Flammendes Land - Lauren DeStefano - E-Book

Flammendes Land E-Book

Lauren DeStefano

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Beschreibung

Was passiert, wenn der Himmel auf die Erde trifft?

Morgan und ihre Gefährten sind dem Stadtstaat Internment entkommen – und erleben endlich selbst, wie das Leben auf der Erde unter ihrer schwebenden Insel abläuft. Morgan ist fasziniert von den neuen Möglichkeiten. Doch das Land befindet sich im Krieg – im Kampf mit dem Nachbarn um einen unschätzbaren Rohstoff. Der herrschende König hält dabei ein wachsames Auge auf Internment. Morgan gerät unversehens zwischen die Fronten, denn sie verbirgt ein brisantes Geheimnis …

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Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2018

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© Ali Smith

DIE AUTORIN

Lauren DeStefano wurde in New Haven, Connecticut, geboren und war ihr ganzes Leben lang an der Ostküste zu Hause. Sie absolvierte ihren Bachelor-Abschluss am Albertus Magnus College im Fach Kreatives Schreiben. Ihre Chemical-Garden-Trilogie wurde zum New-York-Times-Bestseller.

Mehr über die Autorin unter

www.laurendestefano.com

Von der Autorin ist ebenfalls bei cbt erschienen:

Fallende Stadt (31199, Band 1)

Mehr zu cbj/cbt auch auf Instagram unter@hey_reader

Lauren DeStefano

Flammendes Land

Aus dem Englischen von Andreas Decker

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Juni 2018

© 2013 by Lauren DeStefano

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015

unter dem Titel »Burning Kingdoms«

bei Simon & Schuster, New York.

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der

Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Aus dem Englischen von Andreas Decker

Lektorat: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Shutterstock

(Mirelle, BERNATSKAYA OXANA, Yurlick)

he · Herstellung: ang

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-21884-3V002

www.cbj-verlag.de

Für Mina Baptista. Auf die nächsten siebenundzwanzig Geburtstage.

Irgendwo wartet etwas Unglaubliches auf seine Entdeckung.

Carl Sagan

Kurz nach der Erschaffung der Welt folgten die Menschen. Von diesem Tag an war es ein ständiger Balanceakt zwischen Leben und Tod. Es steht keinem Menschen zu, ihn infrage zu stellen.

Das Buch allen Seins, Kapitel 1

Schnee. So bezeichnen die Leute auf dem Boden dieses Wunder.

»Gottverdammter Schnee«, murmelt unser Fahrer schon zum zweiten Mal, während mechanische Arme die Bestäubung von der Scheibe wischen.

Hören zu müssen, wie ein Gott so bezeichnet wird, ist wie ein Stich in die Brust. Ich frage mich, welchen Gott er meint. Man sollte annehmen, dass der Gott des Bodens weniger nachsichtig ist als der des Himmels. Rachsüchtig. Das würde Sinn ergeben, da der Gott des Bodens uns in den Himmel gesperrt hat, weil wir zu selbstsüchtig waren.

Aber ich frage nicht. Seit ich Pen gesagt habe, alles käme wieder in Ordnung, habe ich kein Wort mehr von mir gegeben.

Das ganze Weiß blendet; Schweiß rinnt mir den Nacken hinunter, denn trotz der stürmischen Kälte draußen ist es im Fahrzeug schrecklich heiß. Diese Luft schmeckt metallisch.

Meine Eltern machen sich bestimmt Sorgen, denke ich, bevor mir wieder bewusst wird, dass sie nicht mehr da sind. Nicht mehr zu Hause sind. Sie sind jetzt Farben im Großen Zufluss, einem Ort, den die Lebenden nicht wahrnehmen können.

Ich drücke Basils Hand. Neben mir hat Prinzessin Celeste die Hände an die Scheibe gelegt und starrt durch das Fenster. Eine Stadt schält sich langsam aus dem Schnee. Zuerst besteht sie nur aus rechteckigen Schatten, dann schießen Farbstreifen durch den Himmel. Von den Gebäuden blinken viereckige Lichter.

Mein Bruder sitzt in einem der anderen Fahrzeuge. Nachdem wir den Metallvogel verlassen hatten, der uns von Internment in die Tiefe trug, haben uns die Männer in den schweren schwarzen Mänteln aufgeteilt, wie es ihnen in den Sinn kam. Sie stießen uns auf die Sitze und behaupteten, uns an einen warmen und sicheren Ort zu bringen. Ihnen schien nicht klar zu sein, dass man uns vor Hunderten von Jahren von diesem Ort verbannt hat.

Der Fahrer betrachtet uns im Rückspiegel. »Es war wirklich ein Glück, dass Sie es vor dem Blizzard nach unten geschafft haben.«

Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. »Blizzard« ist ein neues Wort, das auf meiner Zunge holpert und darum bettelt, ausgesprochen zu werden.

Basil blickt in den Himmel, als wollte er einen Weg nach Hause finden, aber die einzige Antwort, die er erhält, besteht aus dem Weiß, das aus den Wolken fällt. Für ihn wäre jetzt der richtige Augenblick gekommen, um zu bedauern, mir an diesen Ort gefolgt zu sein – unsere Verlobung zu bedauern. Vielleicht haben sich die Entscheidungsträger darin geirrt, uns für den Rest unseres Lebens aneinanderzubinden; wir haben uns immer umeinander gekümmert, aber er folgt der Logik, während ich eine Träumerin bin. Wo ich unvorsichtig bin, ist er geduldig. Und jetzt wird er meinetwegen seine Eltern oder seinen kleinen Bruder niemals wiedersehen.

Ich will seinen Namen sagen, damit er mich ansieht, habe aber Angst, was laute Worte mit dem seltsamen Gleichgewicht zwischen dem Fahrer und uns dreien anrichten könnten.

Der Mantel des Manns scheint eine Art Uniform zu sein. Möglicherweise ist er ein Wachmann – oder wie auch immer man sie am Boden nennt. Vielleicht sorgt man hier unten ja nicht für Ordnung.

Prinzessin Celeste rammt mir den Ellbogen in die Seite. Nachdem sie meine Aufmerksamkeit hat, deutet sie mit dem Kopf auf ihr Fenster. Draußen steht eine große Maschine ein Stück von den Gebäuden entfernt. Sie erinnert an einen riesigen Metallkäfer, dessen Beine in die Luft ragen. Jedes Bein ist in einer anderen Farbe gestrichen, und an den Spitzen sind anscheinend Wolken.

Ich vermag nicht zu sagen, ob die Prinzessin zu lächeln versucht. Ihre Augen funkeln noch immer, aber dieses eine Mal ist sie kleinlaut.

Unser Fahrzeug kommt rollend zum Stehen. Ich blicke aus dem Fenster auf Basils Seite. Die anderen Fahrzeuge halten neben uns an. Ich will hinausstürmen und zu meinem Bruder und Alice. Und zu Pen, die mit den Tränen kämpfte, als ich sie das letzte Mal sah.

Aber ich rühre mich nicht. Basil fasst meinen Arm, als wollte er mich beschützen.

Der Fahrer tritt hinaus in den Schnee, und die kalte Luft schneidet in meine Haut, bevor er die Tür wieder schließt.

Die Prinzessin ergreift als Erste das Wort. »Das ist es? Dort draußen ist keine Menschenseele zu sehen. Von diesem Ort hat man uns verbannt?«

In den anderen Fahrzeugen werden Türen geöffnet. Ich sehe Alice zuerst. Ein Mann will sie zu dem Gebäude führen, vor dem wir angehalten haben, aber sie weicht ihm aus und greift in den Wagen, um Lex zu helfen.

