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*** TOLINO MEDIA NEWCOMERPREIS 2. PLATZ 2023 ***
Eine mitreißende Rivals-to-Lovers-Liebesgeschichte mit witzigen und klugen Wortgefechten – wie Bridgerton mit Çay!
*
Wer bist du, wenn du nicht du selbst sein darfst?
Nie hat Mera ihr wahres Ich verheimlicht, bis ihre Eltern aus ihrem kleinen Heim vertrieben werden sollen. Ausgerechnet sie muss nun unter falschem Namen als Dienstmagd in der Villa Cadieux arbeiten – und bestiehlt die konservative Adelsfamilie, um ihr Zuhause zu retten.
Wäre da nur nicht Célian, der Sohn des Hauses, mit seinem unverschämt charmanten Schmunzeln. Er allein weiß, wer sie wirklich ist, und verstrickt sie in seine eigenen Pläne, die sich um seine dreizehnjährige Schwester und ihre verbissenen Heiratswünsche drehen. Doch während Mera und Célian für ihre Familien kämpfen, wird ihnen klar, dass sie sich mehr ähneln, als ihnen lieb ist …
Amüsant, fesselnd und aktuell.
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Freiheitsflüstern
ist perfekt für Leser*innen von:
• spannenden Büchern für Teenager
• humorvollen Liebesromanen
• Büchern wie Bridgerton
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Rezensionen
»Ich kann es mit nichts vergleichen. Mit Mera erhalten wir eine mutige, unperfekte Protagonistin of Colour. Das Buch spielt in Deutschland und während der Zeit des Rokokos. Es ist queer und witzig und voller Spannung. Wie oft bekommt man das zu lesen?« Amani Padda
»Selten habe ich mich so heimisch und verstanden in einer Story gefühlt.« e_d_rae, Amazon
»Einfach mitreißend. Ich habe es regelrecht durchgesuchtet.« SunshineSaar, LovelyBooks
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Leyla Ağca
FREIHEITSFLÜSTERN
CONTENT NOTE
Dieses Buch enthält Themen, die für manche Menschen belastend sein können. Falls ihr euch vorab darüber informieren möchtet, findet ihr hinten im Buch und auf meiner Website eine Aufzählung:
www.leylajagca.com
Achtung – diese Liste enthält Spoiler für die gesamte Geschichte.
© Leyla J. Ağca
Alle Rechte, einschließlich die des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Lektorat und Sensitivity Reading: Xenia Wucherer – de.equal-writes.com
Korrektorat: Patrizia Spanke – www.tintenweber-lektorat.de
Umschlaggestaltung: Karoline Becker – www.karobecker.com
Umschlagtypographie: Emily Bähr – www.emilybaehr.de
Buchsatz: Emily Bähr
mit Illustrationen von Karoline Becker
Impressum:
Leyla J. Ağca, c/o Vulcavo GmbH, Alte Ziegelei 2-4, 51491 Overath
www.leylajagca.com
Instagram: leylajagca_autorin
in ZUKUNFT
VERGANGENHEIT
und GEGENWART:
für mich.
xx.
Gazette
DE
Cologne
Sans Privilège
de sa majesté impériale
Samstag, 18. Juni 1768
Aus dem KurfürstentumKöln
Es bleibt weiterhin ein Geheimnis, wer das neue Manifest verfasste. Der schlagende Titel Die männlichen Vorteile der weiblichen Emanzipation sorgt für Aufregung unter Grafen, Baronen und anderlei hohen Herren. Die einen Männer ergreift es, die anderen werfen diesen Weibischkeit vor. Unseren König, den Alten Fritz, soll es sogar zu Tränen gerührt haben. »Das ist alles, was mein Vater mir verwehrte«, so seine angeblichen Worte. »Alles, was ich mir je von ihm wünschte!«
Noch 18 Tage
Sonntag, 19. Juni 1768
1Esmeray Weiß
Noch ein letzter Schritt und ich könnte nie wieder zurückkehren.
Unser Gartentörchen stand weit offen, bot keinerlei Schutz mehr vor der Welt. Mit schwitzigen Fingern rückte ich die Gurte meines Rückenbeutels zurecht und das alte Baumwollkleid, das Mutter mir am Morgen geschenkt hatte, kratzte auf meiner Haut. Zugleich hüllte es mich in ihren Geruch von frischen Tomaten, schwarzem Tee und Papier. Von dem Zuhause, das man mir stahl.
Ich straffte die Schultern. Meine Eltern schickten mich zu meinem Wohl fort und ich musste sie glauben lassen, dass ich mich fügte. Stattdessen würde ich aufbrechen, um für unser Zuhause zu kämpfen.
Das viel zu leichte Gewicht meines Beutels hielt mich jedoch zurück. Ich hatte Mutter keines ihrer Bücher wegnehmen wollen, nicht einmal eine winzige Haarnadel. Meine Eltern brauchten alles und sei es noch so klein. Viel lieber hätte ich einen gigantischen Anker eingepackt, der mich unverrückbar in dem sicheren Hafen unseres Gemüsegartens festhielt, damit ich gar keine Gelegenheit hatte, mich im Ozean der Welt zu verlieren.
»Meinst du, sie ist festgewachsen?«
»Ach, gib ihr eine Sekunde, Theo.«
Das Geflüster hinter mir löste meine Starre. Ich atmete tief ein und drehte mich um.
»Nein, Mera!«, sagte Mutter. »Denk nicht mal daran.«
»Ich bleibe hier.« Meine Hände griffen nach den Strängen des Rückenbeutels.
»Esmeray!«
Ich stockte. Nur selten verwendete sie meinen wahren Namen anstatt der deutschfreundlichen Variante.
Sie schritt von der Haustür über den schmalen Pfad und hielt die Gurte auf meinen Schultern fest. Müde Strähnen fielen aus ihren simpel aufgesteckten Haaren. »Wir haben das besprochen.«
»Aber ich will euch helfen! Gleich morgen könnte ich in Karls Mühle anfangen.«
»Hayır, da brauchen sie dich nicht und dein Lohn wäre schlecht.« Sie drückte meine Schultern. »Und alle wissen, wer du bist.«
»Eben deshalb muss ich mich nicht verstellen. Hier im Dorf ist es egal, wer ich bin!« Mein Blick klammerte sich an Mutters Gesicht, als würde ich sonst vergessen, wie sie aussah. Ihre dichten, braunen Wellen, die vollen Brauen, die sanften Augen. Alles an ihr strahlte Wärme und Geborgenheit aus. Es war absurd, dass sie jemandem zuwider sein sollte.
»Ach, Liebes.« Seufzend rieb Vater über seine Stirn. »Moment, ich habe das Richtige hierfür.« Er wandte sich von seinem Gemüsebeet ab und verschwand durch die Haustür.
Ich sah auf das dunkle Holz, in das ich mit Vater mehr oder weniger eindrucksvolle Schnörkel geschnitzt hatte. Jeden einzelnen davon prägte ich mir ein. Auch die Stube rief ich mir in Erinnerung, mit den dunkelroten Sesseln, Mutters selbst geknüpftem Teppich und dem steinernen Kamin. Mein Blick kletterte die berankte Hauswand hinauf zu dem runden Fensterchen, aus dem ich immerzu den Nachthimmel betrachtet hatte. Als Vater mit einem breiten Grinsen ein Tablett durch die Tür balancierte, brannten Tränen in meinen Augen.
»Börek?«, fragte Mutter.
»Börek!«, bestätigte er und präsentierte uns die Teigrollen. Er hatte sie gestern Abend unter ihrer Anleitung zubereitet. Dabei hatte ich einen Sessel vor den Kamin gerückt, um ihnen hinter einem Buch versteckt zuzusehen. Für einen letzten Blick auf ihre Unbeschwertheit.
Der deftige Geruch von Spinat, Teig und Petersilie stieg in meine Nase.
Vaters Lächeln verging. »Ich dachte, es würde helfen … Emmi?«
Nickend brach ich ein Stück ab und schluckte damit meine Tränen hinunter. Einmal noch breitete sich der Geschmack meiner Kindheit auf meiner Zunge aus. Meine Eltern tauschten einen Blick und griffen schließlich auch zu.
Ich hatte keine Wahl. Ich musste weggehen, damit ich zurückkehren konnte.
Hufgeklapper durchbrach unsere Stille.
»Wer kann das sein?« Hastig knöpfte Mutter ein Tuch von ihrer Schürze und band es behelfsmäßig über ihr dichtes Haar, während Vater das Tablett zwischen seinen gehegten Tomaten- und Bohnenpflanzen versteckte. Ich sah über die wilden Blumenwiesen, die sich rundherum bis zum Wald erstreckten. Zwischen den Bäumen trabte ein schwarzer Kaltblüter mit mächtigen Hufen heran. Er zog eine geschlossene Kutsche auf unsere Lichtung. Das dunkle Holz schimmerte in der frühen Mittagssonne und die goldenen Verzierungen blitzten bei jeder Erschütterung.
Sobald der Kutscher uns entdeckte, hob er einen massigen Arm. »Guten Tag!« Er winkte, als könnten wir ihn übersehen. Vor unserem Törchen brachte er das Pferd zum Stehen. Ein merkwürdiger Anblick, eine so pompöse Kutsche vor unserem gemütlichen Häuschen.
Vater trat zum Zaun. »Habt Ihr Euch verfahren?«
Der Mann hob seinen Dreispitz von der weißen Perücke, doch bevor er etwas erwidern konnte, öffnete sich die Kutschtür.
Auf dem Tritt landeten seidene Schuhe mit geschwungenem Absatz. Hellblaue Kniebundhosen verschwanden unter einem gleichfarbigen Gehrock, an dessen Ärmeln die Rüschen eines Hemdes herausschauten. Anstatt einer Perücke oder weißem Puder vollendete dunkles Haar das Bild eines hochgewachsenen Jungen. Er stieg auf den Weg und reckte mit geschlossenen Augen seine Wangen gen Sonne.
