Trans-Amerika - Tom McNab - E-Book
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Trans-Amerika E-Book

Tom McNab

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Beschreibung

»Hier bin ich«, sagte er. »Und genau das tue ich. Ich laufe. Deshalb bin ich anders als ihr.«

Es ist der größte Wettlauf der Geschichte, quer durch das brodelnde Amerika der 30erJahre. Der schnellste Läufer erhält ein exorbitantes Preisgeld. Sollte überhaupt jemand lebend in New York ankommen. Ein atemberaubender Roman, voller Leidenschaft, Intrigen, Witz und heroischer Momente. Das wohl beste Laufepos aller Zeiten, ein Meisterwerk angelsächsischer Erzähltradition.

1931, auf dem Gipfelpunkt der Großen Depression, richtet der schillernde Promoter Charles C. Flanagan den Trans-Amerika-Super-Marathon aus, einen Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen Arbeitslosigkeit und Rezession. Am Ziel des Rennens von Los Angeles, das über die Rocky Mountains, durch Al Capones Chicago bis nach New York führt, erwarten die Sieger hohe Geldpreise und eine gesicherte Existenz. Schnell entbrennt ein erbarmungsloser Wettkampf unter den Läufern. Dazu zählen der ehemalige Gewerkschaftsführer Mike Morgan, vom FBI wegen Mordverdachts verfolgt, der Sprinter Hugh McPhail aus den Kohlegruben von Glasgow, ein englischer Lord, eine Mannschaft der Hitlerjugend, eine ehemalige Revuetänzerin und ein junger Mexikaner, der nur als Sieger sein Dorf vor dem Hungertod bewahren kann. Doch nur einer kann gewinnen ...

Tom McNabs Epos ist so spannend wie kenntnisreich. Der Leser taucht ein in eine Welt aus Schmerz und Hoffnung und bekommt die Faszination des Laufens in allen Facetten geschildert.

»Wild, klug, spannend.« Achim Achilles.

»Ein Meilenstein.« The New York Times.

»Legt man freiwillig nicht mehr aus der Hand.« Running.

»Ein beschleunigter, höchst unterhaltsamer Roman.« Time Out.

»Ein unaufhaltsames Buch.« BBC.

»Ein völlig faszinierender Roman.« London Times.

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Seitenzahl: 775

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Tom McNab

Trans-Amerika

Roman

Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Flanagan’s Run

erschien 1982 bei Hodder and Stoughton Ltd., London, Sydney, Auckland, Toronto.

ISBN 978-3-8412-0719-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2008 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © Bettmann / corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1 Los Angeles

2 Flanagan tritt vor die Presse

3 Der Broo-Park

4 Die Presse trifft Doc Cole

5 Der Start

6 Das Mädchen aus Minsky’s Varieté

7 Morgans Geschichte

8 Durch die Wüste

9 Der Tummelplatz des Teufels

10 Querfeldein bis Vegas

11 Die fruchtbaren Täler

12 Das Picknick-Turnier

13 Der Moment der Wahrheit

14 Über die Rockies

15 Denver: Tausend Meilen weit

16 Der Kai-König

17 Glücksspiel

18 Doc in Schwierigkeiten

19 St. Louis: Mann gegen Pferd

20 Der große Kampf

21 Showdown mit Toffler

22 Ein Treffen mit Mr. Capone

23 Am Ende der Reise

24 Marathon

Nachbemerkung

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor und zur Übersetzerin

Leseprobe

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

1Los Angeles

Hugh McPhail streifte die Hose ab, stopfte sie in seinen Rucksack und lief los.

Während seine Füße in gleichmäßigen Trab fielen, verschwand der Zug unter einer wirbelnden schwarzen Rauchfahne ratternd in der Ferne. Der »Superchief« hatte ihn durch halb Amerika gebracht. Es war das erste Mal gewesen, dass er ruhigen Gewissens mit einer Fahrkarte in der Tasche in einem Güterwaggon gesessen hatte, und das hatte etwas Beruhigendes gehabt. Kurz bevor er ausgestiegen war, hatte er dem alten Mann, der die gesamten tausend Kilometer stur in einer Ecke gehockt hatte, seine Fahrkarte in die Hand gedrückt. »Eine Abreibung weniger, altes Haus«, hatte er gesagt. Dann war er gesprungen.

LOS ANGELES SECHS MEILEN, stand oben auf dem Straßenschild. Knapp zehn Kilometer, das bedeutete vierzig Minuten. McPhail lief locker, mit kleinen, sparsamen Schritten, Fersen voran, die Füße immer dicht am Boden. Er trug einen Rucksack mit dick gepolsterten Schulterriemen und eine flache Schottenmütze. Zwar war sein Oberkörper für einen Läufer vor allem an Schultern und Rücken viel zu muskulös, doch hatte monatelanges Langstreckentraining nicht das kleinste Fitzelchen Fett übrig gelassen. Rinnsale von Schweiß krochen wie Tränen über seine gebräunten Wangen und verwandelten sich auf Brust und Rücken in regelrechte Ströme. Brennend sickerte ihm der salzige Schweiß in die Augen. Er wischte ihn mit dem Handrücken fort und blinzelte hinauf zur Sonne. Mittag: keine gute Zeit zum Laufen.

Kilometerlang gab es nichts außer der weichen Schotterstraße, die sich wie ein von Kinderhand hingeworfenes Band vor ihm durch die braune Ebene zog. Zwar brachte ihn der holprige, löchrige Untergrund immer wieder aus dem Takt, doch immerhin blieb er so bei der Sache.

Dies war reiches, fruchtbares Land, nicht zu vergleichen mit dem versäuerten kargen Erdenwinkel, aus dem er kam: im Norden Moor und Heide, in der Mitte Kohle und Werften, im Süden abermals Moor. Hier hingegen war alles glühendes Leben, das ganze Land schien regelrecht zu brodeln. Es war fremd und offen zugleich, und die zahllosen Kilometer, die er schon bald darüber würde hinlaufen müssen, machten ihm keine Angst.

Sein Blick wanderte über die Obstplantagen links und rechts der Straße. Plötzlich musste er grinsen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Orangen tatsächlich wuchsen. Der Lebensmittelladen unten an der Straße bekam sie einfach geliefert, und ihre Herkunft hatte ihn nie weiter beschäftigt. Doch hier standen sie nun, in endlosen, säuberlich gepflanzten Reihen, die sich ringsumher in der flirrenden Hitze verloren. Die Pflanzen und die Hitze machten die Luft würzig, und McPhail füllte seine Lungen mit ihrem Duft und nahm das emsige Brummen und Surren der Insekten wahr.

Alte Männer mit braunen, zerfurchten Gesichtern und in blauen Latzhosen lehnten sich Strohhalm kauend auf ihre Hacken und blickten ihm nach. Sie zeigten keinerlei Regung, als wäre es für sie das Normalste der Welt, einen Mann in karierten Shorts an ihrer Haustür vorbeilaufen zu sehen. Vielleicht war McPhail nicht der Erste; vielleicht waren die ganze Zeit schon Läufer von »C. C. Flanagans Großem Trans-Amerika-Lauf« vorbeigekommen, Menschen aus aller Herren Länder, die sich schon bald in einem zweitausend Mann starken Pulk durch Kalifornien wälzen würden.

Erfüllt von den glitzernden Traumbildern aus dem Glasgower Electric Picture Palace, hatte er geglaubt, alle Amerikaner lebten in Saus und Braus. Diese Leute hausten in ärmlichen Holzhütten mit kleinen umzäunten Gemüsebeeten davor. Von Saus und Braus keine Spur. Doch irgendwie ließen die Hitze und die fruchtbaren Äcker ihre Armut in einem milderen Licht erscheinen. Zwar rannten die Kinder barfuß umher, doch liefen sie mit sonnenverwöhnten Gliedern über warmen Grund, und nicht durch die winterlich eisige Mondlandschaft Glasgows.

Mischlingsköter hefteten sich kläffend an seine Fersen, als er die Barackensiedlung durchquerte, und wurden von den Männern, die auf den Gehsteigen saßen, zurückgepfiffen. Stattdessen kamen Kinder herbei, die neben ihm herhüpften und ihn mit übermütig hochgerissenen Knien nachahmten. Mit einem wohlwollenden Schmunzeln blickten die Leute dem von Kindern umlagerten Fremdling nach. »Hopp! Und eins-zwo-drei-vier!«, riefen sie.

