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Gustave Flauberts Meisterwerk "Frau Bovary" entführt die Leser in die emotionale und gesellschaftskritische Welt der Provinz Frankreichs des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum der Geschichte steht Emma Bovary, eine junge Frau, die von romantischen Idealen und der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben träumt. Flaubert nutzt einen präzisen, detailverliebten Stil, um die inneren Konflikte und das tragische Schicksal seiner Protagonistin darzustellen, während er gleichzeitig die Konventionen der bourgeoisen Gesellschaft scharf kritisiert. Die Erzählung entfaltet sich in einem Meisterwerk der Realismus-Literatur, das sowohl die Gefühlswelt als auch die gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit widerspiegelt. Gustave Flaubert, geboren 1821 in Rouen, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Realismus. Sein Streben nach ästhetischer Perfektion und die kritische Auseinandersetzung mit der Romantik in "Frau Bovary" spiegeln seine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen des Lebens wider. Die Enttäuschungen und der Drang nach individueller Freiheit, die Flaubert selbst erlebte, finden in der Figur der Emma Bovary einen Ausdruck, der die Leser bis heute fasziniert. "Frau Bovary" ist ein unverzichtbares Buch für alle, die sich für Themen wie Verlangen, Illusion und das Verfehlen des eigenen Traums interessieren. Flauberts eindringliche Prosa und die Tiefe seiner Charakterstudien machen diese Lektüre nicht nur zu einem literarischen Erlebnis, sondern fordern den Leser auch zur Reflexion über die Grenzen der menschlichen Wünsche und die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit auf. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit entsteht eine Reibung, die ein Leben aus den Fugen hebt. Madame Bovary, in deutscher Übersetzung oft als Frau Bovary bekannt, stellt diese Spannung ins Zentrum und entfaltet daraus ein Bild der menschlichen Wünsche, das ebenso präzise wie unerbittlich ist. Das Buch beobachtet, wie Vorstellungen von Glück, Schönheit und gesellschaftlichem Aufstieg an den Bedingungen einer provinziellen Existenz scheitern können. Nicht als Moraltraktat, sondern als nüchterner, kunstvoll komponierter Roman zeigt es, wie Einbildungskraft und Alltag kollidieren. Gerade diese Reibung macht die Lektüre unmittelbar: Der Abstand zwischen dem, was man sich verspricht, und dem, was möglich ist, bleibt universell.
Gustave Flaubert, 1821 in Rouen geboren und 1880 verstorben, gilt als Wegbereiter des literarischen Realismus. An Madame Bovary arbeitete er von 1851 bis 1856 mit berüchtigter Strenge und dem Ideal des treffenden Ausdrucks. Der Roman erschien zunächst 1856 als Fortsetzungsroman in der Revue de Paris und 1857 in Buchform. Die Veröffentlichung führte zu einem vielbeachteten Prozess wegen angeblicher Verletzung der öffentlichen Moral; Flaubert wurde freigesprochen. Dieses juristische Echo machte das Werk schlagartig bekannt und markierte eine Zäsur: Fortan durfte der Roman die Wirklichkeit mit größerer Genauigkeit, Nüchternheit und psychologischer Unbestechlichkeit zeigen.
Im Mittelpunkt steht Emma, eine junge Frau vom Lande, deren Bildung und Vorstellungskraft von Lektüren und idealisierten Bildern geprägt sind. Sie heiratet den Landarzt Charles Bovary und gelangt so in die französische Provinz der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der neue Alltag verspricht Sicherheit, aber wenig Abwechslung. Die Erwartungen an Ehe, Liebe und gesellschaftliche Entfaltung prallen auf Routinen, die mit feiner Beobachtung gezeigt werden. Flaubert begründet aus dieser Ausgangslage eine Untersuchung der Wünsche, die größer sind als das verfügbare Leben. Ohne Sensationslust, ohne melodramatische Verkürzung, verfolgt der Roman, wie Ideale an die Wirklichkeit gebunden und von ihr geformt werden.
Madame Bovary gilt als Meilenstein des Realismus, weil Flaubert konsequent auf genaue, entromantisierte Darstellung setzt und dabei zugleich eine neue Art innerer Nähe schafft. Mit der Technik der erlebten Rede lässt er Gedanken- und Gefühlsschichten mit der Erzählerstimme verschmelzen, ohne die nüchterne Distanz preiszugeben. So entsteht ein Blick, der weder verurteilt noch verführt, sondern das psychologische Gewebe einer Figur sichtbar macht. Gegenstände, Gesten und Räume tragen Bedeutung, ohne didaktisch verstanden zu werden. Der Roman zeigt, wie Literatur zugleich Mikroskop und Spiegel sein kann: präzise im Detail, weit im Blick auf die menschliche Verfassung.
Der Einfluss des Buches reicht weit über die französische Literatur des 19. Jahrhunderts hinaus. Spätere realistische und moderne Romane lernten von Flauberts unbestechlicher Beobachtung, seinem Takt im Rhythmus des Satzes und der Kunst, eine Figur von innen her zu zeigen, ohne auf erzählerische Kommentare zu bauen. Die Disziplin der Form, das Streben nach Genauigkeit und die souveräne Ironie prägten Maßstäbe, an denen sich Generationen von Autorinnen und Autoren orientierten. Madame Bovary steht so an einem Übergang: vom romantisch gefärbten Erzählen zu einer Prosa, die Wirklichkeitsanspruch, psychologische Tiefe und stilistische Ökonomie verbindet.
