Filmschuhe - Noel Streatfeild - E-Book

Filmschuhe E-Book

Noel Streatfeild

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Beschreibung

Ein kleiner Bruder, der wunderbar Klavier spielt. Eine große Schwester, die Ballett tanzt. Für Jane ist es manchmal nicht leicht, die "Normale" in der Familie zu sein. Immerhin hat sie ihren Hund namens Kaugummi. Dann wird sie eines Tages für den Film Der geheime Garten entdeckt. Sie soll tatsächlich die Hauptrolle spielen! Ob sie das alles wirklich kann? Die Dreharbeiten werden die aufregendste und tollste Zeit ihres Lebens.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Noel Streatfeilds Schuh-Bücher im CARLSEN Verlag:Ballettschuhe Zirkusschuhe Reiseschuhe Filmschuhe CARLSEN-Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- und strafrechtlich verfolgt werden. Alle deutschen Rechte bei CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2012 Originalcopyright © 1949 by Noel Streatfeild Originalverlag: Harper Collins Publishers, London, England Published in Puffin Books in a revised edition 1961 Originaltitel: The Painted Garden (spätere Ausgaben: Movie Shoes) Umschlagillustration: Almud Kunert Aus dem Englischen von Gerda Bean Lektorat: Kerstin Claussen Herstellung: Gunta Lauck Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92288-2 Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de

1

Der Brief

Es war in der ersten Woche des Herbsttrimesters. Die Kinder der Familie Winter saßen am Esszimmertisch. Eigentlich sollten sie ihre Hausaufgaben machen. Aber viel gelernt wurde nicht. Selbst Rachel, die Älteste, die zwölf war und ihre Hausaufgaben meist genauso gewissenhaft erledigte, wie sie ihr Tanztraining absolvierte – und das wollte etwas heißen! –, war nicht bei der Sache. Tim, mit seinen acht Jahren der Jüngste, hatte noch keine richtigen Hausaufgaben auf, sondern sollte »die Zeit, während die Mädchen lernten, sinnvoll verbringen«, womit alles gemeint war außer Klavierspielen. An diesem Abend zeichnete er zwei Katzen, die sich auf einer Backsteinmauer begegneten, eine einfache Zeichnung, die ihm aber manchmal sehr gut gelang. Die zehnjährige Jane, die Mittlere, machte nie Hausaufgaben, nicht einmal, wenn sie gute Laune hatte. Eigentlich machte sie überhaupt nichts. Das Schlimmste an Jane war, wie Rachel und die Lehrer oft sagten, dass sie zu leicht lernte. Sie wusste dann zwar nicht allzu gut Bescheid, aber es reichte, um die Lehrer zu ärgern. Wenn diese nämlich sagten: »Jane, du passt nicht auf! Was habe ich gerade gesagt?«, konnte sie fast immer jedes Wort wiederholen. Und danach setzte sie eine selbstgefällige Miene auf.

Wenn die Großmütter der Kinder zu Besuch kamen, sagten sie, Jane habe einen schwierigen Charakter oder an Jane sei schwer heranzukommen. Miss Bean, die von allen Peaseblossom genannt wurde und zur Familie gehörte – sie war eine Freundin der Mutter –, war vor Rachels Geburt ins Haus gekommen, um auszuhelfen. Sie war geblieben und machte seitdem alles, was kein anderer machen wollte. Sie meinte, Jane sei durchaus ein liebes Kind, wenn man sie nur richtig behandle. Dann seufzte Janes Mutter und sagte, es gelinge ihr nicht immer, sie richtig zu behandeln. Rachel und Tim beschwerten sich zwar nicht über Jane, aber manchmal seufzten sie übertrieben und schnitten Grimassen. Meistens nahmen sie Jane aber so, wie sie war.

Jane hatte schlechte Tage, schlechtere Tage und ganz schlechte Tage, aber fast nie einen guten Tag. Der Vater der Kinder hatte sie vor dem Unfall seinen »kleinen Mühlstein« genannt, weil sie, wie er sagte, ein Mühlstein um seinen Hals war, der ihm den Rücken krumm machte. Aber er sagte es auf eine lustige Art, so dass alle lachen mussten, auch Jane. Es war klar, dass er sich wie alle anderen oft furchtbar über sie ärgerte, aber trotzdem froh war, dass es sie gab.

Rachel versuchte ihre Rechenaufgaben zu erledigen. Mathematik war nicht ihre Stärke. Selbst wenn sie sich wirklich anstrengte, kam sie oft nicht auf die Lösung. Heute, da sie nicht einmal mit einem Viertel ihres Verstands bei der Sache war, war überhaupt nicht daran zu denken. Man kann sich nicht mit Aufgaben wie »Wenn x gleich …« beschäftigen, wenn beide Ohren dermaßen gespitzt sind und so lang wie die eines Esels, weil man auf Geräusche lauscht, die einem verraten könnten, was im Salon im ersten Stock passiert.

