Februarblut - Bernd Schumacher - E-Book

Februarblut E-Book

Bernd Schumacher

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Beschreibung

1953. Ein NSU-Motorrad. Ein Kommissar aus Sachsen. Und Tote in der Karnevalszeit. Ausgerechnet zu Beginn der Karnevalszeit erschüttert ein brutaler Mord auf dem Gelände der Mädchen­schule das friedliche Städtchen Rheinbach in der Voreifel. Weitere Morde folgen. Walter Seibold, Kommissar der Bonner Mordkommission, ist nicht begeistert, als er zwecks Ermittlungen abkommandiert wird. Erst spät kommt er auf die Spur eines dunklen Geheimnisses, dessen Ursprung in den Wirren der letzten Kriegstage zu suchen ist.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Autoreninfo

Bernd Schumacher, Jahrgang 1952, ist verheiratet und lebt in Rheinbach. Er ist seit 1981 Lehrer am Staatlichen Berufskolleg Glas Keramik Gestaltung des Landes NRW Rheinbach. Seit über vierzig Jahren ist er außerdem Frontmann der Rheinbacher Rockgruppe »Tiebreaker«. Bei cmz erschien 2014 sein im 17. Jahrhundert spielender Kriminalroman »Die Rückkehr der Hexe«.

Haupttitel

Bernd Schumacher

Februarblut

Eifel-Krimi

Vollständig überarbeitete Neuausgabe

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2016 by CMZ-VerlagAn der Glasfachschule 48, 53359 RheinbachTel. 02226-9126-26, Fax 02226-9126-27, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild:Fachwerkhaus (Slick, Wikimedia Commons)

Umschlaggestaltung:Lina C. Schwerin, Hamburg

eBook-Erstellung:rübiarts, Reiskirchen

ISBN Paperback 978-3-87062-166-7ISBN epub 978-3-87062-271-8ISBN mobi 978-3-87062-272-5

20160219

www.cmz.de

www.schumacher-rheinbach.de

Widmung

Für meine Frau Ruthund meine Töchter Susanne und Jennifer,die mich ermutigt haben,diesen Roman zu schreiben.

Inhalt

Erstes Kapitel

Montag, 9. Februar 1953, 13 Uhr 25

Montag, 9. Februar 1953, 16 Uhr 10

Zweites Kapitel

Dienstag, 10. Februar 1953, 11 Uhr 20

Dienstag, 10. Februar 1953, 12 Uhr 10

Dienstag, 10. Februar 1953, 16 Uhr 50

Dienstag, 10. Februar 1953, 20 Uhr 35

Drittes Kapitel

Mittwoch, 11. Februar 1953

Mittwoch, 11. Februar 1953, 10 Uhr 50

Mittwoch, 11. Februar 1953, 16 Uhr 38

Viertes Kapitel

Donnerstag, 12. Februar 1953, 7 Uhr 12

Donnerstag, 12. Februar 1953, 9 Uhr 12

Donnerstag, 12. Februar 1953, 10 Uhr 35

Donnerstag, 12. Februar 1953, 16 Uhr 10

Donnerstag, 12. Februar 1953, 17 Uhr 50

Fünftes Kapitel

Freitag, 13. Februar 1953, 7 Uhr 58

Freitag, 13. Februar 1953, 8 Uhr 20

Freitag, 13. Februar 1953, 10 Uhr 45

Freitag, 13. Februar 1953, 12 Uhr 25

Freitag, 13. Februar 1953, 15 Uhr 25

Freitag, 13. Februar 1953, 17 Uhr 12

Sechstes Kapitel

Samstag, 14. Februar 1953, 6 Uhr 42

Samstag, 14. Februar 1953, 10 Uhr 23

Samstag, 14. Februar 1953, 19 Uhr

Siebtes Kapitel

Sonntag, 15. Februar 1953, 0 Uhr 15

Sonntag, 15. Februar 1953, 8 Uhr 47

Sonntag, 15. Februar, 11 Uhr 15

Sonntag, 15. Februar 1953, 14 Uhr 40

Achtes Kapitel

Rosenmontag, 16. Februar 1953, 8 Uhr

Rosenmontag, 16. Februar 1953, 16 Uhr 50

Rosenmontag, 16. Februar 1953, 19 Uhr 12

Neuntes Kapitel

Veilchendienstag, 17. Februar 1953, 6 Uhr 45

Veilchendienstag, 17. Februar 1953, 14 Uhr 5

Veilchendienstag, 17. Februar 1953, 15 Uhr 40

Zehntes Kapitel

Dienstag, 17. März 1953, 8 Uhr 45

Nachwort

Die »Februarblut«-Wanderung

Erstes Kapitel

Montag, 9. Februar 1953, 13 Uhr 25

»Tassilo, Tassilo!« Der Ruf des Jungen hallte von den Wänden des stillgelegten Steinbruchs wider, verstärkt durch die klare Luft des kalten Winters im Februar des Jahres 1953, der die Voreifel schon seit mehr als drei Wochen nicht aus seinen Klauen ließ.

Er war, wie jeden Tag nach der Schule, auf seiner Runde mit dem Jagdhund seines Vaters unterwegs, die ihn von seinem Zuhause, der Ölmühle, an den Rand des Rheinbacher Stadtwaldes führte. Dort hatte er zunächst auf dem Schwanenweiher einige Bahnen auf dem zugefrorenen See gedreht, bevor er sich zu seinem Lieblingsspielplatz aufmachte, der wie kein anderer Ort die Abenteuerlust eines Zehnjährigen weckte. Wie schon oft hatte er mit seinen Spielkameraden die steilen Hänge erklettert oder war im Geiste auf dem Rücken seines Pferdes von einer Seite des Steinbruchs zur anderen galoppiert. Doch jetzt war dafür keine Zeit. Seine Mutter wartete mit dem Mittagessen.

