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Seit sieben Jahren ist Lukas vom Hals abwärts gelähmt. Von den Ärzten aufgegeben, klammert der sich nunmehr Achtzehnjährige dennoch an die Hoffnung, dass ihm eine nach vielen Jahren ins Dorf zurück gekommene, seltsame Frau, die haarsträubende Reisen in andere Wirklichkeiten unternimmt und im Körper eines Habichts übers Land fliegt, mit diesen uralten Heilmethoden doch noch helfen kann. Lesermeinungen: Absolut lesenswert! Für alle, deren Interesse über die"normalen" Dinge des Lebens hinausgeht. Spannend und verständlich dargestellt - in einer wunderschönen Sprache erzählt, in einer tollen Geschichte verpackt. Mit dem Buch "Fliegenpilz" ist Christian Brunner ein großartiger, spannender Roman gelungen! Er vereint gekonnt fundiertes schamanisches Wissen, eine Auseinandersetzung mit Schicksals-schlägen, Affinität zu keltischem Brauchtum, Liebe zur Heimat und ein wenig Romantik. Der Autor schafft es spielend eine Spannung aufzubauen, die sich bis zur letzten Seite durchzieht. Connection, der Verlag für's Wesentliche: Schamanische Geistreisen, Seelenrückholung, Anderswelten … die schamanischen Techniken erzählt dieser Roman detailliert, lebhaft und kenntnisreich. Nicht nur das, auch die alpine Umgebung, die Eigenheiten der Dorfbewohner, die Landschaften, das Innenleben der Charaktere – alles ist so lebhaft, detailverliebt und intensiv geschildert, dass man das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Ein spannender, mitreißender Roman, der nebenbei noch ein Lehrstück zum Schamanismus sein kann. Besser geht's kaum. Und die österreichische Autorin Lotte Ingrisch sagt: "Ihr 'Fliegenpilz' - eine große Freude, ich bedanke mich. Das Buch habe ich in fast einem Zug gelesen, es gefällt mir ungeheuer gut. Der Inhalt, und schreiben können Sie auch."
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Seitenzahl: 725
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christian Friedrich Brunner beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Schamanentum und wendet die damit verbundenen Heilmethoden seit fast 20 Jahren auch praktisch an (Stand 2012).
Als gebürtiger Österreicher, aber derzeit wohnhaft in den USA, konzentriert er sich seit Ende des 20. Jahrhunderts in seiner schamanischen Arbeit und in seiner literarischen Tätigkeit auf die Erforschung der europäischen Ausformung des Schamanentums vor der Christianisierung des Kontinents.
In diesem Zusammenhang trat er dem „Order of Bards, Ovates, and Druids“ in England bei und schreibt seit dem Beginn seiner Ausbildung zum Druiden auch Artikel im „Touchstone“, dem monatlichen Newsletter dieser Organisation.
Besuchen Sie auch die Internet Seite zu dem vorliegenden Buch unter www.derfliegenpilz.at sowie die facebook Seite „Fliegenpilz“
Sie können dem Autor auch auf Twitter unter #druideabfalter folgen.
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Für meinen Großvater
I. Teil: Tod
Der Vorfall
Die Hallerin
Die Entscheidung
Umzug
Veränderungen
Der Zauberlehrling
Schamanentreffen
Einmal werden wir noch wach...
Der Fall
Abschied
II. Teil: Zwischenzeit
Einen Versuch wert
Wirklich?
III. Teil: Leben
Lena
Ausflug zur Rückkehr
Der Stadtschamane
Harte Arbeit
Familienbande
Ein neues Kapitel
Lukas lag schon lange wach im Bett seiner Dachstube. Wie nahezu jeden Tag war er vor allen anderen im Hause seiner Eltern munter und sah durch das kleine Fenster hinaus in den noch nachtdunklen Himmel. Nur ein silberblauer Streifen am Horizont deutete auf das Kommen des nächsten Tages. Tränen rollten ihm über die Wange. Mittlerweile hasste er dieses allmorgendliche Ritual: aufwachen, Augen öffnen, es versuchen, erkennen, dass es auch heute wieder nicht funktioniert, weinen, warten. Er hasste es zutiefst, nur dass er eben nichts dagegen unternehmen konnte. Wieder war ein neuer Tag im Anmarsch und nichts würde sich ändern. Die Mutter würde bald ins Zimmer kommen, den Polster aufschütteln und merken, dass er wieder nass von den Tränen ihres Sohnes war. Und sie selbst würde wieder mit allen Mitteln gegen ihre eigenen ankämpfen. Doch Lukas konnte dann an ihren roten, glasigen Augen feststellen, dass er seine Mutter wieder und wieder an die unendliche Traurigkeit seiner Situation erinnert hatte.
Langsam erhellte sich das Zimmer, und Lukas konnte die Möbel erkennen, die sich darin befanden. Auch wenn er es gar nicht nötig hatte – er lag ja nunmehr schon das siebente Jahr hier –, sah er sich um, als ob er feststellen müsste, dass noch alles an seinem alten Platz war. Der alte Schreibtisch stand tatsächlich – wie hätte es auch anders sein sollen – noch vor dem Fenster und die Tischplatte spiegelte bereits das erste Licht wider, während die Front noch im Schatten lag. Das Stück hatte Lukas an seinem ersten Schultag vom Großvater bekommen. Es stammte aus der alten Dorfschule, in die seine Eltern und seine ältere Schwester noch gegangen waren. Als die Schule geschlossen wurde, weil die Gemeinde weiter unten im Tal ein neues, moderneres Schulgebäude errichtet hatte, wurden die Einrichtungsgegenstände an Interessierte verkauft. Und so kam der Schreibtisch in den Besitz der Familie Berner. Die Schreibfläche war nach wie vor zerfurcht von den Gravuren und Schnitzereien, die die Buben und Mädchen während all der Jahre wohl aus Langeweile in das Holz getrieben haben. Wie alt das Möbel mindestens war, konnte man anhand eines Herzens errechnen, das im rechten unteren Eck eingeritzt war. In ihm war noch der Name „Frantz“ zu erkennen – ein Junge, der offensichtlich in eine seiner Mitschülerinnen verliebt war. Frantz mit „t“, das musste wohl aus dem vor–vorigen Jahrhundert stammen.
Der Name des Mädchens aber war bereits verwischt, nur der erste Buchstabe hätte ein „S“ gewesen sein können. Hatte sie etwa auch Sophie geheißen wie seine Schwester und unzählige andere Tirolerinnen?
Jedenfalls war der Schreibtisch übersät mit Sprüchen und Namen. Eigentlich hatte der Großvater ihm schon seit Jahren versprochen, die Platte abzuhobeln und überhaupt das ganze Stück zu renovieren, und normal entsprach es ganz und gar nicht der Art vom alten Simon Berner, leere Versprechungen abzugeben. In Lukas’ Fall aber musste er sich wohl gedacht haben, dass der Bub ja sowieso nie mehr an einem Schreibtisch sitzen wird – wieder so eine Gegebenheit, die Lukas tagtäglich an sein Schicksal erinnerte.
Langsam hellte sich der Raum auf und der Junge konnte bereits die restlichen Einrichtungsgegenstände seiner Stube betrachten. Nicht alle jedoch, nur die, die er aus seinem Blickwinkel und durch Rollen der Augen erfassen konnte. Für den Rest hätte er ja in der Lage sein müssen, seinen Kopf zu bewegen. Wenn ihn also die Mutter in der Früh nicht aufgerichtet und untertags mal hierhin, mal dorthin gesetzt hätte, hätte er nicht einmal gewusst, wie seine engste Umgebung, sein Zimmer, aussah. Den alten, hellblauen und mit Blumenmustern bemalten Bauernschrank sah er aus seiner momentanen Rückenlage, die Holzdecke natürlich und – aus den Augenwinkeln – zum Teil das Nachtkästchen, auf das der Vater einfach eine größere Platte angenagelt hatte, damit man darauf auch das Tablett mit dem Essen sicher platzieren konnte. Dann den Lehnstuhl, in dem die Mutter saß, wenn sie ihren Buben fütterte, seine Geschwister, wenn sie ihm den neuesten Klatsch aus der Schule und dem Dorf erzählten; in dem auch manchmal Freunde knotzten, die aus Verlegenheit nicht viel und wenn nur oberflächliches Zeug redeten. Ab und zu kamen auch der Vater oder der Großvater herauf. Die saßen dann zusammengesunken in dem Fauteuil und ließen gelegentlich ein „Hm“ oder ein „Jaja“ verlauten. Viel mehr war aus diesen zugeknöpften Bergbauern mit ihren ledrigen Gesichtern nicht herauszubringen. Außer wenn der Blick des Großvaters auf den alten Schreibtisch fiel, dann kam auch mal ein ganzer Satz zustande, auch wenn es immer der gleiche war: „Siehst, Bub, den Schreibtisch, den sollt’ ich einmal reparieren.“
Seine Geschwister, Sophie, Mathias und der kleine Alois, kamen ihn fast jeden Tag besuchen, manchmal alle zusammen, meist aber einzeln. Sophie erzählte von der Arbeit im Büro, und Mottl, wie sein nur um zwei Jahre jüngerer Bruder auch genannt wurde, berichtete von dem neu Gelernten in der Schule. Es war nicht das erste Mal, dass Lukas all diese Dinge hörte, denn seine ältere Schwester hatte sie ihm auch immer erzählt. Und wenn der kleine Loisl in die Schule kommen wird, wird Lukas sie ein drittes Mal hören, ob er wollte oder nicht. Derzeit aber schaute der Alois seinen Bruder immer nur mit seinen großen Augen an. Manchmal glaubte Lukas sogar, aus den Blicken des Kleinen so etwas wie Bewunderung für ihn, den älteren Bruder zu erkennen, was ihm jedoch in Anbetracht seiner Lage gänzlich unverständlich war.
