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Da erschien, unfassbar für alle, langsam, ganz langsam die Gestalt eines Jungen im Feuer. Eleonore erkannte ihn sofort. "Nein!", schrie sie aufgeregt, "Nicht Jakob! Er ist noch ein Kind. Diese Aufgabe ist zu schwer für ihn, denn er ist leichtsinnig und unberechenbar, ja, er ist der Ungeeignetste überhaupt..." Ein Orakel erwählt den vierzehnjährigen Jakob zum Hüter eines mystischen Hoheitszeichens. Seine Aufgabe besteht darin, ein geheimnisvolles Pentagondodekaeder zu seinem Bestimmungsort zu bringen. Die eingeweihten Mitglieder der Bruderschaft des Roten Drachen, die für das Siegel Verantwortung tragen, halten den Jungen aufgrund seiner Unzuverlässigkeit für untauglich. Doch sie müssen sich der Weisung des Orakels beugen. Noch weiß Jakob nichts von seiner Bestimmung. Als er aber die Ferien bei seiner Großmutter Erna verbringt, geschehen seltsame Dinge, die sein Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Bald ringen fi nstere Mächte um ihn und um das machtvolle Siegel. Jakob begibt sich auf eine abenteuerliche Reise. Wird es ihm gelingen als Hüter jenes mächtigen Artefaktes zu bestehen?
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Seitenzahl: 771
Veröffentlichungsjahr: 2022
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(Verfasser unbekannt)
Für meine wunderbaren Enkelsöhne David und Elias
DIE BRUDERSCHAFT DES ROTEN DRACHEN
DIE PROPHEZEIUNG
DAS MAGISCHE ALTER
EIN GEHEIMNISVOLLES PÄCKCHEN
SCHICKSALHAFTE BEGEBENHEITEN
STREUNER
FINSTERE GESTALTEN
DAS GEHEIMNIS
RAVEN
FEUER UND EIS
EIN BITTERER ABSCHIED
DIE FEUERTAUFE
IM TAL DER GRÄFLICHEN FRAUEN
DER KLOBENSTEIN
AKAZIENHAIN
DER SILBERSANDBRUNNEN
GEHEIMES WISSEN
RAUNÄCHTE ODER DIE ZEIT ZWISCHEN DER ZEIT
DIE WILDE JAGD
SCHLENKELTAG
DIE DREI TÜRME
UNTER DEM DUPPSTEIN
GEFANGEN IM EISKELLER
DIE DREI SCHWESTERN
ELWENTRITSCHE
JAMMERTAL
HÜTER UND SCHÄFER
DAS HERZ DES DRACHEN
DAS FÜNFTE ELEMENT
EIN NEUER KÖNIG
SUB ROSA DICTUM
Mild und sonnig lagen die frühen Herbsttage über Akazienhain. Fear, der alte Schäfer, blickte hinab ins Tal und sah den Menschen bei der Apfelernte zu. Ihr Lachen und Scherzen drang zu ihm herauf und entlockte ihm ein zufriedenes Lächeln. Auf den Feldern würde bald Ruhe einkehren nach den betriebsamen Sommertagen, und Anfang Oktober feierte man sogar bereits Erntedank. Es gab niemanden in ganz Akazienhain, der diesem Tag nicht entgegengefiebert hätte. Schon jetzt begann man voller Eifer mit dem Brauen von Bier, legte Kraut und Bohnen ein und mästete das Vieh für das Fleisch, das man bei dem Fest servieren wollte. Ja, die Menschen hatten allen Grund dankbar zu sein, denn es war ein gutes Jahr.
Auf seinen widdergehörnten Stab gestützt, betrachtete der alte Fear seine Schafe. Er verlor sie nie aus den Augen. Auch dann nicht, wenn seine Gedanken ihn davontrugen wie lange, seidene Spinnenfäden, die sich vom warmen Herbstwind über die Grummetwiesen treiben ließen, bis sie sich irgendwo verfingen. Die Tiere grasten gemächlich den Klee ab und hielten den Schlupfstein frei. Tanzte eines der Schafe aus der Reihe, trieb Wulfson, Fears Hütehund, es sofort zur Herde zurück, damit es nicht verloren ging, wenn der alte Schäfer vor sich hin tagträumte.
„Gut gemacht, Wulf!“, lobte er dann seinen Hund, widmete sich wieder seinen Gedanken und genoss den unendlichen Frieden, der über dem Tal lag.
In diese Idylle hinein platzte ein surrendes Geräusch. Dieses eigentümliche Schnarren war ihm vertraut und er blickte erwartungsfroh auf. Wie nicht anders erwartet, war es der Kurier.
„Ich grüße dich, Eidirsceal“, rief der Schäfer ihm freundlich zu. „Was verschafft mir die Ehre?“
„Post für dich, Fear!“
Der Kurier salutierte und überreichte ihm einen Brief.
Fear fiel das königliche Siegel sofort auf. „Oh, eine Botschaft vom König persönlich! Er wird mich doch nicht etwa zum Jagdfinale einladen?“, scherzte Fear und lachte.
Eidirsceal erwiderte sein Lachen nicht. „Nein, Fear. Runo hat den Brief verfasst…“
„Runo?“ Fear schaute verdutzt.
„Ja, Runo. Aber lies selbst! Und nun entschuldige mich bitte, ich habe noch zu tun. Auch die übrigen Brüder müssen unterrichtet werden… Du warst der Erste.“
Fear erblickte im Korb des Kuriers tatsächlich ein Bündel versiegelter Briefe.
„Dann lass dich nicht aufhalten, Eidirsceal! Und grüße mir Nanny!“ Er hob die Hand zum Gruß. Der Kurier zog seinen Hut, und noch ehe der alte Schäfer das Siegel aufgebrochen hatte, war Eidirsceal verschwunden.
In der Tat, Runo der engste Vertraute des Königs, hatte Fear eine Botschaft zukommen lassen. Der Inhalt war knappgehalten und beunruhigend, ging aber nicht ins Detail. Nur so viel sei gesagt, bei der herbstlichen Jagd war der König von einem Pfeil verletzt worden und verlangte nach ihm und den Brüdern.
Eigentlich hatte sich Fear auf ruhigere Tage eingestellt, aber die Nachricht war dermaßen besorgniserregend, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als umgehend aufzubrechen. Außerdem war Gehorsam geboten, wenn der König nach der Bruderschaft rief.
In aller Eile trieb er die Schafe ins Dorf, wusch sich, packte sein Reisebündel, sowie seinen Stab und verließ die kleine Kate, in der er mit seiner Enkelin wohnte. Er hielt Ausschau nach dem Mädchen, das am Bach die Gänse hütete. Als er sie entdeckte, ging er zu ihr. „Ich werde für ein paar Tage verreisen, Klara.“
Das Mädchen schaute ihn fragend an. „Warum so plötzlich, Großvater?“
„Der König wünscht es so. Frage nicht weiter, denn ich kann dir nicht mehr sagen, als ich selbst weiß! Versorge das Vieh und halte alles in Ordnung, bis ich wieder zurück bin. Seaghdh wird dir dabei helfen.“
„Ja, Großvater.“
„Was täte ich nur ohne dich? Du bist ein gutes Kind!“ Zärtlich strich er über ihre blonden Locken.
„Und wann kann ich mit deiner Rückkehr rechnen, Großvater?“
„Das weiß ich nicht.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Doch ich hoffe, sehr bald…“
Der alte Schäfer aus Akazienhain erreichte die „Kronfeste“ als erster der Brüder. Die Wachen hatten den hageren Mann mit seinem widdergehörnten Stab bereits von weitem erkannt, lange bevor er das Burgtor erreichte.
Für die Reise hatte Fear eine bequeme, moosgrüne Tunika gewählt, die er über sein weites Hemd gestreift hatte. Hirsch-lederne Hosen schützten seine Beine vor Dornen und Gestrüpp. Die Stiefel bestanden aus festen Ziegenhäuten, weil sie auf den langen Strecken, die er normalerweise beim Weiden der Schafe zurücklegte, robust sein mussten. Sein wollener Umhang lag, wie ein frisch geborenes Lämmchen, lässig über seinen Schultern. Heute benötigte er das gute Stück nicht, denn die Tage waren sommerlich warm. Auf seinen warmen Filzhut wollte er dennoch nicht verzichten. Er trug ihn immer. Schützte er heute sein Gesicht vor der Sonne, so hielt er bei Bedarf auch Wind, Regen, Eis und Schnee ab.
Fear ließ sich erschöpft auf einer steinernen Bank im Burghof nieder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seinen Stab lehnte er an die Mauer, so als gönne er dem altehrwürdigen Stück etwas Ruhe nach der anstrengenden Reise.
Was nicht unwesentlich war, Fears Stab bestand aus dem robusten Holz der Scheinakazie. Geradezu unverwüstlich, galt es als das härteste, das man in den nördlichen Breiten finden konnte. Nanny war sogar der Überzeugung, dass die Robinie - so lautet der korrekte Name der Scheinakazie - die Gabe besäße, die Vorstellungskraft zu stärken. Das mochte sogar stimmen, denn Fear verfügte tatsächlich über eine gute Intuition und eine Menge Vorstellungskraft, vor allem dann, wenn er in Bedrängnis steckte.
Auch das sollte man vielleicht erwähnen, Nanny hegte nicht nur eine innige Zuneigung zu Fear, sondern auch zur Robinie und das hatte einen besonderen Grund. Die weißen Blüten der Scheinakazie waren im Frühling die Lieblingsspeise ihrer unzähligen Bienenvölker und Nannys ausgezeichneter Akazienhonig war spektakulär.
