Feuerkopf - Cornelia Poser - E-Book

Feuerkopf E-Book

Cornelia Poser

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Beschreibung

Trapez, Chopin und quälende Erinnerungen - Leon ist 14 und wäre ein ganz normaler Teenager, wenn er nicht (fast) nur seine Klaviermusik im Kopf hätte. Doch als er sich gerade auf ein wichtiges Konzert vorbereitet, gerät er unversehens in die Welt des Zirkusmädchens Lilly hinein. Lilly ist fast so alt wie Leon und wäre eine ganz normale junge Frau, wenn sie sprechen würde. Aber vor fünf Jahren hat sie etwas erlebt, was sie immer noch quält und ihr buchstäblich die Sprache verschlagen hat. Da taucht Leon auf. Mit seinen feuerroten Haaren bringt er Lilly völlig aus dem Gleichgewicht. Ein Riesenproblem. Denn Lilly arbeitet im Zirkus Farlfalla, direkt unter der Zirkuskuppel, am Trapez ...

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Danksagung

Über die Autorin

1

Lilly rennt! Das Gras sticht in ihre nackten Fußsohlen. Sie hat vergessen, ihre Schuhe anzuziehen, aber sie muss weiterrennen, darf jetzt nicht umkehren, nur um die blöden Schuhe zu holen.

›Du kommst zu spät‹, dröhnt es in ihrem Kopf. ›Zu spät, zu spät, zu spät‹, rufen auch die Füße bei jedem Schritt.

Lilly rennt!

Onkel Mario wird schimpfen und das ist für niemanden gut, vor allem nicht für Lilly. Rechts und links von ihrem Kopf fliegen zwei Zöpfe. Die sind so lang, dass sie, wenn sie gerade mal nicht rennt, fast bis zur Taille reichen.

Heute piken die Haare auf ihrem Kopf. Oma Anna hat die Zöpfe viel zu fest geflochten. Das macht sie immer, wenn es schnell gehen soll und heute musste es sehr schnell gehen. Eigentlich ist das fast jeden Tag so. Es muss immer schnell gehen, weil Lilly pünktlich bei der Probe sein muss. Bevor sie die Zöpfe flicht, kratzt Oma Anna mit ihrer harten Bürste auf Lillys Kopf herum.

Wie Lilly das hasst! Wie sie diese Zöpfe hasst! Erstens, weil das Bürsten richtig wehtut und zweitens, weil sie mit den Zöpfen aussieht wie ein kleines Kind. Dabei ist sie doch schon fast vierzehn Jahre alt.

Lilly rennt!

Jetzt über den sandigen Platz, vorbei an der Feuerstelle. Sie hält sich die Nase zu, denn es riecht nach altem Feuer, dem von gestern Abend. Feuergeruch mag Lilly nicht. Sie mag Feuer weder sehen, noch riechen. Da ist das Zelt und da steht ihr Onkel am Eingang und wartet auf sie. Natürlich steht er da. Sein Blick unter den buschigen, schwarzen Augenbrauen ist mürrisch, wie immer.

»Zu spät!«, ruft er ihr entgegen, dreht sich um und verschwindet im Zelt.

Staub wirbelt auf. Lilly rennt hinter ihm her, direkt hinein in die Manege. Onkel Mario soll nicht schimpfen! Sie mag nicht, wenn er böse ist. Niemand soll böse sein, vor allem nicht Onkel Mario. Nein, er schlägt Lilly nicht, nur manchmal droht er mit der Faust. Trotzdem hat Lilly oft Angst vor ihm, vor allem, wenn seine Stimme laut wird und poltert. Jetzt steht sie atemlos vor ihm. Er schnauft.

»Kannst du nicht einmal pünktlich sein?«

Das ist eine Frage und Lilly müsste jetzt eigentlich antworten, erklären, warum sie mal wieder, schon wieder, zu spät ist. Aber das tut sie nicht, trotz ihrer Angst. Sie antwortet Onkel Mario nie. Und nicht nur ihm. Lilly antwortet niemandem, auf keine Frage, denn Lilly spricht nicht. Ihr Mund ist stumm, wie mit einem Schloss zugeriegelt und das schon seit langer, langer Zeit. Lilly kann sich nicht daran erinnern, wann und weshalb sie aufgehört hat zu sprechen.

2

Zur gleichen Zeit hockt ein Junge zuhause hinter der Garage bei den Mülleimern. Der Junge heißt Leon. In der einen Hand hält er ein brennendes Streichholz, in der anderen ein paar Notenblätter. Es sind die letzten vier Seiten des Stückes, das er am nächsten Mittwoch im Konzert spielen wird.

Er braucht die Noten nicht mehr.

Er kann das Stück auswendig.

Den Anfang und den langsamen Mittelteil hat er neulich schon verbrannt. So macht er es immer, wenn er ein Stück kann. Die Flamme flackert auf und erfasst das Papier. Es leuchtet erst gelb, verfärbt sich dann an den Rändern braun, bis es sich krümmt und plötzlich alles brennt. ›Wie gierig das Feuer ist‹, denkt Leon. Die Noten sind kaum noch zu erkennen. Als die Hitze seine Finger erreicht, lässt er die Blätter los. Er fährt mit der Hand durch sein wirres Haar. »Du bist ein Feuerkopf!« Das sagt seine Mutter manchmal, eigentlich weil seine Haare so rot sind, aber auch, weil er ab und zu gerne zündelt.

Ja, sie hat recht, es stimmt. Langsam frisst das Feuer die Notenseiten auf. Und jetzt schnell los, zur Klavierstunde. Ohne Noten. Da klingelt sein Handy. Er fischt es aus der Hosentasche.

»He, Rubi, was geht?«, fragt Alex am anderen Ende. Alex nennt Leon immer Rubi, so wie alle in seiner Klasse.

»He, Alex, warte mal kurz!« Leon tritt schnell auf die noch brennenden Papierreste, bis nur noch Qualm aufsteigt.