»Tassilo, Tassilo!« Seine schrille Stimme schreckte einige Kolkraben auf, die mit frechem Gekrächze aus den Wipfeln einer Buche davonflogen. Warum hörte der Hund nicht?

Seine Aufmerksamkeit musste durch etwas Besonderes in Anspruch genommen worden sein, denn er war gut erzogen und gehorchte ansonsten aufs Wort. Der Junge lief einige Schritte und stieg dann in ein Gebüsch, in das er Tassilo hatte verschwinden sehen. Nachdem er sich durch die verschneiten Zweige des Dickichts gezwängt hatte, konnte er den Hund sehen, der wie wild in dem gefrorenen Boden scharrte. Schnee und gefrorene Erdbrocken wirbelten dem Jungen entgegen. Er hielt die Hände schützend vors Gesicht.

»Mensch, Tassilo«, rief er verärgert. »Was machst du denn hier? Mama wartet doch mit dem Essen auf uns.«

Doch weder die unmittelbare Nähe des Jungen noch seine mahnenden Worte konnten den Hund von seinem Tun abhalten. Erst ein harter Klaps auf sein Hinterteil zeigte Wirkung. Jaulend drehte sich Tassilo um und zeigte seine Beute. Der Junge erkannte einen großen Knochen, den der Hund triumphierend zwischen seinen starken Kiefern hielt.

»Was hast du da schon wieder ausgegraben?«, fragte der Junge ungeduldig und versuchte Tassilo den Knochen zu entreißen. Das war gar nicht so einfach, denn der Hund war nicht gewillt, seine Beute so rasch wieder aufzugeben. Erst als der Junge mehrmals heftig an dem Knochen zerrte, ließ er ihn los.

»Jetzt aber ab nach Hause!«

Der Junge leinte seinen Hund an und warf den Knochen, so hoch er konnte, in den Hang des Steinbruchs. Dort rutschte er noch einige Meter die Böschung hinab, bevor er sich in einem Ginsterbusch verfing.

Montag, 9. Februar 1953, 16 Uhr 10

Schwester Maria Ignatia war schon seit siebenunddreißig Jahren Ordensschwester im Rheinbacher Kloster, welches der Orden der »Schwestern unserer lieben Frau« im Jahre 1911 in Rheinbach erbaut hatte. Das mächtige, im Neobarock-Stil erbaute Gebäude lag an der Tomberger Straße, einer schönen Baumallee, die den Südwesten der Kleinstadt mit dem Stadtwald verband. Es war Maria Ignatia zur lieben Gewohnheit geworden, kurz vor der Dämmerung und dem gemeinsamen Abendgebet dem muffigen Geruch des Klosters zu entfliehen und einen ausgedehnten Spaziergang im Klosterpark zu machen. Besonders der hintere Teil des Parks hatte es ihr angetan.

Hier erfreute sie sich im Sommer an den von den Klostergärtnern angelegten Blumenbeeten mit ihrer bunten Pracht. Obwohl diese jetzt im Winter verschwunden waren und auch die kalte Witterung der alten Ordensschwester arg zusetzte, wollte sie nicht auf die liebgewonnene Abwechslung verzichten.

Mit einem langen, gefütterten Wintermantel und dicken Wollhandschuhen stieg sie die Treppe zur Nebenpforte hinunter.

Leise ließ sie die schwere Eingangstür hinter sich ins Schloss fallen, denn sie wusste, dass Schwester Ludwiga, die Oberin des Klosters, es gar nicht gerne sah, dass die älteren Schwestern im Winter bei Schnee und Glatteis das Kloster verließen.

Mit kleinen Schritten trippelte sie von der Pforte auf den verschneiten Parkweg. Das Geräusch ihrer Schuhe auf dem verharschten Schnee bereitete ihr sichtlich Vergnügen. Sie zog ein kleines Büchlein aus dem Ärmel ihres Mantels: der Sonnengesang des Heiligen Franziskus, ihre Lieblingslektüre, in der der Heilige den Schöpfer so wundervoll für die Vollkommenheit der Natur pries.

Sie kannte den Weg so gut, dass sie es sich leisten konnte, ihre Aufmerksamkeit den Liedern des Buches zu widmen, ohne in Gefahr zu geraten, vom Weg abzukommen.

Nach einer Weile, als sie sich auf der Höhe einer kleinen Tannenschonung im hinteren Teil des Klosterparks befand, glaubte sie ein Geräusch zu hören. Sie unterbrach ihren Spaziergang und lauschte in die Stille.

Nichts. Sie schüttelte den Kopf.

Wer sollte sich um diese Uhrzeit auch in diesen Winkel des Parks verirren? Tiere des nahen Waldes konnten es auch nicht sein, da das Klostergelände von einem hohen Zaun umgeben war.

Doch dann hörte sie wieder etwas!

Nein, es konnte keine Einbildung sein. Es war ein Geräusch, als würde jemand gegen Metall klopfen.

In diesem Augenblick sah sie ganz deutlich Fußspuren auf dem Weg, der in die Tannenschonung hineinführte. Auch das war ungewöhnlich. Sie war sich ganz sicher: Diese Spuren waren gestern Abend noch nicht dagewesen. Der Weg führte zu einer Bunkeranlage, die sich die Ordensschwestern 1942 hatten bauen lassen.

Jetzt waren diese Bunker, Gott sei Dank, nutzlos. Jeder im Kloster mied diesen Ort, der so sehr an die schrecklichen Geschehnisse des Krieges erinnerte.

Einen Moment zögerte sie.