McPhail sah sich um und musste abermals lächeln. Diese Kinder waren keinen Deut anders als die in seiner zehntausend Kilometer entfernten Heimat. Offenbar war es unmöglich, sich über einen einsamen Läufer nicht lustig zu machen. Er war ein Eindringling, ein Mensch, dessen eigener, stoischer Rhythmus den Alltagstrott seiner Mitmenschen durchkreuzte, ob nun zwischen den Glasgower Mietskasernen oder in einem Barackenkaff in Kalifornien. Ein Läufer wurde immer provoziert – provoziert und gepiesackt. Dies hier war harmloser Jux, doch für McPhail lag darin stets auch eine leise Bedrohung. Jedes Mal, wenn sich ein Läufer in Bewegung setzte, egal wie gut oder schlecht er war, trug er eine persönliche Haltung zur Schau. Hier bin ich, sagte er. Und genau das tue ich. Ich laufe. Deshalb bin ich anders als ihr.

Allmählich begannen seine Muskeln, die von dem tagelangen Hocken im unbequemen, schaukelnden Güterwaggon steif geworden waren, den Sauerstoff des frisch pulsierenden Blutstromes aufzunehmen, und er kam in Fahrt. Die Sonne war ein willkommenes Schmiermittel, obgleich McPhail wusste, dass sie auf Dauer sein Feind sein würde. Auf einer kurzen Strecke von zehn Kilometern allerdings gab es nichts zu befürchten, und er genoss die lockere Geschmeidigkeit, die die Hitze seinen Gliedern verlieh.

An der nächsten Kreuzung stieß plötzlich ein weiterer Läufer zu ihm, der aus südlicher Richtung geradewegs auf ihn zukam. Er war klein und dunkel, trug Straßenkleidung und hatte sich einen zum Bersten gefüllten Pappkoffer auf den Rücken geschnürt. Er vollführte eine scharfe Linkskurve, gesellte sich wortlos zu McPhail und trabte neben ihm her. Unter den weißen Flanellhosen, die abrupt fünfzehn Zentimeter über dem Boden endeten, steckten seine nackten Füße in klobigen schwarzen Lederstiefeln. Ein altmodisches schwarzes Nadelstreifenjackett und ein Militärkäppi vervollständigten die Garderobe. McPhail bemerkte den dünnen schwarzen Schnurrbart auf seiner Oberlippe; er konnte noch keine zwanzig sein.

Bis Los Angeles waren es nur noch fünf Kilometer. McPhail legte einen Schritt zu, um den kleinen Kerl auf die Probe zu stellen. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, wich der ihm nicht von der Seite. McPhail steigerte das Tempo auf unter vier Minuten pro Kilometer, aber sein Begleiter ließ nicht locker und lief in hüpfendem Ponytrott, der mit McPhails flachem, sparsamem Stil nicht das Geringste gemein hatte, dahin. Zwei Kilometer vor dem Ziel beschleunigte McPhail abermals, doch noch immer spürte er seinen Gefährten links neben sich und hörte seinen leichten, gleichmäßigen Atem. Ein paar hundert Meter verbrachten sie in einem stummen Zweikampf.

Der kleine Mann warf McPhail einen Blick über die Schulter zu.

»Martinez«, sagte er und lupfte sein Käppi. »Juan Martinez, Mexiko.«

Dann flitzte er davon. McPhail war baff über diesen plötzlichen Spurt. Staub hinter sich aufwirbelnd, federte der kleine Mexikaner die Straße hinunter und war im Nu mehr als zwanzig Meter entfernt. McPhail ließ ihn ziehen. Zwar war er zum Wettlaufen nach Amerika gekommen, aber jetzt noch nicht. Schon bald war in der Ferne nur noch das Auf und Ab von Martinez’ Käppi auszumachen.

Ein Ford T-Model tuckerte röchelnd und knatternd auf ihn zu. Er besann sich, wieder links zu laufen, dem Verkehr entgegen, und wechselte die Straßenseite. Der Fahrer bremste ab und sah aus dem Fenster. Es war ein junger Farmer. »Na, Kumpel«, grinste er, »bist wohl ganz schön im Hintertreffen. Hab so’n kleinen Typen gesehen, flink wie ’ne Nähmaschine, ’n ganzes Stück da runter.«

McPhail nickte lächelnd.

Die Straße hatte sich von einem schmalen Schotterweg in eine zweispurige Fahrbahn verwandelt, auf der die Autos dicke Staubwolken aufwirbelten. Er hatte den Stadtrand von Los Angeles erreicht, und auch die Häuser sahen plötzlich anders aus, mit weiß getünchten Lehmmauern, Palmen und kurz geschorenem Rasen. Sie wirkten eher spanisch als amerikanisch.

Ungefähr hundert Meter weiter vorn spannte sich ein Banner über die Straße: LOS ANGELES BEGRÜSST DIE TRANS-AMERIKA-LÄUFER. Links darunter stand ein Büdchen und warb mit dem Schild QUER DURCH DIE STATES MIT COCA-COLA.

McPhail machte halt und kramte in seiner Provianttasche.

»Coca-Cola gefällig, Kumpel?«, fragte der weiß bekittelte Verkäufer.

»Umsonst?«, fragte der Schotte.

»Wenn Sie am Trans-Amerika teilnehmen, schon.«

McPhail setzte die Flasche an die Lippen und trank ihren Inhalt in gierigen Zügen. Er war kalt und süß. Er hatte vergessen, dass es in Amerika keine Heißgetränke gab. Er hustete, wischte sich Tränen und Schweiß aus den Augen und trank weiter.

»Müssen schon um die tausend Leute hier sein«, sagte der Verkäufer. »Kommen von überall her. Japaner, Türken, Rothäute. Sogar einen im Rock hab ich gesehen.« Neugierig musterte er McPhails karierte Shorts. »Wenn das Läufer sein sollen, dann bin ich Alice Craig McAllister.«

Der Name der Evangelistin sagte McPhail gar nichts. Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche und stellte sie auf den Tresen zurück. »Danke. Wo müssen wir uns anmelden?«

»In fünf Hotels ganz hier in der Nähe: das Grand, das Imperial, das Ambassador, das Gateway und das Eldorado. C. C. Flanagan hat sich nicht lumpen lassen.«

Mit gluckerndem Magen trabte McPhail weiter Richtung Zentrum. Tatsächlich war die Stadt voller Menschen. Angeregt ins Gespräch vertieft, bevölkerten die unterschiedlichsten Nationalitäten in kleinen Grüppchen die Gehwege. Menschentrauben schoben sich die breite Hauptstraße entlang und wurden um Haaresbreite von hupenden Autos erfasst. Überall saßen Athleten in Liegestühlen vor den Cafés und ließen sich von ihren Betreuern massieren. Die Stadt wimmelte nur so von Läufern.

Während der fünftausend Kilometer langen Zugreise und selbst noch auf den letzten zehn Kilometern nach Los Angeles hatte Hugh sich in Amerika fremd gefühlt, doch jetzt nicht mehr: Das hier war eine Läuferstadt. In diesem Moment waren Los Angeles und der Trans-Amerika-Lauf eins. Selbst die Straßenbahnen, die quietschend durch die Straßen ratterten, bremsten, um die Läufer vorbeizulassen. Vierschrötige Polizisten setzten sich über das Kommando der Verkehrsampeln hinweg und winkten die Sportler über die Kreuzungen. Manche hielten kurz an, um Autogramme an Kinder und ältere Damen zu verteilen, und setzten sogleich ihre individuellen Vorbereitungen fort.

Ihm wurde flau im Magen. Was hatte er in dieser Stadt, in der sich gerade die besten Langstreckenläufer der Welt tummelten, überhaupt verloren? Vielleicht stellte sich nach wenigen Kilometern heraus, dass er nichts weiter als ein Glücksritter war, der kaum eine Chance hatte, das Rennen durchzustehen, geschweige denn zu gewinnen. Er musste an den kleinen Mexikaner in seinen weißen Flanellhosen denken, der ihm davongerannt war.

Es war das gleiche mulmige Gefühl wie jeden Winter vor der nahenden Leichtathletiksaison – ein mangelndes Vertrauen in den eigenen Körper, in dessen Potential und Fähigkeit, im kommenden Sommer wieder genauso gut zu sein wie zuvor, wenn nicht gar besser. Wie ein Bauer, der unruhig vor seiner Aussaat steht und nicht weiß, was die Ernte bringt. Schon immer hatte er mit diesem Zweifel gerungen und ihn bislang stets besiegt.

Es mochten die besten Läufer der Welt sein, aber niemand war jemals fünftausend Kilometer gelaufen, achtzig Kilometer pro Tag, tagaus, tagein. Niemand wusste, was solch tägliche Belastung selbst für einen durchtrainierten Körper bedeutete. Der Trans-Amerika-Lauf war das reinste Glücksspiel.

McPhail entschied sich für das Grand, ein weißgetünchtes Hotel mit Säulen davor, das schon bessere Tage gesehen hatte. Draußen vor dem Eingang saßen Frauen hinter einer Reihe hölzerner Klapptische und nahmen die Personalien der schlangestehenden Läufer auf.

