Frankenstein - Mary Wollstonecraft Shelley - E-Book

Frankenstein E-Book

Mary Wollstonecraft Shelley

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Beschreibung

In seinem Laboratorium gelingt es dem jungen, von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen besessenen Arzt Victor Frankenstein, einen künstlichen Menschen zu konstruieren und zum Leben zu erwecken. Doch dessen mißgestaltes Äußeres erweckt überall Schrecken und Abscheu. Das Wesen leidet, sucht menschliche Nähe und Verständnis, aber in den Augen der anderen bleibt es ein Monster. Es fordert Unterstützung von seinem Schöpfer - vergeblich. In die Einsamkeit gestoßen und zernagt von Schmerzen, macht er sich schließlich auf, um Rache zu nehmen ...

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Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Verlag Neues Leben – eine Marke der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage

ISBN E-Book: 978-3-355-50056-2

© 2018 (2006) Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlagentwurf: buchgut, Berlin,

unter Verwendung eines alten Filmplakats

www.eulenspiegel.com

Titel der englischen Originalausgabe:Frankenstein or The Modern PrometheusIns Deutsche übertragen von Ana Maria Brock

Vorwort

Der Fall, auf den sich diese erfundene Geschichte gründet, wird von Dr. Darwin und mehreren physiologischen Autoren Deutschlands nicht für unmöglich gehalten. Man darf nicht annehmen, ich würde auch nur im entferntesten einer solchen Vorstellung ernsthaft Glauben schenken; doch als ich sie zur Grundlage eines Werks der Phantasie nahm, sah ich mich nicht in der Rolle, lediglich eine Reihe übernatürlicher Schrecken miteinander zu verflechten. Das Geschehen, von dem die Spannung der Geschichte abhängt, ist frei von den Nachteilen einer bloßen Geister- oder Spukgeschichte. Es empfahl sich durch die Neuartigkeit der Situation, mit denen sie sich entwickelt; und wenn es auch als physische Tatsache noch so unmöglich sein mag, so bietet es der Vorstellungskraft doch einen Blickpunkt zur Darstellung menschlicher Leidenschaften, weitaus umfassender und zwingender als alles, was die gewöhnliche Schilderung realer Geschehnisse ermöglichen würde.

So habe ich mich bemüht, die Wirkungstreue der Grundelemente der menschlichen Natur zu bewahren, während ich keine Hemmungen hatte, sie auf neuartige Weise zu kombinieren. Die Ilias, die tragische Dichtung Griechenlands, Shakespeare im »Sturm« und im »Sommernachtstraum« und ganz besonders Milton im »Verlorenen Paradies« richten sich nach dieser Regel; und der bescheidenste Romanautor, der mit seinen Mühen anderen Unterhaltung zu schenken oder für sich zu gewinnen strebt, darf sich bei der Prosadichtung ohne Anmaßung einer Freiheit oder vielmehr einer Regel bedienen, deren Anwendung so viele vorzügliche Verflechtungen menschlicher Gefühle in den erlesensten Mustern der Dichtkunst zu verdanken sind.

Die Anregung zu den Umständen, auf denen meine Geschichte beruht, kam mir bei einem zufälligen Gespräch. Zunächst diente sie teils als Mittel zur Unterhaltung, teils als Gelegenheit, bislang unerprobte Möglichkeiten des Geistes zu üben. Andere Motive gesellten sich hinzu, als die Arbeit im Gang war. Es ist mir durchaus nicht gleichgültig, auf welche Weise die in den dargestellten Empfindungen und Charakteren enthaltenen sittlichen Tendenzen den Leser berühren mögen; doch mein Hauptaugenmerk in dieser Hinsicht hat sich darauf beschränkt, die entnervenden Wirkungen der heutigen Romane zu vermeiden und das liebenswerte Bild familiärer Zuneigung und den überragenden Wert allumfassender Tugend deutlich zu machen.

Die Ansichten, die ganz natürlich dem Charakter und der Situation des Helden entspringen, darf man keinesfalls durchweg für meine eigene Überzeugung halten; auch wäre es nicht berechtigt, aus den folgenden Seiten den Schluß zu ziehen, sie wollten auch nur irgendeiner philosophischen Lehre Abbruch tun.

Für die Autorin ist es ein Grund zusätzlichen Interesses, daß sie diese Erzählung in der majestätischen Landschaft begann, wo sie sich hauptsächlich abspielt, und in der Gesellschaft von Menschen, die sie stets schmerzlich vermißt. Ich verbrachte den Sommer 1816 in Genf und seiner Umgebung. Es war ein kaltes und regnerisches Jahr, und abends versammelten wir uns um ein loderndes Holzfeuer und vertrieben uns gelegentlich die Zeit mit einigen deutschen Gruselgeschichten, die uns zufällig in die Hände geraten waren.

Diese Erzählungen erweckten in uns den spielerischen Wunsch, sie nachzuahmen. Zwei Freunde (eine Erzählung aus der Feder des einen wäre für das Publikum weitaus befriedigender als alles, was ich je hervorzubringen hoffen kann) und ich machten aus, jeder eine Geschichte zu schreiben, die sich auf irgendein übernatürliches Geschehnis gründet.

Jedoch klarte des Wetter plötzlich auf; meine zwei Freunde verließen mich zu einer Tour durch die Alpen und verloren inmitten der herrlichen Bilder, die sie bieten, jede Erinnerung an ihre spukhaften Visionen. Die folgende Erzählung ist die einzige, die zu Ende geführt wurde.

Marlow, September 1817Frankenstein

Erster Brief

An Mrs. Saville, England

St. Petersburg, 11. Dezember 17…

Du wirst mit Freude vernehmen, daß kein Unglück den Beginn einer Unternehmung begleitet hat, die Du mit so schlimmen Vorahnungen ansahst. Gestern bin ich hier angekommen, und meine erste Aufgabe ist es, meine liebe Schwester meines Wohlbefindens und meiner wachsenden Zuversicht in den Erfolg meines Vorhabens zu versichern.