Jane tat gar nicht erst so, als würde sie das Kapitel über die Magna Charta lesen. Sie mochte Geschichte sowieso nicht, und den »Baronenkram«, wie sie es nannte, hasste sie am meisten. Selbst an ihren guten Tagen war sie nicht hübsch, aber jetzt mit unordentlichen Zöpfen und mürrischem Gesicht sah sie fast hässlich aus. Sie spürte eine innere Leere, die sie bedrückte und ihr Angst machte. Sie lauschte angestrengt, genau wie Rachel, aber während Rachel versuchte sich durch die Hausaufgaben abzulenken, ließ Jane ihren Gefühlen freien Lauf, indem sie gegen das Tischbein trat.

Tim blickte vorwurfsvoll auf.

»Es ist vielleicht keine furchtbar wichtige Zeichnung, aber die Katze war fast perfekt. Nur weil du gegen den Tisch getreten hast, geht der Schwanz jetzt über die ganze Mauer.«

Rachel war für die Hausaufgaben verantwortlich. Sie wusste, dass es sinnlos war, Jane aufzufordern, etwas nicht zu tun – auch wenn dies Rachels Pflicht war. Ihr war anzuhören, dass sie lieber geschwiegen hätte, aber sie sagte zu Jane: »Tritt nicht gegen den Tisch.«

Rachel war hübsch, zweifellos. Sie war klein und hatte blonde, lockige Haare. Im Gegensatz zu Jane, deren Haare glatt waren. Und aus ihren Zöpfen guckten – erst recht im Gegensatz zu Jane – niemals widerspenstige Strähnen. Selbst wenn Rachel Tinte auf der Nase hatte oder erkältet war, war sie hübsch. Jane fand es ziemlich gemein, dass Rachel hübsch war und Tim bemerkenswert, sie in der Mitte aber eher unscheinbar. Es gab so viele Sachen, die Jane gemein fand und eines Tages ändern wollte. Wenn sie alles aufgeschrieben hätte, wäre ein ganzes Heft voll geworden.

»Ist doch egal, ob ich gegen den Tisch trete oder nicht. Niemand will Tims Bild sehen, und du schaffst deine Matheaufgaben sowieso nicht. Schaffst du ja nie.«

Diese düstere Aussage traf den Nagel auf den Kopf, und Rachel konnte dem nichts entgegensetzen.

»Da hast du vollkommen recht, aber du weißt, dass ich meine Hausaufgaben machen muss. Ich darf erst Ballett üben, wenn ich fertig bin.«

Dass Rachel so vernünftig war, erschien Jane auch wieder gemein. Sie fand sich selber nie vernünftig.

»Ich kann nicht verstehen, dass jemand tanzen will, dessen Vater krank ist, wobei die Ärzte nicht wissen, ob er wieder gesund wird.«

Die Worte waren gesagt. Sie schwebten im Raum, als hätte sich eine Tür geöffnet und kalten Wind hereingelassen. Bis zu diesem Augenblick hatten die Kinder sich vorzumachen versucht, dass nichts Ungewöhnliches geschah. Dass ein ganz gewöhnlicher Tag war. Niemand wünschte sich mehr als Jane, die Worte zurücknehmen zu können. Sie war froh gewesen, dass die Erwachsenen genauso wie die Kinder sich etwas eingeredet hatten. Dass alles irgendwann wieder in Ordnung käme und das Leben wieder so wäre wie vor dem Unfall des Vaters. Zu sagen, was sie gesagt hatte, half überhaupt nicht. Es hatte nur bewirkt, dass sich jetzt alle noch elender fühlten, weil sie zugeben mussten, dass es doch etwas gab, worüber man sich Sorgen machen musste. Sie war wütend auf sich selbst, stand auf und stapfte ans Fenster. Es regnete. Lange, gerade, graue Regenfäden fielen schonungslos auf London. Die Häuser im Saxon Crescent waren schmal und sahen alle gleich aus. Sie waren nie besonders schön, und wenn es regnete, sahen sie einfach schrecklich aus. Jetzt, da der Sommer fast vorbei war, waren sogar die Blumenkästen leer, bis auf ein paar armselige, schmutzige Geranien am Haus Nummer vier.

Rachel löste ihre letzte Aufgabe. Das Ergebnis war falsch, aber immerhin war sie fertig. Sie schaute auf Janes Rücken. Bestimmt hatte sie all das nur gesagt, weil sie sich Sorgen machte.

»Er kommt schon wieder auf die Beine. Er ist ja nicht richtig krank und liegt nicht mit Fieber oder so im Bett. Das dauert eben seine Zeit.«

Tim blickte von seiner Zeichnung hoch. »Alle sagen, dass es eben seine Zeit dauert – seit es passiert ist; und das war im Januar, Monate her.«

Rachel stellte sich neben Jane ans Fenster. »Wenn nur der Winter nicht so bald kommt. Dad geht es viel besser, wenn die Sonne scheint.«

Jane haute mit der Faust in den Vorhang. Sie wollte jemandem wehtun, und Rachel war am leichtesten zu treffen. »Es wäre besser, wenn wir auf dem Land leben würden. Und das würden wir ja, wenn es unsere liebe kleine Ballerina Rachel Winter nicht gäbe, das Wunderkind.«

Es entstand eine Pause. Wenn Leute vom Leben auf dem Lande sprachen, fühlte sich Rachels Magen an, als ob er sich drehte. Seit dem Unfall ihres Vaters war immerzu die Rede davon gewesen. Wenn es Dad wirklich helfen würde, aufs Land zu ziehen, würde sie es gern ertragen. Aber sie wollte nicht daran denken, vor allem jetzt nicht, wo sie gerade zwölf geworden war und Madame Fidolia vom Vortanzen für das Weihnachtsmärchen sprach. Außerdem war sie ja vernünftig. Wenn sie beim Weihnachtsmärchen auftrat, konnte sie Geld verdienen. Niemand leugnete, dass sie Geld gebrauchen konnten. Immerhin war ihr Vater seit fast neun Monaten krank und konnte nicht arbeiten.

