Mutter Percht und Mistelzweig - Christian Friedrich Brunner - E-Book

Mutter Percht und Mistelzweig E-Book

Christian Friedrich Brunner

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Beschreibung

Christian Friedrich Brunner, Autor des Romans „Fliegenpilz“, ist seit über zwanzig Jahren schamanisch tätig sowie Druide beim britischen Order of Bards, Ovates, and Druids. Aufgewachsen in Österreich, lebt er derzeit in den USA, verbringt aber soviel Zeit wie möglich in seinen geliebten Alpen. Der Autor lädt Sie mit diesem Buch ein, ihn auf einer mystischen Wanderung durch die Berge zu begleiten, wo uns noch heute uralte Sagen und nach wie vor gelebtes Brauchtum Hinweise auf unsere keltischen Vorfahren geben. Spazieren Sie mit dem Autor auf dem schmalen Gratwanderweg zwischen Historischem und der Anderswelt, auf die man hinter jedem Fels, im tiefen Wald, oder in einer finsteren Höhle stoßen kann. Man begegnet dort weißen Gämsen, Riesen, magischen Jungfrauen und dem Kasermandl, und alle haben Interessantes zu berichten. Lernen Sie, was die Alten über das Eisenkraut dachten und erfahren Sie, wie uralte Zaubersprüche die Menschen auf dem europäischen Kontinent einst verbanden. Und schließlich können Sie mit Christian Brunner auf eine magische Reise zur Mutter Percht gehen und so an der Erinnerung an die Große Göttin teilhaben.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Christian Friedrich Brunner beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Schamanentum und wendet die damit verbundenen Heilmethoden seit fast 20 Jahren auch praktisch an.

Als gebürtiger Österreicher, aber derzeit wohnhaft in den USA, konzentriert er sich seit Ende des 20. Jahrhunderts in seiner schamanischen Arbeit und in seiner literarischen Tätigkeit auf die Erforschung der europäischen Ausformung des Schamanentums vor der Christianisierung des Kontinents.

In diesem Zusammenhang trat er dem „Order of Bards, Ovates, and Druids“ in England bei und schreibt seit dem Beginn seiner Ausbildung zum Druiden auch Artikel im „Touchstone“, dem monatlichen Newsletter dieser Organisation.

2007 erschien Christian Brunners erster Roman „Fliegenpilz“, eine moderne schamanische Erzählung über die Reise eines jungen Mannes vom Krankenbett zu seiner schamanischen Initiation. Mehr Information über diesen Roman finden Sie am Ende dieses Buches sowie unter www.derfliegenpilz.atbzw. in facebook unter „Fliegenpilz – ein schamanischer Roman“.

Besuchen Sie auch die Internet Seite zu dem vorliegenden Buch unter www.perchtundmistel.at sowie die facebook Seite „Mutter Percht und Mistelzweig“

Sie können dem Autor auch auf Twitter unter #druideabfalter folgen.

Der Autor übernimmt keine Haftung für Schäden materieller oder ideeller Art, die durch die Nutzung oder die Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter oder unvollständiger Informationen verursacht wurden.

Für meine kleine Göttin Annika

Inhalt

1. Einführung

2. Keltentum

3. Was vom Keltentum überlebt hat

4. Kelten in Europa

5. Schamanen im Keltentum

6. Schamanentum als Heilmethode

7. Vorbereitung

8. Ausrüstung und Werkzeuge

9. Schamanisches Reisen

10. Der Alpine Keltische Weg

11. Göttinnen und Wilde Männer

12. Audienz bei der höchsten Instanz

13. Krafttiere

14. Keltische Magie

15. Festtage und Kalender

Krampus

Wintersonnenwende

Raunächte

Lichtmess

Fasching

Frühlings-Tagundnachtgleiche

Georgiritt und Almauftrieb

Walpurgisnacht und Maifeier

Sommersonnenwende

Schnitterfest

Almabtrieb

Herbst-Tagundnachtgleiche

Allerseelen

16. Bernstein, Salz, Bier und Met

17. Die Macht über die Elemente

Wind (Luft)

Feuer

Stein (Erde)

Wasser

Ein besonderes Element

Arbeiten mit den Elementen

18. Wetterzauber

19. Heilkräuter

20. Gnome, Edelsteine und Kristalle

21. Zauberhafte Worte

22. Tod und Sterben

23. Kraftplätze

24. Keltische Magie im Alltag

25. Die Saligen warten auf Erlösung

26. Literaturnachweis

Einführung

Ich achte die Bücher,

Doch auch,

Was sie nicht sagen.

Der Barde Taliesin

Ist es weise, dieses Zitat an den Anfang eines Buches zu stellen?

Wenn es um das Keltentum geht, schon. Und auch in einem Buch über Heilpraxis. Wie jedes andere Werk, das von den Kelten oder dem Schamanentum handelt, so kann auch mit diesem Buch nicht der Anspruch erhoben werden, praktische Erfahrung durch Lektüre zu ersetzen oder wie ein Kochbuch Rezepte mit Garantie des guten Gelingens zu liefern.

Vielmehr soll dieses Buch vor allem Denkanstoß sein, mehr Wissen in der Praxis zu suchen.

Und nur um dieser Anregungen willen bitte ich Sie daher, trotz Taliesins Spruch, doch weiterzulesen - allerdings immer mit dem einleitenden Satz des Barden im Hintergrund Ihres Bewusstseins.

Noch während der Recherchen für meinen Roman „Fliegenpilz“ war mir mehr und mehr bewusst geworden, dass es kaum Literatur über die spirituelle Heilpraxis der Kelten in den Ostalpen gibt.

Einerseits findet man zwar ausreichend Werke über Anwendungen und Methoden irischer, schottischer und walisischer Prägung, ebenso einiges über die Gallier und über das Druidentum insbesondere. Aber all diese Bücher, auch jene, die sich mit dem Druidentum im Allgemeinen auseinandersetzen und dabei theoretisch das gesamte Einzugsgebiet der Kelten mit einbeziehen, lehnen sich stark an das Inselkeltentum an.

Andererseits existieren auch einige Werke über die Kelten in den Alpen und im südlichen Deutschland, allerdings sind diese meist ausschließlich wissenschaftlich-kulturell orientiert.

All diese Bücher sind wichtige Teile in dem rätselhaften Puzzle, das uns die Kelten hinterlassen haben, und viele haben auf „Mutter Percht und Mistelzweig“ Einfluss ausgeübt, aber keines dieser Werke geht speziell auf die Spiritualität der vorchristlichen Kelten des Alpenraums ein.

Das hat natürlich seinen Grund. Wir wissen nämlich nur relativ wenig über die spirituellen Praktiken der Kelten, und das wenig Vorhandene ist meist aus zweiter Hand.

Aufgrund dieses Vakuums entschloss ich mich etwas ähnlich dem zu schaffen, was Tom Cowan mit seinem Buch „Feuer im Kopf: Mystische Traditionen der keltischen Schamanen“ und John Matthews mit seinem „The Celtic Shaman – A Handbook“ gelungen ist, nämlich Anleitungen zur angewandten keltischen Heilpraxis unter dem weiten anthropologischen Begriff des Schamanentums zu geben.

Während sich Cowan und Matthews mit dem inselkeltischen Schamanentum auseinandersetzen, soll es mein Ziel sein, den LeserInnen Wissen über das Keltentum in den Alpen in Zusammenhang mit lokalen Sagen und dem alpinen Brauchtum zu vermitteln sowie Denkanstöße zu liefern, wie man dieses alte Wissen mit moderner Heilpraxis verbinden kann.