Der Anblick meines Bruders, dessen Gesicht so weiß wie der Schnee ist, raubt mir jede Vernunft. Ich öffne die Tür.

»Warte«, sagt Basil.

»Ich muss ihn wissen lassen, dass es mir gut geht«, erwidere ich.

Basil versteht. Er steigt zuerst aus und lässt dabei meine Hand nicht los. »Lex«, rufe ich.

Sofort hebt sich der Kopf meines Bruders, den er bis jetzt müde gesenkt hatte. »Morgan?« Seine Stimme klingt erleichtert und panisch zugleich. »Schwester?«

»Ich bin hier«, sage ich. »Ich bin genau hier.« Die Worte liegen schwer auf meiner Zunge. Diese Kälte trifft mich bis ins Mark. Ich will nach meinem Bruder greifen, aber einer der Uniformierten drängt Basil und mich auf das Gebäude zu. Schon bevor sich seine Türen öffnen, kann ich seltsames und unbekanntes Essen riechen.

Ich beiße mir auf die Lippe und werfe zumindest einen letzten Blick über die Schulter, bevor man mich ins Haus führt. Ich kann Lex und Alice sehen; hinter ihnen blitzen einen Augenblick lang Pens blonde Locken auf.

Ich halte mich an Basils Hand fest, als hinge mein Leben davon ab. Möglicherweise tut es das auch.

Man führt uns zu einer Reihe Metallstühle, dann bekommt jeder von uns Tee.

Er sieht seltsam aus. Dünn. Vermutlich hat man am Boden andere Kräuter. Und ein anderes Ökosystem.

Ich trinke den Tee nicht. Ich traue ihm nicht. Aber ich weiß seine Wärme an meinen Handflächen zu schätzen. Obwohl wir aus dem Schnee raus sind, zittern wir immer noch alle. Welch einen Anblick müssen wir diesen uniformierten Männern bieten: Leute, die in einem Metallvogel vom Himmel fielen und in einer Reihe sitzen, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben.

Allein der Professor fehlt. Ich habe einen der Uniformierten sagen hören, dass er sich weigert, das Flugzeug zu verlassen.

»Flugzeug« ist auch ein neues Wort.

Hinter einem Schreibtisch sitzt ein anderer Mann in Uniform und starrt uns an. Seine Blicke wandern zwischen uns und einem offenen Buch auf dem Tisch hin und her. »Von euch wird keiner reden, was?«

Stille.

»Ich kriege immer die Verrückten«, murmelt er mehr zu dem Buch als zu uns. »Vergangene Woche den Vigilanten mit der Maske, und diese Woche eine Gruppe aus einem Flugzeug, das nur aus Türen und Fenstern besteht.«

Vermutlich meint er den Metallvogel. Als man uns eilig dort wegbrachte, konnte ich einen flüchtigen Blick daraufwerfen und ihn zum ersten Mal im Tageslicht sehen. Die Beschreibung des Manns ist nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Die Tür fliegt auf. »Sind Sie das?«, ruft jemand.

Ich zucke zusammen und Basil nimmt meinen Arm.

Dieser Mann trägt einen langen schwarzen Mantel, der voller Schnee ist, trotzdem ist sein Haar tadellos gekämmt und trocken. Aufgeregt wie ein Kind sieht er uns an. »Ihr seid die Leute, die vom Himmel gefallen sind?«

»Sie reden nicht«, sagt der Uniformierte. »Ich glaube nicht, dass sie auch nur ein Wort von dem verstehen, was wir sagen.«

»Wir können Sie ausgezeichnet verstehen, vielen Dank«, sagt die Prinzessin. »Aber bis jetzt hat sich uns niemand vorgestellt.« Anmutig stellt sie ihre Tasse auf den Boden, steht auf und streckt dem Mann im Mantel die Hand entgegen. Er soll ihre Knöchel küssen, aber stattdessen schüttelt er ihr die Hand, und zwar so grob, dass ihr ganzer Körper zuckt. Aber falls die Prinzessin überrascht ist, zeigt sie es nicht; sie behält die Pose, die sie für alle jungen Mädchen auf Internment zu einer Ikone machte.

»Dann entschuldige ich mich«, sagt der Mann im Mantel. »Ich bin Jack Piper, der einzige Berater von König Ingram IV.«

Im Blick der Prinzessin blitzt Entzücken auf.

»Ich bin Celeste«, sagt sie. »Die einzige Tochter von König Lican Furlow.« Sie hält inne. »Dem Ersten.«

Jack Piper lacht, und ich kann nicht sagen, ob er sie charmant oder unzurechnungsfähig findet.

»Sie müssen mir alles über Ihren Vater und sein Königreich erzählen«, sagt Jack Piper. »Aber für den Augenblick habe ich für Sie alle eine vernünftige Unterkunft besorgt.«

Die Prinzessin sieht mich an, ihre Schultern sind vor Aufregung ganz angespannt.

Sie ist völlig verrückt. Das weiß sie auch. Es ist ihr Wahnsinn, der ihr als Einziger von uns den Mut verlieh, das Wort zu ergreifen. Sie will Prinzessin bleiben, ganz egal, in welches Königreich sie auch gefallen sein mag.

•••

Man verfrachtet uns wieder in die Fahrzeuge. »Autos«, höre ich sie jemand nennen. Sie sind alle schwarz und in der Nähe der vorderen Tür sind Ersatzreifen befestigt. Sie stoßen dunkle Wolken durch Rohre aus, während der Fahrt rütteln die Sitze. Ich versuche Vergleichsmöglichkeiten mit den Zugwagen zu Hause zu finden, aber es gibt keine. Wir haben nichts dergleichen. Das ist eine andere Welt.

»Sie werden uns nichts tun«, flüstert mir die Prinzessin ins Ohr. »Das wäre nicht zivilisiert.«

»Ich weiß nicht, wie du dir da so sicher sein kannst«, sage ich.

»Das ist die übliche Diplomatie«, behauptet sie. »Ich habe dafür ein richtiges Talent, hat Papa gesagt. Er glaubt, ich könnte sogar zur Entscheidungsträgerin werden, wenn ich alt genug bin. Ich muss eine Beschäftigung finden, sobald mein Bruder der König ist.«

Entscheidungsträger ist einer der wenigen Berufe, die man sich nicht aussuchen kann. Entscheidungsträger werden erwählt und privat unterrichtet. Sie halten unsere Gesellschaft in ihren Händen, entscheiden, wer in der Schlange Jungen und wer Mädchen bekommen und wer mit wem verlobt wird. Und das ist nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben. Die Position ist so mächtig, wie es nur möglich ist. Außer natürlich das Königtum.

Die Vorstellung von Prinzessin Celeste als Entscheidungsträgerin lässt mich erschaudern. Wir lernten uns kennen, nachdem sie und ihr Bruder mich und Pen mit Betäubungspfeilen ausschalteten und im Keller des Uhrenturms einsperrten.

Aber das spielt nun alles keine Rolle mehr.

Der Wagen hält vor einem Gebäude, das in dem weißen Sturm kaum auszumachen ist. Soweit ich es sagen kann, hat es die Farbe von Sand und abgerundete Ecken. Und es ist größer als jedes Gebäude auf Internment. Wieder bringt man uns eilig von den Wagen durch die Eingangstür.

Drinnen ist alles rot und golden.