Flauberts Stil ist unverkennbar: die Suche nach dem treffenden Wort, die sorgfältige Vernetzung von Motiven, die Balance aus Präzision und Rhythmus. Eine Welt entsteht aus Dingen, Licht, Farben und kleinen Bewegungen. Der Ton bleibt nüchtern und doch ist jeder Absatz musikalisch gebaut. Diese Disziplin trennt Rührseligkeit von Gefühl und Pathos von wahrer Intensität. Emotion tritt nicht als Deklamation auf, sondern als Wirkung der Auswahl und Anordnung. So bringt das scheinbar Unauffällige die stärksten Bedeutungen hervor: ein Stoff, ein Blick, eine Geste. Nichts ist zufällig; jeder Gegenstand erhält die Last einer inneren Landschaft.
Das Werk hinterfragt gesellschaftliche Erwartungen an Ehe, Weiblichkeit und Erfolg. Es zeigt, wie Vorstellungen von Bildung, Geschmack und sozialem Prestige Biografien prägen. Die Spannung zwischen Provinz und Metropole, zwischen privatem Begehren und öffentlicher Rolle, durchzieht den Roman. Gerade darin liegt seine Dauerhaftigkeit: Er beschreibt nicht nur eine einzelne Lebensgeschichte, sondern Strukturen, die Entscheidungen rahmen und begrenzen. Der Wunsch, über die eigene Lage hinauszuwachsen, kollidiert mit Normen, Routinen und ökonomischen Zwängen. Dieses Spannungsfeld wird nicht theoretisch erörtert, sondern in Situationen, Räumen und Beziehungen erlebbar gemacht.
Bemerkenswert ist die Aufmerksamkeit für Konsum, Mode und die Verführungen eines entstehenden Massenmarkts. Kataloge, Waren, Arrangements und Versprechen erzeugen eine ästhetisierte Welt der Möglichkeiten. Der Roman zeigt eine frühe Moderne, in der Status und Identität sich an Bildern, Objekten und Stilen orientieren. Dabei wird kein Zeitgeist dekorativ ausgestellt, sondern die Dynamik beschrieben, mit der Wünsche stimuliert, gelenkt und neu geweckt werden. Indem Flaubert die Oberfläche ernst nimmt, legt er ihre Macht frei: wie sie Wahrnehmung steuert, Lebensentwürfe prägt und die Grenze zwischen Echtheit und Inszenierung verwischt.
Die Erzählhaltung verbindet Empathie und Ironie. Emma wird nie zur Karikatur, ihre Umgebung nie bloß Kulisse. Zugleich hält der Text Distanz und vertraut der Leserin und dem Leser die Urteilskraft an. Diese raffinierte Balance verhindert Moralpredigt und Zynismus. Flaubert zeigt, wie Selbstbilder entstehen, wie sie durch Sprache, Bilder und Gesten gestützt werden und wie sie gegenüber Widerständen bestehen wollen. Die Genauigkeit der Beobachtung macht die Ambivalenzen sichtbar: zwischen Sehnsucht und Selbsttäuschung, zwischen der Würde persönlicher Träume und der Blindheit, die sie begleiten kann.
Die Veröffentlichungsgeschichte gehört zur Wirkung des Romans. Der Prozess von 1857, ausgelöst durch den vermeintlich anstößigen Realismus und die Offenheit, mit der Begehren und gesellschaftliche Routinen dargestellt werden, endete mit einem Freispruch. Damit setzte sich ein Verständnis von Literatur durch, das das Recht auf unbequeme Genauigkeit verteidigt. Auch die zeitgenössische Kritik registrierte die sprachliche Strenge und die psychologische Feinheit. Aus der Kontroverse erwuchs Kanonbildung: Madame Bovary wurde nicht trotz, sondern wegen seiner kompromisslosen Form und seines kühlen Wahrnehmungswillens zum Maßstab.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch aktuell, weil es Mechanismen zeigt, die uns vertraut sind: der Druck, ein gelungenes Leben zu inszenieren; die Macht von Bildern und Waren; die Verheißung, dass Stil in Erfüllung münden könne. In einer Gegenwart, in der Selbstentwürfe öffentlich kuratiert werden, wirkt Flauberts Analyse erstaunlich zeitgenössisch. Der Roman fragt, was Wünsche legitimiert, was Enttäuschung nährt und welche Rolle soziale Vergleichshorizonte spielen. Er demonstriert, wie Narration Empathie ermöglicht, ohne Illusionen zu stützen. Gerade diese Nüchternheit öffnet einen Raum für Selbstprüfung.
Madame Bovary ist ein Klassiker, weil es die Kunst des Romans auf hohem Niveau erneuert: psychologisch genau, stilistisch streng, formal durchdacht. Es lehrt das Sehen, das Hören auf Zwischentöne, das Erkennen von Mustern. Es erzählt von der Kraft und vom Risiko der Einbildung, ohne den Menschen preiszugeben, der hofft. Wer dieses Buch liest, begegnet nicht bloß einer Epoche, sondern grundlegenden Fragen des Menschseins. Darin liegt seine zeitlose Qualität: Es macht sensibel für die Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit und zeigt zugleich, wie Literatur diese Distanz sichtbar, verständlich und fruchtbar machen kann.
