Frau Kaiser und die Steine auf ihrem Weg - Ulla Garden - E-Book

Frau Kaiser und die Steine auf ihrem Weg E-Book

Ulla Garden

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Beschreibung

Architektin Helene Kaiser - von Freunden und Familie nur Leni genannt - ist jung, hübsch und Single. Als sie bei ihrer Geburtstagsparty auf Johannes trifft, erkennt sie in ihm einen ihrer Ex-Auftraggeber wieder. Der vormals so unsympathische Klotz wohnt jetzt direkt nebenan und ist bei näherer Betrachtung alles andere als unattraktiv. Schon beim ersten Tanz löst sich Lenis Abneigung in Luft auf, immer stärker fühlt sie sich vom wortkargen Nachbarn angezogen. Bis Johannes einem Date zustimmt, sollen Monate vergehen. Doch Leni lässt sich nicht entmutigen, und ihre Beharrlichkeit zahlt sich aus. Als es endlich so weit ist, scheint ihr Glück zum Greifen nah. Wenn es da nicht eine unsichtbare Macht gäbe, die Leni immer wieder Steine in den Weg legt und ihre Liebe auf eine harte Probe stellt …

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Seitenzahl: 267

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Inhalt

Impressum 2

1 3

2 15

3 29

4 59

5 70

6 83

7 101

8 113

9 120

10 127

11 139

12 145

13 159

Mein besonderer Dank geht an: 175

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-470-0

ISBN e-book: 978-3-99107-471-7

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfotos: Tartilastock,

Konstantin Kamenetskiy,

Teena Farrell | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1

„Hi Ladys, ihr habt aber viel vor!“ Maximilian strahlte die beiden jungen Frauen, die mit Getränkekisten und vollen Einkaufstüten vor dem Lift in der Tiefgarage warteten, mit einem Lächeln an, das für eine gute Zahnpasta-Werbung taugen würde. Und er sah verdammt gut aus mit dem lockigen schwarzen Haar, den dunklen Augen, dem leicht nach oben gezwirbelten Schnauzbart und dem kleinen Bärtchen auf dem Kinn. „Logo, meine Freundin feiert heute ihren Geburtstag“, erwiderte eine der beiden jungen Frauen lachend. „Kommt doch einfach auch dazu, wir haben sowieso zu wenig Jungs“, ergänzte sie. „He Leni, komm, lad die beiden doch ein, oder hat es dir die Sprache verschlagen?“, forderte sie ihre Freundin auf.

Leni war tatsächlich sprachlos, aber eigentlich sollte sie ihre Freundin Julia ja kennen, die ließ kaum mal eine Gelegenheit für einen Flirt aus.

„Oh, ihr wollt auch in den vierten Stock“ plauderte Julia munter weiter als alle in den Lift eingestiegen waren und Johannes den Knopf für den vierten Stock gedrückt hatte.

Zu viert und dann noch mit den ganzen Einkäufen war es in der Kabine ziemlich eng, und Leni war nicht auf das Kribbeln gefasst, das sie plötzlich überkam, als sie so nah neben Johannes stand. Sie sah auf ihre Schuhspitzen und hoffte, dass der Lift nicht stecken blieb.

„Wohnt ihr auch hier?“, wollte Julia dann auch noch wissen.

„Ja also, ich wohne hier, und das ist mein Bruder Max, der ist zu Besuch hier“, erwiderte Johannes trocken, ohne eine Miene zu verziehen.

„Na kommt Mädels, ich helfe euch tragen“, bot Maximilian freundlich an, als der Lift oben angekommen war und stellte dann die Getränkekisten vor Lenis Wohnungstür ab.

„Danke, und nicht vergessen, um 19 Uhr hier bei Leni, wir erwarten euch! Tschühüs.“

„Verdammt noch mal, Julia, weisch du denn nid, wer des isch?“, wetterte Leni los, nachdem sie die Sachen rein getragen und die Tür geschlossen hatten.

„Nö, aber die sind doch total süß, vor allem der Schwarzhaarige“, schwärmte Julia.

„Oh Mann, der andere isch doch der blöde Typ von nebenan, der die Wohnung einfach nid so haben wollte, wie ich sie entworfen habe, und du lädsch den einfach zu mir ein, du ticksch doch nid mehr ganz richtig.“ Leni war stinksauer.

„Na und, das macht doch nichts. Ich wette, die sind cool drauf und eine Bereicherung für deine Party“, plauderte Julia träumerisch weiter.

„Ach, ich weiß nid, ich werde dem Typ auf jeden Fall aus dem Weg gehen, du kannst dich ja mit dem Bruder amüsieren, wenn du willst“, brummelte Leni vor sich hin.

„Oh ja, und genau das werde ich auch tun“, erwiderte Julia mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Also weißt du Leni, so kriegst du nie nen Kerl“, sagte sie achselzuckend.

