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Auf den Bamberger Erzbischof wird während der Fronleichnamsprozession ein Attentat verübt. Vor den Toren der Domstadt finden Kriminalrätin Petra Stengl und ihr Kollege Norbert Denzlein kurz darauf die enthauptete Leiche eines Autofahrers. Unfall, Selbstmord oder Mord? Ermittlungen ergeben: Der Attentäter und der Tote gehören einer fanatischen Sekte an, die sich von Würzburg aus auch im Bamberger und Coburger Raum ausbreiten will. Was hat es mit der Glaubensgemeinschaft der charismatischen „Prophetin“ Tabea Wallner auf sich?
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Thomas Pregl
Frankenblut
Kriminalroman
Blutiger Sektenwahn Tief im Herzen Oberfrankens breitet sich eine gefährliche Sekte unter der Führung der selbsternannten »Prophetin« Tabea Wallner aus. Diese beruft sich auf den „König Rintfleisch“, der im Jahre 1298 mit seinen blutrünstigen Horden Tausende Juden in Franken ermordete. Ein Attentat auf den Bamberger Erzbischof und ein mysteriöser Todesfall scheinen mit der Gruppierung zusammenzuhängen. Kriminalrätin Petra Stengl und ihr Partner Norbert Denzlein ermitteln, während sich in der Bevölkerung der Widerstand gegen die »Universellen Blutzeugen« formiert – und es gibt weitere rätselhafte Todesfälle. Als die Wahrheit Stück für Stück enthüllt wird, kämpfen die Ermittler gegen Intrigen, Verrat und Fanatismus. Petra Stengl und Norbert Denzlein sind bei ihren Ermittlungen gezwungen, ein hohes Risiko einzugehen.
Thomas Pregl, 1956 in Willich geboren, arbeitet nach seiner Tätigkeit als Lehrer weiter auch als Journalist, Buchautor und Stadtführer in Bamberg. In der Vergangenheit hat er sich dem investigativen Journalismus verschrieben. Jetzt geht er als Krimiautor auf Ganoven- und Mörderjagd. Die Hintergründe seiner Krimis sind nahe an der Wirklichkeit. Thomas Pregl lebt seit vielen Jahren in der Nähe von Bamberg. Er ist verheiratet und liebt die fränkische Lebensweise – vor allem die Keller-, Ess- und Bierkultur.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Andreas_Zerndl / istockphoto.com
ISBN 978-3-8392-7846-8
Gewidmet ist dieses Buch den zwei fundamentalen Aussagen, die mich mein ganzes Privat- und Berufsleben begleitet und geleitet haben: »Nie wieder!« und »Nie vergessen!«
Wie schon mein Krimi »Frankenhölle«, der sich mit den Machenschaften in der Glücksspielbranche befasst, ist auch »Frankenblut« sehr nahe an der Realität. Die im Buch geschilderten Ereignisse und handelnden Figuren sind der Fantasie des Autors entsprungen. Ausnahmen bilden Personen der Zeitgeschichte und die Wirte mit ihren urigen Gasthäusern, Brauereien und Bierkellern. Die im Buch beschriebene Sekte gibt es so nicht. Aber was religiöser Wahn, Verschwörungstheorien, Rassismus und Antisemitismus aus Menschen machen können, erleben wir täglich. Das ist bittere Realität. Und die greift »Frankenblut« auf.
Dieser Krimi enthält Werbung – für Franken. Ein Land mit einer einzigartigen Bier-, Wein- und Esskultur. Ein Land, in dem »Blaue Zipfel«, »Gerupfter«, »Drei im Weggla«, »Sechs auf Kraut« oder »roter und weißer Presssack« erstaunlicherweise nicht in Erotikläden zu finden sind, sondern zu einer deftigen Brotzeit gehören. Ein Land, in dem man zum Biertrinken und Lachen nicht in, sondern auf den Keller geht. Ein Land, in dem die richtige Größe der Brodwoschd zur allein seligmachenden Religion erhoben wird. Ein Land, dessen hohe Fußballphilosophie in der Erkenntnis gipfelt: »Der Glubb is a Debb«. Ein Land, wo ein Schnitt nicht zu bluten beginnt, sondern eine Maßeinheit für ein letztes Absackerbier ist. Und ein Land, in dem der Wirsing nur in der Konsistenz gereicht wird, die an grünen Ketchup erinnert.
»Schweigen ist der meistgesprochene Dialekt in Franken«, so hat es mal der Bamberger Kabarettist Mäc Härder auf den Punkt gebracht. Und wenn die Franken dann doch mal reden – in ihrer weichen, fast lieblichen Sprache mit dem gekonnt gerollten R –, dann verzichten sie auch auf harte Konsonanten wie T, P und K. Und erleichtern so ihrem Nachwuchs das Erlernen des Alphabets. In einem Satz: Franken ist ein Paradies mit wenigen Buchstaben. Und auch ohne viele Worte. Daher braucht es ein wenig Werbung, um auf das gelobte Land im nördlichen Zipfel von Bayern aufmerksam zu machen.
Die Ermittler
Petra Stengl – Kriminalrätin
Norbert Denzlein – Kriminalkommissar
Bettina Fuchs – Kriminalkommissarin
Alfred Engelhardt – Kriminalhauptkommissar
Bärbel Faun – Rechtsmedizinerin
*
Die Sekte
Tabea Wallner – Prophetin
Marcel Kock – ihr neuer Stellvertreter
Wilhelm Kürzel – ihr alter Stellvertreter
Sarah Kürzel – seine Frau
Karin Furchner – Jüngerin
Susanne Sauer – ihre Schwester, Aussteigerin
Oliver Blaustedel – Jünger
Tim Mötschel – Jünger
*
Weitere Personen
Sebastian Furchner – Ehemann von Karin Furchner
Benny Haderlein – Besucher des Griess Kellers
Jupp Timmermann – Niederrheiner, Mossad-Mitarbeiter
Mike Schmitz – Niederrheiner, Mossad-Mitarbeiter
Karel Langer – Anwalt
Professor Dr. Dotterweich – Theologe, Sektenfachmann
Leon Wolf – Bürgermeister
Bert Engel – Journalist
Mauritius Bang – Vorsitzender der Schießfreunde Bamberg
Francesco Vittore – Sicherheitsdienst und Rockerpräsident
Alois Hut – Bauunternehmer
Hans Bauernknecht – Fraktionsführer
Daniela Denzlein – Tochter des Kommissars, Junkie
Die Temperatur stimmte. Es war nicht zu kühl und nicht zu warm. Kaum Wind. Für den perfekten Schuss hatte die Hand weitere Daten wie Erdkrümmung oder Geschossgeschwindigkeit in eine Handy-App eingegeben und das Zielfernrohr entsprechend justiert. Es sollte klappen. Nein, es musste klappen.