Zuweilen schmeichelte Nanny dem alten Schäfer und sagte, das Holz der Robinie sei so unerschütterlich wie ihrer beider Freundschaft. Außerdem passe Fears Stab zu seiner Heimat Akazienhain wie die Faust aufs Auge.
Ja, so war es, nicht nur Nanny, alle liebten und schätzten den alten Schäfer. Selbst den Bewohnern der Burg erging es nicht anders, denn jedem, dem er begegnete, hängte Fear ein kurzes Gespräch auf oder schenkte ihm ein freundliches Lächeln.
So als würde sie es geahnt haben, traf Nanny fast gleichzeitig mit Fear auf Burg Kronfeste ein. Nantosuelta, so ihr korrekter Name, war die Bienenkönigin aus Gallorom, auch wenn die meisten Brüder und Schwestern des Ordens sie liebevoll „Nanny“ nannten. Ihr Name war römischer Herkunft und stand für die Schutzgöttin von Haus, Hof und Familie. Und Nomen est Omen – sie war sehr mütterlich und beschützend, eine heitere, liebenswerte Person!
In ihrem buttergelben Kleid wirkte sie wie der blühende Sommer und der helle Strohhut, dessen überaus breite Krempe ein feines Netzgewebe umspielte, verstärkte dieses Bild noch. Nanny trug ihn mit großer Würde, ebenso wie ihren soliden Stab, welcher aus gewöhnlichem Apfelbaumholz bestand. Aber was heißt schon gewöhnlich? Wenn sie ihn ölte und polierte – und das tat sie gerne und oft - glänzte er wie eine Speckschwarte und offenbarte eine warme, gelb-rote Maserung. Das Besondere ihres Stabes aber war sein oberes Ende. Es bestand bemerkenswerter Weise aus einem Bienenhaus, einem Bienenhaus groß wie ein Vogelhäuschen, um welches unermüdlich ein Schwarm summender Bienen schwirrte.
Als Nantosuelta in der Feste eintraf, hatte sie ihren Hut lässig in den Nacken geschoben und den Schleier nach hinten gerafft. Sie liebte es, von der Sonne geküsst zu werden und außerdem wäre das zarte Netzwerk hinderlich gewesen, wenn sie sich ab und zu einen kräftigen Zug aus ihrer qualmenden Pfeife genehmigte.
Fear tadelte sie manchmal dafür. Er war der Meinung, Nanny rauche zu viel, das wäre ihrer Gesundheit abträglich. Doch Nantosuelta winkte nur lachend ab und konterte, sie rauche nur deshalb, weil der Tabak ihre Bienen beruhige. Mit ihrem Wohlergehen stünde es jedenfalls bestens. Und das sah man ihr auch an, denn ihre gegerbte Haut schimmerte wie goldbrauner Honig und verlieh ihr die Erscheinung strotzender Gesundheit und Vitalität.
Was Nannys Lebensjahre anbetraf, so mochte die Bienenkönigin in Fears Alter gewesen sein, vielleicht auch etwas jünger. Anders als der alte Schäfer sah man sie allerdings selten zu Fuß gehen, denn sie bevorzugte es, in Begleitung ihres „Schattens“ Eidirsceal aus Winden-Grenzlos zu reisen und zwar auf einem eigenartigen, surrenden Gefährt, das Nantosuelta scherzhaft „Laufrädchen“ nannte.
Eidirsceal, nahm ihr Necken amüsiert hin, doch wenn sie ihn brauchte, war er zur Stelle und es war ihm stets eine Ehre, die Bienenkönigin dorthin zu transportieren, wohin auch immer sie zu reisen wünschte. Wenn es sein musste, sogar durch Zeit und Raum…
Was zu erwähnen wäre, auch Eidirsceal gehörte der Bruderschaft an. Er erledigte alle Botendienste der Drachenbrüder. Am häufigsten nahm allerdings Nanny seine Fahrdienste in Anspruch, denn beide schätzen sich sehr und war er nicht gerade für die Bruderschaft unterwegs, verbrachte er seine Zeit am liebsten mit ihr. Er liebte Nannys umwerfenden Humor und ihr unerschöpfliches Repertoire an Geschichten. Außerdem braute sie den feinsten Honig-Met weit und breit und das Beste daran war, sie hatte immer einen Humpen für ihn übrig.
Was Nanny am meisten beeindruckte war, Eidirsceal fand jedes noch so unbekannte Ziel zuverlässig. Das mochte daran liegen, dass er einen Bruderstab aus dem Holz des Haselstrauches besaß, jenem Holz, aus welchem man Wünschelruten fertigt und die Gabe der Hasel ist es nun einmal, zu suchen und zu finden.
Eidirsceal und Nanny begaben sich nach ihrer Ankunft auf der Burg umgehend zum Brunnen, um ihren Durst zu löschen. Da erst entdeckten sie Fear. Was war das für eine Wiedersehensfreude! Nach einer ausgiebigen Begrüßung schlenderten sie schließlich gemeinsam zum Burgfried.
Glenn Aìlis, die Königin Sommerlands, und ihr Vertrauter Runo erwarteten die drei angekommenen Gäste bereits am Tor, denn man hatte sie der Königin längst angekündigt.
„Wie blass und erschöpft sie aussieht!“, raunte Nanny Fear zu. Beiden fiel auf, dass die Augen der Königin gerötet waren, so als hätte sie geweint.
Auch Runo wirkte mitgenommen und sehr ernst. Seine Haltung aber war, wie immer, aufrecht und stolz, so als wolle er seinen Rücken breit machen, um der edlen Dame Schutz zu bieten.
Runo trug die Kleidung der Drachenhüter – ein weißes Untergewand mit einer schwarzen Tunika. Als Emblem bedeckte ein feuerroter Drachen die linke Herzseite. Natürlich besaß auch Runo, als Mitglied der Bruderschaft, einen Stab. Dieser war fünf Ellen lang, aus uraltem, knorrigem Lindenholz und mündete in einen Knauf, der den Kopf eines schlafenden Drachen darstellte. Der Knauf war, genau wie das untere Ende des Stabes, aus sehr hartem Metall gearbeitet, nur dass die Spitze mit geheimnisvollen Flechtmustern und heiligen Zeichen versehen war. Seit unzähligen Generationen wurde dieser Stab an die ältesten Söhne der Drachenhüter weitergereicht und man sah ihm in der Tat an, dass er schon durch viele Hände gegangen war.
Aber nicht nur Runos Drachen-Stab war etwas Besonderes, sondern auch Runo selbst. Das verriet bereits sein Name, denn in ihm verbarg sich das geheimnisvolle Raunen uralter Runen. Der König hätte sich keinen treueren Drachenhüter und Gefährten vorstellen können, als ihn.
„Ich grüße euch, liebe Freunde! Hattet ihr eine angenehme Reise?“, erkundigte sich die Königin tapfer lächelnd.
„Danke, Eure Majestät, den Umständen entsprechend.“ Fear kam ohne Umschweife auf die Verwundung des Königs zu sprechen: „Wie geht es Eurem Gemahl, dem König? Macht seine Genesung Fortschritte?“
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, geht es ihm nicht so gut, wie wir es uns wünschten…“ Glenn Aìlis stiegen Tränen in die Augen.
„Das tut mir leid. Ist es möglich, dem König unsere Aufwartung zu machen?“
„Später vielleicht. Er schläft“, antwortete die Königin. „Kommt erst einmal herein und stärkt euch von der Reise.“
Glenn Aìlis wies ihre Zofe an, Wasser, Wein, Gebäck und ein paar reife Äpfel und Zwetschgen zu bringen und forderte die Gäste auf, in den großen Saal zu treten. Ein Feuer brannte im Kamin, denn in die Mauern der Feste war bereits die Kühle der herbstlichen Nächte gekrochen.
Die Freunde nahmen beim Feuer Platz.
Nantosuelta wandte sich an die Königin: „Eure Majestät, sprecht, wie konnte dieses schreckliche Unglück um Euren Gemahl geschehen? Wir alle sind fassungslos.“
Und so begann die Königin die Ereignisse zu schildern: „Der König und ich hatten nach altem Brauch des Hofes die Herren der Stämme zur herbstlichen Jagd auf Burg Kronfeste eingeladen. Sie kamen alle, mit Kind und Kegel. Es waren heitere, ausgelassene Tage. Die Herren frönten von morgens bis abends der Jagd, während wir Frauen und die Kinder uns mit Spielen, Musizieren oder Handarbeiten die Zeit vertrieben. Am Ende des Tages aber feierten wir gemeinsam die Jagderfolge unserer Männer im großen Saal, bei Bardengesang, Musik und Gelagen. Ihr wisst doch wie es zugeht, wenn bei Hofe gefeiert wird.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen.
„Ja, daran erinnere ich mich mit Vergnügen. Ihr wart stets eine ausgezeichnete Gastgeberin“, schmunzelte Fear und Nantosuelta nickte zustimmend.
„Der König bestand bei dieser Gelegenheit darauf, den anwesenden Stammesführern den Treueeid abzuverlangen. Ihr könnt euch denken, wie schwierig es in Zeiten wie diesen ist, die Stämme zu befrieden. In jüngster Zeit stritten sie wie kleine Kinder. Mein Gemahl hoffte, durch den Treueeid den Frieden dauerhaft zu sichern, denn jeder war Zeuge dieses heiligen Schwures und keiner hätte bei seiner Ehre gewagt, sein Wort zu brechen. Alle Rivalitäten ruhten in diesen Tagen. Deshalb ist das, was danach geschah, umso unverständlicher…“
„Wie soll ich das verstehen?“ Fear blickte überrascht auf.
Die Königin sagte ernst. „Es war kein Unfall, Fear. Jemand trachtet dem König nach dem Leben…“
„Wie kommt Ihr darauf?“ Fears Entsetzen war kaum zu verbergen.
