Flammen der Täuschung - Peter Oehlerking - E-Book

Flammen der Täuschung E-Book

Peter Oehlerking

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Beschreibung

Eine Villa in Cuxhaven-Döse steht in Flammen! Die Feuerwehr ist schnell vor Ort – kann jedoch nichts mehr retten. Schließlich werden die Bewohner, das Ehepaar Hansen, tot aufgefunden: Beide sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt! Ein Routinefall, der schnell abgeschlossen werden kann? Kommissar Piet Stöver und seine Kollegin, die gebürtige Finnin Birke, merken schon bald, dass etwas nicht stimmt. Und so ermitteln sie - ohne zu ahnen, dass sie dabei beobachtet werden (...)

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel I – 18. August - Das Feuer

Kapitel II - gleicher Tag - Das Kommissariat

Kapitel III - Dienstag, 19. August

Kapitel IV - Mittwoch, 20. August

Kapitel V – Donnerstag, 21. August – Trauerfeier

Kapitel VI – Freitag, 22. August

Kapitel VII – Samstag – Neustadt in Holstein

Kapitel VIII. Montag. Die Attacke!

Kapitel IX – Dienstag – Schüsse

Ankündigung – weitere Fälle!

Der Autor:

Rüm Hart, klaar Kiming!

Weites Herz – klarer Horizont!

1. Ausgabe Mai 2025

Originalausgabe E-Book

Herausgeber/ Verlag:

Fitters Sturmflut

Klamt & Klamt GbR,

27472 Cuxhaven, Deichstraße 5 UST-ID DE347069751

[email protected]

Fotos: © Christian Rinnert; Sturmflut; Peet Wigbers

Umschlaggestaltung: Misons Book Designer

Satz: A. Zshan

Veröffentlicht über tolino media

Copyright ©2025 (Autor):

Peter Oehlerking (Peet Wigbers)

22397 Hamburg, Lütte Marsch 1

[email protected]

ISBN: 9783819409905

Website: www.cuxhaven-krimi.de

All Rights Reserved © 2025

Überschrift 1 (Personen):

Piet Stöver 1. Fahnder

Birke Hänigsen Fahnderin

Knut Bartelsen Aktenführer

Peter Scheider Dezernatsleiter

Detlef Brandermittler

Maike Klaasen Polizeikommissarin

Sepp (Josef) Huber Polizeireporter

Hannes Schumacher Feuerwehrmann

Manfred Schlichting Kapitän a. D.

Emma Pfitz Großcousine von Lydia

Petra Pfitz Cousine von Lydia

Helene Hansen Mutter von Erik

Maria Lopez Pflegerin

Erik und Lydia Hansen ✝

Dr. Martina v. See (Gerichtsmedizin),

Ruth Pfitz (Tante von Lydia),

Herr Müller (Angestellter Hansen-Bau),

Frank Krause (Hausmeister),

Martin L. und Fiete K. (…),

weitere Personen - und: Ole

Prolog

Die Tiefkühltruhe!

Hat er sie eben wieder zugemacht?

„Verdammt, konzentriere Dich“, flucht er vor sich hin und geht aus dem Garten wieder ins Haus, direkt in das große, sehr mondäne Wohnzimmer.

Es ist eine Mischung aus edlem Alt und Neu: Holzfußboden, die schlanke Rolf-Benz-Garnitur auf einem großflächigen, antiken Keshan-Wollteppich, an der Seite zwei Kommoden und eine Anrichte.

Und im hinteren Teil des 50-Quadratmeter-Raumes schließlich der Klavierflügel, ein Steinway and Sons, auf dem sie nicht mehr spielen will.

Kurz vor der offenstehenden Tür zum weiterführenden Flur wendet er den Blick nach rechts.

Fast unverändert liegt sie auf der modernen Chaiselongue, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen geschlossen. Ein hübsches Gesicht, eine weibliche Figur: Lange, braune Beine, die aus dem geblümten Sommerkleid herausragen.

„Lydia. Was für eine schöne Frau“, denkt er. Muss das sein, will er wirklich zu diesem letzten Mittel greifen?

Nein! Schnell verwirft er den Gedanken wieder. Denn sein Plan ist unabwendbar!