Die Hand griff zur stylischen silbernen 0,33-Liter-Dose. Sie war kalt. Einige Wassertropfen bildeten sich auf dem glatten Aluminium. Die Hand riss die Lasche ab und führte die Dose zum Mund. Die hefetrübe Kellerbierspezialität mit dem vollmundigen weichen Malzcharakter rann angenehm herb und mit wenig Kohlensäure den Rachen hinunter. Als die Dose leer war, stellte sie die Hand auf einen mitgebrachten dreifüßigen Zeichenblockhalter. Daneben platzierte sie zwei volle Dosen.
Die Hand hielt einige Zeit inne, bevor sie den schwarzen Schaft des Präzisionsgewehrs umfasste und das zehnschüssige Magazin einführte. Mit dem Zeigefinger klickte sie den Sicherheitshebel nach vorne. Der Zeigefinger krümmte sich. Der Gegendruck am Abzugshahn von rund einem Kilo stellte kein Problem dar. Das dumpfe Plopp des Schusses war kaum zu hören. Der auf der Waffe montierte Schalldämpfer sorgte weiterhin für Ruhe in der lang gestreckten Waldschneise zwischen Bamberg und Hirschaid. Nach knapp einer Sekunde war ein metallisches Geräusch zu hören. Die Hand zitterte nicht. Noch zweimal ließ sie ihren Zeigefinger spielen. Noch zweimal erklang aus rund 1.100 Metern das Geräusch.
Nach einigen Minuten hob die Hand die drei Mahrs-Dosen auf. Ihr Daumen umkreiste auf der Vorderseite die rund zwei Zentimeter großen Einschlaglöcher, die die staksigen Logo-Engel der Bamberger Traditionsbrauerei unterhalb ihrer ausgebreiteten Flügel verstümmelt hatten. Auf den Rückseiten der Dosen schnitt sich die Hand fast an den rund acht Zentimeter langen horizontal aufgerissenen, scharfkantigen Austrittsstellen der Geschosse. In den ehemals vollen Dosen war kein Tropfen Bier mehr. Die Hand formte sich zur Becker-Faust. Sie war so weit. Es war so weit.
»Kommt, Christen, singt zum Preise, der wunderbaren Speise, dem tief verborgenen Gott, dem wahren Himmelsbrot«, stimmten die Messdienerinnen und Messdiener in hellem Ton an, als sie durch das historische Tor der Oberen Brücke zogen, neben den auch als »Klein Venedig« bekannten pittoresken Fischer- und Schifferhäuschen aus dem 15. und 16. Jahrhundert und dem majestätischen Dom, der mit seinen vier Türmen das bekannteste Wahrzeichen Bambergs war. Unter ihren rot-weißen Gewändern lugten Jeans mit modischen Löchern oder nackte Beine hervor. »Lasst freudig uns erheben das allerhöchste Gut, da wir in Wahrheit leben von Jesu Fleisch und Blut.«
Nach einigen durchwachsenen Tagen hatten sich die Temperaturen auf ein angenehmes 26-Grad-Gute-Laune-Wetter eingependelt. Der lokale Wetterbericht von »Radio Bamberg« versprach sogar die erste Ü-30-Periode in diesem Jahr. Die Sonne glitzerte auf dem Fluss und verlieh ihm an einigen Stellen eine silberne Schattierung. Am Kranen, dem früheren Hafen Bambergs, drängelte sich eine Touristengruppe aus Japan an der Anlegestelle, um mit der »Stadt Bamberg« oder mit der »Christl«, so hießen die beiden flachen weißen Tourismusschiffe, zu einer etwa 80-minütigen Rundfahrt über die Regnitz und den Main-Donau-Kanal durch die alte Schleuse bis zum neuen Hafen aufzubrechen. Eine Stadtführerin mit langen braunen Haaren und einem gewinnenden Lächeln versammelte am »Centurione«, einer Gesichtsplastik des polnischen Künstlers Igor Mitoraj, einen Trupp junger Menschen um sich, der sich für eine der beliebten »Free Walking Tours« eingefunden hatte. In den Cafés und Bars gegenüber hockten Studierende jedweder Fakultät an kleinen Tischen, schlürften Latte Macchiato oder leckten an einem Eis.
Kriminalrätin Petra Stengl – von Augsburg nach Bamberg strafversetzt wegen ihrer publik gewordenen erotischen Abenteuer mit Tatverdächtigen in einem noblen Swingerclub – und ihre inzwischen in Erlangen arbeitende langjährige Freundin Bärbel Faun – eine erfahrene und trotz ihrer toten Klientel lebenslustige Rechtsmedizinerin – pressten sich in ihren leichten, blumigen Sommerkleidern gegen die Steinmauer der Oberen Brücke. Fröhlich winkte einer der Bamberger Gondolieri den beiden attraktiven Mittvierzigerinnen aus seiner original venezianischen Gondel zu. Die warfen ihm übermütig einen Kussmund zu. Der Gondelführer in seinem schwarz-weiß gestreiften Pullover lachte. Die zwei schwarzen Bänder seines Strohhuts flatterten träge in einer leichten Brise. Dann stakte der auf dem Heckschnabel der Gondel stehende Mann mit kräftigen Bewegungen sein elf Meter langes Gefährt den Alten Kanal hinauf, eines der wenigen noch erhaltenen Reststücke einer Wasserstraße von ursprünglich 174 Kilometer Länge zwischen der Donau bei Kelheim und dem Main bei Bamberg. Die beschrifteten blauen T-Shirts seiner sechs weiblichen Fahrgäste wiesen sie als Teilnehmerinnen eines Junggesellinnenabschieds aus. Lauthals prosteten sie sich mit ihren Sektgläsern zu, während die zukünftige Ehefrau mit ihrem Aufdruck auf dem eng anliegenden Kleidungsstück klarstellte, worum es ging: »Ich bin die Braut. Die anderen sind nur zum Saufen da!«.
