein Ausblick, der bei blauem Himmel jeder Postkarte zur Ehre gereicht. Über der Donau erhebt sich im Hintergrund der Kirchturm, davor sehen Sie, neben anderen Bauten, den Treppengiebel des Rathauses und vor allem das Mühltörle. Der Volksmund nennt den schmalen Bau mit seinem spätgotischen Fachwerk »Lichtenstein« – wohl weil er, wenn man vom Bahnhof her kommt, nicht gerade so hoch oben wie das Schloss Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb thront, aber eben doch ein gutes Stück über dem Fluss. Kaum haben Sie diesen überquert, geht es kurz danach rechts die Haldenstraße und damit den Oberamtsberg hinauf, wo eben auf der linken Seite die Redaktion des Schwäbischen Anzeigers liegt und schräg gegenüber der Lichtenstein, neben dem sich wiederum der Haldenplatz befindet. Noch ein paar wenige Meter weiter oben angekommen, sehen Sie auf der rechten Seite das Rathaus und die katholische Sankt-Georgs-Kirche, links aber geht es die Lange Straße entlang, vorbei am Lichtspielhaus, an Geschäften und Lokalitäten und wieder nach links den Berg, genau genommen nur ein Berglein, wieder hinunter, bis Sie erneut an der Hindenburgstraße ankommen und damit einen hübschen kleinen Kreis beschritten haben. Wer früher nach Riedlingen in die Innenstadt zum Einkaufen fuhr, der musste oft ein paarmal um den »Stock«, wie die Einheimischen diesen Kreis nennen, fahren, bis er einen freien Parkplatz fand. Inzwischen ist »dr Schdock« großteils eine Fußgängerzone, was der Innenstadt von unserem schönen Riedlingen wirklich guttut. Sie können an den denkmalgeschützten Altstadthäusern vorbeimarschieren, ohne auf Autos achten zu müssen. Sollten Sie übrigens, nachdem Sie das Berglein hinuntermarschiert sind, anstatt nach links in Richtung Hindenburgstraße nach rechts gehen, kommen Sie in die Weilervorstadt. Dort nahm Riedlingen vermutlich seinen Anfang, hier sollen einst die Leute des Hruodin und später ihre Nachfahren gelebt haben und ihrer bäuerlichen Arbeit nachgegangen sein, zuerst unter den Franken und danach im Heiligen Römischen Reich. Vieles änderte sich über die Zeiten, bis hin zur Herausbildung des Lehnswesens und der Grundherrschaft.

Stellen Sie sich das vor. Sie sind ein Bauer, und der Boden, den Sie bewirtschaften, gehört Ihnen nicht mehr, weil fast nur noch der König, die Klöster und die Adligen Land besitzen, das Sie bearbeiten. Sie müssen einen beträchtlichen Teil des Ertrags abgeben, obendrein zusätzliche Arbeiten verrichten und oft sind Sie auch noch Eigentum des Grundherrn und dürfen die Scholle nicht verlassen. Manchmal blicken Sie auf, wenn Sie draußen arbeiten und eine noble Kutsche auf der Handelsstraße unterwegs ist, in der wohl ein Adliger oder ein Bischof drinsitzt, der sich vielleicht gerade überlegt, welche edlen Gewürze oder kostbaren Stoffe er demnächst gebrauchen könnte. Und vielleicht ist es der Graf von Veringen, der sich die Dörfer, die ihm gehören, ansieht und sich sagt, ich könnte doch direkt an den Weiler angrenzend eine Stadt anlegen lassen. Alle anderen Adligen und Bischöfe gründen Städte, warum nicht ich? Die Verkehrslage ist äußerst günstig, um Geschäfte zu machen. Dann lässt er Pläne erstellen, wie die Stadt aussehen soll, und Aufrufe aufsetzen an Händler und Handwerker, die aufzählen, was sie an Vergünstigungen und Möglichkeiten erwartet, wenn sie sich entscheiden, in die neu entstehende Ansiedlung zu ziehen.