Weiter geht es durch den lang gezogenen Flur in die kleine Eingangshalle, vorbei an der breiten Treppe, die zu den oberen Räumen führt.

Kurz blickt er durch eines der Fenster neben der breiten Haustür. Es ist dunkel an diesem 18. August, wenige Stunden nach Mitternacht.

Wann genau wird es hell?

Erneut überdenkt er seinen Plan, will unbedingt pünktlich sein.

Direkt neben der Haustür steht der Korb mit dem Dackel. Die ganze Zeit ist Ole unruhig umhergelaufen, witterte wohl etwas ... Und auch jetzt schaut er auf, spitzt die Ohren und mustert ihn.

Er mag Hunde, doch mit diesem ist er nicht richtig warm geworden.

Am Ende des zweiten Flures, der zu Garage und Carport führt, erreicht er sein Ziel: Die Wertraumtür als ein besonderer Schutz für die dahinterliegende Waffenkammer. Sie ist aus Metall, grau, mehrwandig, mit einem Doppelbartsicherheitsschloss und einer besonderen Bolzenverriegelung versehen.

Doch sie ist nur angelehnt, was er bisher immer zu vermeiden gewusst hat!

Ein kontrollierender Blick durch den kleinen Raum, der speziell für Jäger gebaut ist: Beide Waffenschränke sind verschlossen, genau wie der Schrank für die Munition.

Etwas seitlich davon, durch eine Schiebetür abgegrenzt, steht ein Edelstahltisch, auf dem Wild zerlegt wird - und zu guter Letzt auch die lange Tiefkühltruhe Nord-Cap.

Tatsächlich, sie ist noch unverschlossen, der Deckel steht sogar halb auf!

Mit wenigen Schritten tritt er ein und verschließt sie. „Wie wird der Raum hier nachher wohl aussehen?“, überlegt er kurz.

Ganz sicher besteht wegen der Munition Explosionsgefahr! Insbesondere dann natürlich, wenn er die Wertraumtür auflassen würde.

Blaue Augen, die sich bei der Überlegung kurz verdunkeln: Das würde dem Ganzen hier natürlich zu einer zusätzlichen Dramatik verhelfen …

Kapitel I – 18. August - Das Feuer

60 Minuten später – Döse - Haus gegenüber

„Scheiß Prostata!“

Mit diesem Gedanken öffnet Manfred die Augen.

Das wievielte Mal wird er diese Nacht wegen gefühlt voller Blase schon wieder wach?

Ohne wirklich nachzählen zu wollen, dreht er seinen Oberkörper zur Seite, stützt sich auf den rechten Unterarm und richtet sich mit einem verhaltenen Stöhnen auf - bleibt aber erst mal auf der Kante seines nagelneuen Boxspringbettes sitzen.

„Wirklich zu hoch!“, denkt er noch misslauniger, als er erneut bemerkt, dass seine Füße nicht bis zum Boden reichen, die Beine wie bei einem kleinen Kind auf einem Erwachsenenstuhl unter ihm baumeln.

„Beinbruch nach freiem Fall aus dem Bett!“ Das wäre es ja noch gewesen: Seine Freunde, ganz Cuxhaven würde sich halb totlachen!

Die Blase gibt im Augenblick Ruhe, und so bleibt er noch etwas länger sitzen, um träge seinen Gedanken nachzuhängen.

Ja, bis vor 10 Jahren, da war alles noch okay, alles in bester Ordnung. Als Kapitän auf großer Fahrt war er zuletzt zumeist im Indischen Ozean unterwegs gewesen.

Viel Verantwortung, viel Erleben … aber eben auch viel Alkohol und Zigaretten.

Zu viel, er hat es immer geahnt, auch dass irgendwann einmal die Quittung folgen würde. Doch dann gleich in dieser endgültigen Härte?

Schwerer Herzinfarkt, Not-OP, drei Stents, schließlich die Schweineherzklappe.

Nur ein knappes Jahr später dann stand fest - Schluss, kein Seefahrerleben mehr, fortan nur noch ein Rentnerdasein. Und das schon mit Mitte 50!