Als die schwarze Gondel hinter den dichten Baumkronen am Ufer verschwand, wandten sich die beiden Freundinnen wieder dem Geschehen um sie herum zu und genossen den Anblick, der sich ihnen an diesem zweiten Donnerstag nach Pfingsten bot. Bamberg, das fränkische Rom, feierte Fronleichnam traditionell mit einer großen Prozession. Das eventfreudige Städtchen, das jedes Jahr mit der »Sandkerwa«, dem »Weltkulturerbe-Lauf«, dem »Blues- und Jazzfestival«, dem »Weinfest« und »Bamberg zaubert« Hunderttausende Besucher aus nah und fern anzog, hatte auch den katholischen Fronleichnamszug längst als touristischen Höhepunkt in seinen Veranstaltungskalender aufgenommen. Die seit 1390 stattfindende rund dreistündige Bamberger Prozession mit ihrer barocken Farbenpracht, die vom Bamberger Domplatz über die Markusbrücke, den Grünen Markt und durch die Bamberger Altstadt zurück zum Domplatz führte, begeisterte jedes Jahr immer mehr Besucher. Und das, obwohl die meisten Menschen mit der ursprünglichen Bedeutung des Festes wenig anfangen konnten. Ganz nebenbei rollte auch der Rubel in den Weinstuben, Brauereien und Metzgereien, die Getränke, Bratwürste und Leberkäse zur Stärkung der Fronleichnamsgeschlauchten anboten. Über die Empörung des Pfarrers von St. Gangolf, der sich noch 1810 über die »Unandächtigkeiten«, also das »verordnungswidrige« Aufstellen von Viktualienbuden und Bratwurstständen, beschwert hatte, wurde inzwischen geschmunzelt. Kommerz und Kirche hatten sich längst versöhnt. Und so zog auch der Bamberger You Xie, dessen Werbeslogan »Ente gut, alles gut« in der Domstadt zu einem geflügelten Wort geworden war, zwar mit den Honoratioren in der Prozession mit, nicht aber ohne darauf hinzuweisen, dass sein chinesischer Imbiss bis 21 Uhr geöffnet habe.
Petra Stengl und Bärbel Faun hatten Mühe, alle Fahnen, Embleme und Schilder der an ihnen vorbeiziehenden Pilgerinnen und Pilger zu identifizieren. Ministranten, Mädchenkantorei, Gärtner, Frauenverbände, Wallfahrtsvereine, katholische Arbeiterverbände, Ordensleute, Nonnen, Burschenschaften, Innungen, Domchor, Abordnungen der Universität, Ritter vom Heiligen Grab, Deutscher Orden, Malteser oder die Handwerkerschaft schienen sich einen nie offiziell erklärten Wettstreit zu liefern, wer am besten organisiert, am besten gekleidet oder geschmückt war. Teure und aufwendige Blumenarrangements umrankten die schweren Kreuze, Marien- und Heiligenstatuen, die von kräftigen Männern in Neuner- oder Zwölfergruppen getragen wurden. Zwischen 50 und 70 Kilo lasteten auf den breiten Schultern eines jeden Trägers der kleineren Kreuze und Statuen. Stattliche 650 Kilo mussten die 18 Träger des Domkreuzes stemmen.
»Da brauchst du schon Kondition«, staunte Bärbel Faun. »Die Strapazen würde ich mir um Gottes willen nicht antun!«
Petra Stengl grinste breit. »Ich glaube, die freuen sich jetzt schon auf eine deftige Brotzeit oder Bratwürste mit ein paar Seidla, damit ihr Kalorien-Akku wieder aufgeladen wird.«
Ihre Freundin nickte. »Das haben sich die armen Jungs auch verdient!« Und mit Blick auf zwei dickbäuchige Träger, denen das Wasser in Strömen von ihren blumenumkränzten, kahlen Häuptern floss, stichelte sie etwas lauter in Richtung der vor ihnen zum Stehen gekommenen Gruppe: »Die sehen nicht gerade trainiert aus!«
Einer aus der Gruppe, ein junger blonder Gärtner im schweißdurchtränkten weißen Hemd und dicken schwarzen Spotzenfrack, drehte sich zu Bärbel Faun um. »Des bassd scho«, fränkelte er sie an. Um dann in ein bemühtes Hochdeutsch zu fallen: »Der Einzige der ganzen Prozession, der fit wie ein Turnschuh ist, ist unser Erzbischof. Der joggt jeden Abend durch die Altstadt. Der hat mehr goldene Sportabzeichen an der Brust hängen als Kreuze!«
Die beiden Freundinnen lachten. Der stramme Bursche zwinkerte ihnen zu, dann stimmte er wieder in ein Fürbittengebet ein und zog mit seiner Gruppe weiter.
»Das ist ja die volle Dröhnung: Gestern Abend haben wir noch zu ›Highway to Hell‹ und ›Smoke on the Water‹ in ›Helmut’s Hofschänke‹ auf Gut Leimershof abgerockt und heute feiern wir Happy Kadaver!«
»Bärbel!«, tat Petra Stengl entrüstet und ein feines Lächeln huschte über ihre Züge. »Heute ist nicht Happy Kadaver! Fronleichnam hat nichts mit ›Leiche‹ zu tun. Das Wort setzt sich aus dem altdeutschen ›vrôn‹, das heißt ›was den Herrn betrifft‹, und ›lîchnam‹, also ›Leib‹, zusammen. Es geht folglich um den Leib des Herrn oder noch genauer: Heute feiern wir das Hochfest des Leibes und Blutes Christi!«
»Und woher weißt du das alles? Bisher hast du dich mir noch nicht als Hardcore-Christin offenbart«, gluckste Bärbel und strich sich ihre halblangen blonden Haare aus der Stirn.
»Erwischt«, antwortete Petra Stengl breit grinsend. »Das steht hier!« Sie zeigte auf einen mehrseitigen gelben Flyer des Erzbistums Bamberg.
Bärbel ließ ihren Blick über die Menschenmassen schweifen. Vor ihr sprangen einige japanische Touristinnen mit Handys und teuren Kameras aufgeregt hin und her, um das beste Fotomotiv zu erhaschen. »Das ist schon beeindruckend!«
»Das ist die beste und größte PR-Aktion der Kirche im Jahr, ihre schönste Selbstdarstellung«, schmunzelte Petra Stengl.