Ich bin bereits weit nördlich von London; und wenn ich durch die Straßen von Petersburg gehe, fühle ich eine kalte nördliche Brise über meine Wangen streichen, die meine Nerven erfrischt und mich mit Begeisterung erfüllt. Kannst Du dieses Gefühl verstehen? Diese Brise, die aus den Regionen kommt, denen ich zustrebe, gibt mir einen Vorgeschmack jener eisigen Himmelsstriche. Von diesem Wind der Verheißung beflügelt, werden meine Tagträume glühender und lebhafter. Ich bemühe mich vergeblich, mir vor Augen zu halten, der Pol sei die Stätte des Frosts und der Verlassenheit; er stellt sich meiner Phantasie stets als die Region der Schönheit und der Wonne dar. Dort, Margaret, ist die Sonne immer sichtbar; ihre breite Scheibe streicht knapp am Horizont entlang und vergießt unablässigen Glanz. Dort – denn wenn Du erlaubst, liebe Schwester, lege ich einiges Vertrauen in vorhergehende Seefahrer –, dort sind Schnee und Frost verbannt; und auf einer ruhigen See dahinsegelnd, treibt es uns vielleicht in ein Land, das an Wundern und Schönheit jede Gegend übertrifft, die man bisher auf dem bewohnbaren Erdball entdeckt hat. Wie es sich darbietet und was es hervorbringt, mag ohne Beispiel sein, so wie es auf die Phänomene der Himmelskörper in jenen unentdeckten Einsamkeiten zweifellos zutrifft. Was kann man von einem Land ewigen Lichts nicht alles erwarten? Vielleicht entdecke ich dort die erstaunliche Kraft, die die Nadel anzieht, und finde eine Regel für Tausende Himmelsbeobachtungen, die nur dieser Reise bedürfen, damit ihre scheinbaren Ungereimtheiten für immer auf einen Nenner kommen. Ich werde meine glühende Wißbegier am Anblick eines Teils der Welt stillen, den vorher noch niemand besucht hat, und betrete womöglich ein Land, wo noch nie der Fuß eines Menschen seine Spur hinterlassen hat. Das ist es, was mich lockt, und das ist genug, um jegliche Furcht vor Gefahr oder Tod zu überwinden, und läßt mich diese mühselige Reise mit einem Glücksgefühl antreten wie bei einem Kinde, das sich mit seinen Feriengespielen in einem kleinen Boot zu einer Entdeckungsreise den heimischen Fluß hinauf begibt. Doch angenommen, alle diese Vermutungen wären irrig, kannst Du doch nicht den unschätzbaren Nutzen bestreiten, den ich der ganzen Menschheit bis hin zur letzten Generation bringe, wenn ich in Polnähe eine Durchfahrt zu jenen Ländern entdecke, zu denen die Reise bislang so viele Monate erfordert; oder wenn ich das Geheimnis des Magneten entdecke, was sich, wenn überhaupt, nur durch eine Unternehmung wie die meine erreichen läßt.

Diese Überlegungen haben die Erregung vertrieben, mit der ich meinen Brief begann, und ich fühle mein Herz von einer Begeisterung durchglüht, die mich in den Himmel hebt; denn nichts trägt so sehr zur Beruhigung des Gemüts bei wie ein fester Vorsatz – ein Punkt, auf den die Seele ihr inneres Auge heften kann. Diese Expedition ist der Lieblingstraum meiner jungen Jahre gewesen. Ich habe mit Inbrunst die Berichte über die verschiedenen Reisen gelesen, die man in der Hoffnung unternommen hat, den Nordpazifischen Ozean über die den Pol umgebenden Gewässer zu erreichen. Du erinnerst Dich vielleicht, daß eine Geschichte aller Entdeckungsreisen kühner Seefahrer die gesamte Bibliothek unseres guten Onkels Thomas ausmachte. Meine Schulbildung wurde vernachlässigt, dabei las ich leidenschaftlich gern. Diese Bücher waren mein Studium bei Tag und Nacht, und meine Vertrautheit mit ihrem Inhalt steigerte nur noch die Enttäuschung, die mich als Kind erfüllt hatte, als ich erfuhr, daß mein Vater auf seinem Sterbebett meinem Onkel eindringlich untersagt hatte, mich ein Leben auf See wählen zu lassen.

Diese Visionen verblaßten, als ich zum ersten Mal jene Dichter studierte, deren Ergießungen meine Seele entzückten und in den Himmel hoben. Auch ich wurde Dichter und lebte ein Jahr lang in einem selbsterschaffenen Paradies; ich stellte mir vor, auch ich könne eine Nische in dem Tempel erringen, wo die Namen Homers und Shakespeares geheiligt sind. Mein Fehlschlag ist Dir wohlbekannt, auch, wie schwer ich an der Ernüchterung trug. Doch gerade damals erbte ich das Vermögen meines Vetters, und meine Gedanken wandten sich wieder ihrer früheren Neigung zu.

Sechs Jahre sind vergangen, seit ich mich zu meinem jetzigen Unternehmen entschloß. Ich kann mich jetzt noch der Stunde erinnern, von der an ich mich diesem großen Vorhaben widmete. Ich begann damit, daß ich meinen Körper gegen Strapazen abhärtete. Ich begleitete die Walfänger auf mehreren Expeditionen ins Nordmeer; ich nahm freiwillig Kälte, Hunger, Durst und Schlafmangel auf mich; tagsüber arbeitete ich oft schwerer als die gewöhnlichen Seeleute und widmete die Nächte dem Studium der Mathematik, der medizinischen Theorie und jener Zweige der physikalischen Wissenschaft, aus denen ein Abenteurer zur See den größten praktischen Nutzen ziehen könnte. Zweimal heuerte ich sogar als Zweiter Offizier auf einem grönländischen Walfänger an und bewährte mich hervorragend. Ich muß gestehen, daß ich nicht wenig stolz darauf war, als mir mein Kapitän den zweiten Rang auf dem Schiff anbot und mich allen Ernstes dringend zu bleiben bat; für so wertvoll hielt er meine Dienste.

Und, liebe Margaret, verdiene ich es jetzt nicht, eine große Aufgabe zu vollbringen? Mein Leben hätte in Behagen und Luxus verlaufen können; doch ich zog den Ruhm jeder Verlockung vor, die der Reichtum mir in den Weg legte. O würde doch eine ermutigende Stimme meine Frage bejahen! Mein Mut und meine Entschlossenheit sind fest; doch meine Hoffnungen steigen und fallen, und meine Stimmung ist oft gedrückt. Ich bin im Begriff, eine lange und beschwerliche Reise anzutreten, deren unerwartete Notfälle meine ganze Standhaftigkeit beanspruchen werden: ich muß nicht nur den Mut anderer aufrechterhalten, sondern manchmal meinen eigenen bewahren, wenn der ihre sie verläßt.

In Rußland ist das jetzt die günstigste Zeit zum Reisen. In ihren Schlitten sausen sie über den Schnee; diese Fortbewegung behagt mir und ist meiner Meinung nach viel angenehmer als die einer englischen Postkutsche. Die Kälte ist nicht unerträglich, wenn man in Pelze gehüllt ist – eine Bekleidung, die ich bereits übernommen habe; denn es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Umhergehen an Deck und dem stundenlangen bewegungslosen Sitzen, wenn keine körperliche Ausarbeitung das Blut davor bewahrt, einem buchstäblich in den Adern zu gefrieren. Ich habe nicht den Ehrgeiz, auf der Postroute zwischen St. Petersburg und Archangelsk ums Leben zu kommen.