Das mit der gutartigen Prostatavergrößerung dagegen soll nur ein weiteres, angeblich marginales Problemchen sein.

„Erhöhter Harndrang“, das sei die Konsequenz, so sein Arzt Dr. Meier einmal. „Nicht schlimm. Ein einfaches Hausmittel hilft, Kürbissamensaft wird es lindern!“

„Von wegen!“, denkt Kapitän a. D. Manfred Schlichting. Was für eine Wirkung? Wie prosten sich Urologen noch gleich zu? Mit einem „Prost-ata!“ Ein Anflug von einem Grinsen kommt über seine Lippen.

Doch dann meldet sich erneut der Druck zurück.

Und so schaltet er das Licht am Rückenteil seines Boxspringbettes ein, bringt sich in den freien Fall und schlürft los in Richtung Abort!

Keine 2 Minuten später

„Jetzt echt - haben die Hansen ein Rad ab?“

Schon am Vorabend war Manfred aufgefallen, dass die beiden Feuerschalen bei seinen Nachbarn vis-à-vis der Straße in Betrieb waren, Erik Hansen offensichtlich gleich mehrfach Holz nachlegte.

Doch aber jetzt noch, um diese nächtliche Zeit?

„Was für ein Gestank! Und irgendwie auch … nicht mehr nur nach Holz!?“

Ein Blick auf seine Garmin-Marine-Smartwatch, die ihm seine Ex-Frau vor zig Jahren einmal zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die zuletzt nur noch mürrische Frau weg, die edle Uhr behalten – besser als andersherum! Er liebt dieses maritime Stück, eigentlich prädestiniert für Segler, ein Stück weit auch, weil er jederzeit ohne Lesebrille die Uhrzeit ablesen kann: 02.45 Uhr.

„Wie kommen die nur dazu?“

Das Verhältnis zu Erik und Lydia war und ist prima. Sie sind keine Freunde, aber eben sehr freundliche und rücksichtsvolle Nachbarn. Man duzt sich, trinkt zusammen auch mal ein Bier, redet nicht nur über das Wetter, weiß so einiges voneinander. Mit anderen Nachbarn schließlich, da hat er schon ganz andere Erfahrungen machen müssen.

Ein Blick nach unten.

„Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, in die Hose geht doch der …“

Manfred ist es im Augenblick egal. Zurück in die neue Koje will er, zurück in den Schlaf, der ihn hoffentlich ganz schnell wieder einholen wird.

Der Weg dorthin zurück - jedoch nicht ohne einen Abstecher in den vorderen Bereich des alten Hauses, das er vor vielen Jahren von seinen Eltern geerbt hat.

Von dort aus kann er nämlich direkt zu dem Haus von Erik und Lydia herüberschauen ...

Feuer!

Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals!

Mein Gott, sind die da etwa noch drin?

„Erik!“ „Lydia!!“

Immer wieder ruft Manfred ihre Namen.

Diese glimmende Hitze, dieser beißende Rauch!

Er muss nach Luft ringen, weicht ein paar Meter zurück, kneift dabei die brennenden, tränenden Augen zu, um eines gleich wieder blinzelnd einen Spalt zu öffnen.

So hat er ein Feuer noch nicht erlebt!

Ja, einmal im Seegebiet zwischen Indien und dem Golf von Aden, da konnte er von seiner Brücke aus die gewaltigen Rauchschwaden eines großen, im Bug brennenden Containerfrachters beobachten:

Die Maersk Honam, ein Riesenpott, dänische Reeder. - Aber die lag damals ein paar Seemeilen von seinem Schiff entfernt!

Dieses hier jedoch, so direkt vor ihm. Was für eine Urgewalt!

Feuer, ein Moloch, der alles auffrisst!

Doch jetzt dort noch rein, um nach den beiden zu suchen? Nein, allein schon der Gedanke …

„Erik, wo seid …??“

Husten unterbricht sein Rufen.

Mit einer Hand drückt er sich das Handtuch, das er sich vorm Herauseilen aus seinem Gäste-WC in aller Eile noch gegriffen hat, dichter auf Mund und Nase.