»Da brauchst du nicht nach Thailand fahren, um dir irgendwelche bunten Tempel und adipösen Buddhas anzugucken!«, warf die Rechtsmedizinerin ein.
»Im Vergleich zu dieser Prozession wirken selbst die Meisterschaftsfeiern der Basketballer auf dem Maxplatz wie ein Kasperl-Theater auf dem Plärrer!«
»Lass das keinen hören, Petra. Sonst wirst du noch als Hexe verbrannt! Und wenn die Bamberger etwas richtig gut konnten, dann Hexen verbrennen. Basketball ist doch hier so etwas wie eine neue Religion!«
»Basketball ist Opium fürs Bamberger Volk, das hat schon Karl Marx richtig erkannt!«
Bärbel nahm den Faden auf. Die beiden Freundinnen liebten es, auf höchstem Niveau zu blödeln. Außenstehende hatten dann Mühe, zwischen Ernst und Witz zu unterscheiden.
»Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen die Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden im Kampf mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder und so weiter erzeugt«, erwiderte sie mit todernster Stimme.
»Auch Marx?«, fragte Petra Stengl und zupfte sich ihr weit ausgeschnittenes Kleid zurecht.
»Nein, Lenin!«
»Übertragen auf den Basketball heißt das: Die ausgebeuteten Bamberger glauben in ihrem Kampf gegen die Ausbeuter, vermutlich also gegen den FC Bayern München, an ein besseres Leben in der Brose Arena!«, feixte Petra Stengl.
»So in etwa. Aber ich bin kein Basketball-Fan, ich stehe mehr auf Eishockey – und knackige Kerle, die nicht ganz so groß sind.«
»So wie die beiden gestern auf Tanz? Ja, die schienen ganz brauchbar zu sein!«
»Tanzen ist die Seele für die Beine.«
»Und Flirten ist Honig für die Ohren!«
»Und Poppen ist …«
Petra Stengl und Bärbel Faun lachten. Bis drei Uhr in der Früh hatten sie sich von den beiden Coburger Lehrern Avancen machen lassen. Bei dem einen oder anderen langsamen Song der Cover-Band »Wednesday Project« waren sie den Männern auch gefährlich nahe gekommen. Hände wanderten dahin, wo sie normalerweise nach einer so kurzen Anlaufzeit nichts zu suchen hatten, Körper berührten sich wie in einer brasilianischen Samba-Nacht. Lippen fanden, wenn auch nur kurz, dafür aber intensiv zueinander. Vielleicht auch dem einzigen in Deutschland zugelassenen LSD-Bier geschuldet, das die beiden Charmeure ihnen ausgegeben hatten.
Das durfte sogar die Polizei trinken. Denn LSD stand für die Marke Leimerhofer Seelen-Drösdä.
Doch obwohl die Nacht nach mehr roch, hatten sich die Freundinnen ohne männlichen Begleiter davongemacht. Warum, hatten sie beim morgendlichen Frühstück in Petra Stengls schnuckeliger Wohnung auf der Pödeldorfer Straße auch nicht mehr so genau gewusst.
»Nach all den männlichen GAUs, die ich in den vergangenen Monaten erleben musste, gibt es künftig Liebe und Sex bei mir nur noch ambulant, aber nicht mehr stationär!« Petra Stengl machte eine ernste Miene. Ein Hauch von Traurigkeit huschte über ihr Gesicht. »Von daher hätte es eigentlich gestern Nacht gepasst.«
»Die beiden Balzhähne sahen auch nicht so aus, als ob sie eine längere Beziehung im Sinn gehabt hätten«, kicherte Bärbel Faun. »Auf jeden Fall leiden wir noch nicht unter einer akuten Männerallergie!«
»Aber irgendwas zwischen Frau und Mann stimmt doch nicht«, warf Petra Stengl ein. »Die braven Jungs will keine Frau. Und die bösen sorgen für gebrochene Herzen!«
»Nicht alle Frösche, die man küsst, sind Prinzen«, versuchte ihre Freundin, sie aufzumuntern.
Sie wandten sich wieder der Prozession zu. An den beiden Frauen marschierten jetzt der SPD-Oberbürgermeister, dekoriert mit einer goldenen Amtskette, einige Stadträte und die CSU-Staatsministerin vorbei, die Hände sittsam vor dem Schoß gefaltet und sichtlich bemüht, ihre Mundbewegungen mit den Fürbitten und Liedern des Wahl- und Kirchenvolks zu synchronisieren.
»Sieht aus wie die DFB-Auswahl bei der Nationalhymne. Keiner kennt den Text, aber alle singen ihn mit«, kalauerte Bärbel Faun.
»Sei endlich still, du alte Lästerschwester, dahinten kommt jetzt der Erdbeerschorsch mit der Monstranz!«
»Erdbeerschorsch?« In Bärbel Fauns Augen waren übergroße Fragezeichen zu sehen.
»So wird der Erzbischof hier im Volksmund bezeichnet. Und jetzt halt die Klappe!« Petra Stengl legte warnend ihren Zeigefinger auf den Mund.
Auf der Oberen Brücke drängten sich die Menschen. Jeder wollte den Oberhirten Bambergs sehen.
»Des is scho a heiliches Gewörch«, meinte eine sportliche Mittsechzigerin mit lila gefärbten Haaren und Nordic-Walking-Stöcken in den Händen.
»Oh my god! That’s so impressive!«, stöhnte eine dicke US-Amerikanerin in einer kurzärmeligen rosafarbenen Bluse, die ihre Problemzonen in drei riesige Tsunami-Wellen aufteilte.
Handys streckten sich wie um Segensbitte dem Erzbischof entgegen, Babys wurden trotz ihrer weinerlichen Proteste aus ihren schmucken Kinderwagen hochgehoben und auf die Schultern gesetzt.
»Eine große Stadt entsteht, die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit«, sangen die Gläubigen.
Ganz langsam schob sich der prächtige Baldachin, unter dem der Erzbischof die goldene Monstranz mit der geweihten Hostie in Höhe seines Kopfes hielt, immer näher. Flankiert wurde die Gruppe von den mehrere Meter hohen Zunftstäben der Bäcker und traditionell von einer Ehreneskorte der Polizei.