Gustave Flauberts Roman Frau Bovary (Madame Bovary), erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht, gilt als Schlüsselwerk des europäischen Realismus. Die Handlung spielt in der französischen Provinz und begleitet hauptsächlich Emma und den Landarzt Charles Bovary. Flaubert entfaltet eine präzise, ironisch distanzierte Beobachtung alltäglicher Routinen, sozialer Erwartungen und privater Sehnsüchte. Kernkonflikte sind das Spannungsfeld zwischen romantisch überhöhten Idealen und banaler Wirklichkeit, der Reiz des Konsums als Ersatz von Erfüllung sowie die Frage nach individueller Freiheit in engen gesellschaftlichen Rahmen. Die Erzählweise, geprägt von einer kunstvollen Nähe zu den Gedanken der Figuren, macht innere Begehren sichtbar und lässt zugleich nüchterne Strukturen des Milieus erkennen.
Der Roman setzt mit der Jugend des unbeholfenen Charles Bovary ein, der später Landarzt wird. Unter dem Einfluss seiner Mutter geht er eine erste, wenig glückliche Ehe mit einer wohlhabenden Witwe ein. Bei einem Hausbesuch auf dem Gut Les Bertaux behandelt er den Bauern Rouault und lernt dessen Tochter Emma kennen. Die Begegnung wirkt auf beide, ohne offensichtliche Dramatik, als leiser Katalysator. Nach Veränderungen in Charles’ Privatleben führt der Weg zur Heirat mit Emma. Flaubert zeichnet diese Annäherung nüchtern, frei von romantischem Pathos, und legt damit die Grundlage für eine Ehe, in der Erwartungen, Temperamente und Lebensvorstellungen früh auseinanderdriften können.
Nach der Hochzeit richtet sich das Paar in Tostes ein. Charles ist bescheiden, zuverlässig und zufrieden mit geregelter Praxis. Emma dagegen trägt Erinnerungen an idyllische Internatsträume und Lektüren, die leidenschaftliche Abenteuer, Glanz und Reisen beschwören. Der Alltag erweist sich als eintönig: Gelegenheitsbesuche, Hauswirtschaft, kleine Vergnügungen. Ein Gesellschaftsball auf einem Schloss, zu dem Charles und Emma geladen werden, wird zum prägenden Erlebnis. Dort erlebt Emma eine schillernde Welt der Eleganz und Distinktion, die ihre Vorstellungen befeuert. Nach der Rückkehr erscheint ihr die Provinz umso farbloser. Die Diskrepanz zwischen innerem Begehren und äußerer Wirklichkeit vertieft sich und wird zum Triebfeder künftiger Entscheidungen.
In der Hoffnung auf einen Neuanfang ziehen die Bovarys nach Yonville-l’Abbaye. Das Städtchen bietet neue Bekanntschaften: der selbstbewusste Apotheker Homais, der Geschäftssinn mit Aufklärungsrhetorik verbindet; der junge Schreiber Léon, kultiviert und empfänglich für Kunst und Musik; eine überschaubare Nachbarschaft, die neugierig beobachtet. Emma bringt eine Tochter zur Welt, erlebt jedoch den häuslichen Rhythmus weiterhin als begrenzend. Zwischen ihr und Léon entsteht eine still mitschwingende Nähe, genährt von gemeinsamen Interessen und Gesprächen über Literatur, Landschaften und Träume. Flaubert zeigt, wie kleine Gesten und Andeutungen Erwartungen aufladen, ohne offene Grenzüberschreitungen zu benötigen, und wie soziale Konventionen zugleich hemmen und anspornen und antreiben.
Die latente Spannung bleibt unverbindlich, bis äußere Umstände sie unterbrechen. Léon verlässt Yonville, um in der Stadt beruflich voranzukommen. Für Emma bedeutet dies einen Verlust, der ihr die Leere ihres Daseins schärfer vor Augen führt. Sie schwankt zwischen Resignation und dem Versuch, sich durch Frömmigkeit, häusliche Pflichten oder kleine Verschönerungen zu ordnen. Flaubert schildert diese Phase als Pendeln zwischen Selbstdisziplin und erneut aufflammenden Wünschen. Der Abstand zu Charles wächst nicht durch Streit, sondern durch ungeteilte Erfahrungen: Er bleibt pragmatisch, sie sucht Intensität. Unentschlossenheit und Sehnsucht bilden den Nährboden für Entscheidungen, die weniger geplant als ergriffen wirken, sobald Gelegenheit entsteht plötzlich.
Eine solche Gelegenheit bietet sich mit dem wohlhabenden Landbesitzer Rodolphe, den Emma bei einem öffentlichen Fest kennenlernt, während Reden und Auszeichnungen das Landleben preisen. Flaubert verwebt offizielles Pathos und private Annäherung zu einer doppelbödigen Szene. Aus Komplimenten werden vertrauliche Gespräche, aus Vertraulichkeit Leidenschaft. Emma überträgt auf diese Beziehung ihre idealisierte Vorstellung von Erfüllung und Neubeginn. Sie denkt an Reisen, an soziale und räumliche Flucht, an ein Dasein jenseits der Routine. Pläne entstehen, Versprechen werden formuliert. Doch zwischen Vision und Umsetzung liegen praktische Hindernisse, Ängste und Ambivalenzen, die zeigen, wie brüchig romantische Entwürfe werden, sobald sie die Wirklichkeit berühren und prüfen.
