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Das große Rennen.
Leichtfüßig wie Butch Cassidy und Sundance Kid laufen Billy Joe Speed und Buck Miller jeden Gegner in Grund und Boden. Sie leben von ihrer Geschwindigkeit – weniger der ihrer Pistolen, sondern der ihrer Füße. An der Ziellinie warten auf die schnellen Männer nicht nur Preisgelder und schöne Frauen, sondern auch Menschen, die ihnen nach dem Leben trachten. Angestachelt und geschützt werden sie von ihrem Trainer, Mentor und Manager, dem legendären Moriarty, Besitzer des »Theaters des Westens«. Dieser träumt von einer sagenhaften Show – einem Wettlauf, in dem es um alles geht.
Tom McNab entführt seine Leser in eine Welt voller Entbehrungen und Hoffnungen, Niederlagen und Triumphe. Er schildert die Faszination des amerikanischen Westens wie des Laufens in allen Facetten.
»Ein grandioser Roman mit perfekter Beschleunigung.« The New York Times.
»Ein echter Schmöker.« NDR.
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Seitenzahl: 561
Veröffentlichungsjahr: 2013
Tom McNab
Finish
Roman
Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull
Die Originalausgabe unter dem Titel
The Fast Menc
erschien 1986 bei Hutchinson, New York.
ISBN 978-3-8412-0720-3
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2013
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg
unter Verwendung eines Motivs von ullstein bild / Tony Demin
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www.aufbau-verlag.de
Inhaltsübersicht
Cover
Impressum
Prolog
1 Die Verrückten im Tal
2 Die Englische Methode
3 Buck gegen Billy Joe
4 Moriartys Werdegang
5 Moriartys weiterer Werdegang
6 Der Mann aus StLouis
7 Der Känguru-Start
8 Der Tag des Doughnut
9 Der große Hochsprung von San Francisco
10 Der Pfeillauf
11 Showdown in Cheyenne
12 England
13 Weltmeister
14 Das einzig Wahre
15 Krise
16 Stade, Diaulos, Dolichos
17 Finish – Das große Rennen
Epilog
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor und zur Übersetzerin
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1876 war das Jahr von Little Bighorn. Die National Baseball League spielte ihre erste Saison, und die Chicago White Stockings holten sich den Wimpel. »Vagrant« gewann das Kentucky Derby und »Shirley« das Preakness Stakes. In Covington, Kentucky, schlug der Engländer Joe Goss den Amerikaner Tom Allen und wurde Weltmeister im Bareknuckle-Schwergewicht. Im Juli siegte Princeton bei den ersten College-Leichtathletik-Meisterschaften, und einen Monat später gewannen die Vereinigten Staaten mit ihrem Boot Madeleine den America’s Cup.
Für Generationen von Kinobesuchern waren Buffalo Bill, Billy the Kid und Wyatt Earp der Inbegriff des Wilden Westens gewesen, wo die schnellste Hand am Colt regierte. Doch auf ihrer langen Reise über die Great Plains Richtung Westen brachten die europäischen Einwanderer eine ganze Kultur mit sich, von Theater bis Sport.
Und so verfügte jedes Kuhkaff oder Grubenstädtchen neben der üblichen tingelnden Schauspielertruppe über seinen besten Faustkämpfer, Hufeisenwerfer, Ringer oder Reiter. Und waren sie richtig gut dran, hatten sie auch noch einen Fast Man: einen Sprinter, auf den man sein Geld setzen konnte und der jedem Fremden, der sich mit seiner Schnelligkeit brüstete, die Hacken zeigte.
Dies ist die Geschichte zweier solcher Läufer: Widersacher und Kameraden und auf ihrer Laufbahn fast gleichauf.
Den Tag, als die Verrückten ins Tal kamen, würde White Wolf nie vergessen.
Schon lang hatte er von einem solchen Moment geträumt – dass der weiße Mann käme, alle Krieger wären fort und nur er, White Wolf, könnte den Stamm schützen. Dann kehrte sein Vater Swift Dog zurück, und White Wolf würde ihm stolz sein Werk zeigen, die Skalps, die schlaff und blutrot vor Swift Dogs Tipi baumelten.
Aber dann war es doch anders gekommen. An jenem Morgen hatte sein Vater ihn auf dem Felshang oberhalb des Tals postiert, und er hatte Stunden damit zugebracht, den zerklüfteten Abhang zu dem gewundenen Pfad im Tal hinunterzustarren, der einzige Weg ostwärts zum einen Tagesritt entfernten Dorf des weißen Mannes. Doch niemand war aufgetaucht, und um die Mittagszeit hatte er rücklings dösend auf dem flachen Felsen über dem Canyon gelegen und sich die warme Frühlingssonne auf den gedrungenen braunen Körper scheinen lassen.
Schließlich hatte er angefangen, mit seinem Bogen zu üben und auf eine 20 Schritt entfernte knorrige Yucca zu zielen. Nach rund 100 Schüssen und mageren 16 Treffern waren seine Arme allmählich lahm geworden, und er war Steinchen kickend die Böschung hinunter zu seinem Dorf zurückgeschlendert, das rund 100 Meter entfernt unter träge emporsteigenden Rauchsäulen am Ufer eines Flusses lag. Er war durch das Dorf gestreunt, hatte mit einem Stock nach den Dorfkötern ausgeholt und eine Weile seinen Freunden zugesehen, die drei zusammengebundene Spatzen piesackten.