»Pardon, Comte.« Als der Kutscher das französische Wort für Graf verwendete, hoben sich meine Brauen. »Ich habe die Orientierung verloren, ich –«
»Ach, mach nur, Bruno.« Der Adelige öffnete nicht einmal die Augen. Er sog die frische Luft ein und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Vermutlich war sein zusammengebundenes Haar einmal so ordentlich gewesen wie die Frisur, zu der Mutter meine dicken Locken verflochten hatte. Doch mittlerweile umrahmten wellige Strähnen sein Gesicht. »Wenn ich einen Umweg verlange, verstehe ich auch, dass du hier am Ende der Welt nach der Richtung fragen musst.«
Mein Blick schmälerte sich. Natürlich war mein Zuhause für ihn am Ende der Welt. Nur weil wir vier Stunden Fußmarsch bis zur nächsten Stadt brauchten. Eine halbe zum nächsten Dorf. Für ein Adelsblut war das sicher ärmlich oder – wüsste er mehr über uns – vielmehr exotisch.
Während Vater zu dem verlorenen Bruno trat, drang aus dem Innern der Kutsche ungehaltenes Gemurmel. Eine kleine Hand griff nach der Tür und zog sie zu – ohne Rücksicht auf den Comte, der zur Seite stolperte und sich blinzelnd umdrehte. Vor seiner Nase rauschten die Vorhänge zu. Noch eine arrogante Hoheit.
Amüsiert schnaubte der Junge und richtete seinen Gehrock. An seiner Hand glänzte ein Siegelring. Nicht wie üblich am Ringfinger, sondern an seinem Zeigefinger. Er wandte sich uns zu und schlenderte zum Gartenzaun. Obwohl er höchstens achtzehn sein konnte, nur ein Jahr älter als ich, glitt sein Blick so ausgiebig über unser Grundstück, als wollte auch er uns das Zuhause wegnehmen. Oder interessierte es ihn lediglich, wie das gemeine Volk ohne Kristallgläser, Porzellanteller und chinesische Teetassen überlebte?
Ich richtete mich auf, als könnte ich das Haus so vor den adeligen Augen bewahren, die alles immer nur auf Wegnehmen oder Vernichten überprüften. Mutter legte eine Hand auf meine Schulter, doch dadurch sah der Comte zu uns. Und ich wollte ihm das versteckte Tablett vor den Kopf hauen. Es lag an seinem süffisanten Schmunzeln, das alle Reichen trugen, weil nichts und niemand ihnen etwas anhaben konnte.
»Bonjour, Madame.« Viel zu vornehm grüßte er Mutter. Er machte sich wohl über uns lustig. Auch noch dieses gestelzte Französisch.
Mutter knickste erfreut. »Guten Tag, Graf. Darf ich fragen, wie Ihr hierher fandet? Mit Verlaub, wir sind überrascht über den unverhofften Besuch.«
»Natürlich, Madame …?«
»Weiß. Frau Weiß.«
Er deutete sogar eine Verbeugung an. »Es ist nur ein Zufall, Madame Weiß. Mir gefiel der Gedanke, einen Pfad durch den Wald zu nehmen und nicht auf direktem Wege durch die Städte zu fahren.« Er sah zu mir. »Und wie ist Euer Name, Mademoiselle?«
Mutter holte Luft, doch ich kam ihr zuvor.
»Auch ich heiße Frau Weiß.« Ich erwiderte seinen Blick. Auf keinen Fall würde ich Fräulein Mera sagen.
»So?« Er musterte zuerst Mutter, dann Vater, der sich mit Bruno unterhielt. Schließlich sah er amüsiert zu mir. »Ihr seid also beide die Ehefrauen des Monsieur Weiß?«
Ich öffnete den Mund, aber er war noch nicht fertig.
»Oder habt Ihr einen anderen Monsieur geheiratet, dessen Name ebenfalls Weiß ist? Wieso tragt Ihr dann keine Haube?«
Meine Brauen zogen sich zusammen. Oh, er legte sich mit der Falschen an.
»Ich danke Ihnen für diese Fragen.« Ehe Mutter mich zurückhalten konnte, trat ich zum Zaun. »Bitte glaubt mir, dass ich die gesellschaftlichen Regeln sehr wohl verstehe, nach denen eine unverheiratete Frau Fräulein genannt wird und eine verheiratete Frau eine Haube tragen soll. Der Personenstand der Frau ist eine Angelegenheit der Öffentlichkeit, während der Mann über Privatsphäre verfügt.«
Erneut legte sich eine Hand auf meine Schulter, doch Mutter konnte nicht aufhalten, was sie mich gelehrt hatte.
»Darüber hinaus weiß ich, dass diese Regeln endlich der Vergangenheit angehören. Verzeiht, ich nahm an, wenn Menschen am Ende der Welt davon wissen, wären die Inhalte des Manifests auch bereits in Eure Kreise gelangt.«
Stille.
Abrupt schob Mutter sich neben mich und auch Vater eilte auf der anderen Zaunseite zu dem Jungen.
»Es tut mir unheimlich leid, Comte!« Jetzt benutzte auch er die französische Anrede. »Dieses Benehmen ist eine völlige Ausnahme, meiner Tochter geht es nicht gut, sie leidet an –«
Der Junge hob nur eine Hand und ich erfuhr nicht, woran ich erkrankt war. »Ich denke, es geht ihr wunderbar. Ich muss sagen, Eure Worte inspirieren mich, Madame Weiß. Natürlich habe ich Ausschnitte des Manifests gelesen, doch bisher traf ich noch auf keine so glühende Verfechterin. Vielleicht liegt unser Haus zu sehr abseits der Stadt, was meinst du, Bruno?«
Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Er machte sich wirklich über uns lustig.
»Ähm …« Bruno kratzte sich im Nacken. »Ich denke … ja, Comte?«
»Aber nein!«, sagte Vater. »Meine Tochter hat sich nicht richtig ausgedrückt –«
»Sie wählte ihre Worte zielsicher, Monsieur Weiß«, erwiderte der Adelige.
»Es ist nur so«, fügte Mutter an, »sie beginnt heute eine Arbeit in einem anderen Dorf und ist betrübt über ihren Auszug.«
»Wohin geht Ihr denn?« Er sah nur mich an, abwartend, als würde es ihn, selbst wenn ich ihm an die Gurgel ginge, schrecklich vergnügen.
»Ich werde in der Nähe von Köln erwartet«, presste ich hervor.
»Amüsant, wir müssen auch in diese Richtung. Aber noch etwas mehr ans andere Ende der Welt.«
»Amüsant«, gab ich zurück.
Er lachte. »Es scheint mir, als wäre es keine gute Idee, Ihnen eine Mitfahrt anzubieten?«
»Es scheint Ihnen richtig«, sagte ich, während Mutter antwortete: »Aber ja!«
Der Adelige hatte die Dreistigkeit, weiter zu schmunzeln. Ich baute mich vor ihm auf, um ihn entweder zum Gehen aufzufordern oder ihm eine reinzuhauen.
Doch er wandte sich an den Kutscher, der das Gespräch mit nervösem Blick verfolgt hatte. »Wir sollten den Weg lieber bald finden, Bruno, ansonsten musst du mich wohl in einem Leichentuch aufs Dach spannen.«
»Nun, ich finde mich jetzt zurecht, Comte.«
»Also schön, es war unterhaltsam, mit Ihnen zu plaudern. Monsieur Weiß, Madame Weiß.« Der Junge neigte den Kopf. Vater verbeugte sich und Mutter knickste resigniert. »Und die andere Madame Weiß.«
Starr blickte ich ihn an, konnte meine Beine nicht zu einem Knicks zwingen. Dennoch deutete er eine Verbeugung an und wandte sich ab. In einem Stoß atmete ich aus und versteckte meine geballten Fäuste hinter dem Rücken.
Mit einer Hand an der Kutschtür drehte er sich noch einmal um. »Auf Wiedersehen dann.«
»Hoffentlich nicht«, murmelte ich.
Während Mutter leise aufstöhnte, stieg er grinsend ein. Bruno dankte Vater und trieb eilig das Pferd an. Die Kutsche zockelte völlig ungetrübt über den Weg, obwohl allein sie mit ihren goldenen Türgriffchen, Fensterrähmchen und Vorhängchen unser Zuhause vorerst retten könnte.
»Tövbe, tövbe!«, entfuhr es Mutter.
Schnell presste Vater einen Finger an seinen Mund.
Mit einem frustrierten Aufschrei riss ich mich los. »Hört auf, euch zu verstellen!« Ich rannte durch das Törchen auf den Pfad. »Nur wegen Menschen wie ihm!«
Dieser Adelige war keiner von denen, die ich ab morgen um den Finger wickeln würde. Und das war auch gut so. Ich hob einen Stein auf und holte weit aus, um mich ein letztes Mal völlig unvernünftig zu verhalten.
Im nächsten Moment erstarrte ich.
Mein Blick flog zurück zu Mutter und Vater. Zum offenen Törchen.
Ich war den letzten Schritt gegangen.
2Célian Cadieux
Tock.
Ich zuckte zusammen.
Auf der gegenüberliegenden Kutschbank runzelte Liliette die Stirn. »Was war das?«
In einer Ahnung schob ich die Vorhänge auseinander und sah zurück zu dem Landhaus. Dieses bürgerliche Mädchen, das mich so unverblümt zurechtgewiesen hatte, stand mitten auf dem Pfad. Sie drehte sich zu ihren heraneilenden Eltern um und ertrug die Schimpfe.
»Hat uns etwa jemand beworfen?«, fragte Liliette.
Leise lachte ich. »Es scheint so.« Madame Weiß Junior war eindeutig für Überraschungen zu haben.