In vierzehn Tagen oder drei Wochen mache ich mich nach letzterer Stadt auf; ich habe vor, mir dort ein Schiff zu mieten, was sich leicht machen läßt, indem man für den Eigentümer die Versicherung bezahlt, und von Seeleuten, die den Walfang gewöhnt sind, so viele anzuheuern, wie ich für notwendig halte. Ich gedenke nicht vor dem Juni abzureisen; und wann kehre ich zurück? Ach, liebe Schwester, wie kann ich diese Frage beantworten? Wenn ich Erfolg habe, vergehen viele, viele Monate, vielleicht Jahre, ehe Du und ich uns wiedersehen. Wenn ich einen Fehlschlag erleide, siehst Du mich bald wieder, oder niemals.

Lebewohl, meine liebe, treffliche Margaret. Der Himmel schütte seinen Segen über Dich aus und stehe mir bei, auf daß ich Dir immer und immer wieder meine Dankbarkeit für all Deine Liebe und Güte beteuern kann.

Dein Dich liebender BruderR. Walton

Zweiter Brief

An Mrs. Saville, England

Archangelsk, 28. März 17…

Wie langsam hier die Zeit vergeht, wenn man wie ich von Frost und Schnee eingeschlossen ist! Doch ist ein zweiter Schritt zur Vorbereitung auf mein Vorhaben getan. Ich habe ein Schiff gemietet und bin dabei, meine Seeleute zu sammeln; diejenigen, die ich schon angeheuert habe, scheinen Männer zu sein, auf die ich mich verlassen kann, und besitzen zweifellos verwegenen Mut.

Doch an etwas leide ich Mangel, und daß mir dessen Befriedigung noch nie zuteil wurde, empfinde ich jetzt als ganz schlimmes Übel. Ich habe keinen Freund, Margaret: wenn ich von der Begeisterung des Erfolgs glühe, wird keiner da sein, der mein Glück teilt; wenn mich die Enttäuschung befällt, wird niemand sich bemühen, mich in meiner Niedergeschlagenheit zu trösten. Ich werde meine Gedanken dem Papier anvertrauen, gewiß. Doch das ist ein armseliges Mittel zur Mitteilung von Gefühlen. Ich wünschte mir die Gesellschaft eines Menschen, der mit mir sympathisieren könnte, dessen Augen den meinen Antwort gäben. Du magst mich für romantisch halten, meine liebe Schwester, aber ich empfinde es bitter, eines Freundes zu entbehren. Ich habe niemanden bei mir, sanft und doch mutig, mit einem kultivierten und zugleich umfassenden Geist, dessen Neigungen den meinen entsprächen, der meine Pläne gutheißen oder vervollkommnen könnte. Wie würde ein solcher Freund die Fehler Deines armen Bruders ausgleichen! Ich bin zu hitzig bei der Verwirklichung und zu ungeduldig gegenüber Schwierigkeiten. Doch es ist ein noch größeres Unglück für mich, daß ich mich selbst gebildet habe; die ersten vierzehn Jahre meines Lebens habe ich auf einem Dorfanger herumgetobt und nichts gelesen außer den Reisebüchern unseres Onkels Thomas. In diesem Alter lernte ich die berühmten Dichter unseres Landes kennen; aber erst, als es nicht mehr in meiner Macht lag, aus der Erkenntnis den wesentlichsten Nutzen zu ziehen, bemerkte ich die Notwendigkeit, andere Sprachen kennenzulernen als die meines Vaterlandes. Jetzt bin ich achtundzwanzig und in Wirklichkeit unwissender als viele Schuljungen von fünfzehn. Es ist wahr, daß ich mehr nachgedacht habe und daß meine Tagträume weitreichender und großartiger sind, doch sie bedürfen (wie die Maler es nennen) des »Fixativs«; und ich brauchte so sehr einen Freund, der genug Verstand besäße, um mich nicht als Romantiker zu verachten, und genug Zuneigung zu mir, um nach einer Regulierung meines Geistes zu trachten.

Nun, das sind sinnlose Klagen; ich werde gewiß keinen Freund auf dem weiten Ozean finden, nicht einmal hier in Archangelsk unter Kaufleuten und Seefahrern. Und doch pochen manche Gefühle, die nichts mit der Schlacke der menschlichen Natur zu tun haben, sogar in diesem rauhen Busen. Mein Leutnant zum Beispiel ist ein Mann von wunderbarem Mut und Unternehmungsgeist; er strebt rasend nach Ruhm; oder vielmehr, um meine Aussage treffender zu formulieren, nach beruflichem Aufstieg. Er ist Engländer, und inmitten nationaler und beruflicher Vorurteile, ohne eine Glättung durch Bildung, bewahrt er sich einige der edelsten Gaben der Menschlichkeit. Ich habe ihn an Bord eines Walfangschiffes kennengelernt: als ich erfuhr, daß er sich ohne Beschäftigung in dieser Stadt aufhielt, bekam ich ihn mühelos dazu, bei meiner Unternehmung mitzuwirken.

Der Kapitän ist ein Mann von vortrefflichem Wesen und zeichnet sich auf dem Schiff durch seine Güte und milde Disziplin aus. Dieser Umstand, dazu seine allgemein bekannte Redlichkeit und Unerschrockenheit, machten mich erpicht darauf, ihn anzuheuern. Eine in Einsamkeit verbrachte Jugend, meine besten Jahre unter Deiner sanften und weiblichen Obhut, haben die Grundlage meines Charakters so verfeinert, daß ich eine heftige Abscheu gegen die an Bord übliche Brutalität nicht überwinden kann: ich habe sie nie für notwendig gehalten; und als ich von einem Seemann hörte, der gleichermaßen für seine Herzensgüte und den ihm von seiner Mannschaft gezollten Respekt und Gehorsam berühmt war, fühlte ich mich ganz besonders vom Glück begünstigt, mir seine Dienste sichern zu können. Zum ersten Mal hörte ich von ihm auf recht romantische Weise von einer Dame, die ihm ihr Lebensglück verdankt. Folgendes ist, kurzgefaßt, seine Geschichte. Vor Jahren liebte er eine junge russische Dame von bescheidenem Vermögen, und da er eine beträchtliche Summe an Prisengeldern angesammelt hatte, willigte der Vater des Mädchens in die Partie ein. Er kam vor der Trauungszeremonie ein einziges Mal unter vier Augen mit seiner Angebeteten zusammen, sie aber zerfloß in Tränen, warf sich ihm zu Füßen und flehte ihn an, sie zu verschonen, wobei sie ihm gestand, sie liebe einen anderen, doch der sei arm, und ihr Vater werde nie der Heirat zustimmen. Mein großmütiger Freund beschwichtigte die Bittstellerin, und nachdem er den Namen des Geliebten erfahren hatte, gab er sofort seine Werbung auf. Er hatte mit seinem Geld bereits ein Gut gekauft, auf dem er den Rest seines Lebens zu verbringen dachte. Doch er schenkte das Ganze seinem Rivalen, zusammen mit dem Rest seines Prisengeldes für den Ankauf von Vieh, und dann beschwor er selbst den Vater der jungen Frau, ihr die Heirat mit dem Geliebten zu gestatten. Aber der alte Mann weigerte sich entschieden, hielt er sich doch ehrenhalber meinem Freund verpflichtet; als dieser den Vater so unerbittlich fand, verließ er das Land und kehrte erst wieder zurück, als er erfuhr, daß seine frühere Angebetete ihrer Neigung entsprechend verheiratet war. »Welch edler Mensch!« wirst Du ausrufen. Das ist er, aber er ist auch völlig ungebildet: er ist schweigsam wie ein Türke und hat eine Art stumpfe Gleichgültigkeit an sich, die zwar sein Verhalten umso erstaunlicher macht, aber die Anteilnahme und Sympathie mindert, die er sonst erregen würde.

