Verlag: E-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Flauberts Papagei - Julian Barnes

Das Buch, das Julian Barnes’ Weltruhm begründete Geoffrey Braithwaite, englischer Arzt im Ruhestand, hat eine große Leidenschaft: Gustave Flaubert. Im Laufe seiner Untersuchungen über Leben und Werk des großen französischen Schriftstellers und darüber, welcher ausgestopfte Papagei denn nun tatsächlich auf Flauberts Schreibtisch gestanden hat, enthüllt Dr. Braithwaite widerwillig auch immer mehr von seiner eigenen Geschichte.Eine geistreiche literarische Tour de Force, die Julian Barnes’ Weltruhm begründete. »Literaturgeschichte, Anekdotensammlung, Reisebericht, philosophisches Vexierspiel und spaßige Geschichte in einem, vermischt mit einem Krimi der Eifersucht – mehr kann man nicht verlangen.« Hellmuth Karasek

Meinungen über das E-Book Flauberts Papagei - Julian Barnes

E-Book-Leseprobe Flauberts Papagei - Julian Barnes

Julian Barnes

Flauberts Papagei

Roman

Aus dem Englischen von Michael Walter

Kurzübersicht

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Inhaltsverzeichnis

WidmungMotto1 Flauberts Papagei2 Chronologie3 Entdeckt und weggesteckt4 Das Flaubert-Bestiarium5 Schnapp!6 Emma Bovarys Augen7 Über den Kanal8 Der Flaubert-Führer für Eisenbahngucker9 Die Flaubert-Apokryphen10 In Sachen gegen11 Louise Colets Version12 Braithwaites Wörterbuch der übernommenen Ideen13 Eine reine Geschichte14 Schriftliche Prüfung15 Und der Papagei …
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Für Pat

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»Wenn man die Biografie eines Freundes schreibt, muss man das so tun, als wolle man ihn rächen.«

Flaubert, Brief an Ernest Feydeau, 1872

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1Flauberts Papagei

Sechs Nordafrikaner spielten Boule unter Flauberts Statue. Scharfes Klacken klang über dem Grummeln gestauten Verkehrs. Ein letztes, ironisches Streicheln mit den Fingerspitzen, und eine braune Hand entsandte eine Silberkugel. Sie landete, hopste schwerfällig und kollerte durchs träge Rieseln harten Staubs. Der Werfer verharrte als elegante, befristete Statue: die Knie noch nicht ganz durchgestreckt und die rechte Hand ekstatisch gespreizt. Ich bemerkte ein hochgekrempeltes weißes Hemd, einen entblößten Unterarm und einen Klecks auf dem Rücken des Handgelenks. Keine Uhr, wie ich zunächst dachte, oder eine Tätowierung, sondern ein buntes Abziehbild: das Konterfei eines in der Wüste viel bewunderten politischen Weisen.

Ich möchte mit der Statue beginnen: der oberen, der dauerhaften, uneleganten, die Kupfertränen weint, der mit dem Schlabberschlips, der Spießerweste, den Bollerhosen, dem Strubbelschnäuzer – dem überlieferten argwöhnischen, distanzierten Bild des Mannes. Unseren Blick erwidert Flaubert nicht. Er starrt vom Place des Carmes nach Süden zur Kathedrale, hinweg über die Stadt, die er verachtet und die ihn ihrerseits weitgehend ignoriert hat. Abwehrend reckt er den Kopf hoch: Nur die Tauben können die Kahlheit des Schriftstellers in ihrem vollen Ausmaß sehen.

Das ist nicht die Originalstatue. Die Deutschen haben den ersten Flaubert 1941 entfernt, zusammen mit den Gittern und Türklopfern. Vielleicht wurde er zu Rangabzeichen für Mützen verarbeitet. Etwa ein Jahrzehnt lang blieb der Sockel leer. Dann machte ein Bürgermeister von Rouen, der scharf auf Statuen war, den Original-Gipsabguss – hergestellt von einem Russen namens Leopold Bernstamm – wieder ausfindig, und der Stadtrat genehmigte die Anfertigung eines neuen Standbilds. Rouen leistete sich eine richtige Metallstatue aus 93% Kupfer und 7% Zinn: die Gießer, Rudier aus Châtillons-sous-Bagneux, behaupten, eine solche Legierung sei eine Garantie gegen Korrosion. Zwei andere Städte, Trouville und Barentin, beteiligten sich an dem Projekt und erhielten Steinstatuen. Die haben sich weniger gut gehalten. In Trouville musste Flauberts Oberschenkel geflickt werden, und Teile seines Schnurrbarts sind abgefallen: Armierungsdrähte ragen wie Zwerge aus einem Betonstumpf über seiner Oberlippe.

Vielleicht darf man den Versicherungen der Gießerei Glauben schenken; vielleicht wird dieses zweite Imitat der Statue von Dauer sein. Aber ich sehe keinen besonderen Grund zur Zuversicht. Kaum etwas, das mit Flaubert zu tun hatte, war jemals von Dauer. Er starb vor über hundert Jahren, und alles, was von ihm übrig ist, ist Papier. Papier, Ideen, Sätze, Metaphern, strukturierte Prosa, die sich in Klang verwandelt. Wie es sich trifft, ist dies genau das, was er sich gewünscht hätte; nur seine Bewunderer ergehen sich in sentimentalen Klagen. Das Haus des Schriftstellers in Croisset wurde kurz nach seinem Tod abgerissen und ersetzt durch eine Fabrik zur Alkoholgewinnung aus verdorbenem Weizen. Es bräuchte auch nicht viel dazu, sein Bildnis loszuwerden: wenn ein statuenliebender Bürgermeister es aufstellen kann, könnte es ein anderer – vielleicht ein doktrinärer Bücherwurm, nach halber Lektüre von Sartres Buch über Flaubert – voller Eifer auch wieder entfernen.