»Also, was ist? Ich warte hier seit zehn Minuten auf dich. Wo bleibst du?«

Alex’ Stimme klingt ungeduldig. Mist, das hat Leon ja ganz vergessen!

»Mann, Alex, sorry. Ich muss los, zur Klavierstunde.«

»Nee, heute mal nicht. Wir sind verabredet, mit den anderen. Hast du das vergessen? Schwing dich aufs Rad, komm her!«

»Alex, das geht nicht.«

Aber der rote Punkt leuchtet schon im Handy. Alex hat aufgelegt. Leon tritt noch einmal auf die verkohlten Papierreste. Sicher ist sicher. Alex hat schon recht, sie waren verabredet, aber dann kam gestern Abend der Anruf vom Professor wegen der Stunde. Und da muss er jetzt hin. Aus dem offenen Küchenfenster hört er die Stimme seiner Mutter.

»Leon, du musst los!«

»Ja ja, ich weiß!«, ruft er zurück und schnappt sein Fahrrad. Er muss sich beeilen, in ein paar Minuten fährt der Bus. Aber seine Mutter meldet sich noch einmal.

»Und vergiss deine Noten nicht!«

»Das nervt«, murmelt Leon.

Er ist schon fast am Gartentor, als die blaue Mappe durch das Küchenfensters auf den Gartenweg plumpst.

»Da sind sie!«, flötet seine Mutter.

»Mama, was soll das? Ich kann es auswendig!«, ruft er zurück, aber das interessiert seine Mutter nicht.

»Trotzdem, mitnehmen! Das sagt auch Professor Schubart!«

Leon wirft das Fahrrad auf den Gartenweg, rennt unter das Küchenfenster und greift sich die Mappe. Die ist zwar leer, aber das weiß seine Mutter natürlich nicht. Sie kann es nicht leiden, wenn er zündelt. Du verbrennst doch auch nicht alle Bücher, die du ausgelesen hast, sagt sie immer und versteht nicht, dass das etwas ganz anderes ist. Leon schwingt sich wieder aufs Rad und fährt durch das offene Gartentor. An der Ecke steht plötzlich Alex vor ihm und versperrt ihm den Weg.

»Endlich! Ich dachte schon, du kommst nicht mehr!«, ruft er.

Leon bremst scharf, denn Alex ist sein Freund, und Freunde fährt man nicht um.

»He, Alex, nee, das geht nicht. Mach Platz, ich muss zum Bus, der kommt gleich. Der Professor hat mir noch eine Klavierstunde verpasst, wegen des Konzerts. Ich muss das machen!«

Jetzt guckt Alex richtig enttäuscht.

»Mensch, Rubi, kannst du nicht absagen?«

»Nein, das geht nicht, echt jetzt. Ich kriege schon voll Ärger, wenn ich zu spät komme. Ich melde mich nachher, wenn ich zurück bin bei dir. Lass mich durch!«

Alex aber bleibt stehen.

»Und wann bist du zurück?«, fragt er mit schiefem Mund.

Leon rollt mit dem Vorderrad gegen Alex’ Schienbein.

»Irgendwann danach. Keine Ahnung. Los, mach Platz!«

Alex rührt sich nicht.

»Oh, Mensch, Rubi, immer üben und Unterricht in der Stadt und immer nur Musik in der Birne. Was soll aus dir bloß mal werden?« Dann macht er doch einen Schritt zur Seite und lässt seinen Freund durch.

Leon tritt schon in die Pedale, als Alex hinter ihm herruft: »Wenn es dann für dich überhaupt einen Nachmittag gibt!«

»Gibt es!«, schreit Leon zurück. Schon seit drei Jahren sind sie befreundet. Und Alex hat ja recht, eigentlich wollten sie sich heute, am ersten Wochenende der Sommerferien, mit den anderen aus der Siedlung treffen. Und nun ist Leon als Einziger mal wieder nicht dabei. Er dreht sich noch einmal um und sieht, wie Alex kurz vor der Ecke winkend mit dem Armen durch die Luft rudert. Er weiß genau, dass Leon ihm hinterherschaut.

»Tschüss, Rubi!«, ruft er.

Wie gesagt, alle in der Schule nennen Leon Rubi. Und daran ist seine Lehrerin Frau Biedermann schuld. Die hat ganz am Anfang, als Leon einmal zu spät kam, gesagt: »Ach, da kommt ja unser kleiner Rubinstein!«. Rubinstein war früher ein sehr berühmter Pianist. Er hieß mit Vornamen Arthur und mit Nachnamen eben Rubinstein. Von ihm gibt es sogar Videos im Internet. Auf jeden Fall nannten ab da Leon auf einmal alle Rubi. Erst fand er das nicht gut, aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt und findet den Namen sogar ganz gut. Nur seine Eltern und seine Schwester Panja nennen ihn Leon und Professor Schubart natürlich auch.

Leon bremst an der Haltestelle. In der Ferne sieht er schon den Bus heranrollen. Er springt vom Rad und schließt es in Windeseile an einer Laterne an. Schon hält der Bus. Die Türen öffnen sich zischend. Leon springt durch die vordere, hält dem Fahrer seine Monatskarte entgegen. Der Bus ist fast leer. Leon setzt sich auf einen Platz am Fenster. Schon ruckt der Wagen und sie fahren los. Leon streicht sein verschwitztes Haar aus der Stirn und schnuppert an seinen Fingern. Sie riechen noch nach Feuer. Er mag das sehr. Er wühlt nach den Streichhölzern in der Hosentasche. Oh, sie sind nicht da, liegen vielleicht noch hinter der Garage? Wenn seine Mutter sie findet, gibt es richtig Ärger. Er muss sie nachher gleich holen. Er legt den Kopf an die kühle Scheibe und schaut nach draußen, wie die Bäume und Büsche am Fenster vorbeifliegen. Der Bus hält erst wieder im nächsten Dorf und dann noch einmal, bis er dann den Stadtrand erreicht.