Seit Lukas wach war, hatte er schon die Vögel draußen gehört, jetzt aber hatten sich immer mehr und mehr Geräusche dazugesellt, menschlichen Ursprungs allerdings. Die Autos und hie und da ein Motorrad waren zu vernehmen, gefahren von den Dorfbewohnern, die im Tal und in der nächsten Stadt arbeiteten. Das Geknatter des Traktors, mit dem der alte Simon auf dem Weg zum Nachbarn war, war bereits verklungen, als Lukas vernahm, wie seine Geschwister das Haus Richtung Schulbusstation verließen. Es gab zwar keinen richtigen Schulbus hier, aber der Linienbus um halb acht in der Früh war immer so voll mit Schülern, dass er von allen einfach Schulbus genannt wurde. Erwachsene versuchten ihn zu meiden und entweder früher oder später zu fahren.
Nur mehr die Mutter war zu hören, und Lukas wusste, dass sie ihm gerade das Frühstück zubereitete. Wenn nur das mit den Tränen nicht schon wieder passiert wäre. Die Schritte und das Knarren der Holzstiege ließen ihn wissen, dass die Mutter kam. Wie jeden Tag brachte sie ihm das Tablett mit dem Kaffee und der Buttersemmel. Die Abwechslung bestand lediglich darin, welche Marmelade Maria Berner auf die Semmel gestrichen hatte. Manchmal gab es auch Honig statt Marmelade und am Sonntag irgendeinen Kuchen. Maria öffnete die Tür mit dem Ellbogen, eine Technik, die nach sieben Jahren bereits ausgereift war und keine Gefahr mehr für das Häferl mit dem Kaffee und den Teller mit dem Essen in sich barg. Am Anfang von Lukas’ Krankheit war das noch anders gewesen.
„Morgen, Bub! Schon wach?“, grüßte ihn wie jeden Morgen die Mutter.
Wird sie ihn in zehn, zwanzig Jahren noch immer Bub nennen? Musste er überhaupt so lange leben? Konnte man das überhaupt noch leben nennen? Und was hieß schon wach?
Es mussten doch schon Stunden vergangen sein, seit er jäh aus dem Traum und damit aus seinem Schlaf gerissen wurde –weitere unendlich lange Stunden der Bewegungslosigkeit.
Lukas lächelte, eine der wenigen Bewegungen, zu denen seine Muskeln fähig waren. Er konnte zwar auch reden, aber gar nicht gut, und es war ihm auch recht peinlich, diese gutturalen Laute von sich zu geben, die ja doch nur fragende Gesichter bei den Angesprochenen hervorriefen. Aber es war abgemacht, dass Grinsen „ja“ heißt und die Augen schließen „nein“.
Die linke Hand der Mutter grub sich zwischen das Genick ihres Sohnes und den Polster – hatte sie die tränennassen Stellen auf beiden Seiten des Kopfes bemerkt? – und richtete seinen Oberkörper auf. Mit der Rechten fasste sie den Polster an einem Zipfel, schüttelte ihn auf, legte ihn wieder hin und griff hinüber zum Lehnstuhl, wo der zweite, feste Polster lag, an den Lukas den restlichen Tag angelehnt verbringen würde.
Dann zog sie die Decke zurück, eine Tätigkeit, bei der Maria immer einen eigenartig professionell starren Blick bekam und Lukas die Augen schloss, die einzige Art und Weise, wie er sich der Gegenwart entziehen konnte. Nachdem sie dann den Sitz des Katheders überprüft hatte, massierte Maria kurz die schlaffen Fußmuskeln ihres Sohnes, genau so, wie es ihr der Masseur vom Sporthotel gezeigt hatte; eigentlich massierte er dort für teures Geld die Gäste, aber er hatte ein Herz für den Jungen und behandelte ihn einmal die Woche während seiner Freizeit.
Lukas Berners Augen blieben so lange fest verschlossen, bis zu dem Zeitpunkt, als er die Klosettspülung hörte, die die Mutter betätigte, nachdem sie die Leibschüssel entleert hatte.
Für Lukas waren diese Augenblicke peinlich. Am liebsten wäre er aufgestanden und davongelaufen. Dabei konnte er ja nicht einmal den kleinen Finger bewegen.
Doch Lukas hatte in den nahezu sieben Jahren, in denen er schon im Bett lag, ohne sich durch eigene Anstrengung bewegen zu können, eine andere Möglichkeit entwickelt, seinem tristen Alltag zu entkommen. Er hatte gelernt zu träumen. Das aber war nicht immer so einfach, denn dazu musste er schlafen. Und Lukas war eben nicht allzu oft müde.
Aber wenn er es schaffte, einzuschlafen, dann konnte er träumen. Normale Träume, wo nichts Besonderes und doch das Unmöglichste und alles zugleich passierte; dann jene, die nur einfach schön waren, seit kurzem auch von Frauen, von Liebe und Sex. Und schließlich die Träume, die Lukas erst seit den letzten paar Monaten immer und immer wieder hatte.
Da war diese Höhle, in die er hineinging – ja, im Traum konnte er sich bewegen –, mit dem großen Eingang, der wie ein Portal geformt war. Wurzeln, dick wie die Bäume selbst, die aus ihnen hervorgingen, rankten sich um die mit Flechten und Moosen bedeckten Felsblöcke und verschwanden in den Ritzen, die sie im Verlauf der Zeit in den Fels gesprengt hatten. Wenn man durch das Portal schritt, tat sich eine von der Natur geformte Halle auf, die von oben durch ein Loch in der Decke beleuchtet wurde, das ein heruntergefallener Steinbrocken verursacht hatte. Der Fels lag noch immer dort, wo er wahrscheinlich schon vor Zehntausenden von Jahren auf den Boden gedonnert war – die abgeschliffenen Kanten und vor allem die schalenförmige Vertiefung in der Mitte der Oberseite zeugten jedoch davon, dass später Menschen hier Hand angelegt hatten.
Wenn Lukas sich weiter in die Grotte hineinbegab, konnte er zwar noch ein Weile aufrecht gehen, dann aber wurde es immer enger, bis ihn schließlich hängende Tropfsteine dazu zwangen, auf allen vieren zu kriechen. Irgendwann war es aber so eng, dass es kein Vorwärtskommen mehr gab, und Lukas musste umkehren. Zuletzt war ihm aber aufgefallen, dass da am Ende dieses dunklen, engen Ganges so etwas wie Licht zu erkennen war, wenn auch sehr undeutlich. Gelegentlich konnte er auch ein Glitzern an den Wänden wahrnehmen; aber immer wenn Lukas das, was da so glitzerte, berühren wollte, verschwand es, und seine Finger lagen auf nasskaltem Stein. Aus den Augenwinkeln betrachtet hatte er jedoch immer den Eindruck, als ob da Kristalle funkelten.
Und dann war da auch noch dieser dunkle Fichtenwald mit all den vertrauten Klängen aus der frühen Kindheit, dem Singen und Flattern der Vögel, dem Summen und Zirpen der Insekten, hie und da ein Knacken von brechenden Ästen, wenn Hochwild durch das Unterholz strich. Es roch nach schwarzer Erde, nach Blütenstaub, Harz und Pilzen.
Auch ein Luchs kam in diesen Träumen vor. Er begleitete Lukas auf eine ganz spezielle Art. Manchmal war er in einiger Entfernung zu sehen, und wenn Lukas dann stehen blieb, um ihn genauer zu betrachten, verschwand er. Dann wieder hörte er ihn in der Nähe durch die Büsche streifen. Irgendetwas Vertrautes ging von den gelben Augen des Luchses aus, eine Art Einladung, Freundschaft zu schließen. Bis jetzt aber war es Lukas noch nicht gelungen, näher an das scheue Tier heranzukommen. Wie ein Geist wich es jedes Mal zurück, wenn er heranzukommen versuchte.
Leider wurde Lukas nur allzu oft durch Geräusche aus dem Haus aus seinen Träumen herausgerissen, und das hatte ihm bisher auch nicht so viel ausgemacht. Bei den Luchsträumen jedoch, das war ihm aufgefallen, war das irgendwie anders.
Wenn er langsam aus einem solchen Traum erwachte, ging es ihm gut, dann fühlte er sich stark und wohl. Wurde er aber etwa durch Lärm aufgeweckt, war er oft fast benommen.
