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Flavius Josephus war einer der bedeutendsten Historiker der antiken Welt. Als junger Priester aus der Jerusalemer Oberschicht hatte Josephus eine aktive Rolle im Jüdischen Krieg. Nach dem Fall von Judäa erhielt er das römische Bürgerrecht und lebte fortan von einer kaiserlichen Pension und dem Ertrag seiner Landgüter in Judäa. Seine wichtigsten Werke sind die Geschichte des Jüdischen Krieges und die Geschichte des jüdischen Volkes von der Erschaffung der Welt bis zum Vorabend dieses Krieges. "Mein Leben", oft nur "Vita" genannt, ist die Autobiographie des Flavius Josephus. Das Vorwort beschreibt die angesehene Herkunft des Verfassers und seinen militärischen Einsatz bei der Bekämpfung des Aufstandes in Galiläa. Es folgt eine detaillierte Beschreibung von Josephus' Taten zu Beginn des Aufstands. Josephus befestigte Orte in Galiläa, war aber die meiste Zeit mit Intrigen und komplexen Verschwörungen beschäftigt und versuchte, sich vor den bösen Absichten seiner Gegner, die von Yohanan ben Levi angeführt wurden, zu retten. Zum Schluss erwähnt Josephus die Ereignisse, nachdem er in die Hände der Römer gefallen war, seine Frauen und Nachkommen sowie die Geschenke und Ehrungen, die er von römischen Kaisern erhielt. In seiner Vita verteidigt sich Josephus gegen Justus' Vorwürfe, die Juden während des Aufstandes an Rom verraten zu haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Selbstbiographie schrieb Josephus, um sich gegen die Beschuldigungen zu verteidigen, welche Justus von Tiberias1 und andere gegen ihn erhoben hatten. Man warf ihm nämlich vor, eine Reihe von Thatsachen, zumal solche, die seine Statthalterschaft in Galilaea betrafen, wissentlich verschwiegen oder verfälscht zu haben. Justus von Tiberias insbesondere hatte wie Josephus eine Geschichte des Jüdischen Krieges2 herausgegeben und darin seine Angriffe gegen den Befehlshaber von Galilaea veröffentlicht. Dieses Werk ist nicht auf uns gekommen; wir vermögen deshalb nicht zu sagen, wie der Verfasser seine Anklagen zu beweisen versucht hat. Einige derselben müssen wohl nicht ganz unbegründet gewesen sein, was daraus hervorgeht, dass der mittlere, wichtigste Teil der Selbstbiographie, der vornehmlich der Widerlegung dienen sollte, in merklicher Aufregung und stellenweise sogar in offenkundiger Verlegenheit geschrieben ist.
Dem Zweck der Biographie entsprechend ist der in diesem mittleren Teil behandelte Lebensabschnitt, weil er sich auf die Statthalterschaft in Galilaea bezieht, am ausführlichsten geschildert, und so mag die Schrift nicht unpassend als Anhang zur Geschichte des Jüdischen Krieges aufgefasst werden.
Was die Zeit betrifft, in der das Werkchen geschrieben wurde, so ergiebt sich aus Abschnitt 65, wo der 101 n. Chr. erfolgte Tod Agrippas II. vorausgesetzt wird, dass die Abfassung erst nach diesem Ereignis, also im Jahre 102 oder 103 n.Chr. stattgefunden hat.
Im übrigen ist die flott geschriebene Biographie ohne weitere vorgängige Erläuterungen verständlich.