Während Emma innerlich nach Höhenflügen strebt, sucht Charles Anerkennung durch berufliche Neuerung. Er lässt sich zu einem chirurgischen Eingriff an einem örtlichen Patienten ermutigen, der als Fortschritt gelten soll, sich aber als Überforderung erweist und reputationsschädigend endet. Die Episode legt Schwächen eines Milieus frei, in dem Ehrgeiz, Halbwissen und Selbstdarstellung ineinandergreifen. Parallel dazu verführt der Händler Lheureux Emma zu großzügigen Anschaffungen auf Kredit: Stoffe, Möbel, Verschönerungen, Versprechen späterer Begleichung. Konsum erscheint als greifbare Form eines ersehnten Lebensstils. Doch mit jedem Vertrag wachsen Verpflichtungen, die Aufmerksamkeit und Druck erzeugen, ohne die innere Leere nachhaltig zu schließen und neue Abhängigkeiten entstehen dabei.
Städtebesuche, etwa in Rouen mit Theaterabenden, öffnen der Protagonistin erneut Räume der Verzauberung. Dort knüpft sie an frühere Empfindungen an und sucht in urbaner Anonymität nach Intensität, die das Provinzleben kaum bietet. Begegnungen bekommen eine doppelte Funktion: Sie sind Fluchtpunkt und Argument, Verpflichtungen zu vergessen. Zugleich verschärfen Rechnungen, Wechsel und Mahnungen die Lage. Vermittler und Gläubiger treten auf, Versprechen werden vertagt, neue Kredite stopfen alte Lücken. Zwischen ekstatischen Höhen und ernüchternden Tiefen verdichtet sich die Spannung. Die Handlung steuert auf Konsequenzen zu, die weniger dramatisch angekündigt als nüchtern herbeigeführt werden, aus vielen kleinen Entscheidungen und kaum bemerkten Schwellen des Alltags.
Flaubert bündelt diese Entwicklung zu einer schonungslosen, zugleich empathischen Studie über Wunsch und Wirklichkeit. Madame Bovary zeigt, wie romantische Bilder, Marktlogik und soziale Masken Erwartungen formen, Möglichkeiten öffnen und Menschen zugleich fesseln. Der Roman kritisiert nicht einseitig, sondern legt Verantwortlichkeiten verteilt frei: individuelle Illusionen, bürgerliche Konventionen, ökonomische Versuchungen, Eitelkeit und Selbsttäuschung. Stilistisch prägt ihn eine präzise, bildhafte Sprache und die Nähe zu den Bewusstseinsbewegungen der Figuren. In seiner nachhaltigen Bedeutung verweist das Werk auf zeitlose Fragen: Was verspricht Glück, was hält es aus, und wie verändern Bilder von Erfolg und Liebe das Leben, das man tatsächlich führt, im sozialen Gefüge.
Madame Bovary, von Gustave Flaubert zwischen 1851 und 1856 verfasst und 1856 bis 1857 veröffentlicht, spielt im normannischen Provinzmilieu der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zeitlich spiegeln die Handlungsräume die Jahrzehnte nach den Napoleonischen Kriegen, als das bürgerliche Leben in Kleinstädten von Institutionen wie der katholischen Kirche, der kommunalen Verwaltung, Notariaten und dem napoleonischen Zivilrecht geprägt war. Das gesellschaftliche Gefüge ist hierarchisch und patriarchal organisiert; Ehre, Reputation und Eigentum strukturieren das Zusammenleben. Die Bühne ist die französische Provinz mit ihrem langsamen Modernisierungstempo, in der traditionelle Lebensformen neben neuen Kommunikations- und Konsummöglichkeiten bestehen bleiben und Spannungen erzeugen, die den Roman durchziehen.
Politisch fällt die Entstehungszeit des Romans in eine Phase erheblicher Umbrüche. Auf die Julimonarchie folgte 1848 die Zweite Republik und 1852 das autoritär geprägte Zweite Kaiserreich unter Napoleon III. In den Departements sicherte ein zentralisiertes Verwaltungssystem mit Präfekten und Unterpräfekten die Ordnung, während Bürgermeister und Räte das lokale Leben regelten. Nationale Konflikte bleiben im Roman meist Hintergrundrauschen; wichtiger ist, wie staatliche Autorität und bürgerliche Konvention die Provinz durchdringen. Die scheinbare Stabilität verdeckt dabei strukturelle Reibungen zwischen Fortschrittsrhetorik und provinzieller Beharrung, die Flaubert literarisch seziert.
Sozialhistorisch bildet die Erstarkung einer breiten Provinzbürgerlichkeit den Kern des dargestellten Milieus. Notare, Apotheker, Ärzte, Kaufleute und kleine Beamte definieren Geschmack, Umgangsformen und den Rahmen öffentlicher Debatten. Diese Schicht bezieht ihr Selbstbewusstsein aus Bildungssymbolen, Vereinswesen und ökonomischer Selbstständigkeit, bleibt aber eng an Konventionen gebunden. Der Roman zeigt, wie diese bürgerliche Welt sich über Äußerlichkeiten und Nützlichkeitsrhetorik legitimiert und dabei idealistische Sehnsüchte an den Rand drängt. Die Figuren bewegen sich in einem Netz von Höflichkeit, Rivalitäten und Reputation, in dem sozialer Aufstieg möglich scheint, aber häufig an Kapital, Herkunft und Fassade gebunden ist.
