Frau mit rotem Hut - Erich Hübener - E-Book

Frau mit rotem Hut E-Book

Erich Hübener

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Beschreibung

Mord oder Totschlag, Entführung oder Erpressung? Was ist auf der Kanareninsel Lanzarote geschehen, über das nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird? Und was hat der deutsche Kommissar, der sich hier unter falschem Namen privat eingemietet hat, damit zu tun? Es gibt Fragen über Fragen, die von Anfang bis Ende den "kriminaltechnischen Sachverstand" des Lesers herausfordern. Das integrierte Quiz zeigt Ihnen, wie gut Sie kombiniert haben.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Erich Hübener

Frau mit rotem Hut

Ein Kommissar auf Abwegen ( Mit integriertem Quiz).

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Frau mit rotem Hut

Erster Tag

E-Mail

Isabel

Don Quijote

Der Boss (1)

Zweiter Tag

Die Piraten

Das Bild

Der Boss (2)

Dritter Tag: Die Verhaftung

Die Hochzeit

Wieder zuhause

E-Mail

E-Mail

Der Boss (3)

Der Falke

„El bulin“

Angst

Das Gerücht

Fünfter Tag

Der Boss (5)

„Orzola“

E-Mail

E-Mail

Der Fischer

Opa Albertos

Der Verdacht

Der Boss (6)

Sechster Tag: Die Aufklärung

E-Mail

Markt in Haria

Diegos Tod

Ernesto

Der Boss (7)

Siebenter Tag

Wut

Markt in Teguise

Der Boss (8)

Feuer

Achter Tag

Der Boss (9)

Die Nordtour

Das Erbe

Graciosa

Neunter Tag

Die Hölle

Im Weinkeller

Der Boss (10)

Calima

Zehnter Tag

„Verschwunden“

Der Boss (11)

Analyse

Elfter Tag: Abreise

Der Boss (12)

E-Mail

Der Pensionär

Andalusien

Dicke Luft

Die fremde Frau

Polizei

Das Paradies

Alhambra

Freitag, der dreizehnte.

Epilog

Impressum neobooks

Frau mit rotem Hut

Prolog

Der Streifenwagen raste mit Blaulicht und Sirenengeheul durch Guatiza und hielt schließlich vor einer großen, weißen Villa am nördlichen Ortsrand. Zwei Polizisten sprangen heraus und eilten die breite Marmortreppe hinauf. Oben wurden sie schon von einer hageren Frau mittleren Alters erwartet. Sie zitterte am ganzen Körper und knetete unentwegt ein weißes Taschentuch zwischen den Händen.

„Er ist da drin“, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf die halbgeöffnete Tür des Hauses.

Als die Beamten das Haus betraten fanden sie den Hausherrn, Señor Ramos, im großen Eingangsflur auf dem Fußboden am unteren Ende einer Treppe liegend, die vom Parterre zum oberen Stockwerk führte. Er war tot.

Die Polizisten telefonierten, riefen den zuständigen Pathologen, die Spurensicherung und Kommissar Zandros an. Dann gingen sie hinaus um mit der Frau zu sprechen, die sie gerufen hatte.

„Señora, entschuldigen Sie, meinen Sie, dass Sie uns ein paar Fragen beantworten können?“

Sie blickte die Polizisten aus großen leeren Augen an und nickte.

„Wollen wir hineingehen?“, fragte einer der Beamten.

„Nein“, antwortete die Frau sofort, „solange der Señor da liegt mache ich keinen Schritt in dieses Haus.“

„Na gut, dann müssen wir Sie hier draußen befragen.“

Einer der Männer führte das Gespräch, der andere notierte alles in einem Schreibblock.

„Sie haben also den Señor dort gefunden, wo er jetzt noch liegt?“

Sie nickte.

„Wann?“

„Na vorhin, als ich herunterkam.“

„Wann etwa, vor zehn Minuten oder vor einer Stunde?“

„Nein, eben, kurz bevor ich Sie angerufen habe.“

„War der Señor da schon tot?“

Die Frau schluchzte und presste das Taschentuch vor ihren Mund.

„Ich glaube schon. Er hat mich so angesehen, als ob er etwas sagen wollte, aber er hat nichts gesagt und die Augen hat er auch nicht bewegt.“

„Also gut. – Wie ist denn Ihr Name?“

„Rosa Primero.“

„Wohnen Sie hier?“

„Ja, natürlich. Ich bin doch die Hausangestellte.“

„Und wer wohnt sonst noch hier im Haus?“

„Na, Señora Isabel, die gnädige Frau, aber sie ist nicht zu Hause“, sagte die Frau und fuhr nach einer kleinen Pause fort, „schon seit ein paar Tagen nicht.“

„Wo ist sie denn?

„Ich weiß es nicht. Sie ist öfter mal weg.“

„War sie letzte Nacht hier im Haus?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe sie jedenfalls nicht gesehen.“

„Kann sie trotzdem im Haus gewesen sein ohne dass Sie es mitbekommen haben?“

„Ja, das kann durchaus sein. Der Señor hat zwar immer abends die Haustür abgeschlossen, aber die Señora hat ja einen eigenen Haustürschlüssel.“

„Und Sie merken nicht unbedingt, was nachts hier im Haus so passiert?“

„Nein, mein Herr. Sehen Sie, mein Zimmer ist oben ganz hinten am Ende des Ganges. Und ich habe einen festen Schlaf wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe.“

„Haben Sie nachts nie etwas gehört, ich meine Stimmen oder Geräusche im Haus?“

„Doch, schon, wenn der Señor rumgebrüllt oder die Türen zugeschlagen hat. Aber das geht mich ja im Grunde nichts an. Ich bin für die Hausarbeit zuständig.“

„Wie war es denn letzte Nacht? War es besonders laut?“

„Nein, nicht mehr als sonst wenn der Señor getrunken hatte.“

Der Beamte wechselte das Thema.

