Beispielhaft - Claus Karst - E-Book

Beispielhaft E-Book

Claus Karst

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Beschreibung

Eine Sammlung von 20 beispielhaften Geschichten aus dem umfangreichen Repertoire des Autors üfr alle, die wie der Autor selbst, vor dem Schlafengehen noch ein Geschichte lesen. Der Verfasser behandelt unterschiedliche Themen, wobei Musik, Liebe und Toleranz eine besondere Rolle spielen.

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Claus Karst

Beispielhaft

Geschichten zum Nachdenken und zum Schmunzeln

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Autor

Nackt

Abgesang

Ouvertüre

1. Akt (Der Anruf)

2. Akt (Blue Notes)

3. Akt (Rigoletto)

4. Akt (Finale)

Erinnerungen an Tadek

Frühlingserwachen

Das verwunschene Sonnenblumenfeld

L’Inconnue mysterieuse

Die Farben des Hasses

Die Alten von Navarra

Die Urteilsvollstreckung der Ahnen

Geheimnisvolle Beuteltaschen

Schwiegersohns 60.

SALE

Im Banne des Fra Litterarum

Schwein gehabt

Der Junge, der nicht sprach

Ein ganz gewöhnliches Vorspiel

Goran, der Geiger

Fremd

Lache Bajazzo

Septemberliebe

Der Ruf der Meerjungfrau

Im Wartesaal zum großen Glück

Impressum neobooks

Der Autor

Claus Karst, 1940 in Essen geboren, lebt seit Jahren mit seiner Familie am Rande des Sauerlands. Das Schreiben gehört von Jugend an zu seinen Hobbys. Seit seinem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand widmet er sich verstärkt seiner Liebhaberei. Er nennt sich selbst Geschichtenerzähler, bevorzugt beim Schreiben vornehmlich das kürzere Format, weil er selbst vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte liest. Er schreibt vor allem satirische, fantastische, mystische, zeitkritische Kurzgeschichten und Glossen. Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien und drei Romanen ist „Beispielhaft“ ein Sammelband mit beispielhaften Geschichten aus seinem umfangreichen Repertoire.

In diesem Buch finden Leser und Leserinnen Geschichten zu unterschiedlichen Themen, wobei Musik, Liebe und Toleranz eine besondere Rolle spielen. Eine bunte Mischung, für jeden etwas.

Nackt

Verdrossen betrachtet sich das blütenweiße Blatt Papier in einem Spiegel, wird noch fahler, als es geschaffen wurde, und schmollt: Warum nur wurde ein Baum für mich geopfert, wurden seine Fasern zerstampft, gekocht, gewässert, wurde ich aus der Brühe geschöpft, getrocknet, gepresst und geglättet, schließlich noch veredelt, damit meine Oberfläche ein ebenmäßiges, dezent glänzendes Aussehen erhielt?

Was könnte alles mit mir geschehen, damit ich meiner Bestimmung gerecht werde?

Wie wäre es, meine Nacktheit mit einem lieben Gruß an einen teueren Menschen zu bekleiden oder in schönster Schrift und wohl geformten Worten, vielleicht gar in Reimen, einer Angebeteten seine Liebe zu erklären? Ein Vertrag könnte ebenfalls Platz auf mir finden, vielleicht ein Vertrag, der den Menschen auf unserem Planeten endlich Frieden schenkt. Auch ein Bild in schillernden Farben könnte meine Blöße zieren oder ein paar Noten mit einer lieblichen Melodie.

Vielleicht aber findet mich ein Schriftsteller und schreibt auf mir und meinen Geschwistern Geschichten, damit der Baum nicht ohne Grund geopfert wurde.

„So sei es!“, sagt der Autor und beginnt, die blanken Seiten mit Buchstaben zu füllen …

Abgesang

(Hommage für einen unvergessenen Sänger)

Ouvertüre

Seine Zeit galt als abgelaufen, so vermeinte jedenfalls die Fachwelt urteilen zu müssen. In den vergangenen Jahren war es still um ihn geworden, die Anzahl der Angebote deutlich rückläufig. Wotan van Geel hatte sich nicht erst seit heute mit der Situation abgefunden. An allen Bühnen war das Geld knapp, bei den Etats musste mangels öffentlicher Zuschüsse in jedem Jahr mehr eingespart werden. Ein Engagement anzunehmen, das nicht seinen Vorstellungen entsprach, hatte er nicht nötig. Mit sich selbst im Reinen, fand er sich nach und nach mit dem Ende seiner bemerkenswerten Karriere ab, auch weil seine Stimme sich weigerte, seinen gestrengen Selbstansprüchen noch zu genügen. Doch das Schicksal hielt für ihn noch einen Auftritt bereit, der ihn für alle Zeiten unvergessen machen sollte.

Jahrelang hatte die Musikwelt den Bariton gefeiert. Viele Häuser, selbst die großen, hatten sich um ihn bemüht. Seit Beginn seiner Karriere hatte er es abgelehnt, ein festes Engagement in einem Opernhaus einzugehen, hatte seine Verpflichtungen stets wohl überlegt abgewogen. Er wollte vermeiden, seine Stimme zu überfordern, sie zu früh zu verbrauchen, wie es bei vielen seiner Kollegen immer wieder zu beobachten war. Für Operngänger kaum hörbar, ließ seine Stimme dennoch nach, als er die sechzig über­schritten hatte. Er machte sich rar auf den Brettern, die ihm von Jugend an die Welt bedeutet hatten, nahm nur noch wenige Angebote wahr, trat immer seltener auf der Opernbühne auf, eher in Konzerten. Inzwischen fühlte er sich berufen, sein Wissen und seine Erfahrungen in Meisterkursen dem hoffnungsvollen Bühnennachwuchs zu vermitteln.