Während der Fahrt fliegen Gedanken durch Leons Kopf. Klavierspielen kann er gut. Das ist für ihn völlig normal. Seit er denken kann, ist das so. Schon mit drei Jahren ist er auf die Klavierbank gekrochen und hat mit seinen Fingern Töne gesucht, das erzählt seine Mutter anderen immer ganz stolz. Ab da bekam er Klavierunterricht, erst von seinem Vater, und vor drei Jahren, als seine Eltern sich getrennt haben, wurde Professor Schubart sein Lehrer. Bei dem lernt er viel, aber immer nach Noten von berühmten Komponisten. Immer diese Noten!

Zuhause hat er ein E-Piano. Wenn er dann von der Stunde zurückkommt, setzt er die Kopfhörer auf. So kann niemand hören, was er spielt. Seine Finger auf den Tasten suchen dann nicht die Musik von Mozart, Chopin oder Mendelssohn, sondern seine eigene, ausgedachte Musik, ohne Noten.

Die Musik fließt einfach aus Leons Innerem heraus, durch die Finger in die Tasten. Und das Beste daran ist, dass ihm keiner Vorschriften macht, wie er was zu spielen hat. Der Professor dagegen macht ihm viele Vorschriften. Er glaubt nämlich fest an Leons Talent. »Du kannst ein richtig großer Pianist werden!«, hat er mal gesagt und auch, dass er dann in Konzerthäusern und auf Bühnen spielen kann, zusammen mit einem Orchester und einem Dirigenten.

Leon ist sich da nicht so sicher. Klar, er liebt die Musik. Diese Fantasie von Chopin, die er am Mittwoch im Konzert spielen wird, ist wirklich schön und sehr virtuos. Aber gerade in letzter Zeit denkt er oft, dass es außer der Musik vielleicht auch noch andere Dinge im Leben gibt. Wer weiß denn, was er alles noch nicht kennt und was ihm aber, wenn er es kennen würde, Spaß machen könnte?

3

Während Leon im Bus zu seiner Klavierstunde fährt, steht Lilly in der Manege und starrt ihren Onkel an.

»Was ist los?«, starrt Onkel Mario zurück.

»Ab nach oben!«

Schon kommt die Trapezschaukel mit einem Zischen nach unten gesaust. Lilly umfasst die Stange, hängt sich dran. Und dann zieht ihr Onkel sie langsam nach oben in die Zirkuskuppel. Eine Minute später hängt Lilly mit den Kniekehlen in der Trapezschaukel. Ihr Kopf ist unten, ihre Füße oben und weit darüber wölbt sich das Zeltdach. Ihre langen Zöpfe baumeln rechts und links herab. Sie schwingen mit ihr und der Schaukel hin und her. Das machen sie jeden Tag, wenn Lilly für die Vorstellung am Nachmittag übt.

Jeden Tag! Eigentlich braucht sie das ganze Geübe nicht mehr. Sie kann ihre Nummer. Aber alle im Zirkus meinen, es geht nicht anders. Ihr Onkel steht unten in der Manege und guckt so mürrisch wie immer zu ihr nach oben. Er überprüft, ob sie alles richtig macht, zum Beispiel genug Schwung holt. Und wenn er dann sein Zeichen gibt, das heißt, in die Hände klatscht, muss Lilly den Saltoabgang genau in diesem Moment machen. Onkel Mario meint, er stehe zu ihrer Sicherheit da, aber das glaubt Lilly nicht. Er will sie nicht beschützen. Er steht da, weil er sie kontrollieren will.

Natürlich würde er sie auffangen, wenn sie zum Beispiel mal von oben runterfallen würde, das ist klar. Aber er fängt sie nicht auf, weil er sie so liebhat oder sich Sorgen um sie macht, sondern weil sonst die Nummer am Nachmittag in der Vorstellung ausfällt. Dann hat der Zirkus eine Sensation weniger im Programm. Und Lilly liegt vielleicht mit einem gebrochenen Bein in irgendeinem Krankenhaus oder ist sogar tot. Dann kann es sein, dass weniger Leute in die Vorstellungen kommen. Viele kommen nämlich nur wegen Lilly. Schließlich ist sie und niemand sonst auf dem großen Plakat vom Zirkus zu sehen.

Lilly versteht nicht, weshalb sie die Nummer jeden Tag üben soll. Sie kann sie schon lange, seit so vielen Jahren. Wozu soll sie üben, was sie seit einer Ewigkeit perfekt kann? Natürlich versucht ihr Onkel immer wieder, sie zu überreden, eine neue Nummer einzuüben. Aber das will Lilly nicht. Da kann er lange warten und reden. Sie ist doch kein kleines Kind mehr, dem man sagen muss, was es zu tun hat!

Im letzten Jahr ist sie ziemlich gewachsen und inzwischen fast einen Meter fünfzig groß. Natürlich sehen das auch alle anderen hier im Zirkus, aber sie wollen es nicht wahrhaben, gucken einfach nicht hin. Dabei musste Oma Anna ihr gerade wieder ein neues Trikot nähen, weil das alte überall kniff und immer wieder aufgeplatzt ist.

Und dann, wie sie Lilly nennen! Was würdest du sagen, wenn du fast vierzehn Jahre alt bist und dich alle ständig ›Süße‹ oder ›Kleine‹ nennen. Ihr Name ist Lilly. Filippo nennt sie meistens ›Falterchen‹. Aber das ist irgendwie in Ordnung, denn es hat mit Lillys gelben Kostüm, den Flügeln auf ihrem Rücken und dem Tralala auf ihrem Kopf zu tun. Wenn sie damit am Trapez turnt, sagt er, sieht sie aus wie ein gelber Zitronenfalterschmetterling, der sich irgendwo hin geklemmt hat. Das kann schon sein.

Lilly mag Filippo. Er ist der Clown im Zirkus. Er darf sie ruhig ›Falterchen‹ nennen. Die anderen sollten aber mal aufhören mit den Babynamen. Es ist nämlich so: Wenn es nach Onkel Mario und Oma Anna ginge, soll das Publikum denken, Lilly sei noch ein kleines Kind, gerade mal vielleicht acht Jahre alt. Bei kleinen Kindern wird das, was sie zeigen, ja noch mehr bewundert als bei großen. Deshalb muss sie auch diese Kinderzöpfe tragen, jeden Tag, zu jeder Vorstellung. Aber, und das meint Lilly richtig ernst, irgendwann schneidet sie die Zöpfe einfach ab, ratsch, weg sind sie!