Ihre Vernunft sagte ihr, dass sie besser so schnell wie möglich zum Kloster zurückkehren sollte, um ihre Beobachtungen zu melden. Schließlich siegte jedoch ihre Neugier. Langsam folgte sie dem kleinen Pfad in die Schonung. Als sie die Bunkeranlage von weitem sehen konnte, glaubte sie, Licht aus dem Treppenabgang zum Bunker schimmern zu sehen. Gerade hatte sie sich entschlossen weiterzugehen, als das Licht erlosch.

Instinktiv suchte sie Schutz hinter einer kleinen Fichte.

Eine Gestalt in einem langen, schwarzen Ledermantel stieg langsam die Betontreppe empor, die in das Innere des Bunkers führte. Der Mann hatte eine Taschenlampe in der Hand. An der obersten Stufe verharrte er noch einen Moment, schaute sich prüfend um und setzte sich dann in Richtung der alten Schwester in Bewegung.

Hatte er sie gesehen?

Einen Augenblick glaubte sie, dass ihr Herz vor Angst stehen bliebe. Nun war er so nah, dass sie ihn hätte berühren können. Sie begann zu beten: »Gegrüßest seist du, Maria …« Als sie mit großer Erleichterung sah, dass sich der Mann mit schnellen Schritten entfernte, war es ihr ein Bedürfnis, das Gebet an ihre Schutzpatronin aus Dankbarkeit bis zum Ende zu sprechen.

Eine Weile harrte sie noch in ihrem Versteck aus und lauschte den Schritten. Als sie nichts mehr hörte, tastete sie sich langsam in Richtung Bunkereingang und stieg die Treppe hinunter. Sie erkannte, dass jemand die schwere Eisentür, die normalerweise den Weg in den Bunker versperrte, aufgebrochen hatte. Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, öffnete sie vorsichtig die Tür.

Ein penetranter Geruch aus Blut und Schweiß stieg ihr entgegen. Obwohl die einsetzende Dämmerung den Bunkerraum kaum erhellte, konnte sie schemenhaft das Innere des Bunkers erkennen. Sie glaubte zunächst ein riesiges Kreuz zu sehen, ähnlich dem, das über dem Altar der Klosterkapelle hing. Doch als sie einige Schritte näherkam, wusste sie, dass sie sich getäuscht hatte.

Sie prallte zurück.

Was Schrecklicheres hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Die Szenerie erinnerte sie an die Gestalten der apokalyptischen Bilder der Maler Breughel und Bosch, die die Fantasien ihres bigotten Geistes schon so oft geängstigt hatten. Es war ein Mensch, der dort an den Armen an der Bunkerdecke aufgehängt war.

Der Kopf war eine einzige blutige Masse. Obwohl er vornüberhing, konnte sie die starren Augen und die heraushängende Zunge erkennen. Der Körper war auf Höhe der Kniekehlen eingeknickt, so dass die Knie fast den Boden berührten.

Schwester Maria Ignatia wollte schreien, aber ihrem Mund entfuhr nur ein kehliger Laut. Sie drehte sich um und hastete nach draußen. Durch den Schock hatte sie die Orientierung verloren und prallte mit dem Kopf gegen die Eisenzarge der Bunkertür. Trotzdem gelang es ihr, die Treppenstufen zu erreichen. Benommen kroch sie auf allen vieren nach oben.

Als sie das Ende der Treppe erreicht hatte, spürte sie, wie ihr das Blut von der Stirn auf ihre Lippen lief.

Ihr wurde schwarz vor Augen.

Dann brach Schwester Maria Ignatia zusammen.

Zweites Kapitel

Dienstag, 10. Februar 1953, 11 Uhr 20

Der Motorradfahrer ärgerte sich insgeheim, nicht auf den guten Rat seines Vorgesetzten gehört zu haben. Hausschildt hatte ihm empfohlen, bei diesen Witterungsverhältnissen mit dem Zug zu fahren. Besonders die Abfahrt in die kleine Senke kurz vor Flerzheim auf der Straße von Witterschlick nach Rheinbach war selbst bei geringer Geschwindigkeit wegen des Glatteises äußerst gefährlich. So entschloss sich Walter Seibold, lieber abzusteigen und sein Motorrad, eine NSU, den Hang hinabzuschieben.

Er hatte die Wetterbedingungen in der Voreifel unterschätzt. In Bonn waren alle Straßen schon seit Wochen schnee- und eisfrei.

Seibold war gespannt, welche Überraschungen ihn in den nächsten Tagen noch in dieser Gegend erwarteten.

Als er den Blick in Richtung Flerzheim hob, konnte er die ersten schneebedeckten Höhen der Eifel erkennen. Walter Seibold war in Sachsen aufgewachsen. So überfiel ihn bei diesem Anblick ein wenig Wehmut, erinnerte ihn dieses Bild doch sehr an seine Heimat. In seiner Kindheit war er oft mit seinen Eltern im Winter von Dresden zu Verwandten ins Erzgebirge gefahren, wobei sie bei der Reise ein ähnliches Panorama vor Augen hatten.

Am Fuße der Senke kontrollierte er, ob der Koffer, den er hinter dem Sattel mit zwei Gummiriemen befestigt hatte, noch ausreichend hielt, und startete seine NSU erneut.

Gestern Abend war er gegen einundzwanzig Uhr von Clemens Hausschildt, dem Leiter der Mordkommission in Bonn, benachrichtigt worden. Man hatte sich entschlossen, ihn nach Rheinbach abzukommandieren, um einen Mordfall aufzuklären, der sich dort in einem Kloster ereignet hatte.