Ich beginne mit der Statue, weil ich dort mit dem ganzen Vorhaben begonnen habe. Warum bringen uns die Schriften dazu, dem Schriftsteller nachzujagen? Warum können wir ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Warum reichen die Bücher nicht? Flaubert wollte, dass sie ausreichen: Wenige Schriftsteller glaubten fester an die Objektivität des geschriebenen Textes und an die Bedeutungslosigkeit der Persönlichkeit des Schriftstellers; aber statt zu gehorchen, stellen wir ihm weiter nach. Das Bildnis, das Gesicht, die Unterschrift; die 93%-Kupfer-Statue und das Foto von Nadar; der Kleiderfetzen und die Haarlocke: Was macht uns geil auf Reliquien? Schenken wir den Worten nicht genug Glauben? Meinen wir, die Überbleibsel eines Lebens bergen eine ergänzende Wahrheit? Als Robert Louis Stevenson starb, begann sein geschäftstüchtiges schottisches Kindermädchen in aller Stille Haare zu verkaufen, die sie dem Schriftsteller vierzig Jahre früher vom Haupt abgeschnitten haben wollte. Die Gläubigen, die Sucher, die Nachsteller kauften genug, um ein Sofa zu polstern.

Ich beschloss, mir Croisset für später aufzusparen. Ich hatte in Rouen fünf Tage Zeit, und seit meiner Kindheit treibt mein Instinkt mich noch immer, das Beste bis zum Schluss aufzuheben. Ist dieser Impuls manchmal auch bei Schriftstellern wirksam? Noch nicht, noch nicht, das Beste kommt erst? Wenn ja, wie verlockend sind dann die unvollendeten Bücher. Ein paar fallen einem sofort ein: Bouvard et Pécuchet, wo Flaubert versuchte, die ganze Welt, das ganze menschliche Streben und das ganze menschliche Scheitern einzufangen und unterzukriegen; und L’Idiot de la famille, wo Sartre versuchte, den ganzen Flaubert einzufangen: den Meisterschriftsteller, den Meisterbourgeois, den Schrecken, den Feind, den Weisen einzufangen und unterzukriegen. Ein Schlaganfall beendete das erste Vorhaben; Blindheit verkürzte das zweite.

Ich dachte selber mal ans Bücherschreiben. Einfälle hatte ich; ich machte mir sogar Notizen. Aber ich war Arzt, verheiratet und hatte Kinder. Man kann nur eine Sache gut machen: Flaubert wusste das. Ich machte meine Sache als Arzt gut. Meine Frau … starb. Meine Kinder sind jetzt in alle Winde zerstreut; sie schreiben, wann immer das Schuldgefühl sie dazu treibt. Sie führen jetzt ihr eigenes Leben, natürlich. »Das Leben! Das Leben! Erektionen haben!« Diesen Ausruf Flauberts las ich neulich. Ich fühlte mich dabei wie eine Steinstatue mit einem geflickten Oberschenkel.

Die ungeschriebenen Bücher? Sie sind kein Grund zur Verbitterung. Es gibt schon zu viele Bücher. Außerdem fällt mir der Schluss von L’Education sentimentale ein. Frédéric und sein Kamerad Deslauriers blicken zurück auf ihr Leben. Ihre abschließende und liebste Erinnerung gilt einem Bordellbesuch vor Jahren, als sie noch Schuljungen waren. Sie hatten den Ausflug in allen Einzelheiten geplant, sich zu diesem Anlass extra frisieren lassen und sogar Blumen für die Mädchen gestohlen. Aber als sie dann zu dem Bordell kamen, verließ Frédéric der Mut, und sie rannten beide weg. Das war der beste Tag in ihrem Leben. Ist nicht, so gibt Flaubert zu verstehen, die zuverlässigste Form der Freude die Vorfreude? Wer braucht in die öde Dachkammer der Erfüllung einzubrechen?

Ich verbrachte meinen ersten Tag damit, durch Rouen zu streifen, Teile wieder zu erkennen von damals, als ich 1944 hier durchgekommen war. Natürlich waren große Gebiete bombardiert und mit Granaten beschossen worden; vierzig Jahre danach flicken sie immer noch an der Kathedrale herum. In meinen monochromen Erinnerungen gab es nur wenig zu kolorieren. Am nächsten Tag fuhr ich in Richtung Westen nach Caen und dann nach Norden zu den Stränden. Man folgt einer Reihe verwitterter Blechschilder, die das Ministère des Travaux Publics et des Transports aufgestellt hat. Hier entlang zum Circuit des plages du débarquement: eine Touristenroute der Landungsplätze. Östlich von Arromanches liegen die britischen und kanadischen Strände – Gold, Juno, Sword. Keine sehr einfallsreiche Wortwahl; weitaus weniger einprägsam als Omaha oder Utah. Es sei denn natürlich, die Taten machen die Worte einprägsam, und nicht umgekehrt.

Graye-sur-Mer, Courseulles-sur-Mer, Ver-sur-Mer, Asnelles, Arromanches. Auf winzigen Seitenstraßen stößt man plötzlich auf einen Place des Royal Engineers oder einen Place W Churchill. Rostende Panzer halten Wacht über Strandhütten; klotzige Denkmäler wie Schiffsschornsteine verkünden auf Englisch und Französisch: »Hier wurde am 6. Juni 1944 Europa befreit durch den Heldenmut der Alliierten Streitkräfte.« Es ist ganz still und überhaupt nicht düster. In Arromanches steckte ich zwei Ein-Franc-Stücke in das Télescope panoramique (très puissant 15/60 longue durée) und verfolgte die geschwungenen Morsezeichen des schwimmenden Hafens weit aufs Meer hinaus. Punkt, Strich, Strich, Strich meldeten die Betoncaissons mit dem gemächlichen Wasser dazwischen. Krähenscharen hatten diese viereckigen Blöcke aus Kriegsgerümpel kolonisiert.