Dann war er zum Zelt seiner Schwester Morning Star gegangen, das unweit des Flusses am Dorfrand lag. Ihretwegen waren die Krieger unterwegs, für das Fest, das begangen wurde, weil die Zeit ihrer Reife gekommen war. Fünf Tage würden die Feierlichkeiten andauern, an denen sie gar nicht teilhaben durfte, und danach würden ihr die Augenbrauen gezupft werden und die Männer um sie werben dürfen. White Wolf wusste, dass dies ein bedeutendes Ereignis war, knorrige Krieger würden abenteuerliche Geschichten von Schlachten gegen die Spanier erzählen, von längst vergangenen Tagen, als ein Sioux zu Pferde mit einem Köcher voller Pfeile dem Bleichgesicht mit seiner schwerfälligen Büchse mehr als ebenbürtig war. Obgleich er den Sinn des Festes nie verstanden hatte, bedeutete es für ihn einen vollen Bauch, Hirschbraten, Honigkuchen und vielleicht sogar einen kräftigen Schluck des berauschenden Twilt-kah-yee.
Der Gedanke an das Fest ließ seinen Magen noch lauter knurren. Als er zu ihrem Tipi kam, war Morning Star ganz in ihre Arbeit versunken. Im Schneidersitz hockte sie in der Mittagssonne und nähte mit gedankenverlorenem Lächeln Glöckchen und Flitter an den Rock ihres braunen Hirschlederkleides. Von einem Fuß auf den anderen wippend, stellte er sich vor sie hin. Ohne ihn anzusehen, unterbrach sie ihre Arbeit und kroch zurück in ihr Zelt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam sie endlich wieder hervor. Sie hatte die Hände hinter dem Rücken versteckt, und ihre großen schwarzen Augen funkelten.
»Augen zu und Hände auf«, sagte sie. Er gehorchte und fühlte etwas Weiches in der einen und etwas Hartes, Ledriges in der anderen Hand.
»Augen auf.«
Sein Blick fiel auf zwei Maiskuchen in seiner rechten und ein paar Stücke braunen Pemmikan in der linken Hand.
»Das muss bis Sonnenuntergang reichen!«, rief sie ihm nach, als er zurück zu seinem Posten rannte. Doch er hörte sie nicht.
Das Essen hatte kaum 20 Minuten vorgehalten, und wie er in der stillen Frühnachmittagshitze dalag und träge zur Talmündung hinabstarrte, hatte er Mühe, die Augen offen zu halten. Dann fiel ihm sein Speer wieder ein, der seit dem Morgen senkrecht in der weichen Erde neben dem Felsen steckte.
Er griff danach, legte ihn flach in die Hand und platzierte Zeige- und Mittelfinger hinter der Wicklung, um beim Ausholen genügend Halt zu haben. Er wollte gerade auf die pfeilgespickte Yucca zielen, als Pferdewiehern zu ihm empor hallte. Sofort ließ er den Speer fallen, huschte zu dem flachen Felsüberhang und spähte in die schattige Tiefe.
Ein von zwei Pferden gezogener Planwagen zuckelte in das Tal und hielt rund 200 Meter entfernt im Schatten eines Berghanges am anderen Ende der Schlucht. Der Fahrer, ein großer, schlanker, leicht gebückter Mann in schwarzen Hosen und Stiefeln, kragenlosem weißem Hemd und mexikanischem Sombrero, sprang vom Bock, ging zur Rückseite des Wagens und war einen Moment lang nicht mehr zu sehen. Als er wieder auftauchte, war er von der Hüfte aufwärts nackt, und sein hellweißer Oberkörper schien geradezu zu leuchten. Er trug rote Long Johns und etwas, das aussah wie schwarze Mokassins. Während der weiße Mann wieder nach vorn ging und die Pferde tränkte, musterte White Wolf ihn ganz genau. Augenscheinlich war er nicht mehr jung, ungefähr so alt wie sein Vater, doch sein Gang war jugendlich federnd und elastisch.
Der Mann verharrte für einen Moment am Fuß des Hügels, dann stürmte er den zerklüfteten, felsigen Abhang hinauf. Die ganze Zeit über behielt er einen konstanten Rhythmus bei, und erst, als er die Kuppe erreichte, beugte er sich keuchend vornüber, die Hände auf die Knie gestützt. Niemals würde White Wolf dieses Bild vergessen: Wie sich der Mann zu voller Größe aufrichtete und sein wunderbarer weißer Körper in der Sonne strahlte. Dann trottete er gemächlich wieder talwärts.
Beinahe wäre White Wolf zurück ins Dorf gerannt, um die anderen Jungs zu holen. Nein, dachte er dann: Dieser Augenblick gehört mir. Ich bin derjenige, der Wache halten sollte und den ganzen Tag über in der brütend heißen Sonne hocken musste. Er gehört mir allein.
Kaum war der Mann unten angekommen, machte er kehrt und rannte den Hügel im gleichen unermüdlichen Tempo wieder hinauf. Er hatte die Hälfte des Weges hinter sich gebracht, als plötzlich ein zweiter Besucher im Tal auftauchte. Der Mann war jünger, trug Buckskins und ritt einen braunen Schecken. Er sah zu dem Älteren empor, der sich die letzten Meter zum Gipfel hinaufkämpfte. Als er sich, oben angekommen, umwandte und ins Tal hinunterblickte, rief ihm der Neuankömmling etwas zu und winkte. Schwer atmend beugte sich der Läufer nach vorn und hob grüßend den Arm. Dann trabte er, Staub und Steinchen aufwirbelnd, den gewundenen Pfad ins Tal zurück.
Die Männer schüttelten sich die Hände, der Reiter stieg ab, und die beiden verschwanden hinter dem Wagen. Als sie kurz darauf wieder auftauchten, war nichts mehr wie zuvor. Der Läufer war jetzt komplett bekleidet, dafür hatte der Reiter seinen Oberkörper freigemacht und trug weiße Long Johns und schwarzlederne Mokassins.