„Gibt es eigentlich Kinder?“

„Nein, aus dieser Ehe nicht. Aber es wird gemunkelt, dass der Señor einen Sohn aus einer vorehelichen Beziehung haben soll.“

„Wissen Sie mehr darüber?“

„Aber nein, mein Herr“, sagte sie sichtlich entrüstet, „darum habe ich mich nie gekümmert. Und es sind ja auch nur Gerüchte.“

Der Beamte wechselte erneut das Thema.

„Erzählen Sie uns doch bitte mal, wie es normalerweise morgens so abgelaufen ist.“

„Also, ich bin immer morgens um sechs Uhr als Erste aufgestanden und habe in der Küche das Frühstück vorbereitet.“

„Die Küche ist hier unten?“

„Ja, gleich hier um die Ecke.“ Sie stockte und blickte in die Richtung, in der sie soeben die Küche beschrieben hatte, so als ob sie daran dachte, wie sie dort immer das Frühstück vorbereitet hatte.

„Und wer frühstückte zuerst, der Señor oder die Señora?“

„Nein, nein, das war ganz klar geregelt. Als Erster kam der Señor so gegen acht Uhr herunter. Er frühstückte immer im Salon da hinten.“ Sie nickte in die entgegengesetzte Richtung.

„Der Señor und die Señora frühstückten nie gemeinsam?“

„Nein, nie. Die Señora frühstückte erst gegen neun Uhr. Und eigentlich immer in ihrem Zimmer.“

Inzwischen war Kommissar Zandros eingetroffen. Die Beamten salutierten, aber er nickte ihnen nur zu, was wohl so viel bedeutete, dass sie mit der Befragung fortfahren sollten. Er stand nur daneben und hörte zu.

„Wie lange arbeiten Sie denn schon für das Ehepaar Ramos, Señora?“

„Oh, ich glaube es sind schon etwa zwanzig Jahre.“

„Noch eine Frage: Als wir uns den Toten vorhin angesehen haben merkten wir, dass er sehr stark nach Alkohol roch. Hat der Señor viel getrunken?“

„Das kam darauf an, in welcher Stimmung er war. Wenn ihn jemand geärgert hatte oder wenn seine Frau ihm nicht gehorchte, dann trank er schon mal etwas zu viel. Und dann konnte er auch richtig böse werden.“

„Ist er dann auch aggressiv geworden?“

„Gegen mich nicht, aber gegen die Señora schon.“

Der Pathologe kam heraus und unterbrach die Befragung. „Er wird sich bei dem Sturz auf der Treppe das Genick gebrochen haben. Er war wohl sofort tot. Aber es ist mit Sicherheit schon ein paar Stunden her. Nach vorläufiger Einschätzung meinerseits gibt es keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden in Form von körperlicher Gewaltanwendung. Alles Weitere …“

„Ja“, sagte der Kommissar, „ich weiß. Alles Weitere nach der Obduktion.“

Einer der Beamten mischte sich ein und sagte: „Vielleicht war der Señor so betrunken, dass er von selbst die Treppe hinunter gefallen ist.“

„Das kann schon sein“, meinte der Kommissar, „dann war es ein Unfall. Vielleicht hat aber auch jemand nachgeholfen und dann wäre es Mord. Zuerst müssen wir die Ehefrau finden. Agente, rufen Sie alle Verwandten und Freunde der Familie an. Vielleicht haben wir ja Glück und sie ist dort irgendwo.“

Und zu dem anderen Beamten sagte er: „Und Sie gehen dem Gerücht nach, was den Sohn aus der vorehelichen Beziehung betrifft.“

Die Männer salutierten und traten ab.

Und zu Rosa gewandt sagte er: „Danke für Ihre Hilfe, Señora. Sie können jetzt gehen. Aber halten Sie sich bitte weiterhin zu unserer Verfügung, falls wir noch Fragen haben sollten.“

Quiz 1: Wie ist Senor Ramos zu Tode gekommen? War es...

a) Selbstmord?

b) Mord?

c) ein Unfall?

Kreuzen Sie jetzt bitte an!

Erster Tag

Kommissar Stefan Winner saß auf der Terrasse unter dem großen Gummibaum und blinzelte in die Sonne. Ja, so wollte er es: Kein Handy klingelte, kein Polizeifunk plärrte, kein Kollege nervte mit dummen Fragen und auch der Chef kam nicht vorbei um nach dem neusten Stand der Ermittlungen zu fragen.

Er gab sich ganz diesem angenehmen Gefühl hin. Nur wenige Geräusche erreichten sein Ohr. Die Autos auf der Hauptstraße machten allerdings einen außergewöhnlichen Lärm. Während man in Deutschland an Flüsterasphalt arbeitete fuhr man hier auf Lanzarote zwischen Guatiza und Mala auf einer Straße, die so aussah, als habe man vergessen die obere feine Asphaltschicht aufzutragen. Aber das war für Winner kein echtes Problem. Die Hauptstraße, die zwischen Guatiza und Arriette durch Mala führte war weit entfernt und das Geräusch, das trotz Nordwind zu ihm herüberdrang, klang eher wie fernes Meeresrauschen. Etwas anderes waren die Hunde. Spanier schienen Hunde zu lieben. Fast jedes Haus hatte einen oder zwei, meist so kleine Kläffer und oft eigenartige Promenadenmischungen. Irgendwo im Ort kläffte immer ein Hund, dachte Winner, daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen.