Hinter mir murmelt Alice Lex etwas ins Ohr. Er kann nichts davon sehen. Ich frage mich, ob er von den Unterschieden zwischen dem Boden und unserer Heimat überhaupt etwas mitbekommt. Mal abgesehen von der lächerlichen Kälte.

»Willkommen, willkommen in meinem bescheidenen Heim«, sagt Jack Piper. Er zieht den Mantel aus, und einer der Fahrer steht schon bereit, um ihn zu nehmen.

Pen und ich wechseln ungläubige Blicke. Sein Heim? Dieses Gebäude ist vermutlich größer als unser ganzes Apartmenthaus.

»Kinder!«, ruft Jack.

Über uns ertönen eilige Schritte, dann kommen sie oben an der Treppe zum Vorschein und versuchen, einander zur Seite zu stoßen. Als sie bemerken, dass sie Publikum haben, zupfen sie an der Kleidung herum, glätten das Haar und marschieren hintereinander die Treppe hinunter.

Sie nehmen vor uns der Größe nach Aufstellung; sie haben alle Jack Pipers hellbraunes Haar. Die Kleinste hat noch zwei Zöpfe, der Größte ist schlank und hoch aufgeschossen, mit runden Gläsern vor den Augen. Anscheinend dienen sie zur Vergrößerung, aber ich verstehe nicht, warum er sie im Gesicht trägt.

»Das ist mein Sohn«, sagt Jack Piper und deutet auf den Jungen mit den Gläsern. »Jack junior, aber wir nennen ihn alle Nimble. Der Flinke, so wie in dem Kinderlied. Aber das kennen Sie vermutlich nicht. Und das ist Gertrude.« Die Zweitgrößte senkt schüchtern den Blick. »Das ist Riles.« Der Drittgrößte, ein Junge, grinst uns frech an. »Und Marjorie. Und das ist Annette.«

Das Kleinste der Mädchen macht mit der Anmut einer Tänzerin in einer Spieldose einen Knicks. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.«

»Kommen Sie wirklich von der schwebenden Insel?«, fragt der Junge.

»Riles, wo bleiben deine Manieren!«, wird er sofort von einem der anderen Kinder gerügt.

Der Junge mit den Gläsern betrachtet uns nüchtern. »Willkommen«, sagt er, »in der Hauptstadt von Havalais.«

Ich verstehe diesen Namen nicht, den er gerade gesagt hat. Hawawas? Theatralisch deutet er auf die Buchstaben, die hinter ihm in der Wand eingraviert sind:

HAVALAIS: HEIMAT DER SCHWEBENDEN INSEL

»Fünf!«, flüstert Pen, nachdem sie hinter uns die Tür geschlossen hat. »Ich habe fünf Kinder gezählt. Die sind ja vielleicht dreist!«

»Pst«, mache ich. »Jemand könnte dich hören.«

»Ach was, wer soll uns schon hören? Dieses Gebäude hat mehr Räume als Internment Einwohner.«

»Er arbeitet für den König«, sagt Celeste. »Er könnte ein Spion sein. Auch wenn wir nichts zu verbergen haben.«

Pen kneift die Augen zusammen. »Mit dir hat niemand geredet, Eure verfluchte Hoheit.«

»Ich will euch nur helfen«, erwidert Celeste. Sie setzt sich aufs Bett und glättet den Rock. »Schließlich bin ich von uns die Einzige, die sich mit Öffentlichkeitsarbeit auskennt.«

»Was für Öffentlichkeitsarbeit denn?«, ruft Pen. »Du und dein Bruder habt den Uhrenturm doch nur verlassen, um zum Vergnügen mit Pfeilen auf Leute und Tiere zu schießen.« Sie sieht mich an. »Ich teile mit ihr nicht das Zimmer. Solange sich keine abschließbare Tür zwischen uns befindet, bekomme ich kein Auge zu.«

Man hat uns dreien ein Zimmer zugeteilt, das ungefähr so groß ist wie das Apartment, in dem ich mit meinen Eltern gelebt habe. Jack Piper hat uns mitgeteilt, dass wir in den Schränken etwas zum Anziehen finden. »Und am Ende des Korridors könnt ihr euch frisch machen.« Eines der Kinder hatte damit geprahlt, dass sie sowohl oben wie auch unten heißes Wasser zur Verfügung hätten; das wäre ziemlich revolutionär.

Keiner von uns hat infrage gestellt, wie man uns einteilte und dann in die Schlafzimmer schickte. Wir lassen das alles mit der nötigen Vorsicht auf uns zukommen.

»Pen, komm her. Versuch dich zu beruhigen.« Ich setze mich auf das Bett daneben und klopfe auf die Decke.

Sie kaut auf den Knöcheln herum und geht weiter auf und ab.

»Also gut«, sagt Celeste. »Ich weiß, dass wir nicht den besten Anfang hatten …«

»Du hast uns entführt und meinen Verlobten mit dem Messer bedroht«, sagt Pen.

»Ja, und du hast versucht, meinen Bruder zu ermorden. Wir dürften also quitt sein. Und auch wenn du das nicht glauben wirst, weiß ich das eine oder andere über Menschen. Das hier ist die Heimat der schwebenden Insel, so steht es unten auf dem Schild. Also wissen sie ganz genau, wo wir herkommen. Sie sind interessiert, vielleicht sogar fasziniert. Sie wissen nichts darüber, wie unsere Stadt regiert wird, und jetzt haben sie zum ersten Mal Gelegenheit, darüber etwas zu erfahren. Vielleicht können ihr König und mein Vater ja ein Bündnis eingehen.«

»Wach endlich auf, ja?« Pen wendet sich uns zu. Hinter ihr tanzen die weißen Flocken gegen den Fensterrahmen. »Ihr König und dein Vater können gar nichts tun. Das war eine einmalige Reise. Wir können nicht mehr nach Hause. Nie wieder.«

»Unsinn«, erwidert Celeste. »Warum solltet ihr Internment verlassen, wenn ihr keine Möglichkeit zur Rückkehr habt?«

Pen sieht weg. Ihr Gesicht ist rot angelaufen. Ihre Augen schimmern feucht.

»Wir hatten keine andere Wahl«, sage ich leise. »Wir waren Flüchtlinge.« Ich starre zu Boden; er scheint aus irgendeinem Material zu bestehen, das man zu einem riesigen Oval geschnitten hat. Es ist so üppig, dass ich noch die Abdrücke unserer Schritte sehen kann. Hier ist selbst der Bodenbelag anders. Ich fürchte mich vor dem, was uns erwarten wird, wenn die Sonne diesen Schneebelag schmilzt. »Pen hat die Wahrheit gesagt. Wir können niemals wieder zurück.«

»Ihr vielleicht nicht«, meint Celeste. »Aber ich muss zurückkehren. Selbstverständlich werde ich das.«

Pen lacht grausam.

Celeste hebt den Kopf.

»Wir sollten uns umziehen«, meine ich. Das ist das Einzige, das mir einfällt, wenn es um die unmittelbare Zukunft geht. Wir werden neue Kleidung finden. Wir werden lernen, wie man sich anpasst. Ganz egal, wie unmöglich das auch erscheint.

Ein Teil des Raums wird von einer hölzernen Trennwand abgeteilt. Dahinter schlüpfen Pen und ich in die Kleider, die wir uns aus dem Schrank ausgesucht haben. Auf den Bügeln hängen die kostbarsten Kleider, die ich je gesehen habe – nichts als Blumenmuster, Spitze und Stoffschichten. Pen hilft mir mit den Knöpfen an meinen Handgelenken und richtet die Spitze an meinen Schlüsselbeinen. Während wir einander gegenüberstehen, verzieht sich ihr Mund. Mit zitternder Hand bedeckt sie die Augen. »Ach, Morgan«, flüstert sie.

