Finisterre - Claus Karst - E-Book

Finisterre E-Book

Claus Karst

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Beschreibung

Wie weit gehst du, um deine Frau zu retten? Die Frage muss sich Pascal Lambert stellen, als Leonie, seine Frau, einen Tag nach der Ankunft in ihrem Urlaubsort – einem mysteriösen, fremdenfeindlichen Bergdorf – verschwindet. Auch der Ehemann von Sophie Dumont, einer Belgierin und einzigem anderen Gast in dem Hotel in dem vergessenen Dorf am Ende der Welt, ist von einer Bergtour nicht zurückgekehrt. Bei ihrer Suche kommen Pascal und Sophie dem Geheimnis, welches das Dorf mit aller Macht zu schützen versucht, auf die Spur. Ehe sie sich versehen, ist ihr Leben in höchster Gefahr. Was können der mit den Ermittlungen beauftragte Kommissar Aubert und der geheimnisvolle Privatermittler Faucon am Ende der Welt ausrichten? Können sie die gewaltige Mauer des Schweigens durchbrechen? Wer steckt hinten den Ereignissen? Die Ermittlungen führen in die Welt geheimer Mächte.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ähnliche


Claus Karst

Finisterre

Eine Spurensuche

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Der Autor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Impressum neobooks

Das Buch

Wie weit gehst du, um deine Frau zu retten?

Die Frage muss sich Pascal Lambert stellen, als Leonie, seine Frau, einen Tag nach der Ankunft in ihrem Urlaubsort – einem mysteriösen, fremdenfeindlichen Bergdorf – verschwindet. Auch der Ehemann von Sophie Dumont, einer Belgierin und einzigem anderen Gast in dem Hotel in dem vergessenen Dorf am Ende der Welt, ist von einer Bergtour nicht zurückgekehrt. Bei ihrer Suche kommen Pascal und Sophie dem Geheimnis, welches das Dorf mit aller Macht zu schützen versucht, auf die Spur. Ehe sie sich versehen, ist ihr Leben in höchster Gefahr. Als der Bürgermeister des Dorfs einem Mord zum Opfer fällt spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu. Als sich auch Pascal zu Hause nicht mehr meldet, nutzt sein Vater, ein Oberstaatsanwalt, seine europaweiten Kontakte, um die Suche nach den Verschwundenenvoranzutreiben. Was können der mit den Ermittlungen beauftragte Kommissar Aubert und der geheimnisvolle Privatermittler Faucon am Ende der Welt ausrichten? Können sie die gewaltige Mauer des Schweigens durchbrechen? Wer steckt hinten den Ereignissen?

Die Ermittlungen führen in die Welt geheimer Mächte.

Personen und Handlung dieses Romans sind frei erfunden. Die Handlung ist jedoch mehr als eine Fiktion, wie immer wieder zu lesen und zu hören ist.

Der Autor

Claus Karst, 1940 in Essen geboren, lebt seit 45 Jahren mit seiner Familie am Rande des Sauerlands. Das Schreiben gehörte von Jugend an zu seinen Hobbys. Nach seinem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand widmete er sich verstärkt seiner Liebhaberei. Er nennt sich selbst Geschichtenerzähler, schreibt vor allem satirische, fantastische und zeitkritische Kurzgeschichten und Glossen. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien ist „Finisterre – eine Spurensuche“ sein zweiter Roman, in dem er ein heikles Thema verarbeitet.

Personen und Handlung dieses Romans sind frei erfunden. Die Handlung ist jedoch mehr als eine Fiktion, wie immer wieder zu lesen oder zu hören ist.

Kapitel 1

Ein jeder in der Stadt kannte das schmucke Einfamilienhaus mit dem auffallenden Walmdach, das der bekannte Architekt und Landtagsabgeordnete Hermann-Josef Markgraf am Friedenspark erbaut und bewohnt hatte. Ein liebevoll gepflegter Vorgarten, der die Hand kreativer Bewohner verriet, entzückte das Auge von Spaziergängern. Ein Balkon an der Vorderseite des Hauses mit Blumenkästen voll blühender Geranien zeigte auf die wenig befahrene Straße. Hinter dem Haus war eine Terrasse im Schatten einer gewaltigen Platane angelegt.

Als der Erbauer – des Alleinseins nach dem Tode seiner Frau müde – eine Wohnung in einem exklusiven Seniorenstift anmietete und zur gleichen Zeit seine geliebte Enkelin Leonie heiratete, vererbte er ihr sein Anwesen. Sie zog mit Pascal, ihrem Angetrauten, in das Haus ein.

Leonie hatte Kulturgeschichte studiert und betrieb mit ihrer besten Freundin Gitte eine Buchhandlung, an die ein mit anmutigen antiken Möbelstücken behaglich ausgestattetes Café angeschlossen war. An den Wänden hingen Gemälde regionaler Künstler und Künstlerinnen, die zum Verkauf feilgeboten wurden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sich das Café zum Szene-Treff entwickelt, der sich zudem immer mehr auch mit einem Kleinkunstprogramm einen Namen machte. Die Arbeit erfüllte Leonie, aber jede Erfüllung hatte ihren Preis. Für die Zweisamkeit mit Pascal blieb wenig bis keine Zeit. Sie waren inzwischen keine Jungverliebten mehr, die Arbeit ging vor, wann immer sie vorgehen musste.

Pascal Lambert war Kulturjournalist und Kritiker. Er schrieb freischaffend für mehrere Zeitungen und Magazine. Seine Honorare verschafften ihm ein auskömmliches Einkommen, das deutlich über dem Durchschnitt der Branche lag. Sein Beruf führte ihn zu vielen Veranstaltungen im Lande, über die er berichtete, oft mit spitzer Feder. Namhafte Künstler und Kulturmacher suchten seine Nähe, um sich bei ihm ins rechte Licht zu rücken, obwohl oder gerade weil die Höhe seiner Messlatte gefürchtet war. Lobbyisten und Schmeichler waren ihm zuwider. Er zählte nicht zu jenen, die Umgang mit solchen Menschen pflegten. Die Unabhängigkeit war für ihn ein bedeutsames Gut, sein berufliches Kapital.

Ihren siebten Hochzeitstag hatten Pascal und Leonie aus beruflichen Gründen nicht gemeinsam feiern können. Pascal war zu einem auswärtigen Interview mit einem bekannten Opernsänger, Leonie besuchte eine Antiquitätenmesse auf der Suche nach Schnäppchen für die Einrichtung des Cafés. Wieder daheim, stellten sie fest, dass sie sich offensichtlich wirklich in dem gern zitierten verflixten siebten Jahr befanden, damit auf dem direkten Weg, sich auseinanderzuleben. Das Thema anzusprechen, erschien ihnen zu riskant, Glatteis, auf das sie sich nicht begeben wollten. Daher schmorte das unausgesprochene Problem permanent unter der Oberfläche ihrer Ehe.

Meistens gelang es ihnen, sich nach einem Streit daran zu erinnern, dass sich guter Sex als wirksame Medizin gegen partnerschaftlichen Verdruss erweisen konnte. Von Anbeginn ihres Zusammenlebens hatten beide ein feines Gefühl entwickelt, dem anderen körperliche Sinnenfreude zu bereiten, Leonie allerdings mehr als Pascal. Ihm gelang es nur schwer, die Erziehung seines prüden Elternhauses abzuschütteln. Die verträumte Leonie hingegen konnte sich dabei von einer vollkommen anderen Seite zeigen, verweilte aber mit ihren Gedanken selbst beim Sex in einer Traumwelt, zu der sie ihm nur selten Zutritt gewährte.