Schließlich sagte sie: »Es ist nicht nur mein Tanzunterricht. Tim bekommt Klavierstunden. Und die Sonne scheint auf dem Lande auch nicht mehr als in London. Man sieht sie nur besser, weil es dort weniger Häuser und so was gibt.«

Tim lümmelte sich über den Tisch. »Ich bin nicht oft mit Jane einer Meinung, aber das war jetzt wirklich gelogen von dir. Als ich im Krieg aufs Land geschickt wurde, hat die Sonne fast jeden Tag geschienen.«

Rachel ging vom Fenster weg, öffnete ihr Köfferchen, das auf dem Tisch lag, und nahm ihre Ballettschuhe heraus.

»Daran kannst du dich doch kaum erinnern, Tim. Du hast die meiste Zeit im Kinderwagen gelegen.«

Das stimmte, aber Tim mochte es nicht, wenn ihm ständig aufs Brot geschmiert wurde, dass er der Jüngste war. Er erklärte mit seiner würdevollsten Stimme: »Man kann die Sonne viel besser aus einem Kinderwagen sehen, als wenn man nur so dasteht.«

Jane stieß einen quietschenden Laut aus und spähte durch die Fensterscheibe auf die Straße. »Da kommen Peaseblossom und Kaugummi. Der Arme, er ist bestimmt ganz nass geworden. Ich hab Peaseblossom gesagt, dass es nicht gut für ihn ist, draußen zu sein.«

Rachel zog ihre Spitzenschuhe an. »Für Peaseblossom ist es auch nicht gut, draußen zu sein.«

Jane blickte immer noch die Straße entlang. »Ach, wie nass er ist – armes Ding! Sein Fell klebt so an ihm, dass es aussieht, als hätte er gar keins. Ich muss ihn ganz fest abreiben, damit er trocken wird.« Sie wandte sich erbost Rachel zu. »Wieder mal typisch für dich, dass du Peaseblossom in Schutz nimmst. Die hat immerhin einen Regenmantel und Gummistiefel, aber der arme kleine Kaugummi muss barfuß nebenherlaufen und hat nur sein Fell.«

Rachel hatte jetzt die Ballettschuhe an und erhob sich auf ihre Zehenspitzen. »Vergiss nicht, sein Handtuch zu nehmen. Heute ist kein Tag, um sich über Badetücher zu streiten.«

Jane hatte die Tür aufgemacht. Sie wollte schon eine freche Antwort geben, als sie Stimmen hörte. Doktor Smith und ihre Mutter sprachen am Fuß der Treppe miteinander. Sie redeten leise, aber die Kinder verstanden jedes Wort.

»Ich weiß ja, dass Sie Recht haben«, sagte ihre Mutter. »Er darf diesen Winter nicht in England verbringen, aber Sie wissen ja, wie schwierig alles ist.«

Doktor Smith hatte es immer eilig, weshalb aus seiner Stimme permanent ein »Ich muss los« herauszuhören war. Trotzdem merkten die Kinder, dass er sich um Mitgefühl bemühte.

»Wenn Sie ihm nur die fixe Idee ausreden könnten, dass er nicht allein fahren kann.«

»Es wird schwierig werden. Er war so lange im Krieg – er meint, er muss jetzt immer mit mir und den Kindern zusammen sein.«

»Aber es wäre doch nur für ein paar Monate, und es könnte die Lösung sein. Er könnte wieder vollkommen gesund werden. Würde er denn mit seiner Schwester auskommen?«

»Ich weiß nicht. Ich habe sie noch nie gesehen. Sie hat einen Amerikaner geheiratet, der vor zwei oder drei Jahren gestorben ist. John hat sie seit ihrem achtzehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Ich kann mir irgendwie selbst nicht vorstellen, dass er allein zu ihr reist.«

Jane wurde plötzlich bewusst, dass sie lauschten, ohne es zu wollen. Sie schloss leise die Tür, aber sie hörten noch, wie Doktor Smith sagte: »Trotzdem müssen Sie ihn überreden. Glauben Sie mir, noch ein Winter …«

Die Kinder sahen sich an. Während des Krieges waren sie zwar häufig von einem Ort zum anderen gebracht worden, aber das war Jahre her und sie hatten es schon fast vergessen. Jetzt war es für sie Normalität, dass sie in einem Haus lebten und ihre Eltern immer bei ihnen waren. Tim sprach den Gedanken aus: »Dad darf nicht ohne uns wegfahren. In jedem richtigen Zuhause gibt es einen Vater und eine Mutter.«