Während Winner seinen heißen Kaffee schlürfte dachte er darüber nach, wie es überhaupt dazu gekommen war, dass er jetzt hier saß. Litt er unter einem Burn-out? War es die Midlife-Crisis oder war er schlicht und ergreifend nur überarbeitet gewesen, dass ihm der letzte Fall so entglitten war? Drei ungeklärte Fälle lagen auf seinem Schreibtisch und vom vierten hatte sein Chef ihn abgezogen, weil alles schiefgelaufen war, was nur hatte schieflaufen können.

Der Polizeiarzt hatte ihm geraten mal Urlaub zu machen. „Bis zu Ihrer Pensionierung müssen Sie schon noch ein paar Jahre durchhalten“, hatte er gesagt. Und sein Hausarzt hatte ergänzt „Am besten, Sie fliegen irgendwo hin, wo Sie keiner kennt und keiner weiß, wo Sie wohnen. Und lassen Sie ja Ihr Handy daheim. Sonst rufen garantiert ihre Kollegen dauernd an und wollen irgendetwas wissen.“

Wie soll das denn gehen hatte er sich gefragt. Spätestens bei der Passkontrolle am Flughafen würde er erkannt werden. Und wenn er unter seinem Namen ein Hotelzimmer buchte, dann wäre sein Aufenthalt durch seine Kollegen leicht auszumachen. Darum fasste er einen verrückten Plan: Er hatte vor kurzem einen Ganoven verhaftet, eigentlich war es nur ein kleiner Fisch. Er war als Strohmann für einen schwerreichen Kunstliebhaber aufgetreten und hatte alle möglichen Antiquitäten aufgekauft, vor allem alte Bilder und Gemälde. Sie hatten ihn schon lange in Verdacht gehabt, bei der Gelegenheit Geld zu waschen, aber sie hatten ihm nichts nachweisen können. Doch dann war er aufgeflogen, weil er bei einer Auktion für eine altes Gemälde eine größere Summe in bar bezahlt hatte. Bei der Überprüfung der Scheine durch die Beamten des Betrugsdezernats hatte sich herausgestellt, dass einige Scheine gefälscht waren, also Blüten. Die waren zwar gut gemacht, aber trotzdem entdeckt worden. Bei seiner Festnahme und der anschließenden Hausdurchsuchung hatte man außer weiterem Falschgeld auch noch drei gefälschte Personalausweise auf die Namen Ronny Berg, Dominik Krause und Sebastian Sommer gefunden. Auch diese Fälschungen waren gut gemacht und kaum zu erkennen. Die Kollegen hatten schon gescherzt und gesagt: „Winner, das könnte glatt dein Bruder sein, aber eben ohne Bart. Und das Alter kommt auch hin. Lass dir deinen Bart abnehmen und dann hast du drei neue Identitäten.“

Daran hatte er sich erinnert als er über seine „Flucht“ nachdachte. Und er hatte entschieden, sich nicht den Bart abnehmen zu lassen. Gerade der Bart konnte noch ein paar Unterschiede vertuschen. Er hatte sich für den Ausweis mit dem Namen Sebastian Sommer entschieden, weil der seiner Meinung nach noch in keiner Fahndung aufgetaucht war.

Hauptkommissar Winner war vor Jahren in der Schulung junger Kollegen eingesetzt worden. Dieser Tatsache hatte er den Spitznamen „Falke“ zu verdanken, da er in seinen Vorlesungen gerne Falken als Beispiele benutzte.

„Sie müssen wie ein Falke sein“, sagte er z. B. „hoch über den Dingen schweben, dabei immer das Ganze sehen, mit scharfen Augen alles genau beobachten, jede, und sei es auch nur die kleinste Bewegung oder Veränderung sofort registrieren und in die Ermittlungen einfließen lassen. Und Sie brauchen viel Geduld. Beobachten Sie mal, wenn Sie Gelegenheit dazu haben, wie lange ein Falke über seiner Beute schwebt. Er wartet auf die günstigste Gelegenheit. Jeder Fehlversuch könnte das endgültige Ende seiner Observation sein. Und dann, im richtigen Moment, stößt er zu, aus großer Höhe, mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Zugriff! – Na ja, auch bei einem Falken ist nicht jeder Zugriff von Erfolg gekrönt. Seien Sie deshalb nicht zu sehr enttäuscht, wenn mal etwas misslingt. Überlegen Sie stattdessen, was Sie falsch gemacht haben und versuchen Sie es beim nächsten Mal besser zu machen.“

Jetzt, da er den falschen Ausweis in der Hand hielt, wusste er, dass alles schnell gehen musste. Der „echte“ Sebastian Sommer saß in Untersuchungshaft. Und das konnte lange dauern. Man wollte ja eigentlich gar nicht ihn, sondern den reichen Magnaten, der ihn nur benutzte und hinter dem man den Kopf einer Fälscherbande vermutete.

Winner erinnerte sich an einen alten Bekannten, einen Holländer, Jan de Fries. Dem hatte er mal den Sohn zurückgebracht, der ausgerissen war und ihm zufällig in die Hände fiel. Damals hatte Jan der Fries gesagt: „Wenn du mal Urlaub machen willst – ich habe ein Haus auf Lanzarote. Das steht meistens leer. Also, wenn du mal richtich utspannen willst, dann sachst du Bescheid.“

(Wie es sich bei Holländer so anhört, wenn sie versuchen Hochdeutsch zu reden.)