Jedoch glaube nicht, weil ich mich ein wenig beklage, oder weil ich mir einen Trost für meine Mühen vorstellen kann, den ich vielleicht nie erleben werde, ich sei in meinen Entschlüssen wankend geworden. Diese stehen fest wie das Schicksal; und meine Reise ist jetzt nur aufgeschoben, bis das Wetter meine Abreise gestattet. Der Winter ist furchtbar streng gewesen, doch der Frühling sieht verheißungsvoll aus und soll erstaunlich zeitig gekommen sein. Also werde ich vielleicht früher abfahren, als ich berechnet hatte. Ich werde nicht übereilt handeln: Du kennst mich genügend, um Dich auf meine Besonnenheit und Rücksichtnahme zu verlassen, wann immer die Sicherheit anderer meiner Obhut anvertraut ist.

Ich kann Dir nicht beschreiben, was ich angesichts der unmittelbaren Nähe meiner Unternehmung fühle. Es ist unmöglich, Dir einen Begriff der halb angenehmen, halb angstvoll bebenden Empfindungen zu vermitteln, mit der ich mich auf die Abreise vorbereite. Ich breche in unerforschte Regionen auf, in »das Land des Nebels und des Schnees«, doch ich werde keinen Albatros töten, mache Dir deshalb keine Sorgen um meine Sicherheit, oder daß ich so mitgenommen und kläglich wie der »Alte Seemann« zu Dir zurückkehren könnte! Du wirst über meine Anspielung lächeln, aber ich will Dir ein Geheimnis verraten. Ich habe oft meine Liebe, meine leidenschaftliche Begeisterung für die gefährlichen Geheimnisse des Ozeans jenem Werk des phantasiereichsten unserer modernen Dichter zugeschrieben. In meiner Seele spielt sich etwas ab, das ich nicht begreife. Ich habe in praktischen Belangen genug von einem fleißigen, unverdrossen arbeitenden Menschen, um meine Vorhaben mit Ausdauer und unter großer Anstrengung zu verwirklichen – doch darüber hinaus sind alle meine Pläne von einer Liebe zum Wundersamen, einem Glauben an das Wunderbare durchwoben, die mich von den gewöhnlichen Pfaden der Menschheit abdrängen, sogar auf die wilde See und in die noch von niemandem betretenen Regionen hinaus, die ich mich zu erforschen anschicke.

Doch um auf innigere Betrachtungen zurückzukommen. Werde ich Dich wiedersehen, wenn ich ungeheure Meere befahren habe und um das südlichste Kap Afrikas oder Amerikas herum zurückgekehrt bin? Ich wage soviel Erfolg nicht zu erwarten, jedoch kann ich es nicht ertragen, die Kehrseite des Bildes zu betrachten. Fahre vorläufig fort, mir bei jeder Gelegenheit zu schreiben: womöglich erhalte ich Deine Briefe manchmal unter Umständen, wo ich sie am nötigsten brauche, um meinen Mut aufrechtzuerhalten. Ich habe Dich von Herzen lieb. Gedenke meiner in Liebe, solltest Du nie wieder von mir hören.

Dein Dich liebender BruderRobert Walton

Dritter Brief

An Mrs. Saville, England

7. Juli 17…

Meine liebe Schwester,

ich schreibe in aller Hast ein paar Zeilen, um Dir mitzuteilen, daß es mir gut geht und meine Reise günstig verläuft. Dieser Brief erreicht England mit einem Handelsschiff, das sich jetzt auf der Heimreise von Archangelsk befindet. Es hat mehr Glück als ich, der sein Vaterland vielleicht viele Jahre lang nicht mehr wiedersieht. Ich bin jedoch guter Dinge: meine Leute sind mutig und zielbewußt; auch scheinen die treibenden Eisschollen, die uns ständig entgegenkommen und auf die Gefahren der Region hinweisen, auf die wir zuhalten; sie nicht zu erschrecken. Wir haben bereits eine sehr hohe geographische Breite erreicht; aber es ist Hochsommer, wenn auch nicht so warm wie in England, doch atmen die steifen südlichen Winde, die uns rasch jenen Küsten zutreiben, die ich so glühend zu erreichen wünsche, in einem Maße eine wohltuende Wärme, wie ich es nicht erwartet hatte.

Bisher ist nichts vorgefallen, was in einem Brief erwähnenswert wäre. Ein, zwei Stürme und ein kleines Leck sind Vorfälle, die erfahrene Seefahrer im allgemeinen zu berichten vergessen; und ich will zufrieden sein, wenn uns bei unserer Reise nichts Schlimmeres widerfährt.

Lebewohl, meine liebe Margaret. Glaube mir, daß ich mich um meinet- ebenso wie um deinetwillen nicht unbesonnen der Gefahr aussetze. Ich werde kühl, standhaft und umsichtig sein.

Doch der Erfolg soll meine Mühen krönen. Warum auch nicht? So weit bin ich gekommen, indem ich einen sicheren Weg über das weglose Meer ziehe: die Sterne selbst sind Zuschauer und Zeugen meines Triumphs. Weshalb nicht weiter über das ungezähmte und doch gehorsame Element vorrücken? Was kann das entschlossene Herz und den festen Willen des Menschen aufhalten?

So fließt mein übervolles Herz unwillkürlich über. Doch ich muß schließen. Der Himmel segne meine geliebte Schwester!

R.W.

Vierter Brief

An Mrs. Saville, England

5. August 17…

Ein so eigenartiger Zwischenfall hat sich ereignet, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn niederzuschreiben, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, daß Du mich siehst, bevor diese Papiere in Deine Hände gelangen können.

Am vorigen Montag (31. Juli) waren wir vom Eis fast umgeben, das sich von allen Seiten um das Schiff schloß und ihm kaum das freie Wasser ließ, in dem es dahintrieb. Unsere Lage war nicht ganz ungefährlich, besonders, weil uns ein sehr dichter Nebel einhüllte. Folglich drehten wir bei, in der Hoffnung auf einen Umschlag des Wetters und der Luftverhältnisse.