»Lilly, pass auf! Abgang!«, ruft Onkel Mario. Lilly schwingt noch ein paarmal hin und her, hört das Klatschen der Hände von unten, dreht sich in der Luft und landet direkt vor den Füßen ihres Onkels.

4

Inzwischen rollt der Bus mit Leon zur nächsten Haltestelle.

»Parkallee«, tönt es aus dem Lautsprecher.

Leon schaut auf. Schon da? Der Bus hält, er springt hinaus. Professor Schubart wohnt in der großen weißen Villa direkt hinter dem Park. Mit der Mappe unter dem Arm rennt Leon los. Er muss sich wirklich beeilen.

Aber was ist da vorn? Er bleibt abrupt stehen. Was steht da mitten auf der großen Wiese hinter dem Park? Es leuchtet blau, rot und gelb und ist groß wie ein Haus. Oben auf dem Kuppeldach weht eine Fahne.

»Ein Zirkus!«, flüstert Leon und rennt schon darauf zu. Rechts von ihm taucht hinter den Bäumen die Villa des Professors auf.

Eigentlich hat er keine Zeit mehr. Trotzdem rennt er daran vorbei, direkt auf das Zelt zu. Neben dem stehen auf einem großen Platz ein paar Wohnwagen. Manche sind aus Holz, bunt angemalt, haben grüne Fensterrahmen und leuchtend gelbe Dächer. Dazwischen drängen sich moderne große Wohnmobile. Das ist ein richtiger Zirkus! Ein weißer Lattenzaun mit in Bögen gespannten Lichterketten riegelt das Gelände ab und versperrt Leon den Weg. Er will doch nur schnell einmal einen Blick in das Zelt werfen. Wo ist der Eingang? Leon rennt am Zaun entlang, findet das Tor. Es steht halboffen. Er schlüpft hindurch und rennt zum Zelteingang. Aber gerade als er ankommt, zieht ein Mann eine große Plane davor.

»Kein Einlass!«, ruft er. Sein Blick ist finster. »Und auch kein Zutritt zum Gelände! Los, verschwinde!« Er macht eine verscheuchende Bewegung mit seinen kurzen Armen.

»Oh, nein, bitte nur kurz!«, bettelt Leon.

»Verschwinde, sag ich! Jetzt ist keine Vorstellung. Nachmittags oder morgen, gleiche Zeit!«, bellt der Mann. »Bei Proben zugucken ist verboten! Hau ab!«

Leon weicht ein paar Schritte zurück, aber sein Herz schlägt plötzlich schneller. Ob es in diesem Zirkus wohl Jongleure gibt? Das wäre toll.

Seit Kurzem ist er in der Schule in der Jonglier-AG. Oder vielleicht gibt es Tiger, Elefanten oder Artisten, die durch die Luft fliegen? Und seit wann ist der Zirkus überhaupt hier? Vor zwei Tagen war die Wiese noch leer.

Leon steht da und starrt auf das Zelt.

»Hau ab!«, schreit der Mann noch einmal und jetzt sehr laut.

Da rennt Leon los. Als er sich noch einmal umdreht, liest er über dem Eingangstor in roten Leuchtbuchstaben: ZIRKUS FAR-FALLA.

5

Professor Schubart erwartet ihn schon an der Tür.

»Da bist du ja, mein Freund. Etwas zu spät heute wieder!«

»Hallo, Herr Schubart, der Bus kam nicht pünktlich«, keucht Leon und guckt zu Boden, weil das gelogen ist.

Der Professor streckt ihm seine große, schlanke Hand entgegen. Eine richtig schöne Pianistenhand ist das. Das denkt Leon jedes Mal, bei jeder Begrüßung und bei jedem Abschied. Es ist ein gutes Gefühl, wenn seine Hand, die kleiner und schmaler ist, in der Künstlerhand liegt. Eigentlich ist er froh, beim Professor Unterricht zu haben. Der spielt nicht nur toll Klavier, Leon mag auch seine ruhige Art. Klar, er ist streng, aber er schimpft fast nie, im Gegenteil, er lässt Leon oft sogar selbst die Musikstücke auswählen, die er einüben will. Oder er spielt ihm welche vor. Dann kann Leon sich zwischen mehreren Stücken entscheiden. Vor ein paar Wochen fand er eine Mazurka von Chopin so schön, dass er sie gleich gelernt hat.

Jetzt gehen sie zusammen in das große Musikzimmer, in dem die beiden schwarzen Flügel auf dem Parkett stehen. Manchmal spielen sie sogar zusammen, jeder an einem Flügel oder beide dicht nebeneinander auf der Klavierbank an einem. Auch mit Sara, einer Musikstudentin, hat er schon vierhändig zusammengespielt.

In einer Ecke des Zimmers steht ein Sofa mit einem niedrigen Tisch davor. Manchmal hört der Professor von dort aus zu, wie Leon spielt. In dem Zimmer finden auch Konzerte statt, so wie das am nächsten Mittwoch. Da spielen noch andere Schüler des Professors mit. Sogar Studenten sind dabei. Im Publikum sitzen dann Eltern, Geschwister und Freunde und manchmal ist sogar ein Reporter von der Zeitung da. Vor dem letzten Konzert hat einer Leon sogar interviewt und ein Foto von ihm am Flügel gemacht, das dann in der Zeitung abgedruckt wurde. Seine Mutter war irre stolz. Der Artikel hängt immer noch an der Pinnwand im Flur.

Das Licht im Raum ist gedämpft, immer sind die weißen Vorhänge zugezogen, damit die Sonne nicht durch die großen Scheiben direkt auf die wertvollen Instrumente scheint. Professor Schubart beugt sich zu Leon hinüber und rümpft die Nase.

»Du riechst angebrannt!«, sagt er.