Der Einzugsbereich der Kelten erstreckte sich, in heutigen Nationalstaaten ausgedrückt, von Portugal und Spanien, Frankreich, Belgien und den Britischen Inseln über den Alpenbogen und dem südlichen Deutschland, Tschechien bis nach Ungarn, mit Ablegern in Norditalien und sogar in der Türkei.

Mit einer derartigen Verbreitung waren die Kelten weniger ein homogenes Volk als vielmehr ein Konglomerat vieler Stämme, die sich bekanntlich über den europäischen Kontinent in Massen bewegten.

Was die keltischen Stämme vereinte war ihre Kultur, die sich in ihrer Staatsform, ihren Traditionen, ihrer Spiritualität, im Handwerk und in der Kunst glich oder zumindest stark ähnelte und sich vor allem von anderen Kulturen wie der Germanischen1 und Etruskisch-Römischen unterschied.

Wenn ich mich also im Folgenden mit der keltischen Kultur auseinander setze, dann bestimmt nicht, weil ich vielleicht glaube, dass sie anderen Kulturen überlegen sei.

Mein Anliegen ist einzig und allein den Suchenden zu zeigen, dass es auch im ostalpinen Raum eine rege Praxis schamanischer Spiritualität gegeben hat und dass man nicht nur bei den Amerikanischen Ureinwohnern, den Sibirern, Tibetanern und anderen indigenen Völkern suchen muss, um schamanisches Wissen zu erlangen.

Es liegt mir außerdem auch nichts ferner, als irgendjemand von der Suche nach Spiritualität in diesen anderen Kulturen abzuhalten. Ich selbst habe lange die Traditionen der amerikanischen Ureinwohner erforscht und ihre Methoden teilweise auch bei meiner Arbeit mit KlientInnen anzuwenden versucht.

Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Vergleich bemühen, den ich bei Dr. Charles Tart, Professor für Psychologie auf dem Institut für Transpersonelle Psychologie in Palo Alto in Kalifornien, gehört habe: „Eine einzige, bestimmte, abgegrenzte Sichtweise zu haben ist wie ein Schweizer Taschenmesser zu besitzen: ein hervorragendes Werkzeug für viele Gelegenheiten, und trotzdem kann man damit nicht alles machen, z.B. einen Nagel einschlagen. Dafür bräuchte man dann ein anderes Werkzeug. Im Endeffekt ist immer das anzuwenden, was für die KlientInnen das Beste ist.“

Überhaupt will ich hier keinen Konkurrenzkampf der Kulturen starten, sondern einfach Ideen liefern, wie wir EuropäerInnen in unserer eigenen Vergangenheit uralte schamanische Methoden finden können und nicht unbedingt die anderer Kulturen übernehmen müssen.

Dazu eine kleine Geschichte.

Im Jahr 1994 reiste ich zum ersten Mal in die USA und besuchte dort unter anderem eine alte Höhlen-Pueblostadt der Anazasi in New Mexico. Die Siedlung hatte auf dem Tafelberg, in den sie hineingearbeitet war, einen großen, flachen Platz, der nach Süden offen war. An seinem Ende fiel das Gelände hunderte Meter schroff in die Tiefe.

Von dort oben hatte man einen wunderschönen Ausblick in die mit Präriesalbei (einer Beifuß-Art) bedeckte Ebene, aus der mehrere solcher Tafelberge herausragten.

Meine Frau und ich waren aber nicht der einzigen, die diese Aussicht genossen; da waren auch drei amerikanische UreinwohnerInnen, die sich gerade dort aufhielten.

Wir stellten einander vor, eine der Frauen in der Gruppe tauschte mit mir Armbanduhren, und so kamen wir ins Gespräch. Sie gehörten zu einem Pueblo auf einem Reservat in der Nähe, und diese alte Felsenstadt, an deren Rand wir auf einer Mauer saßen und die fettesten Chips knabberten, die ich je gekostet hatte, wurde von ihren Vorfahren bewohnt. Die drei „IndianerInnen“ erzählten uns von ihren Familien und Ahnen, wer mit welchem Häuptling verwandt war, wer in welchem Krieg gegen die weißen Einwanderer mitgekämpft hatte und was für Zeremonien nach wie vor auf dem flachen Platz stattfanden.

Dann fragten sie uns nach unseren Ahnen und deren Taten, nach unseren Geschichten.

Und hier wurde mir bewusst, was „Kulturaustausch“ wirklich heißt, und dass ich auf diesen absolut nicht vorbereitet war. Ich habe an diesem Nachmittag viel Neues, Authentisches gelernt und konnte den Leuten, die mich etwas gelehrt haben, nichts zurückgeben! Weil ich nicht wirklich etwas Adäquates aus meiner eigenen Kultur zum Besten geben konnte. Und hier ist nicht etwa das gemeint, was wir im Allgemeinen im Geschichtsunterricht lernen, über Burgen, Kirchen, Kriege und Monarchen. Das ist alles leeres Wissen ohne jede spirituelle Kraft. Hier ist das Wissen aus jener Zeit gemeint, als wir EuropäerInnen noch eine Spiritualität lebten, die mit der der amerikanischen Ureinwohner vergleichbar ist.

Genau in diesem Augenblick wusste ich, dass sich da etwas ändern muss.

Und deshalb bin ich heute nach mehr als fünfzehn Jahren der Überzeugung, dass wir Europäer unser Kulturerbe genauso am Leben erhalten müssen, wie wir es uns von indigenen Kulturen wünschen, es manchmal sogar erwarten.

Denn erst wenn wir unsere eigene Kultur einmal gut kennen, dann können wir guten Gewissens von anderen lernen, weil wir dann die VertreterInnen dieser fremden Kulturen auch an unserem „Eingeborenenwissen“ teilhaben lassen können.

Wäre ich im Jahr 1994 zu einem „Pow Wow“, einem Treffen von Indianerstämmen, an dem auch manchmal Fremde teilnehmen, eingeladen worden, wäre auch ich dort sicherlich soweit wie möglich in „indianischer“ Kleidung – oder was ich dafür gehalten hätte - erscheinen. Wie langweilig wäre das für die Menschen dieses Stammes gewesen!

Heute gehe ich jedoch in alpiner Tracht dorthin. Dann kann ich mich nämlich mit den einheimischen TeilnehmerInnen oder dem Heiligen Mann oder der Heiligen Frau (Medizinmann/frau) über die hirschlederne Knickerbocker unterhalten, über Federkielstickerei und die Herstellung von Loden, Filz und Walkjankern, dass der Hirsch auf meinen Hosenträgern für unsere keltischen Ahnen ein heiliges Tier war, das die SchamanInnen in die Anderswelt begleiten konnte, dass dessen Geweih den Gott Cernunnos zierte und dass es außerdem von den DruidInnen aufgesetzt wurde, als „Antennen“ in die Welt der Geister.

Wäre nicht das eine Bereicherung für jemand aus einer anderen Kultur?

Genauso wie sich die Foundation für Shamanic Studies mit allen Mitteln dafür einsetzt, dass indigene Gesellschaften ihre Kultur erhalten können, wofür ich auch gerne jährlich mit einer Spende beitrage, finde ich, dass wir EuropäerInnen unsere ursprünglichen Kulturen wiederbeleben und am Leben erhalten müssen, nicht zuletzt als adäquates Tauschobjekt im weltweiten Kulturaustausch; damit wir auch geben können, wenn wir nehmen.

Das Ergebnis meiner damals begonnenen Suche nach meinen eigenen keltischen und schamanischen Wurzeln halten Sie nunmehr in Ihren Händen.