»Sie heißen, Mister?«, fragte ein hübsches blondes Mädchen, auf dessen Namensschild »Miss Dixie Williams« zu lesen stand, und sah zu ihm auf. Sie mochte knapp zwanzig sein, mit sonnenverwöhnter, glatter Haut. Sie trug einen klassischen Mary-Pickford-Bob und hatte sich die vollen Lippen sorgfältig mit einem hellrosa Lippenstift nachgezogen.

Sie spürte seinen Blick.

»Sie heißen?«, wiederholte sie.

»Hugh McPhail.«

»Land?«

»Schottland.«

Miss Williams warf einen Blick auf seine Schottenshorts und seine muskulösen schlanken Beine.

»Da haben Sie aber eine lange Reise hinter sich.«

«Zehntausend Kilometer.«

Sie lächelte. »Ist es kalt in Schottland?«

»Eiskalt.«

Die Leute hinter ihm begannen zu drängeln.

Das Mädchen reichte ihm eine weiße Karte mit einer Nummer und drückte ihm noch zwei Stoffrechtecke und acht Sicherheitsnadeln in die Hand. »Das hier ist Ihre Zimmernummer, und das die Startnummer. Diese Nummern müssen Sie während des gesamten Rennens auf Brust und Rücken tragen. Heute Abend um sechs wird Mr. Flanagan hier im Grand die Wettkampfregeln bekanntgeben. Inzwischen melden Sie sich bitte zum Mittagessen im Speisesaal. Hier ist Ihre Essensmarke. Viel Glück!«

Langsam stieg McPhail die Stufen zur vor Läufern und Trainern wimmelnden Lobby hinauf. Die Telefone entlang der Wand waren von Journalisten belagert, die in den unterschiedlichsten Sprachen mit ihren Heimatredaktionen telefonierten.

»Ja, Doc Cole ist hier«, sagte einer. »War doch klar. Ja, in Topform, in ein paar Tagen gibt er eine Pressekonferenz. Die Deutschen? Sind gerade angekommen. Was zum Henker sind Nazis? Ja, doch, so nennen sie sich, Nazis …« Neugierig blieb McPhail stehen. »Lord wer? Oh, Thurleigh. Wär ’ne Bombenstory, wenn der hier ist. Tolle Bilder dazu. Woher soll ich denn wissen, ob der ein Monokel trägt! Nein, von einem Mexikaner hab ich noch nichts gehört. M-A-R-T-I-N-E-Z. Okay, ich krieg’s raus. Klar bekomm ich einen O-Ton von Flanagan – nichts leichter als das …« Der Journalist hielt kurz inne, um etwas in sein Notizbuch zu kritzeln.

»Morgan? Mike Morgan. Verwickelt in irgendwelchen Gewerkschaftsärger in Pennsylvania? Yep, hier gibt’s einen Mike Morgan. Keine Ahnung, ob das derselbe ist, aber auch das krieg ich raus. Von Paavo Nurmi gibt’s nichts Neues, aber seinen Manager Hugo Quist habe ich schon gesehen. Er nennt sich ›technischer Berater‹. Von Nurmi selber allerdings noch keine Spur. Das wird ’ne Riesenstory, wenn der kommt!«

McPhail hatte genug gehört und schlenderte weiter. Rechterhand hinter der Rezeption wurde eine ältliche, bebrillte Empfangsdame von Sportlern belagert. Weiter vorn war das Restaurant. Er wollte gerade hingehen, da wurde er schon von einem Pulk Läufer mitgezogen.

Drinnen herrschte ein heilloses Durcheinander. Gleich am Eingang saß eine Gruppe in makellosen, blauseidenen Trainingsanzügen mit aufgenähtem Sternenbanner. Es war das erste Mal, dass McPhail Trainingsanzüge zu Gesicht bekam, und zuerst hielt er sie für Pyjamas. Hinten auf jedem Anzug prangten die Worte »Williams’ All-Americans«. Am Kopfende des Tisches stand, die Hände auf die Tischplatte gestützt, der Teamleiter, ein untersetzter, braungebrannter Mann mit Bürstenschnitt, und schnauzte seine Leute an. Auf einem Tisch in einer Ecke lief ein Mann auf der Stelle. In einer anderen Ecke pries ein sonnengegerbter älterer Kerl wortreich eine Art Patentmedizin an. Unweit daneben ließ ein Mann seine ledrigen braunen Füße von einem staunenden Publikum bewundern. Doch vor allem wurde überall gegessen. Die meisten schlangen eher, statt zu essen; dicht über ihre Teller geduckt, schaufelten sie ihre Mahlzeit in sich hinein und spülten sie becherweise mit Kaffee hinunter.

Serviererinnen in schwarzer Uniform hasteten schwitzend hin und her und knallten den Läufern ihre Teller vor die Nase, die sich sofort darüber hermachten und eine Portion nach der anderen verdrückten.

Fasziniert suchte sich McPhail einen Platz und hatte sogleich einen vollen Teller vor sich. Es war das Beste, was er seit Monaten gegessen hatte – große, fetttriefende Hamburger mit Bohnen, gefolgt von einem Stück Apple Pie und so viel Kaffee, wie er wollte. Hugh liebte Hamburger. Hackepeter gab es in Schottland zwar auch, doch bis er nach Amerika gekommen war, hatte er es noch nie in Form von Hamburgern gegessen. Er aß bedächtig, mit vom Laufen klopfendem Puls, und der Schweiß rann ihm noch immer über Hals und Wangen. Was für ein Spektakel!

Mindestens zweihundert Sportler drängten sich im Speisesaal und waren vor allem mit zwei Dingen beschäftigt: essen und reden. Manche taten entweder das eine oder das andere, doch einige versuchten beides gleichzeitig zu tun und spritzten Hamburger und Apple Pie in alle Richtungen. McPhail sah zu dem kleinen glatzköpfigen Mann in der Ecke hinüber, der eine Art Medizinfläschchen in die Höhe hielt und auf eine ungefähr ein Dutzend Mann starke, hauptsächlich aus Chinesen bestehende Zuhörerschaft einredete. Zwar konnte McPhail kaum verstehen, was er sagte, doch das Wort »Chickamauga« kehrte immer wieder. Die Teilnahmslosigkeit seines Publikums schien den kleinen Mann nicht zu beirren. Mit immer ausholenderen Gesten schwadronierte er vor sich hin. Zum Schluss kippte er die Medizin hinunter und machte einen Handstand. Die Chinesen applaudierten höflich.

Sein Apple Pie war gekommen, und der Kaffee dazu. In der noch ungewohnten Umgebung hatte das Essen etwas Tröstliches. Als er aufsah, bemerkte er seinen mexikanischen Kontrahenten Martinez, der mit vor Brötchen und Äpfeln berstenden Jacketttaschen auf dem Weg nach draußen war. Kurz darauf zwängte auch Hugh sich mit übervollem Magen durch die Menschenmenge Richtung Treppe.

Im Zimmer 262 standen zwei Betten. Auf einem lag, gänzlich bekleidet, die Hände über dem Bauch gefaltet und eingerahmt von Brötchen und Äpfeln, der kleine Martinez. Er hatte die Augen geschlossen und schnarchte lautstark vor sich hin. Hugh stellte seine Tasche ab, trat ans Waschbecken, wusch sich, trocknete sich ab, legte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen aufs Bett und starrte an die Decke. Wenn das ein Vorgeschmack auf Flanagans Trans-Amerika-Lauf gewesen war, dann ließ sich damit leben. Er streckte sich zufrieden, legte die Hände aufs Gesicht und schloss die Augen.

2Flanagan tritt vor die Presse

Drei Telefone klingelten gleichzeitig. Charles C. Flanagan langte nach dem erstbesten und riss den Hörer ans Ohr. »Schinkenbrote!«, brüllte er. »Zwei Schinkenbrote, hab ich gesagt!« Krachend warf er den Hörer auf die Gabel zurück und ließ sich in seinen Lehnstuhl fallen.

Das Schlafzimmer war ein wüstes Durcheinander aus Telefonen, Zeitungsausschnitten, Lochstreifen und Tassen mit abgestandenem Kaffee. Gehüllt in einen geblümten blauen Seidenmorgenmantel und mit offenen Pantoffeln an den Füßen, aus denen seine großen, mageren Zehen staken, erhob sich Flanagan aus seinem Sessel und stemmte die knotigen, schmalen Hände in die Hüften. Er war Mitte vierzig, mit strähnigem, vorzeitig ergrautem Haar, das ihm ständig in die Stirn fiel. Doch das Auffälligste an seinem Gesicht waren seine strahlend weißen, grabsteingroßen Zähne.