Mit steif durchgedrückten Armen und seltsamen, gestreckten Schritten entfernte sich der Jüngere vom Wagen ins Tal hinein. Nach rund 100 Schritten blieb er im Schatten eines Felsvorsprungs stehen, zog mit der rechten Fußspitze eine Linie in den Sand und fing an, zuerst mit dem einen Fuß und dann mit dem anderen auf dem Boden herumzuscharren. Dann drehte er sich zum Wagen um und verharrte reglos.
Der Ältere rief etwas und reckte seinen rechten Arm in die Höhe. Der andere tat es ihm nach. Gebannt streckte sich White Wolf auf dem harten Felsen aus und starrte mit zusammengekniffenen Augen zu dem jungen Mann hinunter, der rechts unter ihm im Schatten stand.
Plötzlich ließ der Mann beim Wagen seine rechte Hand fallen, und der Junge raste durch das Tal auf ihn zu. Noch nie hatte White Wolf jemanden so schnell laufen sehen, die Beine nichts als ein weißes Flirren. Ein merkwürdig abgehacktes Scharren drang bei jedem Schritt aus dem Tal empor. Der Mann stob am Wagen vorbei, fiel in einen lockeren Trab, dann in einen Trott und schlenderte schließlich zum Wagen zurück, wo er mit kreisenden Armen stehen blieb und mit dem Mann in Schwarz redete. Selbst von so weit oben konnte White Wolf den glitzernden Schweißfilm auf seiner milchweißen Haut erkennen.
Wenige Minuten später wiederholte sich die Szene, und wieder jagte der junge Mann in weißen Long Johns wie ein gehetztes, herrliches wildes Tier durch das Tal. Fasziniert schob sich White Wolf noch ein Stückchen nach vorn, und eine kleine Steinlawine rieselte talwärts. Doch keiner der beiden weißen Männer bemerkte etwas. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, auf einen glitzernden Gegenstand in der rechten Hand des Älteren zu starren.
Dann geschah das Allermerkwürdigste. Der Läufer zog seine langen Unterhosen und seine Schuhe aus, und zum ersten Mal im Leben sah White Wolf einen nackten weißen Mann. Die schwarze Bauchbehaarung stach krass von seiner leuchtend weißen Haut ab. Der Ältere ging zur Rückseite des Wagens, kam mit einem Eimer Wasser zurück und begoss damit den nackten Läufer, der bei jeder Berührung mit dem eisigen Wasser aufjohlte.
Die Sonne sank rasch, und der Läufer verschwand hinter dem Wagen und kam vollständig angekleidet und in seinen braunen Lederhosen wieder zum Vorschein. Die Männer gaben sich die Hand, und der Reiter bestieg seinen Schecken und trottete langsam gen Osten davon. Kurz darauf erklomm der ältere Mann den Kutschbock, wendete seinen Wagen und rollte westwärts in den Sonnenuntergang.
Vorsichtig stand White Wolf auf und stob den Abhang hinunter ins Dorf zurück. Sein Kopf schien von den seltsamen Eindrücken schier zu bersten, doch es würde noch Stunden dauern, ehe die Krieger zurück sein würden, und er musste sich regelrecht auf die Zunge beißen, während er wartend neben Morning Star saß, die schweigsam und beharrlich an ihrem Kleid stichelte.
Als die Krieger drei Stunden später schwer bepackt mit Jagdbeute zurückkehrten, stürmte White Wolf zu seinem Vater und erzählte ihm aufgeregt, was er erlebt hatte. Swift Dog hörte geduldig zu, denn er wusste, dass sein Sohn seine Aufgaben wie jeder zehnjährige Junge sehr ernst nahm. Dann rief er den Medizinmann Dark Cloud und vier Krieger zu sich und machte sich mit ihnen auf den Weg ins Tal.
An der Talmündung fanden sie, was sie suchten. Tatsächlich, ein leichter Wagen war da gewesen, mit zwei beschlagenen Pferden davor. Und ein berittenes Pferd ebenfalls. Der Hang, an dem White Wolf den älteren Mann beim Laufen beobachtet hatte, wurde Meter für Meter inspiziert. Man war sich einig, dass dort tatsächlich jemand entlanggekommen war, und die Tiefe der Abdrücke zeigte deutlich, dass er eher gelaufen denn gegangen war.
Dann folgten Swift Dog und Dark Cloud der Spur des zweiten Mannes über den unebenen, schotterigen Grund des Canyons. Zweifellos war dort jemand entlanggerannt, doch weder mit Mokassins noch mit den Schuhen des weißen Mannes. Zu Dark Clouds Beunruhigung waren ihnen diese Abdrücke gänzlich unbekannt.
Am verwunderlichsten aber war die Stelle, an der White Wolf das Bleichgesicht hatte loslaufen sehen. Dort befanden sich, neben einem Strich auf dem Boden, der von einem Messer oder einer Hundekralle zu stammen schien, zwei flache Mulden, ungefähr eine Fußlänge voneinander entfernt.
Dark Cloud fragte, ob einer der Männer irgendein Zeichen gemacht habe, und wenn ja, ob es gen Sonne gerichtet gewesen sei. White Wolf erinnerte sich an die erhobene Hand, und Dark Cloud schüttelte den Kopf. Als White Wolf von dem nackten Mann und dessen Waschung mit Wasser berichtete, wurde der Medizinmann von großer Unruhe ergriffen, und er begann, seine Gebetsknochen schüttelnd und leise vor sich hin murmelnd, von einem Fuß auf den anderen zu tänzeln.
Swift Dog hielt sich im Abseits, knetete sich mit Daumen und Zeigefinger die Lippen, blinzelte zur Talmündung hinüber, bückte sich und legte die Finger in die beiden Kerben. Aufgeregt scharten sich die Krieger um Swift Dog. Als sie merkten, dass er endlich zu einem Schluss gekommen war, verstummten sie.