So ungefähr könnte es gewesen sein, jedenfalls war in einer Urkunde aus dem Jahr 1255 erstmals die Rede von der Stadt Rudelingen, die einige Zeit später das Stadtrecht und schließlich das Marktrecht verliehen bekam. Doch auch Stadtbürger wollten ernährt werden, es reichte nicht, dass viele Bewohner zur Selbstversorgung nebenher ein klein wenig Vieh hielten und ein Stücklein Land bebauten – ein paar Stadtbauern waren notwendig. Solche fanden sich, denn wenn ein abhängiger Bauer auf dem Land von einem Stadtgründer gelockt wurde, sagte sich mancher, ich haue ab in die Stadt, wo ich nicht mehr Bauer heiße, sondern Ackerbürger und der Boden mir gehört. Am Rande der Stadt, nahe der Stadtmauer, fand sich Platz für einen Hof, damit die bäuerlichen Wagen den Stadtverkehr nicht behinderten und die feinen Herrschaften nicht aufgehalten wurden.

Noch heute existierte in Riedlingen solch ein ehemaliges Ackerbürgerhaus. Es stammte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und war zu einem großen Teil original erhalten. Weil den Giebel eine schöne alte Außentreppe zierte, hieß das wundervolle Museum, das dort zu Hause war, »Museum Schöne Stiege« und es ergänzte sich sehr gut mit der Städtischen Galerie, die schräg gegenüber im ehemaligen Spital zum Heiligen Geist untergebracht war. Mit seinen drei Stockwerken thronte dieses Haus mächtig am Rande des Wochenmarkts, der einige Zeit Spitalplatz geheißen hatte und später, nachdem der wöchentliche Markt dort hingezogen war, umgetauft wurde. Mittlerweile fand dieser auf dem Marktplatz am Stock statt, der Name »Wochenmarkt« aber ist geblieben.

Dort am Rand stand also auch das ehemalige Spital als Teil der ersten Stadtmauer über dem Stadtgraben, und nachdem Ende des 18. Jahrhunderts der neue Friedhof jenseits des Grabens angelegt worden war, trug man die Toten durch das Spitaltörle im damaligen Armen- und Bettelhaus neben dem Spital zu ihrer letzten Ruhestätte. In Abständen suchte Hafner die Städtische Galerie auf und spazierte vorbei an den Plastiken und Skulpturen und am Hammerflügel von Conrad Graf, denn der renommierte Klavierbauer, auf dessen Instrumenten Herrschaften wie Beethoven, Chopin und Clara Schumann spielten, stammte aus Riedlingen, deshalb durfte eines seiner berühmten Klaviere in der Ausstellung nicht fehlen. Etwas häufiger besuchte Hafner das Museum und begutachtete stets aufs Neue die Hostienkelche und Monstranzen, die alten Druckerzeugnisse, die Originalgefängnistür des Riedlinger Gefängnisses aus dem Jahr 1862 und die Hinterglasbilder.

Aber ich war ja bei den Ackerbürgern und ich denke, dass die einstigen Bauern die neue Freiheit in den Städten sehr genossen, auch wenn lange nicht jeder Bürger über deren Geschicke mitbestimmen durfte, weil die reichen und noblen Kaufleute und die Dienstmannen der Obrigkeit sagten: Aber den Rat der Stadt bilden wir. Das frisch entstandene Städtchen zog jedenfalls manchen an, sodass sich die umliegenden Herrschaften irgendwann beschwerten, dass zu viele Unfreie flohen und nach Riedlingen zogen. Vermutlich hätte ich mir auch gesagt, wenn Stadtluft übers Jahr freimacht, fliehe ich in die Stadt, um nach einem Jahr frei zu sein. Man wird mich schon nicht vorher erwischen. In Riedlingen tat sich im Lauf der Zeit einiges, weil es mit den Grafen von Veringen bergab ging, sodass das Städtlein noch vor dem Jahr 1300 den Habsburgern gehörte. Wer nutzte eine solche Möglichkeit nicht gerne? Ich als Habsburger hätte das wahrscheinlich auch getan, zumal wenn es den Staufern gerade beliebt hat unterzugehen und das schöne Herzogtum Schwaben keine Herrschaft mehr hat. Da bedienen sich all die Adelshäuser der Gegend am Territorium und schwingen sich von untergeordneten Adelsfamilien zu Landesherren auf, die Königsegg, die Stadion, die Waldburg und wie sie alle heißen, da kann ich doch versuchen, das Herzogtum unter der eigenen Führung wieder zu errichten. Und wenn es am Ende nicht gelingt, gehören mir wenigstens auch Teile davon, wenn schon das einstige große Territorium ein Flickenteppich geworden ist, aus ein paar größeren und ganz vielen kleinen Herrschaften mit Grafschaften, Fürstentümern, Reichsrittergütern und was weiß ich nicht alles. Reichsstädte und Reichsklöster kommen auch noch dazu, weil alle jetzt gerne selbst regieren und nur dem Kaiser untertan sein wollen, und so gibt es eben nun lauter eigenständige Herrschaften, und manche so klein, dass man sie ohne Lupe nicht erkennen kann.