Leon antwortet nicht, geht zum Flügel, setzt sich, reibt kurz die Hände gegeneinander und beginnt zu spielen. Seine Finger fliegen nur so über die Tasten, er liebt das Stück mit seinen schnellen Läufen und Sprüngen am Anfang, aber auch dem langsameren Mittelteil.

»Was ist los mit dir?«, unterbricht ihn Professor Schubart nach einem Moment, steht dicht hinter ihm und legt seine Hände auf Leons Schultern. Sofort hört er auf zu spielen.

»Wo bist du mit deinen Gedanken?«, fragt sein Lehrer jetzt.

Leon fühlt sich ertappt und schaut hoch. Er hat beim Spielen tatsächlich nicht an die Musik gedacht, sondern an das Zirkuszelt mit seiner Fahne oben auf dem Dach. Es hat keinen Zweck den Professor anzulügen, er durchschaut Leon immer.

»Auf der Wiese hinter dem Park steht ein Zirkuszelt …«, sagt er deshalb und legt seine Finger stumm auf die Tasten.

»Aha. Das ist es also!« Der Professor geht langsam durch den Raum zur Terrassentür und schiebt den Vorhang ein kleines Stück beiseite. »Ja, sie sind wieder da«, sagt er und schaut durch die große Scheibe Richtung Zelt. »Seit gestern sind sie da und werden wohl noch bis zur übernächsten Woche bleiben. Warst du noch nie in einem Zirkus?«

»Nein«, sagt Leon leise, »noch nie.«

Der Professor spricht weiter, aber er spricht auf einmal sehr leise und eher zu sich selbst: »Genau wie damals«, sagt er und seufzt. »Das war eine schlimme Sache.«

Jetzt nuschelt er richtig. Leon versteht nicht, was er sagt.

»Was war damals?«, fragt er.

»Ach … nichts«, sagt sein Lehrer, sieht aber weiter aus dem Fenster, »das ist alles sehr lange her und jetzt nicht so wichtig.«

Einen Moment lang schweigen beide und Leon spürt die Stille im Raum sogar an seinem Rücken und im Bauch.

»Ich würde furchtbar gerne mal in eine Vorstellung gehen«, platzt es auf einmal aus ihm heraus.

»Und warum tust du das dann nicht?«

»Na ja, ich habe ja keine Zeit, ich muss doch üben, für das Konzert.«

»Musst du das?«

Professor Schubart dreht sich zu ihm um. Leon fällt das erste Mal auf, wie alt der Professor ist. Wie weiß seine wirren Haare sind! Die grauen Augen hinter den kleinen Brillengläsern liegen wie in dunklen Höhlen unter den buschigen hellen Brauen und um seinen Mund und auf der Stirn sind hunderttausend Falten.

»Weißt du, Leon, wenn du Klavier spielst, dabei aber an etwas anderes denkst, zum Beispiel an einen Zirkus, dann ist es vielleicht besser, nicht zu spielen und lieber in den Zirkus zu gehen.«

Leon sieht Professor Schubart erschrocken an. Das ist nicht fair, will er sagen, aber das geht nicht, nicht beim Professor. Deshalb beißt er sich auf die Lippen, senkt den Kopf und sagt nichts. Aber er findet es wirklich unfair. Man kann doch wohl mal kurz an etwas anderes denken, auch beim Klavierspielen. Das tut er zuhause doch auch, wenn er seine eigene Musik spielt, und er macht dabei nie Fehler. Denkt der Professor etwa nie an andere Sachen, wenn er am Klavier sitzt?

Leon betrachtet seine auf den Tasten liegenden Hände. Der Lehrer schweigt immer noch, schaut wieder aus dem Fenster. Leon fühlt sich auf einmal merkwürdig unwohl.

»Ich will das Konzert ja spielen!«, sagt er. »Ich WILL es spielen!«

Das stimmt auch wirklich, er will das Stück beim Konzert spielen. Er kann es doch.

»Nun gut, es ist deine Entscheidung.« Professor Schubart schiebt langsam den Vorhang wieder zu. »Dann nimm die Noten heraus und sieh dir alles noch einmal genau an. Und dann beginnst du bitte von vorn.«

Der Professor reicht ihm die blaue Mappe.

Leon stellt sie ungeöffnet neben den Klavierstuhl.

»Ich habe die Noten zuhause vergessen …«, sagt er leise und hält den Kopf gesenkt.

»Und was ist in der Mappe?«, fragt sein Lehrer.

»Nichts.« Fast flüstert er das Wort.

»So, so. Dann nimm die hier.« Der Professor nimmt ein Heft, auf dem ganz groß ›CHOPIN‹ steht, schlägt es auf und stellt die Noten vor Leon hin. »Und bevor du spielst, geh noch einmal ins Bad und wasch dir die Hände!«

Leon springt auf, flitzt aus dem Zimmer und kommt nach einer Minute mit sauberen Händen zurück. Er setzt sich, starrt auf die Noten, auf das wilde Auf und Ab der schwarzen Punkte auf und zwischen den Linien und denkt dabei an die Flammen, die seine eigenen Noten vorhin gefressen haben. Der Professor merkt auch alles. Wieso eigentlich?

Jetzt tritt er wieder hinter Leon.

»Bitte, fang an, ich blättere um«, sagt er.

Leon atmet einmal tief durch und legt los. Er kann es doch. Am Ende der Stunde hat er das Stück so oft fehlerfrei gespielt, dass er gar nicht mehr weiß, wie oft.

6

Im Zirkuszelt proben Lilly und ihr Onkel derweil weiter für die Vorstellung am Nachmittag. Gerade setzt Lilly noch einmal zu einem Saltoabgang an, fliegt, rollt durch die Luft und landet wieder sicher, wie immer, vor Onkel Marios Füßen.

»Was ist los?«, fragt der. »Noch einmal das Ganze und diesmal lächelst du dabei, ist das klar?«

Mal wieder stellt er zwei Fragen auf einmal. Ihr Onkel will gar nicht wissen, was mit ihr los ist und auch nicht, ob sie begriffen hat, dass sie lächeln muss. Seine Fragen sind sinnlos. Er will sowieso nur, dass sie funktioniert, damit die Vorstellung läuft.

