Feuergabe - Mona Seiffert - E-Book

Feuergabe E-Book

Mona Seiffert

0,0
3,99 €

Beschreibung

Alec ist ein Findelkind und wächst bei einfachen Leuten im abgelegenen Forahtal auf. Doch in seinen Träumen ist es ihm bestimmt, in die Weiten seiner Welt auszuziehen, um seine besondere Gabe zu finden und ein großes Schicksal zu erfüllen. Als sich schließlich die Gelegenheit ergibt, zusammen mit seiner Freundin, der jungen Elfe Leani, sich dem Fährtner Jorwyn anzuschließen, gilt es jedoch mehr Abenteuer zu bestehen, als ihm lieb ist. Auf der Flucht vor maskierten Kriegern, die hinter einer Schatzkarte her sind, der auch Alec und seine Freunde folgen, sieht sich der Junge immer größeren Geheimnissen gegenüber. Besonders beschäftigt ihn die Frage, wer der Anführer ihrer Verfolger ist, der Alec zum Verwechseln ähnlich sieht. Und was es mit dem Feuerberg auf sich hat, von dem er immer wieder träumt. Bevor Alec verstehen kann, was hinter all dem steht, muss er erst lernen, dass nichts und niemand außer ihm bestimmt, wer er ist und wohin sein Weg führen soll. Falls er es schafft, bis dahin zu überleben …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 525

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Mona Seiffert

Feuergabe

Karte

Kapitel 1

»Nimm meine Hand«, sagte Alec und streckte sie Leani entgegen.

Die junge Elfe griff danach und er zog sie auf den Felsblock hinauf.

»Was tun wir hier?«, fragte sie ihren menschlichen Freund neugierig.

»Ich will dir etwas zeigen«, antwortete Alec mit einem Lächeln. »Komm, gleich ist es soweit!«

Behutsam nahm er Leani mit sich. Unter ihren Füßen knirschten kleine Steinchen. Sonst war es still. Am Himmel waren gerade die ersten Silberstreifen erschienen und die Welt tauchte aus dem Dunkel der Nacht auf. Als sie aufgebrochen waren, war es noch finster gewesen, doch nun konnte Alec die kleine Lampe löschen, die er mitgenommen hatte, um für sich und seine Freundin einen sicheren Weg durch den Wald, bis zu den Felsgipfeln hinauf, zu finden. Nur einen Schritt vor ihnen fiel der Boden steil ab. Dahinter – grau und kühl im Licht des Frühlingsmorgens – öffnete sich der Blick über das gesamte Forahtal.

»Psst«, sagte der Junge und griff sanft Leanis Schultern. Er schob sie ein wenig nach vorn, bis sie knapp an der Kante des Felsvorsprungs stand. Dann spähte er über ihre Schultern und drehte sie ein kleines Stück, damit sie in die richtige Richtung blickte. »Mach die Augen zu.«

Leani gehorchte. Kühler Wind pfiff von unten her an ihnen vorbei, ließ sie beide frösteln. Alec nahm die Hände von Leanis Schultern und sie zuckte zusammen.

»Ich stehe direkt neben dir«, beruhigte er sie. »Mach die Augen nicht auf, bis ich es dir sage.«

Es schien eine Ewigkeit zu dauern und die Kälte kroch ihnen in die Glieder. Aber Alec wartete auf den richtigen Moment und sagte dann: »Jetzt!«

Leani öffnete die Augen und sah zu den Berggipfeln auf der anderen Seite des Forahtals hinüber. Ein Glitzern glitt über die weißen Hänge. Rot-goldenes Schimmern breitete sich auf den Schneefeldern aus. Es kroch voran, überflutete die dunklen, nebligen Wälder und mit einem plötzlichen Gleißen tauchte die Sonne zwischen zwei Gipfeln auf. Das Licht des neuen Tages rollte wie eine Welle über das stille Tal hinweg, kroch die Hänge hinab und traf Alec und Leani mit sanfter Wucht.

Die Kinder waren für einen Augenblick geblendet, spürten aber, wie die Sonnenstrahlen über ihre kalten Wangen strichen. Ein Windstoß fuhr ihnen durch die Haare und Alec jubelte laut. Er hatte die Arme ausgebreitet, als wollte er Wind und Sonnenschein umarmen. Seine dunklen Locken flogen in der frischen Brise und seine alte, vielfach geflickte Jacke blähte sich hinter ihm auf wie ein Segel. Das Licht der aufgehenden Sonne glänzte in seinen Augen.

»Sieh dir die Wolken an!«, rief er aufgeregt und Leanis Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger. Hoch über ihnen, unerreichbar fern, trieben gewaltige Wolkenberge dahin. Ihre schneeweißen Flanken waren vom goldenen Schein der Morgensonne überzogen und ihre Ränder leuchteten dunkel.

Alec atmete tief ein und stieß einen lauten Freudenschrei aus. Leani zuckte zusammen und musste dann lachen. Für einige Momente vergaßen sie beide ihren Kummer.

Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander und sahen zu, wie aus den Kaminen der Häuser weiter unten der erste Rauch aufstieg. Die anderen Bewohner des Forahtals kletterten erst jetzt aus ihren Betten. Der vergangene Abend war lang gewesen und einige hatten noch ihren Rausch ausschlafen müssen.

»Bist du sehr enttäuscht?« Leani sah vorsichtig zu Alec hinüber.

Aber der hatte schon mit dieser Frage gerechnet und ließ sich nichts anmerken. »Nein. Sie haben sich ja lange genug darum gestritten. Ich habe das meiste davon mitbekommen. Es ist ja nicht so, als ob ich blind oder taub wäre.«

Leani nickte. »Dann werden sie dich also nächstes Jahr das Fest der Männer feiern lassen?«

Alec schnaubte und seine Miene verdüsterte sich. »Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, wäre ich schon gestern zum Mann geworden. Er hat immerhin Recht – ich bin wahrscheinlich schon sechzehn Jahre alt. Er sagte, ich war mindestens zwei Monate alt war, als er mich gefunden hat. Aber Korlas hat so lange auf die anderen eingeredet, bis sie ihm zustimmten, dass ich noch warten soll. Und ich glaube, bis zum nächsten Frühling wird er sie alle davon überzeugt haben, dass ich das Fest gar nicht feiern darf.«

Leani verzog den Mund. »Aber das geht doch gar nicht!«

»Natürlich geht es«, antwortete Alec und hob ärgerlich die Schultern. »Es heißt dann, ich werde nie in den Dorfrat aufgenommen, habe kein Stimmrecht und darf auch das Gasthaus nicht erben.« Er nahm einen Stein und schleuderte ihn davon.

Betreten starrte Leani zu Boden.

Alec vergrub das Gesicht in den Armen, die er über seine angezogenen Knie gelegt hatte. Er murmelte undeutlich: »Ich weiß wirklich nicht, was sie gegen mich haben.«

Leani antwortete nicht und es war auch gar nicht nötig. Alec wusste selbst gut genug, woran es lag, dass die Menschen, unter denen er aufgewachsen war, ihn nie ganz hatten ins Herz schließen können. Es waren seine Augen. Sie waren dunkler als die der anderen, fast schwarz. Und er hatte eine Art, die Leute damit anzusehen, dass sie sich ganz unwohl fühlten und sich abwendeten. Vor allem wenn er aufgeregt war. Dann begannen sie zu leuchten, wusste er von Leani. Und wenn er wütend wurde, brannte ein Feuer darin, das die anderen Menschen zurückweichen ließ. Dann schüttelten sie die Köpfe und tuschelten miteinander.

»Warum warst du gestern nicht da?«, fragte Alec, um sich abzulenken. »Hat Mahorka es dir verboten?«

Leani schreckte aus ihren Gedanken auf. »Nicht direkt. Sie meinte nur, es sei nicht nötig, dass ich mitkomme. Es gehe mich nichts an.«

Alec brummte. »Du bist genauso ein Teil des Dorfes und des Forahtals wie ich.«

Leani hob die Schultern. »Ich glaube, es hätte mir eh keinen Spaß gemacht.«

»Dann war das also nicht der Grund, warum du auf dem Weg hierher kein einziges Mal gelächelt hast?«

Die Ohren des Elfenmädchens wurden rot und sie antwortete leise: »Es ist schon in Ordnung.«

»Nein, ist es nicht! Sie können uns nicht so herumschubsen, nur weil du eine Waise bist und ich ein Findelkind bin! Ich habe langsam die Nase voll. Wir sollten abhauen!«

»Das sagst du jedes Mal.« Leani sah zu Alec hinauf, der aufgesprungen war. »Aber wir machen es sowieso nie. Du liebst Torben und Riga viel zu sehr. Sie brauchen dich. Und ich – wohin sollte ich gehen?«

»Hast du nie davon geträumt, den Feean-Wald zu sehen? Dort leben alle anderen Elfen.«

Sie seufzte: »Er ist weit weg.«

»Oder Aquillinia? Oder das Meer? Ganz Arahn ist voll von Wundern, die nur darauf warten, dass wir sie entdecken!«

Leani schwieg, während Alec seinen Träumen nachhing und sein Blick in die Ferne ging. Er träumte schon immer davon, aufzubrechen und die Welt zu sehen. Vor allem wenn er aufgebracht war. Aber meistens beruhigte er sich wieder. Immerhin konnte er Leani nicht alleine zurück lassen. Sie war für ihn wie eine Schwester.