Rachel sagte zu Jane: »Sie haben über Tante Cora geredet – sie hatte angeboten, dich und mich und Mam aufzunehmen, als London bombardiert wurde.«

Tim fühlte sich ausgeschlossen. »Tante Cora hätte mich auch aufgenommen, wenn ich schon auf der Welt gewesen wäre.«

Jane sah ihn verächtlich an. »Wenn wir zu Tante Cora gegangen wären, wärst du da geboren worden und damit wärst du amerikanischer Staatsbürger geworden. Und dann hättest du nach dem Krieg nicht zurückkommen dürfen. Das wäre übrigens nicht schlecht gewesen, finde ich.«

Rachel vermutete, dass Jane nur deshalb so hässlich zu Tim war, weil ihr der Gedanke, dass Dad verreisen würde, Angst machte und sie darum einfach zu irgendjemandem hässlich sein musste.

»Wenn Dad den Winter nicht in England verbringen darf, müssen wir ihn überreden wegzufahren. Aber wer soll das bezahlen? Es muss doch furchtbar teuer sein, nach Amerika zu reisen. Ich hoffe, ich bekomme ein Engagement im Weihnachtsmärchen. Dann könnte ich etwas beitragen.«

Jane ging auf den Flur. Sie fühlte sich elend. Es lag nicht nur am Gerede über die Reise ihres Vaters, sie hasste es auch, wenn Rachel von ihrer Rolle im Weihnachtsmärchen sprach. Es musste ja nicht unbedingt Tanzen sein, aber irgendetwas wollte sie auch gut können. Bisher wusste noch keiner, was aus Tim einmal werden würde, aber es hieß, er sei außerordentlich musikalisch. Rachel würde, wenn sie so weitermachte, mit Sicherheit Tänzerin werden. Und sie? Konnte gar nichts. Außer es zählte, dass sie gut mit Hunden umgehen konnte. Sie war sicher, als Hundetrainerin viel Geld verdienen zu können, wenn sie nur eine Chance bekam. Aber im Moment hatte sie nur Kaugummi, und obwohl der ein gelehriger Schüler war, hatte er noch nicht viel erreicht. Er hatte zwar gelernt, eine Zeitung im Maul zu tragen, aber noch immer nicht begriffen, dass er sie nicht zerfetzen durfte.

Peaseblossom saß auf einem Stuhl im Flur und zog sich die Schuhe aus. Sie war eine Frau, der man ansah, dass sie früher immer Klassenbeste und im Sport Mannschaftskapitänin gewesen war. Selbst jetzt noch sagte sie oft Sätze wie: »Halt dich an die Regeln!« Die Mutter der Kinder und Peaseblossom waren in der Schule Freundinnen geworden, vor allem deshalb weil die Mutter, wie sie sagte, nichts richtig konnte, während Peaseblossom alles konnte und Mitleid mit ihr hatte.

Dieses Mitleid hatte sich bis ins Leben als Erwachsene fortgesetzt. Als Peaseblossom sah, wie sich die Mutter der Kinder wenig erfolgreich bemühte, für ihr neugeborenes Baby, Rachel, zu sorgen, gab sie ihren Beruf als Sportlehrerin auf und kam ihr zu Hilfe. »Bee, du kannst dich nicht allein um das Baby und den Haushalt kümmern«, hatte sie gesagt. »Ich helfe dir. Wenn wir alle mit anpacken, schaffen wir es spielend.« Sie hatte vollkommen recht. Sie schafften es spielend. Die Mutter war sanft und verwöhnte die Kinder eher, und als der Vater im Krieg war, wären aus den Kindern vielleicht abscheuliche Gören geworden – wenn Peaseblossom nicht gewesen wäre. Sie bestand auf Disziplin, wenn auch auf freundliche Art. »Regeln sind da, um eingehalten zu werden.« »Man darf nicht das eine sagen und das andere tun.« »Leg los, aber halte dich an die Regeln!« Nun blickte sie von ihrem Gummistiefel auf und sah direkt in Janes zorniges Gesicht. »Genau, Kaugummi ist klatschnass. Nimm ihn mit und reib ihn trocken, aber benutze um Himmels willen sein eigenes Tuch.«

Jane kniete sich neben Kaugummi und streichelte ihm über das Fell. Er war ein Cockerspaniel und normalerweise war sein Fell so rotbraun wie ein Herbstblatt, aber jetzt triefte es und war ganz dunkel. Jane hatte ihn von einem amerikanischen Soldaten bekommen, bevor dieser in seine Heimat zurückgekehrt war. Der Hund hatte keinen Namen, als er zu den Kindern kam, denn der Soldat hatte ihn nur »Kleiner« genannt. Also taufte Jane ihn auf den Namen Kaugummi, weil der Amerikaner immer einen Kaugummi im Mund hatte. Sie spielte mit Kaugummis nassen Ohren.

»Hast du Doktor Smith gesehen, Peaseblossom?«

Peaseblossom schaute Jane schnell ins Gesicht, um herauszufinden, ob sie etwas mitgehört hatte.

