Fiona: Das Leben und das Sterben - Harry Bingham - E-Book

Fiona: Das Leben und das Sterben E-Book

Harry Bingham

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Beschreibung

Sie ist eine gute Ermittlerin. Die beste von allen. Doch wer hilft Fiona Griffiths? Illegale Müllbeseitigung: Auch um so etwas muss die Polizei sich kümmern. Die Kühltruhe am Straßenrand ist voll verdorbenem Fleisch. Ganz unten liegt ein Frauenbein, mit Schuh. Schnell finden sich in der Nähe weitere Körperteile. Doch sie stammen von einem Mann. Nichts verbindet die Opfer, scheint es, bis Fiona herausfindet: Die Toten waren ein Paar. Warum mussten sie sterben? Fiona vertraut ihrer ungeheuer starken Intuition, Kehrseite ihrer psychischen Erkrankung. Und je näher sie der Lösung kommt, desto unruhiger werden diejenigen, die schon die ersten beiden Morde in Auftrag gegeben haben.

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Seitenzahl: 634

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Harry Bingham

Fiona: Das Leben und das Sterben

Kriminalroman

 

 

Aus dem Englischen von Kristof Kurz

 

Über dieses Buch

Sie ist eine gute Ermittlerin. Die beste von allen. Doch wer hilft Fiona Griffiths?

 

Illegale Müllbeseitigung: Auch um so etwas muss die Polizei sich kümmern. Die Kühltruhe am Straßenrand ist voll verdorbenem Fleisch. Ganz unten liegt ein Frauenbein, mit Schuh. Schnell finden sich in der Nähe weitere Körperteile. Doch sie stammen von einem Mann. Nichts verbindet die Opfer, scheint es, bis Fiona herausfindet: Die Toten waren ein Paar. Warum mussten sie sterben? Fiona vertraut ihrer ungeheuer starken Intuition, Kehrseite ihrer psychischen Erkrankung. Und je näher sie der Lösung kommt, desto unruhiger werden diejenigen, die schon die ersten beiden Morde in Auftrag gegeben haben.

Vita

Harry Bingham, Jahrgang 1967, ist gebürtiger Londoner. Er hat in Oxford Politik und Wirtschaft studiert, sich danach mit dem ökonomischen Wiederaufbau Osteuropas beschäftigt und schließlich seine Karriere bei der Bank J.P. Morgan abgebrochen, um Bücher zu schreiben. Dies ist der zweite Band der Serie um DC Fiona Griffiths aus Cardiff, die international für Aufsehen sorgt.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel «Lovestory, with Murders» bei Orion Books/The Orion Publishing Group, Ltd., London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Lovestory, with Murders» Copyright © 2013 by Harry Bingham

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 unter dem Titel «Totenspiel» bei Blanvalet Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung bürosüd, München

Umschlagabbildungen Hayden Verry/Arcangel

ISBN 978-3-644-40178-5

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für N., wie immer

(ich weiß nicht was es ist, das sich an dir schließt und öffnet; ein etwas aber hat in mir erkannt, dass deiner augen stimme tiefer ist als alle rosen) niemand, auch nicht der regen, hat solch kleine hand

 

E.E. CUMMINGS

 

Aus «dort wohin ich niemals reiste, freudig jenseits» (1931)[*]

Kapitel 1

Cardiff Prison, September 2010

«Kommen Sie rein.»

Mit einer vagen Geste heißt Penry mich willkommen. Er kriegt seine Hände nur etwa zwanzig Zentimeter auseinander, als trüge er immer noch Handschellen.

«Nett hier», sage ich.

Resopaltische mit Metallbeinen. Leuchtstoffröhren an der Decke. Kein Tageslicht. Offizielle Bekanntmachungen an den Wänden. Mehrere Gefängniswärter, die alles im Auge behalten. Siebenhundertfünfundachtzig weitere Gefangene, davon vierundneunzig Lebenslängliche. Nett.

«Na ja, eigentlich wollte ich mal neu streichen. Ein bisschen renovieren. Aber …» Er zuckt mit den Schultern. «Sie wissen ja, wie das ist.»

«Kommen Sie klar?»

Mit der Gefängnisstrafe, nicht mit der Renovierung. Das Gericht hat ihn zu vier Jahren verknackt, von denen er jede Minute verdient hat. Ich habe mitgeholfen, Penry hinter Gitter zu bringen – Brian Penry, ein Exbulle, der auf die schiefe Bahn geriet und sich des Betrugs und ein, zwei noch schlimmerer Dinge schuldig gemacht hat. Ich sollte ihn nicht mögen, aber ich mag ihn.

«Vier Jahre, zwei davon muss ich absitzen. Ja, damit komme ich klar.» Er probiert mehrere Gesichtsausdrücke durch, bevor er sich für einen teilnahmslosen entscheidet. «In meiner ersten Woche hat sich ein Typ aus meinem Trakt umgebracht. Mit einer Glasscherbe.» Er fährt mit dem Finger über seine Handgelenke. «Sie haben es erst bemerkt, als das Blut unter der Tür durchgeflossen ist. Verdammte …» Er schüttelt den Kopf, ohne den Satz zu beenden, aber ich weiß auch so, was er meint. «Der Penner musste nur achtzehn Monate absitzen. Er wirkte anscheinend noch nicht mal besonders depressiv.»

Ich erinnere mich nur vage an den Vorfall und auch nur deshalb, weil er so tragisch war. An den Fall selbst kann ich mich allerdings noch gut erinnern. Ein junger Familienvater. Arbeitete für eine Feinwerktechnikfirma. Netter Kerl, gutes Einkommen. Er wurde dabei erwischt, wie er in einer Ladung Stahlrohre Kokain aus Südspanien ins Land schmuggeln wollte. Verlor den Job, die Frau und die Kinder und wanderte ins Kittchen. Damit war sein Leben vorbei.

«Das wird schon, Brian», sage ich zu ihm.

«Ja. Sobald hier alles neu gestrichen ist.»

Wir unterhalten uns noch eine halbe Stunde. Es kommt mir wie ein Jahrhundert vor. Als ich das Gebäude verlasse, renne ich beinahe.

Cardiff, Ende Oktober 2010

Es ist Freitagabend. Ein untypischer Oktober für Wales. Hohe Wolken jagen von Westen her über den Himmel. Viel Sonne. Das letzte Aufbäumen des Sommers, auch wenn bereits das Laub von den Bäumen fällt.

Ich sitze neben einem gewissen Police Constable Adrian Condon in einem Streifenwagen. Wir haben gerade fünf Stunden damit vergeudet, in Rumney von Haus zu Haus zu gehen und nach Zeugen einer Straßenschlägerei zu suchen, bei der eine unschuldige Passantin und zwei Männer verletzt wurden. Einer von ihnen liegt mit einem Schädelbruch im Krankenhaus. Wir konnten nichts Brauchbares in Erfahrung bringen. Haben wir auch nicht erwartet. Unsere Vorgesetzten auch nicht. Es war nur Dienst nach Vorschrift. Man tut es, weil man es eben tun muss.

Wir sind schon im Feierabendmodus, reden über die Arbeit, denken ans Wochenende, als Condons Sprechfunk quäkt. Ein Notruf aus Cyncoed. Irgendwas mit illegalem Müll, der bei einer Wohnungsauflösung gefunden wurde. Condon sieht mich an. Wir könnten drauf pfeifen oder uns wie pflichtbewusste Beamte verhalten. Ich zucke mit den Schultern. Mir egal. Illegaler Müll in Cyncoed. Der Grund, weshalb ich zur Polizei gegangen bin.

Die Leitstelle nennt uns eine Adresse in der Rhyd-y-penau Road, oben beim Stausee. Eigentlich eine Gegend, in die wir nur selten gerufen werden. Gestutzte Ligusterhecken, gepflegte Vorgärten, Gardinen vor den Fenstern. Bungalows und Porzellanhunde.

Wir sind in zehn Minuten da. Vor besagter Adresse steht der große blaue Lieferwagen der Haushaltsauflösungsfirma. Der Wind reißt die Hecktüren auf und lässt sie wieder zuknallen. Condon donnert die Einfahrt hinauf und bleibt unter einem kahlen Kirschbaum stehen.

Wir steigen aus. Condon trägt Uniform, ich nicht. Er ist ein Mann, ich nicht. Obwohl ich im Prinzip die Ranghöhere bin, wenden sich die Möbelpacker zuerst an ihn. Sie ziehen ihre Handschuhe aus und schütteln ihm die Hand wie echte Kerle.

Mir egal. Ich stehe etwas abseits und betrachte die vorbeiziehenden Wolken. Illegaler Müll. Wie kompliziert kann so ein Fall schon sein? Ich kriege nur die Hälfte mit. Der Bungalow gehörte einer alten Witwe, die vor zwei Monaten gestorben ist, die nächsten Angehörigen leben in Australien. Bla, bla, bla. Im blauen Lieferwagen stapeln sich Altweibermöbel mit geschwungenen Mahagonifüßen und grünen Samtbezügen. Beige Kissen mit verblichenen Goldquasten. Mehr kann ich nicht erkennen, weil der Wind die Hecktüren immer wieder zuknallt.

Condon marschiert mit den Möbelpackern in Richtung Garage. Ich folge ihnen. Das Garagentor steht offen. Davor steht ein halbvoller Container. Altes Gartengerät, verklebte Farbeimer, Besen ohne Borsten, eine fadenscheinige Klappliege. Die Garage ist schon zur Hälfte ausgeräumt.