Ich lege ihr den Arm um die Schultern. »Ich weiß.« Jetzt sind wir so gut wie verwaist. Meine Eltern sind im Großen Zufluss, aber sie wird ihre niemals wiedersehen, ob sie nun noch leben oder nicht.

»Wir dürfen nicht weinen«, sagt sie entschlossen.

»Nein. Stärke zeigen, weißt du noch?«

Sie nickt, zieht sich zurück und streicht mein Haar von den Schultern.

Ich kneife sie in die Wange und sie lächelt.

Jenseits der Trennwand räuspert sich Celeste. »Was glaubt ihr, was sind das für Frauen, die solche Kleider tragen?«

Pen knurrt.

»Und wie nennen sie wohl dieses Material?«, fährt Celeste fort.

»Vielleicht gehören sie ja Mrs Piper«, sage ich.

»Er hat nichts von einer Frau erwähnt, oder?«, fragt Celeste.

Ich trete hinter der Trennwand hervor und Pen folgt mir. »Vielleicht gibt es hier ja keine Ehefrauen«, meint sie. »Vielleicht kommen die Frauen nur vorbei, um Eier zu legen und dann wieder zu verschwinden.«

Ich kann mir nicht helfen und muss lachen. »Pass auf, was du sagst«, meint Celeste, aber sie lacht auch.

»Das ist mein Ernst.« Pen mustert kritisch ihr Spiegelbild in dem ovalen Spiegel, dessen Rahmen mit getrockneten Blumen verziert ist. »Was für eine Frau könnte fünf Kinder zur Welt bringen? Könnt ihr euch das vorstellen? Das ist doch unmenschlich.«

»Danach zu fragen, wäre ungehörig«, finde ich. »Wir müssen nach einem Ring Ausschau halten.«

»Er trug einen Ring«, sagt Celeste. »Er war aus Metall. In der gleichen goldenen Farbe wie die Vorhänge unten. Gold ist eine seltsame Wahl für einen Ehering, oder?«

»Danach können wir nicht fragen«, wiederhole ich entschieden. »Falls wir unsere Gastgeber beleidigen, könnte man uns rauswerfen in den Schnee. Und dann?«

Pen geht um mich herum und streicht dabei mit dem Finger durch mein Haar. Es hebt sich und fällt – so glatt, wie es ist, nimmt es sofort wieder seine Form an. »Und wenn er seine Frau getötet hat? Und wir die nächsten sind?«

»Bist du immer so finster drauf?«, fragt Celeste.

Ein Klopfen an der Tür lässt uns verstummen. Ich hake mich bei Pen ein.

»Entschuldigen Sie.« Es ist eines der Kinder. Ein Mädchen. »Unten wird das Abendessen serviert.«

Der Gedanke an etwas zu essen bereitet mir Übelkeit. Einen Augenblick lang habe ich fast das Ausmaß dieser Prüfung vergessen, aber die seltsame Affektiertheit in der Stimme des Kinds bringt sie wieder in Erinnerung.

»Vielen Dank«, sagt Celeste liebenswürdig.

»Sollten wir überhaupt etwas davon zu uns nehmen?«, flüstert Pen mir ins Ohr. »Und wenn es vergiftet ist?«

Ich bin nicht scharf darauf, die Erfahrung mit dem vergifteten Süßgold noch einmal durchzumachen. »Wir sollten zumindest so tun.«

»Lassen wir doch Ihre Hoheit essen, dann sehen wir, ob sie überlebt.«

Celeste, die ihr zur Krone geflochtenes Haar richtet, hält inne und wirft uns im Spiegel einen finsteren Blick zu.

•••

Jack Piper ist ein Mann, der nach Ordnung strebt; so viel ist sicher. Seine Kinder tun alles der Größe nach geordnet, und das schließt auch das Platznehmen an dem größten Esstisch ein, den ich je gesehen habe. Er nickt ihnen zu, und sie schlagen die gefalteten Servietten auf und legen sie sich auf den Schoß.

»Ich muss Sie zu den goldenen Vorhängen beglückwünschen«, sagt Celeste. »Zu Hause haben wir nicht so viel goldenen Stoff.«

Zu Hause. Was für eine Vorstellung.

Riles’ schnaubendes Lachen zeigt deutlich, dass er uns für die seltsamsten Geschöpfe auf der Welt hält. »Sie haben keine goldenen Stoffe?«

»Was haben Sie denn noch alles nicht?«, will eines der jüngeren Mädchen wissen.

»Seid nicht unhöflich«, befiehlt Nimble ihnen.

»Ja, hier unten ist Gold sehr populär«, sagt Jack. »Es ist ein Edelmetall.«

Mir wäre nie der Gedanke gekommen, ein Metall könnte wertvoller als das andere sein. Irgendwie sind sie alle praktisch.

»Gibt es bei Ihnen Schinken?«, fragt Annette, die Kleinste. Sie meint es nicht spöttisch; sie will es wirklich wissen. »Denn den gibt es heute.«

»Ich glaube nicht«, sagt Celeste. Sie scheint kein Problem damit zu haben, für uns alle zu sprechen. »Was ist das?«

»Das kommt vom Schwein«, sagt Annette. Mit dem Finger drückt sie die Nase nach oben und grunzt.

»Die gibt es bei uns nicht«, sagt Pen, bevor die Prinzessin wieder antworten kann. »Und wir essen Tiere auch nicht sehr oft. Nur bei besonderen Gelegenheiten.«

Annette sieht sie an, als hätte sie so etwas noch nie gehört.

»Das sind genug Fragen«, sagt Jack. »Unsere Gäste sind einen langen Weg gekommen und sie haben sich einen entspannten Abend verdient. Wir haben noch genug Zeit, uns näher kennenzulernen.«

Lex und Alice fehlen am Tisch, genau wie Judas und Amy. Ich werfe einen Blick durch die Tür und sehe nur noch viel mehr Türen und eine Treppe, die zu weiteren führt.

Im Kamin prasselt ein Feuer. Ich kann seine Wärme aus dem benachbarten Zimmer strömen fühlen. Sicherlich eine effektive Methode, um warm zu werden, aber in den letzten zehn Jahren sind auf Internment die meisten Gebäude mit Elektroheizungen ausgestattet worden. Das haben wir der Sonnenenergie zu verdanken, die in den Glasländern eingefangen wird. Ich hätte den Boden für fortschrittlicher gehalten, haben wir uns mithilfe unserer Fernrohre doch so viele Ideen entliehen. Aber wir scheinen gleichauf zu sein, vielleicht sogar etwas weiter.

Eine Sache, von der der Boden mehr als genug hat, ist freier Raum. Ein Haus, das praktisch die Größe einer ganzen Sektion von Internment hat, und so viele Kinder, wie eine Familie nur haben will. Dutzende Fenster und Vorhänge und Schränke, die vor Kleidung beinahe bersten, ganz egal, ob sie überhaupt jemand trägt oder nicht.

Eine junge Frau in einem schwarzen Kleid, das mit Metallknöpfen übersät ist, bringt das Essen. Sie stellt jedes Tablett präzise auf die Decke, dann deckt sie die heißen Gerichte ab. Es gibt genug, um doppelt so viele Leute satt zu machen, wie am Tisch sitzen.