Das nächste Telefon läutete, und Flanagan hob beim ersten Klingeln ab. »Willard!«, polterte er zum Badezimmer hinüber. »Willard! Nein, nicht Sie, Ma’am«, schnurrte er in den Apparat.

Aus dem Hörer drang das gedämpfte Schnattern einer Frauenstimme. »Ja, Ma’am«, sagte Flanagan geduldig, »Milwaukee Ladies’ Home Journal? Nun, den jüngsten Zahlen zufolge« – er blätterte durch einen Zettelhaufen am Boden – »hat der Trans-Amerika-Lauf 121 weibliche Teilnehmer … Anstandsdamen?« Er legte die Hand über die Sprechmuschel und drehte sich nach Willard Clay um, einem kleinen, untersetzten Mann mit Brille, der in rotgestreiftem Pyjama aus dem Badezimmer trat und sich das Gesicht mit Rasierschaum einseifte.

»Sie fragt nach Anstandsdamen für die Ladies«, raunte Flanagan.

Er nahm die Hand vom Hörer und bleckte sein strahlendes Gebiss.

»Selbstverständlich, Miss … Miss McGregor.« Er schnitt Willard eine Grimasse, der sich gleichmütig mit einem Rasiermesser übers Kinn kratzte. »Drei Damen vom San Franciscoer Damenstift haben sich freundlicherweise als Anstandsdamen zur Verfügung gestellt. Ganz genau, San Franciscoer Damenstift.«

Er wiederholte den Namen langsam und deutlich, nickte dazu mit dem Kopf und lächelte ins Telefon. »Ja, jeden Sonntag gibt es einen nicht konfessionsgebundenen Gottesdienst, das versichere ich Ihnen. Haben Sie besten Dank, Ma’am.«

Er legte auf und glotzte seinen Assistenten an. »Wieso hast du eigentlich nicht an Anstandsdamen gedacht?«, fauchte er.

Willard schabte sich den Schaum von der Kehle, spülte das Messer in seiner Rasierschüssel und schüttelte den Kopf, so dass die Seife auf den Boden tropfte. »Bis vor ein paar Tagen wussten wir noch nicht einmal, ob’s wirklich alles Frauen waren«, gab Willard gekränkt zurück. »Außerdem halten die sowieso nicht lange durch.«

Flanagan ließ sich erneut in einen von Telegrammen überhäuften Lehnstuhl fallen, die er in einem großen Bündel zu Boden schleuderte. »Woher willst du das wissen? Vielleicht versteckt sich zwischen den ganzen fetten Mädels ein weiblicher Nurmi.«

»Das wäre allerdings ’ne echte Sensation«, kicherte Willard und verschwand wieder im Badezimmer, um seine Rasierschüssel loszuwerden. »Miss Amerika – die berühmtesten Läufer der Welt müssen es mit ihr aufnehmen!«, warf er noch über die Schulter.

Flanagan massierte sich das stoppelige Kinn. »Goldrichtig, Willard-Schätzchen.« Er hob die Hände, um eine unsichtbare Schlagzeile anzudeuten. »Miss Amerika im Trans-Amerika. Wir könnten sie von Kopf bis Fuß in Stars and Stripes stecken und nach dem Rennen mit ihr durch die Staaten tingeln.« Er lehnte sich zurück und starrte grübelnd ins Leere.

Zwei Telefone klingelten. Flanagan riss sich aus seinen Tagträumen und griff nach einem Apparat, der gefährlich schwankend auf seiner Stuhllehne stand. »Charles C. Flanagan«, sagte er zögernd. »Paramount Pictures!«, rief er aus. Er setzte sich kerzengerade auf und winkte den halb rasierten Willard heran. Die Hand über die Sprechmuschel gelegt, lauschte er minutenlang in den Hörer. »Paramount«, raunte er. »Die wollen, dass wir den Start ins Coliseum Stadion verlegen.«

Als er wieder zu sprechen begann, rutschte seine Stimme eine Oktave tiefer. »Das lässt sich schwer machen, Mr. Schenck. Wir haben hier zweitausend Läufer, die größte Teilnehmerzahl in der Geschichte des Profisports. Für ein Rennen solchen Ausmaßes scheint mir eine Aschenbahn von vierhundert Metern nicht der geeignete Start zu sein.«

Etwas von Willards Rasierseife war am Hörer klebengeblieben. Mit einem verärgerten Seitenblick wischte Flanagan sie weg.

»Und wie sähe die finanzielle Entschädigung aus?«, fragte er, und seine Miene hellte sich auf. Hartnäckig drängte sich Willard gegen den Hörer.

»Zehntausend Dollar? Das ist ganz unmöglich. Fünfzehn? Nein, wirklich, ich kann den Start des Trans-Amerika auf keinen Fall aufs Spiel setzen …« Seine Stimme erstarb, und wieder legte er die Hand über den Hörer. Willard zupfte ihn am Ärmel.

»Nimm es, Boss«, flüsterte er. »Um Gottes willen, nimm es!«

Ungerührt presste sich Flanagan den Hörer ans Ohr. »Doch, ich weiß, dass wir eine Abmachung haben, aber von einem Start im Coliseum war nicht die Rede. Fünfundzwanzigtausend? Sagen wir dreißig, und die Sache ist geritzt.« Willard hörte, wie die Stimme am anderen Ende der Leitung lauter wurde. Flanagan legte eine dramatische Pause ein.

»Dreißigtausend? Wenn ich das bis heute Mittag schriftlich hier im Plaza auf dem Tisch habe, sind wir uns einig. Ja, es ist mir eine große Freude und Ehre, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Mr. Schenck.«

Er hängte ein und legte sich mit über dem Bauch gefalteten Händen im Sessel zurück.

»Willard«, sagte er, »ich glaube, wir sitzen auf einer Goldmine.«

»Aber das Coliseum, Boss? Zweitausend Leute in einem Stadion mit einer 400-Meter-Bahn?«

»Kein Problem. Die rennen außerhalb des Stadions los, drehen ein paar Runden im Coliseum, und dann nichts wie ab in die Pampa Richtung Pomona. Sieh es mal so: Besser, als auf der Straße zu starten. Wir können Eintritt verlangen. Und denk mal an die Catering-Lizenzen – Hot Dogs, Coke, Popcorn … Wieso habe ich nicht schon früher daran gedacht? Und wieso du nicht, Willard?«

Achselzuckend watschelte Willard ins Bad zurück.

Wieder klingelte das Telefon. »City Police?« Flanagans Gesicht verdüsterte sich. Einen Moment lang horchte er angestrengt in den Hörer. »Nur, damit wir uns richtig verstehen, Kommissar Flaherty. Sie wollen mir ernsthaft sagen, die chinesischen Läufer pinkeln auf Ihre Straßen? Irgendwelche bestimmten Straßen? Ah, verstehe. Alle Straßen. Ich verspreche Ihnen, Herr Kommissar, ich werde mit denen ein ernstes Wörtchen reden. Mal unter uns, ich glaube, es könnte so eine Art religiöser Brauch sein, und ich möchte sie nicht vor den Kopf stoßen. Wo ich Sie schon einmal dran habe: Es wäre eine große Ehre, wenn Sie und Ihre reizende Gattin bei der feierlichen Eröffnung dabei wären. Ich darf vielleicht erwähnen, dass Miss Mary Pickford und Mr. Douglas Fairbanks ausdrücklich darum gebeten haben Ihre Bekanntschaft zu machen. Schön, dass Sie es einrichten können, Sir.«

Er hängte ein. »Und wie sie darum gebeten haben«, murmelte er, derweil Willard durch die Lochstreifenhaufen stolperte und sich Aftershave auf die weichen Pausbacken klopfte. »Dieser dämliche Kathole hat gleich in der ersten Woche fünfzig von unseren Jungs ins Kittchen gesteckt, weil sie öffentliches Gelände verschmutzt haben. Hat mich hundert Piepen gekostet, ihn milde zu stimmen.«

Flanagan sah sich ermattet um, griff nach einem Knäuel Lochstreifen und hielt es in die Höhe. »Müssen wir eigentlich in so einem Saustall hausen, Willard? Wir zahlen fünfzig Dollar pro Tag, Herrgott noch mal.« Er langte nach dem Telefon. »Zimmerservice? Schicken Sie verdammt noch mal jemanden rauf, der die Bude hier saubermacht, und zwar dalli!«

Wieder läutete ein Telefon. Diesmal ging Willard dran. Er horchte einen Moment in den Hörer und legte mit verdatterter Miene auf.