»Ja, er ist eben gegangen, als ich reinkam.«

»Wo ist Mam?«

»Oben im Wohnzimmer bei deinem Vater. Nun lauf schon, Kind, und trockne den Hund ab. Nicht, dass hier noch jemand eine Lungenentzündung bekommt.«

Jane stand auf, war aber unentschlossen, was sie tun sollte. Peaseblossom würde früher oder später alles erfahren, was los war. Wenn sie doch bloß zu ihr sagen könnte: »Wir haben das mit Tante Cora gehört. Kannst du nicht rausfinden, ob Dad wegfährt?« Aber es ging nicht. Es war einfach zu schwierig. Darum rief sie nach ein, zwei Sekunden Kaugummi.

»Komm her, mein Engel, komm, du armer ertrunkener Hund! Ich rubbel dich ab, bis kein einziges Haar mehr nass ist.«

Im Wohnzimmer standen Mr und Mrs Winter beieinander und blickten auf die nasse Straße.

»Es kann doch nicht schaden, ihr zu schreiben, John, mein Lieber«, sagte Bee. »In Kalifornien muss es im Winter herrlich sein. Stell dir vor – dort wachsen Orangen! Ich glaube, es wird nie richtig kalt.«

John machte ein finsteres Gesicht. »Hollywood! Da kann man doch nicht wohnen.«

»Du würdest ja nicht direkt in Hollywood wohnen. Du kennst doch die Adresse. Santa Monica. Sie hat dir einmal geschrieben, dass ihr Haus direkt am Strand ist. Zwei oder drei Monate würden reichen: Du würdest den Winter über dort sein, und wenn du wiederkommst, bist du vielleicht schon völlig gesund.«

Obwohl Bee nicht wollte, dass ihre Stimme flehentlich klang, kam der letzte Satz doch flehentlich heraus. Sie erinnerte sich daran, wie gut es John noch vor einem Jahr gegangen war. Er hatte nicht immer gute Laune gehabt, weil er Schriftsteller war und mit sich selbst und allen anderen haderte, wenn er nicht schreiben konnte. Aber wenn er mit seiner Arbeit gut vorangekommen war, hatte er sich gefreut und war aufgeregt zu ihr ins Zimmer gestürmt, um ihr alles zu erzählen.

Seit dem Unfall war das vorbei. Es war nicht seine Schuld gewesen, dass ein Kind hinter einem Ball her auf die Straße gelaufen und dabei ums Leben gekommen war. Die gerichtliche Untersuchung hatte John vollständig entlastet. Er war langsam und vorsichtig gefahren. Das Kind war schuld gewesen, dem niemand beigebracht hatte, die Straße richtig zu überqueren. Aber für ihn spielte das keine Rolle. Er war krank geworden, weil er immer an das tote Kind denken musste – so krank, dass er einen Nervenzusammenbruch bekommen hatte. So nannte es der Doktor. Und als es ihm wieder besser ging, hatte er den Glauben an sich selbst verloren und beschlossen, nie wieder zu schreiben.

Das Einzige, was ihm guttat, war Sonnenlicht. Manchmal, wenn die Sonne schien, setzte er sich an seine Schreibmaschine und arbeitete ein, zwei Stunden. Aber wenn die Sonne verschwand, fiel er wieder in seine düstere Stimmung zurück und sagte: »Es hat keinen Sinn, Bee, ich bin als Schriftsteller erledigt.«

Bee wusste, dass das nicht stimmte. Sie wusste, wenn er nur wegfahren, Neues sehen, in der Sonne sitzen und es versuchen würde, könnte er ein ebenso guter Schriftsteller sein wie zuvor. Aber sie wusste auch, dass sie – falls es nicht bald bergauf ging – fragen müsste: »Was willst du stattdessen tun? Wir haben ein Haus, das Geld kostet, und Rachel, Jane und Tim brauchen Frühstück, Mittagessen, Tee und Abendessen und neue Kleidung, weil sie ständig aus den alten Sachen rauswachsen. Wir leben seit Januar von unseren Ersparnissen und die sind bald aufgebraucht.« An all diese Dinge dachte sie, während sie ihr Gesicht an seine Schulter schmiegte.

»Schreib ihr einfach, Schatz«, sagte sie. »Erzähl ihr, was der Doktor gesagt hat. Schick ihr einen schönen, langen Brief per Luftpost und dann warte ab. Wenn sie dich einlädt und du dann doch nicht fahren willst, kannst du immer noch absagen. Das wäre doch nicht so schlimm.«

John zitterte. Er war müde und fühlte sich krank, und allein bei dem Gedanken, sich hinzusetzen und einen Brief zu schreiben, ging es ihm noch schlechter. Aber er mochte Bee nichts abschlagen und lächelte sie schief an. »In Ordnung. Ich schreibe ihr, dir zuliebe. Aber ich glaube nicht, dass sie mich einladen wird, und wenn doch, werde ich nicht hinfahren. Ich werde dich und die Kinder nicht verlassen.«

Bee ging zum Schreibtisch. Sie legte einen Bogen Luftpostpapier bereit. »Schreib den Brief. Ich werde Peaseblossom sagen, sie soll ihren Regenmantel nicht ausziehen. Ich möchte, dass der Brief noch vor der Sechs-Uhr-Leerung eingeworfen wird.«

2

Der wichtige Mittwoch

Der Mittwoch fing an, als wäre er ein ganz normaler Tag. Rachel sauste wie üblich fünf Minuten zu früh aus dem Haus, weil sie sich so auf den Tanzunterricht freute, dass sie ihre Zeit nicht mit Frühstücken vergeuden wollte. Jane und Tim gingen in dieselbe Schule und stritten sich jeden Tag auf dieselbe Weise. Dieser Mittwoch war keine Ausnahme.