Noch ein paar einführende Worte zum Thema Christentum, dem ich ein ganzes Kapitel eingeräumt habe, und das naturgemäß eine gewichtige Rolle beim Thema „keltisches Erbe“ spielt:

Ich möchte hier auf das oft gehörte Argument eingehen, dass die Entwicklung der europäischen Kultur und Wissenschaft nur durch das Christentum ermöglicht wurde.

Man kann nicht verleugnen, dass es so aussieht, als ob vor allem die Wissenschaften ihre Ursprünge in den christlichen Klöstern hatten und dass unsere Kultur von dieser Religion stark beeinflusst wurde.

Diese Sichtweise liegt aber vor allem daran, dass das Wissen in den Klöstern niedergeschrieben wurde, was aber nicht unbedingt heißt, dass es dort auch ursprünglich entwickelt wurde.

Zumindest nicht in den Anfängen.

Das Christentum hat also nachweislich zur Überlieferung dieses Wissens beigetragen, was ja ein großer Verdienst ist.

Lediglich zu behaupten, dass es erst innerhalb der Klostermauern entstanden ist, erscheint mir als grundlegend falsch.

Auch aus wissenschaftsphilosophischer Sicht hält diese allgemein anerkannte Behauptung nicht stand. Man kann sie nämlich nicht nachhaltig beweisen.

Da die DruidInnen und die Hexen – also insgesamt die intellektuell-spirituelle Schicht der Kelten – erst von den Römern und später von den Christen systematisch vernichtet wurde, ging nämlich die „Kontrollgruppe“ verloren, mittels derer die oben angeführte Behauptung einzig verifiziert werden könnte.

So werden wir aber nie wirklich wissen (im empirischwissenschaftlichen Sinne), ob nicht die Bildung der DruidInnen und (Proto-)Hexen sowie die Kultur der Kelten genauso gut das hervorbringen hätte können, was das Christentum schaffte.

Dabei waren einander Kelten und römische Christen damals in so ziemlich allen Belangen ebenbürtig. So wurde das Wissen der DruidInnen von römischen Schriftstellern bewundert und es gibt Vermutungen, dass der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras von galatischen DruidInnen beeinflusst war. Pythagoras soll ja das Prinzip der Unsterblichkeit der Seele – und zwar lange vor dem Christentum – von den DruidInnen übernommen haben. Den DruidInnen wurde immerhin nachgesagt, dass sie „die Sprache der Götter sprechen.“

Aber nicht nur im Positiven waren die beiden Gruppen einander ebenbürtig, sondern auch im Negativen. Es stimmt schon, die Kelten waren zum Teil wilde Krieger und das allgemeine Verhalten der Menschen von damals war wesentlich unzivilisierter als wir es heute gewohnt sind: Die Bestrafung von Verbrechern war z.B. derber, die Urteilsfindung ließ einiges an Gerechtigkeit zu wünschen übrig und dergleichen mehr. Nur: die römischen Zeitgenossen standen den Kelten da in nichts nach – man bedenke nur wie jene sich den Christen gegenüber ursprünglich verhielten. Für die Christen dieser Zeit gilt dies ebenfalls, und wenn man die Berichte über die Inquisition – die ja lange nach dem Zusammentreffen dieser beiden Kulturen stattfand - liest, kann man nur sagen, dass die Christen die Kelten um einiges übertrafen, was man letzteren an Brutalität nachsagt.

Die Idee, dass sich das Christentum aufgrund seiner Philosophie der Nächstenliebe ausbreitete, ist daher eher ein romantisches Märchen. Vielmehr hatte diese Religion unabhängig von ihrem an und für sich großartigen Grundprinzip, das der Nächstenliebe nämlich, vor allem aufgrund der überlegenen Brutalität und schlaueren Winkelzüge der Kirche, wie etwa die verpflichtende Kindstaufe, derartigen Erfolg.

Zeitzeugen berichten von den Kelten, dass bei Konflikten zwischen Stämmen zwar die Heere aufmarschierten, dann aber die DruidInnen beider Seiten Verhandlungen führten und dabei oft genug eine bewaffnete Auseinandersetzung vermeiden konnten.

Die römischen Soldaten hingegen, die die christlichen Bischöfe auf ihren missionarischen Reisen begleiteten und deren Exekutive sie darstellten, kannten nur das Niedermetzeln als Konfliktlösung, meist auch als prophylaktische.

Wäre da die Behauptung zu vermessen, dass wir - hätte die keltische Kultur die gleichen Chancen gehabt, sich über die letzten 2000 Jahre ungestört zu entfalten wie die christliche - heute nicht in einer ebenso entwickelten und vielleicht sogar friedlicheren Welt leben könnten?

Wir werden es wahrscheinlich nie wissen.

Ich habe in diesem Buch einiges an Praxistipps eingefügt. Wenn ich auch hoffe, dass die angeführten geschichtlichen, mythologischen und mystischen Aspekte alle LeserInnen gleichermaßen ansprechen, so gehe ich bei vielen Praxistipps allerdings davon aus, dass die AnwenderInnen in der grundlegenden Praxis des Schamanentums zumindest ein wenig bewandert sind.

Es gibt dazu umfangreiche Literatur, die die Grundsätze und wichtigsten Methoden der schamanischen Praxis, vor allem des schamanischen Reisens beschreiben und lehren, sowie eine Vielfalt an einschlägigen Seminaren. Vor allem letzteres, also das Erlernen der Techniken durch praktische Anwendung unter erfahrener Leitung, ist empfehlenswert.

Dies alles in diesem Buch ausführlich zu besprechen würde seinen Rahmen bei weitem sprengen. Ich habe deshalb nur der Vollständigkeit halber im Kapitel „Schamanentum als Heilmethode“ eine kurze Beschreibung des schamanischen Reisens beigefügt.

Für viele Praxis-Tipps ist es nämlich notwendig, schamanisch Reisen zu können, um etwa die keltischen Göttinnen-Trinität zu besuchen oder Riesen und Wilde Männer, um Edelsteine und (Heil)Pflanzen zu bereisen und dadurch ihre Anwendungsbereiche in Erfahrung zu bringen und um von den Krafttieren zu lernen.

Zusätzlich nehme ich auch Bezug auf typisch keltische Methoden wie Wortzauber (Lobreden, Weissagung und Satiren), druidischen Nebel, Wasser-, Wind- und Feuerzauber und anderes.

Abschließend möchte ich noch zu den verschiedenen Arten der Themenaufarbeitung in diesem Buch Stellung nehmen.

Naturgemäß habe ich einen Teil des Wissens, das ich hier verarbeitet habe, aus anderen Büchern. Wo immer ich eine Textstelle mehr oder weniger wörtlich übernommen habe, findet sich Quellenangaben. Um diese jedoch nicht überhand nehmen zu lassen, verweise ich auf die Bibliographie, was all jene Fakten mit einschließen soll, die nicht eindeutig einem oder einer einzelnen AutorIn zugeordnet werden können.

Außerdem gibt es zum Thema Kelten eine Menge gleichlautender Aussagen, die dementsprechend in mehreren Büchern vorkommen. Wer da jetzt wen zitiert, wäre zu komplex zu belegen und würde nur vom eigentlichen Thema ablenken.

Schließlich habe ich auch hie und da einen „Reisebericht“ eingefügt. Diese Aufzeichnungen von Andersweltreisen aus eigener Praxis sind subjektiv und halten natürlich keinem naturwissenschaftlichen Test stand. Dies ist auch gar nicht beabsichtigt.