Die kleinste Piper bietet sich an, ein Dankgebet zu sprechen. Also neigen wir alle die Köpfe, während sie einen Reim aufsagt, der mit »Wir danken dir, Gott« anfängt und dann alles auf dem Tisch auflistet. Sie fügt großzügig »Bitte« und »gesegnet sei« hinzu. Am Ende sagt sie noch: »Und bitte segne auch Mutter. Und sag ihr, sie soll bitte ein Telegramm schicken.«

»Wir bitten nicht um solche Dinge«, rügt Riles sie.

»Das sagst du.«

»Mir hat das Gebet gefallen«, sagt Nimble. Er blinzelt seiner kleinen Schwester zu und sie grinst.

Jeder greift nach dem Besteck und bedient sich. Pen, Basil, Thomas und ich nehmen eine bescheidene Portion von allem, aber wir sind nicht mutig – oder vielleicht auch dumm – genug, um auch davon essen zu wollen.

»Ihr Akzent ist wunderbar«, sagt Gertrude. Sie zwingt die Worte hervor, als hätte sie erst genug Mut dafür sammeln müssen. Sie ist die Zweitälteste und hat rosige Wangen. Das Haar fällt lockig über ihre Schultern und bedeckt ein Auge.

»Akzent?«, wiederhole ich.

»Ja. Sagt Ihnen das Wort nichts? Es ist die Art, auf die Sie sprechen. Alles ist so betont. Sie klingen alle wissbegierig. Ich finde das hübsch.«

»Vielen Dank«, sagt Celeste strahlend. »Wo wir herkommen, spricht jeder auf diese Weise. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass es auch anders geht.«

»Man kann auf viele Weisen sprechen«, meint Nimble. »Auch wenn König Ingram es vorzieht, mit der einen Nation, die die gleiche Sprache wie wir spricht, Krieg zu führen.« Er sieht Celeste an. »Sie kommen aus einer Politikerfamilie. Erscheint Ihnen das klug?«

»Das reicht.« Jack Piper tupft sich mit der Stoffserviette den Mund ab. »Deine Darstellung unseres Königs ist in unserem Haus nicht willkommen, Nimble. Wir haben darüber gesprochen.«

Nimble verdreht die Augen hinter den Gläsern. Die anderen Kinder kichern lautlos über ihre Teller gebeugt.

»Befinden Sie sich im Krieg?«, will Celeste wissen.

»Der Esstisch ist nicht der richtige Ort für eine politische Diskussion«, erwidert Jack Piper. »Vielleicht morgen, wenn Sie alle Gelegenheit hatten, sich auszuruhen.« Er beugt sich zurück, um unter den Tisch blicken zu können. »Und da wir gerade von Dingen sprechen, die nicht angebracht sind, was habe ich dir darüber gesagt, die Strümpfe nach unten zu rollen, Gertrude?«

Sie errötet. »Ja, natürlich«, sagt sie. »Es tut mir leid, Vater.«

Während der Mahlzeit erklärt uns Jack, dass dieses Gebäude in den warmen Jahreszeiten als etwas dient, das man als Hotel bezeichnet. Aber jetzt ist Winter, darum ist es geschlossen. In der Nähe gibt es etwas, das Themenpark heißt, und in einer Jahreszeit, die er als Sommer bezeichnet, reisen Leute aus der ganzen Nation an, um einen Blick auf die schwebende Insel erhaschen zu können. Hier unten am Boden gibt es ebenfalls Fernrohre, allerdings hindert Internments Position und Höhe sie daran, außer der Unterseite der Stadt viel sehen zu können.

»Der Gedanke, dass Sie so viel Interesse an unserer bescheidenen Stadt haben, ist schmeichelhaft«, sagt Celeste. »Ich – wir alle würden diesen Park gern einmal sehen.«

»Nun, dann muss ich – wir – ihn Ihnen zeigen«, sagt Nimble. Wie er sie bei diesen Worten ansieht, lässt sie doch tatsächlich erröten.

Nach dem Essen stehlen Basil und ich uns einen Augenblick in dem Korridor vor meinem Schlafzimmer. Wir befinden uns in etwas, das man Ostflügel nennt. Sein Zimmer befindet sich in etwas, das Westflügel heißt. So viele Wörter für ein Gebäude.

Unsere Blicke treffen sich. Gleichzeitig platzen wir heraus: »Geht es dir gut?«

Er stützt die Hand neben meinem Kopf an die Wand, und ich fühle mich in seinem Schatten und seinem Duft, der an Sonnenlicht und Zuhause erinnert, so sicher. So rundum sicher.

»Ja«, sage ich. »Mir geht es gut. Und dir?«

»Ist das die Wahrheit?«

»Können wir es nicht einfach dabei belassen, dass es so ist? Was sollen wir sonst tun?«

»Morgan …«

Ich lege ihm die Finger auf die Lippen. »Nicht. Bitte. Im Augenblick ertrage ich kein Mitleid.«

»In Ordnung.«

Mit dem Kopf deute ich auf die geschlossene Tür neben uns. »Pen und ich müssen uns mit der Prinzessin ein Zimmer teilen. Pen glaubt, sie wird uns im Schlaf umbringen.«

»Ich sollte bei dir schlafen«, sagt er.

»Wir können nicht ändern, wo sie uns untergebracht haben, das weißt du. Es könnte sie beleidigen. Es war schon sehr freundlich von ihnen, uns überhaupt aufzunehmen.«

»Du hast recht. Und früher oder später werden sie sich diese Freundlichkeit teuer bezahlen lassen.«

»Was werden sie von uns verlangen, was meinst du?«, frage ich.

»Falls es der Weg hinauf nach Internment ist, werden sie bald enttäuscht sein, oder?« Er bemüht sich zu lächeln. »Ich sehe dich morgen früh, falls die Prinzessin dich und Pen nicht umbringt und Judas mich nicht tötet.«

»Wir müssen überleben, und wenn auch nur, um zu sehen, welches arme Tier die Pipers fürs Frühstück braten.« Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. »Gute Nacht.«

Als ich nach dem Türknauf greife, schnappt er sich mein Handgelenk. »Wir sollten auch die Gelegenheit nutzen, um uns mit diesem Königreich vertraut zu machen. Falls wir fliehen müssen.«

»Fliehen.« Ich versuche nicht zu lachen, dabei ist es so absurd. »Basil, wo sollten wir schon hin?«

Aber er scheint besorgt zu sein. »Findest du es nicht seltsam, dass sie einen Themenpark gebaut haben, nur um die ›magische schwebende Stadt‹ betrachten zu können, aber als unsere Gruppe zu Boden fällt, will der König uns geheim halten?«

»Das ist seltsam«, gebe ich zu. »Aber an dieser Welt ist bis jetzt alles seltsam.«

»Was sollte ihn daran hindern, uns alle zu töten, falls er das will? Niemand würde es erfahren.«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Ein Frösteln überkommt mich. »Oh, Basil, glaubst du wirklich, das könnte passieren?«

»Ich wollte dir keine Angst machen. Aber wir sollten das im Hinterkopf behalten.«

Ich nicke. »Wir werden uns mit der Stadt vertraut machen. Pen könnte ja einen Stadtplan zeichnen.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Das wird sich alles klären, Basil.«

Wieder schenkt er mir das gleiche nachdenkliche Lächeln. »Gute Nacht.«

Nachdem ich mich gewaschen und eines der vielen Nachthemden aus dem Schrank angezogen habe, mache ich mich auf die Suche nach Alice und Lex. Sie sind mit Sicherheit zusammen. Als ich die Tür am Ende des Korridors erreiche und klopfe, antwortet niemand. Aber unten schimmert Licht durch. »Hallo?« Ich drehe den Türknauf. »Alice?«

»Sei leise«, sagt Judas. »Schließ die Tür hinter dir.«

Er kniet neben Amy auf dem Boden. Ihre Haut ist gerötet, ihr Haar verschwitzt. Den toten Blick in ihren Augen erkenne ich.