Petra und Bärbel verfolgten das Spektakel aus der ersten Reihe zusammen mit ein paar Kreuzfahrttouristen, als sich plötzlich eine Gestalt zwischen sie drängte und sie wie zwei Pins von einer Bowlingkugel auseinandergestoßen wurden. Petra Stengl spürte einen stechenden Schmerz unterhalb ihrer Rippen. Taumelnd versuchte sie, an der Nordic-Walkerin neben sich Halt zu finden. Diese kam ins Straucheln, klammerte sich verzweifelt an ihre Wanderstöcke. Dann fielen beide zu Boden. Im Fallen sah die Kriminalrätin, wie sich ein hagerer Mann mit einem grauen Pferdezopf mit einem langen Küchenmesser auf den erstarrten Erzbischof stürzte und ihm die goldene Monstranz mit ihren 380 Edelsteinen entriss.
»Der Leib und das Blut Jesu gehören ganz allein den Auserwählten, der Teufel soll euch Ungläubige holen!«, brüllte er mit sich überschlagender Stimme.
Als sich ihm ein großgewachsener Geistlicher in den Weg stellte, schlug er mit der Monstranz zu und traf den Priester mitten ins Gesicht, sodass er blutüberströmt in die Knie ging. Panik machte sich breit, Menschen schrien und stoben auseinander, stolperten über die hinter ihnen stehenden Kinderwagen. Zwei Babys kreischten, ihre Mütter versuchten verzweifelt, sie davor zu schützen, zwischen den Füßen der Fliehenden auf dem Kopfsteinpflaster zu landen. Die Träger klammerten sich an den Baldachin, wurden aber durch die Menschenmasse immer mehr ans Brückengeländer geschoben. Für einen kurzen Moment leisteten sie noch Widerstand, dann ließen sie los und der Baldachin stürzte über das Brückengeländer in die Tiefe. Wie eine goldene Nussschale trug ihn die Regnitz zunächst mit, dann versank er in der Höhe des Bamberger Gefängnisses in der Strömung des Flusses. Der Attentäter fuchtelte mit dem Messer weiter um sich, zwei Polizisten der Eskorte zogen ihre Dienstwaffen, wagten aber angesichts der zahlreichen Menschen nicht, zu schießen.
»Nicht schießen, nicht schießen!«, war die flehentliche Stimme des Erzbischofs zu vernehmen, um den einige Kollegen inzwischen einen schützenden Kreis gebildet hatten.
Petra Stengl nahm einen Nordic-Walking-Stock zu Hilfe, um sich hochzurappeln, was ihr aber nicht gelang. Ihre Blicke fanden ihre Freundin, die hinter einem Träger, der seinen kunstvoll gewundenen Bäckerstab wie eine Lanze dem Täter entgegenhielt, Schutz gesucht hatte. Als der Angreifer über Petra Stengl sprang, um zu fliehen, schlug ihm die Kriminalrätin von unten den Wanderstab mit aller Kraft zwischen die Beine. Vor Schmerz ließ der Zopfträger sowohl Messer als auch Monstranz fallen und stürzte wie ein vom Blitz getroffener Neymar zu Boden, Schmerzpirouetten inklusive. Petra Stengl rollte sich auf ihn, packte den fettigen Pferdeschwanz mit beiden Händen und schlug seinen Kopf mehrmals mit aller Gewalt auf den Boden.
»Hören Sie auf, hören Sie auf! Der hat schon genug!«, drangen immer lauter werdende Worte zu ihr durch. Zwei energische Hände zogen sie vom ohnmächtigen Täter herunter, ein Polizist drehte dem Mann die Hände auf den Rücken und legte ihm Handschellen an, während zwei Kollegen das Geschehen mit erhobenen Waffen sicherten.
Petra Stengl holte tief Luft und stützte dabei ihre Hände auf die Knie. Dann richtete sie sich auf und zupfte ihr Kleid zurecht.
»Alles okay?«, fragte eine Polizistin.
»Alles okay!«
Petra kramte in ihrer Handtasche, die ihr Bärbel gereicht hatte, und holte ihren Dienstausweis heraus.
»Ich bin Petra Stengl. Kriminalrätin Petra Stengl«, sagte sie energisch.
»Nimm mich!«, stöhnte es aus dem knallrot gefärbten Schmollmund. »Nimm mich endlich!«
Er griff nach der nackten, von Kopf bis Fuß eingeölten Blondine, die so aufreizend vor ihm tanzte, um sie endlich auf seinen Schoß zu zerren. Als sein Kopf vom nach hinten gekippten Fahrersitz abrutschte und heftig gegen die billige Plastikverkleidung seines Autos schlug, erwachte er plötzlich. Mühsam blinzelte Benny Haderlein mit seinen verklebten Augen. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er war. Die Morgensonne knallte unerbittlich auf das Wagenblech. Sie hatte das Innere des fahrbaren Untersatzes in einen Backofen verwandelt, der jede mit Salami, Mozzarella und Tomaten belegte Mafiatorte innerhalb von Minuten hätte knusprig werden lassen. Mühsam richtete er sich auf. Benny brach der Schweiß aus und versickerte in seinem halboffenen Kurzarmhemd und in seiner Unterhose, die sich noch deutlich ausbeulte. Abwesend fuhr er sich mit der linken Hand über seine Morgenerektion und kratzte sich lange im Schritt. Es stank widerlich nach Bier und Fusel. Die beschlagenen Scheiben ließen keinen Blick auf die liebliche fränkische Landschaft mit ihren sanft geschwungenen Hügelketten zu. Benny rülpste. Um der Giftgaswolke zu entkommen, riss er trotz der 210 schmerzenden Knochen, die seiner exponierten Schlaflage geschuldet waren, die Wagentür auf und ließ sich in das kurz geschnittene Gras fallen.
Der Abend auf dem Griess Keller in Geisfeld, knapp sieben Kilometer von Bamberg entfernt, schien heftig gewesen zu sein. Mit seinem schmucken Fachwerkbau, den schattigen Bäumen, den abgestuften Terrassen und den rund 30 Meter langen in den Felsen geschlagenen Bierstollen war der Griess Keller einer der schönsten Keller in Bamberg und Umgebung.
In Bennys sich langsam verdichtenden Erinnerungsfetzen tauchten seine Kumpel Dieter, Helmut und Paul auf, die an diesem einträchtigen Männerabend jeden tatsächlichen oder auch nur konstruierten Scheidungsgrund von ihren Partnerinnen mit einer Runde Obstler untermauert hatten. Als Grundlage für ihr Saufgelage dienten gegrillte Heringe, Makrelen und Saiblinge, die es auf dem Griess Keller meist am Wochenende gab.