1 Forscher wie etwa Wolf-Dieter Storl gehen heute davon aus, dass die Unterscheidung zwischen Kelten und Germanen eine willkürliche ist, da die Gemeinsamkeiten dieser vermeintlich unterschiedlichen Kulturen so stark und verflochten sind, dass es sich hier durchaus um einer einzige Gruppe gehandelt haben könnte.

Keltentum

Als es mit der gewaltsamen Ausdehnung des Römischen Imperiums nach Norden zum Untergang der Kelten als eigenständige Akteure der Geschichte und Kulturträger kam, hatten sie selbst eine erstaunliche Geschichte hinter sich…

Georg Rohrecker

Die Dominanz der Kelten in Mitteleuropa im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wird in der Literatur genauso wie in den Schulen heute vielfach vergessen oder absichtlich verschwiegen.

Lediglich die Kulturen der Griechen und Römer werden intensiv durchgenommen, die Kelten jedoch nur am Rande erwähnt. Das geht so weit, dass im Lateinunterricht Ortsnamen wie Vindobona (Wien) oder Carnuntum (das von den Römern als befestigtes Lager ausgebaut wurde) als „lateinische“ Wörter bezeichnet werden.

Das ist aber grundlegend falsch. Vindobona z.B. ist eindeutig keltisch und bedeutet weiße Burg.

So gibt es eine Menge von Orts-, Berg-, Fluss- und Flurnamen im Ostalpinen Raum, die auf das Keltische zurückgehen. Villach und Felden sind nach dem keltischen Gott Bel(enus) benannt, Donau geht auf DANUBIA (benannt nach der Göttin DANA) zurück, alle Orte mit HALL in ihrem Namen (Hallstatt, Hallein etc.) haben etwas mit dem den Kelten heiligen Salz zu tun, das „Tote“ Gebirge ist eigentlich dem Stammesgott Teutates geweiht, und das Höllengebirge ist in Wirklichkeit ein heiliges, weil Sitz der Großen Bergmutter.

Oft war es die Sprachbarriere der in das keltische Gebiet einwandernden Völkern wie den Bayern, die zu solchen Fehlbezeichnungen führten, manchmal aber auch einfach eine Eindeutschung eines Dialektausdruckes. So etwa wird „Heiliges“ im Dialekt oft als HEULICHES ausgesprochen, mit dem „EU“ sehr nahe am „Ö“. So kann sehr leicht aus dem Heiligen- ein Höllengebirge werden, vor allem wenn dies so gut ins Konzept passt, nämlich alles, was den Kelten heilig war, zu verteufeln.

Wie groß das keltische Gebiet in Europa tatsächlich war, veranschaulicht die folgende Karte treffend.

Ausbreitung der Kelten (Quelle: Karte: Archiv Medienwerkstatt)

Mit dieser weiten Verbreitung der keltischen Kultur und ihren Traditionen ging nicht zuletzt auch die Ausbreitung und Ausweitung ihres Wissens einher. So haben sie das aus einem Stück gefertigte Speichenrad erfunden und für Landwirtschaft und Transport entwickelt; die von ihnen erfundene Sense, die die anstrengende Arbeit mit der Sichel beendete, ist im hochalpinen Raum noch heute im Einsatz; der wesentlich einfacher zu bedienende Radpflug der Kelten revolutionierte die Landwirtschaft; und das norische Eisen war in der gesamten antiken Welt begehrt, sei es für Waffen oder für Werkzeuge, und trug ironischerweise in Form des Gladiums, des römischen Kurzschwerts, zum Untergang der Kelten bei.

Um diese Güter zu befördern bauten die Kelten lange vor den Römern befestigte Straßen über wilde Alpenpässe. Noch heute bezeichnet z. B. der Plöckenpass in Österreich einen solchen „plechuntir weech“, nämlich einen mit Holzpflöcken befestigten Alpenübergang. (Resch-Rauter, 1992)

Auch wenn es nicht verwunderlich ist, dass heutzutage in Irland, Schottland und Wales die keltische Tradition viel stärker gepflegt wird als sogar im österreichischen Salzkammergut, wo sich der kleine Ort Hallstatt befindet, der allein schon aus archäologischer Sicht als die eigentliche Wiege des Keltentums bezeichnet werden kann, so ist dies als eine Art kultureller Verlust zu sehen.

Während der Alpenraum nämlich schon früher romanisiert wurde als England, blieben vor allem die noch weiter entfernte Insel Irland und das noch nördlichere Schottland überhaupt lange vom Einfluss der Römer verschont.

Auch hat dann später das Christentum in Mitteleuropa die Verbreitung seiner Dogmen härter als auf den britischen Inseln durchgesetzt, nicht zuletzt weil das von Rom auferlegte Arbeitsverbot für DruidInnen hier schon lange vor der Christianisierung ein spirituelles Vakuum erzeugt hatte. Dort hingegen, in den keltischen Randgebieten, vor allem aber in Irland, stellten sich die nach wie vor aktiven DruidInnen nicht nur mit aller Macht dem Einsickern der christlichen Lehren entgegen, sondern die Nachfolger der DruidInnen gestalteten, als der neue Glaube aus dem Nahen Osten doch auch dort seinen Einzug hielt, das Christentum mit.

Eine weitere Herausforderung, auf das umfangreiche Wissen der DruidInnen (oder so) zurückgreifen zu können, ist das Faktum, dass sich die keltischen Geistlichen geweigert haben, ihr Wissen niederzuschreiben.

Wissen in Büchern „festzuhalten“, im wahrsten Sinne dieses Wortes, wurde mit dem Verlust der Kraft dieses Wissens gleichgesetzt.

Einzig um den Novizen das Lernen zu erleichtern, wurde mancherorts in besonders langen Gebäuden Blätter von bestimmten Bäumen an langen Fäden aneinandergereiht und diese Schnüre dann aufgehängt. Dieses Blattalphabet, in dem das jeweilige Blatt einen Buchstaben bedeutete, war als „Schrift“ erlaubt, weil diese nicht von Menschenhand sondern von den Bäumen kam, die ihrer Ansicht nach vom Göttlichen durchdrungen waren.

Der Novize ging also diesen Schnüren entlang und las die Blätter, wie wir eben Buchstaben lesen. Ausdrücke wie Blatt Papier und durchblättern haben in dieser Art des Lesens ihren Ursprung.

Dazu kommt noch, dass nur mündliche Überlieferung lebendig ist. Während die keltische Geistlichkeit, also vor allem die DruidInnen, im Laufe ihrer Ausbildung zu BardInnen (der druidischen Grundstufe) über 350 Geschichten, Mythen, und Legenden auswendig lernen mussten, so waren sie gleichzeitig auch immer dazu angehalten, die Erzählungen auszuschmücken und an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, sie also nach Bedarf zu adaptieren. Wenn die Geschichten auch in ihrem Kern gleich blieben, so gibt es davon verschiedene Versionen.

Eine der wichtigsten Mythen, die Legende des Barden Taliesin, existiert in zumindest zwei Dutzend Ausführungen.

Daneben war es auch eine der Hauptaufgaben der Barden, sich zu neuen Geschichten inspirieren zu lassen. Dies geschah meist in dunklen Räumen, wo jegliche Stimuli für die Sinne weitestgehend reduziert wurden. Durch zusätzliches Fasten und u.U. auch durch Einnahme psychotroper Pflanzen wurde ein Zustand erreicht, in dem die etablierten und erfahrenen BardInnen neue Geschichten zu alten Themen erfuhren. Als KünstlerInnen lag es nun an ihnen, diese Erfahrungen den ZuhörerInnen zugänglich zu machen, und damit zu lehren.