Gegen zwei Uhr verzog sich der Nebel, und wir sahen, daß sich in alle Richtungen riesige, unregelmäßige aufgeworfene Eismassen dehnten, die kein Ende zu haben schienen. Manche meiner Gefährten stöhnten auf, und in meinem eigenen Sinn begann auch ich mir Sorgen zu machen, als plötzlich ein seltsamer Anblick unsere Aufmerksamkeit auf sich zog und unsere Besorgnis von der eigenen Lage ablenkte. Wir gewahrten ein flaches Gefährt, auf Schlittenkufen befestigt und von Hunden gezogen, das eine halbe Meile entfernt in nördlicher Richtung vorüberfuhr: ein Wesen von der Gestalt eines Menschen, aber anscheinend von riesenhafter Statur, saß darin und lenkte die Hunde. Wir beobachteten mit unseren Teleskopen die rasche Fahrt des Fremden, bis wir ihn zwischen den fernen Verwerfungen des Eises aus den Augen verloren.

Diese Erscheinung erregte unsere höchste Verwunderung. Wir befanden uns, wie wir glaubten, viele hundert Meilen von jedem festen Land entfernt, doch diese Erscheinung schien aufzuzeigen, daß es in Wirklichkeit nicht so entfernt lag, wie wir angenommen hatten. Vom Eis eingeschlossen, war es uns jedoch unmöglich, seiner Spur zu folgen, die wir mit größter Aufmerksamkeit beobachtet hatten.

Etwa zwei Stunden nach diesem Vorfall hörten wir die Grunddünung; vor Einbruch der Nacht barst das Eis und gab unser Schiff frei. Wir blieben jedoch bis zum Morgen beigedreht liegen, denn wir fürchteten, im Dunkeln an die gewaltigen losen Eismassen zu stoßen, die nach dem Aufbrechen des Eises umhertrieben. Ich nutzte diese Zeit, um ein paar Stunden zu ruhen.

Am Morgen, sobald es hell war, ging ich an Deck und fand alle Seeleute an einer Schiffsseite zusammengedrängt, wo sie offenbar mit jemandem unten auf dem Wasser sprachen. Es war ein Schlitten wie der, den wir vorher gesehen hatten, und er war in der Nacht auf einer großen Eisscholle auf uns zugetrieben. Nur ein Hund war noch am Leben; aber in dem Schlitten saß ein Mensch, dem die Seeleute zuredeten, auf das Schiff zu kommen. Es war nicht, wie es beim anderen Reisenden anscheinend der Fall war, der wilde Bewohner einer unentdeckten Insel, sondern ein Europäer. Als ich auf Deck erschien, sagte der Kapitän: »Hier kommt unser Schiffsherr, und er wird nicht zulassen, daß Sie auf der offenen See zugrunde gehen.«

Als der Fremde mich sah, sprach er mich auf Englisch an, wenn auch mit ausländischem Akzent. »Bevor ich an Bord Ihres Schiffes komme«, sagte er, »wollen Sie die Güte haben, mir mitzuteilen, wohin Sie fahren?

Du kannst Dir meine Verblüffung vorstellen, als ich eine solche Frage vernahm, von einem Mann, der schon am Rande des Untergangs schwebte. Ich hätte gemeint, mein Schiff hätte ihm als eine Zuflucht erscheinen müssen, die er nicht für den kostbarsten Schatz auf Erden hätte eintauschen wollen. Ich antwortete jedoch, wir befänden uns auf einer Entdeckungsreise zum Nordpol.

Als er das hörte, schien er befriedigt und fand sich bereit, an Bord zu kommen. Gütiger Gott! Margaret, wenn Du den Mann gesehen hättest, der derart noch Bedingungen für seine Rettung stellte, Deine Überraschung wäre grenzenlos gewesen. Seine Gliedmaßen waren fast erfroren und sein Leib vor Erschöpfung und Entbehrungen ausgezehrt. Ich habe nie einen Menschen in so jämmerlicher Verfassung gesehen. Wir versuchten ihn in die Kajüte zu tragen; doch sobald er aus der frischen Luft kam, wurde er ohnmächtig. Wir trugen ihn also an Deck zurück und brachten ihn zu sich, indem wir ihn mit Branntwein abrieben und ihm auch einen Schluck einflößten. Sobald er Lebenszeichen gab, hüllten wir ihn in Decken und legten ihn neben den Schornstein des Kochherdes. Ganz allmählich erholte er sich und aß ein wenig Suppe, die ihn wunderbar kräftigte.

Zwei Tage verstrichen so, ehe er zu sprechen vermochte; und ich befürchtete oft, seine Leiden hätten ihn um den Verstand gebracht. Als er sich einigermaßen erholt hatte, ließ ich ihn in meine eigene Kajüte bringen und kümmerte mich um ihn, soweit es meine Pflichten gestatteten. Ich habe nie einen interessanteren Menschen kennengelernt: seine Augen zeigen gewöhnlich einen wilden, ja sogar wahnsinnigen Ausdruck; doch hin und wieder, wenn jemand ihm eine Freundlichkeit oder auch nur den geringsten Dienst erweist, strahlt sein Gesicht sozusagen in einem Glanz von Güte und Liebenswürdigkeit auf, wie ich es noch nie ähnlich erlebt habe. Aber im allgemeinen ist er melancholisch und verzweifelt; und manchmal knirscht er mit den Zähnen, als machte ihn die Last des Leids, die ihn bedrückt, ungeduldig.

Als mein Gast sich ein wenig erholt hatte, mußte ich mit großer Mühe die Männer abwehren, die ihm tausend Fragen stellen wollten; aber ich ließ es nicht zu, daß sie ihn mit ihrer müßigen Neugier plagten, da bei seiner körperlichen und seelischen Verfassung seine Genesung offensichtlich von völliger Ruhe abhing. Einmal jedoch fragte ihn der Leutnant, wieso er in einem derart sonderbaren Gefährt so weit aufs Eis hinausgefahren sei.

Seine Miene nahm im Nu einen Ausdruck tiefster Schwermut an, und er antwortete: »Um jemanden zu suchen, der vor mir geflohen ist.«

»Und ist der Mann, den sie verfolgten, auf die gleiche Weise gereist?«

»Ja.«

»Dann glaube ich, wir haben ihn gesehen; denn am Tag, bevor wir Sie aufnahmen, haben wir einen Mann in einem Hundeschlitten über das Eis fahren sehen.«

Das ließ den Fremden aufhorchen; und er stellte zahllose Fragen nach der Route, die der Dämon, wie er ihn nannte, eingeschlagen hatte. Bald danach, als er mit mir allein war, sagte er: »Ich habe sicherlich Ihre Neugier und die dieser guten Leute geweckt, aber Sie sind zu rücksichtsvoll, um mir Fragen zu stellen.«

»Gewiß; es wäre wirklich sehr aufdringlich und unmenschlich von mir, Sie mit meiner Wißbegierde zu belästigen.«

»Und doch haben Sie mich aus einer außergewöhnlichen und gefährlichen Lage gerettet; Sie haben mich voller Güte ins Leben zurückgeholt.«

Bald danach erkundigte er sich, ob ich meine, das Aufbrechen des Eises habe den anderen Schlitten vernichtet. Ich erwiderte, das könne ich nicht mit auch nur annähernder Gewißheit beantworten; denn das Eis sei erst gegen Mitternacht geborsten, und der Reisende mochte schon vor diesem Zeitpunkt einen sicheren Ort erreicht haben; doch darüber könne ich nicht urteilen.