„Mensch Max, musst du denn immer alle Frauen anbaggern?“

„Hey, entspann dich Alter, die sind doch klasse. Du hast mir gar nicht gesagt, dass da so eine heiße Braut neben dir wohnt“, konnte Maximilian es sich nicht verkneifen, seinen Bruder zu provozieren. „Die sieht echt spitze aus, so stell ich mir die Lorelei vor, mit diesen langen goldenen Haaren“, schwärmte er weiter. „Sie ist irgendwie so natürlich und nicht so aufgedonnert wie die Blondine.“

„Wir gehen da auf keinen Fall hin“, unterbrach Johannes die Schwärmerei seines Bruders barsch.

„Und ob wir das tun, meinst du, ich lass mir die beiden entgehen? Wir gehen jetzt eine Kleinigkeit für das Geburtstagskind besorgen. Los, auf geht’s“, drängte Maximilian seinen Bruder.

„Du spinnst doch total!“

„Das ist ja wohl auch nichts Neues“, feixte Maximilian.

Die nächsten Stunden waren die beiden Freundinnen mit den Vorbereitungen für die Party beschäftigt. Zum Glück kam später Laura, Lenis Freundin aus der Pfalz dazu, denn das Timing der beiden war mal wieder nicht das beste und Julia war auch eher hinderlich als hilfreich. Die meiste Zeit verbrachte sie dann sowieso damit, sich aufzubrezeln. Die Zeit verging wie im Flug, und Leni musste sich in aller Eile umziehen, bevor die ersten Gäste ankamen. Sie war so mit dem Begrüßen der Gäste, dem Geschenke entgegennehmen und Getränke verteilen beschäftigt, dass sie ihren Nachbarn total vergessen hatte.

„Sag mal, was ist mit den beiden Jungs da drüben, trauen die sich nicht?“, fragte Julia plötzlich. „Soll ich sie holen?“

„Wie? Was? Wen meinst du?“, fragte Leni konfus.

„Na die beiden von heute Mittag, dein Nachbar und sein Bruder!“

„Untersteh dich, da rüberzugehen“, zischte Leni.

Kurz darauf klingelte es, und das ungleiche Brüderpaar stand tatsächlich vor der Tür, mit einem bunten Blumenstrauß und einer Flasche Hugo in den Händen. Maximilian wie zuvor mit einem gewinnenden, breiten Lächeln und der blonde Johannes eher verlegen grinsend. Leni war zunächst sprachlos. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die beiden wirklich kommen würden, denn bisher hatten sie und ihr Nachbar sich gegrüßt, aber das war’s dann auch. Sie fing sich aber schnell wieder und bat die beiden reinzukommen. „Schön, dass Sie gekommen sind“, versuchte sie ihre Verlegenheit zu überspielen. „Am besten Sie stellen sich den anderen selber vor.“

***

Einige Monate zuvor

„Tja Frau Kaiser, der Kunde ist König, auch wenn er noch so seltsame Wünsche hat, und ich wäre wirklich froh, wenn Sie sich endlich mit Herrn von Moeltenhoff einigen könnten. So langsam vergeht mir die Lust mit Ihnen beiden“, wurde Leni vom Bauleiter ermahnt.

„Ja sicher, der Kunde ist König – aber ich bin die Kaiserin.“ Das rutschte ihr einfach so raus.

Mit einem schallenden Lachen quittierte Ralf Steiner diesen Ausspruch. „Aber wissen Sie was, das können Sie ihm jetzt gleich selber sagen, da kommt er nämlich.“

„Guten Tag Herr von Moeltenhoff“, begrüßte er den Mann, der jetzt auf der Baustelle auf sie zukam, mit Handschlag. „Darf ich Sie mit unserer Architektin Frau Kaiser bekannt machen?“, und wies dabei auf Leni.

Die war erst mal total sprachlos, nach dem, was der Bauleiter ihr bisher über diesen schwierigen Kunden erzählt hatte, hatte sie einen älteren, mürrischen Herrn erwartet. Mit so einem jungen Mann hatte sie nicht gerechnet. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende 30, wobei der Schutzhelm und das ernste Gesicht ihn vielleicht auch etwas älter wirken ließen, als er in Wirklichkeit war. Sie errötete leicht, was sie aber dank des Schutzhelms und dem etwas gesenkten Kopf einigermaßen verbergen konnte.

„Nun Frau Kaiser, sie wollten doch mit dem Kunden reden“, versuchte der Bauleiter, sie aus der Reserve zu locken.

„Ja, ähm, also, ich habe da einen Vorschlag, wie wir uns vielleicht einigen könnten“, begann sie stockend. „Aber eins sage ich Ihnen gleich, Sie als Kunde sind zwar der König, aber ich bin die Kaiserin“, warf sie dann doch tatsächlich selbstbewusst ein.

Ein kurzes, erstauntes Lächeln, das aussah, als habe sich ein kleiner Sonnenstrahl durch eine Wolkendecke gestohlen, huschte über das bisher sehr ernste Gesicht des Kunden.