»Und du findest das auch noch lustig.« Entnervt strich Liliette den blassgrünen Brokatstoff ihres Kleides glatt. »Kannst du deinen Vorhang wieder schließen? Mir ist heiß.«
Ich öffnete ihn noch weiter. Wenigstens hatte sie nicht gesagt, sie wollte ihren Teint schützen.
Ihre Brauen zogen sich zusammen. Aber sie saß noch immer so aufrecht.
»Wie fandest du den Umweg bisher?«, hakte ich nach.
»Célian, das Fenster!«
»Ja, eine wunderschöne Aussicht, nicht wahr?«
In ihren Augen blitzte das altvertraute Funkeln auf.
»Soll ich auch deine Vorhänge öffnen?« Ich beugte mich zu ihr hinüber. Als sie mit dem Fächer nach meiner Hand schlug, sah ich endlich wieder den Teufel in ihr. Schmunzelnd hielt ich ihren Fächer fest. Vorhin bei Graf Barbier hatte sie so einstudiert gelächelt, dass ich befürchtet hatte, meine kleine Piratin Jette wäre für immer verschollen.
»Lass los!« Aus ihrer Hochsteckfrisur fiel eine gepuderte, blonde Locke vor ihr funkelndes Auge. »Oder ich sage Alix, dass du letztens wieder seine Ringuhr genommen hast.«
Ich zögerte. Doch ich verzog den Mund und lockerte meinen Griff.
»Ha!« Unnötigerweise entriss sie mir den Fächer und lehnte sich zurück.
Mein Blick wanderte zum Fenster. Diesen Ausruf hatte ich ewig nicht mehr gehört. Er stammte von einer Liliette, die noch auf meinen Rücken gesprungen war, um einen Holzdegen gegen Alix zu zücken. Meine Finger drehten an meinem Siegelring, als könnte ich so die Zeit zurückspulen. Über den vorbeirauschenden Feldern erreichte die Sonne nach und nach ihren Zenit. Währenddessen verdrängte der Klang der Vergangenheit, dass wir uns mit einem fremden Mann getroffen hatten, um Liliette wie eine Vase zu verscherbeln.
Inzwischen hatte sie sogar die Füße auf meine Sitzbank gelegt. Ich musste es jetzt versuchen, einen besseren Moment würde es nicht geben.
Bedachtsam stützte ich die Unterarme auf meine Knie. »Du weißt, dass du das nicht machen musst.« Mein Tonfall klang verkrampfter als geplant.
Langsam setzte sie die Füße ab.
Ich öffnete den Mund, wollte die Vergangenheit festhalten. Aber als sie den Fächer aufklappte, war alles verloren.
»Ja«, sagte sie. »Ich könnte mich auch so egoistisch verhalten wie du und Alix.«
»Wieso sind wir egoistisch, wenn wir unser Leben nach unseren Wünschen ausrichten?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich verstehe einfach nicht –«
»Ganz genau, du verstehst es nicht«, sagte sie schrecklich höflich. »Du bist damit beschäftigt, dich allen Verpflichtungen zu entziehen. Aber ich will für dich da sein, für Alix, für Mutter – für Vater.«
Ich versteinerte. Sie wusste nicht, wovon sie redete. Von wem sie redete.
»Und Vreda sagte –«
Hoffnungslos schloss ich die Augen.
»Sie sagte«, wiederholte sie, »dass ich mich dafür nur so vornehm verhalten muss, wie ich erzogen wurde. Ich mache das Beste aus mir.«
»Natürlich hat Mademoiselle Bernau das gesagt.« Ich starrte Liliette an. Sie sah nicht aus und redete auch nicht wie meine Schwester. Schon gar nicht wie eine Dreizehnjährige. »Das Beste, das du aus dir machen kannst, ist also eine gehorsame Ehefrau?«
Unbeeindruckt erwiderte sie meinen Blick. »Du sagtest ja, dass du es nicht verstehst.«
»Mon Dieu, Jette! Dann heirate, wenn du es willst, aber heirate verflucht noch mal, wen du willst!«
Sie vereiste. Ehe ich noch ein Wort herausbrachte, kam die Kutsche zum Stehen. Schon öffnete sich die Tür und Liliette schob sich an mir vorbei.
Als sie elegant Brunos Hand nahm, warf sie mir noch einen kalten Blick zu. »Nenn mich nie wieder Jette.«
3Esmeray Weiß
Mera Schwarz. Ich hieß Mera Schwarz.
Wie eine Beschwörung wiederholte ich Vaters Legende zu meinem neuen Ich, während ich nicht mehr wusste, ob meine Füße mich trugen oder ich meine Füße. Die Bäume warfen bereits lange Schatten über die Kartoffelfelder. Mit ächzenden Gliedern zog ich aus meiner Schürzentasche den Zettel hervor, auf den Vater mir den Weg gezeichnet hatte. Weit zu meiner Rechten floss der Rhein und meine Heimat Bonn hatte ich schon lange hinter mir gelassen. Kein einziges Mal hatte ich zurückgesehen.
Jetzt war es nicht mehr weit. Ich schleppte mich in ein kühles Wäldchen und bog auf eine breite Auffahrt ab. Als sich die Bäume lichteten, entdeckte ich in der Ferne endlich das Haus.
Nein, die Villa.
Efeu rankte sich über hellbraune Steinwände mit dunkelgrünen Fensterläden. Auf einer Terrasse trugen mächtige Säulen einen Balkon, der sich zwischen dem linken und rechten Flügel aufspannte. Aus dunkelbraunen Dächern ragten Erker und etliche Kamine hervor.
Mein Mund wurde trocken, als ich die von kegelförmigen Büschen gesäumte Auffahrt entlangschritt. Ich richtete mich auf, strich meine zerzausten Haare in die Flechtfrisur zurück. Mutters uraltes Baumwollkleid klebte an mir und auf meiner Haut ziepte unadeliger Sonnenbrand. Selbst wenn ich im Winter kalkweiß wie Vater war, bräunte ich im Sommer schnell. Und für den Weg hierher hatte ich keine Kutsche mit Vorhängen gehabt.
Ich schüttelte den Kopf. Diese Gedanken waren falsch. Mir und allen anderen sollte nur wichtig sein, dass ich für die Arbeit taugte.
Doch selbst darüber musste ich lügen.
Das Haus wuchs weiter in die Höhe und seine Fenster musterten mich scharf. Zögerlich betrat ich den Hof, der sich bis zur Villa erstreckte. Gescharre und Gestampfe drangen aus einem geschlossenen Stall am linken Hofrand. Ihm gegenüber auf der rechten Hofseite stand ein ähnliches Holzgebäude, nur die Fensterchen deuteten auf Zimmer für Personen hin.
Leise schnaubte ich. Eine Stallung für Menschen.
Von diesen war aber niemand in Sicht, um mich in Empfang zu nehmen. Mit gestrafften Schultern betrat ich die Steinterrasse und lief zwischen den mächtigen Säulen hindurch. Doch als sich die dunkelgrüne Haustür öffnete, erstarrte ich.
Ein Ärmel erschien. Ein hellblauer Ärmel.
Ohne nachzudenken huschte ich hinter eine Säule. Mit dem Rücken presste ich mich an den Stein. Die Tür fiel klackend ins Schloss.
»Madame Weiß?«
Allah kahretsin!
»Nein«, war das Einzige, das mir einfiel, und ich wünschte mir einen Blitzschlag herbei, der mein Ich von heute Morgen in Flammen aufgehen ließ.
»Madame Weiß, was tut Ihr hier?«
Was zur Hölle tat er hier?
»Tut mir leid, Comte«, jetzt verwendete selbst ich die französische Formel, »Ihr müsst mich verwechseln.«
Das Klacken seiner Absätze hallte vom Steinboden wider. Hastig lief ich um meine dicke Säule herum.
Er schnaubte. »Ihr seid eine merkwürdige Person, Mademoiselle – pardon, Madame. Spielt Ihr Spiele mit mir, ist es das?« Seine Schritte beschleunigten sich.
Mir blieb nichts anderes übrig, als schneller um meine Säule zu eilen. Mein Herz raste. Ich konnte doch nicht ewig vor ihm weglaufen.
Heftig prallte ich gegen eine Person.
»Ah, merci«, sagte hinter mir der Comte. »Das wollte ich auch gerade machen.«
»Célian, was soll der Unfug?«, fragte der Neue im gelben Gehrock. »Störst du wieder eines unserer Dienstmädchen?«
Mit hämmerndem Herzen sah ich zu einem Gesicht auf, das so blass war wie Célians. Selbst die Züge waren ebenso weich und länglich, nur der Kiefer kantiger, die Nase etwas größer und die Haare in einem helleren Braun.
»Mais non, Alix, dieses Mal ist es umgekehrt«, erwiderte Célian. »Sie ist in Wahrheit mir nachgelaufen. Etwa … fünf Stunden lang?«
Sieben.
Ich brachte kein Wort heraus, während Alix mich ansah.
»Ihr gehört tatsächlich nicht zu unserem Personal.« Seine Stimme klang dunkler. Er musste vier, fünf Jahre älter sein als Célian. »Sagt, wie heißt Ihr?«
Natürlich war ich direkt den Söhnen des Hauses in die Arme gelaufen. Den Grafen Célian und Alexandre Cadieux.
Steif drehte ich mich zu Célian um und tat, was mir am meisten widerstrebte – ich flehte das arrogante Adelsblut mit meinen Augen um Hilfe an. »Mit Verlaub, ich kann Ihnen noch nie begegnet sein. Ich komme von weit her, habe gerade einen langen Marsch aus dem nördlichen Hagen hinter mir. Und um die Frage zu beantworten: Ich heiße Mera Schwarz.«
Célian holte Luft. Mein Herz krampfte. Ich musste diesen scheinbar deutschen Namen nennen, schließlich hatte ich darunter die Anstellung erlangt. Wenn Célian jetzt meinen richtigen Namen verriet, konnte ich die Arbeit und meinen Plan vergessen. Aber er schloss langsam den Mund und zog kaum merklich seine feinen Brauen zusammen. Leise atmete ich auf.
