Fremde Treue - William McIlvanney - E-Book

Fremde Treue E-Book

William McIlvanney

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Beschreibung

Laidlaws dritter und – bisher – letzter Fall! Scott Laidlaw ist tot. Der tragische Autounfall seines Bruders erschüttert Jack Laidlaw schwer – in tiefer Trauer und mit dem ihm eigenen Durst macht er sich auf in die schottische Provinz, um herauszufinden, was wirklich geschah. Während Laidlaw versucht, die letzten unglücklichen Tage seines Bruders zu rekonstruieren, wird ihm schnell klar, dass die Abgründe hinter der dörflichen Fassade mindestens ebenso tief sind wie in der Glasgower Unterwelt und in seiner Vergangenheit, in die ihn seine Recherchen unweigerlich zurückführen …

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Seitenzahl: 461

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William McIlvanney

Fremde Treue

Aus dem Englischenvon Conny Lösch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

Für Liam

Here’s a nice jungle: glades of trustDisturbed by parakeets of lust,Pools of deceptive calm where needBathes among crocodiles of greed

Eins

1

AUFGEWACHT MIT RODEO IM KOPF. Spaß haben tut weh, stimmt’s? Dabei ging’s gestern Abend weniger darum als um Betäu bung mit Whisky. Langsam ließ die Wirkung nach und die Schmerzen wurden schlimmer. Wie immer.

Ich habe diesen Tag nicht gewollt. Wer hat ihn bestellt? Versucht’s doch nebenan. Ich vergrub mich ins Kissen. Sinnlos. Ein schlafloses Kissen. Wie nennt man so was noch mal? Hypallage? Meine Lehrer. Haben mir alles beigebracht, was ich nicht wissen muss.

Ich stand auf und begab mich auf Schmerztablettensafari. Viele Möglichkeiten gab es nicht, wo welche sein konnten. Im Schlafzimmer, unwahrscheinlich. Blieben das Wohnzimmer, die kleine Küche, der Flur und das Bad. Wobei der Flur schon mal ausschied. Da war nichts, worin man sie hätte aufbewahren können, es sei denn, ich hatte sie heimtückisch unter dem Teppich versteckt. Küche und Bad waren am wahrscheinlichsten. Kombinieren und schlussfolgern. Zum Glück war ich ein guter Detective.

Ich suchte in Schränken mit alten Rasierklingen und mehr Geschirr, als ich jemals benutzen würde, fand meine Zauberpillen dann aber im Wohnzimmer hinter den Türmchen mit dem Kleingeld, das ich so ungern in den Taschen behielt. Ich holte mir ein Glas Wasser und schluckte zwei, wobei ich gleich das Gefühl hatte, das sei nicht genug – als würde man zwei Anwärter von der Polizeischule aussenden, einen Aufstand niederzuschlagen.

Ich setzte mich ins Wohnzimmer. Allmählich kehrte meine Erinnerung zurück, was mir gar nicht recht war, denn schon ging es wieder los. Ich heulte. Ungefähr seit einem Monat immer dasselbe. Jeder neue Tag begann mit Tränen. Andere Menschen machten Gymnastik. Ich heulte. Nichts Dramatisches, keine herzzerreißenden Schluchzer. Nur stille und unerbittliche Tränen. Sie ließen einfach nicht von mir ab. Zum Glück dauerte es nicht lange.

Nach ein paar Minuten war’s vorbei. Ich wischte mir mit der Hand übers Gesicht und stand auf. Immerhin war heute der Tag, an dem ich endlich etwas dagegen unternehmen wollte. Mindestens eine der beiden Personen, denen ich von meinem Vorhaben erzählt hatte, hielt mich für verrückt. Ich habe nie behauptet, es nicht zu sein – allerdings bin ich auch nicht verrückter als andere. Solange wir Berichte von schweren Unruhen frühstücken und vor dem Zubettgehen Bilder nationaler Katastrophen wie Schlaftabletten zu uns nehmen, soll mich niemand für nicht ganz richtig im Kopf erklären.

Ich ließ mir eine Badewanne ein und legte mich hinein, als wäre Waschen kein rein physisches Ritual. Heile mich, heiliges Wasser, und bereite mich auf die Dinge vor, die da kommen mögen. Ich glaube nicht, dass es funktionierte, aber das heiße Wasser tat meinem Kopf gut. Während ich den Whisky ausschwitzte, ging der Pesthauch meiner Gedanken in den aufsteigenden Wasserdampf über und hob sich wie ein Nebelschleier.