„Na dann lassen Sie mal seh’n“, erwiderte er nicht unbedingt sehr begeistert. Leni fiel seine dunkle, weiche Stimme auf,das klingt ja wie Samt,dachte sie sich, und errötete erneut.

Leni erklärte ihm anhand der Zeichnungen auf ihrem Laptop ausführlich und sachlich in aller Ruhe ihre Ideen, wie sie sich wohl einigen könnten und demonstrierte in den diversen Abschnitten des großen, offenen Raumes, wie sie sich das jeweils vorstellte. Sie erklärte ihm, dass die Renovierung eines bestehenden Gebäudes nicht so einfach wäre, dass dies vorher der Dachboden gewesen war und dass die vorgesehenen Säulen oder Stützpfeiler für die Statik notwendig und seine Vorstellungen einfach nicht realisierbar wären.

„Na ja, also das gefällt mir doch ganz gut, was Sie da vorschlagen“, gab er sich geschlagen.

„Prima, dann machen wir das so, jetzt brauchen wir noch den Küchenplan von Ihnen“.

„Küchenplan? Wofür brauchen Sie denn sowas?“, fragte er konfus.

„Wir sollten sobald wir möglich wissen, wo wir die Anschlüsse für Wasser und Strom in der Küche legen müssen. Wenn Sie uns schon solchen Druck mit dem Bezugstermin machen, dann müssen Sie jetzt aber auch mal Gas geben“, drängte sie ihn. Bei sich dachte sie:Mensch der hat ja überhaupt keine Ahnung.

„Und woher bekomme ich einen Küchenplan?“, kam dann auch prompt die nächste Frage.

„Na vom Küchenstudio oder Möbelhaus, irgendwo müssen Sie ja wohl ihre Küche kaufen.“ Sie wurde leicht ungeduldig, während er sie einfach nur verwirrt anschaute. „Passen Sie auf, ich gebe Ihnen hier die Karte von dem Küchenstudio, das die Küche in der Nachbarwohnung einrichtet. Wenn Sie keine bessere Idee haben, gehen Sie dort hin, suchen sich eine Küche aus, und die sollen den Plan dann gleich an Herrn Steiner oder mich schicken. Hier haben Sie noch meine Karte mit meiner Email-Adresse.“

Sie verschwieg allerdings, dass ihr Chef die Nachbarwohnung gekauft hatte und an sie weitervermieten wollte.

„Aber bitte warten Sie nicht mehr lange, sonst können wir Ihre Wohnung nicht fertig machen“, ermahnte sie ihn nochmals.

„Ja danke, ich melde mich dann wieder“, etwas verwirrt verabschiedete Johannes sich von den beiden und verließ die Baustelle.

„Ja sagen Sie mal, wie haben Sie das jetzt hingekriegt, der frisst Ihnen ja aus der Hand, bei mir hat der immer kategorisch alles abgelehnt, was wir vorgeschlagen haben. Ich muss schon sagen, den haben Sie ganz schön rumgekriegt“, lachte der Bauleiter.

„Na ja, es ist lange nicht das, was ich eigentlich entworfen habe, aber immer noch besser als das 0–8–15, das er haben wollte“, erwiderte sie.

„Ja gut, aber Vorsicht, der Mann ist Jurist, und das, was wir sagen, muss Hand und Fuß haben, nicht dass er uns einen Strick draus dreht“, ermahnte er sie.

„Oh Gott, die Juristen hab ich an der Uni schon immer ganz besonders wenig gemocht“, stöhnte Leni und sah auf die Visitenkarte, die der Kunde ihr noch in die Hand gedrückt hatte:

Johannes von Moeltenhoff

Fachanwalt für Wirtschaftsrecht

Die Adresse war mit einem dicken schwarzen Balken durchgestrichen.

Im weiteren Verlauf des Gespräches stellte sich heraus, dass Ralf Steiner während des Studiums als Praktikant bei ihrem Vater gearbeitet hatte. Er meinte, dass sie viel von ihrem Vater habe. Sie verriet ihm, dass ihr Vater ihr diesen Spruch mit der „Kaiserin“ beigebracht hatte, als sie als Kind Probleme mit einer Mitschülerin hatte. Sie berieten noch eingehend die diversen Details und verabschiedeten sich dann.

***

Die Brüder betraten die Wohnung, und kurz darauf war ein anerkennender Pfiff zu hören, worauf alle Gespräche wie auf Kommando verstummten.

„Wow, geile Wohnung! Die ist ja der Megaburner! Hey Joey, Alter, warum ist deine Wohnung nicht so hammermäßig geworden?“, ließ sich Maximilian in voller Lautstärke vernehmen.

In Leni kochte die Wut über diesen schwierigen Kunden wieder hoch. „Nun, ganz einfach, weil er es nicht so haben wollte“, ließ sie sich in etwas süffisantem Ton vernehmen. „Die romantischen Phantasien einer überkandidelten Architektin wollte er nicht in seiner Wohnung haben.“

Alle Augen waren jetzt auf Johannes gerichtet. Diejenigen, die die Geschichte kannten, hatten ein Grinsen im Gesicht, die Gesichter der anderen ähnelten eher Fragezeichen. Johannes war wie zur Salzsäule erstarrt und schaute Leni mit großen Augen und offenem Mund an.