Gartenmöbel aus Teakholz von der Sorte, die man im Winter und bei Regen nicht im Freien stehen lassen sollte und nur bei schönem Wetter mit nach draußen nimmt. Und eine ziemlich geräumige Gefriertruhe. So groß wie zwei Badewannen. Eine Tiefkühltruhe, die nette alte Damen mit Gardinen und Porzellanhunden im Herbst mit selbstgemachtem Apfelkompott füllen oder worin sie Lammfleisch einfrieren, wenn es beim Metzger im Sonderangebot war. Natürlich hängt das Ding seit ein, zwei Monaten nicht mehr am Strom. Man kann also davon ausgehen, dass das Lamm und das Kompott nicht mehr genießbar sind. Die oberste Schicht Gefrierbeutel aus der Truhe liegt bereits in der stinkenden Hausmülltonne. Daneben stapeln sich in Plastikfolie eingewickelte Päckchen, in denen Kondenswasser und die gräulich gelbe Farbe verdorbenen Fleisches zu erkennen sind. Aber darauf achtet man wohl nicht als Erstes. Als Erstes fällt einem ins Auge, was vor dem Lamm und dem Schweinebauch auf dem Betonboden liegt. Eine durchsichtige Plastiktüte von etwa einem Meter Länge. Noch mehr verdorbenes Fleisch. Das gleiche gelbliche Grau. Die gleichen Kondenswassertropfen. Nur dass dieses Stück Fleisch verdammt nach einem menschlichen Bein aussieht. Was wahrscheinlich an dem hochhackigen Schuh an seinem Ende liegt.

Condon bemerkt das Bein eine Sekunde vor mir. Als guter Polizist weiß er, dass er sich nicht an Ort und Stelle übergeben darf, damit er keine etwaigen Spuren verunreinigt. Ich muss beim Anblick von Leichenteilen nicht kotzen. Während Condon ein Blumenbeet umdekoriert, nähere ich mich der Tüte und betaste das Fleisch durch die dicke Plastikfolie. Fühlt sich an wie altes, kaltes Steak. Ich gehe neben der toten Frau in die Hocke, leiste ihr Gesellschaft, spüre, wie ihr Friede durch die Plastikfolie hindurch auf mich übergeht.

Condon und die anderen Männer sind nur mehr Silhouetten vor dem Garagentor. Ohne die Hand vom Oberschenkel der Frau zu nehmen, rufe ich im Revier bei Rhiannon Watkins an. Von den Detective Inspectors ist sie die Einzige, von der ich weiß, dass sie gerade im Dienst ist. Knapp schildere ich ihr die Situation. Condon wird wahrscheinlich ebenfalls die Leitstelle verständigen, aber von jetzt an ist das Criminal Investigation Department für diesen Fall zuständig. Das hier ist nämlich ein netter kleiner Mord. Mir entfährt ein tiefes Seufzen der Erleichterung. Der Vorfreude. Ich hatte für das Wochenende sowieso nicht viel geplant – und keiner meiner Pläne kann das hier toppen.

Lang und fast zärtlich drücke ich den Oberschenkel ein letztes Mal, dann stehe ich auf, um mich den Tiefen der Kühltruhe zu widmen. Ich erwarte, den Rest zu sehen: die Arme, den Kopf, das andere Bein. Den zersägten Torso. Fehlanzeige. Da sind nur matschiges Apfelkompott und verdorbene Bohnen. Ein paar Tupperware-Dosen mit handgeschriebenen, durch die Feuchtigkeit inzwischen unleserlichen Etiketten. Nichts, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Körperteil hätte. Nichts, was nach dem Rest dieses stinkenden Puzzles aussähe.

Den Möbelpackern vor der Garage kommt allmählich die Einsicht, dass es mit Feierabend so schnell nichts werden wird. Wir müssen ihre Aussagen aufnehmen und vermutlich gleich auch noch ihren Lieferwagen konfiszieren. Er ist jetzt Teil eines Tatorts. Eine Wagenladung voller Beweismittel. Inzwischen wird sich der Fund auch im Hauptquartier am Cathays Park herumgesprochen haben. Dienstpläne werden geändert, Beamte zwängen sich in Streifenwagen und machen sich mit Blaulicht und heulenden Sirenen auf den Weg hierher. Was ich eigentlich ganz gerne habe, aber noch bin ich nicht bereit dafür.

Condon ist beschäftigt, daher gehe ich durch die Garage ins Haus. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, bevor die Meute einfällt. Noch wurden die Uhren nicht auf Winterzeit umgestellt, es ist immer noch hell genug. Das Haus ist mehr oder weniger leer geräumt. Ein langfloriger gelb-brauner Teppich liegt auf dem Boden. Man kann noch die Abdrücke der Möbel darauf erkennen. Auf dem Kaminsims im Wohnzimmer stehen Fotos.

Es sind nur wenige Fotos – offenbar hatte die Verstorbene nicht viele Angehörige. Ein Hochzeitsfoto, wahrscheinlich die Witwe und ihr verstorbener Gatte. Er trägt eine Uniform. Offenbar stammt das Bild aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Witwe muss also mit Ende achtzig oder Anfang neunzig gestorben sein, selbst wenn sie jung geheiratet hat. Eine hübsche Braut mit unsicherem Lächeln. Anscheinend weiß sie nicht so recht, ob sie in die Kamera blicken oder ihren Mann ansehen soll.

Daneben stehen noch weitere Bilder. Dasselbe Ehepaar, nur älter. Mit einem Baby. Mit einer kleinen Tochter. Mit der Tochter im Teenageralter, dann im Brautkleid – kurz bevor sie nach Australien auswanderte, nehme ich an. Das letzte Bild zeigt den Mann der Witwe mit Ende vierzig, Anfang fünfzig, eine Zigarette in der Hand. Kein Hinweis darauf, dass er überhaupt die sechzig erreicht hat.

Die Tote trug einen pinkfarbenen Wildlederschuh. Plateausohle, schmaler Keilabsatz, runde Zehe. Ich bin beileibe keine Modeexpertin, aber der Schuh sah mir weder nagelneu noch furchtbar alt aus. Aus der Christina-Aguilera-Ära, würde ich schätzen.

Ich rücke die Fotos mit dem Daumennagel gerade. Das hier ist keine Verbrecherkartei. Eine alte Witwe, ihr toter Mann, eine Tochter in Australien. Und dazu ein Mordopfer, das bis jetzt nur aus einem Bein und einem Schuh besteht, wie ihn auch Christina Aguilera getragen hätte.

Ich grinse wie eine Vollidiotin. Das Wochenende hätte gar nicht besser anfangen können.

Das Durcheinander kommt den Hügel heraufgeprescht und übernimmt die Herrschaft über den Tatort. Die Königin des Affenzirkus ist Rhiannon Watkins. Ausgerechnet Rhiannon Watkins. Oberpolizistin Watkins. Rhiannon Watkins, die jüngste Frau, die in Cardiff jemals zur DI befördert wurde und inzwischen Dienstälteste auf diesem Posten ist. Sie könnte längst Detective Chief Inspector oder sogar Chief Constable sein, hätte sie nicht die unheimliche Fähigkeit, sich überall unbeliebt zu machen. Sie wäre wohl das einzige Mordopfer auf der Welt, bei dem man aus dem Stand eine Million Verdächtige aufzählen könnte. Darunter ausnahmslos all ihre Kollegen aus dem CID.

Natürlich sitzt Watkins im vordersten Wagen. Natürlich steigt sie als Erste aus. Natürlich folgt ihr eine Armee in schwarzen Jacken, die sofort den Tatort absichert, die Nachbarn vernimmt und den Lieferwagen zur Polizeiverwahrstelle bringt, damit die lückenlose Beweiskette gewährleistet bleibt. Die Möbelpacker werden vernommen. Getrennt selbstverständlich, damit man ihre Aussagen später miteinander vergleichen kann. Und währenddessen wird das Hauptquartier ständig über Handy und Sprechfunk auf dem Laufenden gehalten.

Ich tue so, als wäre ich mit meinem eigenen Handy beschäftigt, und versuche, nicht weiter aufzufallen. Watkins macht der Spurensicherung Beine. Und pfeift sie wegen aller möglichen anderen Sachen zusammen, wenn sie schon mal die Gelegenheit dazu hat. Weil sie eine zu laxe Arbeitsmoral haben. Wegen mangelnder Detailgenauigkeit. Weil ihre Bügelfalten nicht genau mittig sitzen. Oder weil es jemand gewagt hat, zu lächeln.

Condon wird ebenfalls zusammengestaucht. Wieso, weiß ich nicht. Jedenfalls stakst er mit leichenblasser Miene an mir vorbei. Dann bin ich an der Reihe.

Watkins – strenges schwarzes Kostüm, weiße Bluse, Kampflesben-Look – winkt mich zu sich.

«Sie haben das Haus betreten. Wieso?»

Ich strahle sie fröhlich an. Das ist einer der Vorteile, wenn man so wie ich nicht alle Tassen im Schrank hat: Diese Psychospielchen können mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich spiele sie sogar ganz gerne.

«Wir wussten nicht, ob sich im Haus weitere Beweise befinden und ob diese Beweise ordnungsgemäß gesichert sein würden. Das habe ich persönlich überprüft.»

«Dieses Haus ist ein potenzieller Tatort, und …»

«Ich habe nichts angerührt. Nicht dass die Spurensicherung noch verwirrt ist. Haben Sie den Schuh bemerkt?»

Das gefällt DI Watkins. So wie es einer Schlange gefallen würde, wenn plötzlich eine Wühlmaus auftaucht und fragt, ob jemand Hunger habe. Zuschnappen, schlucken, verdauen.

Sie lächelt mich an, also lächle ich zurück. Wir teilen unsere Freude.

«Ob ich den Schuh bemerkt habe?», fragt sie langsam.

«Ja, Ma’am. Das Bein, das wir gefunden haben, trägt einen Schuh.»