Von dieser Zeit an erfüllte neuer Lebensmut den hinfälligen Körper des Fremden. Er war mit größtem Eifer bestrebt, sich an Deck aufzuhalten und nach dem Schlitten Ausschau zu halten, der vor dem seinen aufgetaucht war; aber ich habe ihn überredet, in der Kajüte zu bleiben, denn er ist viel zu schwach, um die schneidende Kälte der Luft zu ertragen. Ich habe ihm versprochen, jemand werde für ihn die Wache übernehmen und ihn unverzüglich benachrichtigen, sobald irgend etwas Ungewöhnliches in Sicht komme.

Das ist mein Bericht über diesen seltsamen Vorfall bis zum heutigen Tage. Die Gesundheit des Fremden hat sich allmählich gebessert, jedoch ist er sehr schweigsam und wirkt beunruhigt, wenn jemand anders als ich seine Kajüte betritt. Dabei ist sein Umgangston so freundlich und verbindlich, daß alle Seeleute Anteil an ihm nehmen, obwohl sie sehr wenig Berührung mit ihm hatten. Ich für mein Teil beginne ihn wie einen Bruder zu lieben, und sein beständiger und tiefer Kummer erfüllt mich mit Sympathie und Mitleid. Er muß in seinen besseren Tagen ein edler Mensch gewesen sein, ist er doch sogar jetzt als Wrack noch so anziehend und liebenswürdig.

In einem meiner Briefe schrieb ich, meine liebe Margaret, ich würde auf dem weiten Ozean keinen Freund finden; und doch habe ich einen Mann gefunden, den ich mit Freuden als Herzensbruder an mich gebunden hätte, ehe sein Geist vom Elend gebrochen ward.

Ich will mein Tagebuch über den Fremden in Abständen fortsetzen, sobald ich irgendwelche neuen Vorfälle zu berichten habe.

13. August 17…

Meine Zuneigung für meinen Gast wächst von Tag zu Tag. Er weckt in erstaunlichem Maße meine Bewunderung und mein Mitleid zugleich. Wie kann ich einen so edlen Menschen, vom Kummer ausgehöhlt, vor Augen haben, ohne den heftigsten Schmerz zu empfinden? Er ist so freundlich und dabei so weise; sein Geist ist so kultiviert; und wenn er spricht, kommen ihm die Worte, auch wenn sie noch so erlesen gewählt sind, doch flüssig und mit unvergleichlicher Beredsamkeit.

Er hat sich jetzt schon gut von seiner Krankheit erholt und hält sich ständig an Deck auf, offenbar nach dem Schlitten ausschauend, der vor dem seinen vorbeikam. Doch obwohl unglücklich, ist er nicht so gänzlich von seinem Verhängnis besessen, als daß er sich nicht lebhaft für die Projekte anderer interessierte. Er hat sich oft mit mir über meines unterhalten, das ich ihm ohne Rückhalt dargelegt habe. Er ist aufmerksam auf alle meine Argumente zugunsten meines letztendlichen Erfolges eingegangen und auf jede winzige Einzelheit der Maßnahmen, die ich getroffen hatte, um ihn mir zu sichern. Durch die Sympathie, die er in mir erweckte, ließ ich mich leicht verleiten, die Sprache meines Herzens in Worte zu fassen, dem brennenden Eifer meiner Seele Ausdruck zu verleihen und mit aller Glut, die mich erwärmte, auszusprechen, wie freudig ich mein Vermögen, meine Existenz, meine sämtlichen Hoffnungen der Förderung meines Vorhabens opfern würde. Leben oder Tod eines einzelnen seien nur ein geringer Preis für den Erwerb des Wissens, das ich suchte, für die Herrschaft über die elementaren Feinde unseres Menschengeschlechts, die ich gewinnen und weiterreichen würde. Während ich sprach, breitete sich düstere Schwermut auf dem Gesicht meines Zuhörers aus. Zunächst beobachtete ich, daß er sich seine Bewegung zu unterdrücken bemühte; er bedeckte seine Augen mit den Händen; und meine Stimme schwankte und stockte, als ich Tränen zwischen seinen Fingern hervorrinnen sah – ein Stöhnen brach aus seiner keuchenden Brust. Ich schwieg; und schließlich sprach er mit gebrochener Stimme: »Unglücklicher! Teilen Sie meinen Wahnsinn? Haben auch Sie den berauschenden Trunk genossen? Hören Sie mich an – hören Sie meine Geschichte, und Sie werden den Becher von Ihren Lippen stoßen!«

Du kannst Dir vorstellen, daß diese Worte meine Neugier heftig erregten; doch der Ansturm des Kummers, der den Fremden überfallen hatte, war zuviel für seine geschwächte Konstitution, und er bedurfte vieler Stunden des Schlafes und ruhiger Gespräche, bis er seine Fassung wiederfand.

Nachdem er die Aufwallung seiner Gefühle besiegt hatte, schien er sich dafür zu verachten, so sklavisch der Leidenschaft zu unterliegen; und die finstere Tyrannei der Verzweiflung unterdrückend, bewog er mich wieder, über mich selbst zu sprechen. Er fragte mich nach der Entwicklung meiner jungen Jahre. Die Geschichte war rasch erzählt, doch sie weckte verschiedene Gedankengänge. Ich sprach von meinem Verlangen, einen Freund zu finden – von meinem Durst nach einer vertrauteren Sympathie mit einem gleichgesinnten Geist, als mir jemals zuteil geworden, und äußerte die Überzeugung, ein Mensch, der diesen Segen nicht genieße, könne sich kaum des Glücks rühmen.

»Ich stimme Ihnen zu«, antwortete der Fremde; »wir sind unfertige Geschöpfe, nur halb vollendet, wenn uns nicht ein Weiserer, Besserer, Wertvollerer als wir selbst – wie ein Freund es sein soll – seine Hilfe leiht, um unsere schwache und fehlerhafte Natur zu vervollkommnen. Ich hatte einmal einen Freund, den edelsten aller Menschen, und darf deshalb über die Freundschaft urteilen. Sie haben noch Hoffnung, und die Welt liegt vor Ihnen, Sie haben keinen Grund zur Verzweiflung. Ich aber – ich habe alles verloren und kann mein Leben nicht neu beginnen.«

Bei diesen Worten sprach aus seiner Miene ein stiller, tiefer Kummer, der mein innerstes Herz berührte. Doch er blieb stumm und zog sich bald in seine Kajüte zurück.