„Während des Jagdgeschehens, gerade als die Jäger einen riesigen Keiler gestellt hatten, um dem König den Vortritt des ersten Schusses zu überlassen, traf ein Pfeil aus dem Hinterhalt. Er traf jedoch nicht das Herz des Keilers, sondern bohrte sich in die Brust meines Gatten. Der König fiel getroffen vom Ross und seine Leibwache brachte ihn unverzüglich zur Kronfeste zurück.“
„Wie furchtbar!“, entfuhr es Nantosuelta.
„Kann es nicht sein, dass sich der Pfeil ohne Absicht aus dem Bogen eines Jagdbruders gelöst hat?“, wollte Fear wissen.
„Wohl kaum, denn der Pfeil gehörte keinem unserer Jagdgäste…“
Die Königin gestand, dass sie bereits mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, als sie ihren Gemahl so liegen sah, blutüberströmt. „Ich ließ sofort nach Mona rufen und wies meine Zofe Elsbeth an, kochendes Wasser und saubere Tücher in die Kammer des Königs zu bringen. Dass unsere gute Mona eine begnadete Heilerin ist, brauche ich nicht zu erwähnen. Ihr wisst es selbst. Jedenfalls untersuchte Mona die Wunde gründlich, bevor sie den Pfeil aus dem Fleisch zog. Der Pfeil war mit schwarzen Rabenfedern versehen und gab Rätsel auf. Wie gesagt, niemand wusste, wem er gehört.“
Fear wurde immer nachdenklicher. „Besitzt nicht der Herr von Crow ähnliche Pfeile, wie Ihr sie beschreibt?“
„Mag sein, doch der Herr von Crow war weit weg. Er sicherte gerade Teile der Nordgrenze und traf erst Tage später ein, als er von dem Unglück hörte. Ihn können wir getrost ausschließen. Außerdem ist er dem König treu ergeben.“
„Und die Wunde? Konnte Mona sie schließen? Honig ist in solchen Fällen das Mittel der Wahl…“, versuchte Nantosuelta in ihrer Hilflosigkeit etwas Nützliches beizutragen, und sie vertraute dabei, wie immer, auf die Wunderkräfte ihrer Bienen.
„Ja, ja, sicher, das tat sie, doch nicht sofort. Mona ließ die Verletzung etwas ausbluten, damit sie sich reinigte. Dann trug sie heilende Tinkturen auf, legte einen sauberen Verband an, flößte dem König blutstillende Essenzen ein und verordnete ihm strikte Bettruhe. Ich war so erleichtert, als ich sah, dass Monas Bemühungen tatsächlich von Erfolg gekrönt waren…“
„Aber dann müsste sich der König ja auf dem Weg der Besserung befinden“, meinte Fear.
„Leider nicht“, sprach die Königin. „Zunächst verlief der Heilungsprozess, wie erwähnt, ausgesprochen gut, denn zum Glück war kein lebenswichtiges Organ verletzt. Der Pfeil war wie durch ein Wunder an einer Rippe abgeprallt und Monas heilende Hände taten ihr Übriges. Dann aber, als man dachte, der König sei bereits über den Berg, begann die Verletzung zu schwären und sich auf außergewöhnliche Weise zu verändern. Sie schuppte sich und färbte sich dunkler und dunkler. Aus unerklärlichen Gründen bildeten sich sogar Frostbeulen...“
„Frostbeulen?“ Nantosuelta glaubte sich verhört zu haben. „Aber es ist der mildeste Herbst seit vielen Jahren! Es gab noch keine Fröste!“
„Und dennoch… Es waren Frostbeulen! Ich bekam es mit der Angst zu tun und rief erneut nach Mona.
»Großer Gott, es ist Drachenblut!«
»Glaubst du etwa, der Pfeil war mit Drachenblut vergiftet?«, fragte ich sie.
»Nein«, schloss Mona aus. »Dafür war der Heilungsprozess bereits viel zu weit fortgeschritten. Ich bin sicher, man hat dem König erst später und auf anderem Wege das Gift verabreicht…«
Mona fragte mich besorgt, wer Zutritt zur Kammer des Königs hatte. Ich zählte alle auf, doch es waren, mit Angus und mir, nur ein, zwei Brüder der Bruderschaft, die berechtigt waren, den König zu besuchen.
»Wer brachte dem König die Mahlzeiten und die Getränke?«, wollte Mona wissen.
»Ich. Ich persönlich. Warum fragst du?«
»Weil jemand in der Kammer des Königs gewesen sein muss, um seine Wunden mit Drachenblut zu infizieren, während er schlief... «
»Aber Mona, das ist ausgeschlossen! «, wiegelte ich ab.
»Eure Majestät, bedenkt doch, die Wunde war fast verheilt… Wäre das Gift mit dem Pfeil in die Wunde gelangt, so wäre der König längst tot. Drachenblut wirkt schnell und ist unumkehrbar tödlich. Deshalb bin ich ganz sicher, das Gift kann erst später in die Wunde gelangt sein«, beharrte Mona.“
Jetzt unterbrach Fear die Königin: „Und Mona glaubt tatsächlich, es handele sich um Drachenblut? Wie kommt sie darauf?“
„Nach Monas Aussagen deuteten alle Symptome darauf hin.“
„Aber es gibt schon lange keine Drachen mehr! Zumindest nicht in Sommerland…“
„Und was ist mit Fanfir, dem Drachen des Königs?“, fragte Nantosuelta.
„Ausgeschlossen“, entgegnete Fear. „Fanfir schläft seit ewigen Zeiten in der Linde und ist mit ihr eins. Auch ist das Blut eines roten Drachen niemals giftig! Im Gegenteil, es ist heilend und macht unverwundbar, nach allem, was wir wissen.“
„Du hast Recht, Fear!“, sprach die Königin, „Aus diesem Grunde ist Mona auch sicher, dass es das Blut eines schwarzen Drachen war… Das Aussehen der Wunde deutet zumindest daraufhin…“
Die Freunde hielten entsetzt inne, denn sie wussten sofort, was das bedeutete!
„Eines schwarzen Drachen, sagtet Ihr?“ Fear bekam es mit der Angst zu tun.
„Gott stehe uns bei! Dann ist er also zurückgekehrt!“, flüsterte Eidirsceal.
„Du meinst Frost?“ Es war Nantosueltas Stimme.
„Sprich seinen Namen nicht aus!“, stieß Fear unbeherrscht hervor und deutete mit seinen Händen ein imaginäres Schutzzeichen an.
Nantosuelta konnte sich kaum beruhigen. „Wie ist es möglich? Die Bruderschaft war überzeugt, er sei für immer in der Finsternis verschwunden…“
„Wir wissen es nicht“, beantwortete Glenn Aìlis die Frage. „Vielleicht ist unsere Sorge um Frosts Rückkehr unbegründet und jemand hat sich das Drachengift lediglich auf irgendwelchen dunklen Märkten besorgt. Ihr wisst doch, dort findet man alles, wenn man lange genug danach sucht und bereit ist, teuer dafür zu bezahlen. Doch das spielt für den König nun keine Rolle mehr...“ Die Königin schwieg eine Weile, um sich wieder zu fassen.
„Lasst mich fortfahren!“, sagte sie schließlich. „Ich ließ sofort Untersuchungen anstellen. Ich fragte mich ohne Unterlass, wer einen Grund haben könnte, nach des Königs Leben zu trachten. Ich verhörte Kammerdiener und Pfleger, Köche und Gäste, doch es ergaben sich kaum brauchbare Aussagen. Auch die Suche nach der Herkunft des Pfeiles, der vielleicht einen Hinweis hätte erbringen können, blieb ergebnislos.
Hast du vielleicht eine Ahnung, Fear, woher Sommerland Gefahr droht?“
„Nein, meine Königin, beim besten Willen nicht!“, doch ihm war klar, dass die Bruderschaft es dringend herausfinden musste.
„Ihr hattet wohl Recht, der Schuss war tatsächlich gezielt auf den König abgegeben worden. Als sein Mörder aber merkte, dass Euer Gemahl sich wieder erholte, versuchte er es ein weiteres Mal – nun aber mit dem tödlichen Gift eines schwarzen Drachen – mit Frosts Gift!“
Die Königin nickte. Sie stand abrupt auf und beendete das Gespräch. „Bleibt noch etwas sitzen, meine Freunde! Ich werde nach dem König sehen. Vielleicht ist er erwacht.“
Während dieses Gespräches näherte sich ein weiterer Drachenbruder der Burg. Es war „Meister Wilhelm“, der Abt aus dem Tal der Gräflichen Frauen. Eine imposante Persönlichkeit! Sein wallendes Haar war auffallend weiß, genauso wie sein langer Bart und sein Habit. Aus der Entfernung betrachtet, verschmolz alles zu einer hellstrahlenden Einheit, so dass er größer wirkte, als er tatsächlich war. Viele die ihn kannten, waren sogar der Meinung, seine unbefleckte Erscheinung wäre nur ein Abglanz seiner reinen, gütigen Seele. Und da mochte sogar etwas dran sein. Seine Ratschläge nahm man jedenfalls immer gerne an, denn sie zeugten von großer Weisheit und Güte, waren gut durchdacht und lösungsorientiert.
Und da war noch etwas. Niemals sah man Meister Wilhelm ohne seinen schlichten Stab, der aus dem einfachen Holz des Feldahorns bestand. Da sich seine Blätter wie fünf abwehrende Finger spreizen, sprach man dem Holz des Feldahorns eine große Abwehrkraft zu. Ansonsten mutete der Stab so bescheiden an, wie sein Meister selbst. Er besaß keinerlei Zierwerk, nichts außer einem T-förmigen Knauf.