Einmal war es so arg, dass ihm richtiggehend schlecht wurde. Noch eine interessante Neuerung war in der letzten Zeit aufgetreten. Lukas konnte jetzt auch dann träumen, und zwar ohne zu schlafen, selbst wenn der Regen auf das Dach und gegen das klapprige Stubenfenster prasselte. Er lag oder saß dann mit offenen Augen da, träumte vom Wald, den Klängen und Düften und seinem neuen Freund, dem Luchs. Ja, es war tatsächlich wie eine Freundschaft, wenn auch noch keine nahe. Und wenn dann die Regentropfen ans Dach und die Fenster klopften, hörte Lukas nicht einmal, wenn jemand ins Zimmer kam.
Er wusste, dass die Familie sich schon Gedanken über ihn machte, weil er ja jetzt nicht nur bewegungsunfähig, sondern gelegentlich auch geistig vollends abwesend war.
„… Unwetter geben, Lukas!“, hörte er seine Mutter gerade noch den letzten Teil eines Satzes sagen. Den Anfang des Satzes hatte er natürlich nicht vernommen, weil er in Gedanken ja längst wieder beim Luchs war.
„Lukas, hörst du mir überhaupt zu?“ Ungeduld klang in ihrer Stimme mit.
Lukas grinste und – schloss die Augen.
Wie sollte Maria Berner das nun wieder deuten. Ein Ja-Lächeln und ein Nein-Augenschließen zugleich? Sie seufzte und wandte sich um, um wieder hinunterzugehen. Im ersten Moment aber war es Lukas gar nicht bewusst, dass er eine Antwort gegeben hatte, die alles und nichts bedeutete. Ein Ja und ein Nein zugleich. Als ihm jedoch klar wurde, dass er seiner Mutter, die sich tagtäglich so liebevoll um ihn kümmerte, eine Antwort gegeben hatte, mit der sie so gut wie nichts anfangen konnte, überwand er sich rasch und versuchte wieder einmal zu reden.
„Mmmmu’ghgh’aaah“, entwich seiner kraftlosen Kehle. Maria wusste, dass das Mutter hieß und schaute ihrem Jungen voll ins Gesicht. Lukas riss die Augen weit auf und grinste: „Ja“, deutete die Mutter. „Ich habe dir zugehört.“ Beide wussten, dass das gelogen war. Beide aber akzeptierten die Bemühung des jeweils anderen: Lukas die der Mutter, ihrem Sohn zu glauben, und Maria die ihres Sohnes, seiner Mutter eine Freude zu machen.
Maria Berner musste Lukas nun verlassen, um den Aufgaben einer Bergbäuerin nachgehen. Welche das genau waren, wusste Lukas nicht wirklich, er war ja erst elf, als er seine Mutter das letzte Mal bei der Arbeit sah, aber er konnte sich erinnern, dass sie sich um die Hühner und das Vieh kümmerte. Und das Essen kam auch immer aus der Küche, wo sie sich einen Gutteil des Vormittags aufhielt. Aber sonst hatte er sich damals, vor sieben Jahren, mehr um andere Dinge gekümmert. Um den neuen Traktor zum Beispiel, den der Vater aus der Hauptstadt mitgebracht hatte und der da in funkelndem Rot in der Scheune stand. Er war zwar noch immer rot, leuchtete aber nicht mehr so, nur dass Lukas das nicht wusste – er hatte ihn ja seither nicht mehr gesehen.
„Soso“, dachte Lukas bei sich, „heute gibt es also ein Unwetter.“ Dabei sah es gar nicht danach aus, denn, soweit er das aus seinem Fenster sehen konnte, schien da draußen die Sonne im sauberen Blau des hochalpinen Himmels. Da Lukas ja nunmehr aufgerichtet im Bett saß, konnte er nicht nur die Spitzen der Bergwand auf der gegenüber liegenden Seite des Tales sehen, sondern auch die Hänge. Und dort jedenfalls schien die Sonne hin. Aber das war es dann auch schon, soweit es Lukas’ Horizont betraf, ein Horizont mit Fensterrahmen, Almwiesen, darüber Felsen und dann etwas Himmel. Dazu war das Ganze noch ein wenig verzerrt, weil das Glas handgefertigt und daher etwas uneben war. Außerdem konnte man da diese kleine Luftblase sehen, um die herum sich das, was man gerade sah, drehte. Wenn Lukas lag, hatte die Blase keinen besonderen Effekt, da sie dann genau dort war, wo er den Himmel sah. Nur wenn er saß, dann drehte sich die Almwiese, oder manchmal, wenn er Glück hatte, kringelte sich sogar ein Stück Rind um den kleinen Lufteinschluss. Lukas war schon stundenlang dagesessen und hatte auf die Luftblase gestarrt in der Hoffnung, dass genau dort ein Vogel vorbeifliegen und ihm sodann ein skurriles Bild entwerfen würde.
Aus seiner sitzenden Position konnte der Junge nun auch den Fußboden einsehen. Es war ein alter Schiffbrettboden mit Bohlen, die an den meist begangenen Stellen glänzten. Der oftmalige Wechsel zwischen trockener Sommerhitze und feuchter Winterluft hatte bereits Spalten in das Holz gerissen, zusätzlich zu jenen zwischen den einzelnen Brettern, die durch das Alter des Gefüges schon ziemlich auseinandergewandert waren. Lukas hasste diese Ritze, denn dort hielten sich Spinnen und anderes Getier auf. Nicht dass ihm vor diesen Insekten an und für sich gegraust hätte, aber die Spinnen kamen manchmal in sein Bett – entweder aus den Spalten im Boden oder manchmal auch von der Decke herab. Er geriet dann immer in Panik und ließ einen lauten Schrei los. Meist kam dann auch gleich jemand, der das Tier entfernte. Die Eltern und Geschwister waren ja schnell bei ihm oben, der Großvater aber brauchte schon ein wenig länger. Aber das Schlimme war, dass sie das Tier erst suchen mussten, denn Lukas konnte ja nicht einmal in die Richtung zeigen, in der sich das Insekt aufhielt. Momentan konnte Lukas aber keine Bewegung im Schatten der Spalten im Holz ausmachen.
Heute war Freitag, das heißt, höchstwahrscheinlich war heute Freitag, denn Lukas zählte die Wochentage seit dem Tag mit, seitdem er das letzte Mal einen Kalender gesehen hatte. Ganz sicher war er sich aber nicht, denn in sieben Jahren konnte man sich ja schon einmal verzählt haben. Nicht dass das irgendeine Bedeutung für ihn gehabt hätte, aber immerhin vergingen doch wieder ein paar Minuten, bis diese Herum rechnerei beendet war. Es war aber auch niemand in der Familie auf die Idee gekommen, ihm einen Kalender hinzustellen, aus welchem Grund auch immer das sein mochte.
So vertrieb sich Lukas Berner seit sechs Jahren, 10 Monaten und 24 Tagen seine Zeit. Vom Hals abwärts ohne jede Kontrolle über seine Muskeln lag oder saß er in seinem Bett in der Dachstube seines Elternhauses in dem kleinen Tiroler Bergbauernweiler Wolfskehr im Kaunertal und schlief, weinte, schaute, hörte zu, lächelte oder schloss die Augen, aß und trank. Bewegen konnte er sich nur im Traum. Eine Frage jedoch beschäftigte Lukas tagtäglich: Was hatte dieses, sein für ihn und für andere so offensichtlich wertlose Leben denn für einen Sinn???
In den Sommerferien nach vier Jahren Volksschule und bevor sein neuer Lebensabschnitt als Hauptschüler in der Nachbargemeinde weiter unten im Tal hätte beginnen sollen, half Lukas, wie auch die Jahre zuvor, in der Berner’schen Almhütte als Käser aus. Die Hütte war nur zu Fuß zu erreichen und gut fünf Stunden vom elterlichen Hof im Dorf entfernt. Wenn er zu Beginn der Sommerferien schwitzend und müde vom Aufstieg dann endlich bei der Hütte ankam, verbrachte er die erste Nacht immer im Freien – wenn das Wetter es zuließ. In dem Holzhaus stank es nämlich bestialisch nach saurer, abgestandener Milch, dem Vorprodukt von jenem köstlichen Tiroler Graukäs, den die Sennerin Anna über die Sommermonate anfertigte. Der Käs roch auch intensiv – jedenfalls musste man sich an diesen scharfen Geruch erst mal gewöhnen.
Lukas nahm also wie gewohnt seinen Schlafsack aus dem Rucksack und legte sich unter das kleine Vordach, das eigentlich dem Holz für den Ofen in der Hütte Schutz vor Nässe bot. Die Anzahl der Scheite war seit Beginn der Saison bereits stark zurückgegangen, da die Sennerin das Feuer für den Käsekessel in Gang halten musste. Es war also Platz für den kleinen Lukas und seinen Schlafsack unter dem Holzstapeldach. Wie immer würde es dann eine seiner sommerlichen Aufgaben sein, das neue Holz dort aufzuschichten, nachdem der Schneelahn Hias diesen wertvollen Brennstoff geliefert hatte.