Dieser organischen Überlieferung und Übertragung von Wissen und Geschichte steht gegenüber, dass wir heutzutage vom gesamten niedergeschriebenen Wissen, das wir in der Schule lernen, das Meiste vergessen. Dahingegen können wir unseren Kindern auch nach Jahren noch die gleichen Märchen und Sagen mündlich erzählen, die wir schon von unseren Eltern und Großeltern hörten. An diese Geschichten können wir uns problemlos erinnern! Auch sie wurden erst niedergeschrieben, nachdem sie lange Zeit hindurch lediglich mündlich weitergegeben worden waren.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf die im Ostalpinen Raum vorherrschende deutsche Sprache eingehen. Dies wird von vielen als Indiz dafür gesehen, dass die Wurzeln zumindest der österreichischen Bevölkerung germanisch seien, was im Nationalsozialismus missbräuchlich und scheinwissenschaftlich angewendet sowie politisch instrumentalisiert wurde.

Richtig, die Österreicher sprechen Deutsch. Genau genommen jedoch eigentlich Bairisch. Das Wort Bayern wiederum geht auf den keltischen Stammesnamen der Bojer zurück, wenn auch germanischer Einfluss dadurch gegeben ist, dass sich die Bojer mit zugereisten Germanen vermischten und zu den Bajuwaren wurden.

Das erklärt allerdings gerade einmal die Sprache, die sich mit den aus Bayern stammenden und die österreichischen Länder regierenden Adeligen (z.B. die Babenberger) auch auf das Alpengebiet ausdehnte. Insofern teilt Österreich damit das Schicksal Irlands: Auch die Iren haben ihre eigene im Keltischen verwurzelte Sprache, jedoch als Amtssprache die der früheren Besatzer, nämlich Englisch. IrInnen sehen sich aber deshalb eher nicht als EngländerInnen.

Was vom Keltentum überlebt hat

Die Europäer waren gewissermaßen die ersten, die aufgrund der Eroberung durch das römische Reich, der Inquisition durch die Katholische Kirche und durch die generelle Vernichtung der keltischen Tradition das Schamanentum verloren haben. In gewisser Weise waren die Europäer die ersten Versuchskaninchen bei der Ausrottung des Schamanentums. Und leider entschieden sie sich, einmal konvertiert, selbst den Versuch zu unterstützen das Schamanentum durch Missionierung auszutilgen.

Michael Harner

Spätestens an dieser Stelle muss ich vorwegnehmen – wie es in jedem Buch über keltische Spiritualität Standard ist – dass wir über keinerlei von den Kelten selbst verfassten Aufzeichnungen über ihr spirituelles Wissen verfügen.

Wir müssen uns bei unseren Betrachtungen daher auf drei Säulen stützen, die alle ihre eigenen Mängel haben:

Berichte von römischen und griechischen Autoren

über

die Kelten.

Diese Berichte sind nur teilweise glaubwürdig. Einerseits haben die römischen Besatzer wie Gaius Julius Caesar die Tatsachen propagandistisch verfälscht, um ihre imperialistische Kriegsführung und den damit einhergehenden Massenmord am keltischen Volk zu rechtfertigen. Andererseits verleitete ihre Arroganz gegenüber anderen Völkern die Römer und Griechen dazu, die Kelten nur oberflächlich, weil als Barbaren nicht weiter interessant, zu beschreiben.

Aufzeichnungen der Christen und der aus den Barden hervorgegangenen christianisierten Fili(d),

über

das Inselkeltentum.

Auch hier wurde das Material propagandistisch verfärbt, aber diesmal um die Vorherrschaft des Christentums gegenüber dem keltischen Heidentum hervorzuheben. Viele dieser Aufzeichnungen sind Sagen und Legenden, von denen man mehr oder weniger leicht die Änderungen durch die Christen ablösen und auf den keltischen Kern stoßen kann. Ich werde im nächsten Kapitel noch näher darauf eingehen.

Sagen und Legenden aus dem Ostalpinen Raum.

Hier färbte das Christentum noch heftiger um als auf den Britischen Inseln, aber es lohnt sich auch hier hinter die Fassade zu blicken und den keltischen Kern der Geschichten ausfindig zu machen. KeltenforscherInnen wie Georg Rohrecker und Inge Resch-Rauter haben auf diesem Gebiet einiges erkannt, gesammelt und niedergeschrieben. Hier wollen wir zwar einige Sagen als Beispiele heranziehen, aber für alle, die sich mehr mit diesem Thema beschäftigen wollen, empfehle ich die Lektüre Resch-Rauters und Rohreckers Bücher, die in der Bibliographie angeführt sind.

Wie im vorigen Kapitel erarbeitet, waren der mitteleuropäische und damit auch der ostalpine Raum wissenschaftlich nachweisbar keltisch und daher von einer ganz spezifischen Spiritualität mit schamanischen Wurzeln beeinflusst.

Doch dann passierte eben das Christentum.

Ich möchte jedoch gleich vorwegnehmen, dass ich die Denkansätze Jesu -bzw. das, was tatsächlich als die direkt von ihm stammende Lehren angesehen wird2 - von großer spiritueller Einsicht geprägt - jedenfalls meines Erachtens von großem gesellschaftspolitisch-moralischen, also ethischen Wert sind.

Was später Paulus und die katholische Kirche daraus gemacht haben, hat das Christentum meiner Ansicht nach jedoch nahezu aller spirituellen Kraft beraubt. Da dieses Buch aber keinesfalls eine Grundsatzdiskussion über Glaubensfragen sein soll, möchte ich darauf nicht näher eingehen.

Wichtig zu erkennen / zu wissen/ zu bedenken ist jedoch, dass die Lehre Jesu aus einem dem Keltentum völlig verschiedenen Glaubenssystem entspringt, nämlich aus dem Abrahamistischen, aus dem sich der Islam und das Judentum, in dem das Christentum verwurzelt ist – wie es Papst Johannes XXIII im zweiten Vatikanische Konzil offiziell machte – entwickelt haben.

Während Jesus als Jude und aus tiefer Einsicht heraus viele Denkansätze aus der Thora, dass Gott nämlich z.B. Rache nimmt und Ungläubige verdammt und sonst auch grausame Dinge von seinen Gläubigen verlangt, außer Kraft setzte und erkannte, dass ein einziger Gott nur voll und ganz Liebe sein kann, so kam er doch aus der Kultur des mythologischen Stammvaters Abraham und glaubte daher an einen Vatergott im Himmel.

Die Kelten und ihre Vorfahren bis weit in die Urgeschichte hingegen – und die Venus von Willendorf ist da ein hervorragendes Zeugnis dafür – glaubten an eine Muttergottheit, die Erde.

Dieses Fehlen einer Muttergottheit im Christentum war denn auch eine der schwierigsten Hürden für die Kirche in Europa, die sie dadurch überwand, indem sie im Katholizismus etwa Maria zur großen Gottesmutter erhob, was dem Göttinnenverständnis der Kelten viel näher und für sie daher im Endeffekt auch akzeptabel war. Noch dazu weil Maria zur Tochter Annas wurde, die so gar nicht zufällig den Wortstamm mit der keltischen Urmutter (D)ANA teilt.

Daneben gab die Kirche auch dem in Europa (nicht nur bei den Kelten, sondern auch bei den Römern und Griechen) gepflegten Vielgötterkult, insbesondere der Trinität nach. So wurde Jesus erst später per Dogma zu einem Gott, und bildete mit seinem Gottvater und dem Heiligen Geist die Dreifaltigkeit3. Jesus hätte dieser Entwicklung „seines“ Glaubens nie zugestimmt, da er als Jude ja strengst monotheistisch war.