Und Lilly antwortet ja auch nicht. Ist Lilly denn stumm?

Die anderen erzählen sich, dass Lilly mal sprechen konnte, aber das muss wirklich ewig her sein. Ja, sie konnte es mal. Aber warum hat sie überhaupt aufgehört zu sprechen? Diese Frage braucht niemand zu stellen, sie ist unsinnig, eben weil Lilly sich nicht daran erinnert. Es ist eben einfach so. Sie hat sich daran gewöhnt und die anderen eigentlich auch, bis auf Onkel Mario.

Lilly würde gerne sprechen, aber wer weiß, was dann passieren würde? Und weil sie das nicht weiß, sagt sie lieber nichts und ist stumm wie ein Fisch. An manchen Tagen hat sie Angst, es tatsächlich nicht mehr zu können. Nie mehr. Das will sie auch nicht. Oma Anna und auch die anderen sind der Meinung, dass sie eine Störung hat. Sie sagen, das sei aber ganz verständlich, wenn man bedenkt, was sie erlebt hat. Sie sagen auch, man müsse das Sprechen nur immer wieder mit ihr üben und von ihr fordern. Onkel Mario denkt allerdings, sie sei vertrotzt und verstockt, könne sprechen, wolle es nur nicht. Manche, die Lilly nicht gut kennen, denken sogar, sie sei dumm, nur weil sie nichts sagt.

All das stimmt nicht. Es ist Lilly inzwischen aber wirklich egal, wie sie es nennen, Störung oder Verstockung. Sollen sie ruhig sagen, sie sei stumm oder dumm. Es ist nicht ihr Problem, sondern das der anderen.

»Nochmal das Ganze!«, ruft Onkel Mario jetzt laut und was er sagt, muss Lilly tun.

7

In der Villa geht in dem Moment gerade die Klavierstunde für Leon zu Ende.

Professor Schubart schaut nicht zufrieden, als er Leon zur Haustür begleitet. Kaum ist die offen, guckt Leon, ob das Zelt noch da ist. Es steht noch da!

»Dann hab ein gutes Wochenende«, sagt der Professor und ergänzt: »Du weißt, was du zu tun hast, Leon. Du kannst es. Und komm jetzt gut am Zirkuszelt vorbei.«

Auf der großen Steintreppe kommt ihnen schon Sara entgegen, die nach Leon Unterricht hat und auch bei dem Konzert mitspielen wird. Sie ist mindestens zwanzig Jahre alt und studiert bereits an der Musikhochschule. Mit ihr zusammen hat Leon schon einmal vierhändig gespielt, die tolle Schubert-FANTASIE in f-Moll.

»Hallo, Leon«, ruft sie und lacht, »na, alles gut vorbereitet für das Konzert?«

Sie springt an ihm vorbei die Stufen hinauf.

»Klar«, murmelt Leon und hört, wie die große Holztür hinter ihm ins Schloss fällt.

›Endlich‹, denkt er und nimmt die letzten drei Stufen mit einem Sprung. Er will nur noch zu dem Zelt. Und er will überhaupt nicht gut dran vorbeikommen. Nein, er will unbedingt reingucken. Mit seiner Mappe unter dem Arm rennt er los. Da surrt sein Handy. Eine Nachricht von Alex. Leon bleibt stehen.

BIST DU WIEDER RAUS?, steht da.

JA, AUF DEM RÜCKWEG, schreibt Leon.

Sofort kommt die Antwort: SIND AM SEE. ANGELSTEG.

Leon tippt: OK. KOMME SPÄTER. Er drückt auf den Pfeil. Abgeschickt – und steckt das Handy in die Hosentasche.

Vor ihm steht das Zirkuszelt. Die Fahne auf dem Dach hängt schlapp herunter, denn die Sonne scheint heiß und es weht überhaupt kein Wind. Menschen sind auch nirgendwo zu sehen. Die Wohnwagen neben dem Zelt sehen aus wie eine kleine Burganlage. In der Mitte der Anlage ist ein freier Platz mit einer Feuerstelle. Leon stellt sich vor, wie die Artisten abends nach der Vorstellung im Dunkeln dort um das Feuer sitzen und jeder ein Stück Fleisch über die Flammen hält. Hinter den Wohnwagen sieht er noch ein Zelt, ein etwas kleineres. Vielleicht sind dort die wilden Tiere untergebracht?

Langsam geht er auf das große Zelt zu. Der Eingang ist immer noch verschlossen. Der Mann hat vorhin gesagt, jetzt sei Probe. Ob die noch ist? Und ob es wohl Jongleure sind, die gerade üben? Leon will das unbedingt wissen. Vielleicht gibt es irgendwo ein kleines Loch oder einen Schlitz, durch den er schauen kann? Er drückt sich an der Zeltwand entlang, guckt sich dabei immer wieder um, denn er will nicht erwischt werden.

Als er halb um das Zelt herumgeschlichen ist, findet er tatsächlich einen Riss in der Plane. Der ist groß genug zum Hineingucken, sein ganzer Kopf könnte da durchpassen, aber er ist zu hoch. Im Gras daneben liegt eine Holzkiste, die offensichtlich nur auf Leon gewartet hat.

»Die nehme ich«, flüstert er, legt die Notenmappe ins Gras, schiebt die Kiste unter das Loch und klettert hinauf.

Etwas wackelig steht er da oben, kann aber jetzt direkt in das Zelt hineinschauen. Zuerst sieht er nichts. Da drinnen scheint es dunkel zu sein. Aber dann gewöhnen sich seine Augen daran und er erkennt in der Mitte die Manege. In der steht ein großer Mann mit schwarzen, wirren Haaren. An einer Schaukel über ihm hängt kopfüber ein Mädchen mit langen, braunen Zöpfen. Sie hängt da, die Beine über der Stange und schwingt hin und her. Die Zöpfe fliegen durch die Luft. Dann holt sie plötzlich Schwung, springt in die Luft, dreht sich um sich selbst und landet direkt vor den Füssen des Mannes in den Holzspänen. Leon reißt die Augen vor Staunen auf.