Swift Dog erhob sich, und Dark Cloud, White Wolf und die anderen warteten schweigend auf sein Urteil. Er blickte zum Ausgang des Tals und legte abermals die Hand an die Lippen. Dann atmete er tief ein und führte den Zeigefinger mit einer schraubenden Bewegung an seine rechte Schläfe. »Verrückte«, sagte er. »Verrückte.«
Kaum drei Meilen hinter Canyon City war Buck Miller durch Custers Lager gekommen. Die 7. Kavallerie war am Ufer des Sun River stationiert. Ein kleiner Trupp war zur Bewachung des Camps zurückgelassen worden, die restlichen Soldaten waren zum Fest in die Stadt geritten. Buck trottete durch das Camp, das die Straße zu beiden Seiten säumte, und tauschte Frotzeleien mit den Wachen aus, die Zigaretten rollend, Karten spielend oder würfelnd vor ihren Zelten hockten. Er überlegte, ob er wohl einen Blick von Custers Frau, dem legendären Indianermädchen Monahseetah, erheischen würde. Sie galt als Custers persönliche Dolmetscherin, obwohl sie angeblich kein Wort Englisch verstand. Buck fragte sich häufig, wie gut sie den General wohl gedolmetscht hatte.
Immer wieder musste er daran denken, was ihn in Canyon City erwartete, und an das, was direkt hinter ihm in der Satteltasche lag, messerscharf, geschmeidig und neu, und sein Herz klopfte schneller. Als sie in Culver City eingetroffen waren, hatte er den ganzen Morgen damit zugebracht, sie einzufetten, zu kneten, zu streicheln. Jetzt waren sie bereit, genau wie er.
Er spürte, wie sich der Schweiß auf seiner Oberlippe sammelte, dort, wo zuvor ein schwarzer Schnurrbart geprangt hatte. Instinktiv wischte er sich mit dem Handrücken über Mund und Stirn.
Im chinesischen Viertel am Stadtrand, einer lockeren Ansammlung von Wäschereien, Garküchen und Läden, die sich über ein paar 100 Meter entlang der Hauptstraße erstreckte, traf er auf das erste Straßenbanner, ein sechs Meter langes und gut einen Meter hohes Band aus grober Leinwand, das sich hoch über seinem Kopf über die staubige Straße spannte. »GROSSE SPORT-GALA ZUM GRÜNDUNGSJUBILÄUM« stand darauf zu lesen, und darunter ein buntes Krickelkrakel aus chinesischen Zeichen, die womöglich dasselbe bedeuteten.
Doch offenbar hatten die Chinesen mit Sport nicht sonderlich viel am Hut. Alte, verhutzelte Männchen saßen seelenruhig auf den Gehsteigen und spielten Schach oder ein anderes, ihm unbekanntes Spiel mit Kieselsteinchen. Andere standen auf der Straße und übten sich mit seltsamen, bedächtigen Bewegungen im Schattenboxen, ohne sich von den halbnackten Kindern stören zu lassen, die kreischend um sie herumstoben. Buck überlegte, dass ihm noch nie ein auch nur ansatzweise sportlicher Chinese untergekommen war und womöglich nie unterkommen würde.
Noch ehe er mit seinem Schecken die 300 Meter lange Main Street erreicht hatte, waren laute Musik, Rufe und Stimmengewirr zu hören.
Als er bei Conlons Wirtshaus rechts einbog, wimmelte die Straße vor Reitern und Passanten – Farmer, Bergbauern, Soldaten, Grubenarbeiter. Links scharte sich eine Gruppe Männer gebannt um zwei Kampfhähne, die sich krächzend und flatternd im Straßendreck balgten. Als er vorüberritt, fiel einer von ihnen schlaff in den Staub des improvisierten Hahnenkampfplatzes. Der Besitzer des Siegers packte seinen krähenden Vogel mit beiden Händen und küsste ihn auf den blutigen Nacken, derweil sein Kumpel – ein Schwarzer mit blutverschmierten Latzhosen – herumging und den Gewinn einsammelte.
Das Gesicht voller Hahnenblut, reckte der stämmige, bärtige Kerl den Vogel triumphierend in die Höhe. »’nen echten Prachtvogel hab ich da!«, grölte er und spuckte das Blut auf die Straße. »’nen echten Prachtkerl!«
Buck schob sich durchs Gewühl auf das rund 100 Meter entfernte Last Chance Hotel zu, vor dem sich eine Blaskapelle aufgebaut hatte und die Straße mit scheppernder Marschmusik beschallte. Das Gedränge zwang ihn kurz zum Stehen. Wie Korken auf bewegter See taumelten ein paar Betrunkene durch die Straße.
Das Gewimmel machte Bucks Pferd nervös, es wieherte und tänzelte unruhig. Buck nahm seinen Hut ab, beugte sich vor, legte den Hut ans Ohr des Pferdes und flüsterte ihm etwas zu. Sofort beruhigte sich das Tier. Lächelnd setzte Buck den Hut wieder auf und zog den Kinnriemen fest.
Auf der Straßenseite gegenüber stand auf einer behelfsmäßigen Bretterbühne ein bärtiger Hüne mit nacktem Oberkörper und weißem Schmerbauch, der ihm über den Gürtel quoll. Er rang mit einem Schwarzbär, der allerdings nicht ganz bei der Sache zu sein schien. Es war ein recht mickeriges Exemplar, ein abgehungertes, triefäugiges Vieh mit räudigem Pelz, das in ähnlich beklagenswertem Zustand war wie sein menschlicher Gegner. In der Menge wurde eine Lücke frei, und Buck schob sich nach vorn. Vor ihm auf der Straße lagen ein paar dampfende braune Pferdeäpfel. Der herbe Geruch stieg ihm unangenehm in die Nase, und mit kritischem Blick nahm er die Beschaffenheit der Straße in Augenschein. Sie war gut. Und eben. Mit Pferdemist war er schon andere Male fertig geworden.