Meister Wilhelm überquerte gerade die Brücke der Feste, als er sah, dass Runo ihn bereits am Tor erwartete. Nach einer kurzen Begrüßung führte Runo den Abt zu den andern in den großen Saal.
Schon betrat ein weiteres Mitglied des Ordens das Kaminzimmer. Es war Keylan aus dem Ockerland, dort wo man die Sprache des Oc sprach und Wert auf Worte und Bildung legte. Sein schwarzer Ebenholz-Stab war äußerst edel und nicht weniger extravagant, als sein Herr selbst. Das wertvolle Utensil soll aus dem Orient stammen, wo Schönheit und Bildung einst einen hohen Stellenwert besaßen. Jedenfalls schwang Keylan das zierliche Stäbchen bei der Begrüßung elegant hin und her und sah dabei aus, als dirigiere er ein imaginäres Orchester. Doch handelte es sich nicht um einen Taktstock, vielmehr war es eine hochwertige Schreibfeder. Ein fein ziselierter, silberner Schaft, den er an Gürtel und Oberschenkel befestigt hatte, schützte die Spitze des schreibenden Stabes, wenn sie nicht im Einsatz war.
Es war naheliegend, dass Keylan in der Bruderschaft die Aufgaben eines Schreibers oblagen, zumal er eine außergewöhnlich schöne Handschrift besaß und seine Worte stets wohl zu wählen wusste. Keylan verstand sich außerdem auf allerlei Geheimschriften und natürlich war er auch vieler Sprachen in Wort und Schrift mächtig.
„Seid gegrüßt, liebe Freunde. Entsetzlich, dass wir uns unter diesen Umständen hier treffen müssen! Ich bin untröstlich.“
Keylan umarmte jeden Drachenbruder innig und verbreitete dabei einen angenehmen Hauch von Sandelholzduft im Raum. Seine Erscheinung war wie immer gepflegt, seine Kleidung saß perfekt. Nicht ein einziges Mal hätte man auch nur den Hauch eines Körnchens Schmutz unter seinen Nägeln entdecken können. Aber das war nicht verwunderlich, denn die grobe Arbeit lag ihm nicht. Zugegeben, er war ein bisschen eitel. Aber das konnte man ihm nicht verübeln, war er doch der begnadetste Barde und Lautenspieler, den man bis weit über Sommerland hinaus kannte und schätzte. Seine musikalischen Darbietungen berührten jeden Zuhörer aufs innigste, und wenn seine Finger die Saiten zupften und dem Instrument die wundervollsten Klänge entlockten, fielen die jungen Hofdamen reihenweise in Ohnmacht.
Auch die Königin konnte seinem Charme nicht widerstehen. Sie genoss seine Gesellschaft und schätzte ihn als Schreiber genauso wie als Künstler. Und so kam es, dass er auf Wunsch der Königin die herbstlichen Jagdfeierlichkeiten, zur Freude aller, musikalisch begleitete. Nach dem schrecklichen Ereignis hatte er seine Laute jedoch nicht mehr angerührt.
Genau wie Keylan hatte die Heilerin Mona den Sommer auf der Burg verbracht und auch sie blieb bis zum Herbst. Königin Glen Aìlis hatte sie im Frühjahr gebeten, den Burggarten neu zu gestalten und ihn reichlich mit Zier- und Nutzpflanzen zu bestücken. Bei dieser Gelegenheit legte sie vorsorglich ein weiteres Beet mit Heilpflanzen an. Sie fürchtete, dass bald eine Vielzahl der wundpflegenden Kräuter dringend von Nöten sein würden, denn Mona sah und wusste Dinge, die anderen verborgen blieben. Diese vorhersehende Gabe hatte sie in die Wiege gelegt bekommen. Vermutlich verstärkte ihr Bruderstab ihre seherischen Fähigkeiten noch, denn er bestand aus dem Holz des Weißdorns.
Im Volksmund wurde der Weißdorn „Hagedorn“ genannt, denn man glaubte, auf seiner dornigen Hecke sitze die Zaunreiterin „Hagezussa“, ein hexenartiges Wesen, eine Grenzgängerin. Es wurde gemunkelt, die Hagezussa besäße die Gabe die Anderswelt zu bereisen, Informationen von dort in die Gegenwart zu transportieren und an jene weiterzugeben, die dafür empfänglich waren - und Mona war dafür empfänglich…
Jedenfalls schätzte die Königin Mona nicht nur als Heilerin, sondern hielt auch große Stücke auf Monas Fähigkeiten, was die Gartengestaltung anbetraf. Und wirklich, der Garten war eine Pracht! Von Frühling bis Herbst blühten die unterschiedlichsten Blumen und Pflanzen und erfreuten ohne Unterlass die Königin, ihre Gäste, aber vor allem die vielfältigsten Insekten.
Manchmal entdeckte man Mona erst auf den zweiten Blick, denn in ihrem erdfarbenen, schlichten Kleid und dem graumelierten Zopf erschien Mona manchmal fast unsichtbar, wenn sie zwischen den Pflanzen kniete, um den Boden zu lockern oder das Gemüse zu ernten. Richtete sie sich jedoch zur vollen Größe auf, konnte es geschehen, dass man vor ihr erschrak. Geheimnisvolle Tattoos - Spiralen und Schlangen - zeichneten sich auf Stirn, Kinn und Wangen ab. Und, wenn Mona sich erregte, begannen sie sich geisterhaft zu bewegen.
Immer wirkte Mona ein bisschen in sich gekehrt, sprach nur dann, wenn sie etwas für wichtig hielt und lebte im Allgemeinen ein einzelgängerisches Leben. Da die Seherin die meiste Zeit des Jahres unterwegs war, wusste keiner so recht, wo sie sich aufhielt, wenn sie nicht gerade in ihrer „Werkstatt“ weilte. So nannte sie das Kellergewölbe in der Burg, das Königin Glen Aìlis ihr zur Verfügung gestellt hatte. Dort unten experimentierte und studierte sie, trocknete Heilpflanzen und andere eigenartige Dinge, sammelte besondere Steine, mischte übelriechende Tinkturen und las in alten Schriften.
Was noch zu erwähnen wäre, auf der Suche nach Heilkräutern und Gewürzen, nahm sie stets ihren Stab mit. Er stach nicht sonderlich hervor, lediglich in seinem Knauf verbarg sich ein extrem scharfes Messer. Es soll aus dem Metall eines Kometenbrockens von Zwergen geschmiedet worden sein, munkelte man. Genau wusste man es nicht. Zumindest bestand das Messer aus dem härtesten Metall, das man je gesehen hatte. Mit ihm durchtrennte Mona Pflanzenfasern und Wurzeln, doch auch bei drohender Gefahr verstand sie Messer und Stab durchaus geschickt einzusetzen. Und wenn es nötig war, erweckte sie mit ihrem machtvollen Stab sogar die tobende Hagezussa…
Es ist wahr, Monas Erscheinung konnte einem geradezu Angst einflößen. Drahtig und wendig, wie sie war, bewegte sie sich manchmal so blitzschnell, als geschähen ihre Bewegungen durch Geisterhand. Vielleicht schätzte man sie deshalb jünger, als sie tatsächlich an Lebensjahren zählte. In Wirklichkeit war sie bei weitem die Älteste in der gesamten Bruderschaft.
Die Heilerin gesellte sich nun zu den andern in den Saal. Diener boten immer wieder Getränke und kleine Stärkungen an, während die Getreuen der Bruderschaft geduldig auf eine Nachricht der Königin warteten. Leise unterhielt man sich und merkte dabei nicht einmal, dass die Dämmerung bereits hereingebrochen war.
Plötzlich ging die Tür auf. Glenn Aìlis trat ein.
„Der König ist erwacht. Er wünscht Euch zu sprechen – dich Fear, Meister Wilhelm und Runo!“
Wortlos folgten die Männer der hohen Dame zur Kammer ihres Gemahls. Schon aus geraumer Entfernung waberte ihnen der Duft von Weihrauch, Wachholder und Gewürzen entgegen. Mona hatte kurz zuvor die Kammer des Königs ausgeräuchert, in der Hoffnung, der Weihrauch möge dem König Linderung verschaffen. Dass sie keine Heilung versprachen, wusste sie längst…
Die drei Männer betraten nacheinander den Raum. Als sie den König erblickten, erschraken sie und Fear lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er spürte die Anwesenheit des Todes. Das unablässige Flackern der Kerzen warf Schattengeister auf die Wände und drohte das immer schwächer werdende Licht jeden Augenblick auszulöschen. Es erschien Fear wie ein schlechtes Omen und es gab für ihn keinen Zweifel mehr, dass der König im Sterben lag.
Niedergeschlagen setzte sich die Königin an das Bett ihres Gemahls und streifte zärtlich über seinen Handrücken. Angus, ihr Sohn, stand dabei, wirkte tapfer und gefasst, doch die Freunde bemerkten, wie sehr die Hand des jungen Mannes zitterte, als er sie begrüßte.
Fahl und bleich lag der Herrscher in seinen Kissen. Die Wunde lag offen, damit das Räuchergut sie benetzte. Sie wirkte bläulich-violett und schuppig, so wie es die Königin beschrieben hatte.
Fear kniete ergriffen vor seinem König nieder, nahm seine Hand und küsste den Siegelring.
„Erhebe dich, mein Freund! Sei gegrüßt Fear und auch Euch, Meister Wilhelm, heiße ich willkommen“, flüsterte der König kaum hörbar.
Fear senkte sein Haupt, denn er kämpfte mit den Tränen.
„Ich habe euch rufen lassen, um wichtige Anweisungen zu geben! Sie sind mein Vermächtnis an die Bruderschaft.“
Die Männer nickten stumm.