»Der Fisch muss schwimmen«, hatte sich die Ü-50-Truppe darum zusätzlich mit rund zehn Seidla Kellerbier zugeprostet. Als dann noch die »Fab Five«, vor einigen Jahren mal zu Bayerns bester Beatles-Coverband gekürt, auftraten und ihr »Lucy in the Sky with Diamonds« in die untergehende Sonne schmetterten, die sich mit einer flimmernden gelbroten Himmelsdecke hinter einer Hügelkette zum Schlafen legte, erreichte die Stimmung der Mannsbilder ihren vorläufigen Höhepunkt. Diese konnte auch die Bemerkung zweier junger, bildhübscher Mädchen, die vier würden wie Bewegungslegastheniker um die Tische herumtanzen, nicht trüben.
»Immer noch besser, als Pillen einzuschmeißen, damit ihr euer Techno-Gedröhne tagelang übersteht!«, hatte Paul patzig geantwortet.
»Ist schon okay«, hatte die Brünette gelassen erwidert, »so schlecht sind die Beatles auch wieder nicht! Bei den Proben von unserem ›Mädelsabend‹ im ›Live Club‹ haben wir uns auch schon mal an dem einen oder anderen Lied der Pilzköpfe versucht.«
Die nächsten Stunden verbrachten die Freunde damit, mit den beiden Frauen zu flirten und ihnen von ihren goldenen Jahren mit Sex, Drugs and Rock ’n Roll zu erzählen. Benny ließ mit der Souveränität des Alters gegen 22 Uhr noch eine Runde Williams springen. Als die vier Zecher glaubten, ihrem, allerdings noch nicht genau definierten, Ziel näher gekommen zu sein, waren urplötzlich die beiden Freunde von Jule und Isabella auf der Bildfläche erschienen, um sie abzuholen.
»Erzählen die Opas wieder vom Krieg?«, fragten die jungen Männer in die fröhliche Runde.
Benny wollte schon böse werden, doch angesichts der gestählten Körper der jungen Kerle beließ er es bei einem »Schön, dass wir euch kennengelernt haben« zu den beiden Frauen, die ihre Sachen zum Aufbruch zusammenrafften und ihre Freunde in den Arm nahmen. Sehnsüchtig verfolgten vier in die Jahre gekommene Augenpaare die leicht im Abendwind flatternden Röckchen ihrer Tischpartnerinnen.
»Mmmh«, seufzte Dieter.
»Mmmh, geht mir genauso«, antwortete Benny.
»Aber scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr, olé, olé und shalala!«, begann Paul zu grölen.
Alle sangen den ursprünglichen Hit der Bamberger »Endlich Kerwa«-Band begeistert mit.
Eigentlich hatten ihn seine Freunde mit dem Taxi nach Bamberg mitnehmen wollen, doch als Benny um Mitternacht aus der Toilette torkelte, waren Dieter, Helmut und Paul schon verschwunden. Mit einem kräftigen Fluch hatte er sich hinter das Lenkrad seines Autos gesetzt und Gas gegeben, erinnerte er sich langsam. Und obwohl er sich das linke Auge zugehalten hatte, um nicht permanent doppelt zu sehen, hatten seine alkoholisierten Fahrkünste anscheinend nur für wenige Meter getaugt. Anders war die Nacht im Auto nicht zu erklären. Benny rappelte sich schwerfällig auf, um seine Lage und seinen Standort zu checken. Sein über alles geliebter weinroter Uralt-Renault Marke Clio – von Hagelschäden, Rost und diversen Bagatellunfällen schwer gezeichnet – stand abseits der Straße, nur wenige Meter von einer Scheune entfernt.
Benny rülpste erneut. Ein Würgen schüttelte ihn. Die Magensäure rotierte in ihm wie das Blubberwasser in einem Whirlpool. Er schluckte und presste seine Lippen fest zusammen. Bloß nicht kotzen, dachte er. Wer wie er in seinem Leben einen ganzen Tanklaster mit Gerstensaft vernichtet hatte, der durfte keine Schwäche zeigen! Aus seiner Hosentasche zog er ein zerknülltes Tempo-Taschentuch und rotzte kräftig hinein. Das Würgen ließ schlagartig nach. Benny strich sich fast liebevoll über seine mächtige Wampe, die er immer als »geballte Ansammlung von Muskel- und Samensträngen« verteidigte. Zufrieden grinste er in die Landschaft. Was für ein schöner Samstagmorgen!
Nach einer eiskalten Dusche zu Hause und einem dringend notwendigen Kleiderwechsel konnte er sich einen kleinen Frühschoppen im Mahrs, einer der ältesten Brauereien der Domstadt, gut ausmalen.
Bamberger Originale und Stammgäste trafen sich im Sommer meist in der hintersten Ecke des idyllischen Brauereigartens. Zwei lange Bankreihen ohne Tische reichten, um den neuesten Bamberger Schmäh auszutauschen. Wenn er ehrlich war, so neu war der Schmäh nun doch nicht. Eigentlich war der Schmäh immer der gleiche. Ein bisschen Basketball, ein bisschen »Weißt-du-noch?«, ein bisschen Trauerbewältigung, weil wieder mal ein ganz Großer von dannen gegangen war, ohne sich vorher von ihnen zu verabschieden. Ein bisschen Frauen-Bashing – so richtig gute Beziehungen führten hier die Wenigsten. Wenn sie überhaupt welche hatten. Und natürlich ein bisschen oberfränkisches Gwaaf, wo es denn nun die billigsten und besten Brotzeiten oder Bräten in Bamberg und Umgebung gab. Denn in kulinarischen und pekuniären Dingen leistete sich der Franke – und insbesondere der Bamberger – einen geradezu paradox anmutenden Lebensstil. Um einen Euro zu sparen, war er nicht nur gewillt, sondern auch genetisch wohl dazu konditioniert, auch mal 10 bis 20 Kilometer Wegstrecke auf sich zu nehmen, um sich einen Gerupften, einen Sauerbraten oder ein Schäuferla mit Kloß einzuverleiben, obwohl es die gleichen Gerichte in gleicher, manchmal auch besserer, Qualität vor seiner Haustür gab. Nur eben einen Euro teurer. Diese fränkische Bescheidenheit im Geldbeutel bezüglich Speis und Trank machten sich einige clevere Verlage zunutze, indem sie Schlemmerpässe (»Zu zweit essen – nur einmal zahlen!«) und »Bierdümpel« (»Vier Bier bezahlen, acht Bier trinken!«) ausgaben.