Langsam schob er sich die Main Street hinauf und wurde abermals zum Anhalten gezwungen, diesmal von einer Menschentraube, die sich wie gebannt um den grünen Filztisch eines Falschspielers auf dem Gehsteig scharte. Auf dem Tisch lagen drei Karten mit dem Gesicht nach unten, und der Zinker, ein dürrer, drahtiger Kerl mit von Schnupftabak verfärbtem Knebelbart, makellos weißem Rüschenhemd und schwarzer Fliege, hob die mittlere Karte in die Höhe und sah sein Publikum an.
»Bitte sehr, meine Herrschaften«, girrte er mit hoher Stimme. »Herz As ist Trumpf. Behalten Sie sie im Auge, und ich mische.«
Er schob die Karten auf der Tischplatte hin und her, dann hielt er inne und blickte seine Zuschauer an.
»Hier ist sie, sehen Sie. Und hier wieder. Herz-Ass ist Trumpf, Gentlemen. Bitte beachten Sie, dass Carl Medina keine Wetten von Hungerleidern, Krüppeln oder Waisen annimmt.«
Wieder schob der Mann die Karten auf dem Tisch herum. Buck war sich sicher, das Ass im Blick zu haben. Doch als der Falschspieler die Karte hochnahm, wusste er, dass er sich geirrt hatte.
»Herz-Ass. Meine Hände sind schneller, als Sie gucken können, das ist mein Metier, Gentlemen. Denken Sie dran, bei mir stehen die Chancen immer zwei zu eins für Sie. Herz-Ass. Sind Ihre Augen flink genug, haben Sie gewonnen und ich zahle. Wenn nicht, gewinne ich, und Ihr Geld gehört mir. Herz-Ass. Sie setzen 20? Meine Hände gegen Ihre Augen!« Er mischte die Karten erneut, und die Leute drängten heran, um zu wetten.
Grinsend schob sich Buck weiter die von Menschen wimmelnde Straße entlang. Bei der Ringkampfbühne ging plötzlich ein Johlen durch die Menge, als ein Cowboy mit nacktem Oberkörper Blut und Zähne spuckend rückwärts über ein grob zusammengezimmertes Podest torkelte, das als Boxring diente. Jaulend vor Schmerz schwankte der Möchtegernschläger gegen die Seile und wurde von einem grimmigen Preisboxer mit zerknautschter Visage niedergestreckt. Bäuchlings und mit blutender Nase lag der Cowboy da, während seine Kumpels sich um ihn scharten und ihm einen Eimer Wasser über den Kopf kippten. Aus den Fenstern des Golden Nugget Saloon hinter dem Ring lehnten grell geschminkte Freudenmädchen und winkten zu den Männern hinunter.
Der sicherste und beste Weg zu Schmerz, Schmach und Quecksilbersalbe, dachte Buck und bahnte sich seinen Weg zum Last Chance. Vor dem Hoteleingang stand in direkter Konkurrenz zu einer Medizindarbietung auf der anderen Straßenseite ein knallbunter Holzwagen mit einer kleinen Bühne davor. Auf ihrer Rückseite hing ein mindestens ebenso grellbunter Leinwandprospekt, der den Salon einer Villa zeigte und mit den Worten »Paris, Frankreich« überschrieben war. Auf der Seitenwand des Wagens prangte der Schriftzug »MORIARTYS THEATER DES WESTENS«, und auf der Bühne standen ein Mann und eine Frau einander gegenüber und warteten darauf, dass die Lacher des Publikums verebbten.
Die Frau, eine Rothaarige Anfang 30, trug eine prächtige grüne Samtrobe und war auffallend hübsch. Der Mann war ein wenig älter, schlank und aristokratisch, er trug einen Sonntagsanzug und glänzende Lacklederschuhe. Das Auffälligste an ihm war die wilde schwarze Lockenmähne.
»Hältst du Damenclubs für eine gute Idee?«, fragte die Frau mit glockenklarer Stimme.
»Nur, wenn sonst nichts mehr geht«, gab der Mann zurück und zwinkerte ins grölende Publikum.
»Sieh dir bloß meine Kleider an, Moriarty«, sagte die Frau. »Die Leute müssen ja glauben, ich bin deine Köchin.«
»Nicht, wenn sie zum Abendessen bleiben«, antwortete der Mann und hielt sich zu erneutem Gelächter den Magen.
»Und was ist mit deiner Trinkerei?«, fragte sie, die Hände in die Hüften gestemmt. »Hättest du gestern Abend nicht so viel getrunken, würde es dir jetzt nicht so dreckig gehen.«
»Das hat doch nichts mit dem Trinken zu tun«, gab er zurück. »Als ich zu Bett gegangen bin, ging’s mir wunderbar, und als ich aufwachte, ging’s mir entsetzlich. Das muss der Schlaf gewesen sein.«
Er musterte sie mit kritischem Blick. »Aber du solltest dich mal ansehen«, sagte er. »Fünf Jahre sind wir jetzt verheiratet, und du siehst noch immer aus wie an unserem Hochzeitstag.«
Sie verzog das Gesicht. »Kein Wunder. Ich trag ja auch noch immer dasselbe Kleid.«
Anders als die Leute um ihn herum lachte Buck nicht. Kopfschüttelnd kniff er seine hellblauen Augen zusammen, stieg vom Pferd und band es an den Balken vor dem Last Chance. Dann betrat er den Plankenweg und stieg die Treppen zum Hotel hinauf.