»Ich wollte vor dem Abendessen nach ihr sehen und fand sie mitten in einem Anfall«, sagt er. »Er war schlimm.«

»Sie liegt seit dem Essen auf dem Boden?« Ich berühre ihre Stirn, und sie zuckt zusammen und stöhnt, dabei ist sie eigentlich nicht bei Bewusstsein.

»Ich habe Angst, sie zu bewegen«, sagt er. »Daphne hat immer gesagt, man soll sie nicht bewegen, solange sie noch die Augen geöffnet hat. Man soll warten, bis es den Anschein hat, dass sie schläft.«

Daphne wollte Medizinerin werden, bevor man sie ermordete, und sie wusste bestimmt, wie man die Anfälle ihrer Schwester behandeln muss. Trotzdem erscheint es nicht richtig, ein krankes Kind so am Boden liegen zu lassen.

»Ich hole Lex«, sage ich.

»Nein.« Er greift nach meinem Arm und zieht mich wieder nach unten. »Sie braucht absolute Ruhe. Sie mag es nicht, wenn man sie in diesem Zustand sieht. Dann fühlt sie sich nur schwach.«

»Sie ist krank, Judas. Sieh sie dir doch an. Sie braucht einen Arzt und mehr als Lex haben wir nicht.«

Er betrachtet Amy. Ihre Lippen zucken, als würde sie mit einem ihrer Geister sprechen.

»Sie braucht einen Arzt«, wiederhole ich.

»Du verstehst nicht«, sagt er. »Du verstehst es einfach nicht. Wenn du helfen willst, hole einen feuchten Lappen aus dem Wasserraum, damit wir versuchen können, ihr Fieber zu brechen.«

Ich tue ihm den Gefallen und tauche das grüne Handtuch im Wasserraum ins Wasser.

»Ihre Eltern haben gehofft, dass sie dem irgendwann entwächst.« Er tupft ihre Wangen ab, dann den Nacken. »Aber es wurde nur schlimmer, als sie älter wurde. Und die Pillen und die Sitzungen bei den Spezialisten haben mehr geschadet als genutzt.« Er sieht mich an. »Willst du etwas Verrücktes hören?«

»Was denn?«

»Sie hat mich dazu gebracht, an ihre Erscheinungen zu glauben. Sie schwört, dass sie zu ihr sprechen.«

»Das halte ich nicht für verrückt. Unser Geschichtsbuch hält nichts vom Unerklärlichen, aber das bedeutet nicht, dass es das nicht gibt.«

Ihre Augen sind nun geschlossen. Sie hat sich den Träumen ergeben, die ihren aufgewühlten Verstand heimsuchen. Hoffentlich ist dieser Schnee bald verschwunden. Ich hoffe auf einen strahlenden Morgen voller Sonne. Bestimmt wird es ihr helfen, wenn sie sieht, dass das Sonnenlicht überall gleich ist, ob nun auf Internment oder dem Boden. Das muss es einfach.

•••

Als ich den Wasserraum verlasse, kommt mir Pen entgegen. »Da bist du ja«, sagt sie. »Du hast mich mit Prinzessin Eingebildet allein gelassen. Es ist ein Wunder, dass ich sie nicht umgebracht habe.« Sie beugt sich näher an mich heran. »Was ist? Du siehst besorgt aus.«

Ich ziehe sie in den Wasserraum und schließe die Tür. Dann erzähle ich ihr von Basils Theorie, Jack Piper und der König könnten uns verstecken wollen, für den Fall, dass man uns umbringen will.

Pen scheint das kaum zu überraschen. »Ja, daran habe ich auch schon gedacht.« Sie steht am Waschbecken und schrubbt sich das Gesicht mit einem Waschlappen. »Soweit wir wissen können, bringen diese Leute Fremde schon seit Urzeiten einfach um. Oder sich selbst. Oder einfach jeden. Es ist schon sehr seltsam, sich in einer Welt zu befinden, über deren Vergangenheit man nichts weiß.«

»Also was sollen wir tun?«

»Wie du schon gesagt hast, wir sollten uns so gut mit diesem Königreich vertraut machen, wie wir können.«

»Glaubst du, du bekommst eine Karte hin?«

»Falls sie eine Bibliothek haben, gibt es dort bereits eine Karte des Königreichs. Ich könnte sie kopieren und meine eigenen Beobachtungen hinzufügen.«

»Jack Pipers älteste Tochter scheint ungefähr in unserem Alter zu sein«, sage ich. »Vielleicht können wir uns ja mit ihr anfreunden und auf diese Weise etwas über die Familie erfahren.«

Pen zuckt mit den Schultern. »Könnten wir. Allerdings bezweifle ich, dass sie über die Absichten ihres Vaters Bescheid weiß. Er scheint sich hauptsächlich über seine Kinder zu ärgern. Aber vielleicht könnte sie uns ein paar Dinge beibringen.«

Sie setzt sich neben mich auf den Badewannenrand. »Ich glaube, wir wären gut beraten, von ihr zu lernen, aber wir sollten ihr nicht vertrauen. In dieser Welt sollten wir niemandem vertrauen.«

Am nächsten Morgen scheint die Sonne, aber es ist nicht das Gleiche.

Pen steht vor den Vorhängen und teilt sie mit den Händen. Jenseits des Fensters schimmert es nur weiß.

Celeste schläft noch und dreht sich von der Helligkeit fort, murmelt protestierend.

Pen bedeutet mir mit einer Kopfbewegung, zum Fenster zu kommen. »Komm her und sieh es dir an«, flüstert sie. »Als würden wir uns in einer unvollendeten Zeichnung befinden.«

Selbst das Wasser am Horizont ist grau und weiß. Es funkelt, wo es in der Ferne verschwindet. Diese Stadt wird nicht von einem Zug eingerahmt. Es gibt keine Grenze. Sie könnte unendlich weitergehen, bis zu einem Horizont, bei dem man zehn Lebensspannen brauchen würde, um ihn zu erreichen.

Ein Luftzug dringt durch den Fensterrahmen; ich bekomme eine Gänsehaut.

»Ich kann diesen Anblick kaum ertragen«, sagt Pen aufgeregt.

»Er ist wunderschön.« Pen sieht mich an und ich grinse. Sie weiß, was ich denke. »Das können wir nicht machen, das ist dir doch klar. Wir würden erfrieren.«

Mit beschwingten Schritten läuft sie zum Schrank, wirft mir einen schweren Mantel zu und nimmt sich selbst einen. »Was nutzt uns dieser Unsinn mit der Tapferkeit, den wir uns immer erzählen, wenn wir uns nicht wenigstens ein bisschen verrückt verhalten?«

»Wovon redet ihr da?«, murmelt Celeste unter der Decke.

»Nichts«, erwidert Pen. »Ich habe mich auf dem Weg zum Wasserraum verirrt. Frauenprobleme.«

»Vielen Dank für diese charmante Information«, sagt Celeste.