«Also, ja, ich habe mir das Bein angesehen, und aufgrund meiner achtundzwanzigjährigen Erfahrung im CID ist mir der Schuh nicht entgangen, selbst durch die Plastikfolie …»

«Verzeihung, Ma’am, da habe ich mich wohl nicht klar ausgedrückt. Dieser Schuh ist schon etwas älter.» Ich zeige ihr mein Handy und die Bilder, die ich gerade aus dem Internet heruntergeladen habe. «Ich hatte nicht viel Zeit zur Recherche, aber ich würde schätzen, dass der Schuh höchstwahrscheinlich aus dem Jahr 2001 oder 2002 stammt. Was bedeuten würde, dass das Verbrechen bereits zehn Jahre zurückliegt. Ich nehme an, dass Sie inzwischen den Auftrag gegeben haben, die Datenbanken nach Mordfällen zu durchsuchen, bei denen die Opfer gar nicht oder nur teilweise aufgefunden wurden. Vielleicht sollten Sie den damit beauftragten Mitarbeitern die Anweisung geben, die Suche auf die Anfangsjahre des vergangenen Jahrzehnts einzugrenzen.»

Ich schenke ihr mein nettestes Lächeln. Wir stehen im kleinen Vorgarten des Anwesens. Die Sonne geht hinter einem Wolkenberg im Westen unter. Watkins würde mir jetzt gerne den Kopf abbeißen, aber das geht nicht. Schlimmer noch – sie muss es ertragen, dass ich neben ihr stehen bleibe und zuhöre, wie sie diese Information an das Hauptquartier weitergibt.

Hinter uns auf der Straße versammeln sich weitere Autos. Blitzlichter. Die Presse ist bei solchen Anlässen normalerweise als Erste zur Stelle, und diese Story könnte das Potenzial haben, früher oder später sogar ein Kamerateam anzulocken.

Watkins beendet das Telefonat. Jetzt weiß sie, was ich weiß. Mal sehen, was sie damit anfangen wird. Kein hochrangiger Polizeibeamter kann es sich leisten, die Medien zu ignorieren. Manche lieben sie. Andere verabscheuen sie. Ich kenne Watkins nicht gut genug, um zu wissen, zu welcher Kategorie sie gehört. Doch obwohl ihre Aufmerksamkeit jetzt den Journalisten gilt, vergisst sie nicht, fies zu mir zu sein.

Mit eisiger Stimme erklärt sie mir, dass das mit dem Schuh eine nützliche Information war. Wenn ich schon eine so gute Beobachtungsgabe habe, sagt sie, sei ich doch am besten beim Rechercheteam im Cathays Park aufgehoben. Sie erwarte meinen Bericht dann morgen früh.

Sie glaubt, dass sie mir damit ans Bein pinkeln kann, weil das bedeutet, dass ich die halbe Nacht durcharbeiten muss. Aber das hatte ich sowieso vor. Ich sehe mich nach Condon um, damit er mich zum Cathays Park zurückfährt.

Er steht auf der Straße vor dem Haus und redet mit einem Möbelpacker. Der Mann will wissen, wann er seinen Lieferwagen zurückbekommt. Condon antwortet genau nach Vorschrift. Ihm ist deutlich anzusehen, dass ihn die Begegnung mit der Eiskönigin ein bisschen aus der Fassung gebracht hat.

«Hey, Adrian.» Ich klopfe ihm auf den Oberarm. Eine tröstliche, den professionellen Rahmen nicht überschreitende Geste. «Sie kriegen Ihren Wagen zurück, wenn es DI Watkins für richtig hält. Und da sie ein richtiges Miststück ist, könnte das eine Weile dauern. Tut mir leid.»

Der Typ lacht über meine Offenheit, bis ich dazwischengehe. «Wo lag das Bein, als Sie es gefunden haben? In der Tiefkühltruhe natürlich, aber wo genau? Vorne, hinten? Ganz unten oder obenauf?»

Sobald er meine Frage verstanden hat, erweist sich Geoff – so heißt der Möbelpacker – als überaus hilfsbereit. Das Bein lag an der Rückwand der Truhe, nicht ganz auf dem Boden, aber fast.

«Ordentlich?», frage ich. «Als hätte man es vorsichtig hineingelegt? Oder in aller Eile hineingeworfen?»

«Nein, nein, ordentlich. Wenn Sie, äh …»

Geoff wird grünlich im Gesicht, soweit man das in der Dämmerung und im orangefarbenen Schein der Straßenlaternen erkennen kann.

Genau genommen gibt es zwei Stauseen in Llanishen. In dem kleineren, höher gelegenen befindet sich immer noch Wasser, der andere – den die Leute meinen, wenn sie vom «Reservoir» sprechen – wurde Anfang des Jahres abgelassen, eingezäunt und mit einer Menge schwarz-gelber Warnschilder umgeben. Eine Baufirma will auf dem Gelände Luxusapartments hochziehen. Was mir eigentlich egal wäre, wenn Llanishen nicht einen Lebensraum für Ringelnattern, Kröten, Blindschleichen und Saftlinge bieten würde. Und die gefallen mir weitaus besser als Asphalt und Luxusapartments.

Häute, die glitzern wie silberne Kieselsteine und leise in die Finsternis gleiten.

Ich versichere Geoff, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und dass er uns sehr geholfen hat. Für alle Fälle lasse ich mir seine Telefonnummer geben. Dann bitte ich Condon, dass er mich zum Revier zurückfährt. Doch vorher muss ich noch etwas erledigen.

Ich laufe zum Haus zurück. Laufen ist natürlich relativ. Meine Art zu laufen hat nicht unbedingt etwas mit Laufen zu tun. Ich betrete die Garage. Dort stellt ein Tatortfotograf in einem dieser weißen Polypropylenanzüge mit Gummizügen um Kapuze und Ärmel gerade seine Scheinwerfer auf.

Ich bitte ihn, mir die Datumsangaben der Plastikpäckchen vorzulesen, die noch in der Kühltruhe liegen. Er weiß nicht recht, ob er dazu befugt ist. Anscheinend hat er irgendwann einmal einen Leitfaden für Polizeiarbeit verschluckt. Und in dem steht, dass dies nicht die richtige Reihenfolge ist. Ich frage ihn, ob er seine Bedenken lieber DI Watkins vortragen möchte, und plötzlich ist er sehr hilfsbereit. Mit einer Taschenlampe in der Hand beugt er sich über die Truhe.

Währenddessen untersuche ich die Tiefkühlbeutel, die auf dem Boden verstreut herumliegen. Nicht alle sind datiert. Ein ganzer Haufen kleinerer Beutel mit Apfelkompott stammt aus dem Jahr 2005. Daneben Fleischstücke aus den Jahren 2006, 2007, 2008 und 2009. Auf einer Tüte steht meines Erachtens 1984, aber die Handschrift ist zittrig. Wahrscheinlich war die alte Dame beim Beschriften nicht ganz bei der Sache.

Der Fotograf richtet sich wieder auf. Er trägt eine Maske, ich nicht. Trotzdem muss er eine ordentliche Nase voll abbekommen haben.

«Ich kann nicht alles erkennen, und ich darf auch nichts bewegen, ehe ich die Bilder geschossen habe. Aber soweit ich es sehen kann, ist das Älteste von 96, das Jüngste von 2002 oder 2003, aber da ist die Tinte verwischt …» Er zuckt mit den Schultern. «Na ja, wir werden’s ja rausfinden, sobald wir das Zeug rausholen und uns genauer angucken dürfen.»

Ich hebe beide Daumen und kehre zu Condon zurück. Jetzt können wir fahren.

Nach Hause.

Ich habe Condon gebeten, mich heim und nicht zum Cathays Park zu fahren. Es wird ein langes Wochenende, und ich muss mich ordentlich darauf vorbereiten. Ich tausche meinen Rock gegen Jeans und die Schuhe gegen meine bequemsten Stiefel. Ich werfe eine Zahnbürste und Zahncreme sowie Unterwäsche und eine Strumpfhose in meine Tasche. Eigentlich sollte ich noch etwas essen, aber ich habe keinen Hunger. Für eine Dusche bleibt keine Zeit.

Ich schalte kein Licht ein. Es wird immer dunkler, und ich orientiere mich allein mit Hilfe der Straßenlaternen, deren Schein durch die Fenster fällt.

Oben am Reservoir ist es genauso dunkel. Die Wühlmäuse und Schlangen und Kröten und Fledermäuse gehen gerade zu Bett oder begeben sich auf ihre nächtlichen Streifzüge. Genau wie wir. Ich, Oberpolizistin Watkins und der Rest der Truppe.

Mir geht es bei solchen Fällen nicht nur darum, den Mörder zu finden. Ich will auch, dass die Toten in Frieden ruhen können. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Damit können die Toten ohnehin nichts mehr anfangen. Die Ermittlungen, die Verhaftung und Verurteilung sind Teil des Bestattungsritus. Sie bringen das Ganze zu einem würdigen Abschluss. Das ist mein Geschenk für die Toten, damit sie mir Frieden geben.

Der Friede der Toten, der höher einzustufen ist als alle Vernunft.

Ich lasse mir Zeit. Ohne besonderen Grund. Ich warte einfach, bis ich genug Energie habe. Schließlich hole ich mir einen Müsliriegel aus der dunklen, stillen Küche und schlinge ihn auf dem Weg zu meinem Auto hinunter.

Ich sollte direkt ins Hauptquartier fahren. Und ich bin tatsächlich in Richtung Cathays Park unterwegs, doch dann ertappe ich mich dabei, wie ich daran vorbei und über den Fluss nach Pontcanna fahre.

Große viktorianische Altbauten, übertrieben ausgeschmückte Fassaden. Hohe Decken. Beste Wohngegend. Ich halte vor einem Haus in den Plasturton Gardens. Hier wohnt Piers Ivor Harris, seines Zeichens Parlamentsabgeordneter von Wales. Zumindest wohnt er hier ab und zu. Er besitzt außerdem ein Anwesen im Londoner Stadtteil Chelsea und eines in Frankreich.