Geradezu hektisch wurde es bei dieser Stiftung Warentest auf gut Fränkisch, wenn die Gutscheine nach einem Jahr zu verfallen drohten. Die noch verbliebenen Restaurants und Brauereien wurden dann mit eiserner Disziplin und tapferem Durchhaltewillen an der kulinarischen Front abgearbeitet, denn der Genussfranke hasste nichts so sehr, wie einmal ihm eingeräumte Vorteile nicht auszunutzen.
Auch Benny überlegte kurz – so weit das in seinem Zustand überhaupt schon möglich war –, ob er den Frühschoppen beim Mahrs nicht sausen lassen und stattdessen lieber am Mittag einen Gutschein in Kemmern abfressen sollte. Doch die Versuchung siegte bei ihm über den Verstand. Er entschied sich für die Mahrs-Brauerei. Die einzig weise und richtige Entscheidung für diesen herrlichen Sommertag, an dem »Radio Bamberg« Temperaturen von über 30 Grad angesagt hatte. Als er wieder in sein französisches Beulengefährt steigen wollte, wanderte sein Blick noch mal zur Scheune. Benny stutzte. Ein silberfarbener Golf hatte sich anscheinend mit einer solchen Wucht in die Mauer gebohrt, dass der Wagen um ein Drittel geschrumpft war. Benny schluckte schwer. Dunkel meinte er sich an einen lauten Knall in der letzten Nacht erinnern zu können. Aber er war sich nicht sicher. Irgendetwas in seiner Magengrube warnte ihn eindringlich davor, sich dem Unfallfahrzeug zu nähern. Und dennoch tat er es, obwohl ihm jeder Schritt schwerfiel und wie in Zeitlupe vorkam.
Das letzte Mal hatte er sich so gefühlt, als er vor sieben Jahren an das Totenbett seiner Mutter getreten war. Die Krankenschwestern hatten vergessen, ihr den Mund nach dem letzten Schnaufer zu schließen. »Das ist nicht meine Mutter!«, hatte er angesichts ihres grausam wirkenden Gesichtsausdrucks geschrien – und war ohne ein Wort des Abschieds auf den Flur gerannt. Vorbei an seiner Schwester. Vorbei an seiner damaligen Frau. Raus. Einfach nur raus. Jeder seiner Träume, in dem seine tote Mutter auftrat, endete mit ihrem geöffneten Mund und ließ ihn aus dem Bett hochfahren und zittern.
Dass die beiden Rücklichter des Volkswagens noch brannten, hätte ihm eine letzte Warnung sein müssen, nicht in den Golf hineinzublicken. Eine Ampel überquert man nicht bei Rot. Man wartet auf Grün. Doch er wollte nicht auf Grün warten.
»Lass die Finger von dem Auto«, versuchte ihn seine innere Stimme zu überreden. »Ruf die Polizei und überlass ihr den Scheiß! Das Ganze geht dich doch nichts an! Oder noch besser: Hau einfach ab!«
Benny schaute sich um. Er war mutterseelenallein. Er sollte auf seine innere Stimme hören! Wenn er sich jetzt verdünnisierte, konnte ihm keiner was. Vielleicht sollte er mit unterdrückter Rufnummer die 110 anrufen. Das wäre doch ein fairer Kompromiss zwischen dieser verfluchten inneren Stimme und seinem Gewissen. Oder?
Benny berührte mit der rechten Hand das obere Heck des Golfs. Fuhr mit den Fingern am Dach entlang nach vorne. Seine Beine drohten bei jedem Schritt einzuknicken. Zwei Raben kreisten über dem Autowrack und ließen sich dann in einiger Entfernung lauernd nieder. Als er nach ihm endlos erscheinenden Sekunden bei der Fahrertür angekommen war, holte Benny tief Luft. Ganz langsam bückte er sich und spähte in das Wageninnere. Das Blut gefror in seinen Adern, seine Gesichtsfarbe wechselte von einem kräftigen Trinkerrot ins Aschfahle. Die Hände des Toten hielten das Lenkrad fest umklammert und hatten es fast vertikal verbogen. Die Lenksäule hatte den Brustkorb des Fahrers durchbohrt. Eine gewaltige Blutfontäne hatte sich über die Armaturen, den Sitz und den ausgelösten Airbag ergossen und sich mit den Splittern der geborstenen Windschutzscheibe vermengt. Blutüberströmt auch das gelbe Polohemd und die hellblaue Jeans des Fahrers. Aus den Boxen des Golfs klang ganz leise »Nur zu Besuch« von den Toten Hosen. Einen Moment klebte Bennys Blick an dem Grauen, dann wandte er sich entsetzt ab und übergab sich. Doch er wusste, dass er noch mal hineinschauen musste. Die Leiche hatte keinen Kopf. Da, wo er hätte sein müssen, gab es nur noch einen blutigen Stumpf.
Kriminalrätin Petra Stengl warf einen prüfenden Blick in den Innenspiegel ihres Dienstwagens. Zufrieden nickte sie ihrem Spiegelbild zu. Aus ihrer goldenen Handtasche, die auf dem Beifahrersitz lag, wurstelte sie ein Parfümfläschchen heraus und besprühte ihren schlanken Hals, das weit ausgeschnittene Dekolleté ihres rostroten Leinenkleides und ihre Handgelenke. Ein betörender Sommerduft strömte durch den BMW. Sie stellte den Motor ab, löste den Sicherheitsgurt und strich sich durch ihre dunkle Löwenmähne, die ihr bis über die Schulter fiel. Ein Lächeln huschte über ihr ovales Gesicht und betonte ihre hohen Wangenknochen. Als sie aus dem Wagen stieg, klebten die Blicke der Kriminaltechniker an ihren langen, gebräunten Beinen und ihrem attraktiven Körper, der sich unter ihrem engen Kleid deutlich abzeichnete. Petra Stengl war sich ihrer Wirkung auf die Männerwelt trotz ihres Alters, das irgendwo über 40 lag, bewusst. Und sie genoss sie. Mit zuckersüßer Miene trippelte sie auf ihren teuren High Heels über die trockene Wiese auf den Leiter der KTU zu. Den neben ihm stehenden Kollegen von der Mordkommission, Kriminalkommissar Norbert Denzlein, würdigte sie keines Blickes.