Vielleicht hätte er es doch komplett durchtränken sollen? Deutlich spürt er den Kloß in seinem Hals. Sorge, richtiggehende Angst umtreiben ihn: Die Vorstellung, dass sie es nicht geschafft haben könnten, jetzt irgendwo in dem Flammeninferno stecken.

Gänsehaut, trotz der Hitze!

Oder … vielleicht sind sie ja gar nicht da?

Ganz kurz keimt Hoffnung bei ihm auf. Könnte es sein, dass sie kurzfristig irgendwo hinmussten, weggefahren sind, um später noch anzurufen, dann nur den Verlust des Hauses zu beklagen hätten?

Ole! - Was ist mit dem Rauhaardackel?

Läuft der hier irgendwo herum?

Abermals hustend sieht er sich um.

Doch von Ole ist nichts zu sehen.

Ein paar Menschen stehen herum. Manfred erkennt Simone, eine Nachbarin, die ganz am Anfang der Straße wohnt. Sie steht noch ein ganzes Stück hinter ihm, hält sich gerade ungläubig, voller Entsetzen, beide Hände vor den Mund.

Weint sie?

„Hast Du eine Ahnung, wo Erik und Lydia sind?“, ruft er ihr verzweifelt zu.

„Ist die Feuerwehr schon informiert?“, fast in gleichem Moment, eine männliche Stimme.

„Ja, ich habe angerufen!“, antwortet sie laut.

Ungeduldig schüttelt Manfred den Kopf: Das haben doch sicher schon mehrere gemacht!

So wie er selbst, als er von seinem Haus aus das Unglück auf der anderen Straßenseite erkannte. Als erste Handlung, sofort und direkt.

110 - und nicht 112? Er erinnert sich nur an eine weibliche Stimme, die seinen Anruf entgegennahm.

Notruf der Polizei, oder direkt die Feuerwehr, letztendlich wird es egal sein!

Da, ein lautes Knack-Geräusch!

Es ist sicherlich wieder nur eine dieser Verpuffungen.

Wie lange wird es noch dauern, bis dass Hilfe eintrifft, bis dass den beiden vielleicht doch noch irgendwie geholfen werden kann?

Zur gleichen Zeit – die Feuerwehr

Rhythmisch reflektiert sich das Blaulicht an den Hauswänden des Strichweges.

Strich, das war in alten Zeiten ein Begriff für Weg am Deich.

Und so schlängelt sich die enge Verbindungsstraße zwischen Alt-Cuxhaven und dem Kurteil Döse um die teilweise älteren Häuser … parallel zur Grimmershörn-Bucht, der letzten Bucht, bevor die Elbe in die Nordsee mündet.

Hannes und Heiner sitzen nebeneinander, entgegen der Fahrtrichtung, ihnen gegenüber vier weitere Kameraden der Berufsfeuerwehr.

Die beiden sind nicht nur Kollegen, sie sind beste Freunde, und das schon seit ihrer der Jugend.

Erst die gemeinsame Schulzeit in Cuxhaven, dann der gleiche Berufswunsch. Irgendwie passende Vornamen, das gemeinsame Hobby Fußball, gegenseitige Trauzeugen, deren Familien ebenfalls miteinander befreundet und so oft wie möglich die gleichen 24-Stunden-Schichten ...

Obwohl sie sich bis auf die blonden Haare kaum ähnlich sehen: Die Bezeichnung Twins der Kollegen kommt nicht von ungefähr.

„Jede Wette, dass nachher wieder jemand meckert“, meint Hannes.

„Die Martinshörner?“

Er nickt.

Beide wissen, dass die Anwohner eines jeden Hauses, das sie gerade passieren, durch die doch erheblichen Lautstärken aus dem Schlaf gerissen werden. Wie immer mal wieder in der Vergangenheit vorgekommen, könnte es auch nach diesem Einsatz passieren.

Ob nun per Anruf oder Mail: „Mitten in der Nacht! Kein Schwein ist unterwegs, alles schläft. Aber ihr müsst natürlich trotzdem …!“

Vier Einsatzfahrzeuge sind es, die diesen Krach machen müssen: Sonderrechte sind während der Fahrt ausnahmslos immer per Blaulicht und Martinshorn anzuzeigen. Also auch nachts, das ist gesetzlich so geregelt. Basta.