Seibold hatte sich zunächst mit Händen und Füßen gegen diesen Spezialeinsatz in der Provinz gewehrt. Aber dem Argument seines Chefs, dass es ihm als einzigem ledigen Kriminalbeamten in der Abteilung am ehesten zuzumuten sei, auch einmal einige Tage außerhalb von Bonn zu ermitteln, hatte er nichts entgegensetzen können.

Als er Flerzheim passiert hatte und in Richtung Ramershoven weiterfuhr, heiterten ihn das schöne Sonnenwetter und der frische Fahrtwind auf. Wenn nur diese verdammten Kopfschmerzen, die ihn seit dem frühen Morgen wieder plagten, endlich nachlassen würden!

Vielleicht war der Fall ja auch schnell aufgeklärt, dachte er, so dass er spätestens am Wochenende wieder nach Bonn zurückkehren konnte. Er hatte sich nämlich mit einigen Kollegen zum Rosenmontagszug verabredet. Hinter Ramershoven konnte er schon bald die Wahrzeichen Rheinbachs erkennen: den hohen Turm der Kirche St. Martin und die Reste der mittelalterlichen Wehrtürme. Die dunklen, massigen Mauern des Zuchthauses im Norden der Stadt waren ebenfalls gut sichtbar.

Auf den letzten Kilometern kreisten seine Gedanken um das, was ihn an seinem Zielort erwarten würde. Er hatte von Clemens Hausschildt erfahren, dass es sich um ein besonders grausames Verbrechen handelte. Und dann dieser außergewöhnliche Tatort – ein Kloster! Wie würde er als Fremder in Rheinbach aufgenommen werden?

Seibold wusste, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung und den Polizeikollegen vor Ort für den Erfolg seiner Ermittlungen war. Als er die ersten Häuser Rheinbachs erreichte, führte ihn die Landstraße über eine Eisenbahnbrücke. Dann folgte er der Gymnasiumstraße bis zur Straße Am Voigtstor. Dort bog er rechts ab in Richtung Stadtmitte. Kurz vor der Kirche entschied er sich, in einem Friseursalon nach der Polizeiwache in Rheinbach zu fragen.

Seibold betrat die Polizeiwache ohne seinen Koffer. Er hatte ihn auf seinem Motorrad zurückgelassen, denn nach seinem Antrittsbesuch wollte er so schnell wie möglich ein Quartier für die nächsten Tage suchen. Seine Blicke glitten durch den Raum.

Die Einrichtung der Wache war spartanisch: Rechts neben der Eingangstür standen eine einfache, ungepolsterte Sitzgarnitur und ein kleiner Holztisch, an der Wand darüber hing ein Bild des Bundespräsidenten Theodor Heuss. Auf der linken Seite war eine große Informationstafel mit Bekanntmachungen und Steckbriefen angebracht. Im hinteren Teil des Raumes befand sich ein Tresen, der Seibold an die Rezeption eines Hotels erinnerte und auf dem allerlei Schreibutensilien abgelegt waren. In dem Raum war kein Mensch zu sehen. Eine Tür hinter dem Tresen verband die Wache mit einem Nebenraum. Von dort war zu hören, wie jemand auf einer Schreibmaschine tippte.

Seibold stützte sich mit seinen Unterarmen auf den Tresen und räusperte sich.

Die Tippgeräusche endeten abrupt. Kurz darauf erschien eine schlanke, elegant gekleidete Frau.

Sie war hübsch und hatte eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Als die Frau ihn anlächelte, stockte ihm der Atem. Es war nicht ihre Figur, nicht ihre Haarfarbe, nicht ihr Aussehen. Was ihn faszinierte, war ihr Lächeln. Er traute seinen Augen nicht. Das konnte es doch nicht geben, dachte er, dass zwei Menschen das gleiche Lächeln haben können.

Die Frau bemerkte seinen Blick. »Ja, bitte?« Sie sah ihn abwartend an. »Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?«

Nur langsam gewann Seibold seine Selbstsicherheit zurück. »Äh, ent… entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Seibold, Walter Seibold, von der Kripo Bonn.«

»Ah, Herr Seibold, wir haben Sie schon erwartet. Herr Hausschildt hatte Ihr Kommen bereits für den Morgen angekündigt.«

»Das Wetter«, entgegnete Seibold, noch immer mit einer spürbaren Unsicherheit in der Stimme. »Schuld war das Glatteis, ich bin mit dem Motorrad gekommen«, fügte er entschuldigend hinzu. Obwohl ihm klar war, dass es dafür eigentlich keinen Grund gab, denn es war keine genaue Uhrzeit für seine Ankunft vereinbart worden.

»Unsere beiden Polizisten haben lange auf Sie gewartet. Herr Vornhagen ist sogar zum Bahnhof gefahren, um Sie vom Zug abzuholen. Jetzt sind beide in dringenden dienstlichen Angelegenheiten unterwegs. Herr Vornhagen ist mit Staatsanwalt Dr. Brandt zum Tatort gefahren, und Herr Raaf gibt wie jeden Dienstag Verkehrsunterricht in der Volksschule.«

»Ich hätte besser wirklich vorher anrufen sollen, dass ich mit dem Motorrad komme«, sagte Seibold. Ärgerlich bemerkte er, dass er sich schon wieder entschuldigte. »Ich glaube, es ist am besten, wenn ich mich gleich zu den beiden Herren an den Tatort begebe.«

»Das wird keinen Sinn mehr haben«, erwiderte die Frau. »Dr. Brandt wollte mit dem Zug um kurz nach elf schon wieder zurück nach Bonn, da er noch einen dringenden Termin am Landgericht hat.«

»Gut«, entgegnete Seibold. »Dann werde ich mir zunächst eine Bleibe für die Dauer der Ermittlungen suchen.«

Sie setzte wieder ihr Lächeln auf. »Das habe ich bereits für Sie erledigt. Ich habe Ihnen ein Zimmer im HotelBurrenkopf reserviert. Übrigens, das einzige Hotelzimmer mit Bad in Rheinbach.«

»Danke …, vielen Dank«, entgegnete Seibold. Er warf noch einmal einen kurzen, unsicheren Blick auf das lächelnde Gesicht. Dann drehte er sich um und sagte: »Ich nehme an, wir werden uns in der nächsten Zeit noch öfter sehen.«

»Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen, Herr Seibold. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Rheinbach. Mein Name ist übrigens Traudel Henrich, ich bin die Sekretärin hier auf der Wache.« Sie begleitete den Kommissar an die Tür und erklärte ihm den Weg zu seiner Unterkunft.