„Ja ähm, also, ähm“, stammelte er „du bist, ähm, Sie sind die KAISERIN?“ „Das ist mir jetzt aber wirklich peinlich, ich hab Sie nicht wiedererkannt“, fügte er ziemlich kleinlaut hinzu und haderte im Stillen mit dem Bauleiter, der wohl seine Meinung über diese Architektin an sie weitergegeben hatte. Wohl oder übel mussten sie jetzt die Geschichte ihrer ersten Begegnung auf der Baustelle erzählen.

„Typisch mein großer Bruder“, Maximilian schüttelte den Kopf.

Die Party nahm wieder Fahrt auf, und Maximilian und Leni tanzten oft zusammen, wobei sie vergnügt über dies und jenes plauderten. Selbst einen flotten Rock ’n’ Roll legten sie hin, der von den anderen mit Applaus belohnt wurde. Julia verfolgte das mit saurer Miene, hatte sie sich doch vorgenommen, diesen tollen Kerl für sich zu erobern. Und jetzt hatte ausgerechnet Leni ihn am Haken. Als sie es einfach nicht mehr aushalten konnte, schnappte sie sich Maximilian.

„Hey, wie wär es denn mal mit Partnerwechsel?“, schlug sie verschwörerisch vor.

„Ja gut, ich muss mich sowieso um die Getränke kümmern“, und somit überließ Leni ihrer Freundin ihren Tanzpartner und stellte im Vorübergehen fest, dass ihr Nachbar sich in einem angeregten Gespräch mit ihrem Bruder Tobias befand. Einige Zeit später sah sie Maximilian dann aber mit ihrer Freundin Romy plaudern, während Johannes auf sie zukam und fragte, ob sie wohl mit ihm tanzen wolle. Da sie nicht unhöflich sein wollte, willigte sie ein. Eigentlich war sie solche Förmlichkeiten auf einer Party nicht gewohnt, da tanzte einfach jeder mit jedem, oder auch alleine, wie es gerade passte. Kaum hatte er sie im Arm, da dachte sie: Ich glaub, ich bin im falschen Film, warum hab ich jetzt Schmetterlinge im Bauch? Ausgerechnet bei DEM, das kann einfach nicht sein!

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen mit meiner Wohnung so viel Ärger bereitet habe, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das fertig aussieht.“

„Und wie gefällt es Ihnen?“

„Nicht übel.“ Wieder huschte dieses kurze Sonnenstrahl-Lächeln über sein Gesicht. „Sorry, aber ich habe Sie wirklich nicht wiedererkannt. Privat sehen Sie so anders aus.“

Sie sahen sich in die Augen, und Leni bekam tatsächlich weiche Knie, sie hatte das Gefühl, als versinke sie in diesen großen, traurigen, grau-blauen Augen. Er musste wohl doch auch nicht ganz so gefühllos sein, wie es den ersten Anschein hatte, denn am Ende des Tanzes nahm er sie beiseite.

„Hör zu, ich finde dich wirklich sympathisch, aber ich bin momentan noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Vor ein paar Monaten sind mein Sohn und meine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Oh, das tut mir sehr leid. Das kann ich gut verstehen, meine Mutter hat auch sehr lange gebraucht, bis sie den Tod von meinem Vater überwunden hatte.“ Leni war nun voller Mitgefühl für diesen Mann.

„Dein Vater ist verunglückt?“

„Ja, bei einer Skitour wurde er von einer Lawine begraben“, erwiderte sie traurig.

„Das ist ja schrecklich, wie alt warst du da? Ähm, ja, wir sagen doch du, oder?“, fragte er verlegen grinsend.

„Ja einverstanden, wir wären eh die einzigen, die sich hier siezen. Ich war zwölf, als es passierte, und das war wirklich eine schlimme Zeit. Zum Glück haben unsere Großeltern sich um uns gekümmert.“

„Ich glaube, da klingelt schon die ganze Zeit ein Handy“, machte er Leni auf ein Smartphone aufmerksam, das in ihrer Nähe lag.

„Mal seh’n, wem das gehört.“ „Sven, dein Handy klingelt.“ Keine Antwort. Sie sah auf dem Display, dass es Svens Frau war, die versuchte, ihren Mann zu erreichen.

„Hallo Kathrin, hier isch Leni“, meldete sie sich.

„Hi Leni, sag mal, ist Sven da?“

„Ja sicher, ich kann ihn nur gerade nid sehn, warte mal, ich schau mal auf dem Balkon nach. Ne, hier isch er nid, dann isch er wohl aufem Klo. Soll er dich zurückrufen? Isch es so weit?“

„Ja, er soll unbedingt gleich nach Hause kommen, ich muss in die Klinik.“

„Ja klar, ich schick ihn sofort nach Hause, Tschüs und alles Gute!“

„Danke Leni.“

Leni rief nach Sven, aber der gab immer noch keine Antwort, und so machte sie einfach die Musik aus.