»Wir sollten zurück gehen«, murmelte er schließlich. »Inzwischen dürften alle wach sein und ich muss noch beim Aufräumen helfen.«

Auf dem Weg zurück ins Dorf fragte Leani: »Warum bist du eigentlich so früh wach gewesen? Normalerweise nutzt du jede Stunde, die du im Bett verbringen kannst.«

Alec hob die Schultern. »Ich habe mal wieder geträumt.«

»Vom Feuerberg?«

Der Junge nickte. »Ja. Und dieses Mal habe ich sogar einen Drachen gesehen. Er war riesengroß, mit roten Schuppen und vielen Hörnern.«

»So wie in den Legenden?«

»Genau so!« Alec ließ den Stock, den er bei sich trug herumwirbeln. Seine Augen leuchteten vor Aufregung. »Bestimmt bewacht er einen Schatz, dachte ich mir. Ich wollte hingehen. Aber ich hatte kein Schwert dabei.« Er sah auf den Stock in seiner Hand hinab. Er trug ihn schon seit Monaten mit sich herum. Er hatte ihn bei einem seiner Streifzüge durch den Wald gefunden und sich gedacht, es wäre ein guter Korpla-Stock, wie ihn Baris und Rebo, die gestern das Fest der Männer hatten feiern dürfen, nun trugen. Aber nachdem man ihn auf nächste Jahr vertröstet hatte, ärgerte Alec der Anblick des Stückes Holz nun. Es hätte eh keinen Sinn, dachte er sich bitter. Um einen echten Korpla-Stock daraus zu machen, musste er die Namen seiner Vorväter hineinschnitzen. Und er hatte keine Ahnung, wie die lauteten.

Zornig schleuderte den Stock in den Wald hinein. Es knackte und raschelte laut und jemand fluchte.

Erschrocken blieben Alec und Leani stehen. Ein Mann trat aus dem Wald heraus und sah sie grimmig an. Er hatte Alecs Stock in der Hand und hielt ihn hoch.

»Ihr zwei! Habt ihr das hier geworfen?«

Schuldbewusst stieg Alec die Röte in die Wangen und er stammelte: »Entschuldigung! Wir haben dich nicht gesehen …« Er stockte, als ihm klar wurde, dass er den Mann gar nicht kannte.

Fremde hatten es bisher nur ein oder zwei Mal ins Forahtal geschafft, solange sich Alec erinnern konnte. Es gab einige Händler, die jedes Frühjahr den langen Weg auf sich nahmen. Aber jemanden wie diesen Mann hatten Alec und Leani nie zuvor gesehen. Er trug einen weiten, zerrissen Mantel, dessen Saum vom Schmutz der Straße bedeckt war. Seine Kapuze war von Wind und Wetter gebleicht und das Gesicht darunter war hager und streng, die Augen umschattet und das Kinn von einem wirren Bart überwuchert.

Er kam auf sie zu und Leani versuchte, sich hinter Alecs Rücken zu verstecken. Ein Klirren weckte die Aufmerksamkeit des Jungen. Ein eisiger Schauder überkam ihn, als er das Schwert bemerkte, das der Fremde unter seinem Mantel trug.

»Wer seid Ihr?«, stammelte Alec und wollte zurückweichen, stieß aber gegen Leani.

»Jemand, der es nicht besonders schätzt, wenn man mit Stöcken nach ihm wirft.« Der Fremde blieb dicht vor ihnen stehen und sah Alec durchdingend an.

»Verzeiht, bitte!« Alec merkte, wie sich seine Stimme fast überschlug, und schluckte seine Aufregung hinunter. »Ich wollte niemanden treffen, nur den Stock loswerden! Ehrlich!«

Aber der Mann sah an Alec vorbei und Leani an. Verwunderung erschien auf seinem Gesicht. »Ist das eine Elfe? Hier im Weißgipfelgebirge?«

Alec spürte, wie Leanis Finger sich fest um seinen Arm schlossen, und er schob sich zwischen seine Freundin und den Fremden.

»Und wenn schon?« Noch immer zitterte seine Stimme, aber nun lag eine leise Herausforderung darin.

»Ich habe noch nie von Elfen so hoch im Norden gehört. Und ich komme viel herum.«

Der Fremde trat einen Schritt zurück und wirkte nun gar nicht mehr so bedrohlich. Er sah wieder zu Alec. »Deine Entschuldigung nehme ich an. Und nun verratet mir, wie ich von hier aus weiter nach Süden komme. Die Straße vom Pass herab hat sich im Wald verlaufen und ich habe es eilig.«

Alec schaffte es endlich, seine Gedanken ein wenig zu ordnen. »Seid Ihr ein Fährtner?«

Der Mann nickte. »Ja. Mein Name ist Jorwyn. Aber ich habe dich etwas gefragt, Junge.«

»Wir sind noch nie einem Fährtner begegnet. Es muss Jahrzehnte her sein, dass das letzte Mal einer hier war.« Alec blickte bewundernd zu Jorwyn auf. »Habt Ihr tatsächlich schon ganz Arahn bereist? Könnt Ihr mir davon erzählen?«

Der Fährtner hob die Hände. »Immer mit der Ruhe. Sag mir erst einmal deinen Namen, Junge.«

»Ich bin Alec. Und das hier ist Leani, meine kleine Schwester.«

»Deine Schwester?«

Alec hob die Schultern und lächelte. »Sie ist Waise und hat niemanden sonst. Ihre Eltern verschwanden vor einigen Jahren. Wir sind zusammen aufgewachsen.«

Jorwyn hob die Augenbrauen. »Lebt ihr hier in der Nähe?«

»Das Dorf ist keine Wegstunde entfernt. Kommt doch bitte mit. Meine Eltern haben ein Gasthaus. Sie würden sich freuen. Wenn Ihr über Nacht bleibt, zeige ich Euch morgen den Weg zur Brücke. Von dort aus kommt Ihr nach Süden. Und heute Abend könntet Ihr von Euren Reisen erzählen.«

Nun war es an Jorwyn, völlig überrumpelt zu sein. Alec lief voraus, zog Leani mit sich und winkte dem Fährtner zu, er solle ihnen folgen. Der ergab sich seinem Schicksal und begleitete die Kinder ins Dorf hinunter.

Die Ankunft des Fährtners wurde zu einem zweiten Fest. Die Leute kamen mit ihren Kindern herbeigeeilt und jeder hatte Fragen, oder eine Botschaft, die Jorwyn mit sich nehmen sollte. Schon sehr lange war kein Fährtner mehr ins Forahtal gekommen. Den letzten hatte man gesehen, als Torben, Alecs Ziehvater, selbst noch sehr jung gewesen war. Schnell gab es eine ganze Liste, die Jorwyn an die Händler in Sirahm weitergeben sollte, damit sie dieses Jahr Waren mit sich brachten, auf die die Bewohner des Forahtals sonst lange hätten warten müssen.

Da er kaum eine Chance hatte, gleich wieder aufzubrechen, erklärte Jorwyn sich schließlich bereit, tatsächlich über Nacht zu bleiben. Schnell hatte man die Speisen, die vom Fest am vergangenen Abend übrig geblieben waren, wieder hervorgeholt. Da einige der Männer, vor allem Baris und Rebo, die sich nun so nennen durften, noch unter Kopfschmerzen litten, hatte sowieso kaum einer Lust, an die alltägliche Arbeit zu gehen.

Jorwyn half, wo er konnte, schleppte Brennholz für ein neues Feuer heran, trug Tische und Bänke und ging Alec beim Abwasch zur Hand, damit es wieder genügend saubere Teller gab.

Alec erzählte ihm von dem Fest der Männer und den Korpla-Stöcken, die jeder erwachsene Mann im Forahtal bei sich trug.

»Und du wolltest deinen einfach wegwerfen?«

Alecs gute Laune trübte sich wieder ein wenig. »Sie wollten eh nicht, dass ich einen bekomme.«

»Weil du ein Findelkind bist?«

Alec knirschte mit den Zähnen. »Das hast du also schon gehört?«

Jorwyn nickte und seine Miene wurde etwas sanfter. »Viele Menschen fürchten sich vor allem, das irgendwie fremd ist. Mich begrüßen sie nur so freundlich, weil sie wissen, dass ich Fährtner bin und morgen schon wieder verschwinde.«

Alec seufzte. »Ich wünschte manchmal, ich könnte auch einfach fortgehen.«

»Das Leben auf den Straßen Arahns kann sehr hart sein«, warnte Jorwyn.

»Das weiß ich ja. Aber trotzdem …«

Riga unterbrach ihre Unterhaltung und rief Alec, damit er ihr in der Küche half.

Als es Abend wurde, versammelten sich die Dorfbewohner um das Feuer in der großen Stube des Gasthauses. Sie tranken und prosteten Jorwyn zu, sangen Lieder und tanzten.

Alec war wieder damit beschäftigt, Teller abzuräumen und Becher nachzufüllen, wie jedes Mal, wenn ein Fest stattfand. Riga hielt ihn auf Trab und so bekam er keine Gelegenheit, mit Jorwyn zu sprechen.

Erst später, als die Leute langsam nach Hause gingen, konnte auch Alec wieder etwas aufatmen und sich setzen. Nach und nach leerte sich die Stube und schließlich sagten auch Torben und Riga Gute Nacht.