»Boss«, sagte er, »ein Mr. Seidlitz lässt wissen, die Zwerge seien gebucht. Einhundert Zwerge. Was, bitte, sollen wir mit einhundert Zwergen?«

Flanagan warf seinem Assistenten einen verächtlichen Blick zu. »Hab ich dir das nicht erzählt? Das Rennen endet am 6. Juni im Madison Square Garden. Bevor die Läufer eintreffen, gibt’s ’ne kleine Varietévorstellung. Du weißt schon, Akrobaten, ein Muskelmann. Ich habe einen Türken gefunden, der kann einen Elefanten hochheben. Keinen Riesenelefanten, aber was soll’s, Elefant ist Elefant. Zum großen Finale, ehe die Läufer kommen, lassen wir Zwerge auf Ponys durchs Stadion galoppieren. Das hat’s noch nie gegeben. Eine absolute Premiere in der Geschichte des Sports.«

Ehe er noch weiter ausholen konnte, klopfte es an der Tür, und ein Hotelpage steckte den Kopf ins Zimmer.

»Mr. Flanagan, Sir, Ihre Pressekonferenz beginnt in einer Stunde im Coolidge-Saal.«

Flanagan machte eine wedelnde Handbewegung über die Schulter. »Ich werde da sein. Willard, ich will noch einen Blick auf die Presseliste werfen, ehe du alles fertig machst. In einer Stunde treffen wir die Damen und Herren der Weltpresse.«

Mit gerunzelter Stirn ließ Flanagan den Blick über Willards Liste wandern. Einhundertachtzig Journalisten aus aller Herren Länder, darunter viele, die seit Athen 1896 keine Olympischen und kein sportliches Großereignis ausgelassen hatten. Als er seine Idee vom Trans-Amerika-Lauf 1930 publik gemacht hatte, war das Presseecho höchst unterschiedlich gewesen und hatte von Unglauben bis Spott gereicht. Natürlich gab es auch die reinen Seelen, die den Wettlauf für bare Münze und als willkommene Gelegenheit nahmen, das Spesenkonto der nächsten drei Monate aufzubessern. Die waren spielend rumzukriegen. Aber es gab auch andere, knallharte Journalisten, die mit Sportberichterstattung nichts am Hut hatten und für die diese Veranstaltung nichts anderes war als ein weiterer Sport-Klamauk der dreißiger Jahre, wie Stierkampf in der Bronx oder Unterwasserbaseball. Diese Kerle mussten mit Samthandschuhen angefasst werden.

Die Presse war für den Trans-Amerika unerlässlich, und von Los Angeles bis nach New York musste sie benutzt und bei Laune gehalten werden. Er knüllte die Presseliste zusammen und schleuderte sie quer durch den Raum. Sie verfehlte den Papierkorb knapp und hüpfte in eine Zimmerecke.

Um punkt halb drei rückte Charles C. Flanagan seine perlenbesetzte Krawattennadel zurecht, strich das Einstecktuch seines tadellosen grauen Doppelreihers glatt und blickte auf die murmelnde, kritzelnde Journalistenmenge hinunter. Der Calvin-Coolidge-Saal glich einer Gipfelkonferenz des internationalen Sportjournalismus. Der Trans-Amerika-Lauf hatte Reporter aus aller Welt zusammengebracht, die außerhalb der Olympischen Spiele so gut wie nie aufeinandertrafen. Jetzt wuselten sie unter lautem Hallo durcheinander, schwatzten, machten sich Notizen und warteten auf das Startzeichen. Der Saal selbst hatte etwas Nüchternes, Majestätisches: braune Ledersessel und eichengetäfelte Wände, an denen Ölporträts der früheren Präsidenten prangten. An der Wand hinter dem Podest, auf dem Flanagan stand, hing ein Bild von Coolidge selbst, das ihn in ein dickes Buch versunken zeigte, welches sich bei näherem Hinsehen als Telefonbuch entpuppte.

Links neben Flanagan saßen Willard und, bewaffnet mit Stift und Notizblock, die hübsche Blondine Dixie Williams. Rechts saß ein glatzköpfiger, braungebrannter Mann in Nadelstreifen.

Viele der Journalisten kannte Flanagan gut, und sie kannten ihn. Mit Zeige-, Mittelfinger und Daumen beider Hände stemmte er sich auf die Tischplatte, trat einen Schritt zurück und richtete sich auf. Ein Blitzlichtgewitter brach los, und Kameras tanzten um ihn herum. »Hierher, Flanagan«, rief eine Gruppe Fotografen, und Flanagan drehte sich nach rechts und bleckte sein weißes Gebiss zu einem starren Lächeln. Dann wandte er sich nach links und hob mit nach oben geöffneten Handflächen die Arme: Flanagan, das menschliche Füllhorn, der Quell allen Heils.

»Gentlemen, Gentlemen«, sagte er, gebot den Fotografen mit einer wedelnden Handbewegung zurückzutreten und nahm Platz. »Lassen Sie uns mit der Tagesordnung fortfahren.« Er schlug mit einem schweren Holzhammer auf den Tisch, doch es dauerte eine ganze Minute, ehe das Murmeln verebbte. »Könnte ich die erste Frage haben, bitte?«

»Wie lang ist die Strecke?«, rief ein Journalist.

»3.146 Meilen und 220 Yards«, entgegnete Flanagan wie aus der Pistole geschossen. »Das sind 5.062 Kilometer und 134 Meter.«

»Sind Sie sich bei den Metern ganz sicher?«, rief der Mann zurück, den Flanagan als Frank Pollard vom St. Louis Star erkannte, ein Veteran des amerikanischen Sportjournalismus.

»Ich möchte nicht drauf wetten, Frank. Aber wenn Sie es auf den Zentimeter genau wissen wollen, schicke ich gleich morgen früh unseren Landvermesser los.« Gelächter erscholl, und Flanagan zeigte auf den nächsten Fragesteller in der Mitte des Saales.

»Charles Rae, Washington Post. Wie hoch ist das Preisgeld für den ersten Platz?«

»150.000 Golddollar, zugesichert von der National Bank of Amerika«, antwortete Flanagan.

»Und die anderen Preise?«, fragte Rae und blieb stehen.

»Das geht von fünfzigtausend Dollar für den zweiten bis zweihundert Dollar für den hundertsten Platz. Die Gesamtsumme beläuft sich auf 360.000 Dollar. Ein hübsches Sümmchen.«

Unter aufgeregtem Murmeln wurde das Preisgeld in Pfund, Mark und Francs umgerechnet.

Wieder hämmerte Flanagan Ruhe gebietend auf den Tisch.

»Man kann also sagen, dies ist der am höchsten dotierte Wettlauf aller Zeiten?«

»Und ob man das sagen kann«, grinste Flanagan. »Ich bestehe sogar darauf.«

»Wie hoch ist die Teilnahmegebühr?«, fragte Pollard.

»Zweihundert Dollar pro Nase.«

Bohrend richtete Pollard seine Bleistiftspitze auf Flanagan. »Ist das nicht ein bisschen viel angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Lage?«

Flanagan stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. »Die Zeiten sind hart, Gentlemen. Bitte bedenken Sie, dass wir drei volle Mahlzeiten pro Tag bereitstellen müssen, und das fast drei Monate lang. Ihr werdet sehen, Leute: Schon allein fürs Essen lohnt es sich, mitzumachen!«

Er hob die Hand, um das Gemurmel zu stoppen.

»Spaß beiseite, meine Herren. Ich musste doch wissen, ob die Teilnehmer es ernst meinen, und zweihundert Dollar sind der beste Beweis dafür. Die meisten werden sowieso von ihren jeweiligen Ländern oder Nationen gefördert. Nächste Frage, bitte.«

Er zeigte in das Dickicht gereckter Hände.

»Wie viele Kilometer werden pro Tag zurückgelegt?«, rief jemand von der Rückseite des Saales.

»Im Schnitt achtzig, aufgeteilt in zwei Etappen. Das Minimum sind achtundvierzig, das Maximum achtundneunzig Kilometer. Dürfte ich Sie bitten, sich vorzustellen, meine Herren? Wir wollen doch die Form wahren.«

»James Ferris, The Times, London. Hat je ein Mensch über einen langen Zeitraum solche Strecken zurückgelegt?«

Flanagan hatte die Frage erwartet und reckte sich prompt. »Ich glaube, der Herr neben mir kann das besser beantworten. Hier vorn bei uns sitzt Doc Cole, der Vater des amerikanischen Dauerlaufs. Jedem, der die Sache über die Jahre verfolgt hat, ist Doc ein Begriff. Bei den Spielen 1904 und 1908 ist er für Uncle Sam Marathon gelaufen und ist seitdem Profi. Könnten Sie die Frage beantworten, Doc?«

Gemächlich stemmte sich »Doc« Cole aus seinem Stuhl. Die Bogenlampen spiegelten sich auf der braungebrannten Glatze. In seinem ordentlichen Nadelstreifenanzug sah er eher wie ein Verkäufer denn wie ein Sportler aus. »Könnten Sie die Frage wiederholen?«, bat er in leichtem Midwestern-Ton.