Wenn der Hias dann kam, schlief Lukas auch immer im Freien, denn die Hütte hatte nur ein Zimmer, und die Sennerin komplimentierte den Buben an den Abenden hinaus, an denen der kräftige Forstwirt zugegen war. Es war immer die gleiche Routine. Der Hias kam mit seinen zwei Haflingern, die den Holzkarren zogen, an, lud die Scheite ab und bekam anschließend Speck, Wein und Käs. Dann saß er noch am Tisch vor der Hütte, starrte eine Zeit lang ins Leere, verpflegte und reinigte anschließend die Pferde und verschwand alsbald im Holzhaus.
Lukas liebte es, hier heraußen zu übernachten. Sobald das Zirpen der letzten Grillen und die Laute aus der Hütte verstummten, war es absolut ruhig in dieser verlassenen Gegend.
Nur hie und da hörte man ein Käuzchen vom fernen Wald schreien, aber sonst war alles still. Wenn Lukas so dalag und in den Sternenhimmel starrte, verebbten seine Gedanken oft vollständig, ohne dass er es merkte. Manchmal war es ihm jedoch, als ob jemand oder etwas in seiner Nähe wäre, was ihn dann wiederum aus seiner Leere herausriss, und er horchte dann immer angestrengt, ob nicht irgendein Tier um die Hütte strich. Aber, wäre dies der Fall gewesen, hätten die Kühe, die die Nacht im Gehege neben dem Haus verbrachten, oder die Pferde des Hias schon längst die Anwesenheit eines Eindringlings angekündigt. So war es doch offensichtlich nur seine Einbildung – dachte Lukas jedenfalls.
Die erste Aufgabe am frühen Morgen war immer das Melken der Kühe, eine Leichtigkeit für die erwachsene und robuste Anna, etwas schwieriger aber für Lukas. Da gab es diesen Stuhl – eine Übertreibung jedenfalls, dieses Ding so zu bezeichnen. Es bestand doch nur aus einem einzigen Bein mit einem kreisförmigen Holzsitzbrett darauf. Das zugespitzte Ende des Sitzfußes wurde so neben der Kuh in den Boden gerammt, dass man mit den Händen die Euter erreichen konnte. Halt fand man lediglich dadurch, dass man, sobald man saß, den Kopf gegen die Seite des Tieres stemmte. Das alles wäre ja kein Problem, solange sich die Kuh nicht bewegt. An und für sich ist das Vieh diese Behandlung ja gewohnt, mag es sogar, weil das Melken im Endeffekt eine Erleichterung bietet. Die geringe Körpergröße des erst zehnjährigen Lukas jedoch gebot, dass er seinen Kopf in die weicheren und daher empfindlicheren unteren Bereiche der Kuh stemmen musste. Dies führte des Öfteren dazu, dass die so traktierte Kuh einen Schritt zur Seite machte, allzu oft auf jene, wo der kleine Lukas saß, was in einem ungewollten Abgang von dem filigranen Sitz rücklings in den aufgeweichten und mit Kuhfladen bedeckten Stallboden endete.
Nach dem Melken wurde das Vieh dann auf die Alm getrieben, wo es den Rest des Tages verbrachte. Anschließend wurde bis zum frühen Abend an der Käsezubereitung gearbeitet.
Gelegentlich kamen Wanderer vorbei, die auf den roh gezimmerten Bänken vor der Hütte Rast machten und auch eine gute Brotzeit zu schätzen wussten. Meist waren es Touristen, die auf dem Weg zum Gletscher, dem Madatschferner und der mehr auf Gastwirtschaft ausgerichteten Wirtshütte in der Nähe des Gipfels oder umgekehrt auf dem Rückweg ins Tal waren.
Bei Unwettern, die hier oben immer besonders heftig waren, war die Hütte besonders gemütlich. Beim Herannahen der Wolken wurde das Vieh in den überdachten Teil des Geheges verbracht – eine auf der Wetterseite errichtete Steinmauer schützte die Kühe zusätzlich vor Wind, Regen und gelegentlichem Hagel – und bei derartigen Wetterverhältnissen lief Lukas dann so schnell wie möglich in das Holzhaus, um nicht nass oder gar vom Blitz getroffen zu werden. Drei der vier Hüttenwände waren aus rohen Balken in Blockbauweise gezimmert und die Ritzen mit Lehm verstopft. Die Hinterseite bestand aus einer natürlichen Felswand, an der der Rest des Bauwerks lehnte. An Öffnungen gab es nur die Eingangstür, zwei Fenster und den Kamin, in den auch das Rohr jenes Ofens mündete, der, wenn es nötig war, über Nacht den hinteren Schlafbereich mit den beiden Holzbetten wärmte. Die Fenster waren klein und hatten je ein Kreuz, damit sie möglichst stabil jedem Wetter trotzten. Auf der einen Seite der Hütte befand sich die offene Feuerstelle mit dem großen Kessel, der von einem der Dachbalken hing. Darüber war der Rauchabzug, der einzig gemauerte Teil des Gebäudes. Durch eine kleine Tür an dessen Seite konnte man frischen Speck und Wurst zum Räuchern in den Kamin hängen.
Die andere Seite der Hütte wurde durch einen Tisch mit vier Sesseln eingenommen, der den Abschnitt der Käserei vom Schlafbereich trennte. An allen Wänden waren von oben bis unten Regalbretter montiert, auf denen Käseleiber in verschiedensten Reifestadien ruhten. Die Kannen mit der Milch und andere Vorräte waren in einem Anbau an einer Seite der Hütte untergebracht, der direkt in den Felsen gehauen war und somit immer kühl war. In dieser Umgebung verbrachte Lukas also seine Sommerferien und war glücklich mit sich und seinem Leben.
Am Ende dieses Sommers, des zehnten seines bis dahin kurzen Lebens, passierte es. Alle im Dorf bezeichneten es immer nur als „der Vorfall“, wahrscheinlich deshalb, weil niemand so genau wusste, was da eigentlich passiert war und warum sich Lukas seither nicht bewegen konnte. Niemand war dabei, als es zu dem Vorfall kam, nicht einmal die Anna, die sonst immer so gewissenhaft auf den Buben aufgepasst hatte.
Aber sie hatte auch ihre Arbeit zu verrichten, die einzige, die sie je gelernt hatte. Und es gab nur mehr wenige Bergbauern in Tirol, die noch selbst Käse erzeugten und ihr Arbeit geben konnten. Also musste sie sie so gut wie möglich machen, konnte nicht ständig den brodelnden Kessel verlassen, um zu schauen, was der Bub so trieb. Auch wenn der Herbst kam und nur mehr wenig neuer Käs gemacht wurde, die restliche Milch musste verarbeitet werden und jeder Tag zählte.
Für Lukas war dies die schönste Zeit, denn jetzt musste er nicht mehr so viel mithelfen. Also konnte er spielen, wie auch an jenem Tag, als es zu dem Vorfall kam.
Lukas war dem kleinen Bach hinunter bis zur Baumgrenze gefolgt, um dort einen Staudamm mit einem Wasserrad zu bauen, das er in den freien Stunden auf der Alm geschnitzt hatte. Dort, wo es die ersten aufrecht stehenden Kiefern und Tannen gab, war auch genug Holz vorhanden, um eine schöne Wehr zu bauen. Außerdem hatte sich der Bach dort, wo er von der felsigen Alm in den tieferen Waldboden übertrat, ein natürliches Becken geschaffen, das für Lukas’ Vorhaben bestens geeignet war. Dorthin gehend, besser von einem Bein auf das andere hüpfend, hatte Anna den Buben das letzte Mal gesehen.
Lukas hatte bereits die notwendigen Steine und Hölzer am unteren Ausgang des Beckens platziert und sein Wasserrad montiert, auf das er nun schon seit geraumer Zeit starrte.
Eigentlich war es nicht das Drehen des Rades, das ihn so faszinierte, sondern die Bewegung des Wassers selbst, wie es von seiner spiegelglatten Oberfläche durch die engste Stelle des Dammes floss und sich über Steine und Äste auf das Wasserrad und dann in sein ursprüngliches Bett ergoss.
Wenn man nur lange genug hinsah, konnte man erkennen, dass das Wasser nicht einfach quer über die Kante floss, sondern den niedrigsten Punkt der Wehr suchte und sich dort faltete wie ein Tuch. Ja, es sah tatsächlich so aus: An beiden Seiten der Stelle, wo das Wasser über die Steine floss, entstand jeweils eine kleine Welle, eine Art kleiner Wulst, der sich schräg nach innen zur Laufrichtung bewegte, bis er auf den der anderen Seite stieß. Diese beiden Wellen überkreuzten sich wie ein geflochtener Zopf und verloren sich dann in einem gestaltlosen Gerinne, das auf das Wasserrad stürzte, das Lukas genau aus diesem Grund dort angebracht hatte.
Zwischen den beiden Wülsten entstand ein flaches, dünnes Dreieck von schnell fließendem Wasser, das sich unter die beiden seitlichen Wellen schob und sich danach mit dem übrigen Wasser vermengte.