Vielleicht hatte Brian doch ein bisschen recht. Ich war zwar nicht verrückt, aber möglicherweise dumm. Wir hatten eine Leiche. Aber hatten wir auch ein Verbrechen? Wenn ja, dann keins, das sich in den Gesetzbüchern fand. Andererseits glaube ich sowieso nicht so richtig an die Bücher. Mr Bumble hat sich geirrt. Das Gesetz ist kein Esel. Viel schlimmer. Das Gesetz ist ein hinterhältiges Arschloch. Es weiß genau, was es tut, keine Angst. Es wurde extra so angelegt.

Ich habe oft genug mitbekommen, wie das funktioniert – die Verwirrung des Beschuldigten wächst, während sich das juristische Possenspiel um ihn herum entfaltet. Man kann sehen, wie sein Blick trübe wird, Panik ihn überfällt und er schließlich kapituliert. Er kann seine vermeintliche Tat nicht mehr erkennen. Nur die anderen wissen noch, wovon die Rede ist. Es ist ihr Spiel. Und er ist der Ball.

Ich war bei Verhandlungen, bei denen ich den Angeklagten auf die Bank gesetzt hatte und schon nach fünfzehn Minuten am liebsten aufgestanden wäre, um das Wort zu seiner Verteidigung zu ergreifen. »Hört mal«, hatte ich schreien wollen, »ich habe diesen Mann auf der Straße gefasst, wo er lebt. Wart ihr da überhaupt schon mal?« Aber sie fuhren mit ihrer Privatparty fort, lauschten Präzedenzfällen wie Lieblingssongs, übten sich in Wortspielereien, spendeten sich gegenseitig Beifall. Ab und zu wurde inmitten des Kauderwelsch die Stimme des Beschuldigten vernehmbar, leise, sehnsüchtig und meist seltsam, wie eine mit schottischem Akzent vorgetragene lateinische Rede. Erbärmliches menschliches Fleisch, gebrechlich und voller Sommersprossen, lugte durch einen Riss im Hermelin gewand und wurde schnell wieder verdeckt. Wer stört hier unser kleines Moralitätenspiel? Der Kerl kennt nicht mal den Text.

Diese Richter, dachte ich, während das Wasser abkühlte. Ich erledige einen Großteil meines Nachdenkens in der Badewanne. Vielleicht gehörte das zu den Vorteilen einer Mietwohnung ohne Dusche. Richter aber waren der wirklichen Welt so nahe wie der Dalai-Lama. Sie hatten kaum Ahnung von der alltäglichen Tretmühle der Menschen, über die zu urteilen sie sich anmaßten, von einer verständnisvollen Einsicht ins menschliche Herz ganz zu schweigen. Ein ums andere Mal donnerte eine gereizte Stimme vom Olymp und stellte eine Frage, die fassungslos machte: »Ein Transistor? Was genau meinen Sie damit?«

»UB40? Ist das eine naturwissenschaftliche Formel?«

»Keine naturwissenschaftliche, Euer Ehren. Eine amtliche. Ein Antragsformular auf Arbeitslosenhilfe.«

»Ein Antrag auf Arbeitslosenhilfe? Und was soll das sein?«

Wenn man ihrem Klub beitreten wollte, musste man dann sein Gehirn am Eingang abgeben? Welche seltsamen, in Port getränkten und Vorurteilen marinierten Köpfe steckten unter diesen Perücken?

»Anwälte«, sagte ich zur Badezimmerdecke. Wer kann ihnen vertrauen? Sie stopfen sich Verbrechen in die Brieftaschen und erklären sich selbst zu Säulen der Gesellschaft. Ihre Honorare sind der reinste Steuerbetrug, aber wer wollte sie drankriegen, wenn nicht sie selbst? »Ein ausgezeichneter Anwalt« war eine Formulierung, die ich oft zu hören bekam. Das war zutreffend, wenn nicht mehr gemeint war als Geschick bei juristischen Spielchen. Aber was bedeutete sie wirklich? Intelligenz ist ein geschlossener Schaltkreis. Und sollte auf keinen Fall einer bleiben. Holt man Anwälte von der Bühne, die der Gerichtssaal für sie ist, wissen viele von ihnen Tränen nicht mehr von Regen zu unterscheiden.

Man kann wohl sagen, dass ich mir in Bezug auf meinen Job allmählich keine Illusionen mehr machte. Ich stieg aus der Wanne und zog den Stöpsel, wischte jede Andeutung einer Gezeitenmarke weg, noch während das Wasser abfloss. Die Technik hatte ich mir angeeignet, seit ich alleine wohnte. Dadurch war die Wanne leichter zu reinigen. (Laidlaws praktische Haushaltstipps für alleinstehende Männer: Erste Auflage in Vorbereitung.)