»Hat es je einer auf achtzig Kilometer täglich gebracht, Doc?«

»Jedenfalls nicht lange«, entgegnete Doc. Ein kurzes Lachen ging durch die Menge. »Mein Paps hat mir mal von einem Typen erzählt, einem Yankee namens Edmund Payson Weston. Der konnte acht Kilometer pro Stunde gehen, und das bis zum Sankt Nimmerleinstag, aber keinen Kilometer schneller. Das muss um das Jahr 1880 gewesen sein. Ungefähr fünf Jahre später ist er mal fünftausend Kilometer quer durch Amerika gegangen, fünfundsechzig Kilometer täglich. Dann gab es in meiner Kindheit noch die alten Sechstagegeher. Die Besten von denen schafften um die hundertsechzig Kilometer pro Tag, sechs Tage hintereinander, in irgendwelchen Arsenalen im Osten.«

»Hundertsechzig Kilometer pro Tag?«, fragte ein Reporter und machte sich eifrig Notizen.

»So ist es. ›Eierlauf‹ wurden diese Sechstageläufe genannt, weil die meisten von denen sich die Eier wund gingen.«

»Aber bisher ist noch niemand achtzig Kilometer pro Tag durch Amerika gelaufen, richtig?«, insistierte der Journalist.

»Nicht dass ich wüsste«, entgegnete Doc.

Unter Murmeln und Papiergeraschel tauschten die Journalisten sich aus.

»Danke, Doc«, sagte Flanagan und nutzte die Fragepause. »Bei der Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass Doc aufgrund seiner fundierten Dauerlauf-Kenntnisse morgen eine gesonderte Pressekonferenz gibt. Nächste Frage, bitte.«

»Forrest, Chicago Tribune.« Ganz hinten im überfüllten Saal erhob sich der Mann, dessen Frage zuvor niemandem zuzuordnen gewesen war. »Wie sieht die medizinische Versorgung für die Läufer aus?«

»Es gibt zehn vollausgebildete Ärzte unter der Leitung von Dr. Maurice Falconer vom Los Angeles City Hospital, dazu zwanzig Masseure. Und Sie dürfen nicht vergessen, Gentlemen, dass viele der Teilnehmer ihre eigenen Ärzte und Masseure mitbringen.«

»Was passiert mit denjenigen, die schlappmachen? Wie kommen die nach Hause?«, fragte Forrest weiter.

»So gut sie eben können«, entgegnete Flanagan. »Meine Herren, dies ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Trans-Amerika-Lauf ist keine Wohlfahrtsveranstaltung. Diese Sportler haben sich aus einundsechzig Ländern von überall her auf den Weg gemacht, um hier herzukommen. Manche sind arbeitslos, andere haben ihre Häuser verkauft, ihre Frauen und Kinder zurückgelassen, um bei diesem Rennen dabei zu sein. Das sind echte Kerle, Gentlemen. Sie wissen, dass sie sich auf ein Glücksspiel einlassen, denn niemand hat es jemals fünftausend Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten geschafft. Es sind Sportler – und es sind Spieler. Sie wetten darauf, dass ihre Körper drei Monate lang achtzig Kilometer pro Tag aushalten.«

»Und Sie, Flanagan, gehen Sie auch eine Wette ein?«, kam es aus der Mitte des Saales.

»Na, und ob – dass zumindest einer es bis ins Ziel schafft!«

»Campbell, Glasgow Herald. Bei uns kennt man sich mit Profiwettlauf ziemlich gut aus, und erfahrungsgemäß geht es dabei ganz schön korrupt zu. Wie wollen Sie Betrug verhindern?«

Flanagan spitzte die Lippen. »Jede Etappe des Rennens wird von einem Dutzend Beamten überwacht. Wer sich von Trucks oder Autos mitnehmen lässt, wird sofort disqualifiziert.«

»Glenda Farrell, Woman’s Home Journal. Wie viele Frauen nehmen am Rennen teil, Mr. Flanagan?«

»Einhunderteinundzwanzig.«

»Sind für die Frauen Extrapreise vorgesehen?«

»Nein«, antwortete Flanagan. »Frauen wollen doch immer beweisen, dass sie es den Männern gleichtun können. Jetzt haben sie ihre Chance.«

»Wie lang ist die längste je von einer Frau zurückgelegte Strecke, Mr. Flanagan?«

Flanagan warf einen Blick auf seine Notizen. »Die längste Olympiastrecke beträgt achthundert Meter. Eine halbe Meile ungefähr.«

»Und hat es bei den Olympischen Spielen in Amsterdam wegen der entsetzlichen Verfassung der Teilnehmerinnen nach dem Achthundert-Meter-Lauf nicht Proteste gegeben?«

Flanagan machte ein ratloses Gesicht und beriet sich flüsternd mit Willard. Dann sagte er: »Wie gehen davon aus, dass unsere Teilnehmerinnen gründlich für den Trans-Amerika trainiert haben. Es wird sich zeigen, ob ihr Training gründlich genug war. Nächste Frage.«

»Werden den Läuferinnen Anstandsdamen zur Seite gestellt?«, fragte Miss Farrell weiter.

»Fünf Damen eines bekannten Stifts werden diese Aufgabe übernehmen, angeführt von Miss Dixie Williams.« Er nickte nach links zu dem jungen Mädchen, das Hugh McPhail zuvor bei der Anmeldung getroffen hatte.

»Und wer macht ihr die Anstandsdame, Flanagan?«, fragte jemand.

»Ich will so tun, als hätte ich diese Frage nicht gehört, Mr. Grose«, lächelte Flanagan und hielt nach der nächsten Frage Ausschau.

»Howard, Chicago Star.« Vorn im Saal erhob sich bleistiftkauend der bekannteste Baseball-Reporter der Ostküste. »Ich habe mir mal die Strecke angesehen, Mr. Flanagan, und werde daraus nicht wirklich schlau. Wieso haben Sie keinen direkten Weg von West nach Ost gewählt?«

»Dafür gibt es zwei Gründe, Sir. Zum einen wollte ich, dass die Teilnehmer die vielfältige Schönheit unseres Landes kennenlernen. Zum zweiten haben einige Städte ausdrücklich darum gebeten, die Trans-Americans bei sich willkommen zu heißen.«

»Gibt es da nicht noch einen Grund, Flanagan?«, fragte Howard. »Muss nicht jede größere Stadt entlang der Strecke eine sogenannte ›Gebühr‹ entrichten?«

Flanagan wurde rot. »Wenn Sie damit meinen, dass einige Städte dafür zahlen, um auf unserer Strecke zu liegen, dann haben Sie recht. Die Bürgermeister sind der Meinung, der Trans-Amerika-Lauf sei gut fürs Geschäft, und ich habe ihnen die Lizenz für sämtliche Veranstaltungen erteilt. Das heißt zwar, dass die Strecke manchmal alles andere als direkt ist, aber dafür haben wir mehr Preisgeld im Pot.«

»Erzählen Sie uns noch ein bisschen mehr über dieses Preisgeld, Flanagan«, fuhr Howard fort.

Flanagan war sichtlich erleichtert. Er war gerade noch einmal davongekommen. »Für manche Etappen sind Preisgelder zwischen dreihundert und eintausend Dollar ausgesetzt. Coca-Cola zum Beispiel hat eine Prämie von dreitausend Dollar für die Mojavewüste bereitgestellt, und General Motors eintausend Dollar für den König der Berge in den Rockies. Doch vergessen Sie nicht, meine Herren, den Trans-Amerika gewinnt der- oder diejenige mit der geringsten Durchschnittszeit auf der gesamten Strecke, wie bei der Tour de France.«

Carl Liebnitz von der New York Times stand auf. Der hagere, braungebrannte, weißhaarige Liebnitz galt als eine regelrechte Spürnase für Lug und Trug. Im Grunde war er gar kein Sportreporter, sondern genoss das seltene Privileg, sich für seine wöchentliche Kolumne über nationalen und internationalen Klatsch ein x-beliebiges Thema suchen zu dürfen. »Stimmt es, dass Sie auch einen Zirkus dabei haben, in dem –«, er griff nach einer Presseerklärung, »Madame La Zonga, die samoanische Schlangenfrau, Fritz, das sprechende Maultier, und der Schrumpfkopf des mexikanischen Banditen Emiliano Zapata zu sehen sind?«

»So ist es«, antwortete Flanagan. »Und dann sind da noch die Jungle-Dodgers, die ersten baseballspielenden Schimpansen.«

Liebnitz konnte sich eine Grimasse nicht verkneifen. »Darf ich Sie höflichst fragen, was zum Henker ein Haufen Freaks mit einem seriösen Wettlauf zu tun hat?«

»Von hier bis nach New York geht es einzig und allein um Unterhaltung«, entgegnete Flanagan. »Mein Ziel ist es, aus jedem Meter und jeder Minute dieses Rennens eine Show zu machen. Und wenn die Läufer müde sind, ist Madame La Zonga gefragt. Hier geht’s nicht um College-Leichtathletik, meine Herren; das hier ist Unterhaltung pur.«

Kopfschüttelnd setzte sich Liebnitz wieder.