Lukas war ganz vertieft in die Bewegung des Wassers, wobei es dann und wann so aussah, als ob die klare Flüssigkeit fest, beinahe wie aus Glas, wäre – ein faszinierender, fesselnder Anblick, der Lukas alles andere vergessen ließ.
Plötzlich schrak er auf und sah sich um. War da jemand?
Hatte er nicht gerade etwas gehört? Aber jetzt, wo er wieder ganz da war, vernahm er nur das gewohnte Geräuschgemenge des Waldes: die Vögel, Insekten, den Wind und das Wasser. Wo waren all die Klänge gerade eben noch gewesen, als er dieses neue Geräusch gehört hatte? Seltsam war ihm plötzlich zumute, aber er verdrängte alle Gedanken und war aufs Neue vom Fließen des Wassers gefesselt, das nach minutenlangem Hinstarren nunmehr aussah wie eine gallertartige Masse, wie jenes Gelee, das seine Mama manchmal über den Früchtekuchen goss und das die Pfirsiche, Erdbeeren und Marillen einschloss wie ein feurig-flüssiger Schmelzfluss aus Vulkanen.
Wieder war da etwas, und jetzt bekam es Lukas mit der Angst zu tun, mit schierer, wenn auch unerklärlicher Angst.
Und ohne sich darüber bewusst zu sein, dass auch nur eine einzige Sekunde vergangen war, hatte er die hundertdreißig Meter bergauf zur Hütte zurückgelegt. Lukas dreht sich um und – sieht sich selbst neben dem Bach auf dem Bauch liegen.
Moment, wie war das eben?
Das unbedarfte Gehirn des zehnjährigen Knaben scheint aus Überlastung zu stocken. Lukas wird schlecht. Er schreit nach der Anna, poltert in die Hütte hinein und brüllt ihr ins Gesicht! „Anna! Hilf mir!“ Sie aber steht nur da und rührt den Käs, als ob sie ihn gar nicht gehört hätte. „Anna, Anna!“, schreit er immer und immer wieder, weil er nicht weiß, was er sonst noch hätte von sich geben können. Anna hebt den Kopf, und für einen kurzen Moment sieht es aus, als ob sie etwas gehört hätte, aber dann schüttelt sie nur den Kopf und rührt weiter. Lukas donnert wieder aus der Hütte hinaus und sieht seinen kleinen Körper nach wie vor dort unten liegen.
Außerdem beugt sich da so ein riesiger Mann mit Schnauzbart über ihn – aber da verliert er auch schon die Besinnung und fällt einfach um.
Den Abend dieses so schrecklichen Tages wird die Sennerin Anna in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Immer war sie eine ruhige, besonnene Frau gewesen, die in der extremen Welt der Berge Zeit ihres Lebens kühlen Kopf bewahrte.
Aber seit damals, als der Bub vom Berner nicht von selbst zurück in die Hütte kam, war nichts mehr wie früher. Sie hätte doch leicht hie und da aus der Hütte schauen und nach dem Jungen sehen können! War ihr trotz der vielen Geschwister, die sie als Älteste in der Familie mit aufzog, nicht bekannt, dass es nichts Gutes bedeuten kann, wenn man von den Kleinen längere Zeit nichts hört oder sieht? Wohl war ihr das bewusst. Und warum hat sie dieses Zeichen dann einfach ignoriert? Wegen ein paar Schilling mehr für einen zusätzlichen Laib Käse? War es das wert? All die Selbstvorwürfe und dazu die stummen Anschuldigungen in den Augen der anderen im Dorf?
Der kleine Lukas musste wohl schon stundenlang da unten auf dem nasskalten Boden neben dem Bachbett gelegen haben, als Anna ihn endlich fand. Ja, er atmete noch, zitterte am ganzen Leib, aber er reagierte nicht auf das heftige Schütteln der kräftigen Sennerin. Als sie ihn zur Hütte hinauftrug, sah sie einmal kurz in seine Augen, ein Anblick, der sie noch über Jahre jäh aus ihrem Schlaf gerissen hat. Angst war in ihnen, ein fragendes Unverständnis, die flehende Bitte, dass das alles nicht so schlimm sein möge, wie es scheint, und gleichzeitig die Erkenntnis eines zehnjährigen, lebensfrohen Buben, dass jetzt alles irgendwie vorbei sein wird. Wenn es doch wirklich gleich ganz vorbei gewesen wäre, haben sich danach sowohl Lukas als auch Anna unabhängig voneinander des Öfteren gewünscht, wenn auch Anna mit einem Gefühl der Scham anlässlich eines solchen Gedankens.
Anna trug den schlaffen Körper des Jungen also bergauf zurück zur Hütte, und es wäre ein Leichtes für die robuste Frau gewesen, hätte der Bub wenigstens seine Arme um ihren Hals legen und sich festhalten können Aber da schien keine Verbindung zwischen seinem Kopf und seinen Muskeln mehr vorhanden zu sein. Ja, sie konnte nicht einmal mehr sicher sein, ob da noch irgendeine Verbindung zwischen ihr und Lukas bestand, ob er ihr beschwichtigendes Zureden überhaupt noch wahrnahm. Anna war verzweifelt, und wären ihre Augen nicht durch die langen Jahre der Einsamkeit einer Sennerin in den unzugänglichen Hochalpen ausgetrocknet, hätte sie jetzt geweint, herzzerreißend geschluchzt. So aber biss sie sich nur auf die Unterlippe. Sie wagte nicht einmal, an den Moment zu denken, wo sie Lukas’ Familie gegenübertreten und ihnen von dem Vorfall berichten musste.
Aber dieser Augenblick musste kommen, so sicher wie ein neuer Tag. Fürs Erste galt es, die Nacht einigermaßen zu überstehen, das hieß, wach zu bleiben und den kleinen Körper ständig auf Lebenszeichen hin zu kontrollieren. Was es auch sein mochte, der Bub durfte nicht auch noch sterben.
So verbrachte Anna an der Seite von Lukas Berner die ersten seiner unendlich vielen Stunden der Bewegungslosigkeit.
Richard und Maria Berner waren wie vom Blitz getroffen, als sie von Anna den schrecklichen – und ziemlich lückenhaften – Bericht von dem Vorfall vernahmen, viel zu geschockt, als dass die Rolle der Sennerin und ein mögliches Verschulden ihrerseits überhaupt nur im Entferntesten in Betracht gezogen wurde. Nur stummes Schauen, verwundert offene Münder, Sätze, ja Worte, die im Keim erstickten. Nichts wird mehr so sein wie früher, das sagten die Gesichter der Anwesenden aus, das sonnengegerbte, jetzt aber fahle Gesicht des Vaters, das bleiche der Mutter, deren Wangen von dem Schock und dem damit verbundenen Anstieges des Blutdruckes rote Flecken bekam, das aschgraue Gesicht der Sennerin mit den dunklen Ringen einer durchwachten Nacht unter den müden Augen und das kleine Gesicht des zehnjährigen Lukas, in dem nur ein Ausdruck zu lesen war: „Bitte, bitte nicht!“ Wie eine ansteckende Krankheit verbreitete sich die Nachricht von dem Vorfall durch den Weiler, dann ins nächste Dorf, ja im gesamten Tal. Der kleine Lukas Berner war … nun, was war er? Gelähmt? Plötzlich geistig behindert? Hatte er eine unheilbare Nervenkrankheit, war er gar eine Gefahr für die Gemeinde?
Lukas wurde vom Dorfarzt zum Arzt nach Landeck, der nächsten Bezirkshauptstadt, geschickt, von dort in die Klinik nach Innsbruck und dann noch in die Universitätsklinik nach Wien. Niemand wusste eine Antwort. Kein Mensch, keine Maschine, die mit Drähten und Noppen mit Lukas verbunden war, konnte auf die brennende Frage Antwort geben: „Was hat der Bub?“ Nur schweigendes Kopfschütteln der Fachleute, aussageloses Piepsen der sonst so gewissenhaft alles entdeckenden Geräte.
Dies bedeutete natürlich auch, dass keine Methoden, Verfahren, Prozeduren und wer weiß was sonst noch angewendet werden konnten und damit auch keine Aussicht auf Heilung bestand. Jeder Arztbesuch zerstörte nur noch ein weiteres Stück Hoffnung, bis zuletzt keine mehr übrig war. Es hatte sich ausgehofft. Lukas konnte sich trotz intaktem Rückgrat vom obersten Halswirbel an nicht mehr bewegen, das Gehirn funktionierte einwandfrei, nichts deutete auf eine Krankheit im herkömmlichen Sinne hin.