Wir stehen reglos da, bis wir sicher sind, dass die Prinzessin wieder eingeschlafen ist, dann öffnet Pen die Tür. Als sie quietscht, zuckt sie zusammen.

Es ist noch früh und im Hotel herrscht Stille. Der weiche Boden hilft dabei, unsere Schritte zu verbergen. Trotzdem bewegen wir uns ganz langsam. »Sieh dir nur diese Farbmalereien an«, sagt Pen. »Die Rahmen sind größer als wir.«

Ich zerre an den Mantelaufschlägen und habe Mühe, mich an das Gewicht auf meinen Schultern zu gewöhnen. »Glaubst du, das sind Porträts von existierenden Personen?«

»Sieh dir diese Farben an.« Pens Fingerspitzen schweben über dem Porträt einer Frau, deren Schultern von einem Pelz verdeckt werden, aber sie traut sich nicht, die Leinwand zu berühren. »Sie sind so reichhaltig. Hätte ich solche Farben, würde ich auch mit einer so großen Leinwand arbeiten wollen.«

Mein nächster Schritt lässt eine Bodendiele ächzen, was uns beide zusammenzucken lässt. Den Rest des Wegs zur Tür laufen wir.

Über Nacht hat sich der Schnee bis auf Kniehöhe angesammelt, aber die Kälte ist überraschend erträglich. Pen breitet die Arme aus und lässt sich vorneweg in das weiße Pulver fallen. Als sie wieder daraus hervorkommt, ist ihr Gesicht ganz rot, und Schneeklumpen verwandeln sich auf ihrer Haut in Wasser.

»Nicht so weich, wie du dir vielleicht erhofft hast«, sagt sie und zieht an meinem Arm. Mit einem Aufschrei stürze ich neben sie.

»Es gibt so viel davon«, sage ich. »Wenn das schmilzt, muss die ganze Welt darunter doch matschig sein.«

»Unsere kleinen Wolken haben uns das alles vorenthalten«, meint Pen. »Wer hätte das je gedacht?«

Zum Spaß jagen wir einander, behindert von dem Gewicht an unseren Füßen. Wir bespritzen uns, als wäre es das Wasser eines verzauberten, funkelnden Sees.

Pen geht auf die Knie und versucht mit dem Finger eine schwebende Stadt zu zeichnen, aber Schnee erweist sich als schlechte Leinwand.

Ich blicke in den Himmel und sehe nur noch mehr Weiß. In meinem ganzen Leben hatte der Himmel keine andere Farbe als Blau.

»Pen!«, stoße ich hervor.

»Was? Was ist?« Sie braucht einen Augenblick, bis sie entdeckt, worauf ich zeige, und dann ist sie ganz stumm. Beide starren wir das Ding an und drehen die Köpfe, um es nicht aus den Augen zu verlieren, während es aufsteigt und außer Sicht flattert.

»War das …«

»Ein Vogel.« Das Herz ist mir in den Hals gerutscht.

»Das war das Perfekteste, was ich jemals gesehen habe«, sagt Pen.

»Glaubst du, er wird jemals landen?«

»Nicht, wenn er auch nur einen Funken Verstand hat.«

Ein Geräusch in der Ferne zerstört den Augenblick. An der Gebäudeseite versucht ein Mädchen, einen Baum hochzuklettern. Wir gehen auf sie zu, bis ich das wogende Haar und die geraden Säume ihrer braunen Handschuhe genau erkennen kann.

»Gertrude?«, sage ich.

Sie springt zu Boden und schlägt die Hand vor die Brust. »Meine Güte, Sie haben mich fast zu Tode erschreckt.« Verlegen lächelt sie. »Sie können mich Birdie nennen. Das tut jeder.«

»Sag doch du zu uns«, meint Pen. »Wolltest du in unser Schlafzimmer einbrechen?«

Gertrude schaut nach oben. »Ist das euer Zimmer? Es tut mir leid, aber vor diesem Raum steht der stabilste Baum. Würde es euch stören, wenn ich ihn gelegentlich als Durchgang benutze? Ich bin eine Art Nachteule.«

»Also, uns wäre das egal«, erwidert Pen. »Aber wer weiß schon, was Ihre Stinkende Königliche Hoheit denkt? An deiner Stelle würde ich mich nicht von ihr erwischen lassen.«

Gertrude späht wieder zum Fenster, diesmal aber nachdenklich. Ihr Atem produziert kleine Wölkchen. Sie trägt einen Mantel, der zu dünn für diese Kälte erscheint, allerdings hat sie genug Perlen um den Hals, damit sie als Schal dienen könnten.

»Eure Prinzessin ist eine Spaßbremse, was?«

»So könnte man es auch ausdrücken«, sage ich.

»Sobald sie eine Schwachstelle entdeckt, stürzt sie sich gnadenlos darauf«, sagt Pen. »Hey, ich weiß, das ist eine blöde Idee, aber warum nimmst du nicht die Tür?«

»Vater schließt sie ab.«

»Jetzt ist sie nicht mehr verschlossen«, sage ich. »Wir haben sie gerade geöffnet.«

»Wenn du uns Bescheid gibst, sorgen wir dafür, dass sie nicht verschlossen ist, wenn du dich rausschleichen willst«, bietet Pen an. »Dann brauchst du nicht durchs Haus schleichen oder durch unser Fenster klettern und alle erschrecken.«

»Das würdet ihr tun?«, fragt Gertrude.

»Zu Hause habe ich mich dauernd rausgeschlichen«, sagt Pen. »Da gab es diese kleine Höhle im Wald. Erinnerst du dich daran, Morgan?«

Wie könnte ich mich nicht daran erinnern? Das ist doch erst eine Woche und ein ganzes Leben her. Ich kann nur nicken. Plötzlich habe ich das Gefühl, in Tränen ausbrechen zu müssen, falls ich auch nur ein Wort sage.

Gertrude lächelt. Es ist ein ehrliches, mädchenhaftes Lächeln, das nicht von ihrem dicken Eyeliner und den blutroten Lippen beeinflusst wird. »Danke«, sagt sie. »Ich sollte mich waschen, bevor Vater uns fürs Frühstück weckt. Ich muss ja wie ein Straßenmädchen aussehen.«

Sie ist ein schüchternes Mädchen in der Kleidung einer Rebellin. Der Boden ist ihr Zuhause, aber er ist groß, und ich glaube, dass sie wie Pen und ich sein muss – sie versucht, diese seltsame Welt zu entschlüsseln, die sich ihr Stück für Stück enthüllt.

Pen hat vermutlich recht. Gertrude Piper – Birdie – wird kaum etwas über die politischen Geschäfte ihres Vaters wissen, trotzdem würde ich sie gern näher kennenlernen.

Nachdem sie im Haus verschwunden ist, sieht Pen mich an. »Was bitte schön ist eine Nachteule?«

Ich zucke mit den Schultern.

Als man uns zum Frühstück ruft, ist Birdie so frisch gewaschen und strahlend wie ihre Brüder und Schwestern. Keine Spur von Kosmetik auf dem Gesicht. Ich bin mir nicht sicher, wie sie das nach einer schlaflosen Nacht schafft, aber niemand hegt einen Verdacht. Allerdings entgeht mir nicht, dass Nimble ihr den Ellbogen in die Seite stößt, als sie ihren Platz neben ihm einnimmt.

Vor uns werden Teller abgestellt. Dort liegt etwas Gelbes und Flockiges, daneben befinden sich kleine graubraune Küchlein. »Eier!«, verkündet Annette glücklich.