„Weiß jemand, wo Sven ist?“, rief sie in den Raum.

Maximilian deutete mit dem Daumen auf ihre Schlafzimmertür.

„Waaaas, in meinem Schlafzimmer!!!??? Das gibt es doch nicht!!!“

Sie riss die Tür auf und sah, wie Sven und Julia sich in ihrem Bett vergnügten.

„Sofort raus hier! Sven, deine Frau isch in den Wehen, und du treibsch es hier mit meiner Freundin! Hasch du denn gar keinen Anstand?! Raus hier, alle beide, und ich will euch hier nie wieder sehen.“ Sie war außer sich vor Zorn.

Die beiden Ertappten zogen sich rasch wieder an, und Sven kam mit schuldbewusster Miene aus dem Schlafzimmer.

„Sven, deine Frau muss in die Klinik, fahr sofort heim. Und vergiss dein Handy nid!“

Leni war schockiert, so eine Frechheit, einfach ihr Schlafzimmer zu benutzen. Jetzt hatte sie ein für alle Mal genug von Julia. So viel Unverfrorenheit hätte sie selbst von Julia nicht erwartet, weil Maximilian nicht angebissen hatte, musste ihr Kollege Sven dran glauben.

„Leute, ich glaube, wir machen Schluss für heute. Ich hab genug“, brachte sie entnervt hervor. Ihre beste Freundin Romy und ihre Schwägerin Miriam versuchten, sie zu beruhigen, aber der Abend war jetzt endgültig für sie verdorben. Erst lädt Julia den ungeliebten Nachbarn ein, und ausgerechnet bei dem bekam sie Schmetterlinge im Bauch und jetzt auch das noch. Die gute Stimmung war dahin und nach und nach verabschiedeten sich die Gäste.

„Wie ist das, wollen wir drei morgen was zusammen unternehmen? Ich war noch nie im Schwarzwald“, sagte Maximilian beim Abschied.

„Ja, warum nid. Wandert ihr gerne, oder wollen wir einfach mal zum Titisee fahren?“

„Ein bisschen spazieren gehen wäre nicht schlecht, aber es muss ja nicht gleich eine richtige Wanderung sein.“

Sie verabredeten sich für den nächsten Vormittag und verbrachten einen schönen Tag im Schwarzwald, wobei Johannes eigentlich nur der stille Mitläufer war. Im Laufe des Tages erfuhr sie, dass die beiden ungleichen Brüder zwar denselben Vater, aber nicht dieselbe Mutter haben, dass sie aber zusammen auf einem Gutshof im Münsterland aufgewachsen sind, der in der nächsten Generation von ihrer jüngeren Schwester und deren Mann übernommen werden wird. Immerhin wagte sich Johannes so weit vor, dass er fragte, warum sie Leni genannt wurde, sie heiße doch Helene.

„Ach, das kommt von meinem Bruder. Als ich zur Welt kam, konnte er Helene noch nicht aussprechen, und so wurde daraus Leni. Außerdem endet hier bei uns im Badischen doch fast alles auf i“, lachte sie. Sie erzählte dann auch noch, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft so gerne den „Coupe Belle Hélène“ gegessen hatte und ihr Vater deshalb auf die Idee gekommen war, sie Helene zu nennen.

Im Stillen beschloss Johannes, sie einfach Lene zu nennen, da Leni ihm zu kindisch klang.

„Hör zu Bruderherz, lass die Finger von Lene, die ist zu schade für dich!“, drohte Johannes seinem Bruder nach der Rückkehr.

„Warum, du bist wohl selber scharf auf sie?“, entgegnete dieser scherzhaft.

„Quatsch, aber ich möchte nicht, dass du sie unglücklich machst. Basta!“

Die nächsten Monate vergrub sich Johannes in seiner Wohnung und arbeitete jede freie Minute an seiner Dissertation, die er nach dem Unfall seiner Frau begonnen hatte, um sich von seiner Trauer abzulenken. Die beiden Nachbarn sahen sich selten, aber wenn sie sich trafen, dann wechselten sie jetzt immerhin ein paar freundliche Worte. Und jedes Mal, wenn Maximilian zu Besuch kam, wurde zu dritt etwas unternommen. Er hatte schon lange bemerkt, dass Leni und Johannes sich im Grunde genommen mochten, aber keiner auf den anderen zugehen wollte. Er versuchte immer wieder, seinen Bruder dazu zu bewegen, doch mal mit Leni allein etwas zu unternehmen, aber der meinte nur, dass Max sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern solle.