Der Einsatzleiter fährt in einem Pkw vorweg, dahinter das Löschfahrzeug, auf dem die beiden Freunde sitzen, dann das große Drehleiterfahrzeug und zum Schluss schließlich ein Krankenwagen.

Hannes und Heiner kennen den Weg. Sie wissen, dass sie in wenigen Minuten am Ort des Geschehens sein werden.

Die Anspannung? Die ist größer als sonst.

Hoffentlich sind die Bewohner nicht mehr drin!

Beide haben zuvor erfahren, dass das Haus der Hansen brennt.

Das kinderlose Ehepaar ist recht bekannt in der Stadt. Sehr betuchte Leute sind sie, dabei stets freundlich und aufgeschlossen, kein bisschen abgehoben. Sie grüßen, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, obwohl man sich nur vom Sehen kennt. Sie Ur-Cuxhavenerin, er von irgendwo aus Holstein: Nordlichter eben, die in die Welt gehören ...

Gleich ist es so weit!

Kurz vor dem Ende des Strichweges rechts ab, die Strandstraße in Richtung der Strände, dem Kurpark und der Kugelbake.

Nach nur wenigen 100 Metern dann ein spitzer Winkel nach rechts, hinein in die Schultheißenstraße, dort dann das letzte Haus auf der linken Seite.

Alle sind bereit, jeder kennt seine Aufgabe aus dem Effeff. Schnell noch mal in Gedanken die Örtlichkeit abgeschätzt!

Hannes gehört als Hauptbrandmeister dem Angriffstrupp an und wird nach Lage der Dinge sofort in das brennende Haus beordert.

Sein Auftrag: Menschenrettung.

Ein letzter, stummer Blick zwischen den beiden, ein kurzes aufmunterndes Nicken.

Es wird schon gut gehen, soll er heißen und: Pass auf Dich auf!

Ein paar Stunden später – der Kommissar

Cuxhaven, offiziell größtes Nordseeheilbad Deutschlands, ist der nördlichste Punkt Niedersachsens.

Sehr viel mehr wusste Piet nicht über die Stadt, als er sich vor 15 Jahren für eine Stellenausschreibung bei der Kriminalpolizei dort interessierte.

Doch aber weg aus seinem geliebten Hamburg, seiner Heimatstadt, dem Nabel der Welt?

Mitten im Kiez-Viertel, der Reeperbahn, wo seine Eltern eine Kneipe hatten, ist er großgeworden.

Und aus dieser schillernden Meile, dem vermeintlichen Gut und Böse heraus dann nach dem Abitur seine Entscheidung, kein Gastronom zu werden, sondern für Recht und Ordnung zu sorgen, Gangstern an die Hammelbeine gehen zu wollen.

Sogar für sein Studium an der Polizeiakademie Ende der 1990er Jahre – da brauchte Piet einfach nur in eine U-Bahn der Station St. Pauli zu steigen.

Und auch der danach folgende Streifendienst passte wie Faust aufs Gretchen: Als junger Kommissar-Anwärter begann er seinen Dienst ausgerechnet auf der Davidwache, nur einen knappen Kilometer von „Stövers Altona-Schenke“ entfernt.

Einmal Hamburg, immer Hamburg?

Mit absoluter Sicherheit wäre er noch immer dort, wenn ihm mit Mitte zwanzig bei einem Urlaub auf Malle nicht sie über den Weg gelaufen wäre:

Juliane, intelligent, charmant, groß, blond und mit einem lächelnden Blick, der ihm damals direkt durch und durch ging. Sie war anlässlich ihres bestandenen Examens in Zahnmedizin mit drei Kolleginnen auf der spanischen Insel, und Piet … sofort in sie verliebt!

Kaum ein Jahr später heirateten der „Bulle und seine Zahnfee“.

Doch Hamburg? Nein, das kam für Juliane von Anfang an nicht infrage. Schließlich war ihr berufliches Bett schon lange gemacht, ihre Karriere vorbestimmt.