Nach Jahren erfolgloser Begutachtungen, Beratungen und Behandlungen wurde Lukas sogar gefragt, ob er wolle, dass man seine Krankheit nach ihm benenne. Er schloss aber nur die Augen und die Mutter übersetzte: „Nein.“
Der Vorstand des Allgemeinen Krankenhauses in Wien war insgeheim froh über dieses Nein, da er hoffte, dass mit Lukas auch diese Krankheit früher oder später sterben würde und damit die Ärzteschaft nicht für ewig an die doch unangenehme Ahnungslosigkeit hinsichtlich Lukas’ Befinden erinnert werden würde. Und Lukas selbst wollte nicht der einzige Mensch mit dieser Krankheit sein, wollte nicht auch noch auf diese Art allein auf dieser Welt sein. So wurde seine Akte mit den Röntgenbildern, den Aufzeichnungen der hochpräzisen Messgeräte und den teilweise sich widersprechenden Meinungen der verschiedenen Ärzte und Wissenschaftler unter BEN-BES in einen Schrank im Keller des AKH am Wiener Gürtel gehangen und seither nicht mehr angerührt. Lukas wurde von der Wissenschaft vergessen.
Heute wird es noch ein Unwetter geben, hatte die Mutter am Morgen gesagt, und sie sollte recht behalten, das war auch Lukas jetzt klar. Über der Felswand, die er von seinem Bett aus durch das Fenster sehen konnte, waren bereits dunkle, regenschwere Gewitterwolken aufgezogen, die den Hang darunter zur Gänze überschatteten. Bald würde wieder der Regen auf das Dach und gegen das Fenster prasseln und es würde wieder Zeit zum Träumen sein. Mittlerweile war es nämlich so, dass Lukas durch das Trommeln der Tropfen besser träumen konnte, als wenn er schlief. Ihm machte das nichts weiter aus, denn nur eines war ihm wichtig geworden: sich wenigstens im Traum zu bewegen, den Luchs zu treffen und in die Höhle zu gehen. In dem schlaffen jugendlichen Körper war der Geist zum Zerreißen angespannt – in Erwartung des Regens und damit in Erwartung des Entkommens in die Welt der Träume.
Plötzlich durchfuhr es Lukas wie ein Blitz. Nicht dass das auch nur die geringste Bewegung ausgelöst hätte – und doch hatte der Junge das Gefühl, für den Bruchteil einer Sekunde wieder seinen Leib zu spüren. Es war eine Erkenntnis, die ihn da durchfuhr, eine ganz besondere, eine auf nie vorher da gewesene Art, wie aus dem Nichts heraus etwas so sicher zu wissen, als ob man das schon seit Jahren studiert oder erforscht hätte. „Heute passiert noch etwas!“ Nicht das Unwetter, das war schon praktisch da und nichts mehr Neues, nein, irgendetwas würde sich heute ändern in seinem Leben.
Angst? – war keine zu spüren, nur gespannte Erwartung.
Oder war das alles nur Einbildung? Hatte es schon zu regnen angefangen und Lukas damit schon zu träumen? Mitnichten, es wurde lediglich dunkler im Tal. Er war sich aber so sicher, wie er wusste, dass eins und eins zwei ist: „Heute wird sich noch etwas ändern.“
„Hallo, Simmerl.“
Der alte Simon Berner fuhr aus seinem Wirtsstubensessel auf und hätte beinahe seinen Bierkrug umgestoßen, so erschrak er angesichts der nicht gerade unbekannten, doch heute und hier völlig unvermuteten Stimme.
„Ha… Hall… Katherina …sag einmal … was machst du denn da?“, stammelte der bereits über Zweiundachtzigjährige und ärgerte sich über das schlechte Gewissen, dass sicher jeder im Raum aus seinem Gestotter heraushören konnte.
Vor ihm stand die Katherina Haller, nach wie vor wunderschön, wenn auch gealtert – dreißig Jahre gehen eben nicht spurlos an einem vorüber – und mit einer Ausstrahlung, die jene aus den alten Tagen noch übertraf. Ja, es war tatsächlich ein schlechtes Gewissen, das Lukas’ Großvater immer noch plagte, wenn er die Hallerin sah, obwohl seine Frau schon seit Jahren verstorben war. Der Pfarrer hatte doch damals gesagt: „…, bis dass der Tod euch scheidet.“ Also sollte Simon gar keine Bedenken mehr beim Anblick dieser Frau haben, trotzdem: Das alte Schuldgefühl holte ihn ein.
Simon hatte nie ein Verhältnis mit der Hallerin. Er war damals zweiundfünfzig, als sie im Dorfwirtshaus als Kellnerin gearbeitet hatte, und sie junge achtzehn. Jeder, also wirklich jeder von den Männern gab ihr hie und da einen Klaps aufs Hinterteil – beim Frühschoppen am Sonntag, wenn die Frauen nach der Kirche bereits nach Hause geeilt waren, um das Essen zuzubereiten. Da fiel es gar nicht auf, dass der Simmerl das auch tat. Ein bisschen öfter vielleicht als die anderen, aber niemand zählte wirklich mit. Nur dass bei ihm ein Gefühl mitschwang, das ihm auch heute noch, dreißig Jahre danach und von seiner Frau durch deren Tod bereits geschieden, eine trockene Kehle bereitete.
Dieses junge Dirndl war so fesch, mit so viel Energie geladen ... Ja damals, und genau zu jener Zeit hatte der Simon seine Krise; er hatte das Bedürfnis, selbst noch einmal jung und ungebunden zu sein, attraktiv genug, um schöne Frauen zu begeistern. Und der dazumal erst knapp über fünfzigjährige Bergführer war attraktiv – selbst heute noch würde man das von ihm sagen: kein Gramm Fett an seinem Körper, sein blondes Haar war an den Schläfen zwar leicht angegraut, aber voll und stark und die Haut von den vielen Stunden in der Sonne und der dünnen Höhenluft braun und ledrig. Er hatte natürlich schon Krähenfüße um die Augen, aber die machten den beliebten Bauern umso sympathischer. Seine Figur war drahtig und gut durchtrainiert und bot insbesondere beim Bergsteigen einen wohltuenden Anblick.
Da stand also die Hallerin – Grund schlafloser Nächte und verzweifelter Gedanken – vor dem nunmehr alten und nicht mehr ganz so strammen Mann und bat ihn, sich zu ihm an den Tisch setzen zu dürfen.
Katherina Haller war zwar schon achtundvierzig Jahre alt, sah aber im ersten Moment, wie sie so vor Simon Berner stand, wie eine Dreißigjährige aus. Sie trug ein knöchellanges, schwarzes, ärmelloses Schlauchkleid, das ihre makellose Figur unterstrich, eine lange Silberkette um den Hals, an der ein ebenfalls in Silber gefasster, nussgroßer Türkis genau vor dem Solarplexus hing und unzählige Silberreifen an beiden nackten, sonnengebräunten Armen. An den Fingern trug sie gleich mehrere Ringe, ebenso an den Ohren, die zusätzlich noch von zwei großen Kreolen geziert waren. Statt einer Handtasche trug sie einen kleinen Rucksack und – wohl aufgrund des aufziehenden Gewitters – eine Jacke, die sie aber nur lose über die rechte Schulter geworfen hatte. Ihre Füße steckten in grauen Wollsocken und diese wiederum in festen, dunkelbraunen, staubigen Bergschuhen; ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Hallerin zu Fuß unterwegs war.
Als sie sich auf das noch immer gestammelte „Ja … ja, natürlich“ des Simon Berner zu ihm an den Tisch setzte, gesellte sich das silberne Klimpern ihrer Armreifen für wenige Augenblicke zur allgemeinen Geräuschkulisse im Wirtshaus.
Simon sollte diesen hellen Klang heute noch einige Male hören, wenn sie sich etwa die rückenlangen, dunklen und offen getragenen Haare aus dem Gesicht strich oder das Glas Bier zum Mund führte und wieder absetzte. Der alte Simmerl nahm es zwar nicht bewusst wahr, aber immer, wenn er diesen Klang hörte, erhöhte sich seine Aufmerksamkeit.
„Wie geht es dir denn so, Bachbauer?“, fragte sie ihn mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme. Sie konnte sich noch gut an die Namen der Dorfbewohner erinnern, an die eigentlichen Familiennamen wie Berner genauso wie an die Namen, die die Bauern zusätzlich hatten, je nachdem wo ihr Hof stand.
Bachbauernhof wurde das Gut, das dem Simon Berner gehörte, schon seit urdenklichen Zeiten genannt, weil es das erste Bauernhaus war, das an diesem Bach errichtet wurde.
An dem gleichen Bach übrigens, an dem vor knapp sieben Jahren siebenhundert Höhenmeter weiter oben der Vorfall passiert war. Die Besitzer des Hofs waren immer die Bachbauern, ganz egal, wie auch immer der tatsächliche Familienname gelautet haben mag. Der Schneelahn Hias zum Beispiel, der nach wie vor das Holz auf die Almhütte des Bachbauern brachte, hieß ja auch nicht wirklich Schneelahn, sondern Wagner, nur der Hof, der seiner Familie gehörte, war eben der Hof in dem dunklen Seitental Schneelahn.
„Ja ja, Hallerin! Es geht, weißt eh“, murmelte der Alte mehr zu sich selber als zu seinem Gegenüber.