»Und?«, fragte sie den schlanken, in einen Schutzanzug gehüllten Kriminaltechniker, aus dessen Weiß nur ein rosafarbenes, junges Gesicht mit einer etwas zu großen Akademikerbrille hervorstach.
»In dem Golf sitzt eine Leiche ohne Kopf«, sagte Norbert Denzlein, bevor der Kriminaltechniker überhaupt das Wort ergreifen konnte. »Das Ganze sieht nicht wie ein Unfall aus, darum sollen wir von der Mordkommission …«
»Habe ich dich gefragt?«, zischte die Kriminalrätin mit eisiger Stimme. »Wenn ich einen Anrufbeantworter brauche, sage ich dir rechtzeitig Bescheid!«
Denzlein zuckte zusammen, als ob ihn ein Peitschenhieb getroffen hätte. Schon seit Monaten versuchte der 50-jährige Kriminaler mit den halblangen, aschblonden Haaren, mit Petra, seiner Petra, wieder ins Reine zu kommen. Doch die Kriminalrätin, mit der er nach einem bierträchtigen Abend in der Köttensdorfer Brauereigaststätte Hoh eine hochexplosive Nacht verbracht hatte, gab ihm nicht den Hauch einer Chance. Verlegen zwirbelte Denzlein seinen mächtigen Fu-Manchu-Bart, der eher ins Rotlichtmilieu auf der Geisfelder- oder Jäckstraße als zur Bamberger Kripo zu passen schien.
Seine kräftige Gestalt, die er regelmäßig in einer Flatrate-Muckibude und in einem EMS-Studio trainierte, schien auf die Hälfte zu schrumpfen. Und dank seiner eingezogenen Schultern wirkte er noch trauriger als sonst. Er hatte es vermasselt. Das Glück. Die Liebe. Einfach alles. Ihn musste der Hafer gestochen haben, als er einen Zeitungsartikel der »Augsburger Allgemeinen« über die sexuellen Eskapaden seiner neuen Chefin in einem Swingerclub an die Pinnwand im K1 geheftet hatte. Das hätte er nicht tun dürfen. Aber zu dem Zeitpunkt war er auch noch nicht mit Petra zusammen gewesen. Was hieß »zusammen«? Eine verrückte Nacht hatten sie gemeinsam verbracht, sich sexuell völlig ausgehungert bis in die frühen Morgenstunden ineinander verkrallt. Und dann, nach ein paar unendlichen Tagen der Sprachlosigkeit, weil keiner dem anderen seine Liebe einzugestehen wagte, aus Sorge, erneut verletzt zu werden, hatten sie sich geküsst. Auf einem Autobahnrastplatz zwischen Bamberg und Coburg. Ihr gemeinsames Glück währte nicht einmal eine Stunde. Als sie den Hauptverdächtigen in einem Mordfall in seiner Coburger Villa festnahmen, spielte der seinen letzten Trumpf aus und verriet, dass er, Norbert Denzlein, den Zeitungsartikel über seine Chefin Petra Stengl ans Schwarze Brett platziert hatte.
Obwohl Petra von ihm ein klares Nein gefordert hatte, war er nicht imstande gewesen, weiter zu lügen. Beschämt hatte er seinen Kopf gesenkt und war puterrot angelaufen. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten hatte Petra jeden Versöhnungsversuch oder die Bitte um eine Aussprache barsch abgelehnt. Stattdessen bediente sie sich eines nüchternen, dienstlichen Umgangstons mit gelegentlichen zynischen Spitzen.
»Wie Kollege Denzlein gesagt hat«, begann der KTU-Mann vorsichtig, »haben wir den Fahrer ohne Kopf vorgefunden.«
»Ohne Kopf? Was soll das heißen?«, fragte die Kriminalrätin barsch. Petra Stengl warf einen Blick auf die enthauptete Leiche auf dem Fahrersitz.
»Ja, also, nein …«, setzte ihr Untergebener ungefragt zu einer Erklärung an.
»Ich wusste noch gar nicht, Norbert, dass man ohne Kopf fahren kann!« Petra Stengl wandte sich wieder an den KTU-Mann: »Ich gehe einmal davon aus, dass wenigstens Sie zu einer nüchternen Analyse in der Lage sind?«
Der Kriminaltechniker schluckte. Jeder von der KTU wusste, dass mit der Kriminalrätin nicht gut Kirschen essen war.
Darum wählte er seine Worte mit Bedacht. »Auf den ersten Blick sieht alles aus wie ein ganz normaler Unfall. Autofahrer kommt wegen zu hoher Geschwindigkeit von der Straße ab und prallt gegen eine Scheune. Ein solches Szenario würde auch die schweren Verletzungen im Brustbereich, die gebrochenen Beine und Arme erklären. Schon wenn Sie unangeschnallt wie unser Toter hier mit 80 Stundenkilometern gegen ein Hindernis prallen, wirken Kräfte von mehr als drei Tonnen auf Ihren Körper und Sie werden mit 20-facher Schwerkraft aus Ihrem Sitz gehoben. In Todesangst halten Sie das Lenkrad umklammert, verbiegen es vertikal, und durch die andauernde Schwerkraft werden Sie von der Lenksäule durchbohrt. Stahlsplitter dringen in den Brustkorb ein, reißen Löcher in die Lunge und zerfetzen die inneren Arterien. Arme und Beine knicken wie trockene Zweige. So ein Unfall ist immer tödlich.«
»Aber das ist kein normaler Unfall?«, fragte die Kriminalrätin mehr rhetorisch.
»Nein. Es sind überhaupt keine Bremsspuren zu erkennen.«
»Wie meinen Sie das? Selbstmord?«
Der KTU-Mann nickte leicht. »Eigentlich spricht alles für einen Suizid, auch wenn ich erst das Ergebnis der Obduktion und einen toxikologischen Befund der Rechtsmedizin Erlangen abwarten möchte.«
»Wo ist eigentlich meine Freundin Bärbel, also Frau Faun? Wurde die nicht informiert?«