»Ich verstehe«, sagte Alix und ich wandte mich so, dass ich beide ansah. »Sie ist die neue Dienstmagd – der Ersatz für Helga.« Er funkelte Célian an.
Dieser lehnte sich schulterzuckend gegen die Säule, sein Blick ruhte weiter auf mir. »Es war eine schöne Zeit mit Helga. Aber es stört mich nicht, dass Mutter sie gefeuert hat.«
Gott, ich hatte ein herzloses Monster um Hilfe angefleht. Vermutlich spielte er nur mit, um mich bald zu erpressen. Oder um mich zu enttarnen, wenn es mir am meisten wehtat. Würden sie mich bei meinem Plan erwischen, half selbst mein falscher Name meiner Familie nicht mehr. Célian wusste, wo ich wohnte. Aber bis dahin schützte der Name zumindest noch mich. So wie die ausgezeichnete deutsche Aussprache vergeblich versuchte, Mutter zu schützen.
Alix verdrehte die Augen und wies mich an, ihm zu folgen. Célian wiederum ging uns beiden nach. Durch die Säulen führte Alix mich zurück auf den Hof und forderte mich auf, sein Wissen über meine Arbeitserfahrung aufzufrischen. Dass er mich nun duzte, schluckte ich hinunter. Das Spiel begann, und ich setzte meinen ersten Zug mit der französischen Anrede.
»Natürlich, Comte. Ich bin eine entfernte Cousine Eurer Köchin Irmgard Funk. Meine Eltern hatten eine Gaststätte namens Zum kleinen Flüsschen –«
Célian schnaubte leise. »Nicht eher Zum kleinen Wäldchen?«
Ich stolperte.
»Ruhe«, sagte Alix und schritt nach links zum Personalgebäude. »Mera, du wirst mich Graf Cadieux nennen.«
Natürlich scheiterte mein erster Zug. »Sehr wohl, Graf Cadieux. Ich half schon mit sechs Jahren bei der Wäsche, machte Betten, bereitete das Frühstück zu –«
»Jätete das Gemüsebeet?«
»Célian«, knurrte Alix. »Hast du nicht noch ein Pferd auszureiten?«
»Nein, eigentlich nicht.«
Zaghaft räusperte ich mich. »Somit wuchs ich in die Arbeiten einer Dienstmagd hinein und kenne mich vortrefflich aus.« Es kam leicht über meine Zunge, obwohl ich lediglich in die Welten von Tausendundeine Nacht oder Utopia hineingewachsen war.
»Wieso bist du dann hier?« Alix blieb vor der Tür des Personalgebäudes stehen.
Ich stockte. »Verzeihung, Comte?« Mein Mund wusste nicht mehr, welche Sprache er wählen sollte.
»Er meint, wieso du nicht bei deinen Eltern bist«, sagte Célian. In Alix’ Anwesenheit duzte er mich. »Zudem bevorzugt mein Bruder die Anrede Graf, mich kannst du aber Comte nennen.«
Ich schluckte. Ich hatte es gewusst. Er war eine große Katze, die mit ihrer Maus spielte, bis ihr die Lust verging und sie ihre Beute in einem Happs fraß.
Alix runzelte die Stirn. »Nein, das meinte ich nicht. Also gut, das Erste meinte ich. Wieso arbeitest du nicht bei deinen Eltern?«
Mein Blick sank auf die gelben Muster in Alix’ Weste. »Meine Eltern starben im Frühling«, flüsterte ich.
»Ach ja?«, machte Célian. Er hatte genau gehört, wie Vater mich Tochter genannt hatte.
Alix sah ihn strafend an. »Entschuldige meinen Bruder. Mein Beileid für den Verlust.« Schon wandte er sich ab und rief in dem Personalgebäude nach einer Gertrud.
Betend, dass meine Worte keine bösen Geister heraufbeschworen, trat ich von einem Bein aufs andere. Célian lehnte sich an die Hauswand und Alix sah stur an mir vorbei.
»Es ist sehr freundlich, dass Ihr mit mir wartet, Graf«, sagte ich vorsichtig. »Darf ich fragen, ob ich vielleicht auch etwas für Euch …«
Alix’ zusammengezogene Brauen brachten mich zum Schweigen. »Schleim dich ja nicht bei mir ein. Ich kann das nicht leiden.«
Da waren wir schon zu zweit.
Ich hielt den Atem an, während er sich an Célian vorbeischob und zwischen Villa und Personalgebäude verschwand.
»Ach, ist er nicht ein Menschenfreund?« Célian sah ihm schmunzelnd nach.
Im Türrahmen erschien eine Frau mit graublonden Haaren, die unter ihrer Haube verschwanden. »Comte.« Sie knickste. »Ich dachte, ich hätte Euren werten Bruder gehört.«
»Er ist nicht der Geduldigste.« Célian wies auf mich. »Gertrud, du sollst unsere neue Magd einweisen.«
Sie nickte, winkte mich hinein und ich flüchtete über die Schwelle in das stickige Dämmerlicht. Doch Célian folgte mir. Gertrud hob die Brauen, ging aber widerspruchslos voraus. Sie zeigte mir den Hinterausgang, der zu den Feldern und einem Brunnen führte. Sobald Besuch auf dem Anwesen war, durften wir nur diese Tür und die Seiteneingänge der Villa nutzen – die Hausdame ließ mich alles wiederholen.
»Dieser Ausgang taugt aber auch zum Hinausschleichen, habe ich gehört.« Célian trat neben uns und sah verträumt aus der geöffneten Tür. »Nimmt man den linken Weg, gelangt man zu einem romantischen Pavillon. Man muss nur aufpassen, dass nicht schon jemand anders darin sitzt.«
Gertrud räusperte sich. »Die Treppe hinauf geht es zu deinem Zimmer.« Sie zog die Tür zu und ich folgte ihr eilig den Flur zurück.
Célian schlenderte uns nach, seine Finger streiften über die Holzwände.
»Die Männer wohnen unten, die Frauen oben.« Sie schritt die steile Treppe hinauf. »Mit nassen Schuhen musst du hier aufpassen.«
»Auch sonst solltest du achtgeben, denn diese Stufe da«, sagte Célian und unter meinem Fuß knarzte das Holz, »kann dir schnell ein heimliches Rendezvous verderben.«
Gertruds Blick flog zu ihm.
Diesmal hob Célian die Hände. »Du hast recht, ich bin zu hilfsbereit. Kein Grund, Mutter davon zu erzählen.« Er wandte sich auf der Treppe um, sprang leichtfüßig die Stufen hinab und verschwand hinaus.
Leise atmete ich aus, aber meine verspannten Schultern wollten sich nicht lockern. Sie warteten beinahe sehnsüchtig darauf, dass Célian abdrückte. So lag sein Finger weiter auf dem Auslöser, spannte und lockerte, wie es ihm gefiel.
Gertrud führte mich zu einem mit Vorhängen abgedunkelten Raum, vollgestellt mit etlichen Stockbetten. Langsam trat ich ein und erfuhr, dass hier die jüngeren Mägde schliefen. Auf einem Bett an der linken Wand lag ein Stoffstapel.
»Mach dich fertig«, sagte sie. »Ich schicke jemanden, um dich abzuholen.«
Es interessierte niemanden, dass die Cadieux’ mich erst für morgen einbestellt hatten. Ich verdrängte meinen Stolz in die hinterste Ecke meines Geistes und lächelte.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Und halte dich von dem Comte fern. Ansonsten muss ich bald wieder eine neue Magd einweisen.«
4Liliette Cadieux
Anmutig zupften meine Finger an den Harfensaiten, während ich mein Lächeln gekonnt zwischen lieblich und keusch ausbalancierte. Nicht einmal die Notenblätter benötigte ich. Mein Blick huschte stattdessen zu Mutter. Sie saß im Profil zu mir auf einem ihrer weißen Sofas. Ihren weichen Kiefer presste sie hart aufeinander, sah abwechselnd aus dem Fenster und in ihr Buch.
Meine Rücken drückte sich weiter durch. Früher hätte ich mich nie so verhalten. Ich war eher ein dickköpfiger Bursche gewesen anstelle eines süßen Mädchens und Mutter hatte mich machen lassen. Sie war viel zu beschäftigt gewesen, mit Alix zu diskutieren. Später mit Célian. Aber jetzt war ich dreizehn. Jetzt hatte Mutter auch für mich Pläne.
Mein Herz wurde warm und ich zog noch sanfter an den Saiten.
»Sehr schön, Fräulein Liliette«, sagte Vreda. Im Weißen Salon war ihre Stimme nie lauter als ein Raunen. Dennoch blickte ich zu Mutter. Aber sie sah reglos in ihr Buch.
Ich nagte an meiner Wange, während Vreda eine Notenseite umblätterte. Ich sollte von Mutter nicht zu viel verlangen. Wenn ich mit Graf François Barbier eine Familie gründete, würde er auch nicht ständig neben mir sitzen und mich loben. Mir würde es genügen, zu wissen, dass er sich um seine Arbeitsstätte junger Perückenmacher an der französischen Grenze kümmerte. Unterdessen würde ich mit meiner Schwägerin Harfe spielen oder stundenlang mit seiner Mutter Tee trinken. Diese hatte mich zwar ma petite fille genannt, doch ihre kleinen Augen hatten so gestrahlt, dass ich gern für sie ihre Enkelin war. Obwohl ich ihre Schwiegertochter werden sollte.
»Perfekt.«
Diesmal zuckte ich bei Vredas Stimme zusammen. Ich sah zu Mutter. Wieder nichts.
Offensichtlich war ich nicht perfekt. Noch vorgestern hatte ich versehentlich meinen Ärmel in Marmelade getunkt. Vor einigen Wochen hatte ich mich unschön mit Célian gezankt. Und natürlich war da vor ein paar Monaten die Sache mit Alix’ Degen gewesen.