Denn ihr Vater, selbst Zahnarzt, hatte eine eingesessene, florierende Praxis – elbabwärts, von der Hansestadt aus gute 2 Stunden mit dem Auto oder auch per Schiff mit dem Helgoland-Katamaran entfernt, direkt an der Mündung zur Nordsee: in Cuxhaven!

Cuxhaven-Altstadt - Das alte Kapitänshaus

„Papa?“

Gleich darauf noch mal, etwas lauter und ungeduldiger: „Papa!“

Piet dreht den Kopf zur Seite, als er hört, dass seine Schlafzimmertür ohne vorheriges Klopfen und mit recht viel Schwung geöffnet wird.

„Belass es bloß bei dem Gedanken – ihm nur nichts sagen, nicht gleich schimpfen.“

Sein 14-jähriger Sohn Paul, der dieses Wochenende bei ihm zu Besuch ist, darf das natürlich.

Denn Rücksicht und Verständnis sind die halbe Miete.

Paul ist in letzter Zeit nicht mehr gut drauf, ist seit der Scheidung von Juliane dabei, seinen einst eingeschlagenen, geradezu vorbildlichen Weg immer mehr zu verlassen!

Ob Schule, der ehrgeizige Trainingsfleiß im Boxsport wie das Zusammenleben mit ihm überhaupt: Alles lief wie am Schnürchen!

War es die Trennung, oder doch die Pubertät? Oder eine Kombination aus beidem, die ihn verändert hatte?

„Weißt Du eigentlich, wie spät es ist?“, fragt Paul.

„Guten Morgen, mein Junge!“, antwortet Piet, ihn dabei freundlich anlächelnd.

„Ich muss jetzt sofort los, in einer halben Stunde habe ich Mathe!“

Ein fader Geschmack macht sich in Piets Mund breit. Dabei war es gestern Abend doch gar nicht so schlimm gewesen. Das gemeinsame Vater-Sohn-Wochenend-Abschluss-Essen fand wie so oft in der Sturmflut, dem rustikalen Bierlokal direkt am Fährhafen von Cuxhaven, statt.

Und als Paul nach seiner obligatorischen Küsten-Currywurst dann unbedingt allein loswollte, um noch einen Kumpel zu treffen, da ist Piet einfach dageblieben, hatte sich zwei Tische weiter zu einem Freund gesetzt - zu Sepp, einem Redakteur der lokalen Zeitung.

Wenn man sich aber erst mal festgequatscht hat …

Wie viel Jever mögen es dann noch gewesen sein? Drei oder vier, höchstens! Und deswegen der schlechte Geschmack?

Sein Sohn Paul unterbricht seine Gedanken:

„Hast Du heute etwa keinen Dienst?“

Erneut blickt Piet zu ihm hoch.

Diese Ähnlichkeit, er ist seiner Mutter Juliane wie aus dem Gesicht geschnitten.

„Doch natürlich!“, reagiert er. „Ich bin schon so gut wie hoch! Und Du? Gefrühstückt? Warum hast Du mich nicht etwas früher geweckt?“

„Papa, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Wir sehen uns am übernächsten Wochenende, telefonieren vorher bestimmt noch!“

Kurz und knapp - aber immerhin doch freundlich.

Zudem kommt ein Anflug von einem Lächeln über Pauls Gesicht. Dann dreht er sich, und verschwindet mit einem „Hab Dich lieb!“

„So, jetzt aber sofort raus aus der Koje!“ Sofort ins Bad, für eine schnelle Morgentoilette.

Das kleine, alte Kapitänshaus in der Altstadt, in dem er seit der Trennung vor fast 2 Jahren zur Miete wohnt, ist ein echter Glückstreffer.

Allein schon dieses Gefühl der knatschenden, warmen Holzdielen unter seinen Füßen, das Licht durch die vielen Fenster. Dieses Flair und die Atmosphäre, die seine Bude ausstrahlt …

Die Räume sind zwar recht klein, und das Badezimmer nur über das Durchgangszimmer Küche erreichbar, doch Piet hat sich von Anfang an in den über 100 Jahre alten Gemäuern richtig zu Hause gefühlt.