Das rechtliche Umfeld wird wesentlich durch den Code civil geprägt, der die Ehe als bürgerlichen Vertrag unter Vormacht des Ehemannes ordnet. Frauen verfügen ohne besonderen Ehevertrag nur eingeschränkt über Eigentum; ihr öffentlicher Handlungsspielraum ist begrenzt. Seit 1816 war die Scheidung abgeschafft und wurde erst 1884 wieder eingeführt, was eheliche Bindungen faktisch unauflöslich machte. Ehebruch wurde in der Straf- und Sittenordnung asymmetrisch beurteilt und härter bei Frauen sanktioniert. Diese Rahmenbedingungen verstärken im Roman die Konflikte zwischen individueller Selbstentfaltung und sozialer Erwartung, ohne auf spektakuläre politische Interventionen zurückgreifen zu müssen.
Religiöse Institutionen bleiben im Provinzalltag präsent. Konvente prägen die Bildung vieler Mädchen, kirchliche Feste strukturieren den Kalender, und lokale Kleriker besitzen soziales Gewicht. Zugleich wächst im 19. Jahrhundert das antiklerikale Selbstverständnis eines Teils der Bourgeoisie, das sich auf Vernunft, Nützlichkeit und Fortschritt beruft. Die Falloux-Gesetzgebung von 1850 stärkte kirchliche Einflüsse im Schulwesen, was in der Provinz spürbar war. Flaubert spiegelt diese Spannung, indem er einerseits die Gewöhnlichkeit religiöser Rituale zeigt, andererseits den Wettstreit zwischen Glaubensautorität und laizistischer Aufklärungsrhetorik als Bestandteil alltäglicher Auseinandersetzungen darstellt.
Technologisch befindet sich die Handlung in einer Übergangsphase. Während Eisenbahnlinien wie Paris–Rouen ab den 1840er Jahren die Regionen enger an die Hauptstadt binden, bestimmen in der Tiefe der Provinz weiterhin Diligencen den Verkehr. Briefe zirkulieren schneller seit der Einführung französischer Postwertzeichen 1849, was Kommunikation und geheime Verabredungen erleichtert. Diese Koexistenz von tradierten und neuen Verkehrsmitteln erzeugt ambivalente Mobilität: Nähe scheint erreichbar, doch soziale Kontrollen bleiben wirksam. Der Roman nutzt dieses Spannungsfeld, um Wünsche nach Entfernung und Veränderung zu zeigen, die an praktischen Barrieren oder an moralischen Schranken scheitern.
Ökonomisch wandelt sich der Konsum. In Paris entstehen seit den 1830er und 1850er Jahren neue Warenwelten, die mit Schaufenstern, Katalogen und später auch Warenhäusern Begehren steuern; ihre Ausstrahlung erreicht die Provinz über Händler und Druckerzeugnisse. Kaufleute gewähren Konsumentenkredite, arbeiten mit Wechseln und Raten, was Haushalte empfänglich für Verschuldung macht. Das Handelsrecht des frühen 19. Jahrhunderts und die Praxis der Gerichtsvollzieher geben solchen Verbindlichkeiten Nachdruck. Der Roman zeichnet diese Realität detailliert nach, indem Alltagswaren, Mode und finanzielle Verstrickungen nicht bloß Ausstattung sind, sondern Motor sozialer Dynamik und Quelle latenter Bedrohung.
Die Landwirtschaft bleibt zugleich wirtschaftliche Basis. Landwirtschaftliche Vereine und Kreisfeste, die sogenannten comices agricoles, fördern Innovationen, prämieren Erträge und sind Schaufenster staatlicher Fürsorge. Unter der Rhetorik des Fortschritts verknüpfen sich Patronage, Lokalpolitik und die Selbstinszenierung des Regimes. Im Roman spiegelt eine landwirtschaftliche Schau das Nebeneinander von offizieller Redekunst und privaten Leidenschaften; die Bühne der öffentlichen Modernisierung wird zur Kulisse individueller Verirrungen. Flaubert greift damit eine verbreitete Praxis auf, bei der Preisverleihungen und Ansprachen die Bevölkerung auf Loyalität, Ordnung und Produktivität einschwören sollten.
Die Medizin befindet sich im Prozess der Professionalisierung. Napoleons Gesetzgebung des frühen 19. Jahrhunderts regulierte Ärzte, Chirurgen und Apotheker; Fachzeitschriften verbreiten seit den 1830er und 1840er Jahren neue Verfahren. In der Provinz treffen ambitionierte Behandlungspläne auf knappe Mittel und begrenzte Erfahrung. Zeitgenössisch wurden chirurgische Eingriffe, etwa Sehnendurchtrennungen bei Klumpfuß, intensiv diskutiert und verbreitet. Der Roman nutzt diese Konstellation, um die Distanz zwischen wissenschaftlichem Anspruch und praktischer Ausführung vorzuführen und zugleich die soziale Position medizinischer Akteure zu beleuchten, deren Prestige, Geschäftssinn und Selbstbild in kleinen Gemeinden miteinander konkurrieren.