In jüngster Zeit hatten sich Unstimmigkeiten gehäuft, oft aus nichtigem Anlass. Dabei flogen auch schon mal Fetzen, neulich sogar einmal Geschirr. Darüber erschrak die ansonsten eher zurückhaltende Leonie mehr als ihr Gatte, der sich nach dem Streit mit einem Buch zurückzog, das er zu rezensieren hatte. Schmollend und angekratzt, begab er sich auf die bequeme Designercouch, während von Leonie einige Zeit nichts zu sehen und zu hören war.

Pascals Ärger verrauchte. Meistens benötigte er nicht viel Zeit dafür. Er ging völlig in der spannenden Handlung des Buches auf, als er plötzlich Paul Ankas Song You are my destiny vernahm. Er blickte überrascht auf. Leonie tänzelte mit nackten Füßen im Takt der Musik auf ihn zu, nur eines seiner Oberhemden übergeworfen,.

Sie nahm ihm mit einem unwiderstehlichen Lächeln das Buch aus der Hand, legte es auf dem Couchtisch ab und setzte sich auf seinen Schoß.

Wohl wissend, was seine Frau in diesem Aufzug im Schilde führte, schob Pascal seine Hände unter das Hemd und ließ sie über ihre warme Haut streifen, ohne sich sein Erstaunen anmerken zu lassen. Schon eine Weile hatte er nicht mehr ihren schönen, sportlich durchtrainierten Körper mit den immer noch festen Brüsten gestreichelt.

Mit einer Hand fuhr sie über seine leicht behaarte Brust unter seinem Polohemd. Ein leises Stöhnen entfuhr ihren Lippen, als er die Knöpfe ihres langsam Hemdes öffnete, einen nach dem anderen. Genüsslich liebkoste er dabei mit seinen Lippen zärtlich ihren Hals, ihre Schulter und ihre Brüste, bis sie das Hemd schließlich abstreifte und sich nackt auf seinem Schoß wiegte. Die Ouvertüre zu einer Versöhnung war gefunden.

Voll erwachter Lust blickte Pascal seine hübsche Frau an und fragte: „Hier oder oben?“

Sie lächelte, kuschelte sich an ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Lieber oben.“

Er hob sie hoch wie ein Kind und trug sie hinauf ins Schlafzimmer. Leonie hatte dort schon einen berauschenden Abend vorbereitet: Kerzen flackerten, Rosenblüten lagen auf dem Bett verstreut, selbst gekühlter Champagner stand bereit. Sie schien den Streit geahnt, vielleicht gar provoziert und die Versöhnung in allen Einzelheiten geplant zu haben. Ohne viele Worte zu verlieren, stürzten sie sich heißhungrig aufeinander und genossen in dieser Nacht den besten Sex seit langer Zeit.

Als sie sich schließlich erschöpft einen Moment der Ruhe gönnten, flüsterte er: „Warum machen wir das nicht öfter?“

„Dasselbe wollte ich doch auch gerade fragen“, hauchte sie und rekelte sich neben ihm.

Eine Zeit lang lagen sie nackt und träumend beieinander. Beide hingen eigenen Gedanken nach, besonders Leonie. Seit ihrer Kindheit hatte sie – besonders in Vollmondnächten – Zugang zu geheimnisvollen Wesen. Neuerdings erschien ihr ein immer wiederkehrendes Bild, über das sie noch nie mit jemandem gesprochen hatte.

Sie unterbrach die entspannte Stille: „Liebster, wollen wir nicht ein paar Tage verreisen, ein paar Tage ganz für uns alleine, ein paar Tage, um unser siebtes Jahr gebührend zu feiern? Schließlich mussten wir den Hochzeitstag ausfallen lassen. Gönnen wir uns ein paar Tage, um unsere Beziehung aufzufrischen.“

„Wie ich dich kenne, hast du schon eine Idee, wo du einen solchen Urlaub verbringen möchtest?“, vermutete Pascal.

„Was liegt näher, als mit dir ans Ende der Welt zu fahren, wo wir unter uns sind? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.“

„Das hört sich spannend an. Ob es allerdings näher liegt, ist eine andere Frage“, schmunzelte Pascal. „Sicher hast du bereits Vorkehrungen getroffen. Sag mir wann, und ich werde mich zwei Wochen freimachen für dich, für uns. Kannst du mir einen Tipp geben, was ich mir unter dem Urlaubsziel Ende der Welt vorzustellen habe?“

„Das soll eine Überraschung werden, mein Herz!“, antwortete sie. „Vielleicht nur so viel: Richtung Süden, in die Berge. Dort soll sich ein magischer Ort befinden, den ich kennenlernen möchte.“

„Magischer Ort?“ Pascal richtete sich auf und sah seine Frau misstrauisch an. „Wer sagt das? Etwa dein esoterisches Kaffeekränzchen? Du kennst meine Skepsis, was diese Dinge betrifft.“

Leonie überhörte großzügig die Spitze, kannte sie doch seine Meinung über ihre Freunde, die sich regelmäßig trafen, um über den Sinn des Lebens zu diskutieren und nach alternativen Lebensformen zu suchen. Nein, von diesem Ort hatte sie nicht irgendwo gehört, sie hatte von ihm geträumt. Sogar der Weg dorthin war ihr im Traum gewiesen worden.

„Können wir, wenn wir schon gen Süden fahren, einen kleinen Abstecher machen, falls dies keinen zu großen Umweg erfordert?“, fragte Pascal, dem plötzlich eine Idee gekommen war.

„Warum nicht?“, entgegnete sie. „An was denkst du? Wir sollten unterwegs eh irgendwo übernachten, und in einem Hotel haben wir schon lange nicht mehr, du weißt schon.“

„Hey, Leonie, was ist los mit dir? Bist du wieder auf den Geschmack gekommen? Übrigens, du warst großartig, falls du auf eine Bestätigung meinerseits Wert legst. Möchtest du es schriftlich?“

Leonie ließ ihn nicht weitersprechen, sondern warf sich auf ihn, bedeckte ihn begierig mit Küssen und schnurrte: „Ach, das hast du mir ewig schon nicht mehr gesagt. Danke, mein Schatz!“ Dann setzte sie sich auf und sah ihn fragend an. „An welchen Umweg denkst du?“

„Ich möchte doch gerne diesen neu entdeckten Bariton Samuel Godfree als Fliegenden Holländer mal live hören, erinnerst du dich?“

„Das würde sogar gut passen. Soll ich mich um Karten und eine Übernachtung kümmern?“

„Ja, gerne.“

Bald darauf schliefen sie eng umschlungen ein und glitten sanft in ihre Träume. Besonders Pascal genoss das ungewohnte Glücksgefühl, das er zeitweilig schon verloren geglaubt hatte.

Die nächste Woche verging wie im Flug. Pascal vervollständigte zwei Kolumnen, die abzuliefern er verpflichtet war. Leonie klärte mit Gitte, ihrer Partnerin, ab, was während ihrer Abwesenheit zu tun sei.

Pascal hatte noch so viel zu erledigen, dass er sich keine Gedanken über den von Leonie vorgeschlagenen Ferienort machte. Sie hatte zumeist ihren Urlaub geplant. Er hatte nie einen Grund gefunden, unzufrieden mit ihrer Wahl zu sein. Im Grunde war er viel zu bequem, um sich mit derlei Banalitäten des Lebens abzugeben, zumal seine Frau ihm gerne diese Arbeit abnahm.