Winner griff zum Telefon und rief an. Jan de Fries zierte sich nicht lange und sagte: „Na klar, alter Junge, natürlik kannst du das Haus haben. Es ist cherade nicht bewohnt. Du cheest einfach zu Ramona und holst dir den Schlüssel. Sie wohnt chleich nebenan und kümmert sich ein bischen um das Haus, wenn niemand darin wohnt. Sie lüftet ab und zu mal und chießt die Planten. Ich ruf sie an, dann weiß sie chleich Bescheid. Also viel Spaß und chute Erholung.“

Winner hatte nur einen kleinen Koffer gepackt. Nicht mehr als das, was man eben so braucht, wenn man ein paar Tage Urlaub machen will. Und da es auf Lanzarote immer schön warm sein soll, brauchte er ja auch keinen dicken Pullover mitzunehmen. Um sein Inkognito nicht zu gefährden, aber auch, um sich im Zweifelsfall ausweisen zu können, hatte er seinen Führerschein, seinen Dienstausweis und seine Krankenkarte in das Futter seiner Jacke eingenäht. Dann hatte er im Internet ein Last - Minute - Angebot für einen Flug und einen Urlaub auf Lanzarote gebucht: Zehn Tage in einem Hotel in Costa Teguise für 499 Euro. Das fand er in Ordnung. Und das Hotel würde ihn kaum suchen lassen, wenn er dort einfach nicht erschien. Bei den Tausenden an Gästen würden sie einen Einzelnen wohl noch nicht einmal vermissen – dachte er. Schließlich war das Zimmer bezahlt. Und das war sicher die Hauptsache.

Schon am nächsten Tag um elf Uhr ging der Flug. Er hatte sich nicht großartig abgemeldet, sondern nur einen Zettel auf dem Schreibtisch hinterlassen auf dem stand: Bin unterwegs. Und das war ja noch nicht einmal gelogen. Bis seine Kollegen dahinterkommen würden, dass er sie ausgetrickst hatte, war er sicher schon weit weg und nicht mehr erreichbar.

Bei der Gepäckkontrolle gab es keine Probleme. Nur bei der Passkontrolle meinte der Beamte nach längerer Betrachtung des Ausweises und der dazugehörigen Person: „Sie müssen mal ein neues Foto für Ihren Ausweis machen lassen.“

„Ja, oder meinen Bart abrasieren“, antwortete er scherzhaft.

„Genau“, sagte der Beamte und nickte.

„Ich verspreche, dass ich mich darum kümmern werde“, sagte Winner und passiere die Kontrollstelle.

Vier Stunden später schwebte Winner bereits im Landeanflug über Lanzarote.

Aus der Vogelperspektive bot die Insel ein überwältigendes Bild. Wenn die vielen kleinen weißen Häuser nicht wären, könnte man meinen auf dem Mond zu landen, so zerklüftet und eintönig sah das Land aus. Braun war die beherrschende Farbe. Ein Aschekegel reihte sich an den anderen und dazwischen gähnten die leeren Trichter der erloschenen Vulkane. Kaum etwas Grünes war zu sehen, stattdessen spiegelte sich die Sonne in den türkisfarbenen Swimmingpools der Ferienhäuser und der Touristenanlagen. Von einem Swimmingpool hatte Jan de Fries nichts gesagt, oder?

Winner erinnerte sich gerade an eine der Nachbarinseln: Teneriffa. Dort hatte er vor Jahren einmal vier Wochen im Rahmen eines Amtshilfeersuchens bei der Polizei gearbeitet. Es ging damals um deutsche Touristen, die mehrere krumme Dinger gedreht hatten. Bei den Verhören hatten sie sich in solche sprachlichen Spitzfindigkeiten geflüchtet, dass selbst ein guter Dolmetscher an seine Grenzen gekommen war. Aus dieser Zeit stammten auch Winners bescheidene Kenntnisse der spanischen Sprache. Er hatte zwar schon als junger Mann einen Spanisch-Grundkurs bei der Volkshochschule absolviert, aber das war lange her und es war nicht mehr sehr viel davon hängen geblieben. Er kannte ein paar der gängigen Redewendungen und einige Sätze, die zum Einkaufen reichten oder um in einem Restaurant die Speisekarte zu lesen und das Essen zu bestellen. Aber es machte ihm Spaß, in einem Restaurant oder an einer Bar anscheinend unbeteiligt neben anderen Gästen zu sitzen und zu lauschen. Immerhin reichte sein Sprachverständnis dann oft dazu aus, wenigstens zu verstehen, worum es in deren Gespräch ging.

Eine „Unsitte“ der Spanier konnte er allerdings überhaupt nicht leiden, nämlich dass sie seiner Meinung nach viel zu schnell sprachen und dann oft auch noch die Endungen der Wörter verschluckten. Manchmal konnte man den Eindruck haben, dass ein Satz aus einem einzigen sehr langen Wort bestand. Außer, wenn sie das Wort „pero“ – also „aber“ – einschoben. Dann machten sie immer eine kurze oder etwas längere Pause, um nachzudenken oder um Luft zu holen und dann mit unverminderter Geschwindigkeit fortzufahren. Der spanische Kollege auf Teneriffa hatte damals gesagt: „Meinst du, dass es uns mit der deutschen Sprache anders ergeht?“

Die Kontrolle am Flughafen Lanzarote war eigentlich ziemlich unproblematisch. Man ging einfach zwischen zwei Schaltern hindurch und dann war man auf der Insel. Gelegentlich wurde zwar ein Fluggast gefragt, ob er etwas zu verzollen habe, aber kontrolliert wurde selten.

Als Winner den Schalter bereits passiert hatte wurde er von einem Beamten der Polizei angesprochen: „Bitte, folgen Sie mir“, sagte er auf Deutsch und führte Winner in einen kleinen Nebenraum.

Was war das? Lag es an seinem kleinen Gepäck? So reist doch kein echter Urlauber. War er aufgeflogen oder war er nur zufällig die Nummer soundso, die routinemäßig kontrolliert wurde?