Riedlingen jedenfalls gehörte jetzt den Habsburgern, und als diese Ende des 14. Jahrhunderts Geld brauchten, sagten sie sich wohl, verpfänden wir doch ein paar Städte, und eine davon war unsere kleine Stadt. Irgendjemand war vermutlich immer an solchen Angeboten interessiert, in diesem Fall waren es die Truchsessen von Waldburg. War eine Sippe von Dienstmannen, die einst den Welfen und Staufern gedient hatte und dafür mit Gütern und Adelstitel belohnt worden war, selbst zu einem landesherrlichen Geschlecht aufgestiegen, erwarb sie wahrscheinlich gerne noch das eine oder andere dazu. Bekommen Sie als Riedlinger freilich neue Herren, die mit den Rechten und Freiheiten der Stadt nicht so großzügig sind, ist das weniger schön. Die Riedlinger waren allerdings selbstbewusst und streitbar genug, um sich freizukaufen und wieder direkt den Habsburgern unterstellt zu werden, wobei es doch bis zum Jahr 1680 dauerte. Am Habsburger Löwen und dem rot-weiß-roten Bindenschild im Wappen ließ sich noch heute Riedlingens österreichische Vergangenheit erkennen, und Julius Hafner warf immer einen Blick darauf, wenn er im Rathaus zu tun hatte und daran vorbeikam.

Doch dieses Mal, Sie erinnern sich, kam Hafner nicht aus dem Rathaus, sondern von einem Termin mit dem neuen Stadthallenpächter Bruhn und betrat nun die Redaktion. Er legte den Notizblock auf seinen Schreibtisch, schaltete den Computer ein und holte sich eine Tasse Kaffee in der kleinen Kaffeeküche, in der bereits Rita Geiger stand und gerade einen Gugelhupf aufschnitt.

»Komm, Julius, setz dich«, sprach sie, und weil Julius Hafner selten Nein sagte, wenn Rita Geiger etwas Selbstgebackenes mitbrachte, außer er hatte wirklich gar keine Zeit, setzten sie sich gemeinsam hin.

»Rita«, erklärte er, »du bist die beste Verlagssekretärin der Welt.«

Das sagte Hafner übrigens immer, und immer fügte er hinzu, wie sie es nur mache, so schlank zu sein, während er allmählich dick werde. Tatsächlich hatte er nur ein kleines Bäuchlein, obwohl er keinen Sport machte, was vielleicht daran lag, dass er fast alle Wege in Riedlingen zu Fuß zurücklegte, auch den Weg von seiner Wohnung zur Redaktion und wieder nach Hause. Ein Tagesmarsch war das nicht, aber Julius Hafners Domizil lag nicht ums Eck und auch nicht mehr in der Kirchstraße, sondern in der Grüninger Siedlung, die irgendwann in den 50er- oder 60er-Jahren entstanden war, genau genommen im zweiten Stock eines Hochhauses gleich neben der Realschule. Dort bewohnte er ein Dreizimmerapartment. Hafner hatte auch noch das Haus seiner Eltern, seit Ende 2014 seine Mutter verstorben war. Julius, hatte er sich damals allerdings gefragt, willst du da wirklich einziehen? Im Grunde gefiel ihm seine Wohnung, auch reichte sie völlig aus, deshalb beschloss er, das Haus zunächst zu vermieten. So war es nicht endgültig weg und er konnte es sich notfalls noch anders überlegen. Es war ja doch sein Elternhaus, dachte er, da sollte man keine voreiligen Entscheidungen treffen.