Leonie war in diesen Tagen wie aufgedreht. So hatte Pascal sie schon lange nicht mehr erlebt. Sie sprühte vor guter Laune und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten. Er hoffte mit allen Sinnen, dass ihnen ein besonders schöner Urlaub bevorstand.

Den wahren Grund, der Leonie ans Ende der Welt lockte, der sie dorthin zog wie ein Magnet, gegen den anzukämpfen ihr nicht glückte, gegen den sie auch nicht angehen wollte, verheimlichte sie ihm indessen. Sie vermutete zu Recht, dass er wenig Verständnis dafür aufbringen würde. Seit Wochen erreichte sie in fast jeder Nacht in ihren Träumen ein telepathischer Ruf, eine Aufforderung, sich auf den Weg zu begeben. Ein Mann erschien ihr, mit langen schwarzen Haaren, die bis auf seine Schultern fielen, hager sein Gesicht, stechend seine Augen. Er rief sie zu sich und versprach ihr Erlösung von allem Ballast des irdischen Lebens. Leonie wollte vermeiden, dass an ihrem Verstand gezweifelt wurde, konnte und wollte daher weder Pascal, noch sonst jemandem ihr Herz ausschütten.

Pascal war den Fragen, die die Parapsychologie zu beantworten versucht, wenig zugänglich. Er zog es vor, allen Dingen auf den Grund zu gehen, sie mit dem Verstand zu erfassen.

Leonie hingegen war seit ihrer Kindheit offen für das Geheimnisvolle, sie gierte förmlich danach. Nun fühlte sie sich auf dem Pfad angelangt, der sie zur Pforte ihrer unauslöschlichen Träume führen würde. Sie könnte endlich das Tor durchschreiten und den Geistern auf die Spur kommen, die seit Kindheitstagen in ihrem Kopf herumspukten, sich dort eingenistet hatten und nicht von ihr abließen.

Kapitel 2

Am Tag der Abreise frühstückten sie morgens in aller Ruhe. Die Koffer hatten sie bereits am Abend zuvor gepackt. Als Pascal das Gepäck ins Auto trug, fiel Leonie ein, dass sie ihre Eltern noch nicht über ihre Urlaubspläne informiert hatte. Sie griff nach dem Telefon, ihr Vater meldete sich.

„Hallo, Paps“, begrüßte sie ihn fröhlich. „Weißt du, wozu wir uns spontan entschlossen haben?“

„Ich bin doch kein Hellseher, mein Kleines“, antwortete ihr Vater, der sich längst an die Überraschungen seiner Tochter, die er über alles liebte, gewöhnt hatte. „Spann mich nicht auf die Folter!“

„Wir fahren ein paar Tage weg und holen unseren Hochzeitstag nach.“

„Das ist eine gute Idee. Wo soll es denn hingehen, falls ich dich erreichen muss?“

„Wir fahren ans Ende der Welt, Paps. Meine Handynummer hast du, falls du sie benötigst.“

„Ende der Welt? Das kann überall sein. Wohin genau?“, wollte ihr Vater wissen.

„Das Ende der Welt befindet sich für mich in der Abgeschiedenheit der Berge. Ich bin gespannt, wie es dort aussieht. Hoffentlich ist die Erde wirklich eine Kugel und keine Scheibe, damit ich nicht über den Rand falle, ins Weltall plumpse und mir den Kopf an einem Meteoriten stoße.“

„Was hast du dir in den Kaffee geschüttet, mein Kind?“ Ihr Vater lachte laut. „Aber mal im Ernst: Solltest du dennoch über den Rand stolpern, so würdest du mit Sicherheit der schönste und hellste Stern werden, der nachts am Firmament leuchtet.“

„Paps, rede nicht solchen Unsinn!“, maulte Leonie. „Ich möchte noch ein wenig meine Kreise auf dem Erdball ziehen, hier strahlen und nicht im All. Aber danke für diese charmante Illusion.“

„Dass du aber so einfach wegfährst, ohne mir einen Abschiedskuss zu geben, werde ich dir nie verzeihen“, schmollte der Vater.

„Ach, Paps“, schmeichelte sie.

„Kommst du endlich?“, rief Pascal in diesem Moment mit einer Stimme, die leichten Ärger verriet. Er konnte zu warten gar nicht leiden, insbesondere wenn Leonie am Telefon kein Ende fand. „Ich bin schon lange fertig mit Packen. Telefonieren kannst du auch im Auto, wie du weißt.“

Zur gleichen Zeit sagte ihr Vater: „Ich wünsche euch einen schönen Urlaub. Melde dich bitte von dort, damit ich weiß, dass es dir gut geht. Und grüße Pascal von mir.“

„Mach ich, Paps, und gib Mama einen Kuss von mir!“

Leonie legte schnell den Hörer auf, ergriff ihren Reiserucksack und stürmte die Treppe hinunter aus dem Haus. Pascal stand wartend am Wagen und knurrte: „Dass ich das noch erleben darf …“

Anstatt einer Antwort gab Leonie ihm einen zärtlichen Kuss und stieg ein.

„Nichts vergessen?“, fragte Pascal überflüssigerweise, denn Leonie galt als Organisationswunder, wo immer etwas auszurichten war.

„Mein Vater klang so irritiert am Telefon darüber, dass wir nichts haben verlauten lassen. Lass uns noch bei meinen Eltern vorbeifahren, um uns zu verabschieden. Es ist doch kein großer Umweg.“ Bittend sah Leonie ihren Mann an.

„Wenn das kein längerer Aufenthalt wird, meinetwegen“, grummelte Pascal. Er wollte die gute Stimmung nicht gefährden.

Ihr Vater begrüßte sie erfreut an der Haustür: „Ich hätte dir nie verziehen, meine kleine Löwin, wenn du diesen unwesentlichen Schwenker nicht noch vollzogen hättest.“

Er nahm sie in den Arm, strich ihr über ihre rotblonde Löwenmähne und gab ihr einen Kuss.

„Ach, Paps, du wirst doch wohl ein paar Tage ohne mich auskommen.“

Inzwischen war auch ihre Mutter aus dem Haus gekommen.

„Ihr fahrt in Urlaub?“, fragte sie, „einfach so? Müssen wir uns um euer Haus kümmern, Blumen gießen? Wie lange bleibt ihr denn?“

Pascal unterbrach ihren Redeschwall: „Es ist alles geregelt, Mutter, mach dir keine Sorgen. Wir sind zwar eure Kinder, gehen aber nicht mehr in den Kindergarten.“ Er hasste jegliche Art von Bemutterung. „Nun müssen wir aber los, wir wollen uns heute Abend eine Opernaufführung ansehen und möchten rechtzeitig unsere Zwischenstation erreichen.“

Leonie küsste ihren Vater noch einmal, überaus innig sogar, dann ihre Mutter. Auch Pascal verabschiedete sich von seinen Schwiegereltern mit einem Kuss. Schließlich stiegen sie ein und winkten, bis sie hinter der nächsten Straßenkreuzung abgebogen waren.