Selbst gebrochen am Geist wie er, empfindet niemand tiefer als er die Schönheiten der Natur. Der gestirnte Himmel, das Meer und jeder Anblick, den diese wunderbaren Regionen bieten, scheinen immer noch die Macht zu haben, seine Seele von der Erde emporzuheben. Solch ein Mensch führt eine doppelte Existenz: er mag Qualen leiden und von Enttäuschungen niedergedrückt sein, doch wenn er sich in sich selbst zurückgezogen hat, gleicht er einem himmlischen Geist, von einem Strahlenkranz umgeben, in dessen Umkreis sich kein Leid und keine Torheit wagt.

Wirst Du die Begeisterung belächeln, die ich angesichts dieses göttlichen Wanderers äußere? Das tätest Du nicht, wenn Du ihn sähest. Dich haben die Bücher und die Weltzurückgezogenheit gebildet, und deshalb bist Du etwas wählerisch; das befähigt Dich jedoch nur um so mehr, die außergewöhnlichen Eigenschaften dieses wunderbaren Mannes zu würdigen. Manchmal habe ich herauszubekommen versucht, was ihn so unermeßlich über jeden anderen Menschen hinaushebt, den ich je gekannt habe. Ich halte es für einen intuitiven Scharfsinn, eine rasche, doch nie versagende Urteilskraft, eine Einsicht in die Ursachen der Dinge, die an Klarheit und Präzision ihresgleichen sucht; füge dazu noch eine Gewandtheit des Ausdrucks und eine Stimme, deren wechselnder Tonfall seelenberückende Musik ist.

19. August 17…

Gestern sagte mir der Fremde: »Captain Walton, Sie werden wohl ohne Mühe erkennen, daß ich großes und beispielloses Unglück erlitten habe. Ich hatte einmal beschlossen, die Erinnerung an dieses Unheil solle mit mir sterben. Sie haben mich jedoch dazu gebracht, meinen Entschluß zu ändern. Sie suchen nach Wissen und Weisheit, wie ich früher einmal; und ich hoffe inbrünstig, daß die Erfüllung Ihrer Wünsche nicht zu einer Schlange wird, die Sie vergiftet, wie es bei mir der Fall war. Ich weiß nicht, ob die Schilderung meiner Mißgeschicke Ihnen von Nutzen sein wird; doch wenn ich bedenke, daß Sie denselben Kurs steuern, sich denselben Gefahren aussetzen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin, kann ich mir vorstellen, daß Sie vielleicht aus meiner Geschichte die richtige Lehre ziehen, die Sie leitet, wenn Ihnen Ihr Unternehmen gelingt, und Sie im Falle eines Mißerfolgs tröstet. Bereiten Sie sich darauf vor, von Geschehnissen zu hören, die man gemeinhin wundersam nennt. Befänden wir uns inmitten der gemäßigteren Szenen der Natur, würde ich auf Ihren Unglauben, vielleicht auf Ihren Spott zu stoßen fürchten, doch in diesen wilden und geheimnisvollen Regionen werden viele Dinge möglich erscheinen, die bei jenen Gelächter erregen würden, die die ewigwechselnden Kräfte der Natur nicht kennen: ich bezweifle auch nicht, daß mein Bericht in seinem Verlauf selbst den inneren Beweis für die Wahrheit der Ereignisse liefert, aus denen er sich aufbaut.«

Du kannst Dir wohl vorstellen, daß mich die Ankündigung seiner Enthüllung sehr freute; doch konnte ich den Gedanken nicht ertragen, daß er sein Leid durch eine Schilderung seiner Mißgeschicke neu anfachte. Ich brannte darauf, die verhießene Erzählung zu hören, teils aus Neugier und teils aus dem heftigen Verlangen, sein Los zu erleichtern, falls es in meiner Macht stünde. In meiner Antwort gab ich diesen Regungen Ausdruck.

»Ich danke Ihnen«, antwortete er, »für Ihre Anteilnahme, aber sie ist für mich ohne Nutzen; mein Schicksal hat sich nahezu erfüllt. Ich warte nur noch auf ein bestimmtes Ereignis, und dann kann ich in Frieden ruhen. Ich verstehe Ihre Gefühle«, fuhr er fort, da er bemerkte, daß ich ihm ins Wort fallen wollte, »doch Sie irren sich, mein Freund, wenn Sie mir erlauben, Sie so zu nennen; nichts kann mein Schicksal abändern: hören Sie meine Geschichte an, und Sie werden erkennen, wie unwiderruflich es bestimmt ist.«

Dann erklärte er, er werde seinen Bericht am nächsten Tag beginnen, sobald ich Muße dazu hätte. Auf dieses Versprechen antwortete ich mit wärmstem Dank. Ich habe mir vorgenommen, jeden Abend, wenn meine Pflichten mich nicht zwingend in Anspruch nehmen, so getreu wie möglich in seinen eigenen Worten aufzuschreiben, was er tagsüber erzählt hat. Falls Abhaltungen eintreten, will ich mir wenigstens Notizen machen. Diese Aufzeichnungen werden Dir zweifellos große Freude machen; aber ich, der ich ihn kenne und alles von seinen eigenen Lippen höre, mit welchem Interesse und welcher Anteilnahme werde ich es eines künftigen Tages lesen! Schon jetzt, wo ich meine Aufgabe beginne, klingt mir seine wohltönende Stimme in den Ohren; seine strahlenden Augen ruhen mit all ihrer melancholischen Liebenswürdigkeit auf mir; ich sehe seine magere Hand in einer lebhaften Geste erhoben, während seine Gesichtszüge im Abglanz seiner Seele leuchten. Seltsam und herzzerreißend muß seine Geschichte sein, furchtbar der Sturm, der das stolze Schiff auf seinem Kurs erfaßte und zum Wrack machte – auf solche Weise!

Erstes Kapitel

Ich bin in Genf geboren; meine Familie gehört zu den vornehmsten dieser Republik. Über viele Jahre hinweg waren meine Vorfahren Ratsherren und hohe Beamte; mein Vater hatte in Ehre und Ansehen mehrere Ämter bekleidet. Alle, die ihn kannten, achteten ihn wegen seiner Lauterkeit und unermüdlichen Hingabe an die öffentlichen Belange. Seine jüngeren Jahre widmete er gänzlich den Angelegenheiten seines Landes; verschiedene Umstände hatten ihn daran gehindert, jung zu heiraten, und erst in reiferen Jahren wurde er Ehemann und Familienvater. Da das Zustandekommen seiner Heirat ein bezeichnendes Licht auf seinen Charakter wirft, kann ich mich nicht enthalten, davon zu berichten. Einer seiner engsten Freunde war ein Kaufmann, der aus vermögenden Verhältnissen infolge wiederholten Mißgeschicks in Armut geraten war. Dieser Mann, der Beaufort hieß, war von stolzer und unnachgiebiger Gemütsart und konnte sich nicht damit abfinden, in demselben Land, wo er sich früher durch seinen Rang und gesellschaftlichen Glanz hervorgetan hatte, in Armut und Vergessenheit zu leben. Nachdem er in ehrenhaftester Weise seine Schulden bezahlt hatte, zog er sich deshalb mit seiner Tochter in die Stadt Luzern zurück, wo er als Unbekannter im Elend lebte. Mein Vater liebte Beaufort mit wahrer Freundschaft und empfand angesichts seiner Flucht unter diesen Umständen tiefen Kummer. Er beklagte bitter, daß ein falscher Stolz seine Freund zu einem Verhalten drängte, das der sie verbindenden Zuneigung so wenig gerecht wurde. Er verlor keine Zeit in seinem Bemühen, ihn zu suchen, immer in der Hoffnung, ihn mit seinem Kredit und seinem Beistand zu einem neuen Anfang bewegen zu können.