Bei ihm wurde eine Leibesvisitation durchgeführt und sein Koffer wurde einmal aus- und wieder eingepackt. Dann sagte der Beamte: „Entschuldigen Sie bitte die Störung“, und Winner durfte gehen.

Draußen machte er sich allerdings noch einige Gedanken. War man ihm auf der Spur oder war es nur eine Stichprobenkontrolle, die ihn zufällig getroffen hatte? Oder war der kleine Ganove aus Deutschland, dessen Identität er benutzte, hier doch bekannt? Oder war alles doch nur reiner Zufall? Aber als Kriminalhauptkommissar mit etlichen Dienstjahren auf dem Buckel hatte er es sich eigentlich abgewöhnt an Zufälle zu glauben.

Er kaufte sich am Flughafen einen deutschen Reiseführer für Lanzarote und stellte fest, dass man den Ort Mala mit einem öffentlichen Bus erreichen kann. Den nahm er dann auch, denn er wollte sicher gehen, dass man seine Spur nicht über die Taxizentrale verfolgen konnte.

E-Mail

Von: Flughafenpolizei Arrecife

An: Polizeistation Haria

Betreff: Amtshilfeersuchen zwecks Überprüfung einer

Person

Haben soeben einen deutschen Fluggast

kontrolliert – nennt sich Sebastian Sommer,

ist nach Mala gefahren, bitte observieren.

Antwort: Wir kümmern uns darum.

Winner bog beim Restaurant „Don Quijote“ rechts ab und folgte der Straße, so wie sein Freund Jan de Fries es ihm beschrieben hatte. Und schon nach wenigen Minuten erreichte er das Haus, das zu der Beschreibung passte. Er klingelt an der Tür des Nachbarhauses. Eine Frau mittleren Alters und typisch spanischem Aussehen öffnete und sagte: „Ach ja, Sie sind wohl Herr Sommer aus Deutschland. Jan hat mir angerufen und chesacht, dass Sie koomen. Hier ist die Schlüssel und wenn Sie etwas brauchen, koomen Sie einfach ßu mich.“

Winner war froh, dass die Frau Deutsch sprach, wenn auch mit deutlich holländischem Akzent. Na, wen wundert‘s.

Winner fand das Haus gleich sehr sympathisch. Neben einem kleinen Flur war gleich links die Küche, gegenüber Bad und WC und geradeaus kam man ins Wohnzimmer und hinten links zum Schlafzimmer. Das Wohnzimmer war recht groß und hatte auf der Südseite eine Glasfront mit einer Tür, die direkt auf die angrenzende Terrasse führte. Im gesamten Haus gab es keine Gardinen. Das war zwar ungewohnt, aber Winner wusste, dass es typisch holländisch war. Denn von seinen Besuchen in Holland erinnerte er sich daran, dass es dort kaum Gardinen gab, und wenn doch, dann nur halbhohe. Meist konnte man vom Bürgersteig aus durch das ganze Haus hindurchsehen.

Neben dem Haus gab es einen kleinen Anbau, den man wohl als Garage hätte nutzen können. Aber er war leer, bis auf ein Fahrrad, das einsam an der Wand lehnte. Das kam Winner gerade recht, denn er fuhr gerne mit dem Rad, auch wenn er sich hier ein wenig vor den bergigen Straßen fürchtete. Er machte sich gleich auf den Weg und fuhr nach Guatiza, dem Nachbarort, in dem er an der Straße einen „Supermarkt“ gesehen hatte.

Als er dort ankam stellte er fest, dass die Bezeichnung „Supermercado“ wohl ein bisschen übertrieben war. Aber das Angebot war überraschend reichhaltig und man konnte dort so ziemlich alles kaufen, was man zum täglich Leben brauchte: Brot, Gemüse, diverse Konserven, Butter oder Margarine, Käse, Getränke aller Art, vor allem Wasser – denn das Leitungswasser auf Lanzarote war nicht zum Verzehr geeignet - Tiefkühlkost in einer Gefriertruhe und sogar eine Frischfleischtheke mit diversen Fleisch- und Wurstwaren.

Winner kaufte erst einmal alles, was er zum Frühstück brauchte: Kaffee, frische Brötchen, Marmelade und Milch. Dann überlegte er, was er in den nächsten Tagen kochen wollte, denn er war ein leidenschaftlicher Hobbykoch und hatte ja in seiner Ferienwohnung eine komplett eingerichtete Küche. Warum also nicht? Aber das Gemüse gefiel ihm gar nicht: Die Paprika waren schrumpelig, der Salat welk und die Tomaten überreif. Darum fragte er den Verkäufer, wann es frisches Gemüse gäbe. „Mañana“, sagte er. Aber Winner wusste, dass das Vieles bedeuten konnte. Es hieß nicht unbedingt „morgen“, also am nächsten Tag, sondern es konnte auch „demnächst“ meinen oder sogar letztendlich „in undefinierbarer Zukunft“, so wie in Griechenland das Wort „awrio“, das eigentlich „morgen“ meint, aber auch durchaus „in den nächsten Tagen“ bedeuten kann.

Winner gab sich mit der Antwort zufrieden und kaufte lediglich Kartoffeln, Zucchini, Zwiebeln und zwei Putensteaks. Daraus ließe sich seiner Meinung nach durchaus ein schmackhaftes Gericht zubereiten. Aber heute nicht mehr. Stattdessen beschloss er im „Don Quijote“ essen zu gehen. Das war zu Fuß gut zu erreichen und sah einladend aus. Außerdem hatte ihm der Name schon bei seiner Ankunft mit dem Bus gefallen.