Bee sagte: »Beeilt euch, ihr Lieben. Aufessen! Ihr müsst in fünf Minuten los.«

Jane nahm sich noch eine Scheibe Brot und bestrich sie langsam mit Marmelade. »Genau, beeil dich, Tim, immer muss ich auf dich warten.«

Tim wollte gerade seine Milch austrinken, aber bei dieser Bemerkung setzte er die Tasse ab. »Das ist gemein und außerdem ist es gelogen! Gestern musste ich mit Peaseblossom und Kaugummi so lange am Gartentor auf dich warten, dass wir zu spät gekommen sind. Wir waren erst in der Schule, als alle schon gebetet hatten, und dann haben wir beide einen Eintrag gekriegt.«

Jane streckte das Kinn vor. »Das war nur ein Mal und nur, weil ich andere Socken anziehen musste, weil Mam ein winzig kleines Loch entdeckt hatte, das sowieso keiner sieht. Aber ich komm fast jeden Tag zu spät zur Schule, und zwar deinetwegen, nur weil du deine Noten suchst und …«

Der Vater las Zeitung, aber jetzt blickte er auf. Seine Stimme klang, als ob er jeden Moment zornig werden würde. »Haltet den Mund, Kinder, und ab mit euch!«

Peaseblossom brachte Jane und Tim in die Schule. Der Weg war nicht weit und die beiden hätten auch allein gehen können, aber es war eine alte Gewohnheit, und auf diese Weise bekam Kaugummi gleich seinen morgendlichen Auslauf. Jane lief mit Kaugummi voraus. Tim, der seine Notentasche trug, ging neben Peaseblossom. Meistens begegneten sie denselben Leuten, dem Briefträger auf seiner Runde, den Müllmännern und so weiter.

Als sie kurz vor der Schule um die Ecke bogen, kamen ihnen der Musiklehrer, Mr Brown, und ein fremder Mann entgegen. Tim mochte Mr Brown mehr als jeden anderen Menschen. Normalerweise wäre er zu ihm hingelaufen, um ihm Guten Morgen zu sagen, doch heute ließ er es lieber sein, weil Mr Brown nicht allein war. Also machte er nur ein freundliches Gesicht. Mr Brown sagte etwas zu seinem Begleiter, und als er bei Tim ankam, blieb er stehen. »Hallo, Tim. Das ist Jeremy Caulder. Wenn du nicht ein kleiner ahnungsloser Junge wärst, hättest du schon einmal von ihm gehört.«

Mr Caulder schüttelte Tim die Hand. »Guten Tag. Ich besuche gerade meinen Patensohn. Er hat mir von dir erzählt. Wie ich gehört habe, magst du Musik.«

Tim wunderte sich, dass jemand, der so alt wie Mr Brown war, einen Patenonkel hatte. Er hatte geglaubt, dass es damit vorbei wäre, wenn man erwachsen war, und Mr Brown musste schon lange erwachsen sein, denn er hatte gesagt, an seinem nächsten Geburtstag würde er dreißig werden. Tim staunte so sehr darüber, dass er beinah vergaß, Mr Caulder zu antworten. »Ja, Sie nicht?«, sagte er dann.

Mr Brown lachte. »Jeremy Caulder ist einer unserer besten Pianisten. Er sagt, ich soll dich heute Vormittag zu ihm rüberschicken, damit du ihm vorspielen kannst.«

Tim sah Mr Caulder hoffnungsvoll an. »Kann ich um elf kommen? Da haben wir Französisch und das kann ich nicht leiden.«

Mr Caulder schien ein netter, vernünftiger Mann zu sein. Er sagte sofort, elf Uhr passe ihm hervorragend. Er und Mr Brown gingen weiter. Tim wollte auch weitergehen, aber die Begegnung mit Mr Caulder schien Peaseblossom verwirrt zu haben. Sie starrte hinter ihm her, als wäre er ein blauer Elefant oder etwas ähnlich Ungewöhnliches. Jane kam mit Kaugummi angerannt. »Los, Tim, wir kommen viel zu spät! Was gibt’s, Peaseblossom? Das war doch nur Mr Brown, unser Klavier- und Gesangslehrer.«

Peaseblossom löste ihren Blick von Mr Caulders Rücken wie jemand, der sich zum Aufwachen zwingt. Ihre Stimme war vor lauter Ehrfurcht ganz leise. »Das ist Jeremy Caulder. Ich habe ihn einmal in der Albert Hall erlebt und schon oft im Radio gehört. Er möchte, dass Tim ihm um elf etwas vorspielt.«