Ich aß im Hôtel de la Marine, das die Bucht überblickt. In der Nähe waren Freunde gestorben – die plötzlichen Freunde, die jene Jahre hervorbrachten –, und doch rührte es mich nicht. 50th Armoured Division, Second British Army. Erinnerungen tauchten aus dem Verborgenen auf, aber keine Gefühle; nicht mal Erinnerungen an Gefühle. Nach dem Essen ging ich ins Museum und sah mir einen Film über die Landungen an, fuhr dann zehn Kilometer nach Bayeux, um jene andere Invasion über den Ärmelkanal zu besichtigen, die neun Jahrhunderte früher stattgefunden hat. Die Tapisserie der Königin Mathilde ist wie horizontales Kino, wobei die Ränder der einzelnen Bilder miteinander verbunden sind. Beide Ereignisse wirkten gleichermaßen fremd: das eine zu fern, um wahr zu sein, das andere zu vertraut, um wahr zu sein. Wie fassen wir die Vergangenheit? Können wir das überhaupt? Als ich Medizinstudent war, ließen bei einem Ball zum Semesterende ein paar Witzbolde im Saal ein fettbeschmiertes Ferkel los. Es quetschte sich zwischen den Beinen durch, entwischte immer wieder, quiekte viel. Bei dem Versuch, es zu packen, purzelten Leute um und sahen dabei sehr lächerlich aus. Die Vergangenheit scheint sich oft wie dieses Ferkel zu benehmen.

An meinem dritten Tag in Rouen ging ich zum Hôtel-Dieu, dem Krankenhaus, wo Gustaves Vater Chefarzt gewesen war und wo der Schriftsteller seine Kindheit verbracht hatte. Die Avenue Gustave Flaubert entlang, vorbei an der Imprimerie Flaubert und einer Snack-Bar namens Le Flaubert: Man hat stark das Gefühl, in die richtige Richtung zu gehen. In der Nähe des Krankenhauses parkte ein großer Peugeot-Kombi: Darauf gemalt waren blaue Sterne, eine Telefonnummer und die Worte AMBULANCE FLAUBERT. Der Schriftsteller als Heiler? Kaum.

Ich entsann mich George Sands matronenhaften Verweises an ihren jüngeren Kollegen: »Du verbreitest Trostlosigkeit«, schrieb sie, »und ich verbreite Trost.« Auf dem Peugeot hätte stehen sollen AMBULANCE GEORGE SAND.

Beim Hôtel-Dieu empfing mich ein hagerer, zappliger gardien, dessen weißer Kittel mich verdutzte. Er war kein Arzt, pharmacien oder Kricketschiedsrichter. Weiße Kittel implizieren Antisepsis und klares Urteilsvermögen. Warum sollte ein Museumswärter einen tragen – um Gustaves Kindheit vor Bakterien zu schützen? Er erklärte, das Museum sei zum Teil Flaubert und zum Teil der Medizingeschichte gewidmet, scheuchte mich dann hindurch und verriegelte hinter uns mit lärmender Tüchtigkeit die Türen. Man zeigte mir Gustaves Geburtszimmer, sein Eau-de-Cologne-Flakon, seine Tabakdose und seine erste Zeitschriftenveröffentlichung.

Verschiedene Bildnisse bestätigten die verheerend frühe Verwandlung eines hübschen Jünglings in einen korpulenten, kahl werdenden Bürger. Syphilis, schließen einige. Normaler Alterungsprozess im neunzehnten Jahrhundert, entgegnen andere. Vielleicht besaß sein Körper einfach nur ein Gefühl für Anstand: Als der Geist innen drin sich für vorzeitig gealtert erklärte, tat das Fleisch sein Bestes, sich anzupassen. Ich rief mir andauernd in Erinnerung, dass er blond war. Das ist schwer zu behalten: auf Fotografien wirkt jeder dunkelhaarig.

Die übrigen Räume enthielten medizinische Instrumente des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts: schwere Metallrelikte, die in scharfen Spitzen endeten, und Klistierspritzen von einem Kaliber, das selbst mich überraschte. Die Medizin muss damals eine aufregende, verzweifelte, gewalttätige Sache gewesen sein; heutzutage besteht sie bloß noch aus Pillen und Bürokratie. Oder ist es einfach nur so, dass die Vergangenheit mehr Lokalkolorit zu haben scheint als die Gegenwart? Ich studierte die Dissertation von Gustaves Bruder Achille: Sie hieß ›Einige Überlegungen hinsichtlich des Operationszeitpunkts bei Brucheinklemmung‹. Eine brüderliche Parallele: Achilles Dissertation wurde später zu Gustaves Metapher: »Ich empfinde gegen die Dummheit meiner Epoche Hassfluten, die mich ersticken. Scheiße steigt mir in den Mund wie bei einem eingeklemmten Bruch. Aber ich will sie behalten, eindicken, härten; ich möchte einen Teig daraus machen, mit dem ich das neunzehnte Jahrhundert beschmieren werde, so wie man die indischen Pagoden mit Kuhmist überzieht.«

Die Verbindung dieser beiden Museen erschien zuerst sonderbar. Sinnvoll wurde sie, als mir Lemots berühmte Karikatur von Flaubert, der Emma Bovary seziert, einfiel. Sie zeigt den Romancier, der auf den Zinken einer langen Gabel das triefende Herz schwenkt, das er seiner Heldin triumphierend aus dem Leib gerissen hat. Er reckt das Organ empor wie ein preiswürdiges chirurgisches Präparat, während links auf der Zeichnung die Füße der niedergestreckten, geschändeten Emma gerade noch sichtbar sind. Der Schriftsteller als Schlachter, der Schriftsteller als empfindsamer Rohling.

Dann sah ich den Papagei. Er saß in einer kleinen Nische, hellgrün und kecken Blicks, den Kopf in einem forschenden Winkel gehalten. »Psitaccus« lautete die Aufschrift am Ende seiner Hockstange. »Von G. Flaubert beim Museum von Rouen entliehener Papagei, der während der Niederschrift von Un cœur simple auf seinem Schreibtisch stand. Dort heißt er Loulou und ist der Papagei von Félicité, der Hauptfigur der Geschichte.« Die Fotokopie eines Briefs von Flaubert bestätigte dies: Der Papagei, schrieb er, habe nun drei Wochen auf seinem Schreibtisch gestanden, und sein Anblick beginne ihm auf die Nerven zu gehen.