Hallerin, das war auch so etwas urwüchsig Typisches hier, das der Katherina Haller eigentlich gar nicht gefiel. Dass die Maria Berner auch Bachbäuerin genannt wurde, war ja in Ordnung – das deutete immerhin auf ihren Stand als Hofbesitzerin hin –, aber sonst wurde bei den verheirateten Frauen in der Gegend einfach ein „in“ an den Nachnamen ihres Mannes angehängt, als ob sie zu dessen Besitz zählte. Abgesehen davon, dass Katherina gar nicht verheiratet war, fand sie diese Angewohnheit schrecklich veraltet und entrechtend, und so ignorierte oder belehrte sie alle, die sie mit Hallerin ansprachen. Nur dass hier, beim zweiundachtzig Jahre alten Simmerl, Belehrung zwecklos war – weniger des Einsehens, als vielmehr des schon schwächlichen Gedächtnisses wegen – , und ignorieren konnte sie ihn heute nicht, denn sie war ja aus einem bestimmten Grund hier – und nicht zufällig, wie der alte Berner für sich meinte.
„Der Hof ist in Ordnung“, führte er weiter, wie auswendig gelernt, aus. „Das Vieh und die Familie sind gesund. Nur der Lukas, weißt eh …“ Hatte diese Reihenfolge etwas zu bedeuten? Eines hatte Katherina in den Jahren ihrer Abwesenheit von der Enge des Dorfes jedenfalls gelernt: Zufälle gibt es keine. Es wird schon etwas dahinter stecken, dass dem Simmerl Hof und Vieh vor die Familie ging.
„Und die Mama”, sagte er, denn so pflegte er seine Frau zu bezeichnen, „die ist schon seit drei Jahren tot“. Er musste eben auch sein Gewissen nachträglich ein wenig beruhigen, für alle Fälle.
„Aber, Hallerin, was führt dich denn in drei Gottes Namen nach Wolfskehr? Warst ja schon lang nicht mehr da, gelt?“
Es stimmte, Katherina war schon eine lange Zeit nicht mehr im Dorf, neunundzwanzig Jahre, um genau zu sein. Niemand wusste, wohin sie damals gegangen war, man sagte immer nur, sie sei jetzt in der Hauptstadt. Ob das nun Innsbruck, die Hauptstadt Tirols, oder Wien, die Österreichs war, war irrelevant, denn „in der Hauptstadt“ wurde hier einzig als Synonym für „weit weg und in der Anonymität einer Großstadt unauffindbar“ verwendet. Dass Katherina nicht einmal in irgendeiner Stadt, sondern in einem kleinen, aber sehr hübschen Holzhaus in einem anderen Tal Tirols wohnte, hatte in diesem Fall keinen Einfluss auf die Aussage: „Sie wohnt jetzt in der Hauptstadt.“ Sie war einfach zu weit weg und – vor allem – unauffindbar für die Bewohner des Dorfes. Nicht dass es eigentlich eine Leichtigkeit gewesen wäre, sie aufzuspüren – die richtigen Fragen hätten schon zu ihr geführt –, da sie aber nicht mehr zur Dorfgemeinschaft zählte, verlor man bald das Interesse an ihr. Als sie heute durch die Tür des Gasthauses zum Tisch des alten Simmerl trat, war sie eine unerkannte Fremde, eine Touristin höchstwahrscheinlich, so wie sie aussah. Sie musste einfach aus der Hauptstadt kommen.
„Der Lukas … hmm … bei dem ist alles also noch beim alten, was?“, versuchte sie dem Gespräch eine Richtung zugeben, die ihrem Vorhaben entsprach. Wohl wissend sagte sie nicht Krankheit oder dergleichen. Nein, sie umschrieb es nach Möglichkeit, um den Simon nicht zu sehr aufzuwühlen.
Er war ihr Angelpunkt, er musste halten.
Simon starrte nur vor sich hin und merkte im ersten Moment gar nicht, dass ihm die Katherina ihre Hand auf die Schulter gelegt hatte und ihren Daumen knapp unter seinem Schlüsselbein gegen den Brustkorb presste. Sie beugte sich vor, senkte ihre Stimme um noch eine Nuance und sprach weiter: „Was ist, gehen wir ihn besuchen?“
Simon schaute nun auf und der Hallerin ins Gesicht. Er war von der Vibration der Stimme wie benommen, schüttelte aber den Kopf, mehr eine mechanische, in vielen Jahren eingetrichterte Bewegung – nein, keine Besuche von Fremden – und gleichzeitig aus bassem Erstaunen, dass sich jemand für den Jungen überhaupt zu interessieren schien. Während er den Kopf von einer Seite zur anderen bewegte, fing sie ihn mit einem Blick ein, der die Bewegung langsam zum Stillstand brachte und in ein Starren mit halb offenem Mund verwandelte.
„Simmerl, ich muss den Buben sehen.“
Wieder ein leichter Druck auf die Stelle unter dem Schlüsselbein, wieder dieses fast unheimliche Vibrieren ihrer Stimme.
Außerdem schüttelte sie jetzt wie zufällig ihre freie Hand, sodass sich die Armreifen mit Geklimper von Katherinas Gelenk lösten und bis zu jenem Bereich ihres Unterarmes rutschten, der weit genug ist, um die Reifen aufzuhalten. Jetzt hatte sie ihn.
„Sepp, zahlen!“, rief der Alte wie automatisch „Alles zusammen.“
Simon Berner kniff Augen und Lippen zusammen, versuchte einen strengen Blick und schüttelte wieder den Kopf – diesmal bewusst. Er wollte etwaige Entgegnungen seines Gegenübers, dass sie ihr Bier ja selber zahlen könne und so weiter, gleich im Keim ersticken. Katherina ließ dies in bedachter Weise zu, sodass sich Simon Berner als Mann von Welt – vor allem als Mann, der einer Vertreterin des schwachen Geschlechtes die Zeche abnahm – fühlen konnte. Sie schmunzelte. Er war Teig in ihren Händen.
In den Augen des Wirtes und der anderen Gäste – alles Einheimische – waren die beiden ein seltsames Paar, das da die Wirtsstube verließ. Kaum schloss sich die Tür hinter den beiden, durch die eine Windböe den frischen Duft des soeben beginnenden Regens hereinwehte, steckten die Leute auch schon ihre Köpfe zusammen und begannen zu tuscheln, so als ob Simon und Katherina sie noch hätte hören können. Und binnen kurzer Zeit entstanden die haarsträubendsten Gerüchte.
Nach vorne gebeugt, den Hals eingezogen und die Hände tief in den Taschen seiner hirschledernen Kniebundhose vergraben, stapfte der alte Simon neben der Hallerin zum Bachbauernhof. Sie jedoch ging aufrecht und erhobenen Hauptes, das lange Haar flatterte im Wind, kühlende Tropfen zersprangen auf ihrem Gesicht. Die Jacke hatte sie jetzt übergestreift – wohl mehr aus Bequemlichkeit, um sie nicht tragen zu müssen, als der Nässe wegen –, und sie schien dieses Wetter zu genießen wie eine Strandurlauberin den Sonnenschein.
Beim Hof und in der Stube angekommen, empfing Maria Berner die beiden mittlerweile tropfnassen Ankömmlinge mit einem erst verwunderten, dann interessierten Blick, in dem auch eine reservierte Kühle mitschwang angesichts der vorerst fremden und vor allem für den alten Simon viel zu jungen und hübschen Frau.
„Grüß dich, Maria!“, sagte Katherina und lächelte ihre ehemalige Schulkollegin freundlich an. „Ich bin’s, die Haller Katherina.“
„Katherina, du … hier? Ja, das gibt’s doch gar nicht! Was machst denn du da? Mariamuttergottes, das ist aber eine Überraschung. Setz dich doch. Willst was essen oder trinken?
Jessas, ist das eine Freud, dich zu sehen!“, sprudelte es aus der Bäuerin heraus. Tränen standen Maria in den Augen.
„Richard!“, rief sie aufgeregt zur Tür hinaus. „Schau, wer da ist! Kinder, kommt’s alle her!“ Maria konnte es gar nicht fassen, wobei sie sich selbst gar nicht im Klaren war, ob sie die Katherina so vermisst hat oder einfach nur angenehme Überraschungen.
Die Begrüßung war herzlich, anschließend setzte sich Katherina auf die Bank hinter dem groben Stubentisch, auf dem der Großvater bereits Platz genommen hatte – erstens, weil er nicht unnütz in der Gegend herumstehen wollte, während sich die beiden Frauen immer wieder umarmten, und zweitens, weil er vor dem Kachelofen sitzen wollte, um seinen schmerzenden Rücken zu wärmen. Der Ofen war zwar im Sommer nicht in Betrieb, aber Simon war es einfach schon so gewohnt, sodass es auch schon wirkte, wenn er nur an dieser Stelle saß.
Niemand im Haus ahnte auch nur, dass es weniger der Ofen, sondern viel mehr der Platz an sich war, der dem alten Simon – oder wer auch immer dort saß – Linderung brachte. Katherina hingegen hätte es sofort gespürt, aber der Platz war ja bereits besetzt.
Lukas konnte oben in seinem Zimmer zwar die ersten paar Worte seiner Mutter noch hören – sie waren ja mehr geschrien als gesprochen – dann aber war für ihn nur mehr der Klang der verschiedenen Stimmen zu vernehmen.