Alec und Jorwyn blieben alleine zurück, während die Flammen im Kamin immer kleiner wurden. In ihrem dämmrigen Licht zündete Jorwyn sich eine Pfeife an.

Alec saß neben ihm, starrte in die Glut und rutschte unruhig hin und her.

»Na schön, Junge«, brummte Jorwyn schließlich. »Ich weiß, dass du mir etwas sagen willst. Ich bin zwar müde, aber du hast erstaunlich viel Geduld bewiesen und gewartet, bis wir alleine sind. Also heraus damit.«

Alec schluckte. »Eigentlich möchte ich dich etwas fragen.«

Der Fährtner seufzte. »Dann tu es. Ich kann dir aber keine Antwort versprechen.«

Alec holte Luft, um die Frage zu stellen, die ihm schon den ganzen Tag auf der Zunge brannte: »Hast du, bei all deinen Reisen durch Arahn, schon einmal einen Feuerberg gesehen?« Gespannt und nervös rieb er sich die Hände und fürchtete die Antwort, ganz egal, wie sie ausfallen würde.

Aber Jorwyn starrte zunächst nur nachdenklich in die Luft und fragte dann: »Du meinst einen Vulkan.«

Alec sah ihn verwirrt an.

»Einen Berg, der Feuer und Rauch ausspuckt«, erklärte der Fährtner.

»Wie ein Drache!«, rief Alec.

Jorwyn legte den Kopf schief. »Ich habe Zwerge sagen hören, dass Igris, der Herr der Flammen, unter solchen Bergen seine Esse hat. Aber das sind nur Legenden. Ich habe in Arahn nirgends einen Vulkan gesehen, der nicht schon lange erloschen war.«

»Erloschen?«

»Auch Feuerberge leben und sterben. Sie verlieren irgendwann ihr Feuer.«

Alec nickte und ließ den Kopf ein wenig hängen.

»Warum hast du mich das überhaupt gefragt?«, erkundigte sich Jorwyn.

»Nun …«, druckste Alec herum. »Ach, nur so. Ich habe schon so viel von Drachen und ihre Horsten in solchen Bergen gehört. Ich wollte wissen, ob es sie wirklich gibt.«

Es war natürlich nicht die Wahrheit. Aber Alec wusste nicht, wie er Jorwyn von diesen einem Traum erzählen sollte, der immer wiederkehrte. Alec erinnerte sich nicht, wann er zum ersten Mal im Schlaf den Feuerberg erblickt hatte. Es schien so, als kenne er ihn schon seit seiner Geburt, und vielleicht auch länger. Der Traum war etwas ganz Besonderes, das wusste Alec. Er unterschied ihn von all den anderen Menschen im Forahtal. Allerdings wusste Alec nicht, ob das nun etwas Gutes war oder nicht.

»Drachen gab es früher einmal, weit im Süden«, erzählte Jorwyn. »Aber genauso wie die Feuerberge sind sie nur noch Legenden.«

Traurig sah Alec in die letzten Reste der Glut. »Ich weiß. Nur manchmal wünschte ihr mir, Legenden würden wahr werden. Du weißt ja, wie es mit Findelkindern in solchen Geschichten ist.«

Jorwyn schwieg und sein Gesicht, in der Dunkelheit kaum erkennbar, war voller Mitleid. Dann sprach er: »Legenden sind, was sie sind. Und die Leute, die ihnen nachjagen, werden Narren genannt. Ich kenne den einen oder anderen von dieser Sorte. Glaube mir: Meist sind es tragische Gestalten.«

Er stand auf und klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Es ist spät und ich will morgen früh aufbrechen. Also Gute Nacht.«

Alec nickte und starrte gedankenverloren in die Glut. Eine sanfte Hitze ging von ihr aus, strich ihm tröstend über die Wangen, und der Geruch des verbrannten Holzes machte die Luft schwer und süß. In Alecs Augen leuchtete die Sehnsucht. Er hatte immer gehofft, eines Tages herauszufinden, dass es den Feuerberg wirklich gab. Dann wäre er sofort aufgebrochen, um ihn zu suchen, und hätte nicht länger gezweifelt, was er tun sollte. Er wollte Torben und Riga nicht verlassen. Er liebte seine Zieheltern. Und er könnte auch Leani nie zurücklassen. Aber etwas in ihm drängte danach, fortzugehen. Er wusste nur nicht, wohin. Der Feuerberg wäre ein Ziel gewesen. Aber offenbar waren Drachen und Legenden schon lange tot.

Er sah auf den Stock hinab. Es war nur ein einfaches Stück Holz, sagte er sich bitter. Es gab keine Namen, die er hineinschnitzen konnte, und er würde auch nie einen Korpla-Stock tragen dürfen. Wütend brach er ihn in zwei Teile und warf diese auf die Glut. Sie leckte mit flackernden Flammenzungen danach und knisterte vergnügt.

Als Alec schließlich in seinem Bett lag, verfolgten ihn wilde Träume von weiten Landen, dunklen Wäldern und tiefen Meeren. Er war auf der Suche nach etwas, das er weder benennen noch beschreiben konnte. Aber er war sich sicher, er würde es erkennen, sobald er es in den Händen hielt.

Seine seltsame Suche hielt Alecs Gedanken noch gefangen, als helles Sonnenlicht ihn weckte und er mürrisch und mit schmerzenden Gliedern aus dem Bett kroch. Auch das eiskalte Wasser, mit dem er sich das Gesicht wusch, konnte seine Sinne nicht beleben. Er fühlte sich ausgelaugt und gleichzeitig rastlos. Sein ganzer Körper summte und seine Finger prickelten. Seine Beine wollten loslaufen, so schnell und weit wie nie zuvor.

Dieses Gefühl ließ Alec nicht los. Es begleitete ihn aus seinem Zimmer, die Treppe hinab und in die Küche, wo Riga das Frühstück zubereitete.

»Ah, da ist unser Siebenschläfer ja endlich!«, begrüßte sie ihn. »Die halbe Nacht hast du dir um die Ohren geschlagen und fast den ganzen Morgen verschlafen.«

»Entschuldige! Ich muss den Hahn überhört haben«, stammelte Alec.

»Du hast so einiges überhört«, lachte Riga. »Dreimal habe ich nach dir gerufen, damit du endlich aufstehst und mir Feuerholz holst. Schließlich war der Fährtner so nett und hat das erledigt.«

»Jorwyn ist schon wach?«, fragte Alec überrascht.

»Wach und über alle Berge. Noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, ist er aufgebrochen.«

Alec spürte, wie sich die Enttäuschung zu einem dicken, bitteren Kloß in seiner Kehle zusammenballte.

»Du machst ja ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Dabei haben wir die letzten zwei Tage durchgefeiert«, sagte Torben hinter ihm. Er zerwuschelte Alec die dunklen Locken.

Überrascht zuckte Alec zusammen. »Ich hätte nur gerne Lebewohl gesagt.«

Torben betrachtete das zerknirschte Gesicht seines Sohnes nachdenklich und sagte dann mit einem Lächeln: »Vielleicht hast du die Chance, das nachzuholen. Hier.«

Er hielt Alec ein kleines Bündel entgegen. Es war ein zusammengerolltes Stück Stoff, das mit einem langen Band zusammengeknotet war. Als Alec verwundert in die Hand nahm, stellte er fest, dass es sehr schwer war.

»Was ist das?«

Torben seufzte. »Ich fürchte, Jorwyn hat es vergessen. Ich habe es gerade in seinem Zimmer, unter dem Bett gefunden.«

Riga trat mit besorgter Miene näher. »Fährtner verdienen sich einen guten Teil ihres Lebensunterhaltes damit, solche Pakete und Briefe zu überbringen. Er wird es sicher brauchen.«

»Ja. Aber er sagte auch, er habe es eilig«, meinte Torben. »Deswegen sollte Alec loslaufen, und ihm dieses Bündel nachtragen.« Er grinste. »So verliert Jorwyn keine Zeit, und unser Tagträumer hier kann sich die Beine vertreten.«

»Danke!«, rief Alec mit leuchtenden Augen und drückte das Bündel an sich. »Ich mache mich sofort auf den Weg!«

»Nimm etwas Proviant mit und deine Jacke«, rief Torben ihn zurück. »Fährtner sind sehr schnell unterwegs. Wer weiß, wie lange du brauchst.«

»Bestimmt nicht allzu lange. Keine Sorge! Morgen bin ich wieder hier«, sagte Alec schnell, als er sah, wie Riga das Gesicht verzog. Sie war immer bemüht, Alec etwas Vernunft beizubringen. Meist mit viel Arbeit, lauter Stimme und wenig Erfolg.

Alec stob davon, die Treppe hinauf in sein Zimmer und griff schnell nach einigen Kleinigkeiten. Sein altes Messer und seine Schleuder mussten auf jeden Fall mit. Und seine Jacke durfte er nicht vergessen. Er warf noch einen kurzen Blick um sich, um sicherzugehen, dass er alles hatte, dann polterte er die Treppe wieder hinunter. Torben drückte ihm einen Rucksack in die Hand und legte verschwörerisch einen Finger vor die Lippen.

»Ich habe dir das letzte Stück vom Kuchen und ein paar Münzen eingepackt. Los jetzt, bevor deine Mutter etwas merkt.«

Alec grinste dankbar und umarmte seinen Vater.