Jane war das egal. »Schön blöd, dieser Mr Caulder. Komm jetzt endlich, Tim!«

Tim war auch nicht beeindruckt. »Ich komm ja schon. Ist doch nicht meine Schuld, wenn Mr Brown stehen bleibt und redet. Einfach weiterzugehen wäre unhöflich gewesen.«

Peaseblossom legte eine Hand auf Tims Schulter. »Das ist deine Chance, zu zeigen, was du kannst. Die Familie erwartet, dass du sie nicht im Stich lässt.«

Zur selben Zeit kam Rachel an der Ballett- und Schauspielakademie für Kinder an. Wie üblich ging sie die Treppe hinunter zum Umkleideraum, denn sie hatte eine Ballettstunde, bevor der normale Unterricht begann. Doch sobald sie die Tür geöffnet hatte, merkte sie, dass etwas ganz Ungeheures in der Luft lag. Die anderen Mädchen wollten es ihr berichten, aber da sie alle gleichzeitig redeten, begriff Rachel nicht sofort, worum es ging. Als sie es endlich begriffen hatte, konnte sie die Aufregung verstehen. Um zwölf Uhr würde ein Theaterdirektor in die Schule kommen und einen Mann mitbringen, der für die Tanzeinlagen in seinen Theaterstücken zuständig war. Für eine große Musikproduktion brauchte er sechs Kinder. Die Besten sollten vortanzen.

Rachel zog ihre Trainingssachen an. Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, sie könnte es hören. Sie musste es einfach schaffen, sie musste. Es wäre das Beste, was ihr je passiert war, und einfach herrlich, besonders zu diesem Zeitpunkt. Sie stellte sich vor, wie sie nach Hause kam und zu ihren Eltern sagte: »Ich hab ein Engagement!« Mam würde nicht viel dazu sagen, aber sie wäre erleichtert. Wer wäre das nicht? Wenigstens einer, der Geld verdiente. Das wäre doch fantastisch. Ihre beste Freundin Caroline kam zu ihr herüber. »Ich wette, sie nehmen dich. Dich und dann bestimmt noch Miriam und Sylvia, Frances, Audrey und Annette.«

Die sechs Mädchen waren alle klein und zierlich und galten an der Schule als besonders begabt. Wenn man Rachel gefragt hätte, hätte sie dieselben Namen genannt. Nur hätte sie es nicht gewagt, sich selbst auf die Liste zu setzen. Außerdem war es möglich, dass der Direktor oder der Mann, der ihn begleitete, Caroline mochte. Dann müsste eines der anderen Mädchen zurücktreten. Caroline war talentiert, aber eher unscheinbar. Rachel legte den Arm um sie. »Und dich. Vielleicht haben wir Glück und er wählt tatsächlich uns beide aus. Sechs, die tanzen, und eine als Zweitbesetzung.« In Gedanken fügte sie hinzu: »Oh, bitte lass mich nicht die Zweitbesetzung sein, auch wenn das immer noch besser wäre als nichts!«

Tim war der Erste, der mit seinen Neuigkeiten nach Hause kam. Er hatte einen Brief für seinen Vater dabei. Mr Jeremy Caulder würde ihm Klavierunterricht geben. Nicht regelmäßig, denn er war oft unterwegs und gab Konzerte, aber immer, wenn er in London war. Mr Brown, der den Brief geschrieben hatte, war sich mit Mr Caulder einig darüber, dass Tim ein ungewöhnlich musikalischer Junge war und eine Chance verdiente. Vorläufig bekäme er die Klavierstunden umsonst.

Der Vater hatte dagesessen und schrecklich müde und gelangweilt ausgesehen. Dann kam der Brief, und nachdem er ihn gelesen hatte, wurde alles anders. Er sagte, er habe Mr Caulder oft spielen gehört und wenn dieser meinte, es lohne sich, Tim zu unterrichten, dann wäre vielleicht doch mehr an Tims Geklimper, als man dachte. Er knuffte sich sogar aus Spaß mit Tim, was seit Wochen nicht mehr vorgekommen war.

Mitten in diesem Tumult kam Rachel ins Haus gestürmt. Sie war furchtbar aufgeregt und sprudelte ihre Geschichte so schnell heraus, dass die Wörter durcheinandergerieten. »Mr Glinken kam, um uns beim Tanzen zuzusehen, und er hatte einen sehr netten Mann dabei. Der hieß Benny. Benny wollte dann, dass wir ein paar besondere Sachen vorführen. Er, also Mr Glinken, nicht Benny, macht ein Musical, und ich bin eine von den sechs. Wir tanzen richtig. Madame Fidolia ist absolut begeistert. Er – also Mr Glinken, nicht Benny – hat mich, Miriam, Frances, Audrey, Annette und Sylvia ausgewählt. Und Caroline als Zweitbesetzung, das ist das einzig Dumme daran. Sie haben ewig gebraucht, um sich zwischen Sylvia und Caroline zu entscheiden, und als sie Sylvia genommen haben, hat Caroline geweint. Aber außer mir hat es niemand gesehen.«

Obwohl das Wohnzimmer nicht besonders groß war und voller Möbel stand, wollte Rachel der Familie unbedingt zeigen, welche Tänze Benny haben wollte. Ohne den Mantel und die Schuhe auszuziehen oder die Mütze vom Kopf zu nehmen, zeigte sie allen die Tanzschritte.