Ich trocknete mich ab. Nackt wie ich war, missfiel mir mein zunehmend schwabbeliger Bauch. Mit Klamotten war’s nicht so schlimm. Außerdem zog man ihn sowieso meist ein, zwängte sich in ein Korsett der Eitelkeit. Im Badezimmer betrachtete ich meinen Nabel und fand ihn größer, als mir lieb war. Ach, die gute alte Zeit, als ich noch ein Haus verschlingen und eine Brauerei trinken konnte und mein Bauch trotzdem einem unverbiegbaren Brett glich.

Andeutungen von Sterblichkeit wölbten sich unter dem Handtuch hervor. Früher schien ich für die Ewigkeit gemacht. Früher spielte früher kaum eine Rolle. Mein Leben war ein unentdeckter Kontinent und ich der einzige Forschungsreisende. Und was hatte ich gefunden? Äh, na ja, das Leben ist … durcheinander. Gebt mir noch ein paar Jahre, dann komme ich dahinter. Aber wie viele Jahre habe ich noch? Neuerdings vergingen sie so schnell. Als würde man kurz innehalten, eine Sicherung reparieren und eh man sichs versah, war schon wieder ein Jahr vorbei.

Ich erinnere mich, irgendwo eine Theorie darüber gelesen zu haben, warum die Zeit schneller vergeht, je älter man wird. Im Kern lautete sie folgendermaßen: wenn man zehn ist, ist ein Jahr ein Zehntel des eigenen Lebens; ist man vierzig, ist ein Jahr ein Vierzigstel des eigenen Lebens. Und ein Vierzigstel ist viel weniger als ein Zehntel. Ich war über vierzig. Die Stellen hinter dem Komma auszurechnen war mir zu mühsam. Aber das Prinzip leuchtete mir ein.

Trotzdem war es seltsam. Das Bewusstsein meiner Sterblichkeit gab mir Auftrieb. Ein psychischer Adrenalinschub durchzuckte mich und verjagte die letzten verbliebenen Nebelschwaden aus meinem Kopf. Wenn man seinen Erfahrungen treu bleibt, braucht man das Alter nicht fürchten. Es bringt einen dem Verstehen näher. Und das hatte ich immer gewollt. Mal sehen, ob es mir glücken würde.

Ich zog eine frische Unterhose an. Es fängt im Kleinen an … ich legte eine neue Klinge in den Rasierer. Drückte Schaum aus der Dose in die Hand. Seifte meine Wangen ein, mein Kinn, meine Oberlippe. Den Schnurrbart von neulich hatte ich wieder abgeschafft. Man hatte mir den Polizisten damit zu deutlich angesehen – er gehörte zum Standard, wie der Dienstausweis. Ich blickte in den schmalen runden Spiegel wie in ein Bullauge und ein schwimmendes, weißbärtiges Gesicht starrte zurück. Hoffentlich würde ich auch die entsprechende Weisheit besitzen, wenn ich erst einmal so alt war, wie ich aussah.

Als ich meinem verschwommenen Gesicht mit der Klinge Kontur gab, rückte mit meinem Kinn auch das Bevorstehende in den Blick. Ich hatte eine Woche. Ein Monat war vergangen, seit etwas sehr Schlimmes passiert war, und die Zeit hatte ich gebraucht, um mir diese Woche vom Polizeidienst freizunehmen, zumindest vom offiziellen. Ich hatte mir meinen Arbeitsurlaub verdient.

Ich wollte ermitteln, aber auf meine Art. Seit meinen Anfängen bei der Glasgower Polizei hatten mich meine Vorgesetzten einhellig als »eigenbrötlerisch« bezeichnet, als hätten sie es aus meiner Akte abgelesen. Fast war es zu einer Ergänzung meines Rangs geworden. Jack Laidlaw, Eigenbrötler. Na ja, sie hatten recht. Ich bin ein Eigenbrötler. Ihnen war gar nicht klar, wie sehr. Wenn ich schon für Anwälte nicht viel übrighatte, dann für Polizisten noch weniger. Seit Jahren arbeitete ich gegen mein innerstes Wesen an.

Wie oft hatte ich das Gefühl, den Falschen zu dienen? Wie oft den Eindruck, die schlimmsten Ungerechtigkeiten entsprangen nicht persönlichen, sondern institutionellen, finanziellen oder politischen Umständen? Das Verbrechen hinter dem Verbrechen hatte mich schon immer fasziniert, das unantastbare Netz aus legal verankerter sozialer Ungerechtigkeit, auf die der jeweilige Fall kraftlos verweist.