Durch das Küchenfenster schweift sein Blick kurz in den wie für ihn gemachten Männer-Garten: Klein und

pflegeleicht ist der. In der einen Ecke das alte Holz-Gartenhaus mit der Grillecke, in der anderen die Außenwand zur geräumigen Garage. Sichere und trockene Unterkunft dort für seinen Oldie, einen Opel Commodore 2,8 GSE Coupe, der fast 10 Jahre älter ist als Piet selbst.

Die Zeit ist wirklich eng.

Umso größer der Vorteil, dass sich sein Kapitänshaus in direkter Nähe des Fachkommissariats 1, dessen stellvertretender Leiter er mittlerweile ist, in unmittelbarer Nähe, quasi in Sichtweite befindet - sofern er sich nur weit genau aus seinem Wohnzimmerfenster herauslehnt.

„Wann habe ich mich das letzte Mal rasiert?“ Ein prüfender Blick in den Spiegel des alten Allibert-Schrankes, den er damals zusammen mit dem Haus übernommen hat.

„Samstag, vorgestern!“ fällt ihm ein. - Einmal ohne geht also auf alle Fälle noch!

„Alexa, Uhrzeit!“

„Es ist 7.45 Uhr!“, spricht die weibliche KI-Stimme hinter ihm.

Vorgesehener Dienstbeginn für ihn ist um 8.00 Uhr.

Paul hätte ihn wirklich früher wecken sollen.

Also nur eben geduscht, schnell einen Kaffee aus dem Espresso-Automaten getrunken und zurück ins Schlafzimmer, dort eine Jeans und ein frisches Hemd angezogen und dann schließlich einfach mal ohne Frühstück aus dem Haus.

Doch … kurz darauf wird ihm ein Anruf auf seinem Diensthandy seine minimalistische Montag-Morgen-Planung zunichtemachen.

Einsatz?

Einsatz!

Brandhaus, etwas später

„In 100 Metern bitte rechts!“

Birke kennt sich in der Stadt zwar recht gut aus, jedoch ist ihr die Schultheißenstraße bisher noch nicht untergekommen.

„Wo soll das denn sein …?“, entgegnete sie ihrem Chef Peter Schneider, Leiter des Fachkommissariats 1 für schwere Straftaten und Verbrechen wie Mord, Körperverletzung oder auch Brand, als der sie zwanzig Minuten zuvor anrief, um über den Einsatz zu informieren.

Höchstpersönlich, der Kriminalrat!

Doch der Einsatz hat es schließlich auch in sich.

Ein Brand in einem großen Einfamilienhaus in Döse vor ein paar Stunden sei es und - ganz schlimm: mit zwei Todesopfern!

Birke folgt der Anweisung ihres Navigationsgerätes und biegt ab. Die Straße ist nur sehr kurz, zudem ist es eine Sackgasse. Und so erkennt sie am Ende sofort einen Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht; daneben einen dunklen VW Touran, eines der Zivilfahrzeuge der Polizei: Die Kollegen, von der 38-jährigen Finnin „Vorhut“ genannt, sind natürlich schon länger vor Ort.

„Der Brandermittler, sicher auch schon die Spurensicherung?“, überlegt sie.

Birke ist mit ihrem Privatfahrzeug unterwegs. Ausnahmsweise, Peter Schneider hat es schließlich dringend gemacht.

Vorausschauend, den roten Mini Cooper ein Stück weit hinter die Polizeiautos abgestellt, einfach normal rechts geparkt. Es wird ihr ein Unterbrechen der Arbeit, ein extra Manövrieren ersparen für den Fall, dass einer der

Kollegen früher wegfahren will.

… kurz darauf

„Moin!“

„Moin!“, reagiert der Feuerwehrmann.

Es ist die übliche Begrüßung im Norden von Deutschland.

Ganz zu Anfang, da hat Birke noch geglaubt, dass es Guten Morgen bedeuten würde, doch sich dann gewundert, dass man sich auch abends noch ein Moin zuruft.

„Dumm tüch! Das hat mit dem Morgen kaum etwas zu tun!“, erklärte ihr irgendwann einmal lachend Piet, ihr Kollege und direkter Vorgesetzter.