„Findest du diese plötzliche Idee nicht etwas merkwürdig, Lieber?“, fragte Leni Markgraf ihren Mann, als sie zurück ins Haus gingen. „Leonie erzählt dir doch sonst immer alles. Baut sie neuerdings zu dir dieselbe Distanz auf wie zu mir?“

Johann Markgraf ließ die Frage unbeantwortet im Raum schweben. In der Tat war es das erste Mal, dass Leonie ihn nicht in ihre Pläne eingeweiht hatte. Sie wird es schlichtweg vergessen haben, hakte er das Thema für sich ab.

Im Wagen fragte Pascal, nachdem sie auf die Autobahn aufgefahren waren: „Welches Hotel hast du für heute Abend gebucht, Liebes?“

„Wo wir schon einmal übernachtet haben. Erinnerst du dich?“

„Oh ja, das war eine wunderschöne Nacht, falls mich meine Erinnerung nicht im Stich lässt.“

„Ja.“ Leonie sah aus dem Fenster. „Damals konnten wir uns einmal Zeit füreinander nehmen.“

„Das werden wir auch dieses Mal“, versicherte Pascal. „Hier und heute fangen wir damit an. Versprochen! Jedenfalls will ich nicht der Hemmschuh sein.“

„Hier?“, Leonie lachte. „Dann halt auf dem nächsten Rastplatz an!“

„Auf der Autobahn?“ Pascal sah spitzbübisch feixend zu ihr hinüber.

„Parkplatzsex soll en vogue sein, habe ich gelesen.“ Leonie grinste verschmitzt.

„Was du alles so liest …“

Dabei ließ Pascal es bewenden. Sie einigten sich darauf, bis zum Hotel zu warten. Er steuerte den Wagen ohne Hast südwärts.

Während der Fahrt riss ihre Unterhaltung immer mehr ab, Pascal konzentrierte sich auf den Verkehr, Leonie duselte ein wenig ein. An einer Raststätte legten sie einen Zwischenstopp ein, um sich die Beine zu vertreten und einen Imbiss einzunehmen.

Am späten Nachmittag erreichten sie die Unterkunft, die Leonie ausgewählt hatte: ein bekanntes Fünfsternehotel, in dem allerlei Prominente und solche, die sich dafür hielten, nächtigten und sich verwöhnen ließen.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Leonie. „Sicher möchtest du dich ein wenig ausruhen, nachdem du mich so wunderbar hierher kutschierst hast. Ich glaube, ich habe unterwegs sogar geschlafen.“

„Ich möchte am liebsten nur meine Beine ein bisschen ausstrecken, das habe ich mir doch wohl verdient?“

Leonie küsste ihn. Sie entledigten sich ihrer Oberbekleidung und legten sich auf ihre Betten. Pascal döste sofort ein. Leonie nahm eine Illustrierte zur Hand, gab aber vorsichtshalber eine Weckzeit in ihr Handy ein. Sie wollte sich ohne Hast schön machen für den Opernabend, für Pascal, auch für sich. Trotz ihrer angeborenen Zurückhaltung genoss sie die Blicke, die Männer ihr zuwarfen.

Leonie erschrak, als sich ihr Handy schrill meldete, denn sie war in einen Halbschlaf gefallen. Die Illustrierte lag auf dem Boden neben dem Bett.

Sie streckte sich, warf einen Blick auf Pascal, der friedlich schlummerte, und begab sich ins Bad. Dort ließ sie sich in der komfortabel ausgestatteten Dusche von deren Düsen von oben und allen Seiten bestrahlten. Das warme Wasser sprudelte sanft über ihre Haut, eine Labsal nach der Autofahrt. Sie schäumte sich genüsslich mit einem sündhaft teuren Duschgel ein, das sie vor der Abfahrt noch in einer Parfümerie erstanden hatte, das ihre Haut mit einem sommerfrischen Duft versah.

Noch länger hätte sie verweilen mögen, doch ein Blick auf die Uhr, die in der Kabine an der Wand hing, erinnerte sie daran, dass sie mit ihren Abendvorbereitungen noch lange nicht fertig war. Außerdem musste sich Pascal auch noch frisch machen.

Sie stellte sich vor den großen Spiegel und föhnte ihr schulterlanges rotblondes Haar. Danach legte sie dezent Schminke auf und parfümierte sich. Ein letzter Blick in den Spiegel: Sie nickte ihrem Spiegelbild zu. Ihr sportlich durchtrainierter Körper, mit Brüsten, nicht zu groß, nicht zu klein, ähnelte dem harmonischen Bild einer klassischen Statue. „Du kannst dich sehen lassen, Leonie Lambert“, bescheinigte sie zufrieden ihrem Spiegelbild. Sie verließ das Bad, um es Pascal zu überlassen.

Als sie den Schlafraum betrat und er sie in ihrer verlockenden Nacktheit erblickte, konnte er nicht anders, als nach ihr zu greifen. Sie entwand sich ihm jedoch und machte ihn auf die fortgeschrittene Uhrzeit aufmerksam. Widerstrebend knurrte Pascal: „Beschwere dich nachher nicht, dass ich dich vernachlässige!“

Lachend gab sie zurück: „Wer hat denn vorgezogen, eine Stunde zu schlafen? Ich hätte schon Lust gehabt … Nun beeil dich ein bisschen, sonst gehe ich ohne dich in die Oper.“

Sie entnahm dem Koffer ihre hauchzarten Dessous, mit denen sie ihre elfenhafte Sinnlichkeit Geltung verlieh, und streifte sie über. Darüber ein neues, raffiniert geschnittenes Kleid, das sie sich erst neulich zugelegt hatte, lang, schwarz, figurbetont, im Schulterbereich und Dekolleté verführerisch freizügig. Dazu wählte sie ein buntes Seidentuch, um ihre Schultern zu bedecken, und hochhackige Sandaletten. Als Schmuck legte sie eine schlichte Goldkette mit einem Bernsteinherzen an. Eine letzte kritische Begutachtung im Spiegel: perfekt!

Leonie bemerkte erst, dass Pascal bereits eine Weile nackt in der Tür stand und sie bewunderte, als er murmelte: „Umwerfend. Ich bin hin- und hergerissen.“

„Umwerfen kannst du mich später“, wehrte sie ihn ab, als er auf sie zukam. „Vergiss nicht, dass wir in die Oper wollen! Deswegen sind wir doch hier.“

Als auch Pascal endlich angekleidet war, wie immer ohne Krawatte – einen Smoking besaß er nicht einmal, hätte ihn auch niemals getragen –, fragte er grinsend: „Tragen dich diese Schuhe die paar Meter unfallfrei hinüber ins Opernhaus oder soll ich ein Taxi kommen lassen?“

„Blödmann, wenn schon erwarte ich, dass du mich trägst“, entgegnete sie, schnappte nach ihrem Handtäschchen mit den Utensilien, ohne die sie niemals das Haus verließ, und ging los.

Die Temperatur draußen war noch angenehm warm, die meisten Besucher, die auf das Opernhaus zuströmten, waren sommerlich elegant gekleidet.

Als sie sich in den Besucherstrom einreihten, fiel Leonie auf, dass man sie immer wieder verblüfft anstarrte und zu tuscheln begann. Sie dachte sich nichts dabei, hatte sich längst daran gewöhnt, Aufmerksamkeit zu erregen. Als ihr Blick auf das Plakat fiel, das den Fliegenden Holländer ankündigte, fuhr sie zusammen. Sie blieb stehen, ihre Augen konnten sich von dem Aushang nicht lösen. Sie erbleichte.

„Ist dir nicht gut?“, fragte Pascal, dem die plötzliche Veränderung nicht entgangen war.