Kulturell markiert Madame Bovary einen Übergang von romantischen Schwärmereien zu realistischer Ernüchterung. Flaubert reagiert auf die allgegenwärtigen Erzählmuster sentimentaler Lektüren, die in Leihbibliotheken und Feuilletons zirkulieren, und kontrastiert sie mit einer minutiösen Darstellung von Sprache, Milieu und Dingen. Sein Einsatz von erlebter Rede trug wesentlich zur Ausformung realistischer Erzählverfahren bei, die innere Perspektive und soziale Beobachtung verknüpfen, ohne autoritäre Kommentare zu häufen. Damit verschiebt der Roman die Aufmerksamkeit von außergewöhnlichen Schicksalen hin zu den Normen, Routinen und Selbsttäuschungen des bürgerlichen Alltags.
Die Publikationsgeschichte ist untrennbar mit Zensur und öffentlicher Moral verknüpft. Teile erschienen 1856 in der Revue de Paris, woraufhin die Staatsanwaltschaft Anfang 1857 wegen Verletzung der öffentlichen und religiösen Moral Anklage erhob. Der Prozess in Paris endete im Februar 1857 mit einem Freispruch für Flaubert und die Zeitschrift, jedoch unter Rüge. Kurz darauf erschien die Buchausgabe. Die Affäre zeigt das Klima des Zweiten Kaiserreichs: moralische Kontrolle, politisch vorsichtige Kulturverwaltung und exemplarische Verfahren. Im selben Jahr wurde Baudelaire verurteilt, was die Grenzen literarischer Darstellbarkeit unterstreicht.
Die Ausbreitung der Presse und des Lesens verändert die Erwartung an Literatur. Seit den 1830er Jahren erfreut sich der Roman-Feuilleton großer Beliebtheit, Leihbibliotheken machen populäre Stoffe zugänglich, und illustrierte Zeitschriften prägen Geschmack und Konsumwünsche. In Haushalten mit mittleren Einkommen wird Lektüre Teil der Freizeit, aber auch ein Feld moralischer Debatten über Schicklichkeit und Einfluss auf Frauen. Flaubert positioniert sein Werk in diesem Spannungsfeld: Er beschreibt, wie Vorstellungswelten aus Büchern und Bildern die Wahrnehmung des Alltags filtern und Erwartungen nähren, die an der Provinzrealität zwangsläufig reiben.
Räumlich bildet die Normandie mit Kleinstädten und der nahen Regionalmetropole Rouen das unmittelbare Umfeld. Rouen bietet Theater, Handel und Schulen, wirkt als Magnet für Ambitionen und Vergnügen. In Paris, das seit 1853 unter Haussmanns Leitung umgebaut wird, verdichtet sich der Mythos urbaner Modernität, der über Waren, Moden und Erzählungen in die Provinz zurückstrahlt. Der Roman bleibt jedoch vorwiegend in der Peripherie und zeigt, wie der Sog der großen Stadt als Versprechen konsumiert wird, ohne dass soziale Lage und Reiseroutinen den Sprung wirklich erlauben.
Volkswirtschaftlich verbindet die Region agrarische Produktion mit kleinstädtischem Dienstleistungsgewerbe. Viehhaltung, Milchwirtschaft und Flachsanbau prägen Teile der Normandie, Märkte und Messen regulieren Preise. Juristische Dienstleistungen, Notariate und Kreditbeziehungen binden Familienökonomien an langfristige Verpflichtungen wie Mitgiften und Hypotheken. Der Roman greift diese Sachverhalte auf, indem Vertragswerke, Rechnungen und Pflichten nicht nur Kulisse sind, sondern die Lebensführung determinieren. Dadurch wird sichtbar, wie stark rechtlich-ökonomische Instrumente soziale Mobilität begrenzen und private Wünsche in formale Abhängigkeiten überführen.
Im Zeremoniell des öffentlichen Lebens verdichten sich Hierarchien. Preisverteilungen, Bankette, Vereinsversammlungen und kirchliche Feiern strukturieren Zugehörigkeit und werben um Loyalität. Reden über Fortschritt, Moral und Nutzen folgen festen Mustern, in denen persönliche Interessen hinter Gemeinwohlrhetorik verschwinden. Flaubert nutzt diese Formen, um die Kluft zwischen offizieller Sprache und privatem Erleben offenzulegen. Die kleinstädtische Gesellschaft überwacht sich selbst, belohnt Fügsamkeit und sanktioniert Abweichung diskret, aber wirkungsvoll. Diese Mechanismen verleihen Konventionen Stabilität, während individuelle Bedürfnislagen in höflichen Formeln ersticken.
Auch der naturwissenschaftliche Zeitgeist prägt das Milieu. Positivistische Denkweisen gewinnen Anhänger, Fortschritt wird messbar gemacht, und die öffentliche Debatte richtet sich auf Nützlichkeit und Hygiene. Apotheker, Ärzte und Lehrer inszenieren sich als Träger der Vernunft, konkurrieren jedoch um Einfluss und Anerkennung. Flaubert zeigt die Ambivalenz eines Fortschrittsglaubens, der soziale Prestigegewinne verspricht, aber leicht in Selbstgefälligkeit und dogmatische Rede kippt. So entsteht eine kritische Perspektive auf die Provinzaufklärung, die weniger durch Erkenntnis als durch Statusbedürfnis und rhetorische Routine zusammengehalten wird.