Loulou war in gutem Zustand, das Gefieder so drahtig und der Blick so entnervend, wie sie es wohl vor hundert Jahren gewesen sein mussten. Ich schaute den Vogel an und fühlte mich zu meiner Überraschung innig verbunden mit diesem Schriftsteller, der sich von der Nachwelt verachtungsvoll jegliches Interesse an seiner Person verbeten hatte. Seine Statue war ein Abklatsch; sein Haus hatte man abgerissen; seine Bücher führten natürlich ein Eigenleben – Reaktionen auf sie waren keine Reaktionen auf ihn. Aber hier, in diesem keineswegs außergewöhnlichen grünen Papagei, konserviert auf althergebrachte und doch geheimnisvolle Weise, war etwas, das mir das Gefühl gab, den Schriftsteller beinahe gekannt zu haben. Ich war gerührt und ermuntert zugleich.

Auf dem Rückweg zu meinem Hotel kaufte ich eine Studienausgabe von Un cœur simple. Sie kennen die Geschichte vielleicht. Sie handelt von einer armen, ungebildeten Magd namens Félicité, die ein halbes Jahrhundert lang derselben Herrin dient und ohne Verbitterung ihr eigenes Leben für das anderer aufopfert. Nacheinander gilt ihre Anhänglichkeit einem rohen Verlobten, den Kindern ihrer Herrin, ihrem Neffen und einem alten Mann mit einem verkrebsten Arm. Sie alle werden ihr einfach so genommen: Sie sterben oder gehen fort oder vergessen sie. Es ist ein Dasein, in dem, nicht weiter überraschend, die Tröstungen der Religion die Trostlosigkeiten des Lebens wettmachen.

Das letzte Glied in Félicités ständig abnehmender Anhänglichkeitskette ist Loulou, der Papagei. Als auch er zu gegebener Zeit gestorben ist, lässt Félicité ihn ausstopfen. Sie bewahrt die verehrte Reliquie in ihrem Zimmer auf und nimmt sogar die Gewohnheit an, ihre Gebete kniend vor dem Papagei zu sprechen. In ihrem schlichten Gemüt kommt es zu einer dogmatischen Verwirrung: Sie fragt sich, ob der üblicherweise als Taube dargestellte Heilige Geist nicht besser als Papagei porträtiert werden sollte. Die Logik ist gewiss auf ihrer Seite: Papageien und Heilige Geiste können sprechen, Tauben hingegen nicht. Am Schluss der Geschichte stirbt auch Félicité. »Ihre Lippen lächelten. Die Schläge ihres Herzens verlangsamten sich mit jedem Mal, mit jedem Mal wurden sie schwächer, leiser, wie ein Quell, der versiegt, wie ein Echo, das verhallt; und als sie ihren letzten Atemzug tat, glaubte sie, in dem geöffneten Himmel einen riesigen Papagei zu sehen, der über ihrem Kopfe schwebte.«

Die Beherrschung des Tons ist entscheidend. Man bedenke die technische Schwierigkeit, eine Geschichte zu schreiben, in der ein schlecht ausgestopfter Vogel mit einem lächerlichen Namen zum Schluss ein Drittel der Dreifaltigkeit vertritt, eine Geschichte, deren Absicht weder satirisch noch sentimental, noch blasphemisch ist. Man bedenke weiterhin das Problem, eine solche Geschichte aus der Sicht einer unwissenden alten Frau zu erzählen, ohne dass es herablassend oder affektiert klingt. Aber natürlich zielt Un cœur simple auf etwas ganz anderes ab: Der Papagei ist ein aufs vollkommenste beherrschtes Beispiel Flaubert’scher Groteske.

Wir können, wenn wir wollen (und wenn wir Flaubert nicht gehorchen), den Vogel einer weiteren Interpretation unterziehen. Es gibt zum Beispiel untergründige Parallelen zwischen dem Leben des vorzeitig gealterten Romanciers und der rechtzeitig gealterten Félicité. Die Kritiker haben Spürhunde angesetzt. Beide waren sie einsam; beider Leben war von Verlusten gezeichnet; beide gaben trotz des Kummers nicht auf. Wer die Dinge unbedingt noch weitertreiben will, wirft die Frage auf, ob der Unfall, bei dem Félicité auf der Straße nach Honfleur von einer Postkutsche niedergeworfen wird, einen untergründigen Bezug hat zu Gustaves erstem epileptischem Anfall, der ihn auf der Straße außerhalb von Bourg-Achard niederwarf. Ich weiß es nicht. Wie untergründig muss ein Bezug sein, bis er den Grund verliert und ertrinkt?

In einer ganz entscheidenden Hinsicht ist Félicité natürlich das absolute Gegenteil von Flaubert: Sie ist praktisch unfähig, sich auszudrücken. Aber man könnte argumentieren, dass genau hier Loulou ins Spiel kommt. Der Papagei, das zum Ausdruck fähige Tier, ein seltenes Geschöpf, das menschliche Laute erzeugt. Nicht umsonst verwechselt Félicité Loulou mit dem Heiligen Geist, der die Gabe des Zungenredens verleiht.

An diesem Punkt sollten wir vielleicht die vier wesentlichen Begegnungen des Romanciers mit Mitgliedern der Papageien-Familie festhalten. Während ihrer jährlichen Ferien in Trouville in den Jahren nach 1830 pflegte die Familie Flaubert regelmäßig einen pensionierten Schiffskapitän namens Pierre Barbey zu besuchen; zu dessen Menage gehörte, wie man uns berichtet, ein prächtiger Papagei. 1845 reiste Gustave, unterwegs nach Italien, durch Antibes, wo er einen kranken Sittich traf, der es zu einem Eintrag in sein Tagebuch brachte; der Vogel hockte immer vorsichtig auf dem Schutzblech des leichten zweirädrigen Wagens, der seinem Besitzer gehörte, und wurde zu den Mahlzeiten hineingebracht und auf dem Kaminsims postiert. Der Tagebuchschreiber vermerkt die ins Auge stechende »eigentümliche Liebe« zwischen Mann und Haustier. Als Flaubert 1851 aus dem Orient via Venedig zurückkehrte, hörte er über dem Canal Grande einen Papagei in einem vergoldeten Käfig den Ruf eines Gondoliere imitieren: »Fà eh, capo die.« 1853 war er erneut in Trouville; er logierte bei einem pharmacien, und dauernd ging ihm ein Papagei auf die Nerven, der kreischte: »As-tu déjeuné, Jako?« und »Cocu, mon petit coco.« Er pfiff auch »J’ai du bon tabac«. War einer dieser Vögel, ganz oder teilweise, die Inspiration für Loulou? Und sah Flaubert noch einen anderen lebendigen Papagei zwischen 1853 und 1876, als er sich in Rouen vom Museum einen ausgestopften borgte? Solche Fragen überlasse ich den Profis.