„Moje Tag, der schöne Tag auf Plattdeutsch“, so seine Übersetzung. Ihre Kontrolle über Google gab zwar noch andere Varianten her, doch Birke ließ es sofort gern gelten. Es hat für sie etwas Charmantes, etwas norddeutsch Kultiges ...

„Ist mein Kollege Piet Stöver schon hier?“, fragt sie in kaum noch hörbarem finnischem Akzent.

„Puh, Du … keine Ahnung!“, antwortet der Feuerwehrmann.

Auf dem Namensschild an seiner Überjacke steht gestickt: Schumacher. Birke kennt ihn vom Sehen, kommt aber nicht auf seinen Vornamen.

„Schau Dich um. Im Haus sind noch drei meiner Kollegen“, sagt er. „Dann noch eure SpuSi, und auch der Brandermittler! Vielleicht sieht sich Piet hier irgendwo gerade anderswo um? - Und wenn Du ihn dann gefunden hast: Ich muss bitte auch noch mit ihm sprechen!“

„Jo, geht klar!“, und als ihr der Vorname wieder einfällt, fügt sie lächelnd an: „Hannes!“

… kurz darauf

„Mein Gott, ist das schlimm!“

Piet schaut mit gerunzelter Stirn von der anderen Straßenseite herüber.

Das zweistöckige Haus der Hansens ist stark zerstört!

Wobei - es die linke Hälfte nicht ganz so schlimm erwischt zu haben scheint. Ja, der Dachstuhl dort ist größtenteils ausgebrannt. Schwarzer Ruß überall, und sämtliche Fenster sind geborsten.

Doch aber die andere, die rechte Seite: Das Dach zur Außenseite hin eingebrochen, die Etage darüber ein Stück weit nach unten gekommen, jetzt irgendwie schief über dem Erdgeschoss hängend.

War die Hitzebildung dort größer?

Sein Blick wendet sich wieder zurück zur intakteren Seite.

Dort, neben dem Haus, ist eine offene Garage, darin ist die Front eines größeren SUV zu sehen. Auch da hat das Feuer seine Spuren hinterlassen.

Ist das ein Mercedes, oder ein BMW? Was fährt Erik noch gleich?

Direkt daneben schließlich ein Carport, das Dach ebenfalls eingestürzt, darunter hervorlugend das Heck eines älteren 3er BMW. War das mal ein Cabrio? Ihr Auto?

Das Kennzeichen: CUX-LH und einige Ziffern sind zu lesen. Na klar, es sind ihre Initialen: Lydia Hansen …

Er schüttelt vor Entsetzen den Kopf.

Mit Erik stand er ein paar Mal zusammen auf dem Tennis-Court, hat einmal bei den Vereinsmeisterschaften gegen ihn verloren. Wann war das noch gleich?

Vorletztes Jahr!

„Viertelfinale, dann war Schluss“, erinnert er sich und sieht direkt das Lachen von Erik beim anschließenden gemeinsamen Radler im Klubheim wieder vor sich.

Ein sehr sympathischer, ein humorvoller Mann …

Bauunternehmer, Jäger und eben auch ein besserer Tennisspieler - als er selbst.

„An die Arbeit!“, reißt sich Piet aus den Gedanken.

Wo sind die anderen?

Kurz schaut er sich um.

Einige Schaulustige stehen etwas abseits, darunter auch ein Mann im Morgenmantel. Sicherlich ein Nachbar. Nur neugierig? Oder vielleicht ein Zeuge?

Die Löscharbeiten sind natürlich längst abgeschlossen.

Nur ein einzelner, größerer Feuerwehrwagen steht noch rechts neben dem abgebrannten Haus.

„Ein HLF, die Abkürzung für Hilfeleistungstanklöschfahrzeug“, erinnert er sich. Der gehört zur Berufsfeuerwehr, denn die Freiwilligen in Cuxhaven haben solche Fahrzeuge nicht. - HLF, hat der nicht 8 oder 9 Mann Besatzung? Auf alle Fälle werden dann noch einige der Kameraden hier sein.

Erst mal muss ein Lagebericht her, damit er die Situation genauer einschätzen kann!

---ENDE DER LESEPROBE---