Im Foyer des Last Chance herrschte emsiges Treiben. Rechts hinter der halbrunden Rezeption stand der Empfangschef und versuchte schwitzend, dem Ansturm auskunftshungriger Gäste Herr zu werden. Auf dem Treppenaufgang verhandelten drei Ladys aus dem Freudenhaus mit ihren Kunden. Zwischen den Topfpflanzen links neben der Treppe lümmelte ein Dutzend von Custers Soldaten Bier trinkend auf drei Sofas und glotzte den Mädchen nach.
Buck sah sich um und fand, was er suchte. Ein eulenhafter, bebrillter kleiner Mann saß hinter einem Tisch, an dem ein weißes Schild mit der schwarzen Aufschrift »200-$-Straßensprint« baumelte. Buck trat an den Tisch, während das Männchen emsig auf einem Stück Papier herumkritzelte.
Buck nahm seinen Hut ab und räusperte sich. Das Männchen hob den Kopf und blinzelte ihn über das Brillengestell hinweg an.
»Ja, Cowboy, was kann ich für Sie tun?«
»Der Sprint«, sagte Buck und strich sich eine glatte schwarze Haarsträhne aus der Stirn. »Kann man sich noch anmelden?«
»Wenn Sie die zehn Dollar haben«, entgegnete der Mann und tauchte seine Schreibfeder in ein Tintenglas. »Aber ich muss Sie warnen, junger Mann. Das hier ist ein Scratch-Rennen, 130 Meter, englischer Stil. Das heißt, keine Vorgaben für niemanden. Das war schon immer so, zumindest, solange ich hier bin.«
Buck zog einen ledernen Geldbeutel aus seiner Westentasche. »Zehn Dollar sagten Sie, Sir?«
»Jepp. Sie wissen schon, dass ein paar von den schnellsten Läufern der ganzen Gegend antreten, mein Junge?«
»Ich will trotzdem teilnehmen, Sir«, entgegnete Buck und hielt ihm die zehn Münzen hin.
Das Männchen nahm die Brille ab, legte sie auf den Tisch und sah zwinkernd zu ihm hoch. »Haben Sie mal von Paul Ledoux gehört?«
»Ist das der Knabe, den sie den Fliegenden Franzosen nennen?«
»Ganz genau der. Er ist Canyon Citys Fast Man. Hat uns ’nen ordentlichen Packen Dollar eingebracht, dieser Paul Ledoux.« Der kleine Schreiber studierte eine Liste, die vor ihm lag. »Und der junge Sam Withers ist auch dabei – angeblich ist der in St. Louis zwei Zehntelsekunden unter Sollzeit gelaufen. Dann ist da noch McCluskey und der Kerl aus Silver City …«
»Der Hirsch von Savannah?«, fragte Buck.
»Sie sagen es«, antwortete der Wettkampfhelfer. »Verstehen Sie mich nicht falsch, mein Junge. Wenn Sie mitmachen wollen, ist das natürlich Ihr gutes Recht. Ich will nur nicht, dass ein junger Cowboy zehn Silberdollar aus dem Fenster schmeißt.«
Buck machte ein ernstes Gesicht. »Ich will trotzdem mitmachen, Sir.«
»Sind Sie schon mal gesprintet, Mr. –?«
»Miller, Buck Miller. Jawohl. Als Junge habe ich in Pennsylvania ein paar Picknick-Rennen gewonnen. Ein bisschen Saft müsste in diesen Beinen noch drinstecken.«
Der Mann wiegte den Kopf. »Das kann ich Ihnen nur wünschen, Mr. Miller. Laufen Sie in Spikes oder Mokassins?«
Ohne zu antworten, machte Buck auf dem Absatz kehrt, schlängelte sich durch die überfüllte Halle und verschwand durch die Schwingtüren. Das Männchen blinzelte ratlos und machte sich kopfschüttelnd wieder an seinen Schreibkram. Wenige Sekunden später war Buck mit klirrenden Sporen zurück und hielt ein Paar nagelneue, lacklederne Laufschuhe in der Hand. Er stellte sie auf den Tisch, drehte sie um und zeigte die makellosen gelben Ledersohlen, aus denen jeweils sechs nadelspitze Spikes emporragten.
Der kleine Mann griff nach den Schuhen und musterte sie. »Das sind ja dolle Dinger! So was hab ich noch nie gesehen.«
»Im Sears-Roebuck-Katalog steht, das sind Sollzeit-Schuhe«, entgegnete Buck stolz.
»Aber nur, wenn Sie Sollzeit-Beine haben, Jungchen«, brummte eine tiefe Stimme hinter ihm.
Buck drehte sich um. Hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mittleren Alters mit hängendem, schwarzem Schnauzbart, schwarzer Melone sowie Jacke, Weste und Stiefeln in derselben Farbe. Auf seiner linken Brust prangte ein Blechstern.
»Buck, das ist Marshal Boone. Mr. Boone ist ein außerordentlich sportbegeisterter Gentleman«, sagte der kleine Protokollant.
»Wie viele Jungs haben sich für unseren Sprint schon eingeschrieben?«, fragte Boone, ohne auf Buck einzugehen, nahm einen verloschenen, feuchten Zigarrenstummel aus dem Mund und kramte in seiner Westentasche nach Streichhölzern.
»Beim letzten Durchzählen waren’s neunzehn, Marshal. Mit diesem kleinen Yankee hier, Buck Miller, kommen wir auf 20.«
Boone riss ein Streichholz am Stiefelabsatz an, entzündete die Zigarre, zog daran und blies den Rauch in Bucks Gesicht. »Dann gib dein Bestes, mein Junge. Mehr kann ich dir nicht raten.« Der Marshal drehte sich um und schritt gemächlich durch die sich teilende Menge zur Tür.