»Ich bin bald wieder da. Keine Sorge.«

Dann sprang er zur Tür hinaus und lief los, ohne noch einmal zurückzusehen.

Alec war ein schneller Läufer und er kannte alle Wege und Winkel im Forahtal. Er hätte es in weniger als einem Tag von Norden nach Süden durchqueren können. Aber heute nutzte er nicht all die kleinen Abkürzungen, die er kannte. Und er kam auch nicht vom Weg ab, um seine liebsten Stellen aufzusuchen, an denen er gerne saß, nachdachte und in den Tag hinein träumte. Er blieb auf der Straße, um Jorwyn nicht zu verpassen. Unter seinen Füßen knirschte der Sand und kleine Steine flogen davon. Alec rannte, bis er außer Atem war und kurz innehalten musste. Dann schritt er wieder weit aus und hielt die leuchtenden Augen nach Jorwyn offen.

Die Stunden verstrichen und Alec hatte weder aufgegeben und umgedreht, noch eine Rast gemacht. Er fühlte sich noch immer frisch und munter und der Wind, der ihm durch die Haare und um die Nase wehte, flüsterte ihm mit leisen Stimmen zu. Er erzählte von den Weiten Arahns und all den geheimnisvollen und wunderbaren Dinge, die es bereithielt. Alec lauschte versonnen und ließ seine Gedanken schweifen, während seine Füße von ganz alleine Meile um Meile liefen.

Die Berge um ihn herum rückten immer näher zusammen. Am Ende des Tales wurden sie nur noch durch eine schmale Klamm getrennt, durch die die Forah mit lautem Tosen zwängte. Die Straße führte dort eng am Fels entlang, zu einer Brücke, die das Forahtal mit den Ländern jenseits der Berge verband. Alec hatte die Brücke noch nie gesehen und er wusste, dass nur wenige Leute aus dem Tal sie überschritten hatten. Er hatte sich früher gerne ausgemalt, wie es wohl wäre, das Land dahinter sehen zu können. Und nun tauchte vor ihm der Wald auf, der die Straße in der tiefen Schlucht überschattete.

Alec hörte die Bäume im Wind rauschen und sah auf. Wolken hatten sich zusammengezogen und hingen grau und trostlos zwischen den Gipfeln. Ihm wurde klar, dass er sehr weit gegangen war. Weiter als er beabsichtigt hatte. Der Tag war schon lange vorbei und er hatte nicht gemerkt, wie sich der Abend näherte. Und noch immer war Jorwyn nirgends zu sehen.

Unsicher blickte Alec die Straße hinab, die wie durch ein Tor in den dunklen Wald hineinführte und dort im Schatten verschwand. Wie ein Maul, dachte Alec. Etwas Bedrohliches ging davon aus. Aber er drehte nicht um, sondern lief weiter.

Während der Wind immer lauter pfiff und den Geruch von Regen mit sich brachte, trugen Alecs Beine ihn wie von selbst die Straße hinab. Er spürte die Weite jenseits des Tales. Sie rief nach ihm. Er wollte nur noch laufen und nicht mehr anhalten, bis er das Ende der Welt erreicht hatte. Und vielleicht nicht einmal dann.

Alec hatte den Saum des Waldes erreicht und ging ohne zu zögern weiter. Eine heftige Böe stieß ihm in den Rücken und plötzlich konnte ihn nichts mehr halten. Er rannte los, den steilen, steinigen Weg hinab. Immer schneller und schneller, bis er fast stolperte. Sein Herz raste und seine Ohren rauschten. Er glaubte eine Stimme zu hören, die ihn rief, ihn aufhalten wollte. Aber er schob den Gedanken von sich. Weiter, das war das Einzige, auf das es gerade ankam. Nicht wohin oder wie weit, einfach weiter, immer weiter.

Ein Regentropfen traf Alecs Gesicht und rann ihm stechend kalt über die glühende Wange. Weitere Tropfen folgten. Es wurden immer mehr, bis ein Sturzregen auf Alec niederging. Seine Kleider sogen sich voll, wurden schwer und klebten ihm am Leib. Der Boden unter seinen Füßen wurde rutschig. Alec kämpfte um sein Gleichgewicht, während sein Körper um mehr Geschwindigkeit rang. Er verlor die Kontrolle, stolperte, fiel und schlitterte über den steinigen Boden.

Als er endlich zum Liegen kam, fühlte er sich so ausgelaugt und kraftlos wie nie zuvor. Der Regen schlug wie mit Fäusten auf ihn ein. Wasser drang ihm in Mund und Nase. Hustend wälzte er sich herum und stemmte sich in die Höhe.

Endlich holte Alecs Verstand seinen Körper ein. Und er fand ihn in einem riesigen Schlamassel wieder. Um ihn herum tobte ein Unwetter. Die Straße grenzte links an eine steil aufragende Felswand. Rechts fiel der Boden fast senkrecht ab. Irgendwo in der dunklen Tiefe toste die Forah. Alecs Sturz hätte böse Folgen haben können. Nur durch Glück stand er da und hatte kein einziges gebrochenes Glied, von seinem Genick ganz zu schweigen. Sein Körper zitterte vor Kälte und seine Knie vor Erschöpfung.

Er griff nach der Felswand und zog sich hinauf. Er wusste nicht, was ihn gepackt hatte, einfach so loszurennen. Aber er musste zurück. Noch immer schrie die Sehnsucht in ihm, das Verlangen weiterzulaufen, alles hinter sich zu lassen, was er kannte, und neue, unbekannte Orte zu sehen, Gefahren zu finden und Abenteuer zu erleben.

Der Wunsch saß tief in Alecs Herzen, während sein Körper im Regen stand, fror und schmerzte. Er wollte nur noch nach Hause.

Wieder glaubte Alec die Stimme zu hören, die ihn zurück rief. Und diesmal war er gerne bereit, auf sie zu hören. Er kämpfte sich gegen den harschen Wind an, der ihm den Regen ins Gesicht warf.

Dann runzelte er verwirrt die Stirn. Hatte er sich das Rufen tatsächlich nur eingebildet? Er hatte das Gefühl, dass es näher gekommen und lauter geworden war. Er wischte sich den Regen aus den Augen und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Auf dem Pfad über ihm tauchte eine schwankende Gestalt auf.

»Alec!«, rief eine dünne Stimme. »Alec, wo bist du?« Ein Schluchzen schüttelte den zierlichen Körper und die Knie knickten ein.

»Leani!«, schrie er entsetzt und kämpfte sich durch den Sturm zu seiner kleinen Freundin hinauf.

Kapitel 2

Die Elfe kauerte auf dem Weg. Alec packte sie und zog sie auf die Beine. »Was tust du hier?«

Leani schlang die Arme um ihn. Ihre Schultern bebten.

»Wo warst du, Alec?«, fragte sie zwischen zwei Schluchzern.

Alec wusste nicht, was er antworten sollte. Er zog sich seine eigene durchnässte Jacke von den Schultern und schlang sie um Leani.

»Komm«, sagte er mit sanftem Ton, um seine Freundin zu beruhigen. »Wir müssen uns einen Unterschlupf suchen.«

Er half ihr die Straße hinauf. Der Wind blies ihnen unbarmherzig entgegen. Der Regen prasselte herab und von den Felswänden strömte das Wasser. Alec drückte Leani an sich und hielt Ausschau nach einem Überhang oder einer Rinne, irgendetwas, wo sie Schutz finden konnten. Aber es war inzwischen stockfinster geworden. Sie konnten rein gar nichts sehen, bis ein greller Blitz die Nacht zerriss. Ein Donnern folgte, das den Fels um sie herum zittern ließ.

Auch Alec und Leani bebten. Aber ihre Angst galt dem Schatten, den sie für einen Augenblick vor sich auf dem Pfad hatten erkennen können. Alec wurde beinahe schlecht und er wünschte sich, dass es nur eine Täuschung gewesen war. Bilder und Namen von all den Ungeheuern, die sich in den Bergen herumtrieben, rasten durch seinen Kopf. Die meisten davon gehörten zu Schauermärchen und vielleicht hatten ihre müden, furchterfüllten Köpfe ihnen nur einen Streich gespielt.

Doch vor ihnen erklang ein kehliges, drohendes Knurren.

»Lauf!«, schrie Alec.

Sie wirbelten herum und stürmten schlitternd und strauchelnd die Straße hinab. Alec stieß Leani vor sich her. Hinter sich hörten sie ihren Verfolger näher kommen. Das Wesen knurrte und kreischte. Nur noch wenige Schritte, dann musste es sie eingeholt haben.

Um sie herum entfesselte das Unwetter seine ganze Macht. Blitze zuckten herab und Donner dröhnte. Der Wechsel zwischen blendender Helligkeit und undurchdringlicher Schwärze nahm ihnen die Sinne. Aber sie konnten nicht stehen bleiben, stürzten aneinander geklammert weiter.

Vor ihnen hörte die Straße auf. Das dunkle Maul der Klamm gähnte ihnen entgegen. Felszinnen ragten wie abgebrochene Zähne aus der Finsternis auf und tief unten toste das Wasser der Forah. Es gab nur einen Weg hinüber. Die Brücke tauchte aus der Nacht auf wie ein Geisterschiff. Das alte Holz bog sich und knarrte drohend unter Alecs und Leanis wilder Flucht. Es waren nur wenige Schritte, ein Steinwurf. Doch der Untergrund war noch glitschiger als der nasse Fels und unter den Kindern tat sich gierig die Klamm auf.