Ich war abgerutscht und hatte mir vom Knie bis zum äußeren Knöchel ins Fleisch geschnitten. Mit schneeweißem Gesicht hatte Célian seinen Degen ins Heu fallen lassen. Als zwischen den Hautlappen meine Kniescheibe hervorblitzte, kippte er einfach um – während ich regungslos dastand, auf das Blut blickte und darauf wartete, dass jemand kam. Dass Mutter kam.
Doch es war Alix gewesen, der mir den blutigen Degen abgenommen hatte.
Ein Tippen an meinem Arm. »Fräulein, ihr spielt zu langsam.«
Ich blinzelte die goldene Harfe an. Mein Herz pochte, als ich neu ansetzte. Ich war noch nicht perfekt. Aber das würde ich sein. Und dann würde Mutter aufsehen.
Mein Blick huschte wieder zu ihr. Sie starrte noch immer in ihr Büchlein. Wenn wenigstens auch sie etwas Wichtiges zu tun hätte.
»So willst du deinen Zukünftigen beeindrucken?«
Bei Célians Worten schreckte ich auf und neben mir auch Vreda. Eigentlich müsste es albern aussehen, wie Vreda sich vor jemandem erschreckte, der mindestens einen halben Kopf kleiner war – das waren alle. Aber die Bewegungen meiner Lehrerin erinnerten mich immerzu an diese Giraffen aus meinen Unterrichtsbüchern. Auf den Zeichnungen sahen sie so grazil aus, als könnten sie mit ihren langen Beinen über Glas laufen.
»Das Stück ist neu für Eure Schwester«, sagte Vreda. »Sie schlägt sich ganz wunderbar und wird sicher jeden Kandidaten bezaubern.«
Vreda log oft für mich. Doch heute stachen ihre Worte in meinen Ohren. Auch ihre Hand, die sie auf meine Schulter legte, piekte auf meiner Haut. Ich wollte eine feste Umarmung. Ich wollte die Harfe nehmen und zu Boden werfen.
Aber nicht einmal dann würde Mutter aufsehen. Während mein Herz so fest klopfte, dass es schmerzte, zwang ich mich zu einem schlichten Lächeln.
Célian musterte mich. Er hasste es, wenn ich schwieg. »Ja, Mademoiselle Bernau, schlagen konnte sie sich schon immer gut.« Mit verspannten Schultern wandte er sich ab und sank auf eines der weißen Sofas.
»Fräulein Liliette«, sagte Vreda. »Ihr seid blass geworden. Geht es Ihnen nicht gut?«
Ich sah zur Harfe. »Mach dich nicht lächerlich. Du musst die Seite umblättern.«
Sie zögerte. Niemand würde sie rügen, wenn sie mich zur Ordnung rief. Allerdings sah auch niemand her. Also blätterte sie um und ich setzte wieder an. Jeder Schlag meines Herzens vibrierte so deutlich wie die Saiten an meinen Fingern. Vreda hatte das nicht verdient. Sie sorgte dafür, dass ich zu einer guten Partie wurde. Wie Mutter es wünschte.
Meine Lunge glaubte, keine Luft zu bekommen. Ich drängte meinen Atem zur Ruhe. Nur entfernt nahm ich wahr, wie Célian Mutter fragte, ob sie sich noch an den einsamen Mann aus Lechenich erinnerte. Ihre Antwort ging in meinem dröhnenden Herzschlag unter. Gezwungen langsam atmete ich aus. Wenn ich mich wie ein nervliches Wrack verhielt, würde ich tatsächlich niemanden beeindrucken. Ich schaffte nur zwei Takte, bis meine Lunge nach Luft lechzte. Die Töne verschwammen. Meine Finger spürten die Saiten nicht mehr. Ein unsichtbares Zittern durchlief meinen Körper.
Etwas stimmte nicht. Ich würde sterben. Gleich hier und jetzt. Ich würde einfach mit den Händen an der Harfe zusammenbrechen.
»Du verspielst dich.« Alix’ Stimme dröhnte durch meinen Sog und ich sprang auf. Mein Stuhl fiel um. Vreda machte einen anmutigen Schritt zurück.
»Stell ihn wieder auf«, stieß ich hervor. »Ich bin für heute fertig.« Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich an Vreda und Alix vorbeischob und zur Tür schritt.
»Alexandre«, sagte Mutter. »Ich brauche den Wochenbericht.«
Ich trat auf den Flur und die Stimmen verklangen. Einzig Vreda folgte mir wie mein Schatten. Aber den Kampf mit meinem Herzschlag bestritt ich allein.
Ich würde perfekt sein.
5Esmeray Weiß
Wenn mein Häubchen noch einmal verrutschte, würde ich einen Mord begehen.
»Du musst es richtig feststecken.« Entnervt trat Aenlin zu mir und ich senkte meine verkrampften Hände. Der feine Stoff meines Kleides fühlte sich auf meiner überhitzten Haut noch immer ungewohnt glatt an.
»Feinste Baumwolle.« Trotz ihres abweisenden Tons schien Aenlin mich zu beobachten. Sie zog eine Nadel aus ihrer Haube, unter der orangerote Haare hervorlugten. »Wir haben großes Glück mit dieser Familie«, nuschelte sie mit der Nadel zwischen den Lippen, während sie meine Haare zurückstrich.
»Ich danke dir«, murmelte ich. Meine Hände wanderten über meine dunkelbraune Schürze und das hellbraune Kleid. Der Stoff war so ebenmäßig. Dennoch dankte ich lieber Aenlin als dieser Familie.
»Eigentlich wollte ich dich hassen«, sagte sie leise.
Und ich überdachte meine Entscheidung.
»Aber wie du mir nachdackelst und bei jedem Raum so große Augen machst …« Schulterzuckend steckte sie die Nadel fest. »Vermutlich habe ich Mitleid mit dir.«
»Ich dackle dir nicht nach.« Stirnrunzelnd löste ich mich und bezog das letzte Kissen neu. Mein Rücken schmerzte als wären nicht Stunden, sondern Jahrzehnte vergangen. »Ich kenne mich hier einfach nicht aus.«
»Du kennst dich wohl mit gar nichts aus.« Sie nahm das bezogene Kissen hoch und klappte erst die Decke auf, sodass man gleich ins Bett steigen konnte. »Wen hast du für diese Anstellung bestochen?«
Eine Köchin.
»Wieso wolltest du mich hassen?«, entgegnete ich und zog an den Vorhängen. Ein Fenster zeigte aus dem ersten Stock zur linken Seite der Villa. In einem Rund aus Büschen stand ein Brunnen und weiter links suhlten sich Schweine in den letzten Sonnenstrahlen.
»Wegen Helga. Wir sind hier sozusagen aufgewachsen.« Aenlin nahm den geleerten Korb und ich lief ihr mit dem Wäschestapel nach. »Sie war elf und ich zwölf, als wir mit der Fütterung der Tiere anfingen. Dein Bett war ihr Bett.«
An dem Türknauf stockte meine Hand. Im Dämmerlicht funkelten Aenlins Sommersprossen, während sie überraschend verträumt die grüne Tapete mit den Störchen und Papageien musterte. Betreten spielten meine Finger mit dem goldenen Knauf.
Jäh schwang die Tür auf und riss mich in den Flur. Der Wäschestapel rutschte aus meinen Händen und ergoss sich über eine kleine Person.
Aenlin schnappte nach Luft und zerrte mich auf die Knie. »Pardon, Fräulein Cadieux! Ich habe nicht aufgepasst!«
Irritiert sah ich auf die grünen Schühchen, die zwischen den Laken hervorlugten und enorm an die Tapete erinnerten. »Nein, mir tut es leid, Madame. Ich hätte nicht –«
»Madame?« Ihr Ton war ruhig und majestätisch. Ich war froh, dass sie mich unterbrach, denn ich wusste gar nicht, was ich hätte anders tun sollen. Schließlich konnte ich nicht durch Wände sehen.
»Verzeihung?«, brachte ich heraus und wagte einen Blick. Ich stockte. Sie war noch ein Kind. Perfekte, blonde Locken rollten sich zu einer Hochsteckfrisur und ein Rüschenband zierte ihren weißen Hals.
Ihre hellgrünen Augen starrten mich jedoch eisig nieder. »Es heißt Mademoiselle! Ich bin nicht verheiratet – noch nicht. Aber du nennst mich gefälligst Fräulein oder Komtess. Und jetzt hock nicht so unnütz herum!«
Worte krochen auf meine Zunge und ich biss die Zähne zusammen. Aenlin entschuldigte sich erneut, während sie die Sachen zusammenraffte. Ich half ihr. Noch ehe wir ganz auf dem Flur waren, drängte Fräulein sich an uns vorbei und schmiss krachend die Tür zu. Ich blickte auf das dunkle Holz.
»Nicht zu lange auf den Fluren aufhalten.« Aenlin zog mich den vertäfelten Gang hinab. Als sie in der Wand verschwand, hätte ich schwören können, dass dort zuvor keine Tür gewesen war. In dieser Villa waren sie kaum sichtbar in die Tapeten eingelassen und führten in schmucklose Flure, die sich zwischen den Wänden versteckten.
»Bloß nicht gesehen werden.« Murrend ließ ich die Wäsche in den Schacht in der Steinwand fallen. »Unsere Armut könnte ansteckend sein.«
»Wir sind nicht arm.« Aenlin tauschte ihren leeren Korb mit einem der vollen aus, die wir hier zuvor abgestellt hatten, und wandte sich nach links. Ich versuchte, ihr diesmal nicht nachzudackeln – nach drei Wendeltreppen hinauf und hinab klebte ich an ihren Fersen. Dass wir nicht arm waren, wusste ich selbst, aber diese Villa zwang mir die Annahme geradezu auf.