Wer war da zu ihnen auf den Hof gekommen? Sollte das mit der Änderung zu tun haben, von der Lukas in so unbegreiflicher Weise wusste? Es konnte nur damit zusammenhängen, denn der Tag war bald vorbei, und es war nicht mehr viel Zeit übrig, um die sehnsüchtigen Erwartungen des Jungen nach einem Ende seines Zustands zu erfüllen. Oder war das Ganze doch nur Einbildung, Ergebnis einer Mixtur aus Frustration und Hoffnung?
Wie lange in der Stube bereits geredet wurde, wusste Lukas nicht, denn der auf das Dach prasselnde Regen hatte ihn wieder einmal kurz zum Luchs geführt, aber nun war er wieder voll da und wach.
Wie wenn sie einer Vereinbarung gefolgt wären, nicht vor Ende des Luchstraumes zu kommen, stiegen die Mutter und die Hallerin die knarrenden Stufen zu Lukas’ Zimmer hinauf, gerade in dem Augenblick, als er wieder aus der Höhle heraustrat.
„Das ist meine alte Schulfreundin Katherina Haller“, stellte Maria Berner die Frau vor, die hinter ihr die Dachstube betrat. Da der Junge seinen Kopf ja nicht drehen und damit auch seinen Blinkwinkel nicht verändern konnte, musste die Mutter zur Seite bzw. Katherina Haller in den Vordergrund treten, damit Lukas sie sehen konnte.
Das zuerst noch höfliche Grinsen wurde fast augenblicklich zu einem breiten Lächeln, eine Regung, die Maria bei ihrem Sohn schon lange nicht mehr gesehen hatte und die sie auch ein wenig eifersüchtig machte.
Ja, die Katherina hatte zweifelsfrei eine starke Ausstrahlung, aber dass sie es schaffte, den Lukas allein mit ihrer Anwesenheit echte Freude zu bereiten, wohingegen sie, die aufopfernde Mutter, dasselbe nicht einmal mit gutem Essen oder einer interessanten Neuigkeit zuwege brachte, nagte schon ein wenig an ihrem Stolz. „Aber, was soll’s“, dachte Maria bei sich.
„Das Wichtigste ist, dass der Junge glücklich ist.“
Wie wenn es ihr schon längst hätte einfallen müssen, sagte sie plötzlich: „Gut, dann mach ich jetzt das Nachtmahl – du bleibst ja hier und isst mit uns, Katherina, oder?“
Die Hallerin nickte nur, ohne den Blick von Lukas zu wenden, der den ihren starr erwiderte. Der Großvater hätte das nicht geschafft.
Katherina wandte sich aber jetzt wieder ihrer Freundin Maria zu, die sich auf den Weg in die Küche machte, um das Abendbrot zu bereiten, und erinnerte sie noch einmal an das, worüber sie bereits unten in der Stube geredet hatten: „Wie besprochen, was auch immer ihr hört, kommt nicht herein, bis ich es euch sage.“
Die Mutter ging also wieder hinunter in die Küche, und wäre Katherina Haller an ihrer Stelle gewesen, hätte ihr Mann Richard nicht so ohne weiteres vor dem Fernseher sitzen bleiben können, während sie für das leibliche Wohlbefinden der Familie und des Gastes in Form eines üppigen Nachtmahls sorgte.
Nachdem die Bachbäuerin das Zimmer verlassen hatte, stellt Katherina ihren Rucksack auf den Boden neben den Lehnstuhl und beginnt darin zu kramen.
Lukas glaubt ganz kurz, ein Geräusch zu hören, wie wenn man trockene Reiskörner auf eine Tischplatte rieseln lässt.
Nach wenigen Augenblicken holt die Hallerin eine bunte Kerze und einen kleinen braunen Kegel hervor. Sie zündet beides mit einem Feuerzeug an, löscht die Flamme des Kegels – ein Ding, das Lukas noch nie zuvor gesehen hatte– aber sofort wieder, woraufhin ein gut duftender Rauch das Zimmer zu füllen beginnt.
Dann dreht sie das elektrische Licht ab, nimmt im Lehnstuhl Platz, zieht ihre Knie an ihren Oberkörper heran und stellt ihre Fersen auf die Kante des Sessels. Mit ihren nach vorn ausgestreckten Armen bildet sie eine Furche im Kleid zwischen ihren angewinkelten Beinen, sodass diese aussehen wie zwei schwarze Türme, durch die hindurch Lukas ihren Kopf und einen Teil des zusammengesunkenen Oberkörpers sehen kann. Ihre Finger sind lose ineinander verschränkt und die Gelenke mit den vielen Armreifen so nah beieinander, dass wieder das silberne Klimpern zu hören ist.
„Na, Lukas, alles in Ordnung?“
Das stumme Grinsen hält an.
„Weißt, ich glaub ich kann dir helfen, ich muss mir das aber erst einmal anschauen. Bleib also ganz ruhig liegen“ – etwas anderes wäre wohl kaum möglich gewesen – „und schau mir einfach nur zu.“
Katherina schließt die Augen und beginnt zu summen. Ganz leise, fast unvernehmlich zuerst, dann immer lauter werdend.
Sie beginnt ihren Oberkörper und Kopf im Takt zu dem Gesang hin und her zu wiegen. Die langen, schwarzen Haare wehen in dieser fließenden Bewegung mit und bald hat Lukas den Eindruck, in dunkles Wasser zu starren. Wieder einmal! Das hat ihm schon einmal seine Gesundheit gekostet, war aber auch heute wieder zu verlockend.
“Hejoh, hejoho hejoh–hoo, hejoho hejoho hejoh …” Immer und immer wieder singt sie dieses unverständliche Lied mit einer Melodie, die für Lukas fremdartig vertraut und vor allem angenehm beruhigend klingt. Die Monotonie des Gesanges und der Bewegung hätte Lukas eigentlich zum Träumen bringen müssen, aber er war viel zu angespannt dafür. Erst viel später sollte er erfahren, dass es Katherinas unbeugsamer Wille war, der ihn daran hinderte, selbst den Luchs und die Höhle aufzusuchen.
Sie ist jetzt selbst dort und will alles ungestört beobachten.
Die Stimme der Hallerin wird langsam lauter und schneller, der Körper, ihre Haare, alles bewegt sich im gleichen Rhythmus, die Armreifen, die durch das Wiegen immer und immer wieder klirrend aneinander stoßen, das Knarren des Sessels und der alten Bodenbretter, all das füllt mehr und mehr den Raum aus. Das Gemisch aus Klang, Duft und Bewegung hüllt den mit offenem Mund gaffenden Jungen ein wie Nebel einen blattlosen Baum im November. Ekstatisch wird die Stimme der Hallerin jetzt, laut und vibrierend, Wellen aussendend, die Lukas im Bauch spürt – ja, spürt. Noch immer kann er den Blick von dem Schauspiel, das die – aus seiner Sicht – alte Frau, die aber so gar nicht alt wirkt, nicht abwenden und plötzlich, wie aus dem Nichts, steht der Luchs im Zimmer. Nein – Lukas steht oder hockt vielmehr draußen im Wald vor der Höhle und schaut in die grünen Augen der Katze. Er sieht, wie der Atem dampfend und stoßweise dem halb offenen Maul des Tieres entweicht und sich entlang Lukas’ Gesicht in Luft auflöst.
Eine Hand streicht über Lukas’ Gesicht. Als er aufschaut, sieht er die Hallerin, wie sie an seinem Bett sitzt und ihm die schweißnassen Haarsträhnen aus der Stirn wischt. Lukas’ Herz klopft bis zum Hals. Was war das? Was hatte all das zu bedeuten?
„Es ist gut für heut, Bub“, sagt sie nur, weil sie sieht, wie aufgewühlt er ist. „Lass es nur du auch gut sein. Morgen komm ich wieder und hol dich ab.“
Mit dieser Erklärung, die Lukas mehr verwirrte als dass sie ihm Klarheit verschafft hätte, packte sie ihre Sachen zusammen, blies die Kerze aus und verschwand fast lautlos aus dem Raum. Den Jungen ließ sie mit tausend Fragen in der Dunkelheit zurück. Eine davon, die nach dem Sinn seines Krüppeldaseins nämlich, lastete jedoch nach diesem Erlebnis interessanterweise nicht mehr so schwer auf Lukas’ Schultern. Sie war aber auch weit davon entfernt, beantwortet zu sein.
Nach ihrer seltsamen Tätigkeit, deren lautes Ende der Rest der Familie Berner sehr wohl mitbekommen hatte – obwohl jeder Einzelne versucht hatte, vor den anderen nicht den Eindruck des Lauschens zu erwecken –, wieder in die Stube zurückgekehrt, ließ sich die Hallerin sichtlich ausgelaugt auf die Bank vor dem Ofen fallen, streckte die Füße unter und legte die Arme auf den Tisch, die Finger zu einer Kuppe formend, indem sich deren Spitzen berührten – und starrte eine Weile auf diese. Noch immer nichts von sich gebend, schaute sie jedem der Anwesenden lange in die Augen, sichtlich darum bemüht, die richtigen Worte zu finden.