So gesehen wurde das, was wir heute als Christentum erleben, zwar weitestgehend von der europäischen Kirche gestaltet, ist aber mit seiner Ursprünglichkeit im Alten Testament keine gewachsene europäische Religion, sondern eine, die der bestehenden überlagert wurde.

Das hat enorme Bedeutung. Man stelle sich nur vor wie wir selber oft kleinen Änderungen vehementen Widerstand entgegensetzen. Hier sprechen wir hingegen über ein europäisches, an der Erdmutter ausgerichtetes Glaubenssystem, das sich über zehntausende von Jahren entwickelt hat und das plötzlich und vor verhältnismäßig kurzer Zeit mit einem vollkommen anders orientierten zu ersetzen versucht wurde. Dass dies nicht ohne Kompromisse gelang und daher nach wie vor eine Menge heidnischer Elemente im christlichen Glauben zu finden sind, ist deshalb nicht verwunderlich, ebenso wenig, dass die alten Sagen und Mythen der alten Religion nach wie vor überliefert werden.

Ich wage sogar zu behaupten, dass wir EuropäerInnen noch immer nicht über diesen „Schock“, den dieses neue Glaubenssystem für die meisten bedeutete, hinweg sind, es vielleicht auch niemals sein werden.

Kurz gesagt, keine spirituelle Philosophie oder Glaubensrichtung ist besser als die andere. Wenn eine Philosophie jedoch eine andere verdrängt, kommt es zu Spannungen, denn offensichtlich ist es dem Großteil der Menschen bis heute nicht gegeben, diese Unterschiede nicht als Gefahr sondern als Ergänzung zu sehen.

Da das Thema dieses Buches jedoch die Suche nach den schamanischen Wurzeln im keltischen Mitteleuropa ist, können und müssen wir sogar die vom Christentum über die alpinen Traditionen gestülpte Hülle abnehmen und tiefer forschen.

In diesem Kapitel möchte ich aber vorerst erarbeiten, was im Christentum an Keltischem zu finden ist, und erst später auf die vor-christlichen Inhalte eingehen.

Man muss bei der Betrachtung des Umformungsprozesses vom Kelten- zum Christentum erwähnen, dass die zweite Welle der Christianisierung der Ostalpen nicht mehr so sehr von Rom aus, sondern vor allem durch irische Mönche erledigt wurde. Diese waren nicht nur zum Teil selbst Fili, also ehemalige Barden, sondern hatten schon einige Erfahrung, wie man lokale keltische Bräuche ein wenig ändert, umdeutet, und dann einfach als christlich erklärt. Insbesondere die Umwandlung von (teilweise lokalen) Göttern in Heilige war eine weit verbreitete Vorgehensweise der christlichen Kirche, um den Menschen ihre Idole bzw. Symbole einerseits zu lassen, diesen jedoch andererseits einen christlichen Deckmantel überzustülpen. Wir werden im Kapitel „Audienz bei der höchsten Instanz“ über die dreifache Muttergottheit noch im Detail auf diese Umdeutung eingehen.

So z.B. waren in den keltischen Gebieten die Feierlichkeiten anlässlich der Wiedergeburt des Lichtes zur Wintersonnenwende einfach nicht aus der Welt zu schaffen. An diesem Tag gebar die Erdmutter jedes Jahr ihren Lichtsohn aufs Neue, der sie im Frühling als ihr Geliebter befruchtete, damit sie den Menschen im Sommer reiche Frucht aus ihrem Schoß bescheren möge.

Ohne dieses Fest und die damit verbundene Verehrung der Muttergottheit konnten sich die Leute damals wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen, dass die Erdscholle im nächsten Jahr Früchte tragen würde oder zumindest wollten sie es nicht riskieren.

Das Fest wurde also heftig weiter gefeiert, mit oder ohne Segen der Kirche.

Diese hatte bis dahin (im 4. Jhdt. unserer Zeitrechnung) gerade noch über die Möglichkeit nachgedacht, Jesu Geburtstag zu feiern, sich aber auf kein Datum geeinigt.

Da man aber sowieso nicht wusste, wann dieser Geburtstag war, warum ihn nicht in die Zeit um die Wintersonnenwende legen?

Jesus wurde in den Schriften als „das Licht“ beschrieben, seine Geburt war also ebenfalls die eines Lichtwesens, und daher sehr passend. Weiters wurde er per Dogma zum „Sohn“ Gottes und einer Jungfrau (auf diesen Ausdruck komme ich später noch zu sprechen), wie sie auch die Erdmutter ist. Diese Ähnlichkeiten machte es für die Mönche relativ leicht, das ursprünglich keltische Fest umzuinterpretieren und es zu einem christlichen zu machen.

Haben Sie sich in diesem Zusammenhang schon einmal gefragt, warum man im Alpengebiet „Frohe Weihnachten“ sagt, und nicht etwa „Fröhliches Christfest“, entsprechend dem englischen „Merry Christmas“, was ja der eindeutig christlichere Ausdruck wäre?

Die geweihten Nächte (engl. interessanterweise Holidays) sind die zwölf Nächte nach der Wintersonnenwende, die DruidInnen, als Verantwortliche für Kalender und Zeitrechnung, unter anderem dazu benutzten, um das knapp 353 Tage dauernde Mondjahr (29,4 Tage mal 12) dem 365 Tage dauernden Sonnenjahr anzupassen.

Es handelt sich also um eine Anzahl von Nächten und nicht um eine einzelne, worauf auch die alte Pluralendung „-en“ nach Weihnacht hindeutet.

Uralte Ausdrücke wie dieser zeigen also heute noch den ursprünglichen Glauben auf, trotz der Vereinnahmung von Weihnachten durch das Christentum als die der Geburt Jesu geweihte Nacht.

Diese und andere Parallelen veranlassen viele KeltenforscherInnen darüber zu philosophieren, ob nun das Keltentum in das Christentum integriert wurde oder ob es sich in Wahrheit nicht umgekehrt verhält, dass nämlich die schlauen Nachfolger der DruidInnen, die Fili, das Christentum dem keltischen Glauben anpassten, es in ihre alte Religion integrierten.

Aber nicht nur Weihnachten ist keltisch, eine Art Ostern gab es ebenfalls, und auch Allerheiligen und Allerseelen sind Tage, deren Ursprung im Keltischen liegt. Und das sind nur ein paar wenige Beispiele der größten Feste im Jahreszyklus. Man kann im Grunde genommen jeden einzelnen Tag im Jahr, der Heiligen und der mit ihnen verbundenen Symbolik gewidmet ist, über die Person der Heiligen mit dem keltischen Ursprüngen in Verbindung bringen.

Nicht zufällig fallen die beiden Feiertage Allerheiligen und Allerseelen auf den ersten und zweiten November.

In der Nacht zum 1. November wurde bei den Kelten das Samhain Fest gefeiert. In dieser Nacht ist die Pforte in die Anderswelt weit offen und seit damals reisen die SchamanInnen zu den Seelen der Verstorbenen, um mit ihnen aus vielerlei Gründen Kontakt aufzunehmen.

Außerdem betreten besagte Seelen sowie andere BewohnerInnen der Anderswelt in dieser Nacht und nur für Übergangsnächte wie diese, die physische Welt. Die Toten, um ihre Nachfahren zu besuchen und die von diesen vor die Tür gestellte Opfergaben entgegen zu nehmen, und die Sidhe, um sich in unserer Welt umzusehen.