1 (1.) Ich habe einen Stammbaum aufzuweisen, der nicht unberühmt ist, sondern bis in die ältesten Priesterfamilien zurückreicht. Bekanntlich gründet sich der Adel bei dem einen Volk auf diese, bei dem anderen auf jene Voraussetzung, und so wird bei uns als Kennzeichen vornehmer Geburt die Zugehörigkeit zur Priesterschaft angesehen. 2 Übrigens leite ich meine Abstammung nicht nur aus priesterlichem Geschlecht, sondern – was viel besagen will – sogar aus der ersten der vierundzwanzig Klassen und zwar aus der vornehmsten Familie derselben her. Mütterlicherseits bin ich auch königlichem Geblüt entsprossen; denn die Asamonäer, die Vorfahren meiner Mutter, sind während eines beträchtlichen Zeitraumes Hohepriester und Könige unseres Volkes gewesen. 3 Mein Stammbaum ist folgender: Mein Urahn Simon mit dem Beinamen Psellos lebte um die Zeit, als ein Sohn des Hohepriesters Simon, derselbe, der zuerst unter den Hohepriestern den Namen Hyrkanus trug, das hohepriesterliche Amt bekleidete. 4 Simon Psellos hatte neun Söhne. Einer von diesen, Matthias, des Ephlias Sohn genannt, heiratete die Tochter des Hohepriesters Jonathas, der zuerst von den Asamonäern die Hohepriesterwürde an sein Haus brachte und dessen Bruder Simon gleichfalls Hohepriester war, und erhielt von ihr im ersten Jahre der Regierung des Hyrkanus einen Sohn, Matthias mit dem Beinamen „der Bucklige.“ 5 Des letzteren Sohn war Joseph, geboren im neunten Regierungsjahre Alexandras, und von Joseph ward im zehnten Jahre der Regierung des Königs Archelaus Matthias gezeugt. Der Sohn dieses Matthias bin ich selbst, geboren im ersten Jahre der Herrschaft des Caesars Gajus. Ich habe wiederum drei Söhne, von denen der älteste, Hyrkanus, im vierten, Justus im siebenten, und Agrippa im neunten Jahre der Regierung des Imperators Vespasianus das Licht der Welt erblickte. 6 Indem ich so meinen Stammbaum, wie ich ihn in den amtlichen Urkunden vorfand, veröffentliche, sehe ich mit Verachtung auf diejenigen hinab, die mich verleumden wollen.
7 (2.) Mein Vater Matthias war aber nicht bloss um seines Adels, sondern noch mehr um seiner Gerechtigkeit willen ein hervorragender Mann und deshalb in unserer Hauptstadt Jerusalem allgemein geachtet. 8 Mit meinem leiblichen Bruder Matthias gemeinsam erzogen, eignete ich mir einen hohen Grad von Bildung an, und man glaubte von mir, dass ich die anderen an Gedächtnis und Verstand überträfe. 9 So kam es, dass ich schon als Knabe von etwa vierzehn Jahren meiner Wissbegierde wegen von jedermann gelobt wurde, und dass selbst die Hohepriester und Vornehmen der Stadt mich besuchten, um eine besonders gründliche Auslegung des Gesetzes von mir zu erfahren. 10 Im Alter von sechzehn Jahren fasste ich den Entschluss, unsere Sekten zu prüfen, deren es, wie ich des öfteren3 auseinandergesetzt habe, drei giebt: Pharisäer, Sadducäer und Essener. Ich glaubte nämlich dadurch die beste herausfinden zu können, dass ich sie alle kennen lernte. 11 Unter harten Abtötungen und zahlreichen Mühseligkeiten durchlief ich die drei Sekten, und als ich dann meinen Wissensdrang noch immer nicht für befriedigt hielt, wurde ich der eifrige Schüler eines gewissen Banus, der, wie ich vernahm, in der Wüste lebte, Kleider von Baumrinde trug, wildwachsende Kräuter ass und zur Reinigung sich öfters am Tage wie in der Nacht mit kaltem Wasser wusch. 12 Bei ihm brachte ich drei Jahre zu und kehrte, nachdem meine Absicht erreicht war, in die Stadt zurück. Im neunzehnten Lebensjahre begann ich dann die öffentliche Laufbahn als Anhänger der Pharisäersekte, welche den griechischen Stoikern nahe kommt.4