Isabel

Isabel spielte am liebsten mit Diego. Er war der Sohn des Nachbarn und etwas älter als sie. Isabels Vater sah es allerdings gar nicht gerne. Schließlich war sie die jüngste Tochter des reichen Weinbauern und Diego nur der Sohn eines Kameltreibers. Diego fand allerdings, dass sein Vater ein wichtiger Mann auf Lanzarote war. Schon sein Großvater war Kameltreiber gewesen. Er hatte die Kamelkarawane geführt, die früher das Trinkwasser in hölzernen Fässern vom Hafen in die Dörfer und zu den abgelegenen Häusern gebracht hatte. Trinkwasser war wertvoll auf Lanzarote, denn es gab kein Grundwasser, das man anzapfen konnte und das Regenwasser, das die Einwohner in Zisternen und Brunnen sammelten, verdarb schnell und man konnte es oft schon nach wenigen Wochen nicht mehr trinken. Es reichte dann gerade noch zum Tränken der Ziegen und Kamele oder zum Bewässern der Pflanzen. Und so gesehen war der Kameltreiber schon ein wichtiger Beruf. Zwar transportierte sein Vater auf den Kamelen keine Wasserfässer mehr, sondern die Touristen in den Feuerbergen, aber auch das war ein verantwortungsvoller Beruf.

Isabel war gerne in dem Haus ihres Freundes. Sie liebte die Tiere und war glücklich, wenn sie auf einem der Kamele reiten durfte. Am meisten liebte sie allerdings Diegos Opa Albertos. Am Nachmittag, wenn die Sonne nicht mehr so heiß schien, saßen sie oft gemeinsam auf der Bank in der Laube, die über und über von einer lila blühenden Bougainvillea überwuchert war. Der Opa konnte so schöne alte Geschichten erzählen und Isabel hörte am liebsten die Geschichte von dem bösen Vulkan: „Das ist nun schon fast dreihundert Jahre her“ , begann der Opa seine Erzählung immer, „damals lebten schon viele Menschen auf dieser Insel. Und sie bauten Häuser und legten Felder an, weil sie meinten, dass die Vulkane ein für alle Mal erloschen wären. Aber die Vulkane haben nur geschlafen. Eines Tages wachten sie auf und brachen aus. Als die ersten Dampfwolken aus dem Vulkan aufstiegen und die Erde erzitterte, flohen die Bewohner aus dem Süden nach Norden und an die Küste. Beim zweiten Beben stieß der Vulkan Steine und riesige Aschewolken aus. Als die Erde zum dritten Mal erzitterte trat glühende Lava aus dem Vulkan und lief den Berg hinunter, direkt auf ein Dorf zu. Alle Menschen flohen vor Angst und Schrecken. Nur der Priester blieb dort und betete in der Kirche. Er sagte, er werde die Kirche bis zuletzt verteidigen, selbst wenn er dabei sterben würde. Als die Lava auf die Kirche zufloss nahm der Priester das Altarkreuz, ging hinaus vor die Kirche und hielt es dem Lavastrom entgegen. Und das Wunder geschah: Nur wenige Meter vor der Kirche stoppte der Lavastrom und die Kirche blieb verschont.

Aber der Vulkan tobte weiter, dreißig Jahre lang. Als die Menschen auf ihre Insel zurückkehrten waren alle Häuser zerstört und alle Äcker unter einer dicken Lavaschicht verschüttet. Aber sie begannen von vorn, bauten neue Häuser und gruben sich durch die Ascheschicht, bis sie den alten fruchtbaren Grund wieder gefunden hatten. Ja, so war das“, schloss Opa Albertos seine Geschichte. Dann zeigte er auf die gegenüberliegenden Feuerberge und sagte: „Und bis heute hat der Vulkan stillgehalten.“

Don Quijote

Im „Don Quijote“ wurde Winner von einer jungen Frau auf Deutsch begrüßt.

„Guten Abend. Möchten Sie etwas Essen oder nur etwas Trinken?“

„Beides“, antwortete Winner und war erfreut, dass er schon wieder jemanden auf dieser spanischen Insel gefunden hatte, der Deutsch sprach.

„Schau’n Sie mal in die Speisekarte“, sagte sie. „Aber inzwischen kann ich Ihnen ja schon einmal etwas zu Trinken bringen. Was möchten Sie denn?“

„Ach“, sagte er, „bringen Sie mir bitte einen halben Liter Ihres Hausweins und ein Wasser `sin Gas´.“

„Also ohne Kohlensäure“, bestätigte sie. „Aber Sie können ruhig Deutsch mit mir reden. Ich bin zwar aus Polen und meine Aussprache ist nicht unbedingt perfekt, aber ich verstehe alles.“

„Und woher sprechen Sie so gut Deutsch?“, fragte Winner.

„Weil mein Mann Deutscher ist. Und für die Touristen war es sinnvoller, dass ich Deutsch lernte, als mein Mann Polnisch.“

„Ja, da haben Sie wohl Recht“, stellte Winner fest, „polnische Touristen kommen hier sicher selten vorbei, oder?“

„Ach“, antwortete sie, „es gibt schon ein paar Polen auf Lanzarote, aber das sind mehr meine Freunde als meine Gäste. Wir haben einen kleinen Freundeskreis, in dem wir uns ab und zu mal treffen. Das ist ganz schön für mich, weil ich dann wieder mal Polnisch reden kann.“

„Und Ihr Mann?“

„Na, ja, nach zehn Jahren Ehe kann er so viel Polnisch, dass er zumindest versteht, worüber wir uns unterhalten. Nur mit dem Reden tut er sich immer noch schwer.“

Sie reichte Winner die Speisekarte und ging. Winner blickte hinein, fragte aber, als die Frau den Wein und das Wasser brachte: „Was können Sie mir denn empfehlen?“