Ich saß auf meinem Hotelbett; in einem Nachbarzimmer imitierte ein Telefon das Schrillen anderer Telefone. Ich dachte an den kaum eine halbe Meile entfernten Papagei in seiner Nische. Ein frecher Vogel, der Zuneigung, ja sogar Verehrung weckte. Was hatte Flaubert nach Beendigung von Un cœur simple mit ihm gemacht? In einen Schrank gesteckt und seine entnervende Existenz vergessen, bis er einmal nach einer zusätzlichen Bettdecke suchte? Und was geschah vier Jahre später, als er nach einem Schlaganfall im Sterben lag auf seinem Sofa? Schien ihm vielleicht, dass ein riesiger Papagei über ihm schwebte – diesmal kein Willkommensgruß vom Heiligen Geist, sondern ein Lebewohl vom Wort?

»Mich stört mein Hang zum Metaphorischen, der entschieden zu stark ist. Ich werde von Vergleichen aufgefressen wie von Läusen, und ich verbringe meine ganze Zeit damit, sie zu zerquetschen.« Wörter fielen Flaubert nur so zu, aber er sah auch die grundsätzliche Unzulänglichkeit des Wortes. Man denke nur an seine traurige Definition aus Madame Bovary: »Das menschliche Wort ist wie ein gesprungener Kessel, auf dem wir Melodien trommeln, nach denen Bären tanzen können, während wir doch die Sterne rühren möchten.« Man kann den Romancier also auf zwei Arten sehen: als entschiedenen und vollendeten Stilisten; oder als jemand, der die Sprache für tragisch unzureichend hielt. Sartre-Anhänger bevorzugen die zweite Möglichkeit: Loulous Unfähigkeit, mehr zu tun, als aus zweiter Hand die Sätze zu wiederholen, die er hört, ist für sie des Romanciers indirektes Eingeständnis, versagt zu haben. Der Papagei-Schriftsteller nimmt die Sprache als etwas Übernommenes, Nachahmerisches und Träges hin. Sartre selbst warf Flaubert Passivität vor, seine Auffassung (oder die stillschweigende Billigung der Auffassung), dass on est parlé-man gesprochen wird.

Kündete dieser Luftblasenschwall vom gurgelnden Ende eines weiteren untergründigen Bezuges? Dort, wo man argwöhnt, dass zu viel in eine Geschichte hineingelesen wird, fühlt man sich am verwundbarsten, am isoliertesten und vielleicht am dümmsten. Hat ein Kritiker unrecht, wenn er Loulou als ein Symbol für das Wort liest? Hat ein Leser unrecht – schlimmer noch, ist er sentimental –, wenn er diesen Papagei im Hôtel-Dieu als Sinnbild der Stimme des Autors versteht? Genau das habe ich getan. Vielleicht macht mich das so einfältig wie Félicité.

Aber egal, ob man es eine Erzählung oder einen Text nennt, Un cœur simple hallt nach im Gehirn. Gestatten Sie mir, David Hockney zu zitieren; in seiner Autobiografie heißt es liebenswürdig und wenig präzise: »Die Geschichte hat mich echt berührt, und ich spürte, dass dies ein Thema war, mit dem ich echt was anfangen, das ich umsetzen konnte.« 1974 schuf Mr Hockney ein paar Radierungen: eine burleske Version von Félicités Vorstellung von der Fremde (ein Affe, der sich mit einer Frau über der Schulter davonstiehlt) und eine friedliche Szene der schlafenden Félicité mit Loulou. Vielleicht macht er zu gegebener Zeit noch ein paar mehr.

An meinem letzten Tag in Rouen fuhr ich hinaus nach Croisset. Normannischer Regen fiel, sanft und dicht. Was früher einmal ein abgelegenes Dorf an den Ufern der Seine gewesen war vor dem Hintergrund grüner Hügel, ist unterdessen von einem pulsierenden Dockgelände verschlungen worden. Rammen dröhnen, Brückenkräne hängen über einem, und auf dem Fluss geht es mächtig geschäftig zu. Vom Vorbeifahren der Laster klirren die Fensterscheiben der unvermeidlichen Bar Le Flaubert.

Gustave kannte und schätzte die orientalische Sitte, die Häuser von Verstorbenen abzureißen; deshalb hätte ihm die Zerstörung seines eigenen Hauses vielleicht weniger ausgemacht als seinen Lesern, seinen Nachstellern. Die Fabrik zur Alkoholgewinnung aus verdorbenem Weizen wurde ihrerseits abgerissen; und auf dem Gelände steht jetzt, wesentlich passender, eine große Papierfabrik. Von Flauberts Wohnsitz ist nur ein kleiner einstöckiger Pavillon geblieben, ein paar Hundert Meter die Straße hinunter: ein Sommerhaus, wohin sich der Schriftsteller immer zurückzog, wenn er noch mehr Abgeschiedenheit brauchte als sonst. Jetzt wirkt es schäbig und sinnlos, aber es ist immerhin etwas. Draußen auf der Terrasse hat man zum Gedenken des Autors von Salammbô einen in Karthago ausgegrabenen, kannelierten Säulenstumpf aufgestellt. Ich stieß das Tor auf; ein Deutscher Schäferhund schlug an, und eine weißhaarige gardienne näherte sich. Kein weißer Kittel in ihrem Fall, sondern eine gut geschnittene blaue Uniform. Als ich mein Französisch ankurbelte, fiel mir das Berufskennzeichen der karthagischen Dolmetscher in Salammbô ein: Als Symbol seines Berufsstandes hat jeder einen Papagei auf der Brust eintätowiert. Heute tragen die braunen Handgelenke der afrikanischen Boule-Spieler ein Mao-Abziehbild,

Der Pavillon birgt einen einzigen Raum, quadratisch mit einem Baldachin als Decke. Ich musste an Félicités Zimmer denken: »Es glich zugleich einer Kapelle und einem Bazar.« Auch hier gab es die ironische Verbindung – trivialer Nippes mit ehrwürdigen Reliquien – der Flaubert’schen Groteske. Die einzelnen Stücke waren so miserabel ausgestellt, dass ich mich häufig hinknien musste, um in die Schaukästen zu lugen: die Haltung des Andächtigen, aber auch die des Schatzsuchers im Trödelladen.