Als Seibold sein Motorrad bestieg, fragte sie: »Sie kommen aber nicht hier aus der Gegend, Herr Seibold, oder?«

Er trat sein Motorrad an und schüttelte den Kopf.

Da er bereits seine Motorradbrille trug, konnte Traudel Henrich seinen ärgerlichen Gesichtsausdruck nicht sehen. Walter Seibold wusste: Wenn er aufgeregt war, sächselte er wie der Teufel.

Dienstag, 10. Februar 1953, 12 Uhr 10

»Der Wirt, der hürt net joot, do mos de laut brölle, wenn der dich hühre soll!«

Walter Seibold stand im Gastraum des HotelBurrenkopf und wurde mit diesen Worten von einem rothaarigen, kräftigen Kerl in Metzgerkluft angesprochen. Er saß mit zwei anderen Burschen am Stammtisch rechts neben der Theke und spielte Karten. Seibold hatte noch einige Mühe, den rheinischen Dialekt zu verstehen, doch so viel war ihm klar: Der Wirt musste schwerhörig sein. Schon dreimal hatte er ihn gerufen, ohne dass er irgendeine Reaktion gezeigt hatte. Seibold den Rücken zukehrend, räumte der Mann in aller Ruhe Gläser in den Hängeschrank hinter der Theke ein.

Der Kriminalkommissar wiederholte seine Frage, aber diesmal erheblich lauter.

Der Wirt hielt inne, drehte sich langsam um und fixierte Seibold mit einem finsteren Blick. »Pass op, du Pimmock*«, sagte er. »Der einzije, der hä en der Kneip rombröllt, dat ben ich. Wenn de ken Jedold häs, jank ding Bier woanders drönke!«

Walter Seibold verschlug es die Sprache. Aus seinen Augenwinkeln sah er, wie die Kartenrunde sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug. Seibold wollte gerade seinem Ärger Luft machen, als er hinter sich eine Stimme vernahm.

»Lass es gut sein, Hein. Das ist Herr Seibold von der Kripo Bonn. Er will uns helfen, den Mörder vom Gerd zu finden. Ich nehme an, Traudel hat schon ein Zimmer für ihn reserviert.«

Seibold drehte sich um. Er sah einen großen, schlanken Mann in Polizeiuniform auf sich zukommen, dessen Alter Seibold auf Mitte dreißig schätzte.

Der Polizist streckte ihm freundlich die Hand entgegen. »Willkommen in Rheinbach, Herr Seibold!« Mit einem Seitenblick auf die Kartenrunde am Stammtisch fuhr er fort: »Ich hoffe, der grobe Humor der Voreifler hat Sie nicht zu sehr verärgert!«

»In der Tat, sehr gewöhnungsbedürftig«, entgegnete Seibold, immer noch verstimmt. Die beiden Männer schüttelten einander die Hand.

Der Polizist nahm seine Polizeimütze ab. Schwarzgelocktes, volles Haar kam zum Vorschein. »Darf ich mich vorstellen?«, sagte er förmlich. »Hauptwachtmeister Anton Vornhagen. Und der da«, er deutete mit seinem Daumen hinter sich, «ist mein Kollege Manfred Raaf.«

Erst jetzt bemerkte Seibold den Polizeibeamten, der an der Eingangstür stehen geblieben war. Der Kommissar stutzte einen Moment, denn die beiden Polizisten gaben ein sonderbares Paar ab. Raaf war gut und gerne zwanzig Zentimeter kleiner als sein groß gewachsener Kollege, dafür war er breit und kompakt.

Mit einem offenen Lächeln ging Raaf auf Seibold zu und gab ihm die Hand. »Angenehm, Herr Kommissar, ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.«

»Ich würde vorschlagen, Herr Seibold, dass Sie zuerst Ihren Koffer auf Ihr Zimmer bringen und sich einrichten«, übernahm Vornhagen wieder das Gespräch. «Wir warten hier solange auf Sie und nehmen eine kleine Erfrischung ein.« Bei diesen Worten zwinkerte Vornhagen dem Wirt zu, der sich unverzüglich daran machte, Bier zu zapfen.

Der Kommissar nickte. »Dann bis gleich«, sagte er, griff nach seinem Koffer und folgte dem Wirt durch eine Tür, die zu einer Treppe in die obere Etage führte.

In viel zu groß geratenen Pantoffeln schlurfte der Wirt die Treppe hoch und blieb auf dem oberen Flur vor der Tür mit der Nummer fünf stehen. Er schloss auf und ließ Seibold eintreten. Als er ihm die Zimmerschlüssel übergab, brummte er: »Nix für unjut, ich han dat evens net esu jemeent.«

Seibold gab mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass auch er bereit war, den Vorfall zu vergessen.

Als er alleine war, setzte er sich auf die Bettkante und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Dann dachte er an die ersten Eindrücke, die er von Rheinbach bekommen hatte, und schüttelte den Kopf.

Vier Bier und eine Bockwurst standen schon auf den Deckeln der Rheinbacher Polizisten, als Seibold sich zu ihnen an den Tisch setzte.