Jetzt saß er aber nicht in seiner Wohnung, sondern in der Kaffeeküche des Anzeigers, um mit Rita Geiger ein Stück Gugelhupf zu essen und Kaffee zu trinken. So viel Zeit musste sein. Drei Tage später, am Samstag, sollte schließlich der Kappenabend der Narrenzunft stattfinden, und die Woche darauf begann die Fasnet, wie die Fasnacht im Oberschwäbischen hieß, so richtig. Einiges war deshalb zu erwarten. Wie immer in Riedlingen würde in der Fasnetswoche am Mittwoch der Gole rausgelassen werden.

»Dr Gole«, das zur Erläuterung, war der Riese Goliath, der den Riedlinger Narren zufolge in der Donaustadt auf die Welt gekommen war, jedoch nachdem er großgezogen, so hieß es im 17-strophigen Golelied, sich in der Donau Wogen stürzte und den Fluss entlang ins Schwarze Meer schwamm. Von dort marschierte er ins Land der Philister, wo er im Kampf von David mit der Steinschleuder besiegt wurde. In Riedlingen vergaß man den großen Sohn der Stadt nicht und huldigte ihm bis heute besonders. Immer am Mittwoch also vor dem Fasnachtsdonnerstag, den man hier den »Glombiga Doschdig« nannte, wurde der Held abends herausgelassen aus dem Kaplaneihaus, seinem Heim neben der Kirche, wo er das restliche Jahr über im Schlafe verbrachte und von wo Bernhard Schauerlich geglaubt hatte, jenen Schrei vernommen zu haben. Jedes Jahr wachte er rechtzeitig auf, wenn sich vor dem Gebäude die Stadtbewohner versammelten und die Kinder lauthals »Raus mit em Gole« riefen. Einmal, im Jahr 1946, soll er übrigens den Zunftmeister kurzzeitig ins Gefängnis gebracht haben. Es hieß, die französischen Besatzer hätten gedacht, der Herr de Gaulle würde beleidigt, und deshalb, schwupp, den Obernarren verhaftet. Das bedauerliche Missverständnis habe sich jedoch aufgeklärt.

Aber zurück zum Thema. Bevor der Riese herausgerufen wurde, erschienen zunächst unter musikalischer Begleitung der Stadtkapelle und des Fanfarenzugs die Boppele, die Frösche und der Storch, Mohr und Löwen und ein paar weitere Riedlinger Fasnetsfiguren. Dann trat dr Gole, und zwar gleich in dreifacher Ausführung und dazu noch mit zwei Kindern, vor das Tor und unter den bengalischen Feuerbogen. Waren alle heraußen, bekam der große Mann vor dem Kaplaneihaus ein Ständchen in Form des Goleliedes, ehe die Narren mit einem Fackelumzug und allerlei Brimborium in die Stadt einzogen, wo am Rande des Weibermarkts am Stock, dort wo es nach rechts in die Weilervorstadt ging, die Mohrenwäsche stattfand und anschließend im Wirtshaus der Fasnet gehuldigt wurde. Bis zum Fasnetsdienstag ging es dann rund. Sie merken schon, Großes stand also auch für den Schwäbischen Anzeiger bevor, und nachdem Julius Hafner und Rita Geiger sich mit Kaffee und Gugelhupf gestärkt hatten, stellte Rita Geiger die Tassen und Teller in die Spülmaschine und Hafner ging an seinen Redaktionsschreibtisch, wo er seinen Artikel über Hansjörg Bruhn schrieb. Am Samstag sollte für Bruhn mit dem Kappenabend schließlich seine erste Bewährungsprobe anstehen. Hafner schüttelte vor dem Computer unwillkürlich den Kopf. Dieser Bruhn, dachte er. Was hatte den bloß auf einmal nach Riedlingen getrieben?

2.

Obwohl Julius Hafner schon kurz vor zwölf zu Bett gegangen war, war er völlig verschlafen, als er am Freitagmorgen durch das Telefon geweckt wurde, denn es war erst kurz nach sieben. Jetzt, wer rief in aller Herrgottsfrüh bei ihm an? Es war sein Chef Ulrich Häfele, Leiter der Riedlinger Lokalredaktion des Anzeigers, und er war sehr aufgeregt.