Félicité fand Trost in ihrer Ansammlung verschiedenartigster Dinge, die nur durch die Zuneigung ihrer Besitzerin vereinigt wurden. Flaubert tat das Gleiche, indem er erinnerungsschwangere Kleinigkeiten aufbewahrte. Noch Jahre nach dem Tod seiner Mutter bat er manchmal um ihren alten Schal und Hut und setzte sich dann damit hin, um ein wenig zu träumen. Der Besucher des Pavillons in Croisset kann fast das Gleiche tun: Die lieblos ausgestellten Schaustücke treffen einen aufs Geratewohl auch mal ins Herz. Porträts, Fotografien, eine Tonbüste; Pfeifen, eine Tabakdose, ein Brieföffner; ein Tintenfass in Form einer Kröte mit aufgesperrtem Maul; der goldene Buddha, der auf dem Schreibtisch des Schriftstellers stand und der ihm nie auf die Nerven ging; eine Locke, die natürlich blonder ist als das Haar auf den Fotografien.

Zwei Ausstellungsstücke in einer Seitenvitrine übersieht man leicht: ein kleines Wasserglas, aus dem Flaubert, wenige Augenblicke bevor er starb, einen letzten Schluck trank; und ein weißes zusammengeknülltes Taschentuch, mit dem er sich, als vielleicht letzte Geste seines Lebens, die Stirn abwischte. Solche alltäglichen Requisiten, die einem Wehklagen und Melodramatik zu verbieten schienen, gaben mir das Gefühl, dem Tod eines Freundes beigewohnt zu haben. Ich schämte mich fast: Vor drei Tagen hatte ich ungerührt an einem Strand gestanden, wo vertraute Kameraden gefallen waren. Vielleicht ist das der Vorteil, wenn man sich mit jenen befreundet, die schon tot sind: Die Gefühle für sie kühlen nie ab.

Dann sah ich ihn. Oben auf einem hohen Schrank hockte noch ein Papagei. Gleichfalls hellgrün. Und laut der gardienne und dem Schildchen an seiner Hockstange gleichfalls eben der Papagei, den sich Flaubert beim Museum von Rouen ausgeliehen hatte für die Niederschrift von Un cœur simple. Ich bat um die Erlaubnis, den zweiten Loulou herunterzunehmen, stellte ihn vorsichtig auf die Ecke seiner Ausstellungsvitrine und hob die Glasglocke ab.

Wie soll man zwei Papageien vergleichen, von denen der eine bereits durch Erinnerung und Metapher idealisiert, der andere aber ein kreischender Störenfried ist? Meine erste Reaktion war, dass der zweite weniger authentisch wirkte als der erste, hauptsächlich deshalb, weil seine Ausstrahlung liebenswürdiger war. Der Kopf saß gerade auf dem Körper, und sein Ausdruck war weniger entnervend als der des Vogels im Hôtel-Dieu. Dann wurde mir mein Trugschluss klar: Man hatte Flaubert ja gar nicht die Wahl zwischen verschiedenen Papageien gelassen; und selbst dieser zweite, der der ruhigere Gefährte zu sein schien, könnte einem nach ein paar Wochen leicht auf den Wecker gehen.

Ich erwähnte der gardienne gegenüber die Frage der Authentizität. Sie stand begreiflicherweise aufseiten ihres Papageis und wies den Anspruch des Hôtel-Dieu forsch zurück. Ich fragte mich, ob jemand die Antwort wusste. Ich fragte mich, ob das für irgendwen außer mir eine Rolle spielte, der ich dem ersten Papagei vorschnell Bedeutung beigemessen hatte. Die Stimme des Schriftstellers – wie kommst du bloß darauf, dass sie sich so leicht lokalisieren lasse? Diesen Rüffel erteilte mir der zweite Papagei. Als ich dastand und den möglicherweise nicht authentischen Loulou anschaute, erhellte die Sonne diese Zimmerecke und färbte sein Gefieder greller gelb. Ich stellte den Vogel an seinen alten Platz zurück und dachte: Ich bin jetzt älter, als Flaubert jemals geworden ist. Das erschien mir wie eine Anmaßung; traurig und unverdient.

Kann man überhaupt zum richtigen Zeitpunkt sterben? Für Flaubert war es nicht der richtige; und auch nicht für George Sand, die nicht lange genug lebte, um Un cœur simple lesen zu können. »Ich habe ausschließlich ihretwegen damit begonnen, nur um ihr eine Freude zu machen. Sie starb, als ich mitten in diesem Werk war. So geht es mit allen unseren Träumen.« Ist es besser, keine Träume, kein Werk und dann auch nicht die Trostlosigkeit des unvollendeten Werks zu haben? Sollten wir vielleicht wie Frédéric und Deslauriers den Trost der Nichterfüllung vorziehen: der geplante Bordellbesuch, die Vorfreude, und dann, Jahre später, nicht die Erinnerung an Taten, sondern die Erinnerung an vergangene Erwartung? Würde das nicht alles reiner und weniger schmerzlich machen?

Nachdem ich wieder zu Hause war, flatterten mir die doppelten Papageien weiter durch den Kopf: der eine davon freundlich und freimütig, der andere dreist und inquisitorisch. Ich richtete Briefe an diverse Akademiker, die vielleicht wissen konnten, ob einer der Papageien als authentisch beglaubigt worden war. Ich schrieb an die Französische Botschaft und an den Verleger der Michelin-Reiseführer. Ich schrieb auch Mr Hockney. Ich erzählte ihm von meiner Reise und fragte ihn, ob er jemals in Rouen gewesen sei; ich wollte wissen, ob er den einen der beiden Papageien im Kopf gehabt hatte, als er sein Porträt der schlafenden Félicité radierte. Wenn nicht, dann hatte er vielleicht seinerseits einen Papagei von einem Museum ausgeliehen und ihn als Modell benutzt. Ich warnte ihn vor dem dieser Gattung eigenen gefährlichen Hang zu postumer Parthenogenese.

Ich hoffte, recht bald Antworten zu erhalten.

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2Chronologie

I

1821 Geburt von Gustave Flaubert, dem zweiten Sohn von Achille-Cléophas Flaubert, Chefarzt am Hôtel-Dieu, Rouen, und von Anne-Justine-Caroline Flaubert, geborene Fleuriot. Die Familie gehört der erfolgreichen, gehobenen Mittelschicht an und besitzt in der Umgebung von Rouen etliche Grundstücke. Ein stabiles, aufgeklärtes, anregendes und normal ehrgeiziges Milieu.

 

1825 Julie, Gustaves Kindermädchen tritt in die Dienste der Familie Flaubert; sie bleibt dort bis zum Tod des Schriftstellers fünfundfünfzig Jahre später. Angestelltenprobleme wird er in seinem Leben kaum je haben.

 

Ca. 1830 Trifft Ernest Chevalier, seinen ersten engen Freund. Eine Reihe von intensiven, loyalen und fruchtbaren Freundschaften wird Gustave sein Leben lang stützen: von besonderer Bedeutung sind die mit Alfred Le Poittevin, Maxime Du Camp, Louis Bouilhet und George Sand. Es fällt Gustave leicht, Freundschaft zu wecken, und er pflegt sie mit Foppereien und Herzlichkeit.

 

1831–32 Eintritt ins Collège de Rouen, wo er sich als eindrucksvoller Schüler erweist; seine Stärken sind Geschichte und Literatur. Seine früheste erhaltene schriftliche Arbeit, ein Aufsatz über Corneille, datiert von 1831. In seiner Jugendzeit verfasst er Prosa und Dramen im Überfluss.

 

1836 Trifft Elisa Schlesinger, die Frau eines deutschen Musikverlegers, in Trouville und hegt für sie eine »enorme« Leidenschaft. Von dieser Leidenschaft erstrahlt der Rest seiner Jugendzeit. Elisa Schlesinger begegnet ihm mit großer Freundlichkeit und Zuneigung; für die nächsten vierzig Jahre bleiben sie miteinander in Verbindung. Rückblickend ist er erleichtert, dass sie seine Leidenschaft nicht erwiderte: »Mit dem Glück ist es wie mit den Pocken. Wenn es einen zu früh erwischt, ruiniert es die Konstitution.«

 

Ca. 1836 Gustaves erste sexuelle Erfahrung mit einem Dienstmädchen seiner Mutter. Dies ist der Beginn einer aktiven und farbigen erotischen Karriere, die zwischen Bordell und Salon, Kairoer Badehaus-Knaben und Pariser Poetin oszilliert. Im frühen Mannesalter wirkt er auf Frauen ungemein anziehend, und seine sexuelle Regenerationsfähigkeit ist, nach seinen eigenen Angaben, beeindruckend rasch; aber auch später im Leben sorgen seine gepflegten Umgangsformen, seine Intelligenz und sein Ruhm dafür, dass er nicht unversorgt bleibt.

 

1837 Seine erste Veröffentlichung erscheint in Rouen im Magazin Le Colibri.

 

1840 Besteht sein baccalauréat. Reist mit Dr. Jules Cloquet, einem Freund der Familie, in die Pyrenäen. Flaubert, der oft für einen unverrückbaren Einsiedler gehalten wird, unternimmt vielmehr ausgedehnte Reisen: Italien und Schweiz (1845), Bretagne (1847), Ägypten, Palästina, Syrien, Türkei, Griechenland und Italien (1849–51), England (1851, 1865, 1866, 1871), Algerien und Tunesien (1858), Deutschland (1865), Belgien (1871) und Schweiz (1874). Man vergleiche den Fall seines Alter Ego Louis Bouilhet, der von China träumte und nie bis England kam.

 

1843 Als Jurastudent in Paris; trifft Victor Hugo.

 

1844 Gustaves erster Epilepsieanfall setzt seinem Jurastudium in Paris ein Ende, und er zieht sich zurück in das neue Familienhaus in Croisset. Die Aufgabe des Jurastudiums bereitet ihm jedoch wenig Kummer, und da diese Zurückgezogenheit sowohl das Alleinsein wie die stabile Basis mit sich bringt, die für ein Schriftstellerleben erforderlich sind, erweist sich der Anfall auf lange Sicht als vorteilhaft.

 

1846 Trifft Louise Colet, »die Muse«, und beginnt seine berühmteste Affäre: eine sich hinziehende, leidenschaftliche Geschichte eines Kampfes, in zwei Teilen (1846–48, 1851–54). Obwohl sie vom Temperament her schlecht zusammenpassen und von der Ästhetik her unvereinbar sind, bleiben Gustave und Louise dennoch weitaus länger zusammen, als die meisten vorausgesagt haben. Müssen wir das Ende ihrer Affäre bedauern? Allein deswegen, weil es das Ende von Gustaves glanzvollen Briefen an sie bedeutet.

 

1851–57 Niederschrift und Veröffentlichung von Madame Bovary; anschließend Prozess und triumphaler Freispruch. Ein succès de scandale, der von so unterschiedlichen Autoren wie Lamartine, Sainte-Beuve und Baudelaire gerühmt wird. 1846 hatte Gustave voller Zweifel, dass er jemals etwas fertigbringen würde, was zur Veröffentlichung taugte, angekündigt: »Sollte ich eines Tages in Erscheinung treten, dann in voller Rüstung.« Jetzt blendet sein Brustharnisch, und seine Lanze ist überall. Der Curé von Canteleu, dem Nachbardorf von Croisset, verbietet seinen Pfarrkindern, den Roman zu lesen. Nach 1857 führt der literarische Erfolg auf natürlichem Weg zum gesellschaftlichen Erfolg: Flaubert lässt sich häufiger in Paris sehen. Er trifft die Goncourts, Renan, Gautier, Baudelaire und Sainte-Beuve. 1862 wird die Reihe der literarischen Diners bei Magny ins Leben gerufen: Flaubert ist vom Dezember des Jahres an dort Stammgast.