Ein Pariser Graffiti hatte einmal gelautet: »Zeigt man mit dem Finger auf den Mond, sieht der Trottel nur den Finger.« Vielleicht hatte ich jetzt lange genug auf den Finger geschaut.

Meine Ausflüchte ruhten, meine persönlichen Harpyien verdarben mir mein Selbstwertgefühl und machten sich über meine bisherige Tätigkeit lustig. Wenn ich schon Detective war, dann wollte ich jetzt endlich etwas aufdecken. Es wurde Zeit, einen Gang höher zu schalten und das Beste aus meinen Fähigkeiten zu machen.

Denn ich war mit einem Tod konfrontiert, den ich begreifen musste. Ein Fall, dem ich zwar mit polizeilichen Methoden nachgehen konnte, nicht aber in polizeilichem Auftrag. Ermittler, ermittle gegen dich selbst. Ein Mensch war tot. Einer, den ich vermutlich mehr geliebt hatte als irgendjemanden sonst.

Niemand hatte von einem »Verbrechen« gesprochen. Aber sein Sterben schien mir ungerecht, vor Sinnlosigkeit strotzend, wie ich es selten erlebt hatte. Und ich hatte viel erlebt. Dieser Mensch hatte voller Potenzial gesteckt, war so lebendig gewesen und hatte seinen sinnlosen – sind sie das nicht alle? – Tod so wenig verdient. Das wusste ich.

Und ich musste es wissen. Er war mein Bruder.

Es klingelte an der Tür. Das Geräusch veränderte die Bedeutung meiner Gedanken. Sich psychisch zu wappnen und damit zu drohen, eigene Erfahrungen mental zu verrechnen, ist das eine. Geistige Selbstbeweihräucherung aber in Geschehen umzusetzen, die Intensität der eigenen Gefühle gegen die Fakten anzuführen und abzuwarten, was sich daraus ergibt, ist etwas ganz anderes. Ähnlich wie der Unterschied zwischen einem Trainings- und einem Meisterschaftskampf. Der Gong verkündet: »Ring frei!« Du bist auf dich allein gestellt. Die Nähe einer anderen Person verdeutlicht dies nur.

Ich latschte barfuß mit Rasierschaum an den Ohren und auf der Oberlippe zur Tür. Dabei überfiel mich eine kleine Offenbarung: die Welt ist gefährlich. So leben wir heutzutage. Die von mir gemietete Wohnung befand sich in einem alten sanierten Wohnblock. Als er gebaut wurde, konnte jeder das Haus von der Straße durch die Tür betreten. Jetzt war das anders. Die Haustür unten war verschlossen. Man musste auf eine Klingel drücken. Jemand musste einen Hörer abnehmen. Wurde man erkannt, ertönte der Summer. Man trat ein und ging zur Wohnungstür. Ließ sich durch einen Spion betrachten. Bestand man den Test, ging die Tür auf.

Es war ein Wohnblock am Rande von Glasgow, nicht das Schloss von Otranto. Wer hier lebte, besaß nicht viel, das zu stehlen sich lohnte. Vielleicht einen Videorekorder. Wir hatten Angst vor uns selbst. Es gab mal eine Zeit, in der Männer und Frauen stolz waren, jemandem die Tür zu öffnen. Was war mit uns geschehen?

War das relevant für den Tod meines Bruders? Mir kam es vor, als sei möglicherweise alles relevant. Ich legte meine Hand aufs Telefon. Herein, fremde Welt. Ich werde dich genauer im Auge behalten als je zuvor. Dann nahm ich den Hörer ab.

2

»HALLO?«

»Hallo, Jack?«

Brian Harkness. Wer sollte es sonst so früh am Morgen sein? Mein Zustand in letzter Zeit hatte den Sozialarbeiter in Brian geweckt.

»Alles klar, Brian.«

Ich drückte auf den Summer und machte auf. Als Brian eintrat und die Tür ins Schloss fiel, rasierte ich mich noch. Er kam ins Bad und setzte sich auf den Wannenrand.

»Na, Brian.«

»Jack.«

Er betrachtete mich mit einem Blick, an dem eigentlich ein Stethoskop hätte hängen müssen.

»Wie geht’s?«, fragte er. »Warst du wieder drauf?«

»Sprich Klartext.«

»Hast du wieder gesoffen?«

»Brian. Ich bekomme Alkohol auf Rezept.«

Witzig-kluge Bemerkungen: Die Balancierstange, