Fatale Schuld - Astrid Korten - E-Book
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Astrid Korten

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Beschreibung

DOPPELBAND: GLEIS DER VERGELTUNG + TOD DER SCHWALBEN BAND 1: GLEIS DER VERGELTUNG Lynn-Elisabeth von Raaben erlebt den dunkelsten Tag ihres Lebens, der ihr schönster hätte werden sollen. Benedikt, ihr Verlobter, verunglückt tödlich auf dem Weg zu seiner Braut. Sieben Jahre später erhält Lynn den Anruf einer Frau, der sie völlig aus der Bahn wirft und der Benedikts Unfalltod in ein anderes Licht rückt. Sie trifft eine folgenschwere Entscheidung. Als wenig später ein Mord geschieht, stürzt Lynn in den Abgrund ihrer eigenen Vergangenheit ... Ein spannender Psychothriller um Opfer und Täter, um Irreführung, Rache, tiefem Hass und einem erschütternden Familiengeheimnis. Nach einer wahren Begebenheit. BAND 2. TOD DER SCHWALBEN Kiew, Ukraine Ein teuflischer Serienkiller Eine strahlenverseuchte Landschaft Ein dunkles Geheimnis, eiskalt und tödlich Ermittler - am Rande des Wahns Ukraine, kurz nach Ausbruch des russischen Angriffskrieges. Polizeihauptmann Felix Bojko wird zu einem Tatort in die ukrainische Geisterstadt Pripyat gerufen und mit einer grausam verstümmelten Leiche konfrontiert. Es ist Janik, der Sohn des russischen Ex-Ministers Kanyukov. Da Kanyukov den ukrainischen Ermittlungsbehörden misstraut, schickt er den russischen Polizisten Alexej Markow in die Ukraine, um den Täter ausfindig zu machen. Hauptmann Bojko wird von Mo Celta begleitet, die an einem Austauschprogramm der EU-Ermittlungsbehörden in Kiew teilnimmt und in der Ukraine ihre Schwester sucht. Als die Kommissare auch einem Cold-Case auf die Spur kommen, ermitteln sie mit Hochdruck, jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Sie stehen dabei einem wahnsinnigen Mörder gegenüber, der am Ort seiner Verbrechen stets eine präparierte Schwalbe hinterlässt… Astrid Korten hat mit TOD DER SCHWALBEN einen atemberaubenden Thriller in einer zerrütteten Ukraine geschrieben, in der sich bewaffnete Konflikte, ein wirtschaftlicher Zusammenbruch und ökologische Forderungen vermischen.

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 FATALE SCHULD

DOPPELBAND 3 – Serie BLACK OUT

 

 

 

Band 1 – GLEIS DER VERGELTUNG

 

 

 

 

ASTRID KORTEN

 

 

 

 

GLEIS DER VERGELTUNG

 

 

 

 

PSYCHOTHRILLER

 

 Recht und Unrecht,
 Irreführung und Rache

 

 

Wenn nur wenige Beweise existieren, ist die Tat dann nicht geschehen? Um ein Verbrechen aufzuhalten, müssen wir zunächst daran glauben.

 

Das größere Verbrechen ist das Schweigen.

 

 

 

 
Über das Buch

 

 

„Sein Tod hat sich wie Stacheldraht um mich gewickelt. Ich kenne die Wahrheit und ich will Vergeltung ...“

 

Lynn-Elisabeth von Raaben erlebt den dunkelsten Tag ihres Lebens, der ihr schönster hätte werden sollen. Benedikt, ihr Verlobter, verunglückt tödlich auf dem Weg zu seiner Braut.

Sieben Jahre später erhält Lynn den Anruf einer Frau, der sie völlig aus der Bahn wirft und der Benedikts Unfalltod in ein anderes Licht rückt.

Sie trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Als wenig später ein Mord geschieht, stürzt Lynn in den Abgrund ihrer eigenen Vergangenheit ...

 

Ein spannender Psychothriller um Opfer und Täter, um Irreführung, Rache, tiefem Hass und einem erschütternden Familiengeheimnis.

Nach einer wahren Begebenheit.

 

Erste Stimmen:

 

"Dieser Thriller verdient das Prädikat wertvoll, denn er ist so intensiv und fesselnd, dass man das Ende des Buches fürchtet und sich doch nicht daraus lösen kann." WAZ

 

„Ein erschütternder Psychothriller um Opfer und Täter, der in seiner Größe an Dürrenmatts Besuch der alten Dame erinnert." JayL

 

„Das ist für mich der bis jetzt beste und vor allem tiefgreifendste Thriller, den ich bisher von der Autorin gelesen habe – und ich kenne sie alle." Christine Hochberger

 

„Erschütternd und ganz groß.“ Susanne Paraquin

 

„Niveauvoller Thriller der Extraklasse." Vronika22

 

„Ein ungewöhnlicher Psychothriller, der leise beginnt, sehr bewegt, nachhallt und mich absolut überzeugt hat.“ Ursula K.

 

„Grandios – Astrid Korten übertrifft sich selbst. Ein Psychothriller der Meisterklasse, der ein Thema aufgreift, das selbst den hartgesottensten Leser in seinen Standfesten erschüttern wird. Für mich das beste Werk der Autorin." Melanie Hinterreiter

 

„Ein Psychothriller der auf ganzer Linie überzeugt, bewegt und mich fassungslos zurücklässt!“ Bücherseele79

 

„Bewegend und zugleich erschütternd. Mich wird die Handlung gedanklich auf jeden Fall noch lange begleiten.“ Jeanette Lube.

 

 

 

 „Sie“

Tagebucheintrag, Dezember 1965

 

Die Nacht schärft ihre Sinne

 

 

Ein Wohngebiet.

St. Pieter, ein Villenviertel in Maastricht, nur zehn Geh-Minuten von der historischen Altstadt entfernt.

Perfekte Vorgärten.

Pleasant Ville.

Auf der einen Straßenseite sauber aneinandergereihte Einfamilienhäuser, auf der anderen die freistehenden Anwesen.

Mittendrin ein hübsches Einfamilienhaus.

Die Nacht schärft dort die Sinne.

Die Schatten und die Geräusche kommen, die Geheimnisse vertiefen sich.

Ein Fenster.

Die Augen eines Teddybären funkeln böse in der Finsternis.

„Sie“ stehen dicht nebeneinander. Lockige Haare umrahmen ihre schönen Gesichter. Ihre Haltung verspricht nichts Gutes, sie haben eine Schere und ein Rasiermesser bereitgelegt.

Gemeinsam üben sie an dem Teddybären und rasieren ihm den Kopf, lächeln zum Schluss.

Ein Junge betritt den Raum.

Er starrt seinen Teddy an, will sprechen. Der Klang seiner Stimme ist verloren.

Sein Wispern soll aufhören, denken „sie“.

Ein Schrei.

Das Undurchdringliche.

Die Stille.

 

Am nächsten Morgen wachen „sie“ schweißgebadet auf. Sie starren auf den schlafenden Jungen, lächeln und streicheln ihn.

Die Schleusen ihrer Erinnerung an die vergangene Nacht sind offen und sie können den Fluss von Bildern und Geräuschen, die in ihre Köpfe strömen, nicht aufhalten.

Sie wollen mehr.

 

 

 
Prolog

6. Mai 2010

 

Er war glücklich.

„Nach 15.00 Uhr wird alles anders sein.“

War es der Wind, der ihm die Worte zuflüsterte und durch sein Haar blies? Er wollte seiner Braut nicht mit einer zerzausten Frisur entgegentreten. In der Innentasche seines Jacketts war ein Kamm, den seine Mutter ihm zugesteckt hatte. Auch hatte sie versucht, ihrer Stimme einen missvergnügten Klang zu geben, als sie zum Abschied gesagt hatte, dass seine zukünftigen Schwiegereltern gewiss nicht von seiner Idee begeistert seien, seine Braut auf einem getunten Motorroller zum Standesamt zu fahren, zumal sie ihren weißen Rolls-Royce für die Hochzeit auf Hochglanz gebracht hatten. Aber ihr Lächeln sagte etwas anderes. Seine Mutter hatte einen Mordsspaß bei dem Gedanken.

„Nur ein Emporkömmling fährt mit einem weißen Rolls-Royce zum Standesamt, Mom. Wir werden die Dinge anders regeln, wir knattern zum Amt.“

„Du bist dir sicher, dass Lynn nicht so ein Sissi-Kleid anziehen wird? Dann wird es schwierig, sie dort hinzubringen.“

„Kein Sissi-Kleid für diese Braut, Mom.“

„Aber was, wenn es regnet, Junge?“

„An unserem Hochzeitstag gibt es keinen Regen!“

 

Nach dem heutigen Tag würden Lynn und er selbstbestimmt sein. Nach 15.00 Uhr!

Der Krawattenknoten schnürte ihm fast die Kehle zu. Er versuchte, ihn ein wenig zu lockern. Dieser Affenanzug war erst recht ein Zugeständnis, zu dem er nur widerwillig bereit gewesen war. Seine Schwiegereltern waren der Meinung, dass zu einer Frau im Hochzeitskleid ein Mann im Frack gehörte, dass einen solchen Frack nur Männern aus einer höheren sozialen Schicht tragen könnten, und dass er gewiss nie dazu gehören würde. Seine zukünftige Schwiegermutter ließ keinen Zweifel daran, dass sie für ihre Tochter einen Mann aus den eigenen Kreisen bevorzugt hätte. Ein Schwiegersohn mit einem Universitätsabschluss, der während seiner Studienzeit ein Mitglied einer Studentenvereinigung gewesen war, der wohlhabende Eltern hatte und der seine Stimme den Christdemokraten gab. Auf der Liste der geeigneten Schwiegersöhne standen er und seine Eltern auf der Skala von null bis zehn weit unter null. Nein, weder sie noch er würden jemals auf dieser Liste stehen.

Dessen ungeachtet heiratete er heute ihre Tochter.

In ein paar Stunden würde der Standesbeamte Lynn und ihn bitten, aufzustehen und sich gegenseitig die rechte Hand zu reichen, um zuerst ihm die Frage aller Fragen zu stellen.

„Benedikt Hallbach, nehmen Sie Lynn-Elisabeth von Raaben zu Ihrer rechtmäßigen Ehefrau, und versprechen Sie, alle Aufgaben wahrzunehmen, die Ihnen das Gesetz der Ehe auferlegt?“

Und er würde sich vergewissern, dass seine Schwiegermutter, Elisabeth von Raaben, sein Ja, das in diesem Augenblick schönste Wort der Welt, hören würde.

 

Lynns Familie mochte ihn nicht. Dennoch würden die Angehörigen seiner zukünftigen Frau akzeptieren müssen, dass er im Frack und mit Roller seine Braut abholte und dass nach der heutigen Trauung ihr Adelsname nur als Geburtsname im Stammbuch erwähnt würde.

„Lynn-Elisabeth Hallbach.“ Das klang herrlich.

Er lächelte breit. Kein Doppelname, nur Hallbach.

Benedikt hatte die Straße entlang der Gleise für sich allein. Niemand war weit und breit zu sehen. Der Wind spielte mit seinem Haar und ließ ihn erneut lächeln. Er dachte an Lynn, an das Leben, das sie ab morgen führen würden und daran, dass er sich kämmen musste.

Er sah zur Seite. Auf dem Bahngleis spielte ein kleiner Junge mit einem hässlichen Stofftier. Plötzlich blendete die Sonne Benedikt und er nahm das Kind nur noch als Schemen wahr. Der Junge stolperte oder strauchelte, und drehte sich um. Jemand hob das Kind hoch, drückte es an sich und hielt es ganz nah vors Gesicht.

Benedikt hörte in der Ferne den Protest des Kindes, dann Gebrüll, dann verebbte ein Schrei. Vermutlich hatte der Vater seinem Kind eine Tracht Prügel verpasst. Man spielte ja nicht auf den Gleisen. Viel zu gefährlich.

Noch fünf Minuten bis zu seiner Braut. Lynn …Unser gemeinsames Leben fängt morgen an.

 

Plötzlich kam etwas auf ihn zu. Die Sonne blendete ihn, er blinzelte, musste ausweichen!

Er wollte ausbrechen – bremsen … Lynn … Zu spät!

 

 Sieben Jahre später

 

 

 Lynn, 6. Mai 2017

 

Der achtjährige Patrick hat mich mit seinem Fahrrad bis zur Straßenkreuzung begleitet, wo seine gleichaltrige Freundin auf ihn wartet. Das letzte Stück radle ich allein.

Ich konzentriere mich auf die Straße, die zum Bahnübergang führt. Mit erhobenem Kopf, entschlossen – gegen den Wind. Diese Stunde gehört nur mir. Meine graue Lederjacke offen, die Ärmel hochgekrempelt, eine Frühlingssonne, die meine nackten Arme wärmt. Vor sieben Jahren hätte ich eine weiße Lederjacke getragen. Weiß war die Farbe meines Hochzeitskleides. Weiß steht für Unschuld.

Für die Menschen in Maastricht ist dieser schöne Tag der Auftakt zu einem vielversprechenden Sommer. Nicht für mich. Der Himmel wölbt sich wie eine hohe blaue Kuppel, aber für mich trägt er, wie jedes Jahr am sechsten Mai, Schwarz; tiefschwarz wie meine Seele.

Ich bleibe an der Fußgängerampel vor der Brücke stehen. Es ist die letzte Ampel, die ich noch überqueren muss, um zu den Gleisen zu gelangen. Das Signal ist rot wie die Rosen in meiner Hand – oder wie die Farbe des Blutes.

Allein stehe ich dort, wie vor sieben Jahren Benedikt. Ich schaue nach links und rechts. Weder Autos noch Busse fahren vorbei. Das sinnlose Warten strapaziert meine Geduld.

Endlich springt die Ampel auf Grün, die Farbe der Hoffnung. Ich steige auf mein Fahrrad und radle geradeaus weiter.

Ein Kleintransporter zieht, wie aus dem Nichts kommend, an mir vorbei, hüllt mich in eine blaue Dieselwolke. Ich huste, wedle mit der Hand vor meinem Gesicht und höre kurz auf zu treten.

Der Transporter braust in Richtung Gleise davon. In der Ferne hält der Fahrer an und steigt aus. Er lädt etwas ab. Die Gestalt kommt mir auf eigenartige Weise vertraut vor.

Ich fahre weiter, denke an meine Verabredung. Urplötzlich ist mir nicht mehr wohl bei der Sache. Vielleicht hätte ich mich doch lieber für eine spätere Uhrzeit entscheiden sollen.

Es ist auf den Tag genau sieben Jahre her. Seit sieben Jahren wache ich in der Nacht vom sechsten auf den siebten Mai auf. Es sind die Geräusche der vorbeifahrenden Züge, die über die roten Rosen fahren und mich aus dem Schlaf holen. Aber nicht nur. Ich darf mich nicht auf diese Geräusche konzentrieren, aber natürlich tue ich nichts anderes. Dabei starre ich auf meinen Wecker, beobachte, wie die Zeiger sich im Schneckentempo fortbewegen, wie die Zeit langsam vergeht. Rote Rosen. Ich schnappe nach Luft …

Die Signale sind eindeutig, sie lassen sich nicht leugnen. Ich kenne dieses Gefühl, dass mir den Atem raubt. Ich leide unter Angstzuständen, aber nicht erst seit Benedikts Unfall. Die Angst umfließt mich seit Ewigkeiten. Ich ging deswegen zu einem Psychiater, aber in Wahrheit war ich nicht bereit, mich zu öffnen. Als er anfing, sich nach meiner Kindheit zu erkundigen, ging ich nicht mehr hin.

Meine Kindheit sind seine überhöhten Honorarrechnungen nicht wert und so bin ich ihm die Antwort schuldig geblieben.

Da ist etwas, dem ich mich nie wirklich gestellt habe: der Wahrheit – und meiner seelischen Verfassung seit meinem Selbstmordversuch. Seit sieben Jahren hat Benedikts Tod sich wie Stacheldraht um mich gewickelt. Mich davon zu befreien, wird mit Verletzungen einhergehen. Bisher habe ich es jedenfalls nicht gewagt. Aber jetzt ist es so weit. Ich kenne die Wahrheit und ich will Vergeltung ...

 

 

6. Mai 2010

 

Ich erwachte in dem Bett, entspannt und mit einem Lächeln auf meinem Gesicht, in dem ich zwei Nächte zuvor Auf Wiedersehen gesagt hatte. Das Bett, in dem ich das erste Mal mit Benedikt geschlafen hatte, das Bett, in dem er mir seine Geschichten erzählt und in dem er mir poetische Liebeserklärungen vorgelesen hatte. Das Bett, in dem wir lagen, als er mir sagte, dass seine Eltern den weißen Rolls-Royce nehmen sollten, aus dem er niemals vor meinem Elternhaus aussteigen würde.

Mein erster Gedanke galt Benedikt und den wunderbaren Verstößen, die wir heute gegen die Tradition der Familie von Raaben und ihren gesellschaftlichen Stand begehen würden.

Der Hochzeitstag: ein Donnerstag. Kein Samstag!

Die Uhrzeit: 15.00 Uhr. Nicht 11.00 Uhr!

Keine kirchliche Trauung, nur eine standesamtliche!

Kein Sissi-Kleid. Keinen Brautschleier!

Keinen Rolls Royce!

Keine zelebrierte Hochzeitsmesse!

Kein gemischter Chor!

Kein Geschwisterpaar als Trauzeugen!

Ich grinste. Und später?

Niemals eine Taufe für unsere zukünftigen Kinder!

Keine auf christlichen Werten basierende Erziehung!

Das allein hatte meine Mutter schon in Rage versetzt. „Es obliegt der elterlichen Verantwortung, den Kindern eine religiöse Basis zu bieten, worauf sie später zurückgreifen können.“

No way, Mom!

„Kinder haben vor allem Anspruch auf ein Elternhaus, in dem sie behütet aufwachsen können. Sie haben das Recht auf eine Jugend, die sie widerstandsfähig und stark macht, Mutter!“

Mein Vater schmunzelte und sah mich erstaunt an, mischte sich aber nicht ein. Er hatte in den vergangen Wochen allerdings zu oft erwähnt, dass er mich zum Altar führen wollte wie meine Schwester Bernadette. Das war Tradition und Traditionen musste man pflegen.

No way, Dad!

Sobald mein Vater zu viel Text von sich gab, war er für mich ein Fremder, der sich zufällig an unseren Tisch gesellte. Armer Papa.

 

Der Himmel war bewölkt, es windete und die Temperaturen lagen bei knapp vierzehn Grad.

Der Friseur legte letzte Hand an meine Frisur.

„Wusstest du, Lynn, dass vor acht Jahren ein Freund deines Vaters ermordet wurde?“, sagte Mutter beiläufig, während sie dem Friseur auf die Finger schaute.

Fast wäre ich vor Zorn aufgesprungen, weil sie tatsächlich versuchte, mir meinen großen Tag mit einer derartigen Bemerkung zu ruinieren. „Warum sagst du das?“, erwiderte ich bissig. „Du warst nie ein Fan von Papas Freund. Du konntest ihn nicht mal leiden.“

„Fan? Was für ein lächerliches Wort in diesem Zusammenhang. Man ist Fan von einer Band oder einer anderen Art der öffentlichen Unterhaltung. Es spielt keine Rolle, ob ich mich mit seinem Gedankengut identifizieren konnte oder auch nicht, es hätte nicht passieren dürfen. Es ist eine schwarze Seite im Buch unserer nationalen Geschichte. Politischer Mord gehört einfach nicht zu unserem Volk.“

„Heute ist der Hochzeitstag deines jüngsten Kindes“, schnauzte ich sie an. „Willst du diesem Tag nicht endlich eine festliche Note verleihen?“

Meine Mutter schwieg.

Sie wusste, wie sehr sie mich damit treffen konnte, und was sie mit ihrem Schweigen anrichtete.

 

Zwei Uhr. Eine seltsame Unruhe machte sich unter uns breit. Meine Schwester bat ihren Mann, nach dem weißen Rolls-Royce Ausschau zu halten.

Halb drei: noch immer kein Bräutigam in Sicht.

„Er lässt dich sitzen“, zischte meine Mutter durch ihre makellosen Zähne. „Ich wusste ja, dass er nichts taugt.“

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Es war unmöglich, dass Benedikt es sich anders überlegt hatte, es musste einen anderen Grund für seine Verspätung geben.

Mein Schwager und mein Bruder gingen mit meinem Vater durch den Garten zu dem weit geöffneten Tor, um nach Benedikt Ausschau zu halten.

Ich stand am geöffneten Fenster meines Schlafzimmers und hörte die Signale von Krankenwagen und Polizeifahrzeugen. Mir kam es vor, als fuhren sie in unsere Richtung.

Ich sah, wie mein Vater und mein Bruder in Richtung Straße liefen, aus meinem Blickfeld verschwanden und zurückkehrten. Die Sirenen waren jetzt ganz nah.

Mein Vater kam wie ein Betrunkener auf unser Haus zu, mein Bruder musste ihn stützen. Er sah zu mir herauf und bedeutete, mich vom Fenster zu entfernen.

Aber ich blieb stehen und blickte zum Himmel. Kein Blau, sondern ein tief verhangenes Grau, kein Crescendo der Farben.

Im Haus erklangen Stimmen, Aufregung – dann Totenstille.

Ich wartete.

Drei Uhr, Viertel nach drei, halb vier.

Wir hätten schon seit einer halben Stunde Mann und Frau sein sollen.

Um fünf nach vier stand meine Mutter mit ernster Miene vor mir. Ihr Blick war furchterregend, aber ich sah auch Verwirrung darin. Und Kälte.

Ich ertrug diesen Blick nicht und schaute wieder aus dem Fenster. Ein Sturm kam auf, der die Äste der Bäume brach, wie Minuten später mein Herz.

„Setz dich!“

Ich blieb stehen.

„Benedikt hat seinen Motorroller gegen einen Baum gefahren. In seinem Jackett. Er ist tot.“

Ich ertrug es nicht, sie um mich zu haben. Sie hielt wie stets die Welt zum Narren.

Als ich nicht antwortete, drehte sie sich um und ging.

Es dauerte lang, bis mich der Sinn ihrer Worte erreichte. Schließlich zog ich mein Kleid aus.

Um halb fünf sah mein Vater nach mir und umarmte mich. „Du solltest herunterkommen, Lynn. Wir haben etwas vom Chinesen bestellt.“

Dann ging auch er.

Ich rührte mich nicht, saß eine Weile in meinem Unterkleid auf dem Stuhl. Mir war nur kalt, sonst fühlte ich nichts.

Später half mir meine Schwester beim Anziehen und brachte mich in meine Wohnung.

„Soll ich jemanden für dich anrufen, Lynn?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich möchte allein sein.“

Ich fühlte nichts.

 

*

 

Die Maas ist ein Fluss wie die Zeit, ein Strom, kraftvoll und sanft, in dem ich mich sieben Jahre habe treiben lassen. Zumindest habe ich das geglaubt. Am 6. Mai 2010 haben drei Menschen mein Leben zerstört. Ich habe erfahren, wer sie sind und wo sie leben.

Seit ich weiß, dass Benedikts Unfall kein Unfall war, raubt mir das Gefühl der Ohnmacht den Schlaf und sorgt dafür, dass ich noch immer nicht alle Puzzlestücke zusammensetzen kann.

Ich will den Blick nicht mehr abwenden, will endlich wieder leben, zurückschlagen, wenn die Zeit dafür reif ist.

Und die Zeit ist reif.

 
Lynn, 7. Mai 2017

 

Ich wache auf. Es dämmert, der Sonnenaufgang ist nah. Die Trauer flimmert wie Lichter über meine Netzhaut. Seit sieben Jahre denke ich daran. Der 7. Mai ist the day after, der Tag danach. Seit ich das erste Mal am Tag danach, am Tag nach meinem vermeintlichen Hochzeitstag, aufgewacht und aus meinen Trümmern geklettert bin, haben sich mir diese drei Worte eingebrannt und sie sind immer präsent. Der siebte Mai wird immer jener Tag sein, der auf den sechsten Mai folgt, und der sechste Mai wird immer von der Erinnerung an ein Ereignis geprägt sein, das niemals hätte geschehen dürfen.

 

Vor sieben Jahren hoffte ich auf eine Hochzeitskutsche mit Pferden und sah uns beide damit vor dem Standesamt ankommen, der weiße Rolls-Royce hinter uns. Voller Schadenfreude dachte ich an den Gesichtsausdruck meiner Mutter, sobald sie mit Papa aus der Limousine stieg. Und die Gefühle, die ich dabei empfinden würde.

Tief in meinem Herzen fand ich mein Verhalten aber ein wenig kindisch. Mit meinen einundzwanzig Jahren sollte ich in der Lage sein, meine Jugend hinter mir zu lassen und negativen Erinnerungen weniger Raum geben.

Manchmal erschrecke ich noch heute regelrecht vor der Verachtung und dem Hass in mir. Ich musste mich häufiger zwingen, mich von meinen mörderischen Fantasien zu verabschieden, insbesondere von denen, die meine Mutter betrafen. Töchter lieben nun mal keine Mütter und Mütter keine Töchter. Wir sind Konkurrenten, betonte Mutter immer wieder. Na ja!

Ich war davon überzeugt, dass ich erst dann von meinem Elternhaus loskommen konnte, sobald ich mit Benedikt verheiratet war. Sobald ich mein anderes, neues Leben führen würde. Sobald ich eine Lynn-Elisabeth Hallbach geworden wäre. Diese Betrachtung brachte mir den Frieden und ich konnte die unschönen Gedanken von mir fernhalten.

Aber seitdem sind die frühen Vögel, die den neuen Tag besungen haben und mit denen ich voller Elan aufgewacht war, davongeflogen.

 

Ich habe seither keine Verabredung mehr für den siebten Mai getroffen. Dieser Tag ist nur für mich und meine Gedanken. Für meine Erinnerungen, und in diesem Jahr auch für meine Planung.

Am Tag danach habe ich mein Hochzeitskleid noch einmal angezogen und mich auf die Gleise gelegt, wollte mit einer Rose in der Hand dem Leben entfliehen. Benedikt liebte rote Rosen. Aber dann war da plötzlich seine Stimme in meinem Kopf. Denk an den Lokführer. Warum noch einen Menschen ins Unglück stürzen, Lynn?Ich bin doch bei dir. Immer. Der Schmerz wird nachlassen, die Wunde heilen.

Benedikt nahm mich an diesem Tag in Gedanken an die Hand und brachte mich von den Gleisen wieder nach Hause. Aus dem Spiegel im Badezimmer sah mich ein Wesen mit fahler Haut und grauen Lippen an. Ich drehte ein wenig den Kopf, betrachtete mich halb von der Seite. Ich sah aus wie ein Wrack, aber noch immer mit wunderschönen Haaren. Rotblond, lang und leicht gewellt.

Benedikt hat sein Versprechen gehalten, er war bei mir und zog mich aus, legte mich ins Bett, tröstete mich, liebte mich. Nur deshalb habe ich überlebt.

Heute lebe ich, weil er noch immer bei mir ist. Nur in einem Punkt hat er sich geirrt: Die Wunde hat sich nicht geschlossen. Ich weine jede Nacht, schlucke die Dunkelheit und finde keine Ruhe. Wie in diesem Moment.

Ich setze mich an den Küchentisch. Und in diesem Moment vernehme ich ein Knistern.

Die Wohnung ist ständig voller Geräusche, aber die habe ich längst auf irgendeiner Ebene meines Bewusstseins abgespeichert. Ich kenne das Gluckern in den Heizungsrohren, das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Stimmen der Menschen, die am Vrijthof leben. Doch dieses Geräusch ist anders und lässt mich jäh den Kopf heben.

Es klingt, als geht jemand auf dem Flur vor meiner Wohnungstür auf und ab. Was macht jemand mitten in der Nacht vor meiner Tür?

Ich erhebe mich und blicke durch den Türspion. Es ist stockdunkel. Ich halte den Atem an, lege mein Ohr an die Tür, lausche nach draußen. Nichts ist mehr zu hören, was sich von den üblichen Geräuschen unterscheidet. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet. Meine Nerven sind ziemlich angeschlagen.

Ich muss die Tür verriegeln! Dann kann ich mich sicher fühlen. Die Haustür aufzubrechen, kostet eine Menge Kraft und Zeit und verursacht dazu erheblichen Lärm. Das Schlimme ist nur, dass ein Junkie das locker schaffen kann. In der Stadt lungern um den Vrijthof-Platz jede Menge Junkies herum, es gibt zahlreiche Coffee-Shops mit bekifften, lächelnden Menschen.

Benimm dich nicht wie eine hysterische alte Frau! Vielleicht ist da gar nichts. Ich habe aber nicht nur ein Geräusch gehört. Mehrmals ist eine Person vor meinem Küchenfenster auf und ab gegangen. Mehrmals! Mitten in der Nacht. Hier stimmt etwas nicht, und das hat nichts mit Hysterie und Einbildung zu tun!

Ich ignoriere meine innere Stimme.

Ich verriegele die Wohnungstür noch nicht, muss einen Blick riskieren. Danach kann ich mich meiner Angst und allen möglichen grauenhaften Vorstellungen hingeben. Im Augenblick darf ich mich nicht paralysieren lassen.

Entschlossen öffne ich die Tür, betätige den Lichtschalter.

Ich starre den Fußboden des Hausflures an.

Mein Gehirn arbeitet seltsam, so langsam ...

Nasse Fußspuren. Draußen regnet es. Kleinere Schuhgröße.

Jemand ist in das Haus eingedrungen. Jemand muss vor Kurzem die Holztreppe hinaufgekommen sein. Irgendwann innerhalb der letzten zehn Minuten.

Ein Schatten löst sich im Gang von der Hauswand. Aus den Augenwinkeln werde ich ihn gewahr. Fast zeitlupenartig drehe ich mich um. Ich erkenne nicht viel. Es gibt keinen erklärbaren Grund, weshalb jemand hier im Dunkeln steht.

Es gibt zumindest keinen harmlosen Grund.

„Hallo?“

Ich hätte um keinen Preis die Tür öffnen dürfen.

In Windeseile verriegle ich die Haustür, gehe in die Küche, setze mich an den Tisch und betrinke mich mit meiner imaginären Freundin Prosecco Rosarot.

Nach zwei Gläsern nehme ich Benedikts Duft war und glaube, sein Flüstern zu hören. Ich bin doch bei dir, Lynn.

Seit neun Monaten weiß ich, wer für die Tat verantwortlich ist, die mein Leben zerstört hat. Heute ist der siebte Mai. Ich werde meinen Plan in die Tat umsetzen und mit einer Rose zu den Gleisen gehen. Die Wut schnürt mir die Kehle zu. Ich denke nur noch eines: Dafür werdet ihr bezahlen.Ich will Vergeltung.

„Ich will Vergeltung.“ Die Wörter segeln davon.

Der Erste, der verstehen wird, dass das Verbrechen, das er begangen hat, nicht ohne Folgen bleiben wird, ist Maarten Senger, verheiratet mit Laura.

 
Teil I – Maarten

 

 

 

 Kapitel 1

Maarten

Es hat ihn den ganzen Tag verfolgt. Jetzt betrachtet Maarten Senger das flache weiße Päckchen, das er gerade aus seinem Briefkasten genommen hat. Es enthält keinen Absender, keinen Firmennamen, nur einen Adressatenaufkleber mit seinem Namen und seiner Adresse. Das erste Versprechen hat die Website erfüllt, das Testpaket auf diskrete Weise zu versenden.

Er legt den Inhalt auf den Esstisch und prüft, ob alles in Ordnung ist: Sterilisierte und versiegelte Wattestäbchen, Transportbehälter zum sicheren Versand des Testmaterials, Gebrauchsanleitung mit Illustrationen, Rückumschlag für die DNA-Proben. Alles okay.

Sein Magen krampft, sein Körper schmerzt, seine Hände zittern. Er nimmt die Gebrauchsanleitung in die Hand, die Antworten auf die häufig gestellten Fragen kennt er dank Google bereits. Natürlich weiß er, dass ein Kind die DNA von der Eizelle der Mutter und der Samenzelle des Vaters erbt, dass beide Zellen dreiundzwanzig Chromosomenpaare enthalten. In einem Vaterschaftstest werden die spezifischen DNA-Sequenzen für mehrere Chromosomen untersucht. Das Ergebnis ist ein einzigartiger genetischer Bauplan: das DNA-Profil.

Durch das Bestimmen und Vergleichen von DNA-Profilen wird festgestellt, ob ein biologischer Verwandtschaftsgrad besteht.

Er liest die Passage noch einmal. Der Text ist ihm vertraut, er kennt ihn auswendig. Bis jetzt sind die letzten beiden Wörter dieses Abschnitts nicht mehr als eine zu Papier gebrachte Schlussfolgerung, aber jetzt ist alles anders. Jetzt liegt ein komplettes Testpaket für die Wahrheit vor ihm auf dem Tisch. Er kann nun feststellen, ob er der leibliche Vater seiner Töchter ist.

 

Einige Tage zuvor

 

„Du hast mich schon während der Ehe betrogen, du hinterhältiges Stück Scheiße!“, schrie Laura ihm vor Tagen ins Gesicht. Ihre Augen flackerten, ihr Mund war zu einem schmalen Strich verzogen, ihre ganze Haltung durchdrungen von Widerstand und unbändiger Wut.

Er hatte ihr vor ein paar Minuten gestanden, dass es da eine neue Frau in seinem Leben gab. Für Laura stand fest, dass diese andere Frau die Ursache für seine Entscheidung war, dass er sie schon während der Ehe betrogen hatte, was aber nicht der Fall war. Erst nach seinem Auszug aus dem gemeinsamen Haus hatte er sich für eine andere Frau interessiert.

Maarten zwingt sich, ruhig zu bleiben, lässt sie toben, will gehen. Die Dinge könnten entgleiten. Nur fort von hier.

„Du weißt es jetzt“, sagt er, „denk darüber, was du willst. Mit dir kann man sich nicht in Ruhe austauschen. Im Übrigen bin ich derjenige, der das Recht hat, in der Vergangenheit deine Loyalität und Treue infrage zu stellen. Merke dir das! Spiele nur weiter die Unschuld vom Lande, mich kannst du damit nicht mehr täuschen.“ Er ist schon an der Haustür, dreht sich aber noch einmal um. „Ich werde es Flor und Diana dieses Wochenende sagen. Sollte ich feststellen, dass sie es schon wissen, dann ...“

Laura kommt auf ihn zu. „Dann was ...?“

„Ich warne dich. Lass es sie ja nicht wissen“, wiederholt er kalt, kontrolliert.

Blitzschnell und fluchend greift sie nach einem Glas. Er verliert die Kontrolle. Seine geballte Faust schmettert gegen die Wand. Er starrt auf seine aufgeplatzten Knöchel, auf das Blut an der weiß getünchten Wand.

„Ich werde es meinen Kindern sagen. Meinen Kindern!“, brüllt sie. „Wenn du verstehst, was ich meine!“

Einen Moment lang sagt keiner etwas, dann dreht er sich wortlos um und verlässt das Haus. Verdammt. Erschrocken darüber, wie dünn die Membran sein kann, die ihn von Gewalttätigkeit und völligem Irrsinn trennt, wartet er draußen in seinem Wagen. Langsam beruhigt er sich wieder.

 

Das Gespräch hat bei Maarten einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Ein enges Band hat sich um seine Brust legt. Das Atmen fällt ihm schwer. Anfangs ignoriert er Lauras Worte und denkt nicht weiter darüber nach. Er kennt ihr Verhalten, ihre zynische Art, ihn in die Enge zu treiben. Es ist an der Zeit, dass er ihr das nicht mehr erlaubt. Denk nach, Maarten, denk nach!

Soweit es ihn betrifft, kann sie tief im Dreck wühlen. So tief, dass sie selbst darin erstickt und nie wieder auftaucht.

Er schafft es drei Tage, ihre Worte zu ignorieren, tut, als seien sie ihm entfallen. Sobald ihn die Erinnerung einzuholen droht, lenkt er sich mit Arbeit ab oder ruft einen seiner Freunde an. Aber ihre Worte meine Kinder lassen ihn nicht mehr los. Es kommt ihm vor, als hätte sich das Licht in seinem Leben verändert, es ist nicht mehr warm, sondern düster wie die Dämmerung im Winter.

Seine Gedanken wandern stets zu einer Frage: Was, wenn er nicht der biologische Vater seiner Töchter oder auch nur von einem der Mädchen ist? Tief in seinem Herzen ist das Wissen immer noch besser, als die Unsicherheit, unter der er seither leidet. Er wird aber immer ihr Vater sein, selbst mit einem negativen Testergebnis. Er hat miterlebt, wie die Mädchen auf die Welt gekommen sind, sie sind in seinem Herzen, gehören zu ihm. Das wird sich nie ändern. Seine Bindung zu den Kindern ist zu stark. Was ihm zu schaffen macht, ist diese Unruhe, die von ihm Besitz ergriffen hat und die er Laura verdankt. Auch sein Körper reagiert auf seine psychische Belastung. Seine Gliedmaßen schmerzen neuerdings so sehr, dass es ihm schwerfällt, morgens aufzustehen.

Laura …

In Gedanken schlägt er mit aller Kraft zu. Laura stürzt zu Boden. Sie schafft es aber, sich wieder hochzurappeln, und versucht in Panik zu entkommen, aber er ist so viel schneller als seine Frau, die nicht den Hauch einer Chance hat. Er packt sie bei ihren langen Haaren und schlägt ihren Kopf mit aller Wucht auf den Boden, wieder und wieder, bis sie verstummt.

Er hasst sie.

 

Maarten fragt sich, ob es klug ist, den Test zu machen. Nur noch zwei Tage, dann sieht er die Mädchen zum ersten Mal seit sechs Wochen wieder. Wenn Laura im letzten Moment nicht wieder eine Ausrede einfällt, um das Treffen zu boykottieren.

Er weiß, dass die Kinder den Kontakt wollten, das hat Flor ihn in ihren WhatsApp-Nachrichten wissen lassen, die sie ihm heimlich schickt. Ich bin nicht wütend auf dich, wie Mama, hat sie kürzlich geschrieben. Aber ich will Mama nicht traurig machen.

Flor schreibt ihre Nachrichten nur, wenn sie sich sicher ist, dass Laura es nicht bemerkt, wie auf der Toilette in der Schule. Oder in der Garderobe nach dem Ballettunterricht. Diana traut sich das nicht. Sie hat Angst, dass sie sich versprechen könnte, wenn ihre Mutter sie fragt, ob sie Kontakt zu ihrem Vater habe. Diana kann nicht lügen, Flor hingegen schon. Genau wie Laura. Gut möglich, dass Flor deshalb nicht meine biologische Tochter ist.

Er ist schockiert über diesen Gedanken und macht sich Vorwürfe. Flor ist ein zehnjähriges Mädchen mit einer blühenden Fantasie. Sie schwärmt von Sternschnuppen, Küken, bunten Luftballons, Überraschungen. Sie ist wie ihre Mutter, als sie sich gerade kennengelernt hatten: Jungsein, Gewitter, Sommerhimmel. Seine Welt kommt mit wenigen Farben aus.

Was tun? Das Ganze wieder in den Umschlag stecken und in den Mülleimer werfen?

Er will sich weniger mies fühlen.

 
„Sie“

Tagebucheintrag, Oktober 1965

 

Die Liebenden

 

Sie sind dem Jungen gefolgt.

Da steht er, auf dem kopfsteingepflasterten Vrijthof und blickt über Maastrichts größten Platz. Es ist sehr früh am Morgen, noch lange nicht hell, und er scheint keine Eile zu haben. Die einstige Hinrichtungsstelle mit ihren sorgsam getrimmten uralten Bäumen und den Hinterhofgärten hat es ihm wohl angetan.

Wie „Sie“. Nur nicht um diese Zeit. Erst später, nachdem sie beide ... „Egal“, flüstern sie. Jedenfalls später, wenn sie in einem der Straßencafés das lauschige Lebensgefühl dieses Platzes entspannt und mit entblößten Zähnen auf sich wirken lassen.

„Sie“ haben viele Namen: die Hübschen, die Beobachter, die Verliebten, die Unzertrennlichen, die Unversehrten, die Unberührten, die Unerhörten. Sich „sie zu nennen, ist für sie unverfänglicher, erlösender, vertrauter, dankbarer.

Sie beobachten den Jungen, der sinnierend zur gotischen St. Jans-Kirche blickt, deren rote Kirchturmspitze er gestern erklommen hat. Seine Glatze glänzt in der Morgensonne, als er auf einen der kleinen Hinterhofgärten zugeht.

Auch wenn der Himmel ausnahmsweise nicht vollkommen bedeckt ist, sich der Mond dafür nur in seiner halben Pracht zeigt, wird er nur schemenhaft Bäume, Sträucher und seine Verfolger erkennen.

Er öffnet das schmiedeeiserne Tor. Man könnte meinen, die Stille des Gartens gefällt dem Zehnjährigen. Sie beide mögen dieselben Dinge in dieser beschaulichen Stadt. Das Schattenrissartige der Pflanzen erinnert sie an die poetische Ästhetik alter Schwarz-Weiß-Filme. Dem Jungen machen sie vermutlich Angst, denken sie.

„Warum kommt Nobody dann hierher?“, flüstern sie und denken: Was für eine dumme Frage. Weil wir ihn hierher gelockt haben. Weil er gesagt hat: „Ich will nicht mehr!“

Diese schwachsinnigen Worte äußern alle Straßenkinder, die sie Nobodys nennen. Die Nobodys ahnen nicht, dass sie damit ein Tor öffnen, das sie sicher nicht in einen der schönen Gärten von Maastricht führen wird.

 

Der Junge

 

Der Junge nähert sich langsam dem Brunnen in der Mitte des Gartens. Obwohl er keine Angst verspürt, steigt seine Aufmerksamkeit. Er schwitzt ein wenig, dennoch ist es nicht warm. Plötzlich hört er ein Geräusch, das nicht zu den anderen Geräuschen der Nacht passt. Ein Rascheln, rechts hinter ihm, zu laut, um von einer durch das Laub huschenden Maus oder einem Vogel zu stammen.

Dann erneutes Rascheln. Jetzt kommt es von der linken Seite. Schritte, eindeutig Schritte.

Der Junge hält den Atem an und dreht sich vorsichtig um. Seine Augen sind geweitet, die Muskulatur angespannt bis zur Schmerzgrenze.

Nun ist das Rascheln links hinter ihm, ganz nah, zu nah.

Noch bevor er sich umdrehen kann, wird er von hinten angesprungen, fällt in einen Busch, unter dem ein großer, kantiger Stein verborgen liegt. Er hört seine Rippen knacken, stöhnt auf. Hilfe suchend hebt er einen Arm. Er weiß, dass er wiederum auf obskure Weise betrogen worden war.

Hände drücken ihn nieder, eine Hand hält ihm den Mund zu. Der Junge beißt zu. Hört einen Schmerzenslaut.

Der Angreifer reißt seine Hand zurück, ist kurz irritiert, woraufhin der Junge sich unter ihm wegrollen kann. Dann schlägt ihm eine andere Hand heftig ins Gesicht.

„Wir haben dich gewarnt!“, zischen sie.

 

 Kapitel 2

Maarten

 

Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, zieht Maarten es nun vor, Silke einzuweihen und seiner Freundin zu sagen, dass das Testmaterial eingetroffen ist. Nach dem atemberaubenden Sex hat er für sie gekocht und ihr seine Häppchen ans Bett gebracht. Jetzt nimmt er ihre Hand und streift sie mit seinen Lippen. „Du riechst so gut“, sagt er zärtlich.

Silke sieht ihn fragend an. „Was ist los mit dir? Was beschäftigt dich?“

Sein Herz schlägt schneller. Er gibt ihre Hand frei. „Da ist nichts. Ich bin müde, es ist der zermürbende Streit mit Laura. Sie entwickelt sich zu einer Monster-Mom und ich bin der Punchingball. Ich sollte das alles nicht so sehr an mich heranlassen.“ Seine Stimme klingt zu laut, weil er sie angelogen hat, zu heftig, um seiner Lüge Nachdruck zu verleihen, zu unstet, um Silke davon zu überzeugen, dass die Lüge Wahrheit ist. In Wahrheit ist der Betrug um seine Kinder der wahre Grund. Es kostet ihn enorme Überwindung, gelassen zu bleiben.

„So eine Trennung ist schwer. Sie ist für niemanden eine gute Zeit“, erwidert sie und küsst ihn. „Was kann ich für dich tun, damit du dich besser fühlst?“

Maarten umarmt sie.

„Schon wieder?“, kokettiert Silke. „Kein Problem, weißt du? Vertreibt Laura aus dem Kopf. Ich bin jetzt hier und ich bleibe bei dir. Darauf kannst du vertrauen.“

Es ist dieses Wort. Vertrauen. Er möchte sich gedanklich nicht wirklich mit seiner Noch-Ehefrau auseinandersetzen, aber dieser Begriff Vertrauen erinnert ihn an Laura, und er denkt an ihren Verrat ...

Er war vor Laura zu Hause und nahm die Post von der Fußmatte. Darunter war auch ein Brief der Stadt.

Er reißt den Umschlag auf. Erst da fällt ihm auf, dass das Schreiben an Laura adressiert ist: ein Bußgeldbescheid über eine Geschwindigkeitsübertretung, drei Wochen zuvor an einem Nachmittag auf einer Autobahn. Ein Ort, wo sie seiner Meinung nach nicht hätte sein sollen.

Er steckt den Bescheid wieder in den Umschlag.

Laura antwortet später mit einem Achselzucken. „Ein Irrtum. Ich war gar nicht dort. Einer meiner Stammkunden hat das auch schon zweimal erlebt. Eine Verwechslung der Nummernschilder. Ich verstehe nicht, wie so etwas passieren kann. Ich rufe da morgen mal an.“

Am nächsten Tag sagt sie beiläufig, dass es tatsächlich eine Verwechslung gewesen sei und dass die Behörde den Bußgeldbescheid zurückgenommen habe.

Er glaubt ihr und vergisst das Schreiben. Immerhin hatte dem Schreiben kein Beweisfoto beigelegen.

Der Vorfall kommt wieder hoch, als Laura eines Abends übel wird und sie zur Toilette läuft. Er hört, wie sie sich übergibt, und geht, ohne genau zu wissen, warum, zum Computer. Er sieht das Online-Banking-Portal auf dem Bildschirm, die Rechnungen auf dem Schreibtisch, dann klickt er mit der Maus auf ihr Konto und schaut sich den Kontoauszug an. Am Ende der Übersicht fällt ihm eine Zahlung über 58 Euro an die Stadtverwaltung auf.

Sein Magen zieht sich zusammen. Jetzt hat er es endlich geschafft. Jetzt hat er sie! Laura ist stets eine geniale Lügnerin gewesen, aber jede Lüge hat seine Zweifel genährt. Er fühlt sich jetzt wie eines dieser Tiere, die in ein unbekanntes Gebiet eindringen und es von innen heraus zerstören. Er ist fassungslos, wütend, bereit, sie auf der Stelle zu töten. Er erträgt ihre Demütigungen nicht mehr.

Er denkt daran, dass sich oft die Mailbox meldet, sobald er versucht, sie anzurufen. Aber als er um eine Erklärung bat, lachte sie ihn aus.

„Ich bin eine Kosmetikerin, erinnerst du dich? Meine Kunden müssen sich in Ruhe auf der Liege entspannen können. Mein Handy ist dann abgeschaltet und du landest auf der Mailbox“, hat sie ihm erklärt.

„Deine Mailbox ist neuerdings mein bester Freund, selbst dann, wenn du keine Kunden hast.“

Laura lächelte nur. „Du bist eifersüchtig und dein Verhalten ist unangemessen. Es ist geradezu ungeheuerlich, wenn ein Mann seine Frau kontrolliert.“ Ihre Stimme hatte einen zynischen Unterton. „Ich verlange, dass du dich bei mir entschuldigst.“

Silke schnippt mit den Fingern. „Hallo, bist du noch da?“

Grabesstille. Er bewegt keinen Muskel.

Silke schubst ihn an.

„Ja, ich bin wieder da. Entschuldigung.“

Er wird vorerst mit niemandem über den Vaterschaftstest sprechen. Dafür ist immer noch Zeit, wenn das Ergebnis vorliegt.

Sei auf das Schlimmste vorbereitet.

 
Kapitel 3

Maarten

 

In den vergangenen Jahren hat er gelernt, mit extremen Stresssituationen klarzukommen. Laura war Stress pur, die Kinder nie.

„Ihr seid schon wieder gewachsen“, stellt Maarten fest. „Nicht mehr lang und meine Töchter überragen mich.“

„Kommt Silke auch?“, will Flor wissen, die nach Vanillekekse duftet.

„Ja, aber es wird spät. Sie ist heute Abend mit ein paar Kollegen ins Kino gegangen.“

Diana spielt mit einer Haarlocke. „Wird sie bei dir übernachten, Papa?“

„Das hoffe ich doch.“

Diana sieht ihn nachdenklich ein. „Mama möchte nicht, dass sie hier schläft.“

Maarten hüstelt. „Mama lebt nicht mehr hier, Schatz. Sie hat in diesem Haus nichts zu wollen.“ Er bedauert sofort seine Antwort. „Ich meine es nicht böse“, fügt er rasch hinzu. „Ihr habt Silke doch auch gern. Sie liebt euch und hat sich sehr gefreut, euch endlich wiederzusehen.“

Das „endlich“ hätte nicht sein sollen, denkt er. Er muss besser auf seine Wortwahl achten.

Er zieht seine Töchter an sich. „Ich habe mir ein sehr schönes Spiel ausgedacht“, sagt er und hat sofort ein schlechtes Gewissen.

Er hat einen Weg gefunden, den Test durchzuführen, ohne bei den Mädchen Verdacht zu schöpfen. Flor hat ihn auf die Idee gebracht, als sie in einer der letzten WhatsApp-Nachrichten erwähnte, dass Diana sich zu ihrem elften Geburtstag einen Arztkoffer gewünscht hat.

Maarten hat alle möglichen Utensilien im Internet gekauft, damit die Mädchen Krankenschwester spielen können, darunter auch drei weiße Arztkittel.

„Wir sind ein Team“, erklärt er, nachdem er die Sachen hervorgeholt hat. „Ich bin der Leiter der Klinik und ihr beide seid meine Assistentinnen.“ Er zeigt auf die Möbel. „Lass uns daraus eine Art Krankenhaus bauen.“

Diana klatscht erfreut in die Hände. „Wir schieben die Couch an die Wand und machen Betten aus den Stühlen“, beschließt sie.

„Aber wir sagen Mama nichts davon“, warnt Flor.

Seine Mädchen sind fantastisch, machen begeistert mit. Maarten ermahnt seine Assistentinnen einige Mal. „Ihr habt noch nicht das nötige Know-how. Ihr befindet euch noch in der Ausbildung, was bedeutet, dass ihr zuhören, nachdenken und lernen müsst. Seid nicht zu selbstsicher.“

Flor kichert.

Mit dem Stethoskop hören sie die imaginäre Brust von imaginären Patienten ab, murmeln etwas und schauen sich gelegentlich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Flor nennt Maarten „Doktor Klemm.“ Diana verspricht sich und nennt ihn wieder „Papa“.

Das Fieber wird gesenkt, es gibt Hammerschläge auf unsichtbaren Gliedmaßen, Injektionen werden in nicht vorhandenen Gesäße und Oberschenkeln verabreicht, und Flor erzählt immer mit dem gleichen strahlenden Lächeln, dass jemand stirbt oder vollständig geheilt ist.

„Oh, was sehe ich jetzt?“, rief Maarten, als er merkt, dass die Begeisterung für das Spiel langsam nachlässt. Er klopft Dianas linke Wange. „Sie haben eine seltsame Farbe, Frau Assistentin.“

Er blickt zu Flor. „Du meine Güte, ist hier eine ansteckende Krankheit ausgebrochen?“

Diana lacht schallend.

Maarten hebt seine Hand. „Lachen Sie nie laut, wenn Sie an der Assistentenkrankheit leiden, die schlimme Folgen haben kann. Warten Sie mal, ich mache einen Test.“

Seine Hand zittert ein wenig, als er zuerst bei Flor und dann bei Diana mit dem Wattestäbchen Wangenschleim entnimmt. Er fühlt sich wie ein Betrüger.

„Ich bringe das sofort ins Labor“, sagt er. „Bleibt ruhig, wenn ich weg bin, und habt keinen Kontakt mit den Patienten. Habt ihr das verstanden?“

Die Mädchen versprechen, dass sie gehorchen werden.

In der Küche steckt er die Wattestäbchen in die Transportbehälter und schiebt sie in den Rückumschlag. Dann legt er den Umschlag in einen der Küchenschränke. Wenn die Mädchen schlafen, wird er das Rücksendeformular ausfüllen.

„Ich habe gute Nachrichten“, ruft er, als er das Wohnzimmer wieder betritt. „Glücklicherweise ist es nicht die Assistentinnenkrankheit. Sie beide müssen also nicht in Quarantäne.“

„Bekommen wir jetzt Chips?“, fragt Diana und sieht ihren Vater seltsam an.

 

 „Sie“

Tagebucheintrag, Mai 1966

 

Am falschen Ort zur falschen Zeit.

 

 

Der Junge hat ihnen nicht gereicht. Er war nicht gut genug. Sie haben in ihren Köpfen bereits ein Zeichen gesetzt, ein blutiges, grausames Zeichen. Seine Haare hatten sie geschnitten und danach seinen Kopf mit dem Rasiermesser kahlgeschoren. An dem Teddy hatten sie das geübt.

Sie mögen ihn nicht mehr, aber der Junge will es nicht akzeptieren, er kommt immer wieder, ist weiterhin hinter ihnen her. Im Traum findet er sie. Sie sind wehrlos, erliegen ihm, hassen sich, wenn sie beschmutzt aufwachen. Er will sie nicht in Ruhe lassen, stalkt sie, daher können sie ihn nicht ignorieren.

Sie würden sich gerne mal nach einem Mädchen umsehen. Ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden. Aber er lässt sie nicht aus den Augen.

Weil er sie immer wieder heimsucht, kommen sie um das Unvermeidliche nicht herum. Es ist nun mal ihre Aufgabe. Sie haben ihn ausgesucht, sie haben ihn gewollt, müssen ihn ausschalten und wissen auch schon wie.

Sie werden sich seiner annehmen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das ist ihre Pflicht.

 

Es ist sehr früh, als der Junge losläuft, um seine Papierschiffchen an der Maas zu testen. Er baut gern Schiffchen, sein Vater hat es ihm beigebracht, das hat er ihnen einmal erzählt und noch mehr. Er läuft auch gern. Er mag die frühmorgendliche Stille, den Bodennebel, das feuchte Glitzern der Nässe auf dem Laub und das Rascheln der Blätter, wenn der Wind sie mutwillig wie ein spielendes Kind wieder aufwirbelt.

Die meisten seiner Klassenkameraden laufen nicht gern zum Fluss, denn manchmal liegen an der Maas die Obdachlosen, die ihren Rausch noch nicht ausgeschlafen haben, und die Kinder beschimpfen.

Der Junge hat keine Angst. Er ist mit fünf älteren Brüdern aufgewachsen und von Kindesbeinen an gewohnt, sich durchzusetzen, zur Not auch mit körperlichem Einsatz. Es kommt bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung nicht in erster Linie auf körperliche Stärke an, sondern auf Skrupellosigkeit. Nicht zögern, sondern als Erster zuschlagen, und das mit gnadenloser Härte.

Der Junge hat sich diese Weltanschauung zu eigen gemacht und mal an den Gleisen erfolgreich angewandt. Morgens gefällt es ihm dort besser als am Nachmittag. Es ist ruhiger und die Luft ist unverbraucht. Heute Morgen hat er besonders gute Laune. Sobald die Schiffchen flussaufwärts treiben, wird er beim Bäcker für die ganze Familie Brötchen kaufen und sein Brötchen beim Frühstück in seine Milch stippen. Dann wird er mit seinen Brüdern herumalbern, sich von seinen Eltern knuddeln lassen und den Sonntag mit seinem Vater im Schuppen verbringen. Basteln mit seinem Vater findet er großartig.

Der Junge grinst und schwelgt so in Vorfreude, dass er sich nichts dabei denkt, als er hinter sich ein Rascheln hört. Er denkt sich auch nichts, als die Geräusche näher kommen.

Hätte der Junge sich nur wenige Sekunden früher umgedreht, hätte er sie, sein Unheil, gesehen und vielleicht davonlaufen können. Aber so legt sich plötzlich von hinten eine Schlinge um seinen Hals, die zugezogen wird, und alles Strampeln, Treten und Schlagen hilft ihm nicht. Er verliert das Bewusstsein.

Als er es wiedererlangt, wird er über die Gleise geschleift. Die einzige Reaktion, die dem Jungen bleibt, ist ein panischer Schrei, der in einem Gurgeln untergeht.

 

 
Kapitel 4

Maarten

 

Maarten war schon zweimal oben, um nach den Kindern zu sehen. Sie schliefen sofort ein, nachdem er sie ins Bett gebracht hatte. Aber nicht ohne ihn vorher umarmt zu haben und zu sagen, dass es ein großartiger Tag gewesen sei. Als er Flor zudeckt, flüstert sie, dass sie öfter zu ihm kommen möchte. Maarten schafft es, sich zu beherrschen, aber nachdem er das Zimmer verlassen hat, kann er seine Tränen nicht länger zurückhalten. In diesem Moment hasst er Laura mehr denn je.

Er hätte nie gedacht, dass er als Mann so verletzlich sei. Auch hat er nicht damit gerechnet, dass Laura so übel gegen ihn vorgehen würde. Im Gegenteil, er hat in Betracht gezogen, dass der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung eine Befreiung für Laura sei, zumal sie ihm oft Kontrollsucht, Argwohn und Kleingeistigkeit vorgeworfen hat. Sie nannte ihn einen Schlappschwanz, ein Weichei, und attackierte ihn mit dem Blick ihrer Mutter. Auch wenn er zweifelsohne weiß, welche Worte daraufhin folgen würden, verletzten sie ihn jedes Mal.

„Ich habe immer gewusst, dass mit dir sexuell etwas nicht stimmt. Du bist zu weich, zu wenig interessiert an sexuellen Experimenten und deine Libido ist kaum der Rede wert“, hat sie einmal in einem verächtlichen Tonfall behauptet. „Wegen deiner mangelnden Libido findet es niemand fragwürdig, dass ich mich nach anderen Männern umsehe. Echte Männer! Heterosexuelle Männer mit einem großen H! Geile Männer! Aktive Männer! Leidenschaftliche Männer! Männer vom Typ Höhlenmensch! Ganz anders als der Besitzer einer Tierhandlung, der nach zehn Jahren abends die Augen nicht mehr offen halten kann und höchstens in der Lage ist, seine Hunde zu ficken!“

Maarten seufzt und lauscht einen Moment unten auf der Treppe, doch es ist still. Die Kids schlafen tief und fest. Er geht ins Wohnzimmer. Das Programm im Fernsehen lässt zu wünschen übrig. Die ARD wiederholt einen Tatort und auf den kommerziellen Kanälen heizen C-Promis sich gegenseitig bei dämlichen Spielen an. ARTE zeigt einen Stummfilm und 3Sat ein Drama, aber er hat keine Lust auf Drama.

Er will auch nicht mehr an Laura denken. Diese Frau hat ihm genug zugesetzt, sie ist passé mit einem großen P. Ausradiert. Weg damit. Sie ist für ihn gestorben. Ein echter Tod wäre eine noch bessere Idee.

Keine gute Idee. Obwohl Laura sich immer noch widerwärtig benimmt, ist sie die Frau, mit der er ursprünglich alt werden wollte. Sie ist die Mutter seiner Kinder. Seine erste Liebe. Ein menschliches Wesen, dem man nicht den Tod wünscht. Sie gehört nicht mehr zu ihm, aber er wird sich weiter mit ihr auseinandersetzen müssen, solange die Kinder in seinem Haus leben. Ich werde sie an Geburtstagen, bei Abschlussfeiern, Hochzeiten und Geburten der Enkel treffen. Aber das wird noch eine Weile dauern.

 

Das Formular ist ausgefüllt, der Rückumschlag zugeklebt. Er könnte jetzt zum Briefkasten gehen, der zwei Blocks vom Supermarkt entfernt ist. Dann muss er den Rest des Wochenendes nicht mehr überlegen, ob er ihn tatsächlich einwerfen sollte. Er könnte endlich loslassen. Er geht damit aber auch ein Risiko ein.

Er starrt auf den Umschlag, nimmt ihn noch einmal in die Hand. Darin liegt die eine Antwort oder … verschiedene Antwortvarianten. Nach der Untersuchung wird er wissen, ob er eine der drei Kategorien erfüllt: eine sehr wahrscheinliche, höchstwahrscheinliche, und eine, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, biologische Vaterschaft.

Maarten legt ihn wieder hin.

 

 Lynn, 8. Mai 2017

 

Ein lautes Geräusch weckt mich auf. Grund genug, wieder tief unter die Bettdecke zu kriechen, um mich dort geborgen zu fühlen und vielleicht der Angst zu entkommen.

Angst erzeugt Angst. Vor sieben Jahren wollte ich alles ganz genau wissen, sogar die schlimmsten Einzelheiten des scheußlichen Unfalls. Angst beherrscht seitdem einen wichtigen Teil meines Lebens. Ich sehe sie nicht als Schwäche, schweige sie nicht tot. Ich verheimliche auch nicht, dass ich mich seit damals vor der Nacht und vor der Wahrheit fürchte. Welch starke Anziehungskraft die Angst auf mich ausübt und was sie aus mir macht, behalte ich aber für mich. Die Angst ist wie der Tod. Unausweichlich – wie die Wahrheit.

Erneut klopft es an die Tür. Mach dich vom Acker!

Vor sieben Jahren bin ich ebenfalls von einem lauten Geräusch aufgewacht und konnte das, was mich erwartete, nicht ermessen ...

 

Jemand hatte an die Tür geklopft. Ich stolperte die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Vor mir stand meine Schwester Bernadette.

Sie schob mich beiseite und eilte die Treppe hinauf. „Geh dich waschen und zieh dich an, Lynn! Seine Eltern haben Mama und Papa angerufen.“

Ich ging zurück ins Schlafzimmer und warf einen Morgenmantel über. „Seine Eltern? Meinst du die Eltern von Benedikt?“

„Von wem rede ich denn sonst? Sie haben versucht, dich zu erreichen, sagen, dass du nicht ans Telefon gehst. Sie wollen dich in die Organisation der Beerdigung mit einbeziehen.“

Ich hatte das Gefühl, in die Knie zu gehen, und griff mir einen Stuhl.

„Du kannst diese Leute nicht ignorieren, Lynn!“

Ich saß nur da, hörte ihren Redeschwall, aber nichts von dem, was sie sagte, drang zu mir durch. Ich war nicht hier. Keine zwei Tage waren seit dem Unfall vergangen.

„Du hörst mir nicht zu“, warf Bernadette mir vor. „Du kannst wirklich nicht den ganzen Tag hierbleiben. Was soll mit dem Haus geschehen, in dem ihr nach der Hochzeit leben wolltet? Du wirst darüber nachdenken müssen, Lynn! Es mag sehr hart klingen, aber du hast Verpflichtungen.“ Sie seufzte. „Und was hast du bloß mit deinen Haaren gemacht?“

Ich strich über meinen Bubikopf. „Ich habe sie kurz schneiden lassen.“ Einen Moment dachte ich an die Schere, die in den Händen eines stirnrunzelnden Friseurs mein Haar geschnitten hatte. Ich schluckte trocken.

„Wann?“

„Gestern.“

Ihre Augen quollen fast aus ihrem Kopf. „Gestern? Erzählst du mir gerade, dass du am Tag nach dem Tod deines Verlobten zum Friseur gegangen bist, um dir die Haare abschneiden zu lassen?“

Ich sah sie an. Sie hatte zugenommen, eine kühne Fettwulst wölbte sich über den Hosenbund, das Gesicht war wabbelig. Bernadette war mir fremd, war es immer gewesen. Jemand, der mir zufällig einen Besuch abstattete. Ein Wesen, mit dem mich nichts verband.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus Texas zu meiner Hochzeit kommen würde. Sie wäre besser zu Hause geblieben. Wie ähnlich sie doch unserer Mutter war. „Du hast zugenommen.“

Als ich auf die Welt kam, war Bernadette vierzehn. Sie fand es äußerst peinlich, dass ihre Mutter im Alter von siebenunddreißig Jahren ein Baby bekam. Nach Bernadette sollten Menschen über dreißig keinen Sex mehr haben. Es gehörte sich nicht. Banal. Schrecklich. Bernadette vertrat die Meinung, dass schon die Geburt von Yuri, der, als ich auf die Welt kam, sechs Jahre alt war, eine Peinlichkeit gewesen wäre. Kein Wunder, dass Bernadette sich in der vorgeblichen Sittenstrenge der Vereinigten Staaten pudelwohl fühlte.

Yuri hatte mir von Bernadettes Ansichten erzählt, als ich noch klein war. Ich verstand nicht, worüber er sprach, aber ich lachte, weil er lachte. Ich tat alles, was Yuri machte, er war mein Held. Mein großer Bruder, mein Vorbild. Ich hatte noch einen älteren Bruder, aber ich kannte Harry kaum. Als ich geboren wurde, war er fünfzehn, und als ich anfing, mir über die Dinge des Lebens Gedanken zu machen, studierte er bereits und lebte in einem Studentenwohnheim in Aachen.

Mich verband auch nichts mit Bernadette. Ich konnte mich nicht erinnern, dass wir jemals Spaß miteinander oder über etwas ernsthaft diskutiert hätten. Sie hatte mir weder Fragen gestellt, noch mich auf die eine oder andere Art und Weise spüren lassen, dass sie sich für mich interessierte.

 

Der penetrante Besucher an meiner Wohnungstür hat sich vom Acker gemacht. Unten ist es wieder ruhig. Meine Welt ist schwarz. Es gibt keine Wärme mehr, seit Benedikt tot ist. Ich möchte nur noch eine weitere Stunde meinen Rausch ausschlafen.

Heute Nachmittag werde ich eine WhatsApp für eine Frau ausarbeiten, die mein erstes Opfer sein wird. Versenden werde ich sie erst heute Abend. Unangenehme Nachrichten kreisen in der Dunkelheit länger in den Köpfen der Empfänger herum und wirken bedrohlicher. Das Verbrechen kennt keine Tageszeit, nur die Wahrheit.

Ich versuche, den Moment vollkommen in mich aufzunehmen, keinen anderen Gedanken zuzulassen. Die Welt ist dann nicht mehr grau und die Bäume rauschen wieder leise.

Ich bin endlich bereit.

 
Kapitel 5

Maarten

 

Sie halten einander an den Händen und sprechen zum ersten Mal über die Zukunft. Sie lachen über den schieren Irrsinn des Gedankens, dass sie gemeinsam uralt werden können, als Silke plötzlich das Thema wechselt. „Warum glaube ich immer noch, dass etwas nicht stimmt, Maarten?“

Maarten schaut auf seine Hände. „Manche Dinge muss ich erst selbst herausfinden, bevor ich darüber reden kann. Das hat nichts mit dir zu tun, sondern mit mir.“

Silke gibt ihm einen Kuss. „Schau mich an. Du kannst mir alles sagen. Ich werde dich nicht verurteilen. Ich möchte dich unterstützen, dein Freund sein. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, ich werde dir helfen, so gut ich kann.“

„Hm … Hört sich gut an“, antwortet er. „Ich muss noch einen Brief einwerfen. Begleitest du mich zum Briefkasten? Die Mädchen schlafen, wir können durchaus für ein paar Minuten das Haus verlassen.“ Er steht auf und zieht sie hoch. „Ich mag es, wenn du da bist. Dass es dich gibt, ist wunderbar, dass du mit mir zusammen sein willst.“ Er küsst sie. Und noch mal. „Das Erstellen eines Profils auf einer Dating-Website war die beste Entscheidung, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe. Als mir dein Profil auffiel, wusste ich sofort, dass du es bist, auf die ich gewartet habe.“ Der darauffolgende Kuss hält die Zeit einen Moment an.

Silke lächelt sanft. „Wenn wir so weitermachen, landet dieser Brief nie im Briefkasten.“

 

Auf dem Weg zum Briefkasten sprechen sie kein Wort miteinander. Sie gehen dicht nebeneinander, auf dem Rückweg wortlos und eng umschlungen. Als sie wieder im Haus sind, horcht Maarten einen Moment nach oben. „Sie schlafen fest. Jetzt brauche ich ein Glas Wein.“

Er denkt an den Umschlag, der jetzt auf dem Weg zur Wahrheit ist. Seit Lauras Andeutung rechnet er damit, dass er der biologische Vater von Diana ist, aber nicht von Flor. Er hält seine Gedanken für verwerflich und absurd, weil sein Verdacht auf einer vagen Hindeutung seiner Frau beruht? Seine Töchter sehen ihm beide ähnlich. Flor hat eindeutig seinen Mund und auch dieselben großen Ohren. Diana hat seine glatten Haare und lacht wie er. Warum gibt er dann dem Zweifel eine Chance?

„Was ist nur mit dir?“, bohrt Silke weiter.

Maarten nimmt einen kräftigen Schluck Wein. „Gib mir bitte einen Moment. Tut mir leid.“

Silke stellt ihr Glas ab. „Nein! Kein tut mir leid. Weißt du denn nicht, dass du mit allem zu mir kommen kannst, dass ich verschwiegen bin? Was immer du mir anvertraust, es ist bei mir gut aufgehoben. Selbst wenn es zwischen uns kein Treffen mehr geben sollte.“

„Ich werde dich nie gehen lassen“, erwidert Maarten.

 

Die Wettervorhersage verspricht den ersten sonnigen Sonntag im Mai. Es ist windstill und es sollen neunzehn Grad werden.

„Lass uns an die Maarland-See fahren“, schlägt er den Mädchen vor.

„Dort bekommen wir einen Sonnenbrand. Einfach so!“, behauptet Flor.

Maarten schaut seine Tochter an. Da spricht Laura. Er versucht, seiner Irritation keinen Raum zu geben. „Wir ziehen doch sicher eine Jacke an?“

Flor reagiert verstimmt. Wie ihre Mutter, wenn sie ihren Willen nicht bekommt. Flor gibt nicht auf. „Warum gehen wir nicht in den Wald? Dann bekommen wir keinen Sand in unsere Schuhe. Das Laufen am Strand macht mich außerdem immer so müde“, nörgelt sie weiter.

Maarten zögert.

„Ich möchte auch lieber in den Wald gehen, Papa“, sagt Diana.

Flor triumphiert.

Wie ihre Mutter.

„Wir fahren ans Meer! Ende der Diskussion“, entscheidet Maarten.

 

Die Mädchen suchen im Sand nach Muscheln.

„Was genau war das zwischen Flor und dir?“, erkundigt sich Silke.

„Sie hat sich wie ihre Mutter verhalten.“

Silke nimmt seine Hand. „Und das hat dir nicht gefallen?“

„Richtig. Verdammt. Ich bin unfair. Ich habe vor einigen Tagen einen Brief von Lauras Anwalt erhalten und lasse es an meiner kleinen Tochter aus. Sie verlangt achthundert Euro pro Monat an Unterhalt für die Kinder und fünfhundert für sich.“

„Wie bitte? Warum für sich? Kommt sie nicht über die Runden mit dem, was sie mit ihrem Schönheitssalon verdient?“

„Würde sie vier Tage pro Woche arbeiten, wäre das kein Problem. Aber Madame reichen zwei Tage. Sie ist eine rachsüchtige Bitch, die mein letztes Hemd will.“

Silke überlegt. „Vielleicht fällt sie eines Tages vom Rand der Erdkugel in das tiefe dunkle Universum.“ Sie grinst. „Okay, Spaß beiseite. Was wirst du dagegen unternehmen?“

„Ich treffe meinen Anwalt am Dienstag und werde ganz sicher dagegen vorgehen. Laura zieht den Prozess schon viel zu lange hinaus, diese ganze Scheidung zerrt an meinen Nerven. Ich bin froh, dass wir vor unserer Eheschließung einen Ehevertrag aufgesetzt haben. Sie bekommt keinen Cent von mir. Sie kann dort wohnen bleiben, solang die Mädchen bei ihr sind. Das Haus ist nur mit einer kleinen Hypothek belastet, die ich übernehmen werde. Später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, verkaufe ich es. Der Anwalt hat schon einen soliden Mietvertrag aufgesetzt.“

Silke kraust die Stirn. „Und du wirst weiterhin in dem Appartement über deiner Firma wohnen?“

„Vorerst. Vielleicht wird mich jemand, der in einem freistehenden Haus mit einem großen Garten wohnt, irgendwann bitten, bei ihr einzuziehen.“

Silke sieht ihn zärtlich an und Maarten zieht sie fest an sich.

In Gedanken ist er woanders. Es ist die Art von Tag, an dem Kinder mit Sonnenstich ins Krankenhaus kommen und halb demente Ehefrauen an Dehydrierung sterben.

 

 
Kapitel 6

Maarten

 

Er kennt Hendrik und Annabelle Fischer seit der Schulzeit. Sie waren in derselben Schülergruppe aufeinandergetroffen und hatten sich sofort gefunden. Annabelle war diejenige, die vorschlug, Freunde zu werden. Sie hätte keine Brüder, sagte sie und war felsenfest davon überzeugt, dass Männer das in einer Freundesclique wunderbar kompensieren könnten. Sie amüsierte sich über ihre Entschlossenheit. Hendrik meinte, dass es kein Entkommen aus dieser neuen Art von Familienbeziehung gäbe. Von da an war ihre Freundschaft eine beschlossene Sache.

Sie sind immer noch gute Freunde, auch wenn einer von ihnen bereits tot ist. Nachdem sie ihre Schulzeit und ihre Ausbildung beendet hatten, beschlossen sie, dass sie sich alle zwei Monate im Freundeskreis treffen sollten und hatten das auch eingehalten. Die Lebenspartner waren allerdings von den Treffen ausgeschlossen. So war es immer gewesen und so sollte es auch bleiben.

Dieses Jahr kamen sie zum ersten Mal am Tag des tödlichen Unfalls ihres Freundes nicht zusammen. Sie hatten beschlossen, diesen Tag, den keiner von ihnen jemals vergessen wird, für immer ruhen zu lassen.

Sein Leben und das seiner Freunde hätte ganz normal verlaufen können. Hätten sie sich anders entschieden, wäre der Unfall nicht geschehen, ihre Biografie würde heute einer anderen gleichen, einer schöneren. Ab einem bestimmten Punkt hatte das Geschehen Macht über sie gewonnen, und sie waren nicht mehr fähig, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was weiß ich. Wir können es nicht mehr ändern. Schuldgefühle helfen niemandem. Sie führen zum Stillstand. Schluss damit! Es ist nun mal geschehen. Die Vergangenheit ist eine Belastung für seinen Seelenfrieden.

Dennoch grübelt er besonders in diesem Jahr über den Unfall, obwohl er sich nicht mehr damit belasten will. Er erwischt sich bei einem Wunsch. Oder ist es nur eine Idee? Eine Fantasie? Jeder hätte vor sieben Jahren das Opfer oder zur falschen Zeit am falschen Ort sein können. Auch Laura.

Was hat Silke gesagt? Laura soll vom Rand der Erde ins Universum fallen …

Es ist ein Wunschgedanke, und im Nachhinein schämt er sich deswegen. Er muss aufhören, Laura mit dem Tod zu assoziieren. Die Kinder brauchen ihre Mutter. Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, was er da denkt? Aber sind Flor und Diana tatsächlich seine Kinder? Er wird es erst dann wissen, wenn die Ergebnisse der DNA-Tests auf seinem Schreibtisch liegen.

Laura, die Schlampe hätte besser ihr Maul halten sollen.