Leonie reagierte auf seine Frage nicht, schien sie nicht einmal vernommen zu haben, stierte nur auf das Plakat und rührte sich nicht von der Stelle.

„Leonie!“ Er griff nach ihrem Oberarm. „Was ist los mit dir?“

Sie erwachte aus ihrer Starre und setzte sich mit weichen Knien wieder in Bewegung.

„Oh, entschuldige bitte, es ist alles in bester Ordnung. Lass uns unsere Plätze einnehmen. Ich bin sehr auf die Aufführung gespannt.“

Pascal schüttelte den Kopf, ging aber nicht weiter auf ihr merkwürdiges Verhalten ein.

Als sie Platz genommen hatten, versank Leonie ins Grübeln. Konnte es Zufall sein, was sie auf dem Plakat gesehen und was sie aus der Fassung gebracht hatte? Sie vermeinte sogar, eine innere Stimme zu vernehmen, die ihr bekannt vorkam. Der Holländer, den die Ankündigung zeigte, sah genauso aus wie der Mann, der ihr in letzter Zeit immer wieder in ihren Träumen erschienen war und nach ihr gerufen hatte. Zudem hatte die Senta in dieser Besetzung, Inga Persson, eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihr, was selbst Pascal aufgefallen war. Was ging hier vor? Sie hatte noch nie an Zufälle geglaubt.

Das Erscheinen des Dirigenten und die sofort einsetzende Ouvertüre unterbrachen für einen Moment ihr Grübeln, doch es gelang ihr nicht, in die Musik einzutauchen, wie es sonst immer der Fall war. Ihr Kopf war nicht frei, ihr Herz pochte wild. Sie fürchtete gar, dass die Leute, die neben ihr saßen, das Pochen vernehmen konnten.

Als im ersten Akt der Holländer die Bühne betrat und seinen großen Monolog anstimmte, davon sang, dass seine Frist um sei, war es um sie geschehen. Godfree gestaltete den Mann, von dem sie seit Wochen träumte. Er war der Geheimnisvolle, der mit ihr in Verbindung getreten war: die hagere Gestalt, die langen schwarzen Haare, die bis auf seine Schultern reichten, vor allem dieser stechende, hypnotisierende Blick. Unfassbar diese Ähnlichkeit!

Wie konnte dieser Sänger in ihre Träume gelangt sein, obwohl sie ihn nie zuvor gesehen hatte, nicht einmal auf einem Foto? Oder war er ein Zwilling ihrer Traumerscheinung? „Die Frist ist um“, hatte er bei seinem Auftritt gesungen. War es nur die Rolle, die er zu verkörpern hatte, oder war sie gemeint, war sie angesprochen, galt die Botschaft ihr? Oder war alles nur das Trugbild eines verwirrten Geistes, ihres Geistes? Befand sie sich auf dem Weg, verrückt zu werden? Nahmen Dämonen von ihr Besitz? Dazu ihre verblüffende Ähnlichkeit mit der Senta auf der Bühne.

Kalte und heiße Schauder liefen abwechselnd ihren Rücken hinunter. Als der erste Akt beendet war und die Lichter aufleuchteten, kam es ihr vor, als wäre sie gerade aus einem Albtraum erwacht.

Wie aus weiter Ferne hörte sie Pascals Stimme: „Wollen wir ein Glas Sekt trinken, Liebes?“

„Ja, gerne“, antwortete sie automatisch, „stell dich schon mal an, ich gehe derweil mal für Damen. Du weißt schon.“

Sie musste sich dringend ein wenig frisch machen, aufgewühlt, wie sie sich fühlte. Ihr Gesicht war von den Eindrücken, die auf sie einwirkten, mit einem feinen Schweißfilm überzogen. Auch im Toilettenraum bemerkte sie die heimlichen Blicke, die auf sie gerichtet waren, konnte den Grund inzwischen allerdings nachvollziehen. Als sie wieder ins Foyer hinaustrat, wartete Pascal bereits mit zwei Gläsern in der Hand auf sie. Sie gesellte sich zu ihm, nahm dankbar das Glas entgegen und leerte es in einem Zug.

„Hat dich der Holländer so durstig gemacht?“, fragte er schmunzelnd. „Die Luft ist in der Tat ziemlich trocken im Parkett. Noch ein Glas Sekt oder lieber ein Wasser?“

„Wasser, bitte“, antwortete sie geistesabwesend. Pascal reihte sich in die Wartenden vor der Getränketheke ein.

„Wie gefällt dir der Godfree? Du bist bei Gesangssolisten gewöhnlich ja noch kritischer als ich“, fragte er, nachdem er mit einer Flasche Wasser zurückgekommen war.

Leonie erschrak. Das hatte Pascal nicht verdient, dass sie so geistesabwesend war. „Seine Stimme ist gut“, versuchte sie sich auf den Small Talk zu konzentrieren. „Irgendwie sehr erotisch, finde ich. Er verkörpert die Rolle, als hätte Wagner sie für ihn geschrieben.“

„Höre ich da ein Aber?“

Leonie überlegte einen Moment, wie sie sich ausdrücken sollte, bevor sie den Satz vollendete: „Aber er ist mir irgendwie …“, sie zögerte unsicher, „unheimlich.“

„Unheimlich? Geht die Fantasie mal wieder mit meiner schönen Frau durch? Die Rolle an sich ist unheimlich, zumindest in den Augen von Seeleuten.“

Leonie ließ die Frage offen, der Gong rief sie zurück auf ihre Plätze.

Im zweiten Akt, der eine Spinnstube zeigte, hing ein überdimensional großes Bild des Holländers an der Wand. Der Blick seiner Augen stach ihr mitten ins Herz. Als die Senta in ihrer Auftrittsarie ihre Sehnsucht nach dem Fremden auf dem Gemälde besang, war Leonie, als sei sie es, die all ihr Sehnen, all ihr Verlangen, all die Sinnlichkeit, zu der sie fähig war, in verträumten Gesang umsetzte.

Im dritten Satz bescherte Senta, bescherte Leonie in ihrer Fantasie dem Holländer jene Erlösung, deretwegen er viele Jahre das Meer als Schrecken aller Seeleute befahren hatte auf der Suche nach ihr.

Erlösung!

Dieses Wort ging Leonie nicht mehr aus dem Kopf. Suchte sie etwa auch danach wie die Protagonistin? Aber Erlösung wovon? War sie nicht glücklich? Hatte sie nicht einen lieben Mann, Eltern, die sie vergötterten, ein gutes Leben, einen Beruf, der sie ausfüllte? Ihr schien der Kopf zu zerspringen, so sehr quälten sie Fragen, auf die sie keine Antworten fand. Oder war es der geheimnisvolle Fremde, der in ihren Träumen nach Erlösung suchte? Erwartete er ihren Beistand? Warum?

Erst der stürmische Applaus am Ende der Vorstellung riss sie aus ihren Wachträumen. Nach minutenlangen Ovationen gaben ihr beim Aufstehen die Knie nach. Sie hakte sich bei Pascal ein, benötigte Halt.