Leani schrie auf vor Angst und strauchelte. Alec versuchte sie zu stützen und weiter zu ziehen, doch auch er geriet ins Stolpern. Sich gegenseitig ziehend und hindernd erreichten sie die andere Seite. Sie stürzten und Alec prallte gegen einen Fels.

Als er vorsichtig den Kopf hob, erkannte er endlich, was sie verfolgte. Es war ein Bergtroll, kaum größer als Alec selbst, aber mit langen, sehnigen Armen und scharfen Klauen. Aus dem Maul der Kreatur schauten lange Hauer hervor und seine Hände benutzte er als zusätzliche Beine. Wie durch ein schweres Tuch hindurch hörte Alec Leanis Stimme. Sie versuchte, ihn in die Höhe zu zerren. Aber als Alec es schaffte, sich aufzurappeln, begann die Welt zu tanzen.

Der Troll derweil sah seine Beute direkt vor sich und kam mit einem zufriedenem Grunzen näher. Seine giftig grünen Augen waren starr auf die beiden Kinder gerichtet, voller Vorfreude auf eine zarte Mahlzeit.

Plötzlich stellte sich ein Hindernis zwischen den Unhold und seine Beute. Das Funkeln der gehässigen Trollaugen spiegelte sich im blanken Stahl wider und eine strenge Stimme befahl: »Zurück!«

Der Troll riss das breite Maul auf und kreischte laut und durchdringend. Aber Jorwyn blieb, wo er war, und hob das Schwert drohend. Der Troll senkte den Kopf und sprang vor. Die Brücke bebte und knarrte. Jorwyn wich den zupackenden Klauen aus und versetzte dem Troll einen Hieb gegen die Brust. Der Unhold brüllte und wich ein kleines Stück zurück. Sofort setzte Jorwyn ihm nach und schlug nach den Fingern des Trolls, die sich um das Geländer der Brücke gekrallt hatten. Mit einem wilden Sprung stürzte der Troll sich auf Jorwyn und der konnte nur knapp entkommen. Doch noch immer stand er zwischen dem Troll und den Kindern und seine verbissene Miene machte klar, dass er diesen Posten auch nicht aufgeben würde.

In diesem Moment wurde Alec klar, dass Jorwyn gerade sein Leben aufs Spiel setzte. Der Fährtner hatte keine Chance. Trolle waren zwar nicht groß, aber viel stärker als Menschen und ihre Krallen unheimlich scharf. Wild kreischend schlug der Troll mit den Fäusten auf die Brücke ein, bis das Holz ächzte und stöhnte. Das Knacken und Krachen der vom kalten Winter zermürbten Stämme hallte durch die Klamm.

»Wir müssen etwas tun!«, jammerte Leani neben Alec.

Alec nickte benommen und tastete über den Boden, bis er ein geeignetes Geschoss gefunden hatte. Seine Schleuder surrte und mit einem Zischen flog der Stein durch die Luft. Er traf den Troll vor die Brust. Der schreckte für einen Augenblick zurück, dann schweiften seine Augen zu Alec hinüber und er grunzte wütend.

Diesen kurzen Moment der Unachtsamkeit nutzte Jorwyn für einen erneuten Angriff und traf den Arm des Trolls. Eine tiefe, blutende Wunde blieb zurück und der Troll sprang vor Schmerz quer über die wackelnde Brücke. Sein sehniger, schwerer Körper stieß gegen die Brüstung, die mit einem Krachen nachgab. Für einen Moment balancierte der Troll am Rande des Abgrundes. Dann stürzte er mit einem langgezogenen Schrei in die Tiefe.

Alec hörte schaudernd, wie der fallende Körper gegen einen Fels prallte. Dann folgte ein lautes Krachen und plötzlich erbebte die ganze Brücke. Mit lautem Stöhnen neigte sie sich zur Seite und das Bersten des Holzes war ohrenbetäubend.

Die ersten Trümmer fielen der reißenden Forah entgegen, als Jorwyn aufstand. Unter seinen Füßen brach der Boden weg und die ganze Brücke schwankte. Um sein Gleichgewicht ringend warf sich der Fährtner vorwärts, auf Alec und Leani zu. Sie streckten ihm die Hände entgegen. Er ergriff sie und zusammen zogen die Kinder ihren Retter auf den sicheren Fels, während hinter ihm die Brücke in sich zusammenfiel.

Es dauerte eine Weile, bis sich der Lärm gelegt hatte und nur noch das Rauschen des Regens zu hören war. Alecs Herz raste noch immer und er spürte Leanis schlanke Finger, die seinen Arm fest umschlossen hielten. Sie atmete schwer und ein leises Wimmern drang durch ihre zusammengebissenen Zähne. Jorwyn stand neben ihnen und seine scharfen Augen spähten in den Abgrund hinab. Er zischte einen wütenden Fluch.

»Seid ihr verletzt?«, fragte er schließlich.

Leani schüttelte stumm den Kopf. Sie war nur durchnässt und jetzt, da die Hitze der Angst nachließ, fror sie wieder ganz erbärmlich. Alec war völlig außer Atem und sein ganzer Körper schmerzte. Aber offenbar war nichts Schlimmeres passiert.

Die Erleichterung in der Miene des Fährtners hielt nur einen winzigen Moment, dann fuhr er die beiden Kinder an: »Und was, im Namen aller Götter, habt ihr hier zu suchen?!«

Unsicher griff Alec in seinen Rucksack und zog das Bündel heraus.

Jorwyn verzog das Gesicht und sagte leise: »Danke. Ich hatte es schon gesucht.«

»Was ist das?«, fragte Leani.

»Zwergische Werkzeuge. Ein Freund bat mich, sie ihm aus dem Norden mitzubringen.«

»Sind sie wertvoll?«, frage Alec.

»Sie waren nicht billig. Und die richtigen Hände können damit bestimmt wahre Wunder vollbringen. Aber ihr hättet mir deswegen nicht bis hierher folgen müssen.«

Jorwyn verstaute das Bündel in seiner Tasche. Dann wandte er sich um und betrachtete mit sorgenzerfurchter Stirn die Überreste der Brücke.

Alecs Magen verkrampfte sich, als ihm klar wurde, dass sie auf der falschen Seite standen. Zwischen ihnen und dem Heimweg lag ein tiefer Abgrund.

Leise sagte Alec: »Das ist meine Schuld. Ich habe mich dumm verhalten.«

Jorwyn seufzte und meinte: »Das nächste Mal denkst du nach, bevor du dich in ein Abenteuer stürzt.«

Alec murmelte: »Ich glaube, vorerst habe ich genug von Abenteuern.«

»Nun, das ein oder andere wird dir womöglich nicht erspart bleiben. Ich kann euch nicht hier stehen lassen. Ihr werdet mich begleiten«, sagte Jorwyn.

Leani sah erschrocken zu ihm auf. »Aber wir müssen nach Hause!«

»Dann geh zurück!«, antwortete Jorwyn unwirsch und deutete über den Abgrund.

»Aber –«

»Kommt jetzt«, unterbrach Jorwyn sie. »Ich werde euch irgendwohin bringen, wo ihr warten könnt. Es wird dauern, bis man die Brücke wieder aufgebaut hat.«

Widerstrebend wandten sie sich um und gingen die Straße hinab. Alec war ganz flau zumute. Er fühlte sich schuldig wegen Leani und seiner Eltern. Und weil sich trotz all des Schreckens noch immer ein Teil von ihm über die Reise, die nun vor ihnen lag, freute. Er schalt sich selbst einen unverbesserlichen Narren. Er hätte nicht einfach nachgeben und weiterlaufen dürfen. Er hätte sich wehren sollen, als seine Sehnsucht ihn immer weitergezogen hatte. Jetzt hatte sie ihr Ziel erreicht – er musste weiter. Und er hatte keine Ahnung, wohin der Weg ihn führen würde.

Das Unwetter und die Nacht blieben in den Bergen zurück. Während der Morgen graute, verließen Alec und Leani an Jorwyns Seite zum ersten Mal in ihrem Leben das Weißgipfel-gebirge. Die Straße wand sich in steilen, engen Kurven an einem Hang hinunter. Unter ihnen breitete sich ein weites, schroffes Hügelland aus, überzogen von dichtem, zähem Gras.

Fern konnte Alec auf einigen der hohen Kuppen überwucherte Gebilde erkennen. Sie bildeten Kreise und es sah so aus, als trügen die Hügel Kronen.

»Was ist das?«, fragte er Jorwyn neugierig.

»Die Ruinen der alten Türme. Früher einmal lebten hier zahlreiche Fürsten, die über kleine Reiche herrschten. Aber sie sind schon lange verschwunden und niemand kennt mehr ihre Namen.«

Verwundert murmelte Alec: »Ich habe noch nie davon gehört.«

»Man nennt sie nicht umsonstDie Vergessenen Türme. Niemand spricht über sie. Die Menschen, die in ihrem Schatten leben, fürchten sich vor den Ruinen.« Der Fährtner seufzte. »Ich werde trotzdemversuchen, euch dort irgendwo unterzubringen. Wenn ihr in der Nähe der Straße bleibt, könnt ihr einen Händler abpassen, der euch wieder mit ins Forahtal nimmt.«

»Werden wir lange unterwegs sein?«, fragte Leani besorgt. »Es sieht nach mehr Regen aus.«

Der Fährtner hob unwillig die Schultern. »Ein paar Tage sicher. Kommt jetzt.«

Eine bleierne Wolkendecke verbarg tagelang die Sonne, und der Regen, der stetig aus ihr fiel, war hart und kalt. Aber alles Klagen half nichts, Jorwyn drängte seine beiden unfreiwilligen Begleiter Meile um Meile weiter.