Um den ersten November begingen die Kelten also schon damals einen Totenkult, der in den Feierlichkeiten rund um Allerheiligen und Allerseelen seine Fortsetzung fand.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch die mittlerweile am europäischen Kontinent Fuß fassenden Hallowe‘en-Bräuche erwähnen. Hallowe‘en in seiner heutigen Form kommt zwar aus den USA, ist aber ursprünglich irisch. Wenn es damit auch keltisch ist, so ist der Brauch in den Ostalpen keinesfalls bodenständig.

Halloween kommt von All Hallowes‘ Eve und ist daher einfach der Abend vor Allerheiligen.

Dennoch sind da ein paar interessante schamanische Aspekte anzuführen. Wie bereits erwähnt reisten auch die keltischen SchamanInnen in besagter Nacht zur Jahreswende in die Anderswelt, um die Toten und die Bewohner der Anderswelt zu besuchen. Nun glaubte man aber, dass die Toten oder die Sidhe die Seelen der SchamanInnen gefangen nehmen würden, wenn sie diese als eine Seele eines noch lebenden Menschen erkennen würden. Also mussten sich die SchamanInnen unkenntlich machen, was sie durch Körperbemalung und Tätowieren bewerkstelligten.

Mit anderen Worten, man musste sich „verkleiden“, um im Reich der Toten, in der Anderswelt nicht erkannt zu werden.

So gesehen ist also das Verkleiden zu Hallowe‘en uralt, wie auch das von Haus zu Haus gehen, nur dass dies, wie oben erwähnt, die Seelen der Toten machten, und eben diese die Gaben, wenn auch keine Süßigkeiten, von den Hausbewohnern erhielten.

Ich werde in dem Kapitel „Festtage und Kalender“ noch näher auf Feierlichkeiten wie Ostern, Lichtmess oder Allerseelen eingehen. Hier sollte nur an Hand von ein paar Beispielen gezeigt werden, dass heute als christlich bezeichnete Bräuche und vor allem Feste in den Ostalpen eigentlich keltische Wurzeln haben.

Bezüglich Christianisierung möchte ich noch anführen, dass es dafür Indizien gibt, dass diese gar nicht einmal vorrangiges Ziel der von den Adeligen eingesetzten „Missionare“, meist Bischöfe, gewesen sein mochte.

Da ist zunächst einmal der „heilige“ Koloman zu erwähnen. COLUMBAN heißt „Säule/Zeiger neben dem Haus“, COLUMCILL bedeutet „Säule/Zeiger neben der Kirche“ und COLMAN „Zeigerstein“. All diese Bezeichnungen, die auch gleichzeitig Namen irischer Missionare sind, weisen auf die für die Landvermessung notwendigen Bauten im relativ flachen Irland hin, also vor allem auf solche Bauwerke bzw.

Türme, die hoch aufragen und schon von weitem Vermessungspunkte anzeigen.

Auch die alten Kirchtürme, die allesamt an oder über keltischen Heiligtümern, vor allem heiligen Steinen, erbaut sind, haben tatsächlich nur sekundär mit dem Wunsch zu tun, Gott möglichst nahe zu kommen, sondern sind primär weithin sichtbare Vermessungspunkte.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass es bei der christlichen Mission in Europa vor allem um Landnahme ging, sind die Vitae mancher Bischöfe selbst. So sind viele Gründer von Klöstern, die an wichtigen Vermessungspunkten und Linien errichtet worden sind (z.B. am Jakobsweg) „Bischöfe ohne Vergangenheit“. Das heißt, sie waren oft einfache Hirtenjungen oder Bauern, die in ein Kloster eintraten, danach für ein paar Jahre von der Bildfläche verschwanden, und dann plötzlich als Bischöfe und Vertraute von Königen und Kaisern wichtige Bollwerke der Kirche er- oder ausbauten. Nun waren jedoch im Mittelalter die gesellschaftlichen Kluften zwischen den Ständen, vor allem zwischen Adel und Volk, noch wesentlich ausgeprägter als heute. Insofern waren es auch üblicherweise Geschwister von Herrschern oder zumindest Angehörige des Hochadels, die die Bischofswürde erlangten oder gar die Herrscher als Vertrauensperson begleiteten.

Was anderes konnte die herrschende Schicht also veranlassen, einfache Hirtenbuben als Berater heranzuziehen, wenn diese nicht in den Jahren, in denen sie angeblich in einer Einsiedelei weilten, in Wirklichkeit etwas erlernten, was für Herrscher und ihrem Drang, ihrem Adelshaus möglichst viel Land zu erobern, von größter Wichtigkeit war?

Die Antwort ist: Landvermessung, also Geodäsie, Geometrie, Trigonomie und Astronomie. Nicht nur dass, wie oben gezeigt, die Namen der Landvermesser mit ihren Gebäuden oft eins wurden, so zeigt auch Inge Resch-Rauter in ihrem Buch „Auf den Spuren der Druiden“ diese Zusammenhänge in ausführlichster Weise.

Für Landvermessung als eigentlichem Auftrag spricht auch der oft gewaltsame Tod dieser „Missionare“. Wären sie wirklich damit beschäftigt gewesen, ihren Glauben der Bevölkerung zu erklären und die Leute von dessen Vorteilen zu überzeugen, dann wären sie wohl des Öfteren ausgelacht oder unter Umständen vertrieben worden. Wenn sie aber durch ihre Vermessungstätigkeiten die Landnahme der Adeligen unterstützten bzw. erst ermöglichten, dann rief das sehr wohl reale Existenzängste und somit die Wut der Bauern hervor, deren Lebensbasis ebendieses Land war.

Wo verblieb aber dann die eigentliche Christianisierung? So schnell und flächendeckend, wie uns die christlich geprägte Geschichtsschreibung das oft darstellt, ging es tatsächlich nicht. Man muss sich nur einmal fragen, wie denn die irischen Missionare, die damals bereits Deutsch sprechenden Menschen im Alpenraum argumentativ von der Überlegenheit des christlichen Glaubens überzeugen hätten wollen? Sieht man sich z.B. die Gebetsbücher der iro-schottischen Missionare an, so sind diese in ihren Sprachen, also irisch, walisisch, gälisch etc. verfasst.

Die etwa fünfhundert Jahre dauernde Hexenverfolgung und die relativ späten Verbotsdekrete für spezifische heidnische Glaubenspraktiken (der Dreifrauentag am 16. September wurde erst im 2. Vatikanischen Konzil 1965 abgesetzt!) zeigen ebenfalls, wie stark das Heidnische, die ursprüngliche Göttinnenreligion in den Menschen verankert war.

Auch wenn man sich die „Missionierungserfolge“ dieser Bischöfe genauer ansieht, so war da nicht das einfache Volk der Maßstab, wie viele Menschen etwa getauft wurden, sondern vielmehr welcher Herrscher stellvertretend für seine Untertanen „bekehrt“ wurde. Selbst da wird nur allzu oft beschrieben, wie der Herrscher erst am Totenbett ohne Beisein von Zeugen getauft wurde. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass diese Machthaber nur deshalb zum neuen Glauben übertraten, weil sie sich gegen die Taufe gar nicht mehr wehren konnten, was ihnen aber offensichtlich Zeit ihres Lebens geglückt war. Wenn die Erteilung dieses Sakraments nicht überhaupt von den Geistlichen lediglich behauptet wurde, ohne dass sie tatsächlich stattfand. Schließlich konnte niemand den eigentlichen Vollzug der Taufe bezeugen.