Der kleine Mann sah ihm nach und warf einen Blick auf den sechsschüssigen Revolver, der sich an Bucks rechte Hüfte schmiegte.
»Den lassen Sie wohl besser hier, Mr. Miller. Wenn Sie weiterziehen, können Sie ihn wieder abholen. Aber ballern Sie ja nicht rum, wenn Sie die Stadt verlassen. Die meisten Cowboys fühlen sich durch das Schießverbot ihrer Rechte beraubt. Doch daran ist nun mal nichts zu rütteln, zumindest nicht in Canyon City. Eure Revolver haben gegen die Winchester des Marshals sowieso keine Chance. Und Boones Männer schrecken vor nichts zurück.«
Nickend zückte Buck seine Waffe und legte sie behutsam auf den Tisch.
»Ich bin nicht auf Ärger aus«, sagte er. »Wann sind die Vorläufe?«
»Drei Uhr«, sagte der kleine Mann. Buck drehte sich um und bahnte sich seinen Weg zu den Schwingtüren.
»Das Finale ist um fünf«, rief ihm der Schreiber nach. »Aber ich glaube nicht, dass das für Sie von Belang sein wird, Cowboy«, murmelte er in sich hinein.
Es war vier Uhr. Die Gesichter in dampfende feuchte Tücher gewickelt, die Rückenlehnen ihrer Barbierstühle nach hinten gekippt, saßen Professor Moriarty und Marshal Boone nebeneinander vor den beschlagenen Spiegeln in Lung Chows Friseursalon. Eine Zigarre ragte aus Boones Mund, deren Rauch sich mit den Dampfschwaden über ihm vermischte.
»Es gibt doch wohl kaum etwas Befriedigenderes als eine anständige Rasur, oder, Marshal?«, sagte der Schauspieler mit seiner tiefen, sonoren Stimme.
»Doch«, brummte Boone an seiner Zigarre vorbei. »Aber bei den 100 Silberdollar, die ich im Finale auf den Franzosen gewettet habe, darf ich an solche Sachen gar nicht denken.«
»Sie haben auf Ledoux gewettet?«, fragte Moriarty neugierig, während der Barbier ihm die heißen Tücher vom Gesicht nahm und sie durch kühlere ersetzte.
»Beim Halbfinale hab ich 100 Kröten mit ihm gewonnen«, entgegnete Boone.
»Zwischenlauf«, korrigierte ihn Moriarty. »In Läuferkreisen heißt das Zwischenlauf.«
»Zwischenlauf, Halbfinale, nennen Sie es, wie Sie wollen«, brummte Boone. »Hut ab vor Ihrem Fachwissen. In Ihrer Glanzzeit haben Sie wohl ein paar große Dinger gewonnen, zumindest hab ich das gehört. Aber dieser Franzmann, unser Schneller Mann, der ist ’ne halbe Sekunde über die Sollzeit gelaufen, und das über 130 Meter. Im Finale schafft der noch zwei Zehntelsekunden mehr, vielleicht drei.«
»Und kann der auch laufen, wenn’s um Geld geht?«, bohrte Moriarty, während Lung Chow sich beim Wechseln von Boones Tüchern bemühte, nicht an die Zigarre zu stoßen.
»Todsicher, Moriarty. Einen schnelleren Mann als Ledoux gibt’s hier nicht«, erklang eine durchdringend hohe Stimme von der Tür. Es war Carl Medina, der Falschspieler, der die Bürger von Canyon City an diesem Morgen um rund 100 sauer verdiente Dollar erleichtert hatte. Schlank und adrett lehnte er in der Ladentür und zog eine goldene Uhr aus der Tasche seiner gelb geblümten Weste. »Noch 50 Minuten, meine Herren«, sagte er, ließ die Uhr wieder in die Tasche gleiten und nahm auf dem dritten Stuhl neben dem Fenster Platz. »Und ich hol mir 500 Dollar, Mr. Ledoux sei Dank.«
Er nestelte einen Zettel aus der Innentasche seiner Jacke und warf einen Blick darauf. »Da steht’s«, sagte er. »Die Stoppuhr lügt nicht. Ledoux dreizehn Komma fünf Sekunden, und dabei trällert der noch die Marseillaise. McCluskey und Withers dreizehn sechs, mit Hängen und Würgen. Dieser Cowboy –«
»Buck Miller«, bemerkte Moriarty.
»Richtig, Miller«, sagte Medina und lehnte sich zurück, um sich von dem Chinesen das Gesicht mit weißem Rasierschaum einseifen zu lassen. »Ich hab noch nie was von dem gehört, aber der ist dreizehn sieben gelaufen und hat auf dem letzten Loch gepfiffen. Von dem kommt nicht mehr viel.«
Moriarty stand auf und wischte sich mit dem Tuch die Seifenreste von den Wangen. Er betrachtete sich kurz im Spiegel und lächelte. Die Haut seines sonnengebräunten Gesichts glich feinstem Papyrus, und seiner krummen Adlernase zum Trotz huldigte das zufriedene Lächeln in Lung Chows Spiegel seinem guten Aussehen. Er fuhr sich mit den Händen durch die schwarzen Locken, strich sich das Revers glatt und zog die Fliege fest.
»Ich habe auf den jungen Miller gesetzt«, sagte er. »100 Kröten bei vier zu eins.«
»Ins Klo geschmissen«, grunzte Boone, dem die Zigarre noch immer zwischen den Zähnen klemmte.