Alec war müde und seine Füße schmerzten. Und er wusste, dass es Leani noch viel schlimmer erging. Die Elfe sprach kaum noch ein Wort und nachts hörte er sie ab und an schluchzen. Sie war ihm nachgelaufen und hatte alles stehen und liegen gelassen. Er hatte zumindest seine Jacke und versuchte sich und Leani zusammen darin einzuwickeln, wenn es abends kalt wurde.

Aber schließlich klarte das Wetter wieder auf und ein warmer Wind kam von Osten, vom Meer. Alec stellte es sich unglaublich groß und schön vor. Vielleicht führte die Straße, über die sie gerade liefen, irgendwann an sein Ufer, dachte er sich. Wenn man ihr lange genug folgte, kam man sicher nach Aquillinia und irgendwann auch nach Feean. Alecs Augen begannen bei diesen Gedanken zu leuchten und für kurze Zeit vergaß er die Mühen und Schmerzen.

Und so war er fast ein wenig enttäuscht, als Jorwyn endlich ein kleines Gehöft fand, wo er Alec und Leani in die Obhut der Bauern geben wollte. Die Straße führte direkt daran vorbei und die beiden Kinder konnten nach einer Gelegenheit zur Rückkehr Ausschau halten.

Das Haus ähnelte sehr den Hügeln, zwischen denen es stand. Von Moos überwuchert duckte es sich in die Ebene, als erwarte es, dass etwas vom Himmel herabfallen könnte. Vielleicht versuchte es auch sich vor dem Regen zu verstecken, dachte Alec mit einem Lächeln.

Die Tür war fest verschlossen. Sie bestand aus altem, grauem Holz, das überraschend massiv war. Es könnte das Tor einer Festung sein, dachte sich Alec. Und auch die schmalen Fenster, die wie zusammengekniffene Augen aus der Steinfassade herauslugten, hatten etwas von einem Bollwerk.

Jorwyn klopfte an und sie warteten. Es dauerte lange, bis sie im Haus etwas hörten. Jemand bewegte sich, leise und hektisch. Dann war es wieder ruhig. Wahrscheinlich wurden sie gerade durch eines der kleinen Fenster in Augenschein genommen. Alec spähte zu einer der Schießscharten hinüber. Für einen Moment war dort ein bleiches Gesicht zu sehen, das schnell wieder im Dunkeln des Hauses verschwand.

Ein ungutes Gefühl beschlich den Jungen. Er zupfte vorsichtig an Jorwyns Mantel und raunte ihm zu: »Ich glaube nicht, dass wir willkommen sind.«

Jorwyn sah ebenfalls zum Fenster hinüber und verzog den Mund. Dann hämmerte er wieder gegen die Tür und sagte laut: »Öffnet bitte! Ich brauche nur einen Moment Eurer Zeit.«

Es blieb still im Haus. Leani glaubte kurz ein leises Flüstern zu hören, gefolgt von einem scharfen Zischen.

Jorwyn klopfte erneut und nun war sein Gesicht ärgerlich. »Macht auf! Wir wissen, dass Ihr Zuhause seit. Also lasst uns nicht länger vor Eurer Tür warten wie Bettler!«

Diese Worte zeigten endlich Wirkung. Es wurde wieder lauter im Haus und sie hörten, wie jemand zwei Riegel an der Tür zurückschob. Knarrend schwang sie auf und eine kleine, blasse Frau blickte ihnen entgegen.

Alec konnte einen Blick an ihr vorbei ins Innere des Hauses werfen. Es war mehr eine Hütte, mit niedrigem Dach, dunkel und kalt. Irgendwo brannte ein Feuer und in seinem unruhigen Schein konnte man einen Tisch und mehrere Stühle sehen, hinter denen sich zwei kleine Kinder versteckten. Sie wirkten mindestens genauso eingeschüchtert wie ihre Mutter und der ältere der beiden Jungen hielt einen Stock wie ein Schwert vor sich.

Jorwyn sprach derweil mit der Frau: »Verzeiht unser plötzliches Erscheinen. Aber diese beiden Kinder suchen nach einer Bleibe in der Nähe der Straße. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr sie für einige Zeit bei Euch aufnehmen könntet.« Er legte jeweils eine Hand auf Alecs und Leanis Schultern und schob sie sanft vor. »Sie können euch sicher irgendwo im Haus oder auf dem Feld zur Hand gehen.«

»Aber …« Grauen stand im Gesicht der Frau geschrieben, als sie Alec und Leani ansah. »Aber das ist eine Elfe!«

»Ja«, sagte der Fährtner. »Sie und ihr Freund wollen zurück ins Forahtal. Bitte nehmt sie für einige Wochen bei Euch auf.«

»Aber …« Die Frau begann am ganzen Leib zu beben und der Anblick erschrak sowohl die drei Wanderer, als auch die Kinder im Haus. Der größere der beiden Jungen sprang nun aus seinem Versteck hervor, seinen Stock als Waffe vor sich und rief zur Tür herüber: »Elfenbrut! Menschenfresser!«

Erschrocken zuckte Leani zurück. Ihre Augen waren groß und rund vor Erstaunen.

Alecs Überraschung verwandelte sich schnell in Zorn und er rief zurück: »Sag das ja nicht noch mal!«

»Ich weiß nicht, was Ihr über Elfen zu wissen glaubt«, versuchte Jorwyn die Frau zu beruhigen und versetzte Alec einen Stoß. »Aber dieses Kind will niemandem etwas Böses.«

Aber die Furcht der Frau wurde immer größer. »Bitte geht!«, sagte sie mit flehendem Ton. »Ich habe selbst Kinder im Haus. Ich kann nicht …«

In diesem Moment kam ihr Mann um das Haus herum. Sein Blick blieb zuerst an Jorwyns finstrer Gestalt hängen und fand dann ebenfalls Leani. Er hob seine Harke. Es war dieselbe Geste wie die seines Sohnes und Alec verstand langsam, dass diese Menschen Leani tatsächlich fürchteten.

Jorwyn war wohl zum selben Schluss gekommen. Er trat von der Tür zurück und zog Leani hinter sich. »Nun gut«, sagte er zähneknirschend. »Offenbar wollt ihr uns nicht helfen.«

Inzwischen war der ältere Junge herangekommen und hatte sich vor seine Mutter gestellt, das kleine Gesicht grimmig und entschlossen. »Die Elfe wird meinen Bruder nicht entführen und auffressen!«, verkündete er mit schriller Stimme. »Sie soll verschwinden!«

Jorwyn hob die Hände und sagte mit ruhiger Stimme: »Wir werden gehen.«

Offenbar waren das willkommene Worte, denn in den Gesichtern der Familie zeigte sich endlich Erleichterung. Der Mann behielt die drei Fremden noch argwöhnisch im Auge, während er ins Haus trat und die Tür hinter sich schloss. Man hörte, wie die beiden Riegel wieder vorgeschoben wurden, und dann war es still.

Für ein paar Augenblicke starrte Alec auf die Tür, zwischen Verwunderung und Wut hin und her gerissen. Er spürte Jorwyns Hand auf seiner Schulter. Der Fährtner zog ihn weg von dem Haus.

Sie machten sich wieder auf den Weg und in der Stille des Hügellandes hörte Alec Leanis leises Schluchzen. Tröstend legte er seiner Freundin den Arm um die Schultern.

Die Elfe schniefte und meinte: »Ich hab ja schon die ein oder andere Geschichte gehört, die ihr Menschen euch über Elfen erzählen. Bisher dachte ich, sie wären lustig.«

»Ich habe nie an diese Geschichten geglaubt«, erwiderte Alec. »Das waren Märchen, die sich irgendwelche Leute ausgedacht haben, damit ihre Kinder Angst bekommen und keine Dummheiten anstellen.«

Leani hob die Schultern. »Aber es sind doch alles Lügen. Warum glauben die Leute daran?«

»Es sind die Türme«, mischte Jorwyn sich nun ein. Während sie weiter gingen, erklärte er: »Die alten Könige, die früher hier gelebt haben, waren böse Menschen, die ihre Untertanen quälten und ausbeuteten. Man sagt, sie hätten gewaltige Schätze angehäuft und wie Drachen über sie gewacht. Selbst nach ihrem Tod und nach dem Verfall ihrer Burgen sollen sie noch über die verlorenen Reichtümer wachen und jeden zu Tode erschrecken, der sich ihnen nähert. Die Menschen hier haben schon immer in Angst und Schrecken gelebt. Und wer einmal anfängt, irgendwelchem Aberglaube Vertrauen zu schenken, der lässt sich auch von Lügengeschichten über Elfen, Zwerge, Riesen und Kobolde beeindrucken.« Er seufzte. »Nehmt es ihnen nicht übel. Das Leben hier ist hart und macht die Menschen entweder genauso hart oder zerbricht sie auf Dauer.«

»Und was sollen wir nun tun?«, fragte Alec.

»Ich werde euch am besten mit nach Sirahm nehmen. In der Stadt finden wir bestimmt jemanden, der euch aufnimmt. Ich will mich dort mit einem Freund treffen. Sicher weiß er eine Lösung.« Jorwyns schnaubte ärgerlich.

»Wie weit ist es bis Sirahm?« Leani sah fast verzweifelt auf die Straße, die sich scheinbar endlos vor ihnen dahin wand.

»Einige Tage. Und ich fürchte, mit euch wird es noch etwas länger dauern.«

Alec schluckte. »Nun. Es muss wohl sein.«

So müde er selbst auch war, und so leid es ihm für Leani tat, er konnte nicht ganz verhehlen, dass er sich über diese zusätzlichen Tage auf der Straße freute.

Bald ließen sie das Hügelland hinter sich. Schon wurden die Gipfel des Gebirges klein und blau, bis sie mit dem Himmel verschmolzen, während die Straße einen weiten Bogen machte. Sie führte in östlicher Richtung an der Forah entlang, bis diese in einen größeren Fluss mündete. Man nannte ihn den Eilenden Fluss, wusste Alec von Jorwyn, da seine Strömung stark und reißend war. Er würde einige Meilen weiter südlich nach Westen abbiegen, und die große Straße an seinen Ufern entlang nach Staelgost, der Roten Feste, führen. Alec hätte die Feste gerne gesehen. Doch es waren viele Meilen bis dorthin.

Als die Gipfel im Norden hinter ihnen fast verblasst waren, wuchsen am östlichen Horizont wieder Berge in die Höhe. Sie waren Alec vollkommen fremd und nicht so spitz und hoch wie die, die er seit seiner Kindheit kannte. Die Forah, die sie vom Tal bis hierher begleitet hatte, endete. Sie stieß auf den Eilenden Fluss und vereinte sich mit ihm in einer breiten Furt.

Es war eine der wenigen Stellen, an denen man den Eilenden Fluss überqueren konnte, und Alec und Leani staunten nicht schlecht, als vor, neben und hinter ihnen zahlreiche Menschen offenbar denselben Weg nehmen wollten. Es war ein richtiges Gedränge, das sich aber am anderen Ufer auch sehr bald wieder verlief, als die Menschen ihre eigenen Wege gingen, von denen es hier viele gab. Die Straße war nun mit behauenen Steinen gepflastert und ein Wegweiser deutete in Richtung Stealgost. Ein weiterer zeigte ihnen die Richtung nach Sirahm. Die Stadt war nicht mehr ganz zwei Tagesmärsche entfernt.

Alec bestaunte die Straße. Er kannte nur holprige, steinige und schlammige Pfade durch die Berge. Doch dies war eine echte Straße, von vielen Menschen zu Fuß oder mit dem Karren benutzt. Die Pflastersteine waren ebenmäßig und ohne Fugen verlegt.

»Zwergenarbeit«, erklärte Jorwyn.

Alec und Leani staunten. Zwerge waren noch nie durch das Forahtal gekommen und so beruhte Alecs ganzes Wissen über dieses Volk auf Erzählungen. Es gab viele davon, und wie bei allen Geschichten war nie ganz klar, was tatsächlich wahr war und was ins Reich der Mythen und Legenden gehörte.

»Werden wir in Sirahm denn Zwerge sehen?«, wollte Alec wissen.

Jorwyn lächelte seltsam. »Das nehme ich stark an. Mein Freund, den ich dort treffen möchte, ist selbst einer. Und deshalb werden wir die Zwergenschmiede aufsuchen.«

Die Augen der beiden Kinder wurden groß und rund und in Alecs sah man ein Funkeln der Begeisterung. Die Schmiedemeister der Zwerge waren berühmt und ihre Werke in ganz Arahn begehrt. Alec konnte es kaum noch aushalten vor Neugier.

Nach nur zwei weiteren Tagen Marsch kam die Stadt endlich in Sicht. Sie schmiegte sich an einen Hang, die Häuser übereinander gestaffelt und die Gassen dazwischen teilweise so steil wie Stiegen. Eine Palisade aus dicken Baumstämmen, die man in den Boden gerammt, mit Steinen umsäumt und oben zugespitzt hatte, umgab Sirahm.

Wächter standen am Tor und kontrollierten die Händler und Karren, die in die Stadt wollten. Und davon gab es viele. Das Vieh, eingeschüchtert von der Enge und dem regen Treiben, machte einen schrecklichen Lärm, und seine Besitzer standen ihm in nichts nach. Jorwyn und seine beiden jungen Begleiter hatten aber keine Schwierigkeiten in die Stadt zu gelangen. Nur Leani warf man einige verwunderte Blicke zu. Dann wurden sie durchs Tor gewunken.

Zwischen den Steinhäusern, die hoch und eng beisammen standen, sammelte sich Unrat und die Luft war stickig und von einem seltsamen Geruch erfüllt, mehr sonderbar als schlimm. Alecs Begeisterung für Städte ließ rasch nach, und auch Leani war anzusehen, dass sie sich an diesem Ort alles andere als wohl fühlte.

Alec rieb sich den Ellbogen, den er sich bei einem Zusammenstoß mit einem großen, ungewaschenen und offenbar betrunkenen Mann an einer Wand angeschlagen hatte, und brummte missmutig: »Nicht für alles Geld der Welt wollte ich hier mein Leben verbringen. Wie lange werden wir bleiben müssen?«

»Das werden wir erfahren, sobald wir bei der Schmiede sind«, antwortete Jorwyn. »Es ist nicht mehr weit.«

Sie verließen die kleine Nebengasse wieder und betraten eine breite Straße, auf der es aber sehr ruhig war. Ihr Weg führte sie nun stetig bergab, an einer steilen Klippe entlang. Über sich sahen sie weitere Häuser, die sehr nahe an den Rand des Felsvorsprungs gebaut worden waren.

Alec erinnerte sich an die Geschichten über die großen Zwergenstädte in den Grauen Bergen und wollte wissen: »Ist die Schmiede hier in den Fels hineingebaut?«

Jorwyn schüttelte den Kopf. »Nein, das hat man den Zwergen nicht erlaubt. Sie haben ein Gebäude wie die meisten hier in der Stadt. Nur wesentlich größer.«

Neben der Straße plätscherte ein Rinnsal, dessen Wasser eine trübe, braune Farbe hatte und einen unangenehmen Geruch verbreitete. Doch bald schon wurde dieser von einem anderen überdeckt, der sich scharf und klar zwischen die grünlichen Dünste des fauligen Wassers mischte. Es roch nach Feuer, Metall und Zeit.

Alec überkam ein Schaudern bei diesem Gedanken und seine Nase kribbelte. Ein Prickeln lief durch seinen Körper und ließ seine Finger jucken. Er rieb sich die Hände, während die Luft plötzlich von einem kalten Klirren und Pochen erfüllt war. Der Geruch des Feuers wurde immer intensiver, und über den Dächern sahen sie nun Rauchschwaden und flirrende Hitze aufsteigen. Die Schmiede konnte nicht mehr weit sein.

Und dann wurde die Straße zu einem kleinen, gepflasterten Platz. Eine ganze Seite davon nahm ein langes Gebäude in Anspruch. Über ihm erhob sich ein mächtiger Kamin, aus dessen Schlund Funken und Rauch aufstiegen. Unwillkürlich musste Alec an den Feuerberg denken und ein erneuter Schauder überkam ihn.

In der Front des Gebäudes, dem Platz zugewandt, waren mehrere große Tore, durch die man ins rotglühende Innere der Schmiede sehen konnte. Einige Karren warteten davor, beladen mit Kohlen, rohem Eisen und anderen Waren. Zwei Zwerge standen dazwischen und stritten heftig miteinander. Fasziniert lauschten Alec und Leani den Worten, die sie kaum verstanden. Die Zwergensprache war eigentlich keine andere als die der Menschen, hatte aber einen starken Dialekt und klang wie das Donnern von Schmiedehämmern, das Rollen von Felsen im Gebirge und das Hallen von unterirdischen Sälen.

Überrascht stellte Alec fest, dass die Zwerge größer waren, als er sie sich bisher vorgestellt hatte. Sie waren sogar ein wenig größer als er, wenn auch nicht viel, und so breit gebaut, dass Leani sich zweimal hinter einem verstecken konnte. Ihre vollen Bärte waren mit Spangen und Klammern zusammengebunden, die während des Streits klapperten und klirrten.

Die beiden Zwerge bemerkten die Neuankömmlinge. Sie beendeten ihr heftiges Gespräch, warfen den Fremden misstrauische Blicke zu und verschwanden dann im Innern der Schmiede.

Jorwyn näherte sich einem der geöffneten Tore und klopfte kräftig gegen das Holz. Alec nahm sich derweil Zeit, die Arbeiter zu beobachten, die, in dicke Lederschürzen und Handschuhe gekleidet, glühendes Eisen und Stahl trugen, hämmerten, bogen und in Tröge mit Wasser senkten, wo es fauchend und zischend abkühlte. Hitze strich Alec übers Gesicht und er schmeckte das Metall in seinem Rachen.

Leani neben ihm hustete verlegen. Der Elfe war nicht entgangen, dass sich weiter hinten in der Schmiede, an einer der großen Essen, eine kleine Versammlung von Zwergen gebildet hatte. Sie redeten laut und gestenreich miteinander. Nicht wenige dieser Gesten gingen in die Richtung von Jorwyn und den beiden Kindern. Mittelpunkt der ganzen Aufregung war ein alter Zwerg, mit schneeweißem Bart mit silbernen Spangen darin. Er warf den Fremden einen strengen, prüfenden Blick zu.