Ich möchte zum Abschluss noch einmal anmerken, dass das oben Gesagte absolut nichts mit der Lehre Jesu, so wie sie ursprünglich gedacht war, zu tun hat. Mir geht es also keineswegs darum, den christlichen Glauben an sich zu kritisieren, sondern aufzuzeigen, dass die Machtgebarung der Kirche, wie sie etwa auch im Investiturstreit zum Ausdruck kommt, praktisch eine Parallelveranstaltung zum organischen Eigenleben des Glaubens war und nach wie vor ist. Außerdem gaukelt uns die leider von der Amtskirche stark beeinflusste Geschichtsschreibung einen Siegeszug des christlichen Glaubens in Europa vor, den es so nie gab.

Als Beispiel möchte ich da nur die Bretagne anführen, wo es das Christentum besonders schwer hatte. Noch zu Ende des 17. (!) Jahrhunderts mussten dort Tafeln, die die Geschichte Jesu in Bildern darstellten, zwischen den Kirchen und den von den Menschen nach wie vor angebeteten Calvaires aufgestellt werden. Dies war deshalb notwendig, da die analphabetische Bevölkerung nicht in die Kirchen hineinging, um das Wort Gottes zu hören, sondern ihren keltischen Glauben weiterhin bei diesen Menhiren vor den Gotteshäusern praktizierte. Wie gesagt, knapp eintausend und siebenhundert Jahre nach dem Beginn dieses angeblichen Siegeszuges mussten die Missionare nach wie vor hart daran arbeiten, den Menschen das Christentum näherzubringen. Und das, nachdem die Kirche schon über Jahrhunderte mittels Inquisition und Hexenverbrennung gehörigen Druck gemacht hatte.

Verwunderlich ist dieses Festhalten der Menschen an den alten Traditionen nicht, da deren Anfänge ja zumindest schon in die Jungsteinzeit, in die die Megalith-Kultur fallen, also mehr als 6000 Jahre im Leben der Menschen integriert waren. Und alte Gewohnheiten gibt man bekanntlich nur ungern auf.

2 Siehe dazu ausführlich Karl-Heinz Deschner: Der Gefälschte Glaube, 1988

3 die Gottesmutter in die Gruppe aufzunehmen scheint dann doch zu wenig patriarchalisch gewesen sein

Kelten in Europa

Es war kurz vor Samhain und dieses Jahr wie in den neun Jahren zuvor kam ein Krieger der Sidhe, Finnachaidh von den Túatha Dé Danann mit dem Namen Aillen Mac Midhna, nach Tara und verursachte Chaos unter den Fianna. Er verbrannte die Dächer von Tara mit seiner Magie und versetzte mit seiner Feenmusik alle Krieger der Fianna in Schlaf.

Aus den Sagen des Helden Fionn Mac Cumhaill

Irisch-keltische Sagen wie diese aus dem Reigen der Geschichten um Fionn Mac Cumhaill waren im Mittelalter noch fast unverfälscht im Umlauf.

Wie schon erwähnt, waren die Inselkelten von vielen Einflüssen der Römer sowie der Christen verschont geblieben. So konnten Mönche die Legenden aufzeichnen, wenn sie auch die Geschichten wie ihre römischen Vorgänger in propagandistischer Weise verfälschten.

Wer sich dafür tiefergehend interessiert, dem seien die Bücher von Tom Cowan sowie von John und Caitlin Matthews4 ans Herz gelegt.

Die große Frage, über deren Beantwortung sich AltertumsforscherInnen bei weitem nicht so einig sind wie es scheinen mag, ist, wie weit sich die Festlandkelten, die Gallier, überhaupt mit den damals auf den britischen Inseln bereits lebenden Brytonen, Kymren, Iren, Pikten, Scoten usw. vermischt haben. Manche bezweifeln überhaupt eine nennenswerte Invasion der Inseln durch die Festlandkelten. Wie so vieles bei unseren keltischen Vorfahren, ist dies aber heute nicht nachvollziehbar, und wir müssen uns daher auf bestimmte wahrnehmbare Fakten stützen. Manche, wie Helmut Birkhan, nehmen da die Sprache als Bestimmungsmerkmal und sagen, dass keltisch ist, wer keltisch spricht. Andere wiederum stützen sich auf Ausgrabungen und Ähnlichkeiten in den Fundgegenständen, und wieder andere sehen ethnische Affinitäten, die die Kelten einen und von anderen Ethnien abgrenzen.

Problematisch wird es meiner Ansicht nach dann, wenn eine dieser Strömungen sich als die alleinige Verkünderin der Wahrheit ansieht. Deshalb möchte ich für dieses Buch einen allumfassenden Ansatz zugrunde legen, der darin liegt, dass man zwar in Schottland, Irland, Wales und in der Bretagne noch gälische Sprachen spricht, dass man aber auch von dem keltischen Königreich Norikum in den Ostalpen weiß, wenn auch aus Sicht der Sprachforschung nur eine Handvoll Wörter und Wortteile in schriftlichen Zeugnissen zu finden sind.

Ausgrabungen in Hallstatt genauso wie in La Tène und anderen Teilen Europas inklusive der Britischen Inseln liefern eindeutige Parallelen in der Kunst und Manufaktur dieser Zeit.

Und schließlich wurde der Grieche Pythagoras in Marseille von Druiden unterrichtet, so erwähnen Caesar und Cicero einen Druiden beim Namen im Stammesgebiet der gallischen Eduer, nordwestlich an die Schweiz grenzend, und das Massaker der Römer an den Druiden auf der Insel Anglesey ist ebenfalls bekannt. All das sind Indizien einer ethnischen Gemeinsamkeit über ein weites Gebiet Europas.

Insbesondere finde ich es von großem Interesse, dass viele Legenden auf den britischen Inseln den Sagen der Ostalpen ähnlich sind. So kommt im Irisch-Keltischen etwa die Cailleach vor, die der Percht der Alpen ähnelt. Auch sie ist einer von drei Aspekten, personifiziert durch drei Frauen, wie die alpinen Saligen Madeln, die meist zu dritt auftreten, oder die Drei Bethen.

Derlei Parallelen gibt es unzählige, und, da es zu diesem Thema umfangreiche Literatur gibt, möchte ich mich hier auf die vorgenannten Beispiele beschränken.

Schließlich und endlich geht es hier nur um die Feststellung, dass es solche Parallelen gibt und dass diese als ein Indiz dafür gesehen werden, dass die Kelten ein gemeinsames Kulturgut vereinte, welches sich auf ihr gesamtes Einzugsgebiet erstreckte.

Jedenfalls hilft dieser Denkansatz, die keltischen Kernaussagen der Erzählungen aus dem alpinen Raum herauszuarbeiten, und sie damit in die moderne magische Arbeit einfließen zu lassen.

4 Vgl. Literaturliste

Schamanen im Keltentum

Der keltischen Tradition zufolge wird das Land durch spirituelle Manifestationen seiner Macht gekennzeichnet, durch die Göttin des Landes, das Auftauchen kämpfender Drachen und das Fließen von Strömen mit mythischen Eigenschaften. Aufgabe der SchamanInnen ist es, das Land zu deuten und zu erkennen und so sehr zu dessen Bestandteil zu werden, dass sie alle Unausgewogenheiten darin bewusst wahrnehmen.

Caitlin und John Matthews

Bevor ich auf die keltischen SchamanInnen im ostalpinen Raum eingehe, möchte ich noch etwas über den Ausdruck „Schamane“ an sich sagen.

Es ist davon auszugehen, dass unsere keltischen Vorfahren diejenigen Männer und Frauen, die für ihre Sippen und Stämme schamanisch tätig waren, nicht mit diesem Ausdruck der sibirischen Tungusken bezeichnet haben, nicht zuletzt weil sie dieses Wort mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit gar nicht gekannt haben.