»War das Mädchen Liliette Cadieux?« Mein Blick streifte die kahle Steinwand, die zwei Gesellschaftsklassen voneinander trennte. Das adelige Biest genoss sicher Privatunterricht, wohingegen Aenlin und Helga wohl nie eine Schule von innen gesehen hatten.
»Komtess Cadieux, die jüngste der Familie. Früher war sie ein kleiner Teufel mit einem goldenen Herzen, aber über die Jahre …«
»Hat sie ihr Herz verloren?«
»Sie hat es schwer.«
»Oh, sicher. Die Schuhe sahen untragbar aus und dieses Kleid aus Brokat und Goldfäden ebenfalls.«
Aenlin seufzte. »Du hast keine Ahnung, wie viel Wahrheit in deinen Worten steckt.«
»Wie bitte?«
»Prunk kann schwer auf den Schultern eines so jungen Mädchens lasten, das obendrein ohne Vater ist, die Verbindung zu den Brüdern verliert und von der Mutter nicht viel mehr beachtet wird als ein Staubkorn.«
Ich öffnete den Mund, doch mein Kopf war wie leergefegt. Nur das Geräusch unserer abgewetzten Absätze hallte vom Gestein wider. Hinter meinen Lidern verwandelte sich Liliettes grüne Tapete in die Stäbe eines goldenen Käfigs.
Ich blinzelte. Hayır, ich würde jetzt nicht mit diesen Cadieux-Geschwistern sympathisieren. Stattdessen musste ich endlich damit beginnen, wofür ich hergekommen war. Auch wenn ich mein gesamtes Hab und Gut zu Hause gelassen hatte, reichte es für Mutter und Vater niemals aus.
Ächzend folgte ich Aenlin eine Wendeltreppe hinab. »Wieso tragen die Grafen des Hauses eigentlich keine Perücken?«
Sie öffnete eine der Türchen, lugte höflich in den Gang und wies mich an, ihr über den Flur in ein Zimmer zu folgen. Es hatte ebenso hohe Decken wie die beiden vorigen Gemächer.
»Der Graf hält sich nur hier auf dem Hof auf«, raunte sie und stellte den Wäschekorb ab. »Und der Comte weigert sich schlichtweg.«
»Aha.« Natürlich setzte Célian seinen eigenen Kopf durch.
Sie trat zu dem Bett, das wie bei dem vorigen Zimmer in der Mitte stand, jedoch ohne die bunten Tücher, die kunstvoll über Liliettes Bettpfosten drapiert waren. Am Kopfende lag ein einziges Kissen. Auch die Oberflächen der Kommoden und des Schreibtisches waren nicht von kleinen Giraffen oder Elefanten bedeckt wie bei der Jüngsten – sie waren völlig leer. Nur auf dem Nachttisch stand ein dunkler Blumentopf, aus dem sich eine junge Pflanze erhob.
»Also, du kennst das nun.« Aenlin stockte. »Wo ist der Wäschekorb?«
Ich musterte den Korb, der neben der Tür stand. Den musste sie doch sehen.
Sie schnalzte mit der Zunge. »Ich weiß, dass da einer steht, ich meine aber deinen Korb! Meiner hier ist für die Gräfin. Ihre Kinder bekommen ihre eigene Wäsche.«
»Oh, Mist, ich wusste nicht – ich hole ihn sofort.«
Ehe ich an der Tür war, hielt sie mich auf. »Findest du denn zurück?«
Ich erstarrte. Ich wollte wirklich, wirklich nicht zwischen den Wänden dieser Villa verloren gehen und von einem Dienstboten als Skelett wiedergefunden werden. Mit großen Augen sah ich sie an.
Sie schnaubte. »Zieh das Laken ab und mach keinen Unsinn!« Damit ließ sie mich allein und ihre Schritte verklangen auf dem Flur.
Mit betretener Miene trat ich zum Bett. Schlagartig richtete ich mich auf und blickte zur Tür. Niemand zu sehen. Auf dem Parkett des Flurs würde ich jeden Schuhabsatz schon von Weitem hören. Und das war jetzt umso wichtiger, da Célian wusste, wo ich wohnte.
Mein Herz flatterte nervös und abenteuerlustig zugleich. Mein Blick streifte durch den Raum. Niemand sollte etwas vermissen. Ich musste den Ort finden, an dem der Bewohner dieses Zimmers materiell wertvolle, aber emotional unwichtige Gegenstände aufbewahrte.
Ratlos zog ich die Schublade des Nachttisches auf. Nur ein Buch, auf dem in großen Lettern Achill stand. Darunter lugte ein Heftchen hervor. Hayır, weiter zur nächsten Kommode. Grüne Hosen, gelbe Westen, rosafarbene Kniestrümpfe. Auch im Schrank neben dem Fenster war nichts anderes zu finden und der Schreibtisch, der mitten im Raum stand, bot nur Tintenfässer, Schreibfedern und etliche Blätter Papier. Damit konnte ich in achtzehn Tagen doch kein Haus retten!
Ich schloss die Schublade und machte mich widerstrebend an Laken und Kissen. Als ich die Wäsche auf den Boden warf, rasselte etwas.
Nur kurz. Nur ganz leise.
Stirnrunzelnd sank ich auf meine schmerzenden Knie und tastete unters Bett. Hinter einer Ecke des bodentiefen Nachttisches erfühlte ich eine dünne Kette. Der Luftzug der fallenden Wäsche musste sie bewegt haben. Behutsam zog ich sie hervor und hielt sie in die Höhe. Von ihren feinen Gliedern baumelte ein Medaillon.
Atemlos beobachtete ich, wie das Abendlicht auf dem schweren Gold glänzte. Drei Blüten einer Gladiole waren über einem C eingraviert.
In dem goldenen Schimmer sah ich, wie Mutter noch in Jahrzehnten auf der Bank unter dem Wohnzimmerfenster ihre Bücher lesen würde. Wie Vater ihr abends auf der Saz vorspielen würde, die er eigens für sie gelernt hatte. Wie ich weiterhin neben ihnen Çay trinken würde.
Ich ließ die Kette in meinen Ausschnitt fallen. Ein Schauer überkam mich, als das kühle Metall meine Haut berührte. Es musste einem der Söhne unters Bett gerutscht sein. Wessen Zimmer das genau war, erkannte ich nicht. Er dachte sicher, er hätte es verloren. Ein Kribbeln breitete sich in mir aus.
»So läuft das bei Ihnen also?«
Mein Kopf flog zur Tür. Im Rahmen lehnte Célian. Die Schuhe hielt er locker in der Hand, trug an seinen Füßen nur die weißen Kniestrümpfe.
Das Kribbeln verwandelte sich in Nadelstiche.
Er stieß sich ab und kam auf mich zu.
Mit zittrigen Beinen rappelte ich mich auf. »Verzeihung?« Bloß nicht vorschnell etwas zugeben und um Gnade flehen.
Célian schnalzte mit der Zunge. »Immerzu bittet Ihr um Verzeihung, aber stets für die falschen Dinge.«
»Ich weiß nicht, was Ihr meint«, stammelte ich.
»Natürlich nicht. Seit Eurer Ankunft wisst Ihr generell nur noch sehr wenig. Wo Ihr herkommt, ob Eure Eltern lebendig sind oder tot, ob Euer Name Schwarz ist oder Weiß – wer ich bin.«
Er kam immer näher und alles in mir schrie danach, mit meinen letzten Kräften wegzulaufen. Doch nur mein Plan konnte meine Eltern vor diesem Herrn von Berger bewahren. Ohne mich würden sie nie den Wucher der nächsten Pacht bezahlen können. Ich musste standhaft bleiben.
»Was wollt Ihr von mir?«, brachte ich heraus.
Célian blieb stehen. Sein Schmunzeln breitete sich wieder auf seinen Lippen aus. Mit einem Schritt stand er direkt vor mir.
Ich wagte kaum zu atmen. Die sanftroten Sonnenstrahlen erleuchteten seine Augen – das linke graublau, das rechte graugrün. Er stand so dicht vor mir, dass ein Duft von Flieder in meine Nase stieg. Senkte er jetzt ein wenig den Blick, sähe er in meinem Dekolleté die Kette funkeln.
Dennoch konnte ich meine Füße nicht zur Flucht zwingen. Stattdessen richteten sich meine Schultern auf. Meine Augen hielten seinem Blick stand.
Sein Lächeln vertiefte sich. »Was ich von Ihnen will, das werden wir noch sehen«, raunte er. Dann wandte er sich ab und schritt zur Tür. Seine Finger strichen über den Rahmen, ehe er auf dem Flur verschwand.
Ich rang nach Luft. Meine Hand tastete zu meinem Ausschnitt. Doch ehe ich das Medaillon zurücklegen konnte, ertönten Schritte auf dem Flur. Diesmal deutlich hörbar. Aenlin kehrte mit dem zweiten Korb zurück.
6Célian Cadieux
Mit meiner Schreibfeder begann ich eine Wiedergutmachung für etwas, das ich noch nicht verbrochen hatte. Eine arrangierte Ehe für einen Rauswurf.
Ich tunkte die Feder in mein Tintenfass und schrieb:
Neumarkt, Köln.
St. Aposteln Kirche.
Freitag, 24. Juni 1768.
Mittagsstunde.
Wenn Ihr wollt, wird für Euch gesorgt werden. Ihre Zukunft könnte Ihren Wünschen entsprechen. Sucht jemanden mit einem roten Halstuch.
– Freya
Bei der Unterschrift konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die nordische Wanengöttin der Liebe und Ehe passte hier vorzüglich. Ich faltete das Blatt und schob es in die Innentasche meiner Weste. Jetzt war ich darauf vorbereitet, wenn Alix drüben sein Zimmer betrat. Und das würde nicht mehr lange dauern – seitdem er die Überwachung des Personals und der Ländereien übernommen hatte, ging er unglaublich früh zu Bett.
Ich zog ein neues Blatt heran, tunkte die Feder wieder ein und schrieb:
Neumarkt, Köln.