»Klasse, ein Salto!«, flüstert er.

Er sieht, wie der Mann etwas zu dem Mädchen sagt, aber versteht nicht, was. Es klingt jedenfalls nicht freundlich. Die Schaukel kommt nach unten gesaust.

»Nochmal das Ganze!«, ruft der Mann jetzt so laut, dass Leon es gut versteht.

Das Mädchen ist schmal und hat ein schwarzes Trikot an. Die Haut in ihrem Gesicht und an den Armen ist fast weiß.

Jetzt geht sie zurück zur Schaukel.

Auf einmal aber dreht sie sich um und schaut zu Leon, direkt in seine Richtung. Ihre Augen sind groß und leuchten hell.

Hat sie ihn entdeckt? Ja, sie starrt ihn an, dreht sich dann aber wieder um und geht weiter.

»Bitte, bitte, verrate mich nicht, ich will nur zugucken«, flüstert er.

Und tatsächlich, sie verrät ihn nicht, geht zur Schaukel, greift mit einer Hand um die Stange und schwebt nach oben. Das sieht sehr elegant aus. Ihre Fußzehen hat sie spitz nach unten gestreckt und mit dem freien Arm winkt sie in die leeren Stuhlreihen. Dabei lächelt sie zu Leon hinüber.

»Sie hat mich gesehen!«, flüstert er.

8

Ja, Lilly hat Leon tatsächlich entdeckt.

›Da ist ein Loch in der Zeltwand‹, denkt sie erst einmal, während sie kopfüber am Trapez hin und her schwingt.

Was soll ein Loch in der Zeltwand? Es gehört dort nicht hin. Und in dem Loch sieht sie plötzlich ein Gesicht. Natürlich auf dem Kopf, sie hängt ja andersrum. Sie sieht zwei Augen. Die Augen starren sie an. Und sie sieht die Haare. Die brennen! Wie Feuer! Und Feuer mag Lilly nicht. Überhaupt nicht. Lilly zuckt zusammen. Was sind das für Haare, was für Augen? Wer guckt da so? Ein Tier? Nein, das sind Menschenaugen.

Jetzt klatscht Onkel Mario in die Hände und Lilly macht den üblichen Saltoabgang. Ihr Onkel aber ist unzufrieden und meckert vor sich hin, kaum dass sie vor ihm gelandet ist.

»Nochmal das Ganze!«, schallt seine Stimme durch das Zelt.

Während Lilly zurückgeht, schaut sie zum Loch. Die beiden Augen und die brennenden Haare sind immer noch da. Die Haare machen ihr Angst, und was wollen diese Augen von ihr?

Lilly kennt sie nicht. Es ist verboten, bei Proben zuzugucken. Nicht einmal heimlich darf man das. Wenn man erwischt wird, gibt es Ärger. Hat Bertil nicht aufgepasst? Lilly dreht sich weg. Aber sie spürt den Blick der Augen in ihrem Rücken.

Ihr Onkel hat inzwischen das Trapez wieder heruntergelassen. Lilly ergreift es mit einer Hand und wird nach oben gezogen. Während sie schwebt, dabei ihre Füße streckt und winkt, schaut sie zu den Haaren im Loch.

Sie setzt ihr Lächelgesicht auf, wie eine Maske aus Papier setzt sie es auf. So macht sie es auch in den Vorstellungen, egal wie es ihr geht. Ein Artist muss vor Publikum immer lächeln. Die Augen aus dem Loch sind immer noch da und irgendetwas ist merkwürdig an ihnen und anders als bei den vielen Blicken aus dem Publikum in den Vorstellungen. Die machen Lilly nie etwas aus. Das liegt daran, dass sie sich vorstellt, dass eine Glasscheibe zwischen den Leuten und ihr ist. Deshalb treffen die Blicke nur ihr gelbes Glitzertrikot, die Flügel, ihre Zöpfe und das Tralala aus Plastik auf dem Kopf. Aber Lillys Inneres erreichen sie nicht. Die Augen aber und die brennenden Haare, die treffen Lilly. Es gibt keine Glaswand. Und diese Augen gucken stärker als hundert andere Augen. Und die Haare! Wie sie lodern! Das macht Lilly jetzt richtig Angst. Lillys Hand zittert auf einmal. Halte dich fest, Lilly!

Sie schwebt weiter nach oben, mit ihrer Lächelmaske, und merkt, dass die beiden Augen ihr folgen. ›Sie verfolgen mich‹, denkt sie. Jetzt ist sie oben angekommen. Aber ihre Beine fangen plötzlich auch an zu zittern. ›Oh, bitte nicht‹, denkt Lilly, denn sie kennt das. Das kommt immer, wenn die Angst zu groß wird. Wie soll sie jetzt einen Salto machen?

»Beeil dich!«, schreit Onkel Mario von unten. »Unsere Zeit ist gleich um!« Er hat das Seil eingehakt, klatscht in seine großen Hände und stampft durch die Manege. Lilly spürt seine Ungeduld und weiß, die schlägt in Wut um, wenn es nicht so läuft, wie er will. Sie zögert, dann greift sie mit der zweiten Hand zu und schwingt sich in den Sitz. Aber da ist das Zittern in den Beinen. Lilly rutscht nach unten, bis sie die Stange in den Kniekehlen fühlt. Sie lässt los. Ihre Arme baumeln, genauso wie ihre Zöpfe. Aber die Beine zittern weiter und das Gefühl wird stärker, kriecht bis in den Bauch hinauf. Sie kann doch jetzt unmöglich einen Salto machen! Ihr Körper will das nicht! Die Augen im Loch starren immer noch zu ihr und das Haar lodert feurig. Es brennt sich in Lillys Gedanken hinein, in ihren Bauch und dann in die Beine. Das Zittern wird immer stärker. Was ist bloß los?

»Lilly!«, schreit Onkel Mario.