Als Nächster erhob sich Albert Kowalski vom Philadelphia Globe, ein stämmiger Kerl mit Bürstenschnitt. »Sir, in einem Jahr wird Los Angeles die Olympischen Spiele 1932 austragen, eine Amateurveranstaltung. Glauben Sie nicht, dass Ihr Trans-Amerika-Profi-Dauerlauf die Vereinigten Staaten um die eine oder andere Goldmedaille bringen wird?«

Flanagan stemmte die Fäuste auf den Tisch, und die Fotoapparate klickten. »Gute Frage«, antwortete er obenhin und ließ seine großen Zähne blitzen. »Erstens leben wir in einer freien Welt. Von Olympiamedaillen wird man nicht satt, und wenn einer unserer Landsleute beschließt, sein großes Glück beim Trans-Amerika zu versuchen, statt einer Goldmedaille nachzujagen, dann ist das seine Sache. Und zweitens, wann hat Amerika zuletzt Gold bei einem Olympiamarathon gewonnen?«

Niemand antwortete.

»Ich will’s Ihnen verraten. 1908, als Johnny Hayes Dorando Pietri bei den Londoner Spielen geschlagen hat. Das ist verdammt lange her, Gentlemen. Seien wir mal ehrlich. Wir Yankees können sprinten und springen und werfen, aber nicht Marathon laufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Fünftausend-Kilometer-Rennen uns auch nur einen lumpigen Sprinter oder Kugelstoßer kostet. Sie etwa?«

Es herrschte Schweigen. Flanagan hatte ins Schwarze getroffen.

Wieder erhob sich Liebnitz. »Carl Liebnitz. Wie ich sehe, ist unter den Teilnehmern ein neunzehnjähriger Mexikaner, Juan Martinez. Über ihn als Sportler ist nichts bekannt. Können Sie uns irgendwelche Hintergrundinformationen zu Mr. Martinez geben?«

Flanagan lehnte sich zu Willard hinüber und tauschte sich flüsternd mit ihm aus.

»Ich fürchte, damit kann ich nicht dienen, Carl. Wir wissen nur, dass er der einzige Mexikaner im Rennen ist und von seinem Dorf Quanto gesponsert wird.«

»Pollard noch mal. Ich glaube, ich kann Ihnen da weiterhelfen, obwohl …«, er drehte sich zu den Journalisten um. »Ich weiß nicht, ob ich meinen verehrten Kollegen helfen sollte. Quanto liegt mitten in einem Hungergebiet. Ich habe mit Martinez gesprochen. Soweit ich weiß, nimmt er am Trans-Amerika teil, um sein Dorf vor dem Verhungern zu retten.«

Flanagans Blick glitt einmal schnell durch den Raum. »Da haben Sie Ihre Geschichte, meine Herren«, lächelte er.

»Hier noch mal Kowalski. Wie werden die Läufer untergebracht?«

»In den nächsten Tagen sehr feudal in Hotels. Unterwegs wohnen sie in zwanzig eigens für sie konstruierten Zelten zu hundert Pritschen pro Zelt.«

»Und was ist mit der Presse?«, erkundigte sich Kowalski.

»Ford Motors hat sechs dreißigsitzige Busse zur Verfügung gestellt. Und um Ihre Unterkünfte in den Städten hat sich jeder von Ihnen selbst gekümmert.« Die Fragepausen wurden allmählich größer, und ein paar Reporter zwängten sich zum hinteren Teil des überfüllten Saales, um ihren Redaktionsschluss nicht zu verpassen.

»Rae mein Name. Was ist bezüglich der Verpflegung der Teilnehmer vorgesehen?«

Flanagan blätterte durch einen Stoß Papiere und zog eines heraus. »Für das leibliche Wohl sorgen internationale Spitzenköche, die wir eigens aus Europa haben kommen lassen«, antwortete er. »Außerdem ist unser medizinischer Leiter Dr. Maurice Falconer, einer der führenden Ernährungsexperten Amerikas, auch als Ernährungsberater zuständig.«

»Wie sieht’s mit Getränken aus?«, fragte Liebnitz.

»Vor allem in den Wüstengebieten ist die ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit natürlich unerlässlich«, sagte Flanagan. »Maxwell House ist für sämtliche Heißgetränke zuständig und wird uns mit ihrem eigens dafür gebauten Getränkewagen, dem Maxwell House Coffee Pot, bis nach New York begleiten. Für die Erfrischungsgetränke sorgt Sport Ade, der brandneue Sportlerdrink.«

»Können Sie uns irgendetwas über die Williams’ All-Americans sagen?«

Flanagan griff nach einem Zettel und las davon ab. »Die All-Americans sind eines von fünfzehn Teams, von denen die meisten entweder von Firmen oder von Bundesstaaten gestellt werden. Oklahoma und Arizona zum Beispiel sind mit ziemlich starken Teams dabei.«

»Und wozu bitte Teams, Mr. Flanagan? Ich denke, bei Ihnen treten keine Teams gegeneinander an«, fragte der Times-Reporter Ferris streitlustig.

»Das stimmt. Die Teams sollen Werbung für ihre Sponsoren machen. Jedes Mitglied bekommt ein Gehalt plus eine Prämie, wenn es unter den Ersten ist.«

»Was wissen Sie über das deutsche Team?« Der Fragende war wieder Liebnitz.

Abermals blätterte Flanagan durch seinen Zettelstapel. »Das Team ist ziemlich jung«, sagte er schließlich. »Es gehört zu einer Vereinigung namens Hitlerjugend und besteht aus jungen Männern zwischen neunzehn und einundzwanzig, die von ihrem Manager Herrn von Moltke und dem Arzt Eric Nett betreut werden.«

»Können die irgendetwas vorweisen?«, fragte Ferris.

»Nur das Ausscheidungsrennen über hundert Kilometer – etwa zweiundsechzig Meilen –, das über die Aufnahme in das Team entschieden hat.«

»Könnte man es als deutsches Nationalteam bezeichnen, Flanagan?«

»Nicht direkt. Herr Hitler ist ein aufstrebender Politiker, und die Jugendbewegung gehört zu seiner Polit-Kampagne.«

»Noch mal Rae. Wie viele Olympiamedaillengewinner stehen auf Ihrer Teilnehmerliste?«

Flanagan raschelte mit seinen Papieren.

»Bei der letzten Zählung waren es zwanzig.«

»Gut und schön. Aber wie viele werden auch wirklich starten?«, fragte Howard vom Ende des Saales.

»So viele es wagen wollen«, sagte Flanagan und beugte sich vor.

Einen Moment lang war seine liebenswürdige Miene wie weggeblasen. »Hand aufs Herz. Dieser Amateur-Zauber ist doch völliger Humbug. Der Grund, warum einige sogenannte Amateure nicht beim Trans-Amerika mitlaufen wollen, ist, dass sie als Amateure zweioder dreitausend Mäuse pro Jahr machen können, sicheres Einkommen, steuerfrei, und das jahraus, jahrein. Dafür müssen sie noch nicht mal gewinnen, sondern gottverdammt einfach nur antreten! Bei mir müssen sie sich für jeden Dollar die Zunge aus dem Hals laufen. Von nix kommt nix.«

»Munaur, Paris Match. Ist etwas an dem Gerücht, dass Paavo Nurmi, der Fliegende Finne, am Trans-Amerika teilnehmen wird?«

Flanagan schürzte die Lippen. »Freunde, alles, was ich euch sagen kann, ist, dass Mr. Nurmi zur Zeit mit seinem Manager Mr. Quist in San Francisco ist und eine Teilnahme erwägt. Er hat soeben eine anstrengende Amerika-Tour hinter sich und will demnächst mit seinem Training für die kommenden Olympischen Spiele beginnen. Fest steht, dass er ernsthaft über die Sache nachdenkt.«

»Wollen Sie damit sagen, Flanagan, dass sich Nurmi als Amateur die Trans-Amerika-Teilnahme womöglich nicht leisten kann?«, rief ein Reporter.