Ich habe Glück. Sein silberner Jaguar parkt vor dem Haus. Genau wie der Wagen seiner Frau, ein beige-schwarzer Mini. Hinter den Fenstern brennt Licht, die Vorhänge sind zugezogen.

Ich schlendere die Straße auf und ab und notiere mir die Nummernschilder. Die meisten erkenne ich wieder – es ist nicht so, dass ich das hier zum ersten Mal täte, um es mal vorsichtig auszudrücken. Manche Autos sind mir neu. Von den neuen sieht allerdings keines besonders interessant aus. Die Wagen sind entweder nicht teuer genug oder parken zu weit vom Haus entfernt, als dass ihre Besitzer etwas mit Harris zu tun hätten. Trotzdem notiere ich mir die Kennzeichen.

Dann gehe ich zurück zu meinem Wagen und fahre nach Whitchurch. Das gleiche Spiel, nur dass hier ein gewisser Galton Evans Objekt meines Interesses ist. Er hat eine Landwirtschaftsversicherung gegründet und vor zehn Jahren eine Menge Geld verdient, als er seine Firma an einen Privatinvestor verkaufte und beschloss, den Rest seines Lebens als Riesenarschloch zu verbringen.

Zumindest ist das meine Theorie. Vielleicht ist Evans ja auch ganz nett. Keine Ahnung. Ich kenne ihn nicht persönlich.

Mein kleiner Ausflug erweist sich als nicht besonders ergiebig. Deshalb muss man so etwas ja auch so oft wie möglich wiederholen. Es ist eine Frage der Geduld, genau wie beim Angeln. Und Geduld ist eine meiner Stärken.

Ich überlege, ob ich noch ein paar andere Ziele aufsuchen soll, aber ich bin nicht mehr in Stimmung. Jetzt will ich ins Hauptquartier. Ich schicke Detective Sergeant David Brydon eine SMS. David «Buzz» Brydon ist mein offizieller Lebensgefährte. Ich teile ihm mit, wo ich bin und was passiert ist. Wahrscheinlich hat er ohnehin schon von dem Fall gehört und mitbekommen, dass ich mit drinstecke. Aber noch bin ich fest entschlossen, Freundin des Jahres zu werden, und brave Freundinnen sagen ihren Partnern Bescheid, wenn es eine Planänderung gibt. So läuft das auf dem Planeten der normalen Menschen.

Ich brause nach Cathays zurück und stelle mich auf eine lange nächtliche Leichenjagd ein.

Kapitel 5

Um vier Uhr morgens habe ich meine Leiche.

Mary Jane Langton. Verschwunden im August 2005. Studentin an der Swansea University, zweiundzwanzig Jahre alt. Als vermisst gemeldet. Großes Medienecho. Die Ermittlungen waren so gründlich, wie sie nur sein konnten. Trotzdem keine heiße Spur, der Fall wurde nie abgeschlossen. Rhiannon Watkins war auch damals die leitende Ermittlerin.

Ich weiß, dass Langton die Gesuchte ist, sobald ich ein Foto von ihr sehe, das sie auf einer Party zeigt. Ein bisschen pummelig, kurzer Rock, ziemlich hübsch, blond. Und ihre Schuhe: rosa Wildleder mit runder Zehe und schmalen Keilabsätzen. Bestimmt hat sie sie zwei, drei Jahre vor ihrem Tod gekauft. Anscheinend haben sie ihr so gut gefallen, dass sie sie selbst dann noch trug, als sie schon wieder out waren. Sie trägt sie immer noch, im Tod und darüber hinaus. In einer stinkenden Tiefkühltruhe in der Nähe eines leeren Stausees.

Außer mir ist niemand mehr im Büro. Die anderen Ermittler sind gegen Mitternacht nach Hause gegangen. Hinreichend spät, sodass nicht einmal Watkins ihnen mangelnde Arbeitsmoral vorwerfen könnte. Die Deckenbeleuchtung ist aus – nur ich und die Schreibtischlampe und die kleinen rechteckigen Displays von Telefonen und Druckern, die wie Glühwürmchen im Dunkeln leuchten.

Wahrscheinlich sollte ich die anderen über Langton in Kenntnis setzen, aber ich lese mir erst mal ihre Akte durch. Abschluss in Englischer Literatur. Sie arbeitete an ihrer Dissertation über Dylan Thomas. Eine überraschend walisische Wahl für ein englisches Mädchen. Die Eltern leben in Bath. Er ist Anwalt, sie arbeitet für eine Wohlfahrtsorganisation. Ein Bruder und eine Schwester.

In Langtons Akte steht nichts Verdächtiges. Man hatte ein bisschen Haschisch in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim gefunden. Keine ungewöhnlich hohe Zahl an Freunden oder Affären. Durchschnittliche Noten. Nicht herausragend, aber gut genug. Wollte in die Verlagsbranche, hatte darüber hinaus aber noch keine konkreten Pläne. Und sie mochte Schuhe.

Nur eines sticht heraus.

Die Zeitungsartikel über den Fall und unsere eigenen Ermittlungsprotokolle geben an, dass Langton sich das Studium als «exotische Tänzerin» finanzierte.

So ein blöder Ausdruck. Zum einen gibt es wohl nichts weniger Exotisches als ein etwas pummeliges englisches Mädchen, das sich um eine Gerüststange wickelt. Außerdem geht es dabei überhaupt nicht ums Tanzen. Es geht um nackte Haut, Männer und Geld. In den Akten befinden sich auch ein paar Fotos der tanzenden Langton. Auf einem trägt sie ein Flitterminikleid, auf einem anderen einen Paillettenbikini. Auf beiden Bildern grinst sie – mit ihren Hasenzähnen wirkt sie eher wie ein Schulmädchen als sexy.

Scheiße.

Genau das ist das Albtraumszenario, das ich in meiner Polizeikarriere unbedingt vermeiden wollte. Etwas, von dem ich blöderweise dachte, es würde nie passieren. Und jetzt weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll.

Scheiße.

Am liebsten würde ich aufstehen, das Gebäude verlassen, ein bisschen durch die Gegend fahren und nachdenken, aber dafür fehlt mir die Zeit. Wäre ich zu Hause, würde ich in den Garten gehen und was rauchen, um den Kopf freizubekommen, aber das geht hier natürlich nicht.

Ist wahrscheinlich auch gar kein Problem, sage ich mir. Stimmt ja auch. Es ist wahrscheinlich gar kein Problem. Das Dumme ist nur – vielleicht ist es doch eins, und wenn das der Fall sein sollte, dann ist es ein Problem von unvorstellbaren Ausmaßen. Obwohl ich mir geschworen habe, es niemals zu tun, greife ich zum Telefonhörer und rufe meine Eltern an.

Mam ist dran. Ihre Stimme klingt verschlafen und besorgt.

«Mam, ich bin’s. Keine Angst, alles in Ordnung. Kann ich bitte mit Dad sprechen?»

Ich kann. Sie gibt das Telefon weiter.

«Hallo, Fi, mein Schatz.»

«Dad, ich bin da an was dran. Es ist wahrscheinlich nichts, aber kannst du mich von einer sicheren Nummer aus zurückrufen?»

Er zögert einen Augenblick. Nein, nur einen halben. Eine Nanosekunde. Dann: «Natürlich, Kleines. Moment, ja?»

Zwei Minuten später klingelt mein Handy. Rufnummer unterdrückt.

«Dad?»

«Fi, was gibt’s?»

«Hör mal, womöglich hat es nichts zu bedeuten, aber hast du zufällig in den Nachrichten gehört, dass sie in Llanishen einen Leichenteil gefunden haben?»

«Oben beim Reservoir? Nein. Das ist ja furchtbar! Unglaublich, dass so was in Cyncoed passiert.»

Das muss ich einen Augenblick lang sacken lassen. «Die Tote heißt Mary Langton.» Ich mache eine Pause, falls Dad etwas dazu sagen will. Dann spreche ich schnell weiter, bevor er irgendwelche Belanglosigkeiten vom Stapel lässt. «Sie ist im August 2005 verschwunden. Eine Stripperin. Na ja, eigentlich eine Studentin, die nebenbei ein bisschen Poledance gemacht hat, um sich was dazuzuverdienen. Mary Langton.»

Dad hört zu, ohne mich zu unterbrechen. «Armes Ding», sagt er schließlich. «Schlimme Sache, was? In so einem Alter. Sie hatte das ganze Leben ja noch vor sich. Und plötzlich – zack, aus und vorbei. Man denke nur an ihre armen Eltern! Himmel, wenn dir oder deinen Schwestern je etwas zustoßen sollte, wüssten deine Mam und ich nicht …»

«Dad, war sie, äh, hat sie in einem deiner Clubs getanzt?»

«Meine Güte, du stellst Fragen! Du weißt doch, wie das ist. Außerdem ist es jetzt mitten in der Nacht. Das arme Mädchen ist vor fünf Jahren verschwunden. Wir hatten im Laufe der Jahre so viele Tänzerinnen, da kann ich mich unmöglich an jede einzelne erinnern. Wir haben natürlich Unterlagen, da müsste es drinstehen. Ich kann Emrys Bescheid geben, dass er mal nachsehen soll, wenn dir das hilft. Ich hab’s ja nicht so mit dem Papierkram, aber Emrys findet alles heraus. Soll ich ihn anrufen? Wenn es wichtig ist, hole ich ihn aus dem Bett, kein Problem. Es ist schließlich eine Polizeisache, da kann er schon mal auf seinen Schlaf verzichten. Wir sind ja auch noch wach, oder nicht?»