„Wollen wir noch irgendwo etwas essen gehen?“, hörte sie ihn von weither fragen und bemerkte seinen besorgten Blick. „Du siehst aus, als hättest du großen Hunger.“

„Sei mir nicht böse, aber mir ist nicht danach zumute. Mich hat urplötzlich eine Migräne befallen. Ich fürchte fast, der Abend ist für mich gelaufen.“

„Gut, dann gehen wir zurück ins Hotel und trinken an der Bar noch einen Absacker. Vielleicht können wir dort auch noch einen kleinen Imbiss zu uns nehmen“, schlug Pascal vor. „Etwas essen muss ich noch, mein Magen beschwert sich unüberhörbar über Vernachlässigung.“

Im Hotel angekommen, setzten sie sich an ein Tischchen an der Bar. Pascal bestellte sich einen Whisky und für Leonie einen alkoholarmen Cocktail. Leonie entschied sich, doch noch einen Toast zu nehmen, während Pascal sich ein Pfeffersteak mit Pommes und Salat sowie eine Karaffe Rotwein bestellte.

Nachdem sie gegessen hatten, sagte Leonie: „Pascal, sei mir, bitte, nicht böse, ich möchte mich hinlegen. Du kannst gerne an der Bar bleiben, wenn du magst. Es sitzen noch ein paar attraktive Damen hier, wie dir kaum entgangen sein dürfte.“

„Deine Großzügigkeit weiß ich sehr zu schätzen, aber wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns“, antwortete er. „Ich denke, ich sollte auch ausgeruht sein. Ich gehe mit dir hoch.“

Als Leonie in ihrem hauchfeinem Negligé aus dem Bad kam und sich ins Bett legte, drehte sich Pascal zu ihr um und holte Luft: „Liebes, ich kenne ein ziemlich gutes Mittel gegen Migräne.“

„Bitte, heute nicht“, wehrte sie ab, „wir haben doch noch viele Stunden Gelegenheit in unserem Urlaub.“

Sie küsste ihn eher flüchtig denn zärtlich. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie wieder weit weg war. Verdrossen nahm er ein Magazin zur Hand und las noch einen längeren Artikel, der ihn interessierte.

Leonie hingegen tat, als ob sie eingeschlafen wäre, doch quälten sie Gedanken, die auf sie einstürmten, die einzuordnen ihr nicht gelang. Endlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen erwachte Leonie früh. Ihr Schlaf hatte ihr nur wenig Erholung gebracht. Ein Blick in den Spiegel ließ sie zusammenfahren. Unter ihren Augen hatten sich dunkle Ränder gebildet, ihre Gesichtshaut kam ihr fahl vor, trotz der gesunden Farbe, die ansonsten ihre Haut zierte.

Pascal lag noch im Bett und beobachtete sie heimlich. Ihr Aussehen gefiel ihm gar nicht. War sie plötzlich etwa krank geworden? Als sie von daheim losgefahren waren, schien sie fröhlich und guter Dinge gewesen zu sein wie schon lange nicht mehr, schien sich auf die Zeit des gemeinsamen Losgelöstseins von der täglichen Routine zu freuen.

Er überlegte, wann er ihre Veränderung bemerkt hatte. In der Oper? Was konnte dort passiert sein? Er nahm sich vor, sie danach zu fragen, aber nicht jetzt.

„Geht es dir besser heute Morgen, mein Schatz?“, erkundigte er sich fürsorglich.

„Ich denke, nach einer ausgiebigen Dusche und einem kleinen Frühstück wird es mir besser gehen. Die Kopfschmerzen sind auf dem Weg, sich zu verziehen.“

Sie kam herüber zu ihm ans Bett, beugte sich hinunter, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Schnell schlüpfte sie ins Bad, ehe er nach ihr greifen konnte.

Bald darauf hörte Pascal das Wasser in der Dusche rauschen. Er suchte und fand seine Brille. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es noch früh war. Er schälte sich ebenfalls aus den Bettlaken, zog seinen Jogginganzug an und rief ins Bad: „Lass dir Zeit! Ich jogge eine Runde. Wir sitzen heute noch lange genug im Auto, fürchte ich. Das Frühstück schmeckt mir danach auch besser.“

„Mach das, bis gleich“, rief sie zurück. „Pass auf, dass du nicht stolperst und dir ein Bein brichst.“

Wie kommt sie nur auf diese Idee?, fragte er sich und lief los. Er hatte bei der Ankunft am Tag zuvor gesehen, dass vom Hotel aus eine Rundstrecke markiert war. Das Laufen im Wald tat ihm gut und pumpte Sauerstoff in seine Lunge. Er genoss die körperliche Anstrengung. Sie verdrängte die Gedanken, die er sich um Leonie und ihr Verhalten machte. Sie hatten sich schließlich vorgenommen, die Urlaubstage zu einer Auffrischung ihrer Beziehung zu nutzen. Doch heute Morgen schien es ihm fast, als wäre sie froh, wenn er sie in Ruhe ließe. Konnte das alles nur an ihrer Migräne liegen? Oder lagen noch andere Gründe vor? Pascal schüttelte den Kopf und beschleunigte seinen Schritt. Das Laufen war genau das, was er brauchte, um auf andere Gedanken zu kommen.

Nachdem Leonie sich abgetrocknet und eingecremt hatte, fühlte sie sich zwar besser, doch ihr Spiegelbild behagte ihr nach wie vor nicht. Es muss doch nicht jeder sehen, was in mir vorgeht, sagte sie sich und hellte ihre Augenränder mit Schminke auf. Auf ihre Wangen legte sie ein wenig Rouge, um ihre Blässe zu verdecken, was sie sonst nie tat. Als sie ihr Make-up vervollständigt hatte, hörte sie, dass Pascal die Zimmertür aufschloss. Schnell streifte sie ihren Bademantel über. Sie wollte ihn nicht auf Gedanken bringen, mit denen sie sich im Moment nicht anfreunden konnte. Sich ihm erneut verweigern, wollte sie erst recht nicht.

„Oh, du bist ja schon fast fertig!“, rief Pascal.

Schnell verschwand er ins Bad, während Leonie sich für die Weiterreise bequeme Kleidung anzog. Pascal ließ nicht lange auf sich warten. Sie fuhren mit dem Lift hinunter in den Frühstücksraum, wo sie der Duft von Kaffee und ein reichhaltiges Büfett empfingen.

Während Leonie nur einen Toast, etwas Müsli mit Obst und einen Joghurt aus dem Angebot wählte, bediente sich Pascal reichlich vom Rührei mit Krabben, nahm dazu zwei Brötchen, Lachs, rohen Schinken, Käse, Tomaten und zur Abrundung ein Schüsselchen Quark mit Obst. Als er sah, wie Leonie lustlos in ihrem Müsli herumstocherte, fragte er besorgt: „Bedrückt dich etwas, Leonie? Du scheinst mir irgendwie abwesend. Oder ist die Migräne noch nicht verflogen?“

„Mach dir keine Sorgen, Pascal, ich bin noch ein wenig schlapp von gestern. Ich denke, die Luftveränderung wird mir guttun. Ein paar Tage Erholung habe ich wirklich mal nötig.“

„Das wollen wir hoffen.“ Pascal fand ihre Stimmung so ungewöhnlich, dass er begann, sich Sorgen zu machen. Es ging etwas in ihr vor, worüber sie offensichtlich mit ihm nicht sprechen wollte.

„Magst du mir immer noch nicht verraten, wohin die Reise geht?“, fragte er, als sie nach dem Frühstück das Hotel verlassen hatten und im Wagen saßen.