Der Chinese fing an, Medinas linke Gesichtshälfte zu rasieren. Der Falschspieler kniff die Augen zusammen. »Wie kommen Sie dazu, Professor?«
Moriarty griff nach einer eckigen grünen Parfümflasche, die auf der Ablage vor dem Spiegel stand, spritzte sich ein paar Tropfen in die Handflächen und klopfte sich das beißende Rasierwasser zauderig auf die Wangen.
»Nennen wir’s Instinkt, meine Herren«, sagte er dann, straffte die Gesichtsmuskeln und entspannte sie wieder. »20 Jahre Lauferfahrung.«
Boone erhob sich, pellte sich die Tücher vom Gesicht und drückte sie Lung Chow in die Hand. »Da muss der Cowboy aber noch vier bis fünf Meter wettmachen«, sagte er, stützte sich mit beiden Händen auf die Ablage und blickte in den Spiegel. Er nahm den Zigarrenstummel aus dem Mund, richtete sich auf und musterte sich von oben bis unten. »So schnell ist hier noch niemand gelaufen, nicht mal der Indianer.«
»Der muss schneller sein als ein geölter Blitz«, bemerkte Medina, während der Chinese sich mit offener Klinge über ihn beugte. »100 Dollar ist ’ne ganze Menge für Instinkt.«
Moriarty warf Lung Chow einen Dollar zu, der ihn übers ganze Mondgesicht strahlend auffing, legte eine Hand auf den Türknauf und drehte sich noch einmal um. Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen den rechten Nasenflügel und zwinkerte den anderen zu.
»Wir sehen uns um fünf.«
Kaum hatte Mayor Halsey den Startschuss gegeben, war klar, dass Ledoux das Rennen machen würde. Der gutaussehende Franzose, dem als Preis ein Gratisaufenthalt bei Dolly Brown winkte, ging auf den ersten 30 Metern sofort in Führung und war Sam Withers einen halben und den anderen beiden Läufern einen ganzen Meter voraus.
Unter tosendem Jubel schossen die vier Männer durch den schmalen Korridor, den die Menschenmenge gelassen hatte, und staunend sah das Publikum dem Franzosen nach. Mit langen, gierigen Schritten schien Ledoux über den Grund zu fliegen, und nach 50 Metern lag er einen ganzen Meter vorn. Medina, der den Lauf mit Boone und Moriarty vom Balkon des Last Chance aus verfolgte, wünschte, er hätte einen Riesen auf den Franzmann gewettet, denn das hier war kein Rennen, es war eine Schau.
Nach siebzig Metern schien Sam Withers um ein paar Zentimeter heranzukommen und von Buck Miller und McCluskey abzurücken, ohne Ledoux jedoch in Bedrängnis zu bringen. Doch nach neunzig Metern hatte er bereits 30 Zentimeter aufgeholt und nach 100 Metern war er nur noch wenige Zentimeter von dem allmählich nachlassenden Franzosen entfernt. 30 Meter vor dem Ziel und unter dem Johlen der Menge hatte der junge Withers ihn eingeholt und lief mit ihm gleichauf. Dann, auf den letzten 20 Metern, kam wie ein Racheengel aus dem Nichts Buck Miller heran und durchschnitt sensengleich das Feld. Fünfzehn Meter vor dem Ziel versetzte er dem ausgebrannten Ledoux den Todesstoß, zog zehn Meter weiter an dem bereits lächelnden Withers vorbei und nahm das Zielband mit einem satten Meter Vorsprung.
Die Kapelle stimmte Hail the Conquering Hero an, und die tobende Zuschauerschar umbrandete Buck, hob ihn empor, und mit einem breiten Grinsen auf dem braungebrannten Gesicht presste er seine glänzenden neuen Leder-Roebucks an sich. Oben auf dem Balkon des Last Chance machte Medina ein finsteres Gesicht, und Boone schleuderte seinen Zigarrenstummel zu Boden. Moriarty stand daneben und strahlte.
»Ich geb euch einen aus, Jungs«, sagte er. »Sieht ganz so aus, als hätte Canyon City einen neuen Schnellen Mann.«
Noch nie war es der Stadt so gut gegangen. Im Mai und Juni wurde Canyon Citys neuer Fast Man Buck Miller sechs Mal herausgefordert. Carl Pepper aus Culver City trat an und behauptete, er sei 100 Meter in zehn Sekunden gelaufen – doch Moriarty hatte sich die Bemerkung nicht verkneifen können, das sei wohl bergab gewesen und seine Mutter habe die Zeit gestoppt. Buck hatte Pepper mit guten zwei Metern Vorsprung geschlagen und der Stadt 2000 Dollar eingebracht.
Dann hatte General Custer einen seiner Soldaten geschickt, einen Iren namens Sean Riordan. Custer forderte zwei Meter Vorsprung für seinen Läufer und wettete 500 Dollar auf ihn. Aus Angst, man könnte es mit einem »Blender« zu tun haben, hatte Medina sich über Riordans sportliche Vergangenheit schlaugemacht und der Stadt dann guten Gewissens geraten, alles auf Buck zu setzen. Das Rennen war über 100 Meter gegangen, und der Schnelle Mann hatte bis zehn Meter vor dem Ziel mit Riordan gespielt und ihn dann mühelos einkassiert.
Dann hatte Buck einen Yankeejungen namens Plunkett abserviert, der den ganzen langen Weg per Zug aus Connecticut gekommen war. Es war eng gewesen, doch mit 13,4 Sekunden über 130 Meter hatte Buck die Nase vorn gehabt und war damit die gleiche Zeit gelaufen wie beim Stadtjubiläumssprint. Für weitere 100 Dollar hatte er Plunkett dann einen Meter Vorsprung gegeben und ihn diesmal um eine ganze Schrittlänge geschlagen.
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