Flanagan grinste. »Kein Kommentar.«

»Kevin Maguire, Irish Times.« Ein untersetzter Mann in Tweed erhob sich. Sein breiter irischer Akzent ließ viele der im Gehen begriffenen Journalisten noch einmal aufhorchen. »Mr. Flanagan, stimmt es, dass der britische Olympionike Lord Peter Thurleigh am Trans-Amerika teilnimmt?«

Ein Raunen ging durch den Saal. Flanagan ließ sich Zeit, um die Spannung auszukosten.

»Gestern«, hob er an, »hatte ich die große Ehre, zum ersten Mal mit dem britischen Olympiakämpfer von 1924 und 1928, Lord Peter Thurleigh, zusammenzutreffen. Dank einer Sonderregelung genießt er die Gastfreundschaft des Britischen Konsuls und muss sich nicht dem öffentlichen Rummel unseres Trainingscamps aussetzen.«

Liebnitz erhob sich. »Können Sie uns einen vernünftigen Grund nennen, Mr. Flanagan, weshalb ein englischer Adliger seinen Amateurstatus verlieren und drei Monate lang mit ein paar tausend Hobos und einer Freakshow quer durch Amerika traben sollte?«

Flanagan schwieg einen Moment. »Meines Wissens nach«, sagte er und versuchte sich in einem englischen Akzent, »hat Lord Peter mit einer Gruppe englischer Adliger einhunderttausend Pfund darauf gewettet, unter den ersten sechs zu sein.«

»Einhunderttausend Pfund? Das sind wie viel US-Dollar?«, fragte Kowalski.

»Dem gestrigen Wechselkurs zufolge ungefähr vierhunderttausend«, antwortete Flanagan. »Der größte Einsatz in der Geschichte des Wettlaufs.«

Endlich hatten die Journalisten ihre Story. Alles drängte zu den Telefonen im Foyer und ließ eine Reihe umgekippter Stühle zurück. Die Konferenz war zu Ende.

Flanagan biss das Ende seiner Zigarre ab und spuckte es in Richtung Papierkorb. Dieses Mal traf er mitten hinein. Strahlend beugte er sich vor und ließ den Blick über das Durcheinander aus umgeworfenen Stühlen und zerknülltem Papier wandern. Die erste Hürde war mit einiger Bravour genommen.

In einem roten gepunkteten Seidenpyjama hockte Carl Liebnitz im Schneidersitz gegen die Kissen gelehnt auf seinem Bett und hielt ein Klemmbrett mit seinem Trans-Amerika-Bericht auf den Knien. Nachdenklich kaute er auf seinem Bleistift.

Liebnitz hatte Clarence Darrows Scopes-Prozess verfolgt, Lindbergh nach Paris begleitet und war dabei gewesen, als Douglas MacArthur den Hooverville-Aufruhr niederschlug. Sein Herausgeber hatte ihn angewiesen, den Trans-Amerika-Lauf als den Zirkus bloßzustellen, der er war, und das bedeutete, zwei Mal wöchentlich dreihundert Worte, scharf und knackig. Aus Flanagan wurde er noch nicht schlau. Keine Frage, dieser Ire war ein Trickser; schwer zu sagen, wie hoch die Chancen standen, dass er seinen skurrilen Haufen quer durch Amerika kriegte, aber es sah nicht gut aus. Und genau das würde er der amerikanischen Öffentlichkeit sagen. Er rückte das Kissen zurecht, zog die Knie an und begann langsam zu schreiben.

LOS ANGELES, 19. MÄRZ 1931

Zwar ist Mr. Charles C. Flanagan dem Verfasser dieser Kolumne schon seit geraumer Zeit bekannt, doch dass ausgerechnet besagter Flanagan dazu berufen sein sollte, eine Veranstaltung von der Dimension des Trans-Amerika-Laufes auf die Beine zu stellen, ist ihm neu. Der fünfundvierzigjährige irischstämmige Amerikaner, dessen Vater dreißig Jahre lang Streife in der New Yorker Eastside gelaufen ist, machte das erste Mal während des Red-Sox-Skandals 1919 von sich reden, als er in der Absicht, »dem Baseball seine Würde zurückzugeben«, eine Frauenbaseballmannschaft namens Tallahassee Tigerbelles gründete. Bedauerlicherweise zeigten einige der Tigerbelles mehr Talent fürs Kinderkriegen als für Baseball: 1921 löste sich das Team auf, und Mr. Flanagan hatte mindestens zwei Vaterschaftsklagen am Hals.

1923 tauchte Flanagan dann in New Orleans mit einer Gruppe zwergwüchsiger Schlammcatcher auf, die er schließlich an einen Zirkus verkaufte. Eine Zeitlang managte er einen Boxer, der den vielversprechenden Namen »Der junge John L. Sullivan« trug, aber leider kein annähernd so vielversprechendes Talent aufwies. »Der junge John L.« ging beim ersten Schlag eines Bankangestellten aus Milwaukee auf die Bretter und wurde zuletzt in einer Männerrevuetruppe namens »Der sterbende Galan« gesehen.

Als er 1927 vorübergehend zum Manager der entzückenden Tennisspielerin Miss Suzanne Lamarr avancierte, schienen rosigere Zeiten anzubrechen, die jedoch mit seinem Versuch, den europäischen Mannschaftssport Fußball nach Amerika zu importieren, ein jähes Ende fanden. Fußball, man stelle sich vor! Doch allen bisherigen Schlappen zum Trotz präsentiert sich Charles C. Flanagan nun mit seinem Trans-Amerika-Lauf, bei dem es zweitausend Läufer für ein Preisgeld von 360.000 $ zu Fuß von Los Angeles nach New York schaffen sollen.

Zu diesem Zweck hat sich eine äußerst bizarre Schar zusammengefunden. Zwar sind unter den zweitausend Teilnehmern auch einige der besten Langstreckenläufer der Welt, doch ebenso einhunderteinundzwanzig Frauen, ein Hindu-Fakir, sechzehn Blinde, drei ohne Arme, zwanzig Großväter, einundsechzig Vegetarier und ein Spiritist, der glaubt, vom längst verstorbenen indianischen Läufer Deerfoot erleuchtet zu sein. Ganz zu schweigen von Madame La Zonga, Fritz, dem sprechenden Maultier, und der Schimpansen-Baseballmannschaft, die die Läufer auf ihrem Weg nach New York begleiten werden.

Etwas Derartiges hat es wohl seit Peter dem Eremiten und seinem Kinderkreuzzug nicht mehr gegeben. Man kann nur hoffen, dass Mr. Flanagan ein glücklicheres Händchen als sein illustrer Vorgänger beweist.

CARL C. LIEBNITZ

3Der Broo-Park

Das erste Mal, dass Hugh McPhail vom Trans-Amerika-Lauf gehört hatte, war in der Halbzeit eines Sixpence-Fußballmatches auf dem Glasgow Green gewesen, einer brachen Freifläche, die alle nur den »Broo-Park« nannten. »Broo« war der Jargonname für das Arbeitsvermittlungsbüro, das sämtliche zweiundzwanzig Spieler getreulich jeden Donnerstag aufsuchten, um sich die paar Shilling Stütze abzuholen, die sie und ihre Familien über die nächste Woche bringen sollte.

Der raue Winter des Jahres 1930 bot den Glasgower Arbeitslosen wenig Abwechslung. Man hatte die Wahl zwischen öffentlicher Bibliothek, Parkbank, Straßenecke, Wettbüro und Pub. Viel mehr gab es nicht.

Die Bibliothek war einer der wenigen beheizten Orte der Stadt, und von neun Uhr morgens, wenn sich die Türen öffneten, bis sieben Uhr abends, wenn sie sich wieder schlossen, bot ihre nüchterne Stille den Arbeitslosen Asyl. Es gab dreierlei Beschäftigungen. Zunächst einmal konnte man die Pferderennen in der Sportpresse studieren. Diese ernsthaften Studien bargen die winzige Hoffnung auf eine gewonnene Zweier- oder Dreierwette, die den Arbeitslosen zwar nicht reich, aber immerhin weniger arm machen würde. Bedauerlicherweise verfügte die Bibliothek nicht über die bei Spielern so beliebten Rennzeitungen wie Sporting Life. Einmal hatte Hughs Vater ihn mit seinem letzten halben Shilling zum Zeitungshändler geschickt, um eine zu kaufen. Als es keine gab, hatte Hugh einfach ein Comicheft mit seinen Lieblingshelden Wearie Willie und Tired Tim gekauft. Wutschnaubend hatte sein Vater ihm eine Abreibung verpasst. Doch noch am selben Abend wurde Hugh mit einer riesigen Tüte Süßigkeiten entschädigt: Sein Vater hatte in Aintree auf »Wearie Willie« und »Tired Tim« gesetzt und eins zu hundert gewonnen.

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