„Ich hatte dir doch gesagt, wir fahren ans Ende der Welt. Lass dich überraschen!“

„Wie soll ich das Ende der Welt finden, ohne eine Ahnung zu haben, wohin ich das Auto lenken soll?“ Ihre Geheimnistuerei ging ihm allmählich auf die Nerven.

Leonie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und seufzte: „Ich bin einmal mehr begeistert, dass wir uns diesen Wagen gekauft haben. Mit ihm macht das Reisen Spaß. Er ist wirklich bequem, besonders für Beifahrer. Er verleitet mich immer dazu, einzuschlafen, was natürlich auch an dem vorzüglichen Kutscher liegen mag.“

Pascal warf ihr einen zweifelnden Blick zu. Wie sollte er den Weg finden, wenn sie jetzt auch noch einschlief? Er stieß einen Seufzer aus und fuhr einfach nur stur in Richtung Süden, in die Berge. Sie würde sich schon bemerkbar machen, wenn er eine falsche Richtung einschlug.

An der Grenze zwang sie der Kauf einer Vignette zu einem kurzen Aufenthalt. Leonie erwachte und rekelte sich. Von dort aus leitete sie Pascal noch eine Weile über die Autobahn. Schließlich wies sie ihn an, die nächste Ausfahrt zu nehmen. Die Weiterfahrt führte sie über Landstraßen immer weiter in die Bergwelt hinauf von urbanen Lebensformen weg. Pascal wunderte sich, woher seine Frau den Weg kannte, erst recht, was sie veranlasst haben könnte, einen Urlaub in dieser gottverlassenen Gegend verbringen zu wollen.

Schließlich bogen sie von der Straße ab in eine düstere Wegstrecke, auf der die Weiterfahrt über eine ziemlich schlechte Fahrbahn verlief. Sie fuhren durch ein enges, dicht bewaldetes, leicht ansteigendes Tal. Leonie versuchte, seinen Unmut zu dämpfen, versicherte ihm, dass die Welt oben in der Hochebene sonniger und freundlicher aussehe.

Die Talstraße endete abrupt und völlig überraschend in einem Wendekreis, wo mächtig steile und schroffe Felswände ein unüberwindliches Hindernis für jedes weitere Fortkommen bildeten. Pascal beschlich eine Ahnung vom Endpunkt der Welt. Ihn fröstelte.

„Sind wir schon da?“, fragte er vorsichtshalber. „Ich hätte mir das Ende der Welt eher wie eine Startrampe ins All, in ein Nichts oder ins Jenseits vorgestellt.“

„Warte ab, Liebster“, entgegnete Leonie. „Siehst du nicht den Weg dort, der von hier abzweigt? Da müssen wir noch hoch.“

Pascal quälte den Wagen über einen engen, steilen Schotterweg unzählige Serpentinen hinauf ins Hochland, wo sie ein hügeliges Gelände, das ringsum von kahlen Bergen umgeben war, erwartete. Immer wieder fragte er sich, wie es Leonie möglich gewesen war, diesen Weg ohne Karte zu finden. Seine Nerven lagen blank, doch er riss sich zusammen, stellte keine Fragen.

Ungeschützte, schwindelerregende Abhänge und eine nur unter Lebensgefahr passierbare Baustelle trieben ihm den Schweiß auf die Stirn.

„Was für ein Glück, dass unser Wagen über Vierradantrieb verfügt“, murmelte Pascal, während er sich konzentrierte. Der Blick, den er Leonie zuwarf, konnte seinen Ärger nicht verhehlen.

„Ich stelle mir gerade vor, wir wären mit einem für solche Fahrten ungeeigneten Fahrzeug angereist. Hätte man uns dann das zweifelhafte Vergnügen eines Aufstiegs auf Eselsrücken zugemutet?“, fragte er bissig.

Leonie reagierte nicht. Sie spürte, dass sie ihrem Ziel nahe war. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Eine Zeit lang war sie wieder mit ihrem Traumbild beschäftigt, das sich nun als allgegenwärtig zeigte, ihr den Weg wies und sich aus ihrem Kopf nicht mehr verbannen ließ.

Auf dem Anstieg hatte sie verstärkt gegen Übelkeit anzukämpfen. Sie war nicht schwindelfrei, ihre ängstlichen Blicke hinunter in die Abgründe am Rande der Wegstrecke setzten ihr mehr zu, als ihr lieb war. Tapfer und erfolgreich wehrte sie sich jedoch gegen den Brechreiz. Sie wollte sich Pascal gegenüber keinesfalls eine Blöße geben, denn auch sie war inzwischen erstaunt über den Weg zu der Stätte, die sie als Urlaubsort gewählt hatte. Vor Reiseantritt hatte ihre Fantasie keine konkreten Vorstellungen über diesen geheimnisvollen Ort zugelassen, jetzt erfasste sie, wie er sich vor den Augen von Besuchern darstellte.

Bei der Ankunft in dem zu ihrer Überraschung aufwendig renovierten bergländischen Gasthof mit seinen blumengeschmückten Balkonen lag, um die Unannehmlichkeiten des Tages zu vervollständigen, ihre Reservierung nicht vor.

Als sie darauf hinwies, eine Bestätigungskarte erhalten zu haben, die sie leider vergessen hätte, ließ der Wirt, der jede Freundlichkeit vermissen ließ, sie ein erst kürzlich renoviertes Zimmer beziehen. Er erweckte plötzlich den Eindruck, er kenne den Grund, der sie hierher gelockt hatte.

„Der scheint das Geld seiner Gäste wohl nicht nötig zu haben“, flüsterte Pascal, als der Wirt ihnen mit Leonies Koffern in den Händen den Weg aufs Zimmer zeigte. „Oder aber er hat im Lotto gewonnen, falls hier in der Einöde auch Lotterien veranstaltet werden.“

An dem großzügig geschnittenen Zimmer war nichts auszusetzen. Das Sitzmobiliar, ein Sofa und ein Sessel, war bequem und komfortabel, die Betten sauber. Es duftete nach Frische, das Bad war geschmackvoll neu gefliest und mit modernen Armaturen ausgestattet.

„Zumindest das Zimmer ist nicht zu beanstanden“, registrierte Pascal nach eingehender Prüfung, auf die er in keinem Hotel verzichtete. Dabei ließen seine Finger selbst die Kontrolle der Schränke nicht aus, um nach vergessenem Staub zu fahnden.

„Pascal, bist du etwa zum Meckern mit mir in Urlaub gefahren?“, stichelte Leonie, der diese Marotte, auf die er selbst zu Hause nicht verzichtete, auf die Nerven ging.

„Seit wann kennst du mich, Schatz?“, gab Pascal zurück und lächelte. „Bevorzugst du es, in einem versifften Bett zu nächtigen und deine Kleidung in einem verstaubten Schrank unterzubringen?“

„Ich bin froh, dass ich dich habe, mein geliebter Kontrolleur. Wer weiß, was mir sonst in Zimmern wie diesem alles widerfahren würde, angefangen von … Ich sag lieber nicht, was mir jetzt alles durch den Kopf geistert.“

Während sie miteinander frotzelten, sich ihre Stimmung allmählich entkrampfte, packten sie die Koffer aus und verstauten deren Inhalt in den Schränken.

„Wollen wir uns vor dem Abendbrot ein wenig die Beine vertreten?“, fragte Pascal. „Mir ist nach der langen Fahrt nach Bewegung zumute.“

Leonie stimmte zu, wenn auch nicht gerade mit großer Begeisterung. Sie zogen sich an und schlenderten durchs Dorf.