Beaufort hatte wirksame Maßnahmen getroffen, sich zu verbergen, und es dauerte zehn Monate, bis mein Vater seinen Aufenthaltsort ausgeforscht hatte. Von Herzen froh über diese Entdeckung, eilte er zu dem Haus, das in einer ärmlichen Straße dicht an der Reuß stand. Doch als er eintraf, empfingen ihn nichts als Elend und Verzweiflung. Beaufort hatte aus dem Schiffbruch seines Vermögens nur eine ganz geringe Summe Geldes gerettet; sie reichte jedoch aus, ihn mehrere Monate lang mit dem nötigsten Lebensunterhalt zu versorgen, und inzwischen hoffte er eine anständige Beschäftigung in einer Handelsfirma zu bekommen. Diesen Zeitraum verbrachte er deshalb untätig, und als er Muße zum Nachdenken hatte, wurde sein Kummer nur noch tiefer und schmerzhafter; schließlich setzte er sich so sehr in seinem Gemüt fest, daß er nach Ablauf von drei Monaten auf dem Krankenbett lag, unfähig zu irgendeiner Bemühung.

Seine Tochter pflegte ihn mit größter Liebe; doch sie sah verzweifelt, daß ihr kleiner Geldbestand rasch zusammenschmolz und keine andere Aussicht auf Unterstützung bestand. Jedoch Caroline Beaufort besaß einen Geist von ungewöhnlichem Format, und ihr Mut richtete sich auf, um sie in ihrer Not zu unterstützen. Sie beschaffte sich einfache Arbeit. Sie flocht Stroh, und auf verschiedene Weise gelang es ihr, einen kärglichen Unterhalt zu verdienen, der kaum ausreichte, die beiden am Leben zu halten.

Mehrere Monate vergingen auf diese Weise. Ihrem Vater ging es schlechter. Sie brauchte ihre Zeit fast gänzlich für seine Pflege; ihre Mittel zum Leben nahmen ab, und im zehnten Monat starb ihr Vater in ihren Armen und ließ sie als Waise und bettelarm zurück. Dieser letzte Schlag übermannte sie, und sie kniete bitterlich weinend an Beauforts Sarg, als mein Vater ins Zimmer trat. Er kam wie ein Schutzengel zu dem armen Mädchen, das sich seiner Obhut anvertraute; und nach der Beerdigung seines Freundes brachte er sie nach Genf und gab sie in den Schutz einer Verwandten. Zwei Jahre nach diesem Ereignis wurde Caroline seine Frau.

Zwischen meinen Eltern bestand ein erheblicher Altersunterschied, doch dieser Umstand schien sie nur noch fester in herzlicher Liebe zu verbinden. Im aufrechten Geist meines Vaters wohnte ein Gerechtigkeitssinn, der von ihm hohe Achtung aufzubringen verlangte, um stark lieben zu können. Vielleicht hatte er in früheren Jahren an der verspäteten Entdeckung gelitten, daß eine geliebte Frau dessen nicht würdig war, und war deshalb geneigt, größeren Wert auf verbürgte Ehrbarkeit zu legen. In seiner Liebe zu meiner Mutter offenbarte sich eine Dankbarkeit und Anbetung, die sich völlig von der kindischen Vernarrtheit des Alters abhob, denn sie entsprang der Verehrung ihrer Tugenden und dem Wunsch, sie in gewissem Maße für die durchlittenen Kümmernisse zu entschädigen, was seinem Verhalten ihr gegenüber eine unaussprechliche Huld verlieh. Alles hatte sich ihrem Wunsch und Willen zu fügen. Er trachtete, sie vor jedem rauheren Wind zu beschirmen, wie der Gärtner eine schöne exotische Blume beschirmt, und sie mit allem zu umgeben, was in ihrem sanften und gütigen Wesen angenehme Empfindungen hervorrufen könnte. Ihre Gesundheit und sogar die Ruhe ihres bis dahin standhaften Gemüts waren von all dem, was sie durchlitten hatte, erschüttert. Während der zwei Jahre, die vor ihrer Heirat verstrichen waren, hatte mein Vater nach und nach alle seine öffentlichen Ämter niedergelegt; und unmittelbar nach ihrer Vermählung begaben sie sich in das angenehme Klima Italiens, um im Wechsel der Umgebung und der Anregungen, die eine Reise durch dieses Land der Wunder begleiten, ein Heilmittel für die geschwächte Konstitution meiner Mutter zu finden.

Von Italien aus reisten sie nach Deutschland und Frankreich. Ich, ihr ältestes Kind, wurde in Neapel geboren und begleitete sie schon von klein auf auf ihren Ausflügen. Mehrere Jahre lang blieb ich ihr einziges Kind. So sehr sie aneinander hingen, schienen sie doch nie versiegende Vorräte an Zuneigung aus einer wahren Quelle der Liebe zu schöpfen. Die zärtlichen Liebkosungen meiner Mutter und das gütige, herzliche Lächeln meines Vaters, wenn er mich anblickte, sind meine frühesten Erinnerungen. Ich war ihr Spielzeug und ihr Abgott und noch etwas Besseres – ihrer beider Kind, das unschuldige und hilflose Geschöpf, das der Himmel ihnen geschenkt hatte, damit sie es zum Guten erzögen, und dessen künftiges Geschick zum Glück oder Unglück zu lenken in ihren Händen lag, je nachdem, wie sie ihre Pflicht an mir erfüllten. Angesichts dieses tiefwurzelnden Bewußtseins, was sie dem Wesen schuldeten, dem sie das Leben geschenkt hatten, verbunden mit dem lebendigen Geist der Zärtlichkeit, der beide bewegte, kann man sich vorstellen, daß ich in jeder Stunde meiner Kindheit eine Lektion in Geduld, Nächstenliebe und Selbstbeherrschung empfing und zugleich an einer seidenen Schnur so gelenkt wurde, daß mir alles wie eine einzige unaufhörliche Folge freudiger Ereignisse vorkam.