St. Aposteln Kirche.
Freitag, 24. Juni 1768.
Mittagsstunde.
Wenn Ihr wollt, wird für Euch gesorgt werden. Ihre Zukunft könnte Ihren Wünschen entsprechen. Tragt ein rotes Halstuch.
– Freya
Ich überflog den Text. Die Chancen standen gut. Schon letztes Jahr beim Kirchbesuch waren mir die Gemeinsamkeiten aufgefallen, als sich die hochgewachsene Frau zufällig mit dem einsamen Mann über verlorene Liebe unterhalten hatte.
Man könnte meinen, ich verhielte mich wie Mutter, indem ich im Hintergrund die Fäden zog. Doch anstatt daran ihre Kinder wie Marionetten herumzuführen, webte ich ein Band zwischen zwei Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschten.
Für den zweiten Zettel zog ich einen Umschlag heran. Zum Glück hatte Mutter mir lang genug ihre Aufmerksamkeit geschenkt, um mir die Adresse in Lechenich zu nennen. Ich steckte das Papier in den beschrifteten Umschlag und erhitzte roten Siegellack in einem Löffelchen. Aber mein Zeigefinger mit dem Siegelring zögerte. Die Gladiole mit dem C unserer Familie wäre zu verräterisch.
Vorsichtig legte ich den Löffel zurück in seine Halterung und stand auf. Nur auf Socken lief ich durch den Flur. In den Wandhaltern leuchteten schon die Kerzen und ließen ihr Licht von den Spiegeln vervielfachen. Ein paar Abbiegungen weiter klopfte ich an eine dunkle Tür.
»Nein!«, ertönte es aus dem Innern.
Ich runzelte die Stirn und öffnete.
»Ich sagte nein!«
Ein Kissen flog mir entgegen. Direkt vor meinem Gesicht fing ich es ab.
Zielen konnte sie schon immer.
»Du musst mir etwas leihen.«
Mit einem frustrierten Aufschrei warf Liliette sich zurück in die Kissen und riss die Decke über den Kopf. »Verflucht, nein!«
Ihre Vorhänge waren zugezogen und nicht eine einzige Kerze brannte. Nur vom Flur schien etwas Licht ins Zimmer. Ich tastete mich hinein, stieß prompt meinen Fuß an einer Kante und fluchte. Unter der Bettdecke ertönte ein Schnauben. Na, wenigstens darüber konnte sie noch lachen.
»Liliette, ich brauche einen deiner Motivstempel.«
»Ich habe keinen«, brummte sie.
»Allez, c’est sérieux. Es geht um einen Menschen, der … mir wichtig ist.«
»Um wen?«
»Kennst du nicht.« Selbst ich erkannte diese Person kaum wieder, obwohl ich mit ihr aufgewachsen war. »Sag mir nur, wo ich deine Stempel finde.«
Sie ließ ein paar Flüche los, bei denen Graf Barbiers Ohren geklingelt hätten. »In meinem Schreibtisch natürlich. Unterste Schublade links.«
Ich fand den Tisch und nahm die Schublade einfach heraus, um sie näher ans Licht zu halten. Kerzen, Feen, Döschen – und Stempel. Ich entdeckte einen passenden und schob die Schublade zurück.
»Parfait, danke.«
»Welchen hast du genommen?«
»Den mit dem Herzen«, sagte ich schmunzelnd. Eine arrangierte Ehe hatte meist wenig mit Herz zu tun, aber man durfte ja noch träumen. Der schwache Lichtschein vom Flur wies mir den Weg zur Tür.
»Wieso denn das? Etwa für eine neue Helga?«
»Mais non. Es gibt keine zweite Helga, sie ist ein Individuum.« Ich erreichte die Tür wie rettendes Ufer.
»Sag ehrlich, für wen ist der Stempel?« Liliettes Stimme ertönte klarer. »Für eine deiner Bediensteten?«
Ich grinste. »Eher für eine von deinen.«
»Célian!«
Hastig zog ich die Tür hinter mir zu. Als etwas dumpf dagegenprallte, lachte ich leise. Mein Blick wanderte den Gang hinab. Und langsam verging mein Lächeln.
Ich würde Liliette aus diesem Zimmer holen. Selbst hier auf dem Flur griffen die Regeln und Normen mit kalten Fingern unter der Tür hindurch nach meinen Fußknöcheln.
Ich riss mich los und lief zurück. Steif sank ich auf meinen Stuhl und starrte in die Flamme meines Kerzenständers. Wenn Alix nur schon volljährig und damit der Gutsherr wäre … Ihn könnte ich viel eher auf meine Seite ziehen als Mutter. Es war ohnehin unüblich, dass eine Frau einen Haushalt regierte.
Es sei denn, der Ehemann war verstorben.
Meine Finger zogen eine Zeitung heran und hielten sie an die flackernde Flamme. Gierig zerfraß sie das Papier. Ich drehte das Blatt, sodass die knisternde Hitze in die Richtung wanderte, die ich mir wünschte. Als könnte ich etwas beeinflussen.
Ich blinzelte.
Ich konnte etwas beeinflussen. Nicht auf direktem Wege, wie ich es wollte. Aber es gab ja noch andere Pfade.
Die Flammen leckten an meinen Fingern und rasch drückte ich sie am Metall des Kerzenständers aus. Ich nahm das Löffelchen und erwärmte den Siegellack erneut. Zähflüssig tropfte er auf die Kante der Briefklappe. Der Stempel passte perfekt.
7Alexandre Cadieux
Nach dem Gespräch im Weißen Salon war ich wieder einmal kurz davor, meine Sachen zu packen und loszulaufen. Nur die Natur, ich und –
Ich wischte die Gedanken beiseite, stellte die Nachtkerze auf meinen Schreibtisch und warf Gehrock und Weste auf den Stuhl. Um mich zu beruhigen, musste ich nicht abhauen. Zumindest nicht länger als eine Nacht.
Neben meinem Nachttisch legte ich mich rücklings auf den Teppich und tastete unter meinem Bett nach dem versteckten Seil. Meine Finger waren schrecklich ungeduldig. Dass die Sonne im Sommer so spät unterging, war eine Qual. Endlich löste sich das Seil von der Holzplatte, ich rappelte mich auf und schob die Vorhänge auseinander. Aus der Wand ragte die Öse für das Vorhangsband, die ich letzten Herbst durch einen massiven Metallring ersetzt hatte. Ich hängte die Schlaufe meines Seils ein – und stockte.
Wie konnte ich das vergessen? Schnell wandte ich mich um, trat am Nachttisch vorbei und meine Finger wanderten über die Blätter der jungen Pflanze im Blumentopf. Erneut kniete ich mich neben das Bett und fühlte um das Tischchen herum.
Meine Hand stieß auf Leere.
Jede Faser meines Körpers vereiste. Ich tastete den Boden ab, überprüfte die Außenwand des Nachttisches. Meine Finger streiften sogar über meinen Hals, doch natürlich trug ich die Kette nicht.
Feigling, schalt mich eine innere Stimme. Ich zog den Nachttisch zur Seite, holte die Kerze heran. Wachs tropfte auf den Boden, während ich beinahe mein Bett abfackelte.
Nichts.
Ich sprang auf. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.
Mit der flackernden Kerze in der Hand stürzte ich aus dem Zimmer und eilte durch den Flur. Im Vorbeigehen ließ ich sie auf einer Kommode stehen. Nach einem viel zu langen Weg riss ich eine Tür auf, hoffend, dass er gerade keinen Besuch hatte.
Doch Célian saß mit dem Rücken zu mir an seinem Schreibtisch, die Füße auf den Tisch gelegt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. »Mon frère«, sagte er pathetisch, ohne sich umzudrehen.
Ich stürmte zu ihm und ignorierte, dass er mich ohne einen Blick erkannte. »Du musst mir helfen!«
»Ach so?« Mit einem Lächeln sah er auf.
»Lass den Unsinn, Cèl, es ist ernst. Ich wurde beklaut.«
Genüsslich streckte er die bestrumpften Füße auf dem Tisch. »Was habe ich damit zu tun? Oder denkst du, ich war es?«
Meine Stirn legte sich in Falten. »Warst du es?«
»Nein.«
»Mon Dieu, ne me fais pas perdre mon temps!« Meine Hände fuhren durch mein Haar. »Du hast von uns am meisten Kontakt zu den Bediensteten, also – wer war es?«
Er schmunzelte. »Es schmeichelt mir, dass du meine Fähigkeiten so schätzt. Doch ich kann nicht hellsehen.«
Ich stöhnte auf.
»Aber«, sagte er, »ich weiß, wo du suchen solltest.«
8Esmeray Weiß
Mein Blick klebte an meinem Kleiderstapel. Fein säuberlich reihte sich unsere Garderobe auf einer Bank auf, darunter unsere Schuhe. Als ich mitsamt dem platten Kopfkissen näher zur Matratzenkante rückte, knarzte das Hochbett und unter mir brummte Aenlin. Ich biss mir auf die Lippe. Auch auf der anderen Raumseite knarrte es. In der Dunkelheit erkannte ich nur zwei der acht Stockbetten.
Dichte Wolken waren vor die abnehmende Mondsichel gewandert, sobald ich mich endlich mit Aenlin zum Personalgebäude geschleppt hatte. Es war ein Nervenakt gewesen, die Kette in meinem Stapel zu verstecken, ehe ich mir schwerfällig den Schweiß des Tages abgewaschen hatte. Beim Anblick der schlafenden Mägde hatte Aenlin mir auch noch zugeflüstert, dass sie sonst zügiger arbeitete – ohne mich.
Seitdem ich im Nachtkleid das Bett erklommen hatte, erschien mir mein Diebesgut so unauffällig platziert wie eine Axt auf einem Teeservice. Wenn die Kette nun hinunterfiel oder hervorlugte? Ich war eine schreckliche Diebin.