Seine Eltern, eher den unmusikalischen Mit­menschen zuzurechnen, hatten bereits früh eine gewisse Begabung bei ihrem Sprössling, mehr noch seine Begeisterung für das Singen erkannt, gestützt durch Hinweise seiner Musiklehrerin. Sie selbst musizierten nicht, besuchten jedoch regelmäßig die Oper. Seiner Mutter Leidenschaft dafür verdankte Wotan seinen wenig alltäglichen Namen, woran er in seiner Jugendzeit alles andere als Gefallen fand. Er hatte mit diesem tragischen Gott nach Wagners Version wenig anfangen können.

Zu seiner Freude meldeten ihn die Eltern in einem überregional bekannten Kinderchor an, wo er das Lesen von Noten erlernte, was ihn bald befähigte, die ersten Lieder weitgehend vom Blatt zu singen. Dem Chorleiter gefiel sein Eifer, vor allem aber seine weiche Stimme. Daher betraute er den kleinen Wotan im Laufe der Zeit mit ersten kleinen Solopartien. Für den Jungen stellte sich nie die Frage, welchen Beruf er später einmal zu ergreifen gedachte. Der Weg auf die Bühne war vorgezeichnet, eine andere Berufslaufbahn kam ihm nicht eine Sekunde lang in den Sinn, stand für ihn nicht zur Debatte.

Nach dem Abitur begann er eine Ausbildung an der über die Landesgrenzen hinaus anerkannten Musikhochschule in seiner Heimatstadt und träumte davon, eines Tages die großen Tenorpartien zu gestalten, die er sich zu Hause immer wieder auf den zahlreichen Schallplatten seiner Eltern angehört hatte. Bald schon musste er sich jedoch mit der Tatsache vertraut machen, dass er die notwendigen Höhen, die den Tenören abverlangt werden, nicht erreichen und das Schmettern einer Stretta mit dem hohen C oder noch höher für ihn ein Leben lang eine Illusion bleiben würde. Einer seiner Lehrer jedoch, der ihn später viele Jahre betreute und mit ihm eine Reihe von Opernrollen einstudierte, machte ihn mit den großen Rollen des Baritonfachs bekannt.

Wotan fand nach und nach Gefallen an Figu­ren wie beispielsweise dem Rigoletto, Jago, Germont, Scarpia, Méphistophélès, später dem Holländer, besonders dem Wolfram und sogar auch dem Wotan, allesamt Figuren, die im Verlauf seiner Karriere zu seinen Lieblingsrollen gehörten.

Sein Mentor brachte ihn nach seinem Studium an einem bestens geführten Opernhaus in der Provinz unter, das schon vielen Nachwuchssängern als Sprungbrett gedient hatte. Dort machte er mit ersten kleineren Auftritten auf sich aufmerksam. Vor allem beeindruckte er auch als Schauspieler und wusste die ihm übertragenen Rollen stets überzeugend zu verkörpern. Anfragen größerer Häuser ließen nicht lange auf sich warten. Durch zahlreiche Einspielungen auf Tonträgern fanden seine Leistungen eine zusätzliche Anerkennung. Bald schon konnte er sich über mangelnde Arbeit nicht mehr beklagen.

Zeit seiner Bühnenkarriere wurde er zu Recht als umgänglich und teamfähig angesehen, was längst nicht von allen Kollegen und Kolleginnen behauptet werden konnte, deren Launen bisweilen nur schwer zu ertragen waren. Er erwies sich als unkomplizierter, stets freundlicher und ausgeglichener Gefährte auf allen Brettern, auf die er seinen Fuß setzte. Seine Stimme, seine Präsenz, seine Art, sich zu bewegen, welche Rolle auch immer er darzustellen hatte, beeindruckten jedermann. Er überzeugte zumeist auch die kritischen Rezensenten, denn zeitlebens vertrat er den Anspruch, auch Schauspieler zu sein. Er legte die Oper stets als Theater mit Musik aus.

Über sein Privatleben drang nichts an die Öf­fentlichkeit. Auch seine Vita in den Programmheften verbreitete – auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin – nicht viel über ihn. Seine Lebensumstände beließ er für Außenstehende im Dunkeln. An Diskussionen beteiligte er sich nur, wenn künstlerische Absprachen zu treffen waren. Bekannt wurde lediglich, dass er verheiratet war mit einer Frau, die nichts mit der Kunstszene zu tun hatte.

Da gelangweilte Klatschmäuler nichts über etwaige Verhältnisse zu tratschen fanden, dichteten sie ihm hinter seinem Rücken einige Affären an. So erzählten sie sich, dass ihm zahlreiche Herzen zugeflogen wären, die der Diven und Kolleginnen gleichermaßen wie die von Maskenbildnerinnen, erst recht von schmachtenden Zuhörerinnen im Parkett. An Beweisen für solcherlei Unterstellungen mangelte es jedoch. Rein gar nichts von diesem Gemunkel entsprach den Tatsachen.

Wotan gab sich scheu, ausgesprochen introvertiert. Er mochte die Öffentlichkeit nur, wenn sie als Publikum im Parkett und auf den Rängen saß, während er auf der Bühne stand. Interviews, besonders Anfragen aus dem Bereich der Regenbogenpresse, lehnte er höflich, aber bestimmt ab. Sein Privatleben ging niemanden etwas an. Von Kind an hatte er Einblicke in sein Gefühlsleben verweigert. Er liebte nichts mehr als Harmonie und Frieden in seinem Umfeld.

Müde und ausgebrannt von einem Leben aus Koffern und in Hotels, hatte sich Wotan inzwischen, am Ende seiner Karriere, fast völlig zurückgezogen und lebte nahezu unerkannt am Rande einer Kleinstadt, die zwar für ein großes Schützenfest weit und breit Bekanntheit genoss, jedoch nicht über ein Theater oder ein bemerkenswertes Kulturschaffen verfügte. Er be­wohnte das Haus zusammen mit seiner Frau Frieda, mit der er seit mehr als vierzig Jahren verheiratet war. Seine Tochter Lara, seine „Principessa“, die er über alles liebte, war nach ihrem Studium in eine andere Region des Landes gezogen.

Im Keller seines Hauses richtete er sich ein Tonstudio ein, wo er sich mit großer Begeisterung und Akribie damit beschäftigte, alte Schallplatten großer Sänger wie Gigli, Tauber, Schaljapin und viele andere, auch Aufnahmen mit ihm selbst, auf moderne Tonträger wie CDs zu übertragen.

1. Akt (Der Anruf)

Wotan hatte sich seit Stunden in seinen Keller zurückgezogen und war dabei, mit den Möglichkeiten digitaler Technik die Kratzgeräusche einer alten Schallplatte von Caruso zu entfernen, als sein Telefon einen Anrufer ankündigte. In seinem Tun behelligt, nahm er den Hörer ab und meldete sich kühl, ohne seinen Namen zu nennen. Am anderen Ende vernahm er die Stimme von Johannes Holtz, dem Intendanten und Generalmusikdirektor des renommierten Opernhauses seiner Geburtsstadt, jenes Hauses, in dem er erstmals in einer Hauptrolle auf der Bühne gestanden hatte und wo er immer wieder aufgetreten war.

„Holtz hier, hallo Wotan, wie geht’s dir?“

„Danke, Jo, ich beklage mich nicht, und wie sieht es bei dir aus? Wie immer knapp bei Kasse?“, antwortete er höflich, aber zurückhaltend.

Er mochte Holtz als Dirigenten sehr, sie hatten zahlreiche Inszenierungen gemeinsam verwirklicht. Lange hatte er von ihm nichts mehr gehört, daher wunderte er sich über den Anruf.

„Das übliche Theater im Theater“, plapperte Holtz los. „Die Sänger haben Schnupfen, als wären sie Opfer einer permanenten Epidemie geworden, und das Orchester will mal wieder mehr Geld. Mein Etat ist wie immer nicht gedeckt, meine Magengeschwüre vermehren sich daher zwangsläufig von Tag zu Tag, wahrscheinlich besteht meine Magenhaut nur noch aus Geschwüren. Ich bin ständig auf der Suche nach Mäzenen, eine Aufgabe, die in heutigen Zeiten kein Vergnügen ist, wie du dir sicherlich vorstellen kannst. Ich finde kaum noch Zeit, nach jungen Nachwuchssängern Ausschau zu halten. Und dann steht noch unser Jubiläum vor der Tür, du hast sicherlich davon gehört oder gelesen.“

„Ja, ich habe natürlich die Medienberichte verfolgt und finde die Idee großartig, die Abonnenten wählen zu lassen, welche Oper anlässlich des Jubiläums aufgeführt werden soll“, antwortete Wotan. „Liegt das Ergebnis der Abstimmung bereits vor?“

„Ja, mein Lieber, und das Ergebnis findet unbedingt meinen Gefallen. Unsere Klientel will allen Ernstes den Rigoletto, und zwar ein Remake der Inszenierung von vor fünfundzwanzig Jahren … Du wirst dich vielleicht im Stillen gewundert haben, dass du noch keine Einladung von mir erhalten hast, aber …“ Holtz legte eine Kunstpause ein. „Aber ich wollte erst einmal mit dir ...“

„Nein, bitte nicht … Sprich nicht weiter!“, unterbrach Wotan ihn. Ihm schwante jetzt der Grund des Anrufs, er wollte die sich anbahnende Frage gar nicht erst hören, sperrte sich mit allen Sinnen dagegen.

„Lass mich bitte ausreden, mein Lieber. Ich hatte zwar einen Moment lang an Liborio Stupia als unseren aktuellen Interpreten des Hofnarren gedacht, der fällt aber aus – Probleme mit seinen Stimmbändern. Unsere Zweitbesetzung steht wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht zur Verfügung, ist nach meinem Dafürhalten auch nicht eine gebotene Besetzung für diese Galavorstellung, zumindest nicht im Vergleich zu deiner Interpretation. Bevor ich nun überall herumtelefoniere …“

„Vergiss es! Ich sage Nein!“, fiel Wotan ihm erneut ins Wort.

„Wotan, für mich warst du immer und bist es auch heute noch die absolute Erstbesetzung für den Rigoletto, überleg’s dir bitte. Du kannst es, du hast ihn vor fünfundzwanzig Jahren gegeben und danach noch zig Male auf unserer und anderen Bühnen. Das ist doch deine Rolle schlechthin! Und bedenke eins: Das Publikum, gerade bei uns, liebt dich immer noch wie kaum jemanden sonst!“, lockte Holtz schmeichelnd und brachte damit auch seine feste Überzeugung zum Ausdruck. Er hatte nie einen besseren Rigoletto auf der Bühne erlebt.

„Jo, meine Stimme ist nicht mehr in Form, ich habe lange nicht mehr in ausreichendem Maße geübt und möchte mich nicht blamieren, gerade bei euch nicht, bei dem Auditorium, das mich noch immer liebt, wie du behauptest“, sträubte Wotan sich. „Ich möchte, dass die Opernfreunde in meiner Heimatstadt mich in bester Erinnerung behalten, das wirst du mir doch sicherlich zugestehen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ein Gnadenbrot wie ein alter Gaul zu erhalten.“

Holtz ließ nicht locker und nahm einen erneuten Anlauf. „Versuch es doch bitte. Lass mich beurteilen, ob deine Form ausreicht. Vor allem weiß ich eins: Niemand spielt den Rigoletto wie du. Niemand!“

Als Holtz diesen Satz aussprach, hörte Wotan die ehrliche Würdigung seines Gesprächspartners heraus, ebenfalls ein frohlockendes Schmunzeln in dessen Stimme. Er spürte, dass der Intendant sich von seiner Idee nicht abbringen lassen würde. Sie kannten sich lange genug.