„Alles“, antwortete sie spontan, „es schmeckt alles gut, denn mein Mann kocht selbst. Und er hat früher Koch gelernt.“

„Gib es denn eine Spezialität auf dieser Insel?“

„Ja“, sagte sie, „Conejo en salmorejo, gebeiztes Kaninchen mit papas arrugadas. Das sind kleine Kartoffeln in Salzkruste. Und dazu vielleicht einen frischen Salat?“

„Das hört sich gut an“, stellte Winner fest, „also bitte.“

Erst jetzt hatte Winner Gelegenheit, den Gastraum näher zu betrachten. Nomen est Omen, dachte er, als er sich umgesehen hatte. Überall tauchte das Motiv des Hauses auf: Don Quijote auf seinem Pferd und daneben sein Diener Sancho Panza auf dem Esel. Im Hintergrund sah man Windmühlen, gegen deren Flügel Don Quijote gekämpft haben soll.

Das Essen war hervorragend und der Hauswein passte sehr gut dazu. Zum Nachtisch brachte die Wirtin ein Schälchen Gofio. „Das ist auch eine Spezialität auf Lanzarote“, sagte sie, „es wird aus geröstetem gemahlenem Mais hergestellt. Früher war Gofio das Essen der kleinen Leute, der Bauern und Fischer. Es wird als Süßspeise oder als salziger Teig hergestellt. Gofio ist sehr nahrhaft. Heute noch mischen die Mütter auf Lanzarote das Pulver in den Babybrei. Das ist sehr gesund.“

Es war dunkel geworden als Winner sich auf den Heimweg machte. An der Straße, die zu seiner Wohnung führte, standen ein paar Laternen, die den Weg spärlich beleuchteten. Als er die Haustür aufschloss bellte der Hund des Nachbarn zur Linken. Und Winner meinte, dass sich daraufhin die Gardine an einem der Fenster bewegt hätte. Aber vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet. Er hatte anscheinend ein Problem: Einmal Bulle, immer Bulle.

Er schlief in der ersten Nacht – entgegen aller Gewohnheiten – in seinem neuen Bett tief und fest. Es war ruhig im Ort und der Wein hatte sicher mit dazu beigetragen, dass er schon bald in einen tiefen Schlaf fiel. Darum hörte er auch nicht den Motor der schwarzen Limousine, die gegen Mitternacht langsam und ohne Beleuchtung an seinem Haus vorbeifuhr, wendete, einen Moment verharrte und dann so leise, wie sie gekommen war wieder verschwand.

Der Boss (1)

Irgendwo in Deutschland klingelte ein Telefon. Eine verschlafene Männerstimme sagte: „Ja!“

„Boss, wir haben ein Problem.“

„Was ist los?“

„Sebastian Sommer ist hier auf Lanzarote.“

„Quatsch!“

Die Leitung wurde unterbrochen, so als ob jemand die Hand über die Sprechmuschel hält. Im Hintergrund hörte man Stimmen. Dann war der Boss wieder da.

„Hab ich doch gesagt: Quatsch! Die Bullen haben ihn doch schon vor zwei Wochen geschnappt und seitdem sitzt er hier bei uns im Knast.“

„Aber unser Mann vom Flughafen hat uns den Tipp gegeben. Die Bullen haben ihn auch schon in die Mangel genommen, aber sie mussten ihn wieder laufen lassen, weil sie bei ihm nichts gefunden haben.“

Pause. Dann fragte der Boss: „Wie sieht er denn aus?“

„Na, genau wie Sebastian Sommer – das heißt nicht ganz.“

„Was heißt nicht ganz? Rede schon, du Idiot. Was stimmt nicht?“

„Er hat einen Bart.“

„Schnäuzer oder Vollbart?“

„Vollbart, Boss.“

„Einen Bart kann man sich ankleben.“

„Aber nein, Boss, der ist echt. Die Bullen haben es doch auch überprüft.“

„Einen Bart kann man sich auch wachsen lassen.“

„Ja, Boss, aber dieser Bart ist mindestens ein paar Monate alt.“

Pause. Der Boss schien verunsichert.

„Was macht der Typ?“, fragte er.

„Er hat angegeben, dass er hier Urlaub machen will. Er wohnt in Mala, im Haus vom Holländer.“

„Ach du Scheiße, auch das noch.“

„Was sollen wir machen, Boss?“

„Passt auf ihn auf und stellt fest, was er vorhat. Und dann erschreckt ihn ein bisschen, vielleicht verzieht er sich dann ja wieder. Einen Schnüffler können wir im Moment nämlich gar nicht gebrauchen.“

„Ist gut, Boss, wird gemacht.“

„Und sagt mir Bescheid, sobald sich etwas tut, klar! Und stellt euch nicht so dämlich an, dass er euch bemerkt.“

„Okay, Boss. Ende und aus.“

Zweiter Tag

Kommissar Winner wurde am nächsten Morgen vom Bellen des Nachbarhundes geweckt. „Ist ja gut!“, sagt er mehr zu sich selbst als zu dem Hund. Der hätte ihn wahrscheinlich sowieso nicht verstanden, oder? Er fragte sich, ob man mit einem Hund, der in Spanien lebt, eigentlich Spanisch reden müsse. Aber wie auch immer, der Hund nervte ihn. Winner war eigentlich ein Frühaufsteher, aber den Zeitpunkt wann es früh war, den wollte er wenigsten hier selbst festlegen können.