Im Sommer konnten sie Johannes sogar einmal dazu überreden, sich mit Lenis Bruder und seiner Familie am Baggersee zu treffen. Obwohl er diese Art von Vergnügen eigentlich gar nicht mochte, sagte er schlussendlich doch zu, denn er fand Tobias sehr sympathisch und freute sich auf eine Unterhaltung mit ihm. Während die beiden Männer sich tatsächlich gut unterhielten, tobten Leni und Maximilian mit den beiden Kindern rum. Leni schlug mit ihrem Neffen Purzelbäume, lernte ihm, das Rad zu schlagen und Handstand zu machen, oder sie machte Laufübungen mit der einjährigen Sina. Sie fand es lustig, wie diese mit dem dicken Windelpaket am Po auf ihren kurzen stämmigen Beinchen daher stapfte. Währenddessen war Miriam froh, dass sich mal jemand um ihre Kinder kümmerte und döste entspannt in der Sonne.

Tobias schmunzelte und meinte: „Ja ja, das ist sie wieder, die alte Leni.“ Auf Johannes’ fragenden Blick hin erzählte er, dass Leni ein sehr temperamentvolles Kind gewesen war und die Eltern manchmal Mühe hatten, sie zu bändigen. Johannes war erstaunt, wie sportlich und gelenkig Leni war und ertappte sich zu seinem eigenen Erstaunen bei dem Gedanken:Wie sie wohl im Bett ist?

2

„Du Leni, sag mal, bist du das in dieser Zeitschrift?“

Leni war mit drei ehemaligen Kommilitonen im Zug auf der Rückreise von einem Treffen an ihrer Uni in Karlsruhe.

„Oh, das hab ich noch gar nicht gesehen“, sie schaute auf den Artikel in der Fachzeitschrift, die ihr Sitznachbar ihr reichte. „Ja klar, das sind mein Chef und ich, und des isch meine Wohnung“, kommentierte sie die Abbildungen.

Sie sprachen dann darüber, dass ihre Firma für die Sanierung und Neugestaltung eines vormals heruntergekommenen Altbaus im Zentrum von Freiburg einen Architektur-Preis und für ihre Wohnung auch noch einen Sonderpreis bekommen hatte.

„Du warst schon immer ein Streber und hast alte Gemäuer geliebt“, hänselten die anderen sie.

„Neue Häuser bauen kann jeder“, hielt sie dagegen.

Ihr fiel auf, dass sie vom Sitz auf der anderen Seite des Gangs ständig beobachtet wurde, dachte sich aber nichts dabei.Vielleicht sind wir ja zu laut, überlegte sie. Kurz bevor die anderen ausstiegen, tauschten sie noch die Handynummern, um in Kontakt zu bleiben.

„Du Leni, du hast hoffentlich nichts mit Martin angefangen?“, fragte Florian leise, nachdem die anderen beiden schon Richtung Tür gegangen waren.

„Warum?“

„Du weißt, dass er verheiratet ist?“

„Nö, das hat der Schuft mir natürlich nicht gesagt“, sie war ziemlich schockiert, denn sie hatte die letzte Nacht mit Martin verbracht, und verheiratete Männer waren für sie normalerweise tabu. „Na, dem werd’ ich was erzählen!“

Nachdem auch Florian gegangen war, blieb sie nachdenklich zurück. Die Nacht mit Martin war sowas von total überflüssig gewesen, sie hatte sich wohl nur aus Frust darauf eingelassen, weil Johannes einfach nicht auf sie zukam, und zudem hatte sie einen kleinen Schwips gehabt.

Scheiß Alkohol!

„Entschuldigung?“

Sie erschrak, als der Mann, der sie ständig beobachtet hatte, plötzlich ihr gegenüber Platz nahm. Er fing ein Gespräch an und versuchte sie auszufragen, wie sie heißt und wo sie wohnt, bekam aber keine vernünftige Antwort. Im Verlauf des ziemlich einseitigen Gesprächs behauptete er, Chemiker in einer Pharmafirma in Basel zu sein und erklärte dann, dass er sich unbedingt mit ihr treffen wolle. Leni zeigte keinerlei Interesse, aber als der Unbekannte auch in Freiburg ausstieg, verabredete sie sich schlussendlich doch mit ihm für Freitagabend, nur um ihre Ruhe zu haben.

Sie trafen sich zur verabredeten Zeit und gingen zusammen essen, wobei sie das Gefühl hatte, dass der Typ sie mit den Augen auszog. Sie fühlte sich unwohl in seiner Gegenwart. Er wurde ihr immer unsympathischer, und irgendwann sagte sie ihm dann direkt ins Gesicht, dass er niemals Akademiker wäre. Worauf er zugab, nur in einem Labor zu arbeiten.

Nach dem Essen erdreistete er sich tatsächlich zu fragen: „Und zu wem gehen wir jetzt, zu dir oder zu mir?“

Das brachte bei Leni das Fass zum Überlaufen. „Wirgehen gar nirgends hin. Hör zu Holger, du bist einfach nicht mein Typ. Ich bezahle jetzt mein Essen, und das war’s dann!“

Für sie war die Sache damit erledigt. Sie legte den Betrag für ihr Essen auf den Tisch und verließ das Lokal. Zu Hause angekommen, telefonierte sie sofort mit Romy und berichtete ihr von diesem seltsamen Abend.