Holtz wartete geduldig auf eine Antwort.

Schließlich sagte Wotan, einerseits über die Wertschätzung erfreut, andererseits jedoch mit Widerwillen: „Gib mir ein paar Tage zum Repetieren. Ich habe den Rigoletto ein paar Jahre nicht mehr gesungen. Wenn ich zu der Auffassung gelange, dass ich’s noch einmal schaffe und meine Stimme meinem eigenen Anspruch genügt, gebe ich dir Bescheid. Erwartest du, dass ich bei allen Proben anwesend bin?“

„Wir sind mit den Proben schon recht weit, es ist für uns ja eine Wiederaufnahme. Ich denke, dass in diesem Fall ein paar Abstimmungsproben gegen Ende der Vorbereitung reichen. Keiner kennt die Inszenierung so gut wie du“, räumte Holtz ein.

„Freu dich nicht zu früh, Jo. Glücklich machst du mich mit deinem Angebot ganz und gar nicht“, entgegnete Wotan. Er verhehlte seine Zweifel nicht.

„Hm, ich freu mich trotzdem, denn ich bin mir sicher, dass … Ach, und noch etwas, das wird dir deine Entscheidung vielleicht ein wenig erleichtern. Kannst du dir denken, wen ich für den Part der Gilda engagiert habe?“, fragte er geheimnisvoll.

„Nein, du wirst es mir aber jetzt verraten, nehme ich an.“

„Caro!“

„Caroline Bogaert? Wirklich?“

„Kennst du noch eine andere Caro?“

Abermals gab die Stimme sein Schmunzeln wieder. Holtz war sich sicher, sein Ziel erreicht zu haben. Jetzt erst recht.

In diesem Moment fiel Wotans Entscheidung. Caro! Seine Lieblings-Gilda. Dafür würde er noch einmal alles geben. Vor zwanzig Jahren hatte er die Belgierin in einem kleinen Provinzopernhaus als Anfängerin kennengelernt. Sie war ihm sofort aufgefallen, hatte seine Zuneigung gewonnen. Immer wieder waren sie sich auf den Bühnen begegnet, waren zufällig gemeinsame Engagements eingegangen. Sie verfügte über eine ausdrucksstarke Stimme, war zudem eine großartige Schauspielerin. Genau wie er selbst bewegte sie sich geschickt auf der Bühne, ohne umfangreiche Regieanweisungen, ohne andere Akteure an die Wand zu spielen. Wotan hatte sie immer wieder Intendanten empfohlen, die auf sein Urteil Wert legten.

Caro war seine große musische Liebe, allerdings heimlich und unerfüllt. Er hatte nie darüber gesprochen, mit niemandem, auch nicht mit ihr. Diese Liebe war dazu verurteilt, ein Leben lang in seinem Herzen zu lodern. Johannes Holtz, ein guter Menschenkenner, hatte bei seinen Überlegungen vermutet, dass die Besetzung mit Caroline Bogaert den Ausschlag geben könnte.

Die Ankündigung, noch einmal mit Caro zu singen, wühlte Wotan auf, weckte Erinnerungen, auch Sehnsüchte. Von jetzt an musste er üben, üben und nochmals üben, musste seine Stimme auf Hochglanz bringen, noch ein letztes Mal. Um seine Gefühle nicht zu offenkundig durchdringen zu lassen, fragte er Holtz so nüchtern und beherrscht wie möglich: „Und den Herzog, wer singt den?“

„Ein Gast aus England, von dem ich viel halte, Caro übrigens auch. Thomas Armsden. Der wird seinen Weg machen.“

Danach riefen sie Erinnerungen an vergangene Tage wach, gemeinsame Erfahrungen, Erfolge, aber auch Pleiten. Sie, die beide fast gleichen Alters waren, hatten viel erlebt. Genau wie Wotan plante auch Holtz, nach und nach aus dem stressigen Bühnenleben auszuscheiden. Das Opernhaus suchte schon seit einem Jahr nach einem geeigneten Nachfolger für ihn. Die Jubilä­umsveranstaltungen sollten ein Höhepunkt seiner Arbeit an diesem Haus werden.

Wotan versprach, sich so bald wie möglich zu melden, denn die Zeit drängte inzwischen. Die nächsten Tage verbrachte er von morgens bis abends repetierend am Klavier. Es überraschte ihn, dass ihm die Texte immer noch völlig geläufig waren, obwohl er als Rigoletto zuletzt vor acht Jahren auf der Bühne gestanden hatte. Seine anfängliche Skepsis wich, je länger er sich mit der Rolle wieder vertraut machte. Auch seine Stimme schien Freude an der Arbeit zu haben, denn sie wurde von Tag zu Tag geschmeidiger.

Nach ein paar Tagen intensiven Repetierens rief Wotan seinen Freund Holtz an und teilte ihm mit, dass er bereit sei, die Rolle bei der Jubiläumsveranstaltung zu übernehmen, aber nur dieses eine Mal. Als nur noch zwei Wochen bis zur Premiere verblieben, vereinbarten sie, dass Wotan sich umgehend auf den Weg machen sollte, um an den verbleiben­den Proben teilzunehmen.

Groß war die Freude, als Wotan zwei Tage später im Theater auftauchte. Die alte Maskenbildnerin Tessi Braun, die längst zum Inventar des Theaters gehörte und schon den jungen Wotan geschminkt hatte, begrüßte ihn mit einem Strauß Rosen und Glückstränen in den Augen. Wotan überreichte ihr zum Wiedersehen eine Packung Pralinen, wohl wissend, ihr damit eine Freude machen zu können.

Caro fiel ihm um den Hals, als er sie in ihrer Garderobe begrüßte, küsste ihn voller Wiedersehensfreude und flüsterte ihm zu, dass sie die anstehende mit ihm Zusammenarbeit als den absoluten Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere ansehe.

„Ich habe dir so viel zu erzählen … Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen … Wir müssen uns unbedingt mal wieder in Ruhe unterhalten …“

Ihr Wortschwall, mit dem sie ihrer Wiedersehensfreude Ausdruck verlieh, nahm kein Ende. So sehr freute sie sich darüber, da sie sich lange Zeit nicht mehr gesehen hatten.

„Ja, lass uns heute Abend ein Glas Wein zusammen trinken, wenn es dir recht ist“, stimmte er zu.

„Nichts lieber als das. Ich freue mich darauf“, pflichtete sie bei. „Leider habe ich gegenwärtig noch eine andere Verpflichtung zu erfüllen, sodass mir wenig Zeit bleibt, aber heute Abend bin ich ganz für dich, für uns da.“

Mit dem Herzog Thomas Armsden zeigte sich Wotan höchst zufrieden. Das gesamte Ensemble und der Chor erwiesen sich als gut aufeinander eingestimmt. Alle Beteiligten agierten geschickt, nutzten perfekt den Bühnenraum. Stimmlich schienen alle Akteure auf der Höhe zu sein. Auch das Orchester beherrschte die Partitur, ließ sie zurückhaltend erklingen, sodass die Sänger ihre lyrischen Fähigkeiten zur Geltung bringen konnten. Johannes Holtz am Pult hatte jedenfalls kaum noch etwas auszusetzen, ein paar Kleinigkeiten wie immer, aber insgesamt stand die Aufführung. Sie konnten zuversichtlich der Premiere entgegensehen.

Wotan nahm sich bei den Proben zurück, schonte seine Stimme, war sich aber sicher, dass mithilfe der gesamten Besetzung sein Spiel ankommen würde. Er klopfte vorsichtshalber nach jeder Probe auf Holz.

2. Akt (Blue Notes)

Zu seiner Überraschung traf Wotan im Orchester auf seinen Schulfreund Hotte Wingender, Sprössling einer Musikerfamilie der Sinti. Sie hatten gemeinsam das Gymnasium besucht, zeitweilig in derselben Klasse. Nach dem Abitur begannen sie ihre Ausbildung auf der renommierten Musikhochschule der Stadt. Während dieser Zeit jazzten sie zusammen in einer Hoch­schulband, um sich ein bisschen Taschengeld zu verdienen.

Bei den Philharmonikern spielte Hotte die Solo-Klarinette, beherrschte aber auch die Familie der Saxofone. Für das geplante Jubiläumskonzert war ihm die Interpretation von Mozarts Klarinettenkonzert übertragen worden. Er war stolz darauf, dass die Veranstalter ihm ihr Vertrauen schenkten und nicht einen Star von außerhalb verpflichtet hatten.

Die beiden Jugendfreunde begrüßten sich mit einer freundschaftlichen Umarmung, denn sie hatten sich Jahre nicht mehr gesehen. Nachdem sie einige Erinnerungen ausgetauscht hatten, berichtete Hotte ihm, dass er wieder eine Jazz-Combo gegründet hätte, weil er sich ohne Jazz nicht als echter Musiker fühle. Zweimal in der Woche träte er abends im Blue Notes auf, wenn ihm seine Zeit und seine Engagements dies er­laubten. Er lud ihn für den Abend vor der Gene­ralprobe ein. „Dann kommen wir mal auf andere Gedanken, Alter.“

Wotan war gespannt. Das Blue Notes genoss seit etlichen Jahren einen überragenden Ruf in der Jazzszene. Gerne nahm er die Einladung an, die Erinnerungen an seine Studienzeit weckte.

An besagtem Abend fuhr Wotan gegen 22 Uhr mit dem Taxi ins Blue Notes. Inzwischen hatte er erfahren, dass Hotte, der die Jazzszene nie völlig verlassen hatte, an dem Club beteiligt war. Er befand sich im Kellergeschoss eines ehemaligen Fabrikgebäudes. Als Wotan die Eingangstür öffnete, schreckte er zurück. Ein fast undurchsichtiger Nebel aus dichtem Tabakrauch empfing ihn in dem Raum. Die Luft in dem Club war keinesfalls gut für ihn vor dem Opernengagement. Er hatte auf seine Stimme zu achten. Daher nahm er sich vor, nicht allzu lange zu bleiben. Er wollte aber Hotte nicht enttäuschen, da er sein Kommen zugesagt hatte.

Die Band legte gerade eine Pause ein. Wotan suchte nach seinem Freund, den er an der Theke entdeckte. Hotte stellte ihm seine Combo vor, einen Schlagzeuger, einen Elektrobassisten, einen Gitarristen, einen Keyboarder. Er selbst musizierte auf einem Tenorsaxofon und einer Klarinette. Alle Musiker gehörten den Philharmonikern an und hatten sich ihre Jugendliebe zum Jazz bewahrt.

Nachdem sie ein Glas Bier miteinander getrunken hatten, gingen die Musiker zurück aufs Podium. Wotan suchte sich einen freien Tisch, bestellte noch ein Bier und war gespannt, was die Musiker in dieser ungewöhnlichen Kombination zu bieten hatten. Sie spielten einen unkonventionellen, eigenen Stil, nicht gerade progressiv, sondern sie variierten die Melodien weitgehend auf klassische Weise. Gelegentlich schlich sich ein Touch Gipsy-Jazz ein, den Hotte im Blut hatte und beisteuerte.

Der Club war gut gefüllt, es herrschte eine prächtige Stimmung, ein Großteil der Gäste schien ihn regelmäßig zu besuchen und sich zu kennen. Sogar auf der Tanzfläche tummelten sich ein paar Unentwegte.

Als Wotans Augen sich einen Weg durch die Rauchschwaden bahnten, fiel ihm eine junge Frau in Jeans und einem roten Wickelpulli auf, um die dreißig vielleicht, mit rotblonden Haaren. Sie setzte dort allein und in sich versunken den Rhythmus der Musik in Tanz um. Ihre Bewegungen fesselten ihn. Schon bald konnte sich Wotan von diesem Bild nicht mehr lösen, vor allem, weil diese Frau ihn an jemanden erinnerte. Er beobachtete sie genauer. Schließlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Genau wie sie hatte Anja Söderström ausgesehen, als sie sich kennengelernt hatten. Anja, die wunderbare schwedische Mezzo-Sopranistin, in die er sich dazumal bis über beide Ohren verknallt hatte, mit der ihm fälschlich ein Verhältnis nachgesagt worden war. Einmal wäre es fast zu einem Mehr gekommen, hätten ihre Gefühle füreinander die Oberhand gewonnen, aber schließlich hatten sich beide eine zu enge Beziehung versagt. Sie wollten ihre Künstlerfreundschaft nicht gefährden. Anja war bereits vor Jahren einem Krebsleiden erlegen, was als großer Verlust in der Opernszene angesehen worden war. Heute erinnerten nur noch einige wenige Einspielungen auf Tonträgern an diese großartige Interpretin.

War diese Begegnung ein Zufall, ein Wink des Schicksals? Er glaubte nicht an Zufälle. Und während die Musiker den Wild Cat Blues mit einem beeindruckenden Schlagzeug-Solo intonierten, ging die Musik nahtlos über in Georgia, ein Song, den Wotan früher mit großer Hingabe gesungen und mit dem er stets bewiesen hatte, dass auch der Blues durch seine Adern floss.

Nachdem Hotte sein erstes Solo beendet, der Bass das Thema aufgenommen hatte, winkte er seinem Freund zu und bat ihn, zu ihm aufs Podium zu steigen. Wotan folgte der Bitte.

„Und nun bist du dran!“, forderte Hotte ihn auf.

Wotan sah ihn stirnrunzelnd, ja, sogar ein wenig verschnupft an. Auf einen Auftritt war er nicht vorbereitet. Er wollte seinen Freund jedoch nicht brüskieren. Erst piano, aber ein wenig rauchig, ließ er seine Stimme erklingen, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gesungen. Dann jedoch legte er eine Inbrunst in seine Interpretation, die ansonsten gewöhnlich nur den Farbigen bei dieser Musik zu Eigen ist. Hotte variierte dazu mit hinreißenden Phrasen zurückhaltend die Melodie.

Plötzlich war es im Club mucksmäuschenstill. Aller Augen richteten sich gebannt auf die Bühne. Nach und nach war ein Tuscheln zu hören: „Weißt du, wer das ist da oben?“

Immer häufiger machte die Antwort die Runde, wenn auch mit Fragezeichen versehen: „Das ist doch … Ist das nicht dieser … Opernsänger? Wie heißt er noch gleich?“

Lang anhaltender Beifall beendete schließlich den Song. Die Musiker erbaten anschließend eine kurze Pause, um ihre Kehlen zu ölen, und begaben sich an die Theke.

Wotan begab sich mit einem frischen Glas Bier auf seinen Platz zurück. Als er sich gesetzt hatte, stand plötzlich die junge Frau mit den rotblonden Haaren und lustigen Sommersprossen im Gesicht vor ihm.

„Ich habe Ihr Bild heute in der Zeitung gesehen, Sie sind doch Wotan van Geel, nicht wahr?“, fragte sie mit dem deutlich hörbaren Akzent der gebildeten englischen Gesellschaftsschicht.

Wotan bestätigte ihre Vermutung, schaute sie leicht verlegen an, war er doch einen engen Kontakt zum Publikum nicht mehr gewohnt. Höflich bot er ihr an, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Sie stellte sich als Deutsch-Engländerin vor, mit Namen Eileen Shanahan, Vater Insulaner, Mutter Deutsche, beschäftigt bei der englischen Niederlassung eines Unternehmens dieser Stadt. Nebenher ließ sie ihn wissen, schreibe sie seit ihren Studienzeiten gelegentlich Reportagen und Rezensionen für ein Kulturmagazin. Sie war mittags mit dem Flieger angekommen und hatte den ganzen Tag auf ihr Gepäck warten müssen, das unterwegs verloren gegangen war. In Engand, so erzählte sie, trat sie hin und wieder als Sängerin einer Rock-Band auf. Anlässlich ihres Besuches hier wolle sie sich ein wenig informieren, aber auch amüsieren. Opern waren ihr ebenfalls nicht fremd. Thomas Armsden hatte sie bereits mehrfach auf der Bühne bewundert. Sie beabsichtigte, eine Reportage über seinen Auftritt als Herzog zu verfassen.

Eileen plapperte munter und unbekümmert drauf los, zeigte Interesse für alles, was Wotan ihr zu erzählen wusste. Bereitwillig beantwortete er ihre Fragen. Er war fasziniert von ihrer Unbekümmertheit, ihren funkelnden blauen Augen. Seine Zurückhaltung verlor sich mit jeder Minute. Sie waren so angeregt in ihr Gespräch vertieft, dass es ihnen völlig entging, als die Musiker sich wieder einen Weg auf die Bühne bahn­ten und Aufstellung nahmen.

Wotan wurde erst aufmerksam, als er durch das Gemurmel im Raum Hotte durchs Mikrofon sagen hörte: „Liebe Freunde, ich hatte gedacht, dass alle Anwesenden soeben den Sänger erkannt hätten, obwohl er nicht in der Jazzszene aktiv ist. Zu meinem Erstaunen bleibt mir festzustellen, dass dies nicht der Fall ist. Er ist kein Geringerer als mein lieber Freund aus Jugendzeiten, der bekannte Opernsänger Wotan van Geel, der in unserem Opernhaus den Rigoletto in der Jubiläumsveranstaltung geben wird.“

Beifall brandete auf, im Getuschel an den Tischen war immer wieder zu hören: „Hab ich doch gesagt!“, „Klar, jetzt erkenne ich ihn auch, er war doch in der Zeitung“ …

Hotte fuhr fort: „Wotan, darf ich dich noch einmal auf die Bühne bitten? Ein oder zwei Songs noch? Ich glaube, unser Publikum wird sich freuen.“

Ein beifälliger Applaus verlieh Hottes Wunsch den notwendigen Nachdruck.

Wotan erhob sich langsam von seinem Stuhl, fühlte sich eigentlich von seinem Freund ein wenig überfahren, obwohl er sich hätte denken können, dass Hottes Einladung nicht uneigennützig ausgesprochen worden war. Er begab sich wieder aufs Podium, nahm das Mikrofon in die Hand und sagte: „Danke, liebe Freunde, vielen Dank. Aber ich bitte um Verständnis, dass ich nur noch ein Lied singen werde. Ich muss für die Premiere des Rigoletto meine Stimme schonen. Aus besonderem Anlass, den ich allerdings nicht näher erläutern möchte, singe ich keinen Jazztitel, sondern ein Lied, das sie alle kennen.“

Er wandte sich darauf an Hotte und besprach sich mit ihm. Nach einer kurzen Verständigung setzte der Keyboarder ein mit dem bekannten Sinatra-Song My way, eine erste Variation von Hotte tönte durch den Raum, sehr getragen, sehr melancholisch, bis Wotans Einsatz erfolgte:

„And now, the end is near,

And so I face the final curtain.

My friend, I’ll say it clear,

I’ll state my case, of which I’m certain.”

Die Musiker übernahmen das Thema wieder, Wotan trat ein wenig zurück. Mit einem Stirnrunzeln variierte Hotte das Thema. Da war etwas in Wotans Stimme, ein merkwürdiges Timbre, das ihn aufhorchen ließ, ihn irritierte. Das war nicht der Wotan, den er kannte. Und warum gerade dieses Lied? Was wollte sein Freund damit zum Ausdruck bringen? Er machte sich seine Gedanken.

Wotan fuhr fort:

„I’ve lived a life that’s full.

I’ve travelled each and ev’ry highway:

But more, much more than this:

I did it my way!”

Nach dieser Strophe übernahmen die Musiker erneut, ein jeder mit einem Solo. Schließlich trat Wotan wieder vor, um eine letzte Strophe zu singen, dieses Mal auf Deutsch:

„Und dennoch denk ich gern zurück,

ich hatte Glück, verdammt viel Glück,

ich kann zu vielen Freunden geh’n,

die sich sehr freu’n, wenn sie mich seh’n

und ohne Groll den Satz versteh’n:

‚I did it my way‘,

und ohne Groll den Satz versteh'n:

‚I did it my way‘.

Vor dem letzten my way holte er tief Luft, hielt den Ton, erst in normaler Tonstärke, dann immer leiser werdend, während Hotte ihn mit einigen Triolen aufmerksam begleitete. Als Hotte merkte, dass sich Wotans Luftvorrat dem Ende zuneigte, gab er ein Zeichen. Abrupt beendeten sie gemeinsam.

Atemlose Stille herrschte im Raum. Alle Besucher hatten gespürt, dass auf der Bühne etwas Mysteriöses vor sich gegangen war. Doch plötzlich brandete ein lang anhaltender Beifall auf, erst vereinzelt, dann steigerte er sich zu einem Orkan, begleitet von zahlreichen Bravorufen. Wotan stand auf dem Podium, blickte ins Leere, verbeugte sich, umarmte Hotte und stieg von der Bühne hinunter. Er setzte sich wieder an den Tisch zu Eileen, die ihn sprachlos anstarrte. Von der Bedienung ließ er für sich und die Engländerin noch ein Bier bringen.

„Es war unglaublich“, sagte sie, „so habe ich das Lied noch nie gehört. Ein Schauder ist mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand das Lied mit mehr Gefühl singen kann, selbst Sinatra nicht.“

Wotan schaute sie verständnislos an. Er versteifte sich darauf, nur ein Lied gesungen zu haben, nicht mehr, nicht weniger. Mit einem Blick auf die Uhr fügte er hinzu: „Oh, es ist später geworden, als ich hier zu bleiben beabsichtigte. Ich bin ein wenig erschöpft. Die letzten Tage waren hart für mich, ich bin die Arbeit auf den Brettern nicht mehr gewohnt. Ich möchte jetzt aufbrechen, werde mir ein Taxi rufen.“

„In welchem Hotel wohnen Sie?“, fragte Eileen. Nachdem sie festgestellt hatten, in demselben untergebracht zu sein, bat Eileen, mitfahren zu dürfen.

Wotan verabschiedete sich von der Band. Das freundschaftliche Grinsen seines Freundes ignorierte er, als er mit der jungen Frau den Club verließ. Er machte sich keine Gedanken darüber, dass wieder Gerüchte aufleben könnten.

Bald schon erschien das bestellte Taxi. Sie setzten sich auf die Rückbank, wo Eileen meinte, es sei ziemlich frisch geworden, sich ungezwungen an ihn kuschelte und munter weiterplapperte, wie schon im Club.

Wotan nahm das Geschehen um ihn herum gar nicht richtig wahr, konnte sich auch später nicht erinnern, was Eileen alles erzählt hatte. Die junge Frau an seiner Seite erschien ihm wie eine Götterbotin, eine Gesandte der Venus, unter deren Sternzeichen Stier er geboren worden war.

Am Hotel angekommen, bezahlte Wotan den Taxifahrer. Sie ließen sich ihre Schlüssel geben und begaben sich zum Lift. Wotan drückte die dritte Etage, während Eileen, deren Zimmer im fünften Stock lag, Wotan strahlend anblickte.

Der Lift hielt an, beide schauten sich wortlos an, bis Eileen seinen Arm nahm. Sie hakte sich bei ihm ein und bemerkte wie völlig selbstverständlich: „Einen Schlaftrunk nehmen wir aber noch? Sie kennen doch sicherlich diese englischen Unsitten. Es darf gerne ein guter Whisky sein.“

„Ich danke Ihnen für Ihre nette Begleitung heute Abend. Bitte haben Sie aber Verständnis dafür, dass ich all meine Kräfte für die anstehende Aufführung und ausreichend Schlaf benötige.“

„Ich bedanke mich ebenfalls“, entgegnete Eileen mit sichtbarer Enttäuschung, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und stieg wieder in den Lift ein. Ein letztes Winken, dann schloss sich die Tür.

Lange saß Wotan selbstversunken in einem Sessel bei einem Glas Rotwein. Schließlich legte er sich ins Bett und fiel in einen unruhigen, traumschweren Schlaf, in dem immer wieder Bilder vor seinen Augen auftauchten: Caro, mit der er das Schlussduett im Rigoletto sang, seine Frau, deren unberechtigte Eifersucht ihn bisweilen verfolgte, seine Tochter, die er über alles liebte, auch Eileen, deren jugendliche Begeisterung ihn faszinierte …

Als Wotan am nächsten Morgen aufwachte, der neue Tag nach und nach seine Erinnerungen mit Leben erfüllte, befiel ihn ein Gefühl aufkommender Melancholie. Er stand auf, duschte und machte sich bewusst, dass ein schwerer Tag vor ihm lag: die Generalprobe. Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem es ihm nicht gelang, die Zeitung zu lesen, weil er immer nur Eileen und verpasste Sekunden vor Augen hatte, machte er einen Spaziergang, um frische Luft zu atmen und seine Gedanken zu ordnen.

Die Generalprobe verlief ohne Probleme und ohne jede Panne.

„Das kommt mir fast unheimlich vor“, sagte Jo Holtz, klopfte auf das Holz seines Notenpultes und entließ die Akteure mit dem Wunsch, sich die Stunden bis zur Aufführung zu entspannen.

Am nächsten Morgen zog sich Wotan nach einem späten Frühstück wie in früheren Jahren in die romanische Kirche der Stadt zum Meditieren zurück. Er setzte sich auf eine Bank und dachte nach, wie er dies hin und wieder tat, wenn etwas ihn stark beschäftigte oder wenn er über das Leben an sich nachsinnen wollte. In Gedanken spulte er jede Szene seiner Rolle ab und registrierte mit Erleichterung, dass der Text saß – es wurde auf Italienisch gesungen. Er würde die Souffleuse nicht in Anspruch nehmen müssen, was ihm eine freiere Rollengestaltung auf der Bühne ermöglichen würde. Zuversichtlich lief er ins Hotel zurück, um noch zwei Stunden zu ruhen und sich auf den Abend vorzubereiten.

3. Akt (Rigoletto)

Drei Stunden vor Beginn der Aufführung betrat Wotan das Opernhaus durch den Künstlereingang. Er nahm sich die Zeit, ein paar freundliche Worte mit dem Pförtner und einigen guten Geistern, die hinter der Bühne für das Gelingen zu sorgen hatten, zu wechseln. Mit Manu, der Regieassistentin, die ihn mit ihren guten Einfällen immer wieder beeindruckte und die er in sein Herz geschlossen hatte, flachste er ein wenig länger und sprach ihr seine Anerkennung für ihre Arbeit aus.

Vor seiner Garderobe kam die gute alte Tessi Braun auf ihn zu, fragte nach seinem Befinden und wann sie mit der Maske beginnen solle.

„Es bleibt noch Zeit. Ich will mich erst mal einsingen und vor allem Caro und Thomas Armsden begrüßen und ihnen Glück wünschen“, entgegnete Wotan.

Caro klopfte kurz danach an die Tür seiner Garderobe, trat ein und umarmte ihn. Ihre weibliche Intuition ließ sie spüren, dass eine nicht greifbare Veränderung mit Wotan vorgegangen war. Besorgt fragte sie: „Ist etwas nicht in Ordnung, mein Lieber?“

Wotan erwiderte mit einem Stirnrunzeln: „Was lässt dich das denn vermuten? Was soll nicht in Ordnung sein? Ich freue mich auf den Abend, auf unseren Abend.“

Zärtlich nahm er sie in seine Arme und küsste sie in einem plötzlich aufflammenden Ausbruch seiner unerfüllten Liebe. Caro erwiderte seinen Kuss, etwas mehr als nur freundschaftlich, suchte dann aber, erschrocken über sich selbst, das Weite mit dem Hinweis, sich noch in Ruhe einstimmen zu müssen.

Die Vorbereitungen hinter dem Vorhang nahmen ihren gewohnt routinierten Gang. Trotz der Bedeutung dieser Vorstellung kam keine Hektik auf. Johannes Holtz, heute Abend Intendant, Regisseur und Dirigent in Personalunion, wünschte allen Beteiligten auf und hinter der Bühne ein gutes Gelingen und klopfte ein letztes Mal laut hörbar auf Holz, bevor er hinunter in den Raum der Musiker ging, um letzte Anweisungen zu erteilen.

Wotan zeigte sich begeistert, von der Mühe, die Tessi Braun sich mit seiner Maske gab. Sie half ihm in das Kleidungsstück eines Hofnarren des 16. Jahrhunderts – wie auch die übrige Ausstattung der Zeit nachempfunden war. Zum Schluss rückte sie ihm das Buckelkissen zurecht und fixierte es. Sie wusste nur zu gut, welch körperliche Anstrengung Wotan bevorstand, den ganzen Abend in gebeugter Haltung zu gestalten. Abschließend musterte sie ihr Werk noch einmal gründlich und sagte: „Perfetto, Signore, und toi, toi, toi.“