Der König machte eine kleine Pause, bevor er sprach: „Meine Zeit ist abgelaufen, liebe Brüder. Es betrübt mich, mein Land, meine Gemahlin, doch vor allem meinen Sohn Angus ohne meinen Schutz zurückzulassen. Deshalb vertraue ich Angus Eurem Schutz und Eurer Weisheit an, Meister Wilhelm. Erzieht ihn zu einem würdigen König!“
„Ja, Majestät! Ich werde Euch nicht enttäuschen und Eurem Sohn alles beibringen, was einen guten König auszeichnet!“
Der König nickte schwach und fuhr fort: „Was mein Land angeht, Fear, so hoffe ich, dass mit Hilfe der Bruderschaft der Frieden erhalten werden möge.“
„Sorgt Euch nicht, mein König, die Bruderschaft wird alles tun, was in ihrer Macht steht und was in Eurem Sinne ist!“
„Ich fürchte, das ist nicht genug…“, seufzte der König schwach.
„Wie meint ihr das?“
„Jemand trachtet nach meinem Leben. Mehr noch, ganz Sommerland ist in Gefahr. Jemand will in den Besitz des Siegels gelangen und die Macht an sich reißen. Sicher, wir wissen alle, dass dies unmöglich ist, solange ich im Besitz des Dodekaeders bin und das Siegel der Macht an mein Leben und an meine königliche Würde gebunden ist. Doch so wie es um mich steht, werde ich in absehbarer Zeit beides verlieren. Ich spüre drohendes Unheil aufziehen und es erscheint mir mächtiger und grausamer als alles, was wir bisher kannten…“
Der König bäumte sich plötzlich auf. Voller Verzweiflung packte er Fear an seinem Gewand und zog ihn schwer atmend zu sich heran. So nahe, dass Fear den kalten Atem des Herrschers spürte.
„Schwört bei eurer Ehre, dass ihr das Pentagondodekaeder mit eurem Leben beschützen werdet, meine Brüder des roten Drachen! Tut es für meinen Sohn Angus, auf dem alle Hoffnungen ruhen! Tut es für den Frieden Sommerlands und für alle freien Welten! Tut es für mich!“
„Ich schwöre es, Eure Majestät!“, versprach Fear und drückte den König sanft in die Kissen zurück.
„Und Ihr, Meister Wilhelm?“
„Auch ich schwöre es, mein König!“, antworte Meister Wilhelm.
„Ich schwöre es ebenfalls, mein Gemahl!“
„Und ich schwöre es, Vater!“
Runo nickte und legte die Hand auf sein Herz.
„So kann ich getröstet von euch gehen. Ich danke euch für eure Liebe und für eure Treue. Aus tiefstem Herzen flehe ich euch an, haltet brüderlich zusammen, was auch immer geschehen mag…!“
„Ja, mein König!“, versprachen die Brüder.
Der König nestelte an seinem Finger, streifte den Ring mit dem königlichen Siegel herunter und reichte ihn Angus. „Nimm diesen Ring, mein Sohn! Hiermit lege ich die Geschickte Sommerlands in deine Hände! Halte ihn stets in Ehren, so lange, bis du ihn als König Sommerlands selber tragen wirst!“
Angus nickte bewegt, nahm den königlichen Siegelring entgegen und küsste die Hand seines Vaters: „Ich verspreche es, Vater!“
„Runo, gib mir meinen Stab!“, flüsterte der König.
Runo erhob sich und legte ihm den königlichen Bruderstab in den Arm. Der Stab bestand aus dem unerschütterlichen Holz der Eiche und war eines Königs würdig. An seinem Ende steckte in einer dafür vorgesehenen Halterung das bronzene Siegel der Macht – das Pentagondodekaeder. Nun ruhte der Stab wie ein Zepter über dem Herzen des sterbenden Königs. Der Herrscher machte einen letzten tiefen Atemzug und schloss seine Augen für immer.
Fear beobachtete, wie die Hand des Königs langsam in der seiner Gemahlin erschlaffte und auf die Daunendecke glitt und er fühlte wie das Leben des geliebten Herrschers verlosch. Die Königin löste sich von ihrem Gemahl, trat an das Fenster und öffnete es weit, so als wolle sie die Seele des Königs der Ewigkeit des Universums übergeben. Die Brüder verweilten noch eine geraume Zeit bei der hohen Dame und bei Angus. Dann gingen sie, die Bruderschaft zu unterrichteten.
Noch am selben Tag bahrte man den König in der kleinen Burgkapelle auf. Die Brüder des Ordens, die bereits auf der Burg weilten, hielten drei Tage und drei Nächte lang die Totenwache.
In dieser Zeit pilgerten unzählige Untertanen zur Kronfeste, um ihrem König die letzte Ehre zu erweisen. Sie liebten ihn und fühlten eine große Dankbarkeit für den langanhaltenden Frieden, den er ihnen beschert hatte. Selbst jetzt noch im Tode, scharten sie sich wie ängstliche, verlassene Kinder um ihn und folgten drei Tage später in tiefer Trauer dem Trauerzug, der den König zur Grablege brachte. Die letzten Schritte gehörten allerdings nur der engsten Familie und der Bruderschaft. Deshalb konnte das Volk nicht sehen, dass die Grablege leer blieb…
Die Königin und die Drachenbrüder warteten auf die Nacht. Das hatte einen besonderen Grund. In jenem Augenblick, als der König starb, war der rote Drachen in der Linde erwacht. In der dritten Nacht der Totenwache erhob er sich aus dem Geäst. Die Ordensbrüder wussten, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, von ihrem König Abschied zu nehmen und ihn dem Drachen zu übergeben. Sie schafften den Leichnam des Königs ungesehen in den Burghof. Die Königin entnahm ihrem toten Gemahl im Beisein des Ordens das königliche Zepter mit dem Dodekaeder und gab es in Runos Obhut. Dann legte sie ihm stattdessen eine weiße Rose - die Blume des Abschiedes - in die wächsernen Hände. Als dies geschehen war, nahm der Drachen den toten König behutsam auf und trug ihn davon. In dieser Nacht gingen unendlich viele Sternschnuppen nieder und es war, als weinte der Himmel um einen großen Herrscher.
Die Königin, Angus und die Brüder des Ordens blickten dem toten König traurig hinterher, bis er sich im sternenklaren Firmament verlor.
Der Drache aber kehrte nicht wieder zurück.
Obgleich die Königin und die Brüder wussten, dass dies geschehen würde, beunruhigte sie die Abwesenheit des Drachens sehr, denn er war der erste und ewige Wächter des Dodekaeders. Mehr noch! Des Drachen Herz schlug im Einklang mit dem Herzschlag des Königs und bildete gleichzeitig das Band zu jenem machtvollen Siegel. Dieses mystische Band zwischen König, Drachen und Dodekaeder wurde, seit man sich erinnern konnte, bei jeder Krönung eines Königs Sommerlands neu geschmiedet. Mit dem Tod des Königs aber zerriss das Band. Der Drachen verschwand und das Dodekaeder war ohne Schutz.
Diese Zeit zwischen dem alten und dem neuen König, die Zeit der Abwesenheit des roten Drachen war die Gefährlichste von allen. Man nannte sie deshalb „die Zeit der bangen Hüter und des schutzlosen Raumes“.
„Wie sollen wir nur ohne unseren König bestehen?“, fragten sich die Menschen bald mit Sorgen.
„Wer, außer Pen Gral, könnte so mächtig sein, den Frieden zu sichern? Der Kronprinz ist noch ein Junge und es werden viele Jahre ins Land ziehen, bis er die Königsweihe erhält. Wer wird nun das Land regieren und beschützen?“
„Königin Glenn Aìlis ist eine gütige Königin, aber gerade das könnte ihr zum Verhängnis werden. Als Frau ist sie zu schwach, um sich auf Dauer den Stämmen zu widersetzen.“
„Die Übelsten der Stammesführer werden versuchen, Sommerland an sich zu reißen!“, hieß es bald und eine verzagte Angst legte sich wie ein Schatten über das ganze Land.
Und die Sorge der Menschen war berechtigt. Solange Pen Gral geherrscht hatte, kostete es den König zwar immer wieder große Anstrengung die Stämme zu befrieden, doch ihm war es stets gelungen, sie einigermaßen zu besänftigen und zu zügeln. Er zog es vor Handel zu treiben, statt Kriege zu führen. Das brachte seinem Land Wohlergehen und einen nachhaltigen Reichtum und auch die Stämme profitierten von seiner Umsicht. Vor allem aber die Menschen Sommerlands dankten es ihrem König und man sprach sogar von einer „goldenen Zeit“.
Aus unerklärlichen Gründen waren die Spannungen zwischen den Stämmen im vergangenen Jahr erneut heftig aufgeflammt. Selbst das friedliche Sommerland wurde zum Spielball der rebellierenden Stammesfürsten. Bald fürchtete die Königin, den Thronerben könne das gleiche Schicksal ereilen, wie seinen Vater. Angus musste so schnell wie möglich Sommerland verlassen und sich in die Obhut Meister Wilhelms begeben. Doch der weise, alte Mann war in diesen unruhigen Tagen für den Orden unverzichtbar und musste seine Rückreise ins Tal der Gräflichen Frauen immer wieder aufschieben.
Tatsächlich dauerte es nicht lange, und die Stammesführer begannen nach der Krone Sommerlands zu greifen. Schon bildete sich ein jeder ein, der Würdigste von allen und dazu berufen zu sein, Pen Grals Nachfolge anzutreten. Noch vor dem winterlichen Julfest spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Stämme forderten Klarheit über das Schicksal des Dodekaeders, denn daran knüpfte sich die Frage, wer neuer König Sommerlands werden würde. Da das Julfest seit je her der Tag der Königskrönungen war und es sich mit Riesenschritten näherte, bedrängten sie die Königin immer unverhohlener. Glen Aìlis versuchte Zeit zu gewinnen. Die Bruderschaft stärkte der Königin zwar den Rücken, doch die Geduld der Stammesfürsten erschöpfte sich zusehends.