13 (3.) Mit dem vollendeten sechsundzwanzigsten Lebensjahr unternahm ich eine Reise nach Rom aus folgender Veranlassung. Um die Zeit, als Felix Landpfleger von Judaea war,5 liess derselbe einige mir sehr befreundete Priester, wackere und ehrenwerte Männer, einer ganz unbedeutenden Ursache wegen verhaften und schickte sie nach Rom, wo sie sich vor dem Caesar verantworten sollten. 14 In der Absicht nun, zu ihrer Befreiung das meinige beizutragen, besonders aber, weil ich erfuhr, dass sie auch im Unglück die Ehrfurcht gegen Gott nicht ausser acht liessen und sich von Feigen und Nüssen ernährten, fuhr ich nach Rom, hatte aber zur See schwere Gefahren zu bestehen. 15 Unser Schiff nämlich sank mitten auf dem Adriatischen Meere unter, und wir mussten, fast sechshundert an der Zahl, die ganze Nacht hindurch schwimmen. Endlich gegen Tagesanbruch kam uns durch Gottes Fürsorge ein Fahrzeug aus Kyrene zu Gesicht, in welches ich nebst einigen anderen, die den übrigen vorausgeschwommen waren, im ganzen etwa achtzig, aufgenommen wurde. 16 So ward ich gerettet und kam nach Dikaearchia, welches die Italiener Puteoli nennen und wo ich bei Aliturus gastliche Aufnahme fand. Dieser Mann, ein geborener Jude, war Schauspieler und stand bei Nero in hoher Gunst. Durch ihn wurde ich mit der Gemahlin des Caesars, Poppaea, bekannt und trug ihr nun sogleich die Bitte um Freilassung der Priester vor. Sie gewährte mir denn auch diese Gnade, und nachdem ich obendrein noch reichlich von ihr beschenkt worden war, kehrte ich nach Hause zurück.
17 (4.) Hier fand ich das Feuer des Aufruhrs schon am glimmen und musste die Wahrnehmung machen, dass gar viele sich mit dem verwegenen Plane trugen, von den Römern abzufallen. Ich versuchte nun die Empörer zu beschwichtigen und auf andere Gedanken zu bringen, indem ich ihnen vorstellte, mit wem sie es aufnehmen wollten und dass sie den Römern nicht nur an Kriegserfahrung, sondern auch an Glück nachstehen würden: 18 sie möchten daher nicht so leichtfertig und sinnlos über Vaterland, Familie und sich selbst die äusserste Gefahr heraufbeschwören. 19 So sprach ich und drang eifrig in sie, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, weil ich voraussah, dass der Krieg für uns in der schrecklichsten Weise enden würde. Glauben aber fand ich nicht, denn der Wahnsinn der Verzweifelten überstieg alles Mass.
20 (5.) Schliesslich musste ich fürchten, durch derartige Reden den Hass der Menge sowie den Argwohn auf mich zu laden, als hielte ich es mit den Feinden, und demzufolge von den Empörern ergriffen und getötet zu werden. Ich zog mich daher, weil die Antonia bereits genommen war, ins Innere des Tempels zurück. 21 Nach der Ermordung des Manaëm und der Anführer des räuberischen Gesindels aber schlich ich mich wieder aus dem Heiligtum hinaus und hielt mich zu den Hohepriestern und den einflussreichsten Pharisäern. 22 Unsere Besorgnis hatte übrigens schon einen hohen Grad erreicht; sahen wir doch das Volk in Waffen, uns selbst aber in gänzlicher Ratlosigkeit und ausser stande, dem Aufruhr Einhalt zu thun, während uns die offenkundigste Gefahr bedrohte. 23 Zum Schein stimmten wir deshalb dem Vorhaben der Empörer bei, rieten aber zur Mässigung, da wir hofften, Gessius6 werde binnen kurzem mit bedeutender Truppenmacht heranziehen und den aufständischen Bewegungen ein Ende machen.