Als Winner aus dem Fenster blickte sah er ihn: Es war so ein kleiner weißer Wirbelwind, der so aussah, als sei er gerade der „Cäsar- Hundefutterwerbung“ entsprungen. Darum beschloss Winner ihn „Cäsar“ zu nennen. Das Nachbarhaus war zwar einige Meter entfernt, aber trotzdem schien Cäsar Winners Terrasse als sein Revier zu betrachten, denn sobald Winner sie betrat, bellte der Hund. Dabei war das Bellen nicht bösartig. Es war eher ein kurzes warnendes Gekläff, so als ob er sagen wollte: Nimm dich in acht! Ich sehe alles, was du machst.

Es war schon angenehm warm und Winner beschloss deshalb auf der Terrasse zu frühstücken. Cäsar schien es im Augenblick zu akzeptieren, dass der Nachbar sich auf seiner Terrasse niedergelassen hatte. Er lag drüben auf seinem Stammplatz unter dem Fenster und tat so, als ob er schlief. Aber Winner war sich sicher, dass er von ihm beobachtet wurde.

Beim ersten Schluck Kaffee erschreckte ihn ein durchdringender Schrei so sehr, dass er sich am heißen Kaffee den Mund verbrannte. Cäsar war auch sofort aufgesprungen und bellte heftig. Es war kein menschlicher Schrei gewesen. Soviel meinte Winner erkannt zu haben. Es könnte eher der Schrei eines Raubvogels gewesen sein, eines Falken zum Beispiel.

Winner schaute sich vorsichtig um, konnte zunächst aber nichts erkennen. Als der Schrei wieder ertönte, schaute Winner in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Und da sah er ihn: Es war tatsächlich ein Falke, allerdings wohl noch ein Jungvogel. Er saß auf der obersten Ecke des Daches. Vielleicht ist er aus einer Falknerei entflogen. Vielleicht ist er aber erst gerade flügge und wartet jetzt darauf, von seinen Eltern gefüttert zu werden. Aber kein Altvogel näherte sich. Stattdessen ging das Geschrei des Vogels und das Gebell des Hundes weiter.

Um dem Spektakel ein Ende zu bereiten ging Winner ins Haus, wickelte sich ein Handtuch um den rechten Arm, schnitt ein Stück von der Putenbrust ab und versuchte damit den Vogel zu locken. Der beobachtete zwar das Treiben Winners, machte aber keine Anstalten das Angebot anzunehmen. Winner erinnerte sich daran, dass Falken in den meisten Fällen ihre Beute in der Luft fangen. Darum warf er jetzt das Stück Fleisch hoch und sagte: „Na, dann hol es dir halt.“ Und der Vogel schoss wie ein Pfeil vom Dach herunter, griff das Fleisch im

Flug aus der Luft und kam im großen Bogen zurück auf seinen Sitzplatz auf dem Dach, wo er seine „Beute“ verzehrte. Dann begann er erneut mit dem Geschrei und gab Winner zu verstehen, dass er mehr wollte. Na gut, dachte Winner, teilen wir halt. Aber nach dem dritten Stück Fleisch sagte er: „So, jetzt ist Schluss für heute.“ Der Vogel schien begriffen zu haben. Er saß noch ein Weilchen auf dem Dach und schoss dann durch die Palmen im Nachbargarten davon.

Nach dem Frühstück wollte Winner unbedingt ans Meer. Das konnte nicht weit entfernt sein, denn zwischen den Nachbarhäusern konnte er am Horizont schon die Kimm des Atlantiks erkennen.

Er bestieg sein Rad und fuhr immer der Nase nach einfach in die Richtung. Die Straße führte durch ausgedehnte Kakteenfelder, wie er sie am Vortage schon vom Bus aus an der Straße zwischen Guatiza und Mala gesehen hatte. Es erstaunte ihn nicht, denn er kannte den Grund für den Kakteenanbau. Es ging im Grunde nicht um die Kakteen, sondern um einen Schädling, der auf den Pflanzen lebte und sich von deren Saft ernährte: die Cochenille-Laus. Früher wurde aus den getrockneten Larven der rote Farbstoff Karminsäure gewonnen, der sehr begehrt war und den Besitzern der Kakteenfelder zu einem gewissen Wohlstand verholfen hatte. Denn mit der so gewonnenen Farbe wurde nicht nur Stoff gefärbt, sondern sie diente auch zum Färben von Limonaden, Süßwaren und Aperitifs.

Winner erinnerte sich an eine Episode, die er vor Jahren in Deutschland erlebt hatte. Er war mit einem Kollegen und einer Kollegin nach dem Dienst auf einen Drink in eine Bar gegangen. Die Kollegin bestellte einen Longdrink: Campari mit O-Saft. Winners Kollege konnte sich einer Bemerkung nicht enthalten und sagte zu ihr: „Weißt du eigentlich, dass die rote Farbe im Campari aus Läuseblut hergestellt wird?“ Die Kollegin ließ den Drink stehen und trank stattdessen ein Bier. Dann setzte der Kollege noch einen drauf und sagte: „Übrigens, auch Lippenstifte und Nagellacke werden damit gefärbt.“ Die Kollegin zahlte und ging. „Gummibärchen übrigens auch!“, hatte er ihr noch nachgerufen. Aber das war natürlich nur ein Scherz.

Als die Industrie die Anilinfarben entdeckte, geriet die Farbe der Cochenille-Laus in Vergessenheit und die Kakteenfelder verwilderten. Aber die alten Frauen auf Lanzarote benutzen die Farbe heute noch zum Färben von Schafwolle und anderen Stoffen.

Winner sah in den Kakteenfelder zwei Personen arbeiten. Sie waren so dick angezogen, dass man nur an den Hüten erkennen konnte, dass es sich um einen Mann und um eine Frau handelte; denn die Männer trugen traditionell schwarze Stoffhüte mit breiten Krempen, die Frauen dagegen große Strohhüte.