Pen kann ihre Skepsis nicht verbergen. »Die Eier von was?« Wir haben noch nie davon gehört, dass man etwas in Eiform essen kann.

»Von Hühnern«, sagt Annette.

»Hühner sind Vögel«, erklärt Nimble und wartet auf unsere Reaktion.

Ich schiebe die Hände unter den Tisch. Ich hatte bereits vorher Schwierigkeiten, mich zum Essen zu zwingen, aber jetzt besteht nicht mehr die geringste Hoffnung, dass diese Mahlzeit meine Lippen berührt.

»Wir essen nicht oft Grünzeug«, fügt er hinzu.

»Spar dir das, Nim«, flüstert Birdie. Sie räuspert sich. »Wo ist Vater?«

»Anderswo beschäftigt«, sagt Nimble. »Er versucht mit ein paar anderen Königsmännern den verrückten Alten zu überreden, dieses klapprige Flugzeug zu verlassen.«

»Ihr solltet mit diesem kleinen Mädchen sprechen – wie heißt sie noch mal?«, sagt Celeste. »Seine Enkelin.«

»Amy«, sagt Judas. »Und sie ist noch nicht wach. Die Reise hat sie erschöpft.«

»Wie erschöpft kann sie schon sein?«, will Celeste wissen. »Davon haben wir uns doch schon alle erholt. Mit Ausnahme deines Bruders, Morgan.«

Bei Lex’ Erwähnung balle ich die Fäuste. Sie spricht so herablassend von Leuten, die sie gar nicht kennt. Sie versteht nicht, wie das für Amy und Lex ist. Sie hat keine Ahnung von Blindheit oder auslaugenden Anfällen. Oder was es bedeutet, keine Adlige zu sein.

»Geht es Amy gut?«, flüstert Basil neben mir.

Ich blicke auf den Teller mit dem seltsamen Essen und schüttle den Kopf. Ich weiß es nicht. »Ich sehe nach ihr«, sage ich.

»Man muss zuerst fragen, ob man aufstehen darf«, sagt Annette.

»Darf ich aufstehen?«

»Ja.«

Als ich die Tür von Amys Zimmer öffne, steht sie am Fenster. Der Schlaf hat ihr Haar zerzaust.

»Hier sind wir also«, sagt sie.

»Hier sind wir. Ich bin heute Morgen nach draußen gegangen. Mir war gar nicht klar, wie kalt es wirklich ist, bis ich reinkam und meine Finger wieder Gefühl hatten.«

»Das klingt wundervoll«, sagt sie. Aber ihre Stimme ist gedämpft, und als sie sich mir zuwendet, ist ihr Blick umwölkt.

»Möchtest du was essen?«, frage ich. »Die Gerichte sind seltsam, aber die Prinzessin scheint sie zu mögen. Pen hat sie gewissermaßen als Vorkosterin benutzt.«

Amy schüttelt den Kopf. »Mein Magen erholt sich noch von der Reise. Aber ich werde unruhig.«

»Möchtest du vielleicht an die frische Luft? Sie könnten unsere Hilfe dabei brauchen, den Professor zu überreden, den Vogel zu verlassen.«

Bei der Vorstellung hellt sich ihre Miene auf.

»Und wo wir gerade von Vögeln sprechen, ich habe heute einen echten Vogel gesehen. Er flog direkt am Himmel und verschwand.«

»Hast du nicht«, stößt sie hervor.

»Davon muss es noch mehr geben. Vielleicht sehen wir ja einen. Zieh dich schnell an.«

»Kommst du auch mit?«, will sie wissen.

»Klar, wenn du möchtest.«

»Und könntest du Judas sagen, er soll hierbleiben?«

»Ich kann mit ihm reden, aber …«

»Wenn ich versuchen soll, meinen Großvater zum Ausstieg zu überreden, dann sind das meine Bedingungen«, sagt sie. »Ich will mich anziehen.«

Sie scheucht mich aus dem Zimmer und schließt die Tür.

»Schön, dass es dir besser geht«, murmle ich zu dem Türknauf.

Judas ist alles andere als begeistert, ausgeschlossen zu werden, aber die Erleichterung, Amy auf den Beinen zu sehen, sorgt dafür, dass er sich mit ihren Bedingungen einverstanden erklärt. Allerdings nicht, ohne sich vorher meinen Arm zu schnappen und mir eine eindringliche Warnung mit auf den Weg zu geben. Falls ihr etwas in meiner Obhut passieren sollte, bringt er mich um.

Er bedroht mich nicht das erste Mal so, aber es ist das erste Mal, dass ich ihm glaube. Jetzt, da seine Verlobte tot ist, ist Amy das Einzige, das etwas wie eine Familie für ihn darstellt. Ihre hinfällige Gesundheit und ihre sture Tapferkeit geben ihm einen guten Grund zur Sorge.

»Ich werde sie beschützen, als wäre sie meine Familie«, verspreche ich.

»Als hättest du mich geboren, als du fünf warst«, sagt Amy höhnisch. Das ist ihre Art, uns daran zu erinnern, dass sie kein Kind mehr ist.

»Keine Angst«, sagt Nimble. »Ich bin ein alter Profi darin, bei diesem Wetter zu fahren.«

Er fährt langsam und betrachtet uns gelegentlich im Rückspiegel. »Ich kam nicht umhin, heute Morgen die Spuren draußen zu sehen«, sagt er.

»Wir haben noch nie zuvor Schnee gesehen«, erwidere ich.

»Dann muss das ein echter Schock gewesen sein. Was gibt es denn bei euch? Regen?«

»Regen?«, frage ich.

Er lacht und lässt das Lenkrad an den geöffneten Handflächen vorbeigleiten. »O Mann.«

Wir scheinen uns der nahegelegenen Stadt nicht zu nähern, so lange wir auch fahren. Aber wir kommen an dem Feld mit den seltsamen Maschinen vorbei, die mir bei unserer Landung aufgefallen sind. Ich deute mit dem Kopf darauf. »Was ist das?«

»Das ist der Themenpark«, erklärt Nimble. »Achterbahnen und Doppeldecker, die einem das Gefühl geben sollen, höher als mit einem Flugzeug zu fliegen. Für einen Penny kann man durch ein Teleskop die Unterseite der magischen schwebenden Insel betrachten.«

»Der magischen schwebenden Insel?« Amy rümpft die Nase. »So nennen uns die Leute?«

»Wie nennt ihr sie denn?«

Amy sagt »Internment«, während ich zugleich »Heimat« sage.

»Internment«, wiederholt Nimble mehrmals und schmeckt das Wort. »Wie in ›interniert‹. Gruselig.«

»Das ist überhaupt nicht gruselig«, widerspreche ich.

»Vielleicht ist es das doch«, meint Amy. »Nicht sofort. Man muss eine Weile dort gewesen sein, um es so zu betrachten.«

Danach ist sie still.

Wir kommen an etwas vorbei, das aussieht wie ein Garten aus Steinen, und Amy holt zischend Luft. Ihr Kopf ruckt nach oben, ihr Blick schärft sich.

»Was ist los?«, frage ich. »Bekommst du einen neuen Anfall?«

Sie kniet sich auf die Sitzbank und sieht durch das Rückfenster zu, wie der Garten kleiner wird.

»Dieser Ort verschafft auch mir eine Gänsehaut, Kleine«, sagt Nimble.

»Was ist das denn?«, frage ich.

Er sieht mich im Rückspiegel mit hochgezogenen Brauen an. »Was macht ihr auf Internment mit euren Toten?«