»Sind Sie mit dem Zimmer zufrieden?«, erkundigte sich Anton Vornhagen. »Ist schon in Ordnung«, entgegnete Seibold. »Besonders das Bad ist sehr großzügig.«

»Sie haben doch bestimmt Hunger?« Vornhagen wartete Seibolds Antwort nicht ab, sondern drehte sich zur Theke und rief: »Hein, serviere unserem Gast bitte Bockwurst mit Kartoffelsalat und ein Kölsch! Der selbstgemachte Kartoffelsalat im Hause Burrenkopf ist ein Gedicht«, wandte er sich wieder an Seibold, »den müssen Sie unbedingt probieren!«

»Danke, aber bitte noch kein Bier«, sagte Seibold abwehrend, »das ist mir noch etwas zu früh am Tag.«

»Dann dohn em e Zitsch**, Hein«, mischte sich Raaf ein und wischte sich mit dem Handrücken Mayonnaise von den Lippen.

Vornhagen griff in die Uniformtasche und fingerte eine Zigarettenschachtel der Marke Eckstein heraus. Nachdem er sich die Zigarette angezündet hatte und den ersten tiefen Zug geräuschvoll ausgeatmet hatte, sagte er: »Ich gebe Ihnen am besten zunächst einen Überblick über den Stand der Dinge.«

Seibold stimmte mit einem Kopfnicken zu.

Der Hauptwachtmeister konzentrierte sich und schaute sich um. Er hatte bemerkt, wie neugierig die Kartenspieler und die übrigen Gäste das bisherige Gespräch verfolgt hatten, denn der Mord hatte für einigen Wirbel in der Kleinstadt gesorgt.

Dann begann er seinen Bericht mit gedämpfter Stimme. »Gestern kurz vor Dienstschluss rief mich Schwester Ludwiga an, die Oberin unseres Klosters. Sie war so aufgeregt, dass ich sie kaum verstand. Ich wusste nur, dass etwas Schreckliches passiert sein musste.« Vornhagen zog wieder an seiner Zigarette. »Ich fuhr sofort zum Kloster. Als ich dort ankam, wurde gerade eine alte Frau mit einem Rettungswagen abtransportiert. Später erfuhr ich, dass es Schwester Maria Ignatia war. Sie war es, die den Toten gefunden hatte. Die Oberin führte mich zum alten Klosterbunker. Dann sah ich ihn dort hängen, Gerd … Gerd Schragen.«

Vornhagen machte eine Pause.

Er sog den Zigarettenrauch tief ein und rang sichtlich nach Fassung.

»Kannten Sie das Opfer?«, fragte Seibold.

»Und ob«, entgegnete Vornhagen. »Wir sind Freunde. Wir haben die gleiche Schulklasse besucht. Außerdem spielen wir seit Jahren bei TC Rot-Weiß zusammen Tennis.«

Der Polizist holte sich einen Aschenbecher vom Nebentisch.

»Gerd war schrecklich zugerichtet.«

Wieder machte er eine Pause und vergewisserte sich, dass die übrigen Gäste im Schankraum ihn nicht verstehen konnten.

»Sein Kopf war übersät mit Wunden. Ich hatte Mühe, ihn zu erkennen. Nach einer kurzen Inspektion des Tatorts habe ich sofort die Mordkommission in Bonn informiert.«

»Warum haben Sie und der Staatsanwalt mit der Besichtigung des Tatortes nicht auf mich gewartet?«, fragte Seibold in einem vorwurfsvollen Ton.

»Darauf hatte ich keinen Einfluss«, rechtfertigte sich Vornhagen. »Dr. Brandt wollte nicht länger warten, angeblich wegen Terminschwierigkeiten.«

Typisch Brandt, dachte Seibold, er war bei den Ermittlungsbehörden wegen seines selbstherrlichen Auftretens alles andere als beliebt. Seibold war deshalb schon einige Male mit ihm aneinandergeraten. »Dann sehe ich mir das Mordopfer und den Tatort eben jetzt an«, sagte er und stand auf.

Raaf und Vornhagen sahen sich an.

»Das geht nicht.« Vornhagen räusperte sich verlegen. »Die Leiche ist bereits abtransportiert, um von Dr. Schmitt, unserem Pathologen, untersucht zu werden.«

Seibold traute seinen Ohren nicht. Er setzte sich langsam wieder auf seinen Stuhl und fragte ungläubig: »Was haben Sie? Die Leiche vom Tatort entfernt, ohne auf mich zu warten?«

»Es … es tut mir leid, Herr Seibold«, rechtfertigte sich der Polizeibeamte. »Aber es geschah mit der Erlaubnis des Staatsanwalts.«

Vornhagen zuckte verlegen mit den Schultern. »Ich konnte den Anblick einfach nicht mehr ertragen. Bedenken Sie doch, ich war mit ihm befreundet. Außerdem glaubten wir, dass uns der Verbleib des Mordopfers am Tatort zu keinen weiteren Erkenntnissen mehr führen würde.«

»Das darf doch nicht wahr sein«, schnaubte Seibold wütend. »Diese Entscheidung hätten Sie mir überlassen müssen.« Er überlegte einen Augenblick. Dann fragte er: »Ist denn wenigstens eine Fotografie von der Leiche und dem Tatort gemacht worden?«

Vornhagen schüttelte langsam den Kopf.

Seibold seufzte ob dieses Dilettantismus. Wie sollte er vernünftige Ermittlungen durchführen, wenn solche elementaren Fehler gemacht wurden? Der Kommissar erhob sich wieder von seinem Stuhl. »Dann schaue ich mir den Tatort eben ohne Leiche an!«

Als er auf dem Weg zur Garderobe war, um seinen Mantel zu holen, brachte Hein Burrenkopf das bestellte Essen und schaute ihn fragend an.