Aber das Zittern hört nicht auf. Lilly kann nicht mehr schwingen. Sie kann nichts mehr. Plötzlich versteifen sich ihre Beine, die Muskeln verkrampfen und die Beine strecken sich.

›Ich falle‹, will sie schreien. ›Ich falle mit dem Kopf zuerst! Ich werde sterben!‹

Lilly fällt vom Trapez, mit dem Kopf zuerst. Im Fallen hört sie drei Schreie. Einer kommt von Onkel Mario, der zweite von Oma Anna, die alles beobachtet hat, und ein dritter Schrei kommt aus dem Loch in der Zeltwand.

9

Wir wissen, dass der dritte Schrei von Leon kommt. Eben hat er noch gesehen, wie der Mann das Mädchen an der Schaukelstange nach oben gezogen hat. Das Mädchen hat gelächelt und zu ihm geguckt. Der Mann aber hat rumgebrüllt. Das Mädchen hing plötzlich wieder kopfüber an der Schaukel.

»Lilly!«, schrie der Mann.

Das Mädchen hing still da, schwang nicht mehr hin und her. Plötzlich streckten sich ihre Beine und sie fiel, stürzte mit dem Kopf zuerst nach unten in die Manege.

Das Mädchen fällt und Leon schreit. Aber er schreit nicht nur deswegen, sondern auch, weil er genau in dieser Sekunde am Arm gepackt und von der Kiste gezerrt wird.

»Na, was machen wir denn da?«

Jemand drückt ihn zu Boden. Leon hält blitzschnell die Arme vor sein Gesicht, erkennt dabei gerade noch den Mann vom Eingang des Zeltes. Jetzt holt der mit der Hand aus.

»Bitte nicht schlagen!«, ruft Leon.

Gleichzeitig wartet er auf den Schmerz, aber der kommt nicht. Vorsichtig schaut er zwischen seinen Armen hindurch. Das Gesicht des Mannes ist rot und verzerrt. Er schüttelt seinen breiten Kopf hin und her. Die runden Augen starren Leon an. Auf einmal packt der Mann ihn mit beiden Armen am T-Shirt und zieht ihn nach oben.

»Verschwinde, sag ich!«, knirscht er. »Verboten! Hab ich schon mal gesagt! Verboten! Klar? Kauf ’ne Karte! Klar?«

»Klar … ist das, klar …«, stottert Leon, und dann mindestens noch fünf Mal hintereinander »… klar … klar!«, damit der Mann begreift, dass er es wirklich kapiert hat und nur schnell wegwill.

Er soll bloß nicht zuschlagen.

»Du, mach die Fliege!«

Der Mann stößt Leon grob von sich. Der fischt schnell seine Notenmappe und rennt los, Richtung Haltestelle. Bloß weg, nachher kommt er hinter ihm her und schlägt doch noch zu. Als er sich im Rennen umschaut, sieht er den Mann mit erhobener Faust stehen.

»Hau ab!«, brüllt er.

Leon rennt! Und, als wüsste er genau, was los ist, kommt der Bus schon angefahren und hält mit quietschenden Reifen. Die Türen springen auf und Leon hinein. Er vergisst in der Eile, seine Karte zu zeigen, aber der Fahrer kennt ihn sowieso.

»Na, bist du auf der Flucht?«, lacht er und drückt den Knopf, der die Türen schließt.

Als Leon auf seinem Platz sitzt, merkt er, dass seine Beine zittern. Und das nicht nur, weil der Mann ihn von der Kiste gezerrt, fast verprügelt und fortgejagt hat, sondern weil er auf einmal an das Mädchen denken muss.

Sie ist von der Schaukel gestürzt! Was, wenn sie jetzt blutend, mit gebrochenem Armen und kaputtem Kopf in den Sägespänen liegt. Sie fiel doch mit dem Kopf zuerst. Und er ist vielleicht schuld, weil sie zu ihm geguckt hat und abgelenkt war? Wie war ihr Name? Der Mann hat ihn doch gerufen. Leon weiß es nicht mehr. Ununterbrochen aber sieht er das fallende Mädchen vor sich. Immer wieder fällt es und fällt und fällt. Natürlich ist es deine Schuld, flüstert eine Stimme plötzlich zu ihm. Und Leon umklammert mit beiden Händen ganz fest seine Beine, damit sie nicht so zittern.

10

Als Leon sein Fahrrad durch das Gartentor schiebt, zittern seine Beine immer noch. Panja kommt ihm entgegengesprungen.

»Leon, spielst du mit mir?«, schreit sie und stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor den Fahrradständer, so dass Leon nicht einparken kann. Das nervt ihn heute noch mehr als sonst.

»Los, geh aus dem Weg!«, blafft er seine Schwester an. »Ich will mein Fahrrad da abstellen.«

»Erst wenn du sagst, dass du mit mir spielst!«, ruft Panja und wirft die Arme in die Luft.

»Mensch Panja, geh aus dem Weg, ich hatte eine anstrengende Klavierstunde und hab keine Lust auf dein Rumgehopse. Verschwinde und mach Platz!«

Sie geht zur Seite, guckt aber beleidigt und kickt mit dem Fuß einen Stein in die Hecke.

»Du blöder Leon, echt voll blöd bist du! Nie spielst du mit mir! Dabei sind Ferien!« Sie streckt ihm die Zunge heraus, rennt weg und verschwindet im Haus.

Leon schließt das Rad an. Manchmal sind kleine Schwestern ja ganz niedlich, aber derzeit fühlt er sich von Panja fast immer nur genervt und gestört. Er hat keine Lust, etwas mit ihr zu machen, er will jetzt gerade mit niemandem etwas machen, sondern nur seine Ruhe haben. Durch seinen Kopf geistert immer noch das Bild von dem fallenden Mädchen in der Zirkusmanege. Er sieht sie unten in den Holzspänen liegen, mit gebrochenem Genick oder vielleicht sogar – tot? Ganz weiß ist ihr Gesicht und die Füße zeigen in eine vollkommen falsche Richtung. Solche Bilder sieht er vor sich.