Er ist drauf und dran, einfach weiterzuplappern. Ich unterbreche ihn, sage, es habe Zeit, er solle wieder ins Bett gehen, es tue mir leid, dass ich ihn aufgeweckt habe, und ich hoffe, Mam macht sich keine Sorgen. Er sagt, dass ich auf mich aufpassen und morgen zum Abendessen kommen soll. «Und bring diesen jungen Mann mit, wir würden ihn gerne wiedersehen.»

Wir legen auf.

Wieder Stille. Die Schreibtische verlieren sich in der Dunkelheit. Kleine rechteckige Glühwürmchen. Das Brummen schlummernder Elektronik. Vier Uhr zweiundvierzig.

Dad ist gut. Ein Profi. Das habe ich erst vor kurzem so richtig begriffen, und dieses Wissen macht mir Angst. Schon komisch, wie sich die Dinge ändern, wenn man genauer hinsieht.

Sein größter Trick ist seine ständige Laberei. Er redet wie ein Wasserfall, scheinbar völlig unzusammenhängende Dinge. Jeder, der das Telefonat belauscht hätte, wäre wohl zu dem Schluss gekommen, dass mein Dad furchtbar leicht zu durchschauen ist: freundlich, besorgt, offen, hilfsbereit.

Bis man genauer hinsieht. Die kleinen Hinweise zu deuten lernt. Ich habe gesagt, dass man Leichenteile in Llanishen gefunden habe. Vom Reservoir war nie die Rede, und außerdem hat das Reservoir zwei Ufer: das Cyncoed- und das Llanishen-Ufer.

Dad hat aus Llanishen Cyncoed gemacht. Natürlich kann er da etwas durcheinandergebracht haben, schließlich ist es mitten in der Nacht, und er war im Halbschlaf. Oder es war ein Hinweis darauf, dass er bereits über alles Bescheid weiß, dass er längst alles unter Kontrolle hat. Will er mir damit sagen, dass er nichts zu verbergen hat? Oder dass er genau dafür gesorgt hat? Oder dass er die Gefahr erkannt und bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um sie zu bannen?

Keine Ahnung.

Es würde mich ja auch nichts angehen. Wenn ich nicht ausgerechnet Polizeibeamtin wäre und gerade einen möglichen – ja, was? Informanten? Verdächtigen? – gewarnt hätte. Ich habe mir geschworen, mein Amt nie dazu zu missbrauchen, meinen Vater zu decken. Doch gerade scheinen meine Rollen als Tochter und als Polizistin erstmalig unvereinbar zu sein, und ich habe nur ein paar Sekunden gezögert, bevor ich mich auf die Tochterseite geschlagen habe. Würde ich die gleiche Entscheidung treffen, wenn es wirklich hart auf hart käme? Oder wollte ich mit meinem Anruf nur dafür sorgen, dass es verdammt noch mal gar nicht erst so weit kommt?

Keine Ahnung. Darüber kann ich mir später den Kopf zerbrechen. Glühwürmchen und die Schuhe einer Toten.

Ich lausche eine Weile meinem Herzschlag, meiner Atmung. Versuche, meinen Körper zu fühlen. Mich selbst zu fühlen. Ich drücke meine Fingerknöchel gegen die hölzerne Schreibtischplatte, bis es weh tut. Ich kann meine Füße nicht richtig spüren, aber das ist bei mir nichts Ungewöhnliches. Außerdem bin ich seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Allmählich werde ich müde. Ein gutes Gefühl. Angemessen. Normal.

Ich ziehe die Stiefel aus und suche meine Unterlagen zusammen. Rhiannon Watkins’ Büro befindet sich eine Etage über mir. Leise steige ich in den Lift und fahre nach oben. Lasse meine Codekarte durch den Kartenleser an der Tür gleiten. Suche ihr Büro. Öffne die Tür, weil ich Langtons Akte mit einer Notiz auf ihren Schreibtisch legen will.

Da ich mich zu dieser nächtlichen Stunde lieber im Dunkeln bewege, schalte ich auch hier das Licht nicht ein. Trotzdem ist Watkins’ Büro beleuchtet. Ihre Schreibtischlampe brennt. Ein kleiner, konzentrierter Lichtkegel, der direkt auf die Tischplatte gerichtet ist. Und hinter dem Schreibtisch sitzt Oberpolizistin Watkins. Sie schläft auf ihrem Stuhl und sieht dabei aus wie eine Oma und nicht wie die größte Zicke des CID.

Ich überlege noch, wie ich sie am besten wecken kann, als sie von selbst aufwacht. Sich schlaftrunken umsieht. Nach einer Weile scheint ihr aufzugehen, wo sie sich befindet, wer ich bin und weshalb wir hier sind. Ihr kurzes graues Haar ist zerzaust, das Kostüm zerknittert. Nachdem sie es einen ganzen Tag getragen und die halbe Nacht darin geschlafen hat, sieht es ein bisschen mitgenommen aus.

Ich halte die Akte hoch.

«Mary Jane Langton», sagte ich. «Unser Opfer. Die Schuhe passen.»

Ich reiche ihr die Akte. Vorher ziehe ich das Schuhfoto heraus und zeige es ihr zusammen mit meinen eigenen Bildern vom Tatort.

Watkins sieht sich die Aufnahmen aufmerksam an und wirft dann einen kurzen Blick in die Akte. «Sehr gut. Würden Sie mich bitte einen Augenblick entschuldigen?»

Sie reibt sich das Gesicht und tastet unter dem Schreibtisch nach ihren Schuhen. Vergeblich. Sie stehen ordentlich nebeneinander rechts von ihrem Stuhl. Sie sieht sie, gähnt, steht auf, wirft mir einen «Gute Arbeit, halten Sie sich zur Verfügung»-Blick zu und verlässt den Raum.

Unweigerlich vergleiche ich das Tempo, mit dem sie in die Gänge kommt, mit der unglaublichen Geschwindigkeit meines Vaters. Ich hoffe, dass Watkins und mein Vater bei diesem Fall nicht zu Gegenspielern werden. Ich hoffe, dass sie überhaupt niemals etwas miteinander zu tun haben werden.

Mehrere Minuten verstreichen. Ich mache meine Atemübungen. Ein-zwei-drei-vier-fünf. Aus-zwei-drei-vier-fünf. Es ist mir längst zur Gewohnheit geworden, und das ist auch gut so. Ich spüre meine Zehen, meine Fersen. Und ich empfinde einen Augenblick der Dankbarkeit: für meinen Freund, der mich liebt, für meine Familie, für meinen Job. Ich spüre meinen Körper, ich empfinde ganz gewöhnliche Dinge, die mich nicht verunsichern, sobald sie nicht mehr da sind. Dankbarkeit mit einem kleinen Hauch von Angst, weil dies alles noch sehr zerbrechlich ist. Weil ich es leicht wieder verlieren könnte.

Als ich Watkins im Flur höre, setze ich meine Büromiene auf und drehe mich zur Tür um. Sie steckt den Kopf herein.

«Ich mache mir einen Kaffee. Wollen Sie auch einen?»

Oberpolizistin Watkins bietet einer kleinen Ermittlerin Kaffee an? Unerhört!

Ich nicke verblüfft, dann rudere ich schnell zurück. «Ja, bitte, nein, Tee, wenn’s geht. Wenn es keine Umstände macht. Nur Milch, kein Zucker.»

Ihr Kopf verschwindet und hinterlässt eine merkwürdig grimmige Atmosphäre. Hätte ich ihr anbieten sollen, den Kaffee zu machen? Darüber grüble ich nach, aber nicht allzu lange. Wenn mir jemand Kaffee anbietet, dann muss er auch welchen kochen, ohne gleich sauer zu werden.

Ich setze mich. Mache es mir gemütlich. Rutsche die Stühle herum. Ändere die Ausrichtung der Schreibtischlampe. Massiere mir die Füße.

Als Watkins zurückkehrt, ist sie nicht mehr eingeschnappt. Sie reicht mir den Tee in einer Tasse, die DCI Jackson gehört. Glaube ich zumindest. Normalerweise vermeide ich Koffein, aber in letzter Zeit lasse ich öfter mal fünfe gerade sein und schlage über die Stränge. Live fast, die young.

Watkins blättert eine Weile schweigend in der Akte. Schließlich ruft sie im Labor an.

Das Labor ist nur dann rund um die Uhr besetzt, wenn es nicht anders geht. Die meisten Mordfälle werden innerhalb der ersten achtundvierzig Stunden oder gar nicht aufgeklärt. Was bedeutet, dass das Labor in Fällen wie diesem so schnell wie möglich Ergebnisse liefern muss. Watkins erklärt der Person am anderen Ende der Leitung, dass wir höchstwahrscheinlich die Identität der Ermordeten kennen, und übermittelt ihr ein paar weitere Informationen. Langtons DNA ist noch von damals in den Datenbanken gespeichert, also sollte ein Vergleich zügig vonstattengehen. Watkins beendet das Gespräch mit der ihr eigenen Knappheit.

«Das Ergebnis kommt gegen acht.»

Ich nicke. Das Labor hätte es sowieso früher oder später herausgefunden. Meine nächtliche Suche hat uns ein paar Stunden gespart, mehr nicht. Andererseits ist Watkins üblicherweise der Meinung, dass wir keine Zeit zu verlieren haben. Das ist ihre Philosophie, was mir ganz gut gefällt. Ich denke da ganz ähnlich.

«Seit wann sind Sie im Dienst, Constable?»

«Seit gestern Morgen.»

«Okay. Fahren Sie nach Hause und schlafen Sie sich aus. Ich will, dass Sie …»

«Werden Sie die Eltern informieren?», unterbreche ich sie.

Sie hält inne. Entweder ist sie sauer, weil ich ihr ins Wort gefallen bin, oder sie hat noch gar nicht daran gedacht, dass wir die Angehörigen verständigen müssen. Die meisten DIs drücken sich vor dieser Aufgabe, manche aber auch nicht.

Watkins nickt. «Ja.»