Ungehalten schob ich das dünne Laken weg, das es geschafft hatte, sich aufzuheizen. Wenn es zu Hause nachts zu heiß war, öffneten wir alle Fenster und Türen, legten uns im Flur auf den Boden und genossen den Durchzug. Eines Morgens waren wir aufgewacht, weil ein Dachs unseren Vorratsschrank durchwühlt hatte. Und einmal hatte uns das Scharren von Wildschweinhufen geweckt, die glücklicherweise wieder davongetrappelt waren. Mutter hatte sich dennoch geweigert, einen Zaun um das Grundstück zu ziehen – mit Ausnahme des Teils, den die Wildschweine in einen gemüsigen Friedhof verwandelt hatten.
Meine Eltern durften ihr Zuhause nicht verlieren. Ich schloss die Augen, presste meine Hände in das piksende Kissen und drängte die Tränen zurück. Sicher hatte Célian nichts bemerkt. Wir waren allein gewesen. Die Chance, auf mir herumzuhacken, hätte er sich nicht entgehen lassen.
Gezwungen ruhig atmete ich aus. Gott, wie viele Fehler hatte ich heute begangen. Morgen würde ich ein besseres Versteck suchen und mir mit diesen Adeligen keine Fehler mehr erlauben.
Ich würde meine Eltern nicht im Stich lassen.
Ein entferntes Rascheln drang an meine Ohren. Unverständliche Stimmen.
Meine Lider waren schwer wie Steine. Als ich sie mühsam öffnete, fiel Mondlicht ins Zimmer und tauchte die mittleren Betten in fahlen Glanz.
Träge rieb ich meine Augen. Ich musste eingeschlafen sein.
Die Stimmen wurden deutlicher. Sie waren direkt in diesem Raum.
»Aber Graf Cadieux!«, entfuhr es einer Magd.
»Mir bleibt keine Wahl. Verhaltet euch ruhig und lasst mich das schnell erledigen.«
Mit schwammigem Kopf und steifen Muskeln drückte ich mich auf einen Ellbogen. Kerzenschein wanderte durchs Zimmer. Immer wieder wachte eine weitere Magd auf, schnappte nach Luft und riss sich die Decke bis unters Kinn.
»Ihr hebt jetzt alle euer Kissen in die Höhe. Dann bewegt sich niemand mehr. Achte darauf, Cèl.«
»Aber natürlich«, ertönte es in meiner Nähe.
Mit einem Ruck saß ich aufrecht. Am Fenster neben mir leuchtete silbrig der Umriss einer Gestalt. Als sie zu mir sah, wanderte das Mondlicht über ihr Gesicht und erhellte ihr Lächeln.
»Das nehme ich dann wohl.« Célian zog mein Kopfkissen von der Matratze. Auf der anderen Zimmerseite überprüfte Alix die Kissen.
»Was ist hier los?« Meine Stimme klang fordernder, als ich mutig war.
»Ihr habt die Ankündigung verschlafen, Madame«, sagte er leise. »Meinem Bruder ist etwas aus seinem Zimmer entwendet worden und ich habe ihn darauf hingewiesen, dass nur die Kammerzofen Zutritt zu unseren Gemächern haben.« Er senkte die Stimme zu einem Wispern. »Wisst Ihr, Madame, dass Ihr Dekolleté von Zeit zu Zeit zu glitzern gedenkt?«
Mein Blut sackte aus meinem Kopf. Das Bett schwankte unter mir.
Seelenruhig tastete er mein Kissen ab, und als er nichts fand, glitt sein Blick durch den Raum. »Aha.« Ehe ich ihn aufhalten konnte, drückte er mein Kissen an seine Brust wie ein Kleinkind, das seine Schmusedecke überallhin mitnahm, und schlenderte zur Bank. Seine linke Hand streifte beiläufig über die Stoffe. »Alix, du solltest die Kleider nicht vergessen.«
Mir wurde schlecht. Sein Bruder nickte und klopfte noch die restlichen Kissen ab. Er trug lediglich Hemd und Hose. Keiner einzigen Magd sah er in die Augen, legte nur immer wieder das Kissen vorsichtig auf die Matratze zurück, als könnte es seine Tat ungeschehen machen.
Zielsicher hatte ich den ihm wohl wichtigsten Gegenstand geklaut. Ich konnte mich gleich aus dem Fenster stürzen. Oder … Mein Blick huschte zur Tür. Nein, Célian wusste, wo ich wohnte. Und die Katze hatte entschieden, dass es Zeit war, der Maus das Genick zu brechen.
Mit flatterndem Herzen sah ich zu, wie Alix Aenlins Kissen zurücklegte. Da ich keines mehr hatte, trat er zu den Kleidern. Célian kehrte zurück und lehnte sich erneut neben meinem Bett ans Fenster, während Alix auf der hinteren Raumseite am ersten Paar Schuhe rüttelte. Bei jedem zurückgelassenen Stapel atmete eines der Mädchen auf. Als befürchteten sie, er würde etwas finden. Himmel, ich hatte sie alle in Gefahr gebracht. Jede von ihnen könnte ebenfalls etwas eingesteckt haben.
Ich krallte meine schweißnassen Hände in das Laken. Wenn ich jetzt einschritt, würden sie mich verdächtigen. Lief ich weg, würden sie mir auf Pferden folgen. Und blieb ich … Würden sie mich anklagen? Auspeitschen?
Zwölf der sechzehn Stapel hatte Alix schon durchgesehen und mit jedem weiteren spielten die Kiefermuskeln an seiner Wange heftiger. Noch vier hatte er vor sich. Noch drei und er würde die Kette finden. Und alle wussten, welcher Stapel wem gehörte.
Unfreiwillig kreuzte mein Blick Célians. Es war zwecklos, das Monster anzuflehen, das gerade seine Zähne zeigte. Noch immer tanzte ein zufriedenes Schmunzeln über seine Lippen. Bis es langsam verblasste. Seine Miene verdüsterte sich. Als wäre er sauer, dass ich ihn so hilflos ansah. Alix rückte zum fünfzehnten Stapel und ich schwang die Beine aus dem Bett, war bereit, mit der Stirn an den Dielen um Gnade zu flehen.
Eine kühle Hand legte sich auf mein bloßes Schienbein.
Mein Nachtkleid war bis über meine Knie gerutscht. Célian und ich merkten es gleichzeitig. Er zog die Hand fort und ich riss mein Kleid hinab, starrte ihn an. Aber er sah mich nicht mehr an. Mein Blick flog zurück zu Alix.
Der zum sechzehnten Stapel rückte.
Mein Herz stoppte. Sogar mein Atem wurde flach, als würde eine falsche Bewegung Alix veranlassen, zu Stapel fünfzehn zurückzukehren.
Er konnte die Kette nicht übersehen haben.
Ich blickte zu Célian.
Räuspernd erhob sich Alix vom letzten Stapel. Die Brüder sahen sich an und Alix musste nicht aussprechen, dass er nichts gefunden hatte.
»Es gibt nur noch eine Person, die oft in der Nähe der Gemächer ist.« Jede verschmitzte Freude war aus Célians Gesicht gewichen. Steif legte er mein Kopfkissen neben mich und verließ das Zimmer.
Ich starrte ihm nach. Célian hatte das gestohlene Medaillon gestohlen.
Alix folgte ihm, drehte sich an der Tür jedoch um und die Nachtkerze erleuchtete sein Gesicht. »Es tut mir leid«, sagte er mit fester Stimme, aber seine Schultern waren hochgezogen wie bei einem gerügten Jungen. Er zog die Tür hinter sich zu und nur noch der schwache Mondschein erhellte die Mädchen, die in den Betten saßen. Leise weinte eine und eine andere lehnte sich zu ihr.
Mein Herzschlag setzte heftig wieder ein. Auf meiner Haut brannte noch immer Célians düsterer Blick. Er konnte doch nicht eine Durchsuchung arrangieren, mich vor der Enttarnung bewahren und dann sauer auf mich sein!
»Wir sollten noch etwas schlafen«, sagte Aenlin sanft.
Während es raschelte, sank auch ich ins Bett und spürte wieder meine schmerzenden Glieder. Letztes Geflüster erklang.
»Gute Nacht«, murmelte die Kleine, die geweint hatte, und einige antworteten.
Was zur Hölle hatte Célian vor? Ich sah an die Decke und von meinem Kissen stieg ein Duft von Flieder auf.
9Célian Cadieux
Ich war ein Mistkerl. Ein selbstgefälliger Mistkerl.
Alix warf mir noch einen Blick zu, ehe er anklopfte. Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete er die Tür.
»Wer ist da?«, erklang es verschlafen aus dem Kämmerchen. »Aber Graf Cadieux!«
Wie bei den Mägden. Mehr sagten unsere Bediensteten nicht, wenn wir nachts in ihr Zimmer platzten. Natürlich nicht, Mutter hatte einige für noch weniger gefeuert. Mir wurde schlecht. Unsere Angestellten hatten Angst vor uns.
Sie hatte Angst gehabt.
Während ich meine Genialität gefeiert hatte. Ich sah ihr blasses Gesicht noch immer vor mir. Ihre glanzlosen Augen, die sonst leuchteten wie Bernsteine.
»Cèl! Komm endlich rein und halt die Kerze!«
Ich sah zu Alix in die Dunkelheit. Es dauerte, bis ich eintrat. Meine Hand wanderte zu dem Brief in der Innentasche meiner Weste, zu der Wiedergutmachung für die Tat, die ich jetzt begehen würde. Es war mein letzter verzweifelter Versuch, unseren verlorenen Filou doch noch zurückzuholen. Zumindest redete ich mir das ein.
Noch 17 Tage
Montag, 20. Juni 1768
10Liliette Cadieux
»Und, Célian, welche Magd ist es diesmal?« Ich biss in mein Brot. Beim Anblick des reich gedeckten Tisches hatte sich mein Magen überraschend erfreut gemeldet.