Peaseblossom strahlte. »Das ist ja ein ganz wunderbarer Tag heute! Ein Hoch auf die Winters! Tim bekommt Stunden von Mr Caulder und Rachel ist eine richtige Tänzerin! Sind wir nicht toll? Ich finde, das muss gefeiert werden. Ich schau mal, was ich finden kann.«

Peaseblossom kam nicht bis in die Küche. Nur ein paar Sekunden später war sie schon wieder im Wohnzimmer. Sie hielt zwei Briefe in der Hand, einen, der langweilig aussah – die Adresse auf dem länglichen Umschlag war mit Schreibmaschine geschrieben –, und einen mit amerikanischen Briefmarken, auf dem Air Mail stand und der für John war.

Die Kinder wussten, dass ihr Vater an Tante Cora geschrieben hatte und dass Peaseblossom den Brief eingeworfen hatte. Aber sie wussten nicht, dass ihre Mutter so viele Briefmarken daraufgeklebt hatte, dass er mit dem Flugzeug befördert worden war. Sie hatten erwartet, dass es noch Wochen dauern würde, bis Tante Coras Antwort käme. Weil nicht mehr über die Reise des Vaters nach Kalifornien geredet worden war, hatten sie das Ganze vergessen. Es war keine sichere Sache wie Weihnachten, ein Geburtstag oder der Anfang eines neuen Schuljahrs, die Reise war nur ein »Vielleicht« gewesen. Als sie jetzt zusahen, wie die Finger ihres Vaters den dünnen Luftpostumschlag mit Tante Coras Namen und Adresse auf der Rückseite öffnete, wurde ihnen ganz kalt. Würde Dad wirklich wegfahren? Die ganze Strecke bis zu Tante Cora? Tante Cora, die für sie kaum existierte, denn sie hatten sie noch nie gesehen und nur von ihr gehört.

John strich den Brief glatt. Bee beugte sich über seine Schulter und las mit. Die ganze erste Seite, dann die ganze zweite, die dritte und dann noch eine halbe Rückseite, und während sie lasen, hingen drei Augenpaare an den Eltern. Am Ende lachte John ein bisschen und dabei seufzte er und schob den Brief in den Umschlag zurück. »Das ist doch albern! Wovon sollen wir leben? Wie stellt sie sich das Ganze vor?«

Bee sagte schnell: »Nun sei aber nicht ungerecht. Du hast ihr geschrieben, dass der Arzt die Reise angeordnet hat und dass du sie bestimmt nicht machen wirst, wenn du mich und die Kinder zurücklassen musst, und jetzt sagt sie, dass sie nicht nur uns, sondern auch Peaseblossom zu sich einlädt. Ich finde, das ist furchtbar nett von ihr.«

John sah die Kinder an. »Was haltet ihr davon, den Winter in Kalifornien zu verbringen?«

Die Kinder erschraken.

»Schon gut, macht euch keine Gedanken«, sagte John. »Es geht sowieso nicht. Die Fahrkarten würden ungefähr tausend Pfund kosten, und im Augenblick hätte ich sogar Schwierigkeiten, tausend Pence aufzutreiben. Ganz abgesehen davon, dass wir für Tim einen Flügel mitschleppen müssten …«

Peaseblossom machte ein Geräusch. Es klang, als ob sie erstickte. Alle schauten sie an. Ihr Gesicht, das sonst immer gerötet war, hatte die Farbe einer überreifen lila Pflaume angenommen. Sie hielt ihnen einen dicken Briefbogen entgegen, als könnten sie, wenn sie die Rückseite betrachteten, lesen, was in dem Brief stand. Bee lief zu ihr hin. »Was ist? Schlechte Nachrichten?«

Peaseblossom rang nach Luft, als ob sie sich an ihrem Tee verschluckt hätte. »Wir können fahren. Alle miteinander. Eine alte Tante von mir ist gestorben. Ich kannte sie gar nicht. Sie hat mir tausend Pfund hinterlassen.«

3

Wollt ihr? Oder wollt ihr nicht?

Den ganzen Abend wurde geredet. Zuallererst wurde mit Peaseblossom heftig darüber diskutiert, ob sie wirklich ihr Erbe für die Überfahrt der Familie ausgeben sollte. Aber egal, was John und Bee sagten, Peaseblossom blieb bei ihrem Entschluss. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich gewünscht, eine Reise zu machen, aber bisher nur sehr zaghaft. Seit sie jedoch die Nachricht über die Erbschaft erhalten hatte, benahm sie sich wie jemand, der kurz vor dem Verdursten ist und plötzlich Wasser sieht. Nichts und niemand würde sie daran hindern, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Auf jedes Argument von John und Bee hatte sie eine Antwort. Warum sollte sie das Geld eigentlich sparen? Wofür? Weshalb sollte sie es nicht für die Familie ausgeben? Was würde es ihr bringen, wenn sie allein verreiste? Dass alle mitkämen, machte die Sache doch erst interessant.

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