Da bat der elfte Bruder des Ordens, der Herr von Crow, um eine Audienz und die Königin gewährte sie ihm.
„Was ist Euer Begehren, verehrter Herr von Crow?“, fragte sie freundlich, als er den Audienzsaal betrat.
„Eure Majestät, mein Anliegen betrifft das Dodekaeder. Ihr wisst, dass das Siegel der Macht in großer Gefahr ist… Erlaubt mir, es in meine Obhut zu nehmen. Ich verspreche Euch, ich kann für seinen Schutz garantieren.“
Glen Aìlis empfand es als noble Geste und als Zeichen seiner Treue. Doch sie zögerte. Hatte sie ihrem Gemahl nicht auf dem Sterbebett versprochen, persönlich für den Schutz des Dodekaeders einzustehen? Nein, sie durfte es nicht eigenmächtig aus der Hand geben. Aber war ein ehrenwerter Bruder des Ordens ihr nicht fast ebenbürtig, was die Integrität ihrem Gemahl gegenüber anbetraf? Sie hatte allen Grund ihm zu vertrauen. Hinzu kam, dass der Herr von Crow einer der Tapfersten und Mutigsten unter den Brüdern war. Wenn es jemandem gelang das Siegel der Macht zu verteidigen, so war gewiss er es.
Glen Aìlis rang eine Weile mit sich, lehnte dann aber freundlich ab: „Verzeiht, Herr von Crow, Euer Vorschlag ist ehrenwert. Doch lasst mich zunächst den Rat der Bruderschaft einholen…“
„Bedenkt, die Bruderschaft ist nicht vollzählig, Eure Majestät, und die Zeit drängt. Ich aber bin da – für Euch, für Euren Sohn Angus und für das Dodekaeder! Vertraut mir!“
„Weiß der Orden um Euer Begehren?“, fragte sie.
„Wie Ihr wisst, ist es im allerhöchsten Interesse der Bruderschaft, das Siegel in Sicherheit zu wähnen…“
„Das war nicht meine Frage!“, antwortete die Königin ruhig.
„Ihr gebt zu viel auf die Meinung der Bruderschaft! Sie ist zögerlich und geht den Schwierigkeiten aus dem Weg, Eure Majestät. Verzeiht, wenn ich es sage, aber die unentschlossene Haltung der Brüder ist dieser Situation, in der wir uns befinden, nicht angemessen. So vermag man das Siegel niemals zu schützen! Die Zeiten sind ungewiss! Ich beschwöre Euch, gebt das Siegel der Macht in meine Hände, bevor es zu spät ist!“
„Habt Geduld! Wie ich bereits sagte, nicht bevor es mit der Bruderschaft besprochen ist!“
„Wie Ihr wünscht, Majestät, doch sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt…!“
Die Königin sah ihn befremdlich an, denn sein Ton war nicht angemessen. Doch sie schwieg, zumal der Herr von Crow wieder ruhig und gefasst wirkte, als er demütig sein Haupt vor der hohen Dame neigte.
Während die Königin ihn so in seiner Demutsbezeugung betrachtete, machte sie eine überaus beunruhigende Beobachtung. Sie sah, wie alle Farbe aus dem Gesicht des Mannes wich. Mühsam beherrscht biss er seine Zähne zusammen und seine Faust umfasste den Bruderstab so krampfhaft, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie spürte verborgenen Zorn.
Eine weitere Beobachtung aber ängstigte sie geradezu. Die schwarze Krähenkralle, die den Knauf seines Stabes bildete, zog sich mehr und mehr zusammen, bis feine Blutstropfen auf der Haut des Drachenbruders sichtbar wurden. Glen Aìlis erschien sie wie die Klaue eines großen Raubtieres, das unbarmherzig seine Beute schlägt.
Der Herr von Crow verzog keine Miene, aber Glen Aìlis fürchtete sich plötzlich vor seinem Stab - nicht nur wegen jener eigenwilligen Kralle, sondern auch wegen des Holzes, aus dem der Stab geschaffen war.
Obwohl jeder wusste, dass das Holz des Schwarzdorns in keinem guten Ruf stand, hatte der Herr von Crow bei seiner Stab-Leite den Schwarzdorn für seinen Bruderstab erwählt. Niemand konnte es nachvollziehen, denn der Schwarzdorn sei zwiespältig wie die Zunge einer Schlange, hieß es und die schwarze Todesgöttin wohne in seinen undurchdringlichen Ästen. Selbst der Neuntöter spieße seine Beute grausam in den stacheligen Zweigen seines Geästes auf und ließ sie um ihr Leben zappeln. Außerdem sei der Schwarzdorn ein Baum der Feen und der Hexen, die ihre Fluggeräte aus jenem Holz fertigten. Man sagte sogar, in seinem Schatten wohne der Streit und der Schwarzdorn stehe zwischen Leben und Tod. Aber das Außergewöhnlichste war, das herbe Fleisch seiner Früchte schmeckte bittersauer wie Galle und wurde erst genießbar, wenn eisiger Frost über die Früchte kam.
„Frost…!“, durchfuhr es die Königin mit einem Mal eiskalt und sie erschauderte. Abrupt wendete sie ihren Blick von dem Stab ab. Eines aber wurde ihr plötzlich klar, bemühte sich auch der Herr von Crow seinen Zorn zu verbergen, so gelang dies seinem gruseligen Stab nicht. Es war, als führe der Stab ein bedrohliches Eigenleben. Mehr noch, es war, als besäße er Macht über seinen eigenen Herrn!
Die Königin fasste sich wieder und wies den Herrn von Crow zurecht: „Zügelt Euren Stab! Und vergesst nicht, Ihr seid nur der elfte Bruder des roten Drachen. Es steht Euch nicht zu, eigenmächtig über das Schicksal des Pentagondodekaeders zu befinden!“
„Ja, Eure Majestät, wie Ihr wünscht.“ Der Herr von Crow senkte ergeben sein Haupt.
Um das Thema nicht weiter zu vertiefen, lenkte sie das Gespräch in ruhigere Bahnen: „Habt Ihr zwischenzeitlich in Erfahrung bringen können, wer dem König nach dem Leben trachtete? Ihr kennt die Stammesfürsten besser als ich…“
„Aber, Eure Majestät, Ihr wisst, es war ein tragischer Jagdunfall!“
„Nein, verehrter Herr von Crow, es war heimtückischer Mord und Ihr wisst das ebenfalls“, widersprach sie ihm und fügte hinzu: „Zerstreut meine Zweifel, verehrter Herr von Crow! Zerstreut sie, wenn Ihr es könnt…!“
Das Julfest stand bereits vor der Tür, als die letzten Mitglieder der Bruderschaft eintrafen. Die alte Eryna, eine Schwester des Ordens, wartete seit Tagen in der Burg ungeduldig auf die Ankunft ihrer beiden Kinder Eleonora und Michael. Nun war Eleonore endlich eingetroffen. Kurze Zeit später folgte Michael mit seinem Sohn Flint. Eryna hatte Sohn und Enkel seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen und freute sich sehr. Sie merkte sofort, dass Eleonore etwas abgehetzt war. Und wirklich, ihre Anreise aus dem Garten der Mitte hatte sich dieses Mal schwieriger gestaltet, denn ohne Meister Wilhelms Hilfe war es Eleonore kaum möglich, das Tor des Schweigens zu passieren - um nicht zu sagen, es war unmöglich.
Meister Wilhelm, der sie normalerweise im Tal der Gräflichen Frauen empfing, um sie durch die Passage zu geleiten, war nicht da. Er weilte immer noch in Sommerland.
Eleonore stand etwas ratlos vor dem Tor, als sie ein leises Schnarren vernahm. Wie aus dem Nichts tauchte Eidirsceal mit seinem Laufrad auf.
„Ich grüße dich, Eleonore! Meister Wilhelm schickt mich“, sagte er, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt. Mit einer einladenden Handbewegung forderte er sie auf, das Gefährt zu besteigen. „Komm, ich bringe dich zu den Anderen!“
Die junge Frau zögerte nicht lange und stieg auf. Tatsächlich erreichten sie kurze Zeit später Sommerland.
Eleonore - zu Hause nannten sie alle einfach „Lore“ – beabsichtigte nicht lange zu bleiben, denn sie hatte einen Sohn zu versorgen, der momentan ihre ganze Aufmerksamkeit und Liebe forderte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war der Junge alles andere als leicht zu händeln, denn er war widerspenstig wie eine junge Katze.
Bei ihrer Ankunft auf der Kronfeste trug Lore die Kleidung, wie sie im Garten der Mitte in der kalten Jahreszeit üblich war – Jeans, Winterstiefel und einen wetterfesten Daunenanorak. Kaum eingetroffen, wechselte sie ihre Kleidung und passte sie der Mode und der Tradition Sommerlands an. Das heißt, nicht ganz. Im Allgemeinen trug sie die Uniform der Krieger, wenn sie auf Burg Kronfeste weilte. Doch heute hatte sie ein elegantes, höfisches Gewand gewählt, weil sie sich für Runo herausgeputzt hatte.