»Schreiben Sie es bei mir auf die Rechnung, Herr Burrenkopf, und geben Sie’s Herrn Raaf! Er sieht so aus, als könnte er noch eine Portion vertragen.«

Beim Herausgehen konnte Seibold sich nicht verkneifen, ironisch anzumerken: »Unsere Zusammenarbeit fängt ja hervorragend an, meine Herren! Einen schönen Tag noch allerseits!«

Als er den Schankraum verlassen hatte, schauten sich die Gäste amüsiert an. Auch wenn Seibold wütend war, sächselte er wie der Teufel.

Dienstag, 10. Februar 1953, 16 Uhr 50

Walter Seibold saß auf dem Flur im ersten Stock des Krankenhauses Maria Hilf und schaute nervös auf seine Uhr. Wo blieb Vornhagen nur? Er hatte schon fast eine halbe Stunde Verspätung.

Wieder stellte er sich die Frage, ob ihm die beiden Rheinbacher Polizisten bei der Aufklärung des Falles wirklich hilfreich sein konnten. Um sich abzulenken, schweifte sein Blick zu den Bildern an der gegenüberliegenden Wand, die ausnahmslos religiöse Motive zeigten. Mochten sie noch so kitschig sein, Seibold bemerkte, dass sie bei längerer Betrachtung eine gewisse Ruhe auf ihn ausstrahlten.

Er dachte noch einmal an die Geschehnisse des Nachmittags.

Die Besichtigung des Tatortes war, wie er vermutet hatte, wenig aufschlussreich gewesen. Die Personen, die bislang den Tatort aufgesucht hatten, hatten alle Spuren im Schnee außerhalb des Bunkers verwischt.

Auch im Bunker hatte er trotz intensiver Suche keine brauchbaren Beweise finden können, abgesehen von den Lederriemen, mit denen das Mordopfer an den Handgelenken aufgehängt worden war. Sie waren noch immer an dem Wasserrohr unter der Bunkerdecke befestigt gewesen. Nachdem er sie gelöst und in seiner Manteltasche verstaut hatte, betrat ein Klosterbediensteter den Raum, um die Blutflecken auf dem Boden zu beseitigen. Von ihm erfuhr Seibold, dass der Mörder wohl nicht durch das Haupttor des Klosters gekommen war. Er und Vornhagen hatten Spuren entdeckt, die zu einer kleinen Pforte am hinteren Ende des Klosterparks führten. Auch dort war die Eisentür aufgebrochen worden. Seibold verließ den Bunker und ließ sich die Spuren zeigen. Wenigstens diese waren unberührt und noch gut zu erkennen.

Auf dem Weg zurück in die Stadt hatte sich der Himmel immer mehr zugezogen. Die Temperatur war deutlich gefallen. Es roch regelrecht nach Schnee. Trotzdem hatten ihm der Fußweg und die frische Luft gut getan. Seine Kopfschmerzen hatten nachgelassen, und die Wut über die Ermittlungspanne war etwas verflogen.

Anschließend war er in sein Hotel zurückgekehrt und hatte auf dem Zimmer sein Hemd gewechselt. Dann war er in die Gaststube gegangen und hatte die Polizeiwache angerufen. Er erfuhr von Vornhagen, dass man die Ordensschwester, die Gerd Schragen im Bunker gefunden hatte, in das Rheinbacher Krankenhaus gebracht hatte.

Seibold und Vornhagen verabredeten, sich dort in einer Stunde zu treffen.

Es musste angefangen haben zu schneien, denn als Vornhagen den Krankenhausflur betrat, klopfte er sich Schnee von seinem Uniformmantel. »Verzeihen Sie meine Verspätung, Herr Seibold! Aber ich musste mich noch um einen Verkehrsunfall kümmern, der sich auf der Aachener Straße ereignet hatte«, erklärte er. »Es schneit wie verrückt.« Wie um dies zu unterstreichen, entfernte er die letzten Schneeflocken von seiner Polizeimütze.

Seibold wollte gerade antworten, als sich die Tür des Krankenzimmers, in dem Schwester Maria Ignatia lag, öffnete. Ein Arzt in einem weißen Kittel, mit Halbglatze und einem dunklen Brillengestell, trat auf die Polizeibeamten zu. Er wandte sich direkt an Vornhagen. »Grüß dich, Toni«, sagte er. »Das ist ja eine furchtbare Geschichte! Ist es wirklich wahr? Gerd ist ermordet worden?«

Ohne auf die Frage einzugehen, sagte der Angesprochene. »Alfons, darf ich dir zunächst Herrn Seibold vorstellen?«

Vornhagen ging einen Schritt zur Seite, um den Blick auf den Kommissar freizugeben.

»Er ist von der Kripo Bonn und leitet die Ermittlungen vor Ort.«

»Angenehm, Dr. Fassbender«, stellte sich der Arzt vor. »Ich bin der Chefarzt hier im Krankenhaus. Ich hoffe, Sie werden den Täter so schnell wie möglich finden. Haben Sie schon irgendwelche Anhaltspunkte, wie es zu diesem schrecklichen Verbrechen gekommen ist?«

»Leider noch nicht, Alfons«, mischte sich Vornhagen ein. »Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen.«

»Kannten Sie den Ermordeten?«, fragte der Kommissar.

Der Arzt nickte. »Ich bin Vorsitzender des Rheinbacher Tennisvereins. Mit Gerd Schragen verlieren wir nicht nur einen guten Spieler und Sportskameraden, sondern auch ein langjähriges Vorstandsmitglied.«

»Bei dieser Gelegenheit«, fragte Seibold. »Was war Schragen eigentlich von Beruf?«

»Journalist«, antworteten Fassbender und Vornhagen fast gleichzeitig.