»Ich glaub, hier will man uns auch nicht«, flüsterte Leani leise und trat vorsichtig einen Schritt hinter Alec.

Jorwyn brummte nur eine unverständliche Antwort in seinen kurzen Bart.

Nun wandte sich der weißhaarige Zwerg den unerwünschten Besuchern zu und kam mit festen Schritten zu ihnen herüber. Einige seiner Männer folgten ihm, Misstrauen in den Mienen und große Schmiedehämmer in den Händen.

»Was kann ich für Euch tun, Fremde?«, verlangte der alte Zwerg zu wissen und streckte Jorwyn herausfordernd das Kinn entgegen.

Der Fährtner antwortete ruhig: »Ich suche nach Gord.«

Es waren wohl die falschen Worte, denn auf einmal schlug ihm Zorn entgegen. Die Zwerge wurden laut, schrien beinahe und einige schwangen drohend ihre Hämmer und drängte sich nach vorn. Es wäre für Jorwyn gewiss unbequem geworden, hätte nicht der Meister der Schmiede einen kühlen Kopf bewahrt. Er wies seine Männer zurecht und befahl ihnen ruhig zu sein. Dann wandte er sich wieder Jorwyn zu. In seinen Augen war eine klare Warnung zu lesen – von nun an wäre es besser, keine falschen Antworten mehr zu geben.

Alec beobachtete die Szene mit angehaltenem Atem. Er spürte, wie Leani sich krampfhaft an seinem Arm festhielt.

Der alte Zwerg fragte Jorwyn misstrauisch: »Tragt Ihr etwas bei Euch, das für Gord bestimmt ist?«

Der Fährtner nickte und holte vorsichtig das kleine Bündel, das Alec ihm nachgetragen hatte, aus seiner Tasche. Der weißhaarige Zwerg wog es in seiner Hand und blickte Jorwyn abschätzend an. Schließlich öffnete er das Band, das den Stoff zusammenhielt, und betrachtete die Gegenstände, die darin eingepackt waren. Sein Blick wurde etwas weicher.

»Gord selbst bat mich in einem Brief, sie ihm aus dem Norden mitzubringen. Er wollte, dass ich ihn hier treffe und mit ihm spreche. Weshalb hat er mir nicht verraten«, erklärte Jorwyn und langsam legte sich die Spannung der Zwerge. Sie ließen die Hämmer sinken und einige sahen sogar betreten zu Boden.

»Kommt mit«, forderte der alte Zwerg sie nun auf. »Ihr könnt hier auf Gord warten. Ich werde nach ihm schicken.«

Er drehte sich um und führte Jorwyn und seine beiden jungen Begleiter an den anderen Zwergen vorbei, die noch immer murmelten und den Besuchern unsichere Blicke zuwarfen.

»Zurück an die Arbeit!«, rief der Alte. »Darok und Kehl-Zâr, geht zu Gord und sagt ihm, dass sein Freund eingetroffen ist. Schon wieder!«

Zwei der Zwerge liefen hinaus. Der Rest begab sich wie befohlen an die Arbeit.

Alec und Leani folgten Jorwyn und dem alten Zwerg durch die Schmiede, vorbei an heißen Essen und zischendem Metall. Am Ende des großen Raumes war eine breite Tür. Dahinter lag ein langer, flacher Raum, in dem zahlreiche Tische und Bänke standen. Einige Zwerge saßen dort, rauchten Pfeife und tranken aus schweren Krügen. Sie beobachteten die kleine Gruppe genau und drei der Zwerge erhoben sich und folgten ihnen, wie zufällig, durch die nächste Tür, die am hinteren Ende der Halle auf sie wartete.

Im Raum dahinter stockte Alec der Atem. Ein mächtiger Tisch aus grau-schwarzem Holz stand in diesem Zimmer, und dahinter ragte ein großer, schwerer Stuhl auf, der reich verziert und mit Fellen bedeckt war. Fasziniert und auch etwas eingeschüchtert ließ Alec den Blick über die Wände schweifen, die das ganze Können der Zwergenschmiede offenbarten. Unzählige Waffen hingen dort. Schwerter und Speere von den unterschiedlichsten Größen, Arten und Formen. Und viele andere Waffen, die Alec noch nie zuvor gesehen hatte und deren Handhabung ihm schleierhaft blieb.

Der alte Zwerg hatte sich auf dem großen Stuhl niedergelassen und wies Jorwyn, Alec und Leani mit einer Geste an, ebenfalls Platz zu nehmen. Als Alec sich auf einen hölzernen Schemel sinken ließ, bemerkte er die drei Zwerge, die ihnen aus der langen Halle gefolgt waren und sich nun neben der Tür postierten. In den Händen hielten sie ihre schweren Hämmer und breite Äxte klemmten hinter ihren Gürteln.

Beunruhigt sah Alec zu Jorwyn hinüber. Aber der hatte den Blick finster auf den alten Zwerg gerichtet. Dessen Miene war ernst aber ruhig.

Schließlich sprach er: »Mein Name ist Khôred Zahrkhelm. Ich bin der Meister dieser Schmiede. Gord ist ein Neffe meiner Frau. Entschuldigt die Unfreundlichkeit des Empfangs, aber Gord ist in letzter Zeit ein sehr gefragter Mann. Und manche der Leute, die nach ihm fragten, haben Ärger mit sich gebracht.«

»Was für eine Art von Ärger meint Ihr?«, wollte Jorwyn wissen.

»Unannehmlichkeiten. Scherereien und Waffen. Ich habe einen meiner besten Gesellen verloren und die Stadtwache stellte Fragen nach Angelegenheiten, über die wir nicht gerne reden.«

Khôred sah zu Alec und Leani hinüber. Alec spürte Misstrauen und unterdrückten Zorn. Leani rutschte unruhig auf ihrem Schemel hin und her.

»Wir sind nicht hier, um Ärger zu machen«, sagte Jorwyn, der langsam ungeduldig wurde. »Gord selbst bat mich, hierher zu kommen. Und diese beiden Kinder begleiten mich seit einem unangenehmen und unerwarteten Zwischenfall in den Bergen. Sie suchen eine Möglichkeit, sicher in ihre Heimat zurückzukehren.«

Khôred winkte ab. »Ich habe in letzter Zeit zu viele Lügen gehört. Ich bin an keinen weiteren interessiert. Gord wird bald hier sein. Dann können wir weiterreden.«

Jorwyn wollte gerade auffahren, als ein schweres Klopfen die Tür erzittern ließ. Erschrocken fuhr Alec herum. Die Tür flog auf und ein sehr großer Zwerg, mit Kettenhemd und Helm bekleidet, trat ein. Helle Augen blitzten unter buschigen Brauen, als er Jorwyn erblickte, und sein Mund, der sich hinter einem dichten, rot-braunem Bart verbarg, verwandelte sich in ein breites Grinsen.

»Jorwyn!«, donnerte der Zwerg und schloss den Fährtner in Arme, die dick wie junge Bäume waren. »Endlich! Wo hast du nur gesteckt, du alter Herumtreiber? Das Pflaster in dieser Stadt wird langsam heiß.«

»Ich hatte geplant einige Tage früher hier zu sein«, antwortete Jorwyn und erwiderte die freundschaftliche Begrüßung des Zwerges. Dann sagte er, mit einer erklärenden Geste in Richtung Alec und Leani: »Aber es gab bei der Überquerung des Weißgipfelgebirges einige Schwierigkeiten. Deswegen sind diese beiden bei mir.«

Gords helle Augen blieben an Leani haften. »Eine Elfe im Gebirge? So hoch im Norden?«

»Ich habe seitdem nach einer Möglichkeit gesucht, die beiden auf sicherem Wege nach Hause zu bringen«, berichtete Jorwyn. »Aber ich konnte niemanden finden, der sie aufnehmen wollte. Bei den Vergessenen Türmen hat man uns davongejagt wie räudige Hunde. Ich hoffte, dass deine Familie einen Händler kennt, der sie mit sich ins Forahtal nehmen kann.« Er wandte sich bei diesen Worten Khôred zu. Der alte Zwerg saß ungerührt in seinem Stuhl und zeigte keine Anzeichen dafür, dass er sein Misstrauen bedauerte.

Gord lachte laut auf. »Khôred wird euch da sicher helfen können.«

Mit viel Schwung klopfte er Alec auf die Schulter. Der Junge wäre beinahe vornüber gekippt. Dann schob Gord die Kinder zur Tür und sagte zu den Zwergen, die dort standen: »Die beiden haben sicher großen Hunger. Bringt sie zu Mirâ. Ihr Honigkuchen wird ihnen gut tun.«

Dann schloss sich die Türe hinter Alec und der Elfe und sie standen wieder in der Halle mit den Tischen und Bänken. Noch mehr fremde Zwerge saßen dort und blickten neugierig zu ihnen herüber. Jorwyn war hinter der Türe zurückgeblieben. Alec und Leani waren alleine.

Kapitel 3

Die Kinder standen vor der Tür und wussten nicht recht, wie ihnen geschah.

»Und nun?«, fragte die Elfe.

Alec konnte nur ratlos die Schultern heben. »Ich glaube, für uns beginnt der Heimweg.«