 

1862 Veröffentlichung von Salammbô. Succès fou. Sainte Beuve schreibt an Matthew Arnold: »Salammbô ist das Ereignis bei uns!« Der Roman liefert das Motto für mehrere Maskenbälle in Paris. Er liefert sogar den Namen für eine neue Sorte Petit four.

 

1863 Flaubert beginnt den Salon von Prinzessin Mathilde, der Nichte Napoleons I., zu frequentieren. Der Bär von Croisset schlüpft in das Fell des Salonlöwen. Er selbst empfängt sonntagnachmittags. Das Jahr bringt auch den ersten Briefwechsel mit George Sand und seine Begegnung mit Turgenjew. Die Freundschaft mit dem russischen Romancier markiert den Beginn seines sich in Europa ausbreitenden Ruhms.

 

1864 Vorstellung bei Kaiser Napoleon III. in Compiègne. Der Gipfel von Gustaves gesellschaftlichem Erfolg. Er sendet der Kaiserin Kamelien.

 

1866 Ernennung zum chevalier de la Légion d’honneur.

 

1869 Veröffentlichung von L’Education sentimentale: Flaubert wird es immer als ein chef-d’œuvre bezeichnen. Trotz der Legende vom heroischen Kampf (die er selber in die Welt setzt), fällt Flaubert das Schreiben leicht. Er beklagt sich viel, doch solche Klagen äußern sich immer in Briefen von verblüffender Gewandtheit. Ein Vierteljahrhundert lang produziert er alle fünf bis sieben Jahre ein dickes, solides Buch, das erhebliche Recherchen erfordert. Er ringt vielleicht um das Wort, den Satz, die Assonanz, aber er leidet nie an einer Schreibhemmung.

 

1874 Veröffentlichung von La Tentation de Saint Antoine. Trotz seiner Fremdartigkeit ein erfreulicher, befriedigender Verkaufserfolg.

 

1877 Veröffentlichung von Trois Contes. Ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum: Zum ersten Mal bekommt Flaubert von Le Figaro eine günstige Rezension; das Buch erlebt in drei Jahren fünf Auflagen. Flaubert beginnt die Arbeit an Bouvard et Pécuchet. Während dieser letzten Jahre wird sein Vorrang unter den französischen Romanciers von der nächsten Generation anerkannt. Er wird gefeiert und verehrt. Seine Sonntagnachmittage werden zu berühmten Ereignissen in der literarischen Gesellschaft; Henry James spricht beim Meister vor. 1879 rufen Gustaves Freunde zu seinen Ehren die alljährlichen Sankt-Polykarps Diners ins Leben. 1880 überreichen ihm die fünf Koautoren von Les Soirées de Médan, unter ihnen Zola und Maupassant, ein Widmungsexemplar: Man kann das Geschenk als symbolischen Gruß des Naturalismus an den Realismus verstehen.

 

1880 Hochgeehrt, allseits beliebt und bis zuletzt hart arbeitend, stirbt Gustave Flaubert in Croisset.

II

1817 Tod von Caroline Flaubert (im Alter von zwanzig Monaten), dem zweiten Kind von Achille-Cléophas Flaubert und Anne-Justine-Caroline Flaubert.

 

1819 Tod von Emile-Cléophas Flaubert (im Alter von acht Monaten), ihrem dritten Kind.

 

1821 Geburt von Gustave Flaubert, ihrem fünften Kind.

 

1822 Tod von Jules Alfred Flaubert (im Alter von drei Jahren und fünf Monaten), ihrem vierten Kind. Sein Bruder Gustave, geboren entre deux morts, ist zart, und man traut ihm keine lange Lebensdauer zu. Dr. Flaubert kauft auf dem Cimetière monumental eine Familienstätte und lässt für Gustave vorsorglich ein kleines Grab ausheben. Überraschenderweise überlebt er. Er entpuppt sich als schwerfälliges Kind, das sich stundenlang damit begnügt, mit dem Finger im Mund und einem »beinahe dummen« Gesichtsausdruck dazusitzen. Für Sartre ist er der »Idiot der Familie«.

 

1836 Der Beginn einer hoffnungslosen, obsessiven Leidenschaft für Elisa Schlesinger, die ihm das Herz ausbrennt und ihn unfähig macht, jemals eine andere Frau ganz und gar zu lieben. Rückblickend notiert er: »Jeder von uns hat in seinem Herzen ein Königsgemach. Ich habe meines zugemauert.«

 

1839 Ausschluss vom Collège de Rouen wegen Rüpelhaftigkeit und Ungehorsam.

 

1843 Die juristische Fakultät in Paris gibt die Ergebnisse der Prüfung nach dem ersten Jahr bekannt. Die Prüfer bewerten mit roten und schwarzen Kugeln. Gustave bekommt zwei rote und zwei schwarze und ist damit durchgefallen.

 

1844 Verheerender erster Anfall von Epilepsie; weitere werden folgen. »Jeder Anfall«, schreibt Gustave später, »war wie eine Blutung des Nervensystems … Es war, als würde einem die Seele aus dem Leib gerissen, grausam.« Man lässt ihn zur Ader, gibt ihm Pillen und Infusionen, setzt ihn auf eine spezielle Diät, verbietet ihm Alkohol und Tabak; wenn er seinen Platz auf dem Friedhof nicht in Anspruch nehmen soll, ist eine Lebensweise mit strikter Bettruhe und mütterlicher Pflege erforderlich. Ohne überhaupt in die Welt eingetreten zu sein, zieht sich Gustave jetzt aus ihr zurück. »Du wirst also behütet wie ein junges Mädchen?«, spottet später einmal Louise Colet und trifft damit die Sache. Mit Ausnahme der letzten acht Jahre seines Lebens wacht Madame Flaubert aufs erdrückendste über sein Wohlergehen und zensiert seine Reisepläne. Mit den Jahrzehnten überrundet ihre Gebrechlichkeit allmählich die seine; als er ihr dann fast keine Sorgen mehr macht, ist sie ihm eine Last geworden.

 

1846