»Bei welcher Zeitung?«

»Er leitete den Lokalteil der hiesigen Ausgabe des Bonner General-Anzeigers.«

Dr. Fassbender musste seine Ausführungen einen Moment unterbrechen, da er einer Krankenschwester ausweichen musste, die ein leeres Krankenbett durch den Flur schob.

»Sicherlich sind Sie gekommen, um sich mit Schwester Maria Ignatia zu unterhalten?«, fragte der Chefarzt. »Die Oberin erzählte mir, sie hätte den Toten gefunden.«

»Wie steht es denn mit ihrem Gesundheitszustand?«, fragte Seibold.

»Leider sehr ernst«, antwortete der Chefarzt. »Der Schock hat ihr ohnehin schwaches Herz sehr in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem wurde sie mit einer starken Unterkühlung eingeliefert, die zu einer Lungenentzündung geführt hat. Sie hat hohes Fieber und fantasiert zeitweise. Meinetwegen können Sie Ihr Glück dennoch versuchen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie Ihnen in diesem Zustand brauchbare Informationen geben kann. Gehen Sie bitte schonend mit ihr um.«

Dr. Fassbender reichte Seibold die Hand.

»Ich muss mich jetzt verabschieden«, sagte der Arzt lächelnd. »Ich habe ja auch noch andere Patienten.« Als er an Vornhagen vorbeiging, klopfte er ihm auf die Schulter. »Toni«, sagte er, »wir sehen uns dann heute Abend.«

Die beiden Polizisten schauten dem Arzt nach.

Als er durch die Flurtür verschwunden war, nickten sie sich zu und betraten leise das abgedunkelte Krankenzimmer. Mit vorsichtigen Schritten näherten sie sich dem Bett, das an der rechten Wand stand. Erst jetzt bemerkte Seibold, dass sich eine weitere Person im Zimmer aufhielt. Es war eine Frau in schwarzer Ordenstracht, die in der hinteren Ecke des Zimmers saß und leise ein Gebet murmelte. Mit einem Kopfnicken begrüßte sie die Eintretenden.

»Das ist Schwester Ludwiga«, flüsterte Vornhagen und ging auf die Klosteroberin zu.

Seibold hatte das Bett erreicht und konnte einen Blick auf die kranke Ordensschwester werfen.

Dr. Fassbender hatte nicht übertrieben. Bleich und mit rasselnden Atemzügen lag Schwester Maria Ignatia in ihrem Krankenbett. Nur ihre Wangen waren vom hohen Fieber etwas gerötet. Strähnen ihres ergrauten Haares klebten auf ihrer schweißnassen Stirn, und ihre Augen lagen tief in den Augenhöhlen.

»Wie sieht es aus?«, hörte er Vornhagen die Oberin mit leiser Stimme fragen.

Schwester Ludwiga schüttelte langsam den Kopf und entgegnete mit tränenerstickter Stimme: »Ich glaube, sie tritt noch diese Nacht vor unseren Herrn. Sie ist nur noch selten bei Bewusstsein.«

Vornhagen reichte Schwester Ludwiga mitfühlend die Hand und richtete einige tröstende Worte an die Oberin.

Seibold beugte sich derweil über die mit dem Tode kämpfende alte Frau und rief mit leiser Stimme:

»Schwester Maria Ignatia, hören Sie mich?«

Die Angesprochene zeigte keine Reaktion.

Der Kommissar wollte gerade seine Frage wiederholen, als die Augenlider der Schwester zuckten. Sie öffnete ihre Augen und hob den Kopf stöhnend an. Ihr Gesichtsausdruck, der zunächst teilnahmslos war, änderte sich plötzlich. Seibold meinte, pure Angst und Entsetzen in ihrem Blick zu erkennen. Mit zitternden Lippen öffnete sie langsam den Mund und stieß einen erstickten Schrei aus. Ihr Körper bäumte sich auf und sank dann kraftlos nach hinten. »Schnell, Herr Vornhagen«, rief Seibold. »Holen Sie Dr. Fassbender!«

Vornhagen drehte sich um und rannte aus dem Zimmer.

Seibold hörte, wie er eine Krankenschwester auf dem Flur anwies, sofort den Chefarzt zu holen.

Als der Kommissar Schwester Maria Ignatia ins Gesicht schaute und ihren starren Blick sah, wusste er, dass dies nichts mehr nützte.

Schwester Maria Ignatia war tot.

Dienstag, 10. Februar 1953, 20 Uhr 35

Walter Seibold musste Vornhagen recht geben. Der Kartoffelsalat im Hause Burrenkopf war wirklich vorzüglich. Er hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen und nahm sein Essen mit großem Appetit ein.

Das Verhältnis zu Hein Burrenkopf hatte sich glücklicherweise auch gebessert. Wie um dies zu unterstreichen, hatte der Gastwirt ihm eine besonders große Portion serviert und ihm dabei freundlich zugeflüstert: »Die Spiejeleier ovendrop sen gratis!«

Seibold wurde allmählich müde. Nach dem letzten Schluck aus seinem Kölschglas streckte er seine Beine unter dem Tisch aus und reckte seine vom langen Sitzen steif gewordenen Glieder. Dann stand er auf, um auf sein Zimmer zu gehen. Als er vor dem Schlafengehen die Toilette aufsuchen wollte, betrat er den kleinen Flur, der zur Toilettentür führte. Dort angelangt, hielt er inne.

Deutlich vernahm er die Stimmen eines Männerchores. Neugierig folgte er dem Gang in entgegengesetzter Richtung. An seinem Ende stand er vor einer Tür mit der Beschriftung Saal.