„Oh Mann, Leni, du hesch wirklich kei Glück“, bedauerte diese sie. „Was isch mit deinem Nachbarn, bewegt der sich immer no nid?“

„Nein, ich weiß echt nid, was ich machen soll. Einerseits mag ich ihn, aber seine Reserviertheit macht mir Angst. Es ist einfach eine komische Situation, ich weiß ja, dass er trauert. Aber ich kann mich ihm doch nid anbieten wie Fallobst“, stöhnte sie.

„Red doch mal mit seinem Bruder. Du hast doch einen guten Draht zu ihm“, schlug Romy vor.

„Ja schon, aber da komme ich mir so kindisch vor.“

„Dann musch du halt weiter warten, und irgendwann schnappt ihn sich eine andere“.

„Waaas?!“

„Leni, wach auf! Er ist gebildet und sieht gut aus. Ok er hat vielleicht ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, aber er würde gut zu dir passen.“

„Ja, wenn du meinst, dann werde ich mal bei Max nachhaken. Auch wenn ich mir blöd vorkomme“, meinte sie dann am Ende des Gesprächs.

„Mach das jetzt aber auch wirklich! Guts Nächtle.“

„Ja gute Nacht, und danke, dass du mir zugehört hast.“

„Wofür hat man denn eine Freundin?“, lachte Romy.

In den nächsten Wochen lief alles seinen gewohnten Gang, außer dass Holger ständig bei Leni anrief und ihr Liebeserklärungen via WhatsApp schickte. Ihre Nummer hatte er heimlich in sein Handy eingespeichert, als sie sie den Kommilitonen im Zug gegeben hatte. Sie blockte seine Nummer und hoffte, damit endlich Ruhe vor ihm zu haben. Dann fing er aber an, ihr ständig nachzuspionieren und vor ihrer Haustür rumzulungern. Sie zeigte ihn schließlich wegen Stalkings an, und er durfte sich ihr bis auf ein paar hundert Meter nicht mehr nähern, aber auch das half nichts. Er war ständig da. Es nervte sie zwar, aber sie hoffte, dass er irgendwann von selber aufgeben würde.

In der Zwischenzeit war Maximilian mal wieder zu Besuch, und als sie die Gelegenheit hatte, unter vier Augen mit ihm zu sprechen, wollte sie von ihm wissen, ob sein Bruder denn immer noch trauern würde. Mittlerweile war fast ein Jahr seit ihrem Geburtstag vergangen, und sie war immer mehr gefrustet.

„Leni, ich weiß es nicht. Er mag es nicht, wenn ich mich in sein Privatleben einmische. Aber für dich werde ich ihn noch mal schubsen. Ich sehe doch, dass ihr euch mögt, aber keiner von euch beiden will über seinen Schatten springen und den ersten Schritt machen.“

„Was soll ich denn machen?“, fragte sie ihn verzweifelt. „Soll ich etwa bei ihm klingeln und sagen: Hier bin ich, willst du mich oder nicht?“

Maximilian lachte laut. „Warum nicht, am besten im sexy Outfit, das würde vielleicht tatsächlich helfen. Mein Bruderherz steht auf schöne Verpackungen.“

Doch Johannes wehrte sofort ab, als Maximilian am Abend mit ihm über Leni reden wollte.

„Ich versteh dich nicht, du hast so ein Superweib neben dir wohnen und kommst einfach nicht in die Hufe“, er sprach eindringlich auf seinen Bruder ein. „Sag mal, bist du blind? Du musst doch merken, dass sie scharf auf dich ist. Du brauchst doch nur mit den Fingern zu schnippen, und sie liegt hier bei dir in deinem geilen Bett.“

„Ja ja, sie ist wirklich sehr nett, aber ich hab sie an ihrem Geburtstag zurückgewiesen, da kann ich doch jetzt nicht hingehen und sie um ein Date oder was auch immer bitten.“

„Warum denn nicht? Sie hat doch Verständnis für deine Trauer gezeigt. Dein Leben geht weiter, du machst die beiden auch nicht wieder lebendig, wenn du wie ein Trauerkloß hier rumhängst“, erklärte er seinem Bruder.

„Du hast gut reden“, seufzte Johannes.

„Spring endlich über deinen Schatten, Alter!“

„Ach, lass mich doch einfach in Ruhe, Max!“ Johannes wurde jetzt ungehalten, und Maximilian gab resigniert auf.

„Dir ist wirklich nicht zu helfen.“

Nach dem Fiasko im letzten Jahr wollte Leni dieses Jahr ihren Geburtstag gar nicht feiern, sondern sie ging mit Romy ins Kino und war den ganzen Abend still und in sich gekehrt.