«Darf ich Sie begleiten?»

«Sie haben die ganze Woche gearbeitet? Montag bis Freitag?»

Ich nicke.

Wieder eine Pause. «Okay. Wir fahren, sobald das Labor die Identität bestätigt hat.» Sie tritt an ihren Schrank und zieht daraus etwas hervor, was aussieht wie eine Picknickdecke mit Schottenkaros. «In Dennis Jacksons Büro steht ein Sofa. Hier, bitte.» Sie mustert mich einen Augenblick, dann nickt sie noch einmal.

Ich kann gehen.

Wäre ich eine brave Beamtin, würde ich so etwas sagen wie: «Vielen Dank, Ma’am», aber wenn sich hier jemand bedanken muss, dann ja wohl sie. Als sie eingeschlafen ist, stand die Identität des Mordopfers noch nicht fest. Als sie aufwachte, schon. Daher nehme ich mir einfach die Decke und den Tee und haue mich auf DCI Jacksons Sofa. Es ist aus schwarzem Kunstleder, auf dem die Haut kleben bleibt.

Durch die dünne Bürowand höre ich, dass Watkins anfängt zu telefonieren. Sie beordert die Leute zur Frühschicht, verteilt Aufgaben, ruft noch mal im Labor an. Sie wirft die Ermittlungsmaschine an.

Es dauert mindestens zwanzig Minuten, dann kommt der Schlaf über mich wie die Nacht über das Reservoir: schnell, still und vollkommen. Wie eine Schlange, die unter einen Stein kriecht.

Ich träume nicht.

Kapitel 6

Ich träume nicht und wache auf, als mir die nette Bev Rowland eine Tasse Pfefferminztee bringt und mich besorgt ansieht.

Ich befreie mich von dem Kunstleder. Ich habe einen Geschmack im Mund, als hätte jemand Knorpel darin gekocht, um Leim herzustellen.

Ich nehme den Tee entgegen. «Danke, Bev. Du bist ein Schatz.»

«Warst du die ganze Nacht hier?»

Bev ist beeindruckt. Immerhin habe ich nicht nur auf dem Sofa eines DCI geschlafen, sondern auch eine ganze Nacht mit la Watkins gearbeitet und erfreue mich immer noch bester Gesundheit.

Es ist sieben Uhr fünfunddreißig. Die Laborergebnisse kommen um acht. Watkins wird ohne mich fahren, wenn ich bis dahin nicht fertig bin. Sie hat Bev geschickt, um mir das zu sagen.

Ich bitte Bev, etwas Essbares aufzutreiben, während ich auf die Damentoilette gehe. Mal sehen, wie weit ich mit warmem Wasser komme. Ich putze mir die Zähne, wasche mir das Gesicht, ziehe frische Unterwäsche an und wasche meinen Körper, so gut es geht, mit einem Haufen Papierhandtücher und dieser rosaroten Flüssigseife, die man nicht ordentlich von der Haut spülen kann. Danach fühle ich mich zwar nicht wirklich sauber, rieche aber immerhin nach dem grauenhaften Duft, mit dem sie die Seife parfümiert haben. Bev bringt mir ein Hühnchensalatsandwich. Etwas anderes konnte sie nicht finden.

Dann schnappe ich mir die Stiefel, die noch unter meinem Schreibtisch stehen.

Sieben Uhr zweiundfünfzig.

«Ich wär auch gerne mal so schnell einsatzbereit wie du.»

«Mehr oder weniger einsatzbereit.» Ich grinse sie müde an.

Ich sitze auf der Kante meines Schreibtischs und drucke alles aus, was in der Nacht an Informationen reingekommen ist. Dann erzähle ich Bev, dass Watkins in ihrem Büro geschlafen und mir Tee gekocht hat. Bev ist der Meinung, dass mein Pullover und meine Jeans dem Anlass nicht angemessen sind, und leiht mir ihr schwarzes Sakko, das sie immer zu offiziellen Anlässen trägt. Es ist mir eine Nummer zu groß, aber ich ziehe es trotzdem über.

Sieben Uhr neunundfünfzig.

Acht Minuten später sitzen wir im Auto und fahren stadtauswärts. In Watkins’ Wagen, einem BMW. Ein Streifenpolizist sitzt am Steuer, weil Watkins telefonieren muss und mir noch nicht genug vertraut, um mich fahren zu lassen. Das Labor hat Langtons Identität bestätigt.

Ich esse mein Hühnchensandwich und gehe die Ausdrucke durch.

Die Witwe aus Cyncoed hieß Elsie Williams. Sie starb mit fünfundachtzig Jahren an einem Schlaganfall. Sie war eins einundsechzig groß und litt den medizinischen Unterlagen zufolge an Arthritis, erhöhtem Cholesterin und Schlafstörungen. Nichts Ernstes.

Karen Johnston, die Tochter, hat einen Australier geheiratet. Arbeitet in der Lebensmittelbranche. Offenbar hat das Paar Elsie Williams jeden Sommer für zwei, drei Wochen besucht. Trotz der Entfernung hielten sie Kontakt. Regelmäßige Anrufe. Die Johnstons steuerten ein bisschen was zur Rente der alten Frau bei. Sie bezahlten ihr sogar ein neues Gewächshaus.

Kein Hinweis darauf, dass sie sich zur fraglichen Zeit im August 2005 in England aufhielten, aber möglich wäre es.

Die Liste der im Haus gefundenen Gegenstände ist noch unvollständig, aber es ist alles dabei, was man braucht, um einen menschlichen Körper zu zerlegen: eine kleine elektrische Säge, eine Handsäge, Messer. Andererseits wird man ähnliches Werkzeug wohl in jedem Haushalt finden. Das ist weder verdächtig noch unverdächtig.

Mehrere Flecken, manche davon wahrscheinlich organischen Ursprungs, wurden in der Garage und teilweise auch im Haus gefunden. Die Analyse läuft. Weitere Leichenteile wurden noch nicht entdeckt.

Die Nachbarn, unter denen sich keine uns bekannten Schwerverbrecher oder Triebtäter befinden, hatten wohl immer mal wieder kleinere Streitereien mit Mrs. Williams, die offenbar weder Katzen noch Hunde noch Musik noch nackte Oberkörper noch radfahrende Kinder leiden konnte.

Auf den ersten Blick gibt es keine Verbindung zu Mary Langton. Langtons Tätigkeit als exotische Tänzerin scheint nur vorübergehend gewesen zu sein. Soweit wir wissen, fing sie um Ostern 2004 damit an und hörte Anfang 2005 wieder auf – also mehrere Monate vor ihrem Tod. Vielleicht hat das Strippen also gar nichts mit der Sache zu tun.

Bemerkenswerterweise findet sich eine polizeiliche Verwarnung in Mrs. Williams’ Akte. Sie hatte ihren Gehstock zwischen die Speichen eines Kinderfahrrads gerammt, während ein Junge darauf an ihr vorbeifuhr. Der Junge stürzte und heulte wie ein Schlosshund. Bei der folgenden Auseinandersetzung wurde die Mutter des Jungen vom zuständigen Polizisten wegen Beamtenbeleidigung zurechtgewiesen. Besagter Polizist erteilte Mrs. Williams auch die Verwarnung. Der Vorfall trug sich 2007 zu und scheint somit keine direkte Verbindung zu Mary Langtons Bein zu haben. Außer dass er Aufschluss gibt über Mrs. Williams’ Gemüt im Allgemeinen. Und das scheint kein sonniges gewesen zu sein.

Ich will Watkins etwas sagen, aber sie ist beschäftigt, also lasse ich es bleiben.

Nachdem ich die Unterlagen gelesen habe, betrachte ich die vorüberziehende Landschaft. Es regnet, und der Scheibenwischer läuft ununterbrochen. Der Streifenbeamte fährt exakt siebzig Meilen pro Stunde, verlässt die linke Spur nur, um zu überholen, und kehrt danach sofort wieder auf diese zurück. Wobei er jedes Mal korrekt den Blinker setzt.

Watkins hängt an ihrem Blackberry, telefoniert und empfängt und verschickt E-Mails. Sie kümmert sich um die Medien, die Spurensicherung, organisiert die Befragung der Nachbarn und die Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden. Außerdem erstattet sie Robert Kirby Bericht, dem Detective Superintendent, der die Aufsicht über die Ermittlungen führt und faktisch derzeit Watkins’ Vorgesetzter ist. Wegen der Verbindung nach Australien wird Interpol informiert, und darüber hinaus wird inzwischen jeder neu durchleuchtet, der schon bei der ersten Langton-Ermittlung 2005 eine Rolle gespielt hat.

Sie muss eine wahre Sturzflut an Kommunikation bewältigen. Aber so ist das eben, wenn man das Kommando hat.

Irgendwann ist sie fertig. Sie hat genauso wenig geschlafen wie ich, und genau wie ich riecht sie nach der rosa Seife. Sie wirft einen kurzen, missbilligenden Blick auf meine Jeans, sagt aber nichts. Sie trägt ein graues Wollkostüm, das sie wohl für Notfälle im Büro aufbewahrt.

«Das Bein lag vor der Rückwand der Tiefkühltruhe», sage ich, um das unangenehme Schweigen zu brechen.

Sie sieht mich erwartungsvoll an, also fahre ich fort.

«Mrs. Williams war nur ein paar Zentimeter größer als ich und litt an Arthritis. Die Kühltruhe ist knapp einen Meter hoch und ungefähr sechzig Zentimeter tief. Wenn ich ein Bein darin verstauen müsste, würde ich das wahrscheinlich irgendwie hinkriegen, aber ich glaube nicht, dass ich es am Boden vor der Rückwand ablegen könnte, ohne in das Ding hineinzusteigen.»

«Nein.»

«Außerdem war der Kunststoff der Plastikverpackung nicht identisch mit den anderen Tüten.»

«Ich glaube nicht, dass Elsie Williams unsere Mörderin ist.»

«Wissen wir, ob die Garage abgeschlossen war? Oder ob einer der Nachbarn einen Schlüssel dazu hatte?»

Watkins reckt kurz das Kinn, um mir zu signalisieren, dass sie meine Fragen zur Kenntnis genommen hat. Aber wahrscheinlich hatte sie sie ohnehin schon auf ihrer Liste.

In den Hügeln über Bath verlassen wir die Autobahn. Bauernhöfe und Dörfer liegen um uns herum im Regen, dann geht es die lange Strecke hinab ins Tal.

Das Navi leitet den Fahrer zu einer Adresse gleich westlich des Victoria Parks. Eine durchschnittliche, nette Wohngegend. Watkins steckt ihren Blackberry weg und bereitet sich geistig auf den brutalen Moment vor.

Sie verrät mir nicht, wie sie die Befragung durchführen will. Ich folge ihr trotzdem, als sie aussteigt. Sie klingelt. Im Haus geht Licht an. Geräusche. Eine Gestalt bewegt sich hinter der Tür, die sich kurz darauf öffnet. Eine Frau. Langtons Mutter. Dunkles Haar, Jeans, Rugbypullover. Sie hat eine «Wie kann ich Ihnen helfen»-Miene aufgesetzt, die jedoch sofort in sich zusammenfällt, als sie Watkins wiedererkennt.

«Oh.»

Sonst nichts. Nur: «Oh.» Wortlos führt sie uns in die Küche. Mit ihrem Mann ist es genau das Gleiche. Auch ihm entgleisen die Gesichtszüge, auch er schweigt. Er stellt den Fernseher im Hintergrund stumm.

Wir setzen uns. Watkins sagt, was sie zu sagen hat.

«Gestern Abend wurde DC Griffiths hier zu einem Haus in Cardiff gerufen. Dort haben wir menschliche Überreste gefunden. Es sind die Ihrer Tochter. Wir konnten sie anhand ihrer Kleidung und der DNA identifizieren. Mein aufrichtiges Beileid.»

Der Mann wirkt wie betäubt. Es ist dieses Gefühl, als wäre man gar nicht richtig anwesend, als würden alle Emotionen und Geräusche und Empfindungen gedämpft wie durch eine Glaswand. An diesem Punkt war ich schon oft in meinem Leben – hinter dieser Glaswand, die immer dicker und trüber wurde, bis ich irgendwann fast gar nichts mehr erkennen konnte.

Die Frau, Mrs. Langton, verhält sich ganz anders. Sie weint lautlos. Ihre Tränen fallen herab wie Sandkörner. Trotzdem erinnert sie sich an ihre Pflichten als Gastgeberin und will uns etwas zu trinken anbieten, schafft es aber nicht so richtig. Schließlich stehe ich auf, schalte den Fernseher aus und den Wasserkocher ein. Danach stelle ich mich hinter sie und lege die Hände auf ihre Schultern.

Ich kann gut mit solchen Situationen umgehen, weil meine Gefühle nicht normal sind. Wie üblich vertraue ich auf meinen Verstand und nicht auf mein Herz oder meinen Instinkt. Mrs. Langton fängt an zu schluchzen. Laute, heftige Schluchzer. Dem Anlass angemessene Schluchzer. Ich versuche gar nicht erst, sie zu trösten. Ich stehe nur da und lasse sie weinen. Watkins und Mr. Langton kümmern sich um den Tee.

Als sich alle wieder ein wenig beruhigt haben, fährt Watkins fort. Erzählt ihnen die Wahrheit: dass wir nur ein Bein und nicht die ganze Tochter gefunden haben. Dass wir noch nicht sagen können, wie sie gestorben ist. Dass wir bedauerlicherweise nichts ausschließen können. Dass die schlimmste Vorstellung auch die wahrscheinlichste ist: eine lange, sadistische Tortur, die mit einem makabren Mord endete. Das sagt Watkins natürlich nicht, aber es steht unweigerlich im Raum.

Endlich versiegen die Tränen. Mrs. Langton sagt, dass sie nie die Hoffnung aufgegeben haben – dass sie das Zimmer ihrer Tochter nie ausgeräumt haben für den Fall, dass sie irgendeines Tages zurückkäme.

Ich frage, ob ich es mir ansehen darf.

Die Frage kommt unerwartet. Unangemessen, sowohl in Watkins’ Augen als auch in denen der Langtons. Schließlich stimmt Mrs. Langton zu, weil es wohl einfacher ist, als mir die Bitte zu verweigern. Ich folge ihr die Treppe hinauf. Beigefarbener Teppich. Eine Weide hinter dem Fenster im Treppenhaus. Dann das Zimmer. Penibel sauber. Fachliteratur fürs Studium. Eine Pinnwand mit Notizzetteln. Ein Poster mit einem Gedicht von Dylan Thomas.

Ich setze mich aufs Bett. Mrs. Langton nimmt auf dem Schreibtischstuhl Platz.

«Mein aufrichtiges Beileid, Mrs. Langton.»

«Oh, nennen Sie mich Rosemary. Bitte.»

«Ich heiße Fiona. Fi. Was Ihnen lieber ist.»

«Fiona. Meine Nichte heißt auch Fiona.»

«War ihr Zimmer früher auch so? So sauber?»

«Ja, darauf legte sie großen Wert.»

Ich sehe in den Kleiderschrank. Ihre Kleider sind noch da. Es sind keine paillettenbesetzten Miniröcke darunter, nur normale Studentinnenklamotten. Fast langweilig. Streberklamotten.

«Verzeihen Sie, aber wäre es in Ordnung, wenn ich mich genauer umsähe? Ich möchte ein Gefühl dafür bekommen, was für ein Mensch sie war.»

«Ich weiß, es muss Ihnen seltsam vorkommen, dass wir das Zimmer so gelassen haben. Wir sind keine … Also, das hier ist auch unsere Abstellkammer. Es ist nur nett, ihre Sachen um uns zu wissen.»

Auf ihrem Schreibtisch stehen Fotos. Keine Poledance-Fotos. Ein Schulfoto. Ein Familienbild. Eines von ihr auf einem Pony. Auf einem anderen spielt sie Hockey, jagt mit gerötetem Gesicht einem unsichtbaren Ball hinterher.

Wir sitzen eine Weile stumm da. Ich versuche, mich in Mary Langton hineinzuversetzen. Rosemary ist meine Mutter. Vom Alter her würde es passen. Hockey und Dylan Thomas. Ich bin nicht sie, doch ich hätte es sein können. In einem anderen Leben.

«Werden Sie damit klarkommen?»

«Wissen Sie, die Trauer bleibt, aber das Leben geht weiter. Wir haben noch zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Dreiundzwanzig und siebenundzwanzig.»

Sie will mir auch ihre Zimmer und Bilder von ihnen zeigen, doch die interessieren mich nicht.

«Inspector Watkins ist eine der Besten», sage ich. «Sie kann einem zwar Angst machen, aber sie ist auch unsere Topermittlerin.»

«Oh, ganz bestimmt. Gut zu wissen. Vielen Dank.»

Wir sitzen noch eine Weile da, dann gehen wir wieder nach unten.

Watkins ist sauer, weil ich mich unerlaubt entfernt habe, aber in Gegenwart der Langtons kann sie mich schlecht zusammenpfeifen. Wir verabschieden uns.

«Sie wollte in den Arm genommen werden», sage ich auf dem Weg zum Wagen. «Ich dachte, es wäre besser, das unter vier Augen zu machen. Nachdem sie sich ordentlich ausgeweint hat, ging es ihr ein bisschen besser.»

Watkins schenkt mir einen ihrer speziellen Blicke. Sturmwolken über einem Gletscher. Aber sie sagt nichts, und schweigend machen wir uns auf den Heimweg.

Durch die Innenstadt, den Hügel hinauf, durch die verregnete Landschaft, auf die Autobahn. Sobald wir diese erreicht haben und der Fahrer erneut auf exakt siebzig Meilen beschleunigt hat, die Scheibenwischer wie ein Metronom hin- und herpendeln und der Blinker klickt, wenn wir die Spur wechseln, hält sie mir ihren Blackberry hin.

«Sie haben eine Hand gefunden.»

«Ach!»

Ich warte auf weitere Informationen.

«Eine rechte Hand. Hundert Meter vom Haus entfernt. Am Ufer des Reservoirs.»

Ich warte weiter. Das sind gute Neuigkeiten. Wichtige Neuigkeiten. Ein Fortschritt. Obwohl – irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich warte, bis sie mir mehr erzählt.

«Es ist eine Männerhand. Dunkle Haut. Arabisch, irgendwo aus dem Mittelmeerraum. Und frisch. Erst vor kurzem abgetrennt.»

Kapitel 7

Daheim.

Ich wollte nicht nach Hause, aber Watkins hat meine Proteste einfach ignoriert und dem Fahrer befohlen, mich auf dem Weg zum Cathays Park vor meiner Haustür abzusetzen. «Wenn Sie ein Zimmer untersuchen wollen, nur zu», hat sie bei der Ankunft, als ich gerade die Autotür öffnen wollte, frostig zu mir gesagt. «Aber dass Sie Rosemary Langton in den Arm genommen haben, war gelogen.»

«Stimmt, Ma’am», sage ich und frage mich, woher sic das weiß.

«Hängt das Poster noch an der Wand?»

«Das mit dem Dylan-Thomas-Gedicht? ‹Die Kraft, die Blumen durch die grüne Zündschnur treibt›? Ja, das hängt noch dort.»

«Seltsames Gedicht.»

Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung, ob das Gedicht seltsam ist oder nicht. Ist mir auch egal. Watkins jetzt plötzlich ebenfalls, denn sie zieht die Autotür zu und befiehlt dem Fahrer loszufahren.