»Du musst sofort zur Stadthalle«, schrie er, als müsste er Hafner die Nachricht ohne Zuhilfenahme eines Telefons durch Riedlingen hindurch zurufen, »irgendwas ist mit Bruhn passiert.«

Noch ehe Hafner fragen konnte, was passiert war, hatte Häfele schon aufgelegt. Mürrisch schlüpfte er in Hemd und Hose, ging in die Küche, goss sich schnell ein Glas Milch ein und angelte ein paar Biskuits, gebacken in der Bäckerei Stein, aus einer Dose. Kauend und mit drei Biskuits in der Hand, marschierte er kurze Zeit später zu seinem Wagen. Ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen, empfand Julius Hafner durchaus als eine gewisse Zumutung, wobei ein Glas Milch und ein paar Biskuits für ihn nicht unter diese Bezeichnung fielen. Frühstück, das bedeutete für Hafner einen Becher Kaffee, ein Glas Fruchtsaft, ein bis zwei Wecken oder auch zwei bis drei Scheiben Schwarzbrot mit Butter, Marmelade oder Honig, mit Käse oder Wurst, dazu ein weiches Ei oder einen Joghurt, außerdem den Schwäbischen Anzeiger und wenigstens eine Dreiviertelstunde, besser noch eine Stunde Zeit. Gelegentlich hatte Hafner auch Lust, in der Bäckerei Stein zu frühstücken, wo, etwas abgetrennt vom Verkaufsraum, eine gemütliche Sitzecke eingerichtet war, dann nahm er zwei Croissants und Marmelade dazu oder eine Butterseele. Sollten Sie kein Schwabe sein, wissen Sie womöglich weder, was ein Wecken, noch was eine Seele ist. Beim Wecken, wenn wir unter uns sind, heißt er Wegga, ist das einfach, es ist das, was andernorts Semmel, Brötchen oder Schrippe heißt. Die Seele aber ist so richtig nur in Schwaben zu Hause und dieses Backwerk ist vom Feinsten, dabei ist es bloß eine Stange aus Weizen- oder Dinkelteig, die mit grobem Salz und Kümmel bestreut ist. Wir essen die Seelen zur Wurst, belegen sie mit allerlei Dingen und überbacken sie mit Käse oder wir bestreichen sie einfach nur mit Butter. Julius Hafner fand Butterseelen herrlich, heute aber hatte es keine Butterseele und auch kein anderes Frühstück gegeben, weshalb er den Tag schon mit einer Zumutung hatte beginnen müssen.

Im Eingangsbereich der Stadthalle waren bereits Polizisten und Spurensicherer in weißen Ganzkörperanzügen an der Arbeit, als er ankam und an der aufgebauten Absperrung stehen blieb. Das war’s dann wohl für Bruhn, dachte er, was ihm Hauptkommissar Helmut Ritzer von der Kripo Ulm kurz darauf bestätigte. Ein Schlachthofmitarbeiter, der auf dem Weg zur Arbeit gewesen war, hatte hinter der seitlichen Glastür, vom kargen Deckenlicht schwach beleuchtet, eine Gestalt liegen sehen. Bruhn, erklärte Ritzer, sei offenbar erschlagen worden, vermutlich am Abend zuvor, mit einem schweren silbernen Aschenbecher, der in der Halle auf dem Boden gelegen habe und an dem ein winziger Tropfen Blut klebe. Die Leiche sei dagegen nur einen Meter von der Tür entfernt gefunden worden, wohin sich Bruhn wohl noch geschleppt habe. Einige Blutstropfen führten in die Halle, allzu sehr habe die Wunde jedoch nicht geblutet. Ritzer und seine Leute hatten außerdem herausgefunden, dass Bruhns Geldbörse, voll mit Scheinen und diversen Geldkarten, in seiner Hosentasche steckte und das Handy im Auto lag. Hafner blieb noch eine Weile, betrachtete die Arbeit des Polizeitrosses und schoss ein paar Fotos, ehe er sich auf den Weg in die Redaktion machte, wo Häfele schon auf ihn wartete.

»Koffein gefällig?«, fragte er und goss Hafner auf dessen Nicken hin eine Tasse Kaffee ein, während dieser anfing, das Wenige zu erzählen, das es zu sagen gab. Für Häfele gab es wohl zunächst auch sehr wenig zu sagen, er beschränkte sich auf ein »Heiligsnei, wieder ein Mord auf dem Stadthallenareal«.