Die Rezeption des Romans war von Skandal und Bewunderung getragen. Der Prozess lenkte Aufmerksamkeit auf Flauberts genaue, wertungsarme Darstellung eines heiklen Themas und machte sichtbar, wie literarischer Realismus als moralische Herausforderung wahrgenommen wurde. In den folgenden Jahrzehnten galt das Werk weithin als Maßstab für stilistische Genauigkeit und psychologische Genauigkeit; es beeinflusste die Entwicklung realistischen und später naturalistischen Erzählens in Frankreich. In der öffentlichen Debatte blieb Madame Bovary ein Prüfstein für die Frage, was Kunst im Angesicht bürgerlicher Normen zeigen darf, ohne als Apologie des Dargestellten missverstanden zu werden. Abschließend kommentiert das Buch seine Zeit, indem es die Diskrepanz zwischen Idealen und Praktiken sichtbar macht. Es kritisiert die Beredsamkeit offizieller Modernisierung, die eng mit Reputationsinteressen verknüpft ist, und legt die Konsequenzen eines Konsum- und Kreditregimes offen, das Begehren weckt und bindet. Vor allem aber macht der Roman die rechtlichen und sozialen Begrenzungen weiblicher Lebensentwürfe deutlich, ohne in programmatische Parolen zu verfallen. So wird Madame Bovary zur präzisen Diagnose der Provinzgesellschaft unter den Bedingungen der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Gustave Flaubert (1821–1880) gilt als eine Schlüsselfigur des französischen Realismus und als Meister der stilistischen Genauigkeit. In Rouen geboren und die meiste Zeit in Croisset an der Seine lebend, strebte er nach einem unpersönlichen Erzählen und nach dem „mot juste“, dem genau passenden Ausdruck. Sein Werk prägte die Entwicklung des europäischen Romans nachhaltig, indem es psychologische Genauigkeit, gesellschaftliche Beobachtung und formale Strenge verband. Flaubert schrieb langsam, mit beinahe wissenschaftlicher Sorgfalt, und verstand Literatur als autonome Kunst jenseits moralischer Lehrabsichten. Sein Name ist untrennbar mit dem Übergang vom romantischen Pathos zu einer nüchternen, analytischen Prosa des 19. Jahrhunderts verbunden.
Nach dem Schulbesuch in Rouen begann Flaubert Ende der 1830er-Jahre ein Jurastudium in Paris, das er nach einer gesundheitlichen Krise Mitte der 1840er-Jahre aufgab. Er kehrte nach Croisset zurück und widmete sich fortan ganz dem Schreiben. Prägend waren frühe Lektüren der Romantik sowie die kritische Auseinandersetzung mit Balzac und Stendhal; zugleich bewunderte er die Klarheit klassischer französischer Prosa. Reisen nach Paris brachten ihn in Kontakt mit literarischen Kreisen, doch mied er dauerhafte Gruppenzugehörigkeiten. Aus diesen Erfahrungen entwickelte er ein ideal der sachlichen, unpersönlichen Darstellung, das Gefühl und Beobachtung vereinte, ohne dem politischen oder moralischen Tagesurteil verpflichtet zu sein.
Seine frühe literarische Arbeit kreiste um La Tentation de saint Antoine, eine visionäre Versuchungsgeschichte, an der er jahrelang feilte. Nach einer öffentlichen Lesung im Freundeskreis 1849 entschied er, auf kritischen Rat hin, das Projekt vorerst ruhen zu lassen. Stattdessen wandte er sich einer präzise beobachteten Gegenwartsthematik zu und arbeitete mehrere Jahre an Madame Bovary. Der Roman erschien 1856 zunächst in Fortsetzungen und führte 1857 zu einem vielbeachteten Gerichtsverfahren wegen angeblicher Unsittlichkeit, das mit einem Freispruch endete. Die Kontroverse schärfte Flauberts Überzeugung, dass literarische Wahrheit nicht an moralischen Normen zu messen sei.
Nach dem Erfolg widmete sich Flaubert dem historischen Roman und veröffentlichte 1862 Salammbô, angesiedelt im antiken Karthago. Die Arbeit beruhte auf akribischer Recherche, einschließlich Studien antiker Quellen und einer Reise nach Nordafrika, um Stätten und Landschaften unmittelbar zu erfassen. Bereits zuvor hatte er 1849–1851 den Nahen Osten bereist, Erfahrungen, die seine Vorliebe für das Exotische schärften. Salammbô verband sinnliche Detailfülle mit strenger Komposition und wurde zu einem literarischen Ereignis der Zeit. Der Roman festigte Flauberts Ruf als Künstler einer objektiven, bildkräftigen Prosa, die historische Stoffe nicht belehrt, sondern mit suggestiver Genauigkeit lebendig macht.