Eleonore, ebenfalls Mitglied der Bruderschaft, war einst als Kriegerin ausgebildet worden. Sie gehörte zu den verborgenen Streitern und führte mit ihrem Sohn normalerweise ein vollkommen unauffälliges Leben im Garten der Mitte. Stets gewappnet für Augenblicke wie diese, hatte sie dennoch inständig gehofft, sie träfen nie ein. Nun war es, zu aller Schrecken, geschehen - Frost war zurückgekehrt! Die Bruderschaft forderte ihren Einsatz im Kampf um Sommerland und um den Frieden der Welten. Und sie hatte Folge zu leisten, so wie sie es einst bei ihrer Stab-Leite geschworen hatte.
Ihren Stab trug sie bei sich, wie jeder der Brüder und Schwestern des Ordens, wenn sie auf der Feste weilten. Er bestand aus Eschenholz, war lang, biegsam und solide. Das musste er auch sein, denn das Holz der Esche eignete sich besonders gut, zum Herstellen von Bögen, Pfeilen und Speeren.Und in der Tat, wenn es die Not erforderte, konnte sie daraus in kurzer Zeit einen Bogen herstellen. Sie brauchte nur eine Sehne zwischen zwei Kerben zu spannen, die an beiden Enden des Stabes eingearbeitet waren, und schon wurde ein zielsicherer Bogen daraus.
Nun betrat Eleonore in Runos Begleitung den Saal. Er war ihr Gemahl. Was Runo noch war, er war nicht nur ein Drachenbruder, sondern auch Teil des Kronrates und einer der wichtigsten Personen auf der Burg. Auch wenn sein hohes Amt es ihm nicht erlaubte, bei Eleonore im Garten der Mitte zu leben, so tat dieser Umstand ihrer Liebe keinen Abbruch.
Auf der königlichen Feste hatte Runo äußerst bedeutungsvolle Aufgaben. Vor allem war er für den Schutz und für die Gesundheit des Drachens verantwortlich, der in der Linde schlief. Es oblag ihm die Linde zu pflegen, denn sie zu pflegen, bedeutete den Drachen zu pflegen. Nun, da der Drache fort war, richtete sich Runos ganze Aufmerksamkeit auf das Pentagondodekaeder, dem nichts, um alles in der Welt, geschehen durfte.
Es erklärt sich von selbst, dass ein Drachenhüter frei von jedem Tadel zu sein hatte. Runo wurde dieser Bedingung absolut gerecht, genauso wie alle seine Vorfahren ihr gerecht wurden. Das hohe Amt des Drachenhüters übten vor ihm bereits Runos Vater, Großvater und dessen Urahnen aus. Diese Reihe könnte man so lange zurückverfolgen, bis man zu jenem Zeitpunkt angelangt, als vor vielen, vielen Generationen ein mächtiger, roter Drache zum ersten Mal in Sommerland auftauchte. Bei seiner Ankunft war er schwer gezeichnet von einem martialischen Kampf, den er mit einem schwarzen Drachen geführt hatte. Der rote Drachen hatte den schwarzen Drachen zwar besiegt, doch er hätte dabei fast sein eigenes Leben verloren. Mit letzter Kraft erreichte er Sommerland und ließ sich schwerfällig in den Hügeln nieder. Ein Schäfer fand ihn, pflegte ihn gesund und nannte ihn Fanfir.
Von seinen Verletzungen genesen, bot der Drache seinem Retter aus Dankbarkeit die Königswürde an und die Macht über alle Stämme. Daran knüpfte sich die Bedingung, ein machtvolles Siegel in Form eines Pentagondodekaeders in Obhut zu nehmen, welches der Drachen mit sich führte. Der Drachen bat den Schäfer außerdem, eine Bruderschaft zu gründen, die sich dem Schutz dieses Siegels verschwor und sich dem Frieden der Welten verpflichtete.
Der Schäfer erbat sich etwas Bedenkzeit, denn er liebt das einfache Leben, das er führte. Schließlich willigte er ein, weil er merkte, wie fragil der Frieden geworden war. Daraufhin erkor ihn der Drache zum ersten König Sommerlands und zum Kopf der neu gegründeten Drachenbruderschaft. Von nun an war er der Pen-Dragon der Bruderschaft des Roten Drachen.
Das ungeheuerliche Wesen aber ließ sich umgehend in einer mächtigen, uralten Linde nieder, fiel in einen tiefen Schlaf und blieb. Der neue König befahl um diese Linde einen Befestigungswall zu errichten, in dessen Mitte bald eine bescheidene Burg emporragte, die im Laufe vieler Jahre wuchs und wuchs.
Unter den Stämmen wählte der König die würdigsten Männer und Frauen aus, die der „Bruderschaft des Roten Drachen“ angehören sollten. Der König bildete dabei, wie erwähnt, das Haupt der Bruderschaft und der rote Drache, als ewiger Hüter des Pentagondodekaeders, sozusagen den Schwanz des Ordens. In der Mitte aber standen elf tapfere Brüder und Schwestern, die alle ohne jeden Fehl und Tadel waren.
Jeder von ihnen leistete dem Pen-Dragon den Treue-Schwur und erwählte sich bei seiner Stab-Leite einen ganz persönlichen Bruderstab – alle, außer dem König und dem Drachenhüter. Ihre Stäbe wurden von Generation zu Generation an ihre ältesten Söhne weiter gereicht, sofern sie sich als würdig und fähig erwiesen. Und das taten sie bisher alle.
Michael, Eleonores umtriebiger Zwillingsbruder, gehörte ebenfalls dem Orden an. Er war eine auffällige Erscheinung, ein Hüne, dessen lockiges, rotes Haar bei jedem Schritt wild um seine breiten Schultern waberte, während der gezwirbelte Schnauzbart verwegen auf und ab wippte. Seine gutsitzende Kleidung trug er nach der Mode Sommerlands, stets darauf bedacht, dass sie robust und reisetauglich war und ihm große Bewegungsfreiheit erlaubte. Die brauchte er auch, denn Erynas Sohn war ein mutiger Haudegen, der keinem Scharmützel aus dem Weg ging. Ständig wechselte er zwischen den Welten, so dass niemand so recht wusste, in welcher Mission er gerade tätig war und wo er gerade steckte. Vielleicht könnte man Michael als Diplomaten König Pen Grals bezeichnen, denn seine Reisen geschahen meist im Auftrag des Hofes, waren in aller Regel geheim und von äußerster Wichtigkeit. Manchmal auch gefährlich.
Michael schien ein schwarzer, feuergehärteter Stab aus Machandelholz gerade angemessen. Der Machandel war so vieldeutig wie all die Namen, die man dem Wachholder im Volksmund gab. Man sprach dem Strauch sogar wundersame Eigenschaften zu, denn seine Zweige beinhalteten ätherische Öle, die man gerne benutzte um Räume auszuräuchern, sie zu reinigen und krankmachende Keime abzutöten. Genoss man zu reichlich seiner Früchte, so konnten sie den Tod bringen, aber die richtige Dosis angewendet, vermochten sie zu heilen. Die meisten mieden Michaels Stab, weil sie Angst vor ihm hatten. Und das aus gutem Grund. Das Endstück ging nämlich in einen fast nicht erkennbaren, kleinen Schlangenkopf über. Schleuderte sein Herr ihn bei Gefahr einem Feind entgegen, so fuhr Leben in den Stab und er verwandelte sich in eine tödliche Schlange - so wie es Aaron-Stäben eigen ist. Auf seinen gefährlichen Reisen hatte er Michael jedenfalls schon viele Male das Leben gerettet.
Der Aaronstab war einer der schwierigsten Stäbe und kaum händelbar. Nur Michael gelang es, ihm seinen Willen aufzuzwingen. Das ließ auf Mut und Willensstärke schließen.
Seine Mutter Eryna mochte diesen totbringenden Stab nicht, doch sie musste zugeben, dass er der einzige Stab war, der Michaels gefährlichen Missionen angemessen war.
Sie selbst verkörperte das Mütterliche in der Bruderschaft und hatte sich für einen ganz anderen Stab entschieden - einen Rosenherzstab. Er war friedlich und vermochte die liebevolle Verbundenheit zwischen allem, was sie umgab, zum Ausdruck zu bringen. Das entsprach ihrem eigenen Wesen.
Für dieses besondere Stück hatte sie sogar den Wurzelstock einer ihrer Lieblingsrosen geopfert. Schweren Herzens hatte sie eine wurzelechte Duftrose ausgegraben, die ihre Urgroßmutter einst als junge Frau gepflanzt hatte. Erynas Herz hing an diesem Gewächs, so als wäre es ein Stück von ihrem eigenen Herzen.
Den Wurzelstock hatte sie behutsam gereinigt, ihn sorgfältig zugeschnitten und ihn auf den Kopf gestellt, so dass die Hauptwurzel eine Art Knauf bildete. In der Tat, war ihr die Wahl ihres Stabes weiß Gott nicht leichtgefallen, denn ihre Lieblingsrose musste dafür ihr Leben lassen. Doch Eryna wusste, dass man, um etwas Außergewöhnliches zu erhalten, bereit sein musste, etwas Außergewöhnliches zu geben. Und so war das machtvollste, das diesem Stab eigen war, ihre Liebe, die sie in ihn einfließen ließ. Und nichts tat der Welt mehr Not als die Liebe.
Zugegeben, der Stab war nicht wirklich gut zu handhaben, weil sich die feinen Wurzeln wie lebensspendende Kranzgefäße in alle Richtungen um das Herzstück verzweigten. Doch das machte ihr nichts aus, denn sie führte den Bruderstab nur bei wichtigen Begebenheiten oder bei den Sitzungen der Drachenbruderschaft mit sich.
Eryna saß vor sich hin sinnend am Kamin und betrachtete Sohn und Enkel Flint mit Wohlwollen und Stolz. Äußerlich mochten sie sich gleichen, doch im Wesen unterschieden sich die beiden sehr. Flint war wesentlich besonnener und ruhiger als sein Vater Michael. Lediglich das Haar des Jungen war genauso wallend und rot. Es glich dem Fell eines Fuchses und so schlau wie ein Fuchs war Flint auch. Seinen Namen verdankte er allerdings dem glühenden Feuerfunken des Flintsteins. Und – Nomen est Omen - Flint liebte das Feuer!
Was zu erwähnen wäre, Flint war in seinen jungen Jahren bereits ein vielversprechender Anwärter auf die Bruderschaft. Doch er war noch zu jung für die Stab-Leite. Dennoch setzten die Brüder große Hoffnungen in ihn, weil seine Charakterfestigkeit so überaus reif und nobel war, dass man beschlossen hatte, ihn sobald wie möglich in die Bruderschaft aufzunehmen. Bei ihren Treffen durfte er bereits jetzt manchmal zugegen sein.
Endlich war die Bruderschaft vollzählig. Das heißt, sie war nicht ganz vollzählig. Der Herr von Crow fehlte. Er war verfrüht abgereist, weil Aufständische seine Ländereien im Norden erneut bedrohten, wie er der Königin entschuldigend ausrichten ließ. So versammelte man sich ohne den Herrn von Crow, am Abend im Thronsaal.
Glen Aìlis erschien in schwarzer Trauerkleidung.
„Seid gegrüßt, meine Treuen der Bruderschaft! Der König ist tot. Die Stände sind im Aufruhr. Ich habe euch rufen lassen, um euer Versprechen einzulösen - das Versprechen, den Schutz des Dodekaeders und somit auch den Schutz Sommerlands und aller freien Welten zu gewähren und den Frieden zu sichern.
Die Zeit der Bangen Hüter und des schutzlosen Raumes ist über uns hereingebrochen, meine Freunde. Das Dodekaeder ist seit dem Tod des Königs und dem Verschwinden des Drachens verwaist und wir wissen nicht, wie wir es auf Dauer schützen können…“
„Bedeutet dies, das Siegel der Macht ist auf der Kronfeste nicht mehr sicher?“, fragte Nantosuelta besorgt.
„Nein, Nanny. Keine Angst! Noch ist es sicher, doch ob es so bleiben wird, wissen wir nicht…“, erwiderte Runo, an Stelle der Königin.
„Eure Majestät, wir Drachen-Brüder garantieren selbstverständlich für den Schutz des königlichen Siegels“, versicherte Michael.
„Seid euch nicht so sicher, dass ihr dies vermögt…“, meinte da die Königin.
„Dafür ist die Bruderschaft schließlich da!“, beharrte Michael, leicht gekränkt über ihren Zweifel.
„Bürgt ihr auch für euern elften Bruder, den Herrn von Crow?“, fragte die Königin die Brüder und Schwestern des Ordens.
„Natürlich, er hat den Treueeid geleistet!“ Aus Michaels Stimme hörte man leichte Empörung, denn es erschien ihm ungeheuerlich, dass jemand die Integrität einer der Brüder des Ordens in Frage stellte, auch wenn es die Königin selbst war.
Nur Meister Wilhelm fragte nachdenklich: „Worauf wollt Ihr hinaus, Eure Majestät?“
„Ich fürchte, der Herr von Crow ist nicht der, für den wir ihn halten. Über kurz oder lang wird er nach der Krone greifen und dazu braucht er das Siegel. Das solltet ihr wissen!“
„Das ist unmöglich“, entfuhr es Eryna.
„Und doch ist es so“, beharrte die Königin.
„Irrt ihr Euch da nicht?“, unterbrach Fear sie ungläubig.
„Es ist ein schwerwiegender Vorwurf, den Ihr erhebt, Eure Majestät. Der Herr von Crow ist einer unserer tapfersten Brüder!“, verteidigte Michael ihn immer noch beharrlich.
„Ich weiß“, antwortete die Königin lapidar „…und dennoch!“
„Was bewegt Euch, ihn zu verdächtigen?“, fragte Meister Wilhelm ruhig, so wie es seiner Art entsprach.
„Ihr solltet wissen, dass der Herr von Crow, mich eindringlich beschwor, ihm das Dodekaeder auszuhändigen…“, sagte Glen Aìlis. Sie blickte den Brüdern dabei geradewegs in die Augen und las ihr Entsetzen darin.
„Das Siegel der Macht?“, fragte Meister Wilhelm ungläubig.
„Vielleicht wollte er nur den Schutz des Siegels garantieren…?“, warf die gutgläubige Eryna ein, das Beste in dem elften Bruder hoffend.
„Und warum wollte er nicht, dass die Bruderschaft davon erfährt?“, fragte Glen Aìlis etwas gereizt.
Ja, warum besprach der Herr von Crow sein Ansinnen nicht mit der Bruderschaft? Man sah es den Brüdern und Schwestern an, wie enttäuscht sie darüber waren.
Fear fasste sich als erster. „Eure Majestät, macht Euch keine Sorgen, das Dodekaeder würde ihm nichts nützen. Er besitzt keine Macht darüber. Dazu müsste er berufen sein…“
„Und was, wenn es jemanden gibt, der diese Macht besitzt? Jemand Mächtiges, der sie dem Herrn von Crow verliehen hat…? Jemand, der nichts Gutes im Schilde führt?“, fügte Meister Wilhelm nachdenklich hinzu.
„Brüder des roten Drachen, es gibt tatsächlich beängstigende Zeichen, die ihr kennen solltet… “, sprach nun die Königin.
„Von welchen Zeichen sprecht ihr?“, fragte Fear.
Da ergriff Mona zum ersten Mal das Wort: „Ich sah ihn im Feuer – den Herrn von Crow und einen mächtigen, schwarzen Drachen.“
„Du meinst doch nicht etwa Frost?!“
„Doch!“, sagte die Königin. „Es ist zu befürchten, dass das schwarze Biest aus der Finsternis zurückgekehrt ist, liebe Brüder und Schwestern. Mona glaubt sogar zu wissen, dass er mit dem Herrn von Crow und den rebellischen Stämmen Verbindung aufgenommen hat. Nun begehren sie das Dodekaeder.“
„Wir werden es verhindern!“, sagte Michael sofort entschlossen.
„Es ist zu spät! Ich habe Nachforschungen angestrengt. Der Herr von Crow hat sich der finsteren Macht bereits verschrieben und sich der dunklen Bruderschaft der Larven angeschlossen. Er ist nun ihr Pen. Pen Raven…“, antwortete Mona.
Die Brüder waren wie vom Donner gerührt. Eine betretene Stille beherrschte plötzlich den Raum.
„Er muss sofort aus unserer Bruderschaft ausgeschlossen werden, denn er ist nicht würdig ihr anzugehören, Eure Majestät“, drängte Meister Wilhelm nach geraumer Zeit.
„Wie konnte es uns nur entgangen sein, dass einer unserer Drachenbrüder die Seiten gewechselt hat?“, stammelte Nantosuelta hilflos.
„Es ist eine dunkle, alles verschlingende Macht, die sich seiner bedient. Sie erfasst alle, die dafür empfänglich sind. So wie der Herr von Crow…“, wusste Mona.
„Stärker als die Macht des roten Drachen?“
Mona zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht…“
„Der König ist tot, der Drachen verschwunden und auch der Herr von Crow hat sich von unserer Bruderschaft abgewandt. Wir sind nur noch zehn Brüder und Schwestern. Ist euch klar, dass wir heillos geschwächt sind, Freunde?!“ bedachte Michael.
Jetzt mischte sich Meister Wilhelm ein: „Lasst mich einen Vorschlag unterbreiten!“
Die Brüder und Schwestern des roten Drachen schwiegen, als die Königin ihm das Wort erteilte.
„Ich schlage vor, dass die Königin bis auf weiteres den Platz ihres Gemahls in der Bruderschaft einnimmt. So lange, bis der Drachen zurückgekehrt ist und Angus zum König gekrönt werden kann, soll sie der stellvertretende Pen der Bruderschaft des roten Drachen sein. Und was den frei gewordenen Platz unseres elften Bruders anbetrifft, so glaube ich eine Lösung gefunden zu haben. Es ist uns allen bekannt, dass Flint zwar erst ein Jüngling ist, doch er besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten. Er könnte den Herrn von Crow in der Reihe der Brüder ersetzen.“
„Aber er verfügt nicht einmal über die Stab-Leite!“, warf sein Vater Michael abwehrend ein. Er wollte nicht, dass sein Sohn da hineingezogen wird, weil er wusste wie gefährlich die kommende Zeit werden würde.
„Darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen, Michael!“, pflichtete Fear Meister Wilhelm bei, ohne auf Michaels Bedenken einzugehen. „Es steht einfach zu viel auf dem Spiel!“
„Selbst wenn ich dem zustimmte, so fehlte immer noch der Schwanz des Drachen, jemand der die Aufgabe des roten Drachen ersetzt. Uns fehlt der Hüter des Pentagondodekaeders, damit wir vollzählig sind…“, warf Michael ein.
„Hört mich an! Der Herr von Crow und die Abtrünnigen der Stämme werden mir in naher Zukunft ein Ultimatum stellen“, sagte die Königin, „und sie werden das Pentagondodekaeder einfordern. Ich habe euch rufen lassen, damit wir uns beraten und eine einstimmige Entscheidung treffen, die den Schutz des Siegels, aber auch den Erhalt des Friedens gewähren. Sprecht, wenn ihr etwas zur Lösung des Problems beitragen könnt.“
„Eure Majestät, liebe Freunde, uns bleibt keine Wahl, wir müssen das Dodekaeder sofort in Sicherheit bringen, so lange uns noch Zeit bleibt!“, sagte Fear.
„Wohin können wir es bringen?“, fragte Keylan.