„Fällt dir etwas auf?“, fragte Pascal nach einer Weile, die sie schweigend zurückgelegt hatten.

„Hm“, antwortete Leonie. Sie konnte sich denken, worauf Pascal anspielte, aber aussprechen wollte sie ihre Erkenntnis nicht.

Er blickte sie stirnrunzelnd von der Seite an.

„Nun?“

„Wir scheinen zur falschen Zeit unterwegs zu sein, denke ich, wenn ich mich hier umschaue. Wahrscheinlich sind die meisten Menschen hier noch bei der Arbeit oder ruhen sich in ihren Häusern von ihrem Werktag aus. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir hier keine Menschenseele zu Gesicht bekommen.“.

„Seit wann kannst du Seelen sehen, Liebste?“, erkundigte sich Pascal, dem es kaum noch gelang, der Situation, in die Leonie sie gelotst hatte, gute Seiten abzugewinnen. Sein Unwohlsein stieg mit jeder Sekunde an.

Sie gingen zurück ins Hotel und ließen sich eine Brotzeit und zwei Flaschen Rotwein aufs Zimmer bringen. „Obwohl ich einen ruhigen Urlaub durchaus zu schätzen weiß, scheint es mir hier entschieden zu ruhig zu sein. Oder willst du mir wirklich weismachen, dass es dir hier gefällt?“ Pascal entkorkte den Wein und schenkte ein.

Leonie versteifte sich darauf, diesen Ort wegen der hier herrschenden Ruhe mit vollem Bedacht ausgewählt zu haben. Schließlich, erinnerte sie ihn, wollen sie die Zeit nutzen, um ihre Beziehung aufzufrischen.

„Meinst du mit ‚Zeit nutzen‘ etwa Sex rund um die Uhr?“, unterbrach sie Pascal, ohne eine Antwort zu erwarten, lehnte sich auf dem Sofa zurück und schwenkte das Glas in seiner Hand. „Etwas anderes können wir hier nämlich kaum unternehmen.“

Ihm war durchaus klar, dass er besser geschwiegen hätte, aber er fühlte sich inzwischen so angespannt und unwohl an diesem Ort, dass er alle Harmoniegesetze ihrer Ehe missachtete.

Als der Streit seinem Höhepunkt zustrebte, hievte sich Leonie abrupt aus dem Sessel und verschwand im Bad. Sie blieb so lange fort und es war so ruhig, dass Pascal gerade beschlossen hatte, nach ihr zu sehen, als sie zurückkam. Sie schwebte in einem Negligé, das mehr von ihrer Schönheit offenbarte als verbarg, ins Zimmer, als ob ihr Flügel gewachsen wären. Dazu sang sie mit einer glockenhellen Sopranstimme, engelsgleich, ein Lied in einer selbst ersonnenen Sprache, die nur die Geister in ihrem schönen Kopf verstehen konnten.

Verwundert blickte Pascal auf Leonies Glas. Sie hatte den Wein nicht angerührt, sie musste vollkommen nüchtern sein. Und dann das?

Nachdem sie sich noch ein paar Mal vor ihm auf den Fußspitzen wie eine Primaballerina in Kreis gedreht hatte, blieb sie vor ihm stehen und streckte sich verführerisch.

Ihr Auftritt, so absurd und ungewöhnlich er Pascal auch vorkam, verbannte allen Ärger. Er hatte schon lange Zeit nicht mehr erlebt, dass sie für ihn sang und ihn damit in ihre Welt mitnahm.

Ohne sich zu rühren, starrte er sie hingerissen an. Sie war nach wie vor seine Traumfrau – trotz ihrer gelegentlichen Marotten. Er stand auf, ging zu ihr und führte sie zum Bett. Sie liebten sich lange, wild und voller Leidenschaft. Pascal konnte sich jedoch des Gefühls nicht erwehren, dass Leonie trotz ihrer Begierde, Hingabe und Sinnlichkeit mit ihren Gedanken nicht bei ihm war.

Was war nur mit ihr los? Sah er etwa Gespenster oder bildete er sie sich ein? Leonies Verhalten belastete ihn mehr, als ihm lieb war. Er hoffte, in den nächsten Tagen in der Einsamkeit dieser Bergwelt herauszufinden, was vor sich ging.

Kapitel 4

Schweißgebadet fuhr Pascal am nächsten Morgen aus dem Schlaf hoch.

Ein feindseliger Albtraum war in die Tiefen seines Unterbewusstseins gedrungen. Uniformierte mit Hahnenköpfen, bis an die Zähne bewaffnet, hatten ihn heimgesucht und ihm zugesetzt, ihm, dem glühenden Pazifisten, dem jede Uniform zuwider war. Noch völlig im Bann der nächtlichen Schimären, reckte er sich, versuchte, die Bilder abzuschütteln und sich zu orientieren. Er tappte nach seiner Brille, ohne die er sich nur schlecht zurechtfand, besonders morgens, wenn sich sein Blutdruck noch im Standby-Modus der Nacht befand, erst hochgefahren werden musste. Seine verschleierten Augen zeigten ihm an, dass er sich in einem Hotelzimmer befand.

Nur langsam kehrten seine Erinnerungen zurück: der Opernabend, die schreckliche Fahrt hinauf in dieses Hochland am Ende der Welt, die bedrückende Bergwelt ringsum, der gestrige Abend, den er in Rotwein hatte ertränken wollen, die stürmische, leidenschaftliche Nacht.

War es wirklich so gewesen oder hatte er all das nur geträumt? Allmählich lichtete sich der Nebel in seinem Kopf. Verdammt, was hatte Leonie sich nur dabei gedacht, ein Hotel in diesem gottverlassenen Kaff zu buchen? Er nahm sich vor, sie zu überreden, ein anderes Ziel anzusteuern, das ihm mehr zusagen würde. Das Thema ließ sich vielleicht beim Frühstück besprechen.

Auf den ersten Blick bestand das Dorf, so hatte er bei der Ankunft und dem Spaziergang festgestellt, aus nicht einmal fünfzig Gebäuden, die zum Teil auf den Hängen wie Farbkleckse verteilt waren. Immerhin befanden sich darunter ein Kaufladen, der alle wichtigen und unwichtigen Dinge des Lebens feilbot, eine Kirche mitsamt einem Friedhof und eine Gendarmeriestation. Von Kultur keine Spur. Das Hotel passte indes kaum zu den vergleichsweise ärmlichen Gebäuden des Ortes. Es erweckte den Eindruck biederer Wohlhabenheit.

Wann waren sie zu Hause losgefahren? Sollte das wirklich erst vorgestern gewesen sein? Unterwegs hatte Leonie sich hinter die Mauer einer Migräne zurückgezogen. Warum? Hatten ihre mystischen Extreme wieder von ihr Besitz genommen? Mit dieser, er nannte sie, Sucht hatte er sich noch nie anfreunden können, sie jedoch aus Liebe zu ihr geduldet. Manchmal war sie ziemlich überspannt, wenngleich ihre Auftritte, wie gestern Nacht, ihn immer wieder zu fesseln vermochten. Pascal war eher von bodenständiger Natur, ein Stiergeborener, Leonie eine Träumerin. Ihre Traumwelt hielt sie in der Regel verschlossen, selbst ihm gegenüber. Gestern hatte sie eine der seltenen Ausnahmen gemacht, ihm die Tür ein Stückchen weit geöffnet in die Welt, in die sie immer wieder abtauchte.