„Wenn du bis zum Wochenende deinen Nachbarn nicht angesprochen hast, dann mach ich das. Isch des klar? Ich schau mir das nicht länger an!“, schnauzte Romy sie im Laufe des Abends an.

„Aber wie soll ich das denn machen?“, jammerte Leni.

„Geh einfach rüber und frag ihn, ob er schon was vorhat oder ob ihr vielleicht mal zusammen essen gehen wollt, des isch doch nid so schwer.“

„Und ob es das isch“, seufzte Leni.

Den Mut, einfach bei ihm zu klingeln oder ihn anzurufen, hatte sie dann doch nicht. Einige Tage später traf sie Johannes in der Tiefgarage und nahm allen Mut zusammen.

„Hallo Johannes!“

„Oh, hallo Lene, wie geht es dir?“

„Ja es geht so.“

„Und, hast du wieder schwierige Kunden?“, fragte er sie belustigt.

„Allerdings, momentan betreue ich ein Neubauprojekt, und das ist echt ätzend.“ Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte: „Sag mal, wollen wir nicht mal zusammen essen gehen?“

Johannes schaute sie ernst an und suchte nach einer Antwort. „Naja, mal sehn. Am Wochenende fahre ich nach Hause zu meinen Eltern, und danach habe ich einen Kongress in Hannover. Ich melde mich bei dir, wenn ich wieder da bin. Ist das ok?“

Leni strahlte ihn an „Ja, sicher, du weisch ja, wo ich wohne“, lachte sie.

Ihr fiel ein Stein vom Herzen, und als sie im Auto saß, musste sie natürlich sofort Romy anrufen, außer sich vor Glück.

Das Wochenende und die kommende Woche vergingen, ebenso die nächste Woche, und Leni wurde immer unruhiger.Ich kann ihn doch nicht nochmal ansprechen,dachte sie, nicht ahnend, was sich da zusammenbraute. Die Zeit verging, und es kam ihr vor, als würde Johannes ihr gezielt aus dem Weg gehen. Sie war einfach nur traurig, und auch Romy war fassungslos. Eines Tages ergab es sich, dass sie gemeinsam im Lift nach oben fuhren, wobei sie ihn einfach nur fragend anschaute.

„Ja also, Lene, ähm, ich bin dir wohl eine Erklärung schuldig“, begann er zögernd. „Ich werde zum Jahresende nach Hamburg ziehen, ich habe da jemanden kennengelernt, und einen neuen Job habe ich dort auch schon.“

Leni hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Stecker gezogen. Sie konnte nichts darauf antworten, und da sie Tränen in den Augen hatte, drehte sie sich nur wortlos um, verließ den Lift und ging in ihre Wohnung.Mist,warum verliebe ich mich immer in die Falschen?dachte sie.

„Max, hast dudasgewusst???“

„Was denn, Lenilein?“

„Dass dein Bruder eine andere hat! Warum hast du mir nichts gesagt?“ Sie schluchzte bitterlich.

„Hey Leni, ich weiß das doch auch erst seit kurzem. Da hat ihm jemand total den Kopf verdreht. Irgend so eine blöde Tussi, Tochter von einem renommierten Anwalt in Hamburg. Ich bin sicher, die will nur seinen Namen. Und das hab ich ihm auch gesagt. Aber er hört einfach nicht auf mich, ich bin ja nur der dumme kleine Bruder.“

„Was soll ich nur machen?“, jammerte sie.

„Ich fürchte, du kannst im Moment nichts machen, warte erst mal ab, bis er sich wieder abgekühlt hat.“

Gleich darauf klingelte das Handy von Maximilian erneut.

„Hallo Max, du, ähm, also, ich weiß nicht, ich glaube, ich habe da einen Riesenfehler gemacht.“

„Ja das hast du Bruderherz, du hast Leni das Herz gebrochen. Du Idiot!!! Wie kannst du nur?! Scheiße Mann, eh. Ich könnte dich würgen.“

„Aber ich kann doch jetzt nicht mehr zurück, der Vertrag mit der Kanzlei ist unterschrieben, die Wohnung ist so gut wie verkauft. Und wie soll ich Jessica das beibringen? Nein, ich kann nicht mehr zurück!“

„Natürlich kannst Du! Willst du wieder eine Beziehung eingehen, von der du von Beginn an nicht überzeugt bist?“

„Ich muss einfach weg von Freiburg, da sind so viele Erinnerungen, hier kann ich einfach nicht mehr glücklich werden.“

Die Brüder diskutierten noch einige Zeit über das Für und Wider, aber Johannes war nicht bereit, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Allerdings schärfte er seinem Bruder ein, die Finger von Leni zu lassen. „So einen treulosen Vagabunden wie dich hat sie schon mal gar nicht verdient.“

Währenddessen heulte sich Leni bei ihrer Freundin Romy aus. Sie verstand die Welt nicht mehr. Wieso musste immer ihr sowas passieren? Wer legte ihr immer solche Steine in den Weg? Sie schien das Pech anzuziehen.