Ich gehe hinein.

Ich bin müde, doch am helllichten Tag will ich nicht schlafen. Ich lasse mir ein Bad ein, steige aber nicht gleich in die Wanne. Sogar zum Jointbauen fehlt mir die Kraft.

Stattdessen mache ich mir einen Pfefferminztee, trinke ihn in kleinen Schlucken und starre in den Regen. Als ich noch krank war, kam ich mir immer weniger krank vor, wenn es regnete. Da ging ich oft raus, bis ich durch und durch nass war. Das konnte ich spüren: die Kälte, die Nässe, die fallenden Tropfen.

Schließlich ist der Tee ausgetrunken, ich lege mich in die Wanne, wasche mir den ekelhaften Geruch der rosa Seife vom Körper und schlafe dann doch ein paar Stunden. Aber nicht gut. Ich träume, dass es Körperteile regnet. Eine Hand. Ein Bein. Ein, zwei Ohren. Ein menschlicher Schauer.

Als ich aufwache, geht es mir schlechter als zuvor. Ich mache mir einen neuen Tee, beobachte den Regen, überlege, ob ich was rauchen soll.

Ich rufe Buzz an.

Er nimmt das Telefonat formvollendet entgegen und entfernt sich dann von dem Ort, an dem er sich gerade befunden hat. «Hey, Baby», sagt er dann mit einer deutlich sanfteren Stimme. «Bist du mit Watkins klargekommen?»

Ich erzähle ihm von letzter Nacht. Die Ausflüge nach Pontcanna und Whitchurch und mein Gespräch mit Dad erwähne ich natürlich genauso wenig wie Mary Langtons Zimmer, den Regen aus Körperteilen oder dass ich zweimal kurz davor war, einen Joint zu rauchen. Ansonsten habe ich nichts zu verbergen.

Buzz bringt mich auf den aktuellen Stand der Ermittlungen, weil er weiß, dass ich ohnehin nicht lockerlassen werde, bis er damit herausrückt.

Sie haben eine weitere Hand, einen Fuß und einen Unterarm gefunden. Augenscheinlich von derselben dunkelhäutigen Männerleiche wie die erste Hand. «Lieber frisch als tiefgefroren, oder?», sagt er. Der unvermeidliche Polizistenhumor.

«Wo lagen die Körperteile? Auf öffentlichem Gelände oder in irgendeinem Garten?»

«Eine Hand und der Fuß in dem kleinen Wäldchen gleich hinter dem Haus von Mrs. Williams. Das ist öffentlich zugänglich. Die zweite Hand und der Unterarm befanden sich in verschiedenen Gärten, keine hundert Meter vom Williams-Haus entfernt. Die Hand wurde möglicherweise einfach in den Garten geworfen. Der Arm allerdings sah aus, als hätte man ihn fein säuberlich dort abgelegt.»

«Schon eine Ahnung, wer es sein könnte?»

«Nein. Nicht die geringste. Und es ist noch zu früh für die DNA-Analyse. Vielleicht haben wir heute Abend ein Ergebnis. Vermisst wird jedenfalls niemand mit dieser Beschreibung. Niemand aus der Gegend zumindest.»

Ich weiß, worauf er hinauswill. Im nationalen Register vermisster Personen sind nicht zuletzt aufgrund von Multikulti-London Leute jedweder ethnischen Herkunft aufgeführt. Was nicht bedeutet, dass es jetzt besonders schlau wäre, jedem einzelnen vermissten Einwohner Londons arabischer oder mediterraner Herkunft nachzujagen. Wir warten lieber die DNA-Analyse ab.

«Bist du gerade oben in Llanishen?», frage ich.

«Ich und so gut wie jeder andere Polizist aus Südwales. Wir können jede Hand gebrauchen.» Wieder dieser Polizistenhumor, den ich so sehr liebe.

Wir plaudern noch ein bisschen oder versuchen es zumindest. Das Thema ist zu ernst für privates Geplänkel. Das liegt an mir. Buzz kann viel besser als ich vom Polizei- in den Zivilmodus umschalten. Wenn ich mich mal an einem Fall festgebissen habe, kann ich an nichts anderes mehr denken. Im Geiste bin ich schon wieder oben in Llanishen, durchstreife die nassen Hügel, untersuche jedes einzelne Grasbüschel in der Hoffnung, irgendetwas zu finden – einen Fuß, ein Ohr, ein paar Finger vielleicht, die bleich im Schlamm schimmern wie die Pilze im Herbst. Wir schaffen es zwar mehr oder weniger, auf eine persönliche Ebene zu wechseln, aber besonders prickelnd ist es nicht. Wäre schön, wenn wir mal wieder einen gemeinsamen Abend verbringen könnten.

Wir beenden das Gespräch.

Ich wünschte mir, ich hätte mehr Talent für diese kleinen Intimitäten. Zum Glück ist Buzz wirklich geduldig.

Seit ein paar Minuten hallt ein dumpfes Dröhnen in meinem Kopf. Erst jetzt begreife ich, dass es ein Hubschrauber ist. Ich wohne nur ein paar Meilen von Llanishen entfernt – acht Minuten mit dem Auto, fünf, wenn ich ordentlich Gas gebe. Wahrscheinlich ist der Hubschrauber Teil der Suchaktion.

Luftfahndung. Sie halten nach Veränderungen in der Vegetation, nach Verfärbungen des Erdbodens Ausschau. Verscharrte Leichen sind auf diese Weise nur schwer zu finden, weil man die Gräber aus der Luft kaum erkennen kann. Während einer Dürreperiode verrät sich ein vergrabener Körper unter Umständen nur durch die Flüssigkeit, die er absondert. Aber nicht in Wales und insbesondere nicht in einem derart nassen Oktober in Llanishen. Deshalb dient der Hubschrauber auch eher als eine Warnung an all die Irren dadraußen. Wir beobachten euch. Bleibt weg, verhaltet euch ruhig, seid brav.

Wie könnte ich die Zeit am sinnvollsten totschlagen – bügeln, einkaufen, staubsaugen, Fitnessstudio?

Ich weiß schon, was ich tun werde.

Ich gehe nach oben. Ins Gästezimmer, wie ich es genannt habe, bis es Buzz missbilligend die «Operationsbasis» getauft hat. Die Operationsbasis. Ein toller Name. Militärisch. Er klingt wie eine Waffe: zweckmäßig und sauber.

Ich mache die Tür auf. Ein Schreibtisch, ein normaler Tisch und ein Schrank. Alles von Ikea. Außerdem ein Bett, auf dem eine Sperrholzplatte liegt, und eine große filzbezogene Pinnwand.

Papiere. Fotos. Akten. Listen.

Und ein Laptop, ein PC, ein Drucker, ein WLAN-Router, automatisches Daten-Back-up. Den ganzen Krempel habe natürlich nicht ich angeschlossen. Das war ein Bekannter meines Vaters. Ein Tony irgendwas. Von hier aus habe ich Zugriff auf den PNC, den Police National Computer, und die meisten dazugehörigen Datenbanken – jedenfalls diejenigen, an die nicht nur die PNC-Spezialisten rankommen. Hierhin lasse ich mir meine Google-Alert-Mails schicken, hier laufen Newsletter von Seiten wie LexisNexis auf, einem Nachrichten- und Finanzdatenportal.

Die Vorhänge sind meistens zugezogen, weil ich bei den vielen Papierstapeln auf dem Bett nur schlecht an sie rankomme. Im Dunkeln gefällt’s mir aber ohnehin viel besser. Es riecht nach Tonerkartuschen und warmer Elektronik. In einer abgeschlossenen Schreibtischschublade befinden sich vierhundertsechzig Patronen ohne die zugehörige Waffe.

Die Operationsbasis.

Als wir den Rattigan-Fall lösten – als wir Fletcher, die von seinem Menschenhändlerring verschleppten Frauen und die netten Jungs aus Kaliningrad aufspürten –, bedauerte ich es außerordentlich, dass der Oberschurke, Brendan Rattigan, selbst bereits tot war und seine Knochen hundert Meter tief im Meer vor sich hin faulten. Allerdings hatte Rattigan Freunde. Und manch einer dieser Freunde teilte dessen Leidenschaften und seine Bettgenossinnen und nahm jenen ganz speziellen Service in Anspruch, der darin bestand, junge Albanerinnen wie am Fließband zu liefern. Meiner Meinung nach sind diese Freunde genauso schuldig wie Rattigan selbst und hätten genau wie er verdient, bestraft zu werden.

Und darum geht’s bei meiner Operation.

Ich will herausfinden, wer Rattigans Spießgesellen sind. Und sie zu Fall bringen.

Ich gebe die neuesten Nummernschilder ein. Da ich natürlich nicht jeden durchleuchten kann, der irgendwann einmal Kontakt mit Rattigan hatte, beschränke ich mich auf seine engsten Vertrauten. Egal, auf welche Weise sie mit ihm verbunden waren: durch den Aufsichtsrat seiner Firma, durch seine Leidenschaft für Pferdewetten, durch Herren- oder Segelclubs. Indem sie auf denselben Hochzeiten tanzten, in dieselben Firmen investierten, sich für dieselben Wohltätigkeitsorganisationen engagierten oder für dieselben politischen Parteien spendeten. Ich habe mir sechs Namen aus einer ellenlangen Liste potenziell Verdächtiger herausgesucht. Sie alle wohnen in Cardiff und Umgebung.

Ivor Harris. Meistens in Gesellschaft anderer Superreicher mit politischem Einfluss. Verbringt mehr Zeit in London als in Wales. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, eine Verbindung zwischen Harris und irgendwelchen zwielichtigen Elementen herzustellen, seien es Drogendealer, Zuhälter oder Prostituierte. Auch sein Bewegungsmuster ist völlig unverdächtig.

Galton Evans.