Mit L’Éducation sentimentale (1869) richtete Flaubert den Blick auf eine Generation, deren Erwartungen und Erfahrungen im Umfeld der Revolution von 1848 geprägt wurden. Der Roman wurde zunächst verhalten aufgenommen, gilt heute jedoch als Meilenstein des modernen Romans. 1874 kehrte Flaubert zu La Tentation de saint Antoine zurück und veröffentlichte die endgültige Fassung, die seine Vorliebe für visionäre Stoffe und stilistische Strenge vereint. Zentral blieb sein poetologisches Ideal des „mot juste“: jedes Wort an der einzig richtigen Stelle. Daraus resultierte ein langsamer, revisionsintensiver Arbeitsprozess, der seine Prosa durch Präzision, ironische Distanz und unbestechliche Beobachtungskraft kennzeichnet.
Mit Trois contes (1877) zeigte Flaubert seine Meisterschaft in der kürzeren Form: Un cœur simple, La Légende de Saint-Julien l’Hospitalier und Hérodias verbinden erzählerische Ökonomie mit thematischer Weite. Parallel arbeitete er an Bouvard et Pécuchet, einer großen Satire auf die Sammelwut des Wissens und die Klischees des Denkens, die bei seinem Tod unvollendet blieb und 1881 postum erschien. Damit verknüpftes Notizmaterial, darunter das Dictionnaire des idées reçues, wurde später ediert. Diese späten Projekte bündeln Flauberts Skepsis gegenüber Gemeinplätzen und demonstrieren seine Fähigkeit, komische Register mit intellektueller Strenge zu verbinden. Sie unterstreichen zugleich seine Überzeugung, dass Stil eine Form des Denkens ist.
In seinen späten Jahren lebte Flaubert zurückgezogen in Croisset; wirtschaftliche Belastungen und gesundheitliche Probleme erschwerten die Arbeit, ohne seinen Anspruch zu mindern. Er starb 1880 an einem Schlaganfall. Sein Vermächtnis reicht weit über die französische Literatur hinaus: Technik und Ton des style indirect libre, die Forderung nach Unpersönlichkeit und das Ideal des „mot juste“ beeinflussten Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts, darunter Proust, Joyce und Kafka. Flauberts Romane und Erzählungen werden bis heute intensiv gelesen und erforscht, weil sie ästhetische Strenge mit präziser Gesellschaftsanalyse verbinden und neue Maßstäbe für die Kunst des Erzählens setzten.
Es war Arbeitsstunde[1q]. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein »Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell[2] hinter den beiden, Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.
Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.
»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta[1]. Bei löblichem Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter nach gehört.«
Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge, so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und mit Nägeln beschlagen.
Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete, mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den andern anschloß.
Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut aufklatschte. Das war so Schuljungenart.
Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zuoberst eine Art Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.
»Steh auf!« befahl der Lehrer.
Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken.
»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold.
Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze über seine Knie.
»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!«
Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her.
»Noch mal!«
Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der Klasse übertönt.
»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!«
Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte, das Wort von sich: »Kabovary!«
Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary! Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen immer wieder noch ein paar Funken sprüht.
Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer, den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als er bereits wieder stehen blieb.
»Was suchst du?« fragte der Lehrer.
»Meine Mü…«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken Umschau hielt.
»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!«
Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.
»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort, während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine Mütze wirst du schon wiederfinden. Die har dir niemand gestohlen.«
Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung, obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Erwischte sich jedesmal mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen aufzuschlagen.
Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte, so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht, und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur möglich auf das Gymnasium geschickt worden.
Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte, Schnurr-und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück, wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr einzulassen.
Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben.
Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos.
Ehedem heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt, aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche.
Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab. Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den »kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim Straßen-und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß, das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben.
Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch, daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging. Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches Gedächtnis.
So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.
Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls vom Lande war.
Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren. Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen schon durchwürgen würde.
Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder heim, nachdem sie ihn tausend-und abertausendmal ermahnt hatte, ja hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen sei.
Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik, Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.
Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was für ein Geschäft er eigentlich verrichtet.
Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher, oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des kleinen Ofens zu dampfen begannen.
An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft. Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar nicht bis zu ihm drang.
Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens, dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren, gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatseramen glänzend durch.
Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.
Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl statt.
Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein Nachfolger daselbst nieder.
Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit unterstützt wurde.
Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände. Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe, überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe, wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim, so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück. Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund werde, und um ein bißchen mehr Liebe.
Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam. Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.
Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen, folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und zeigte den Rücken.
In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les Bertaur zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaur zu Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen. Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten, Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse.
Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel gehüllt, auf den Weg nach Bertaur. Noch ganz verschlafen überließ er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von Knochenbrüchen wußte.
Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete…
Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, der am Rande des Straßengrabens im Grase saß.
»Sind Sie der Herr Doktor?«
Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest[3] gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte.
Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite.
Das Pachtgut Bertaur war ein ansehnliches Besitztum. Durch die offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt. Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse.
An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe, funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden Morgensonne spielte und glitzerte.
Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern – was er seit zwölf Stunden getan hatte – fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen.
Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern zur Schau gerragen harten, und spendete dem Patienten ein reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams, der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefetter werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.
Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank, nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld.
Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich »einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das Esszimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben. »Meinem lieben Vater!«
Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen. Fraulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen.
Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe, daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte – wie bei einem Herrn – ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend, die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich umwendend, fragte sie:
»Suchen Sie etwas?«
»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!«
Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte, wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er »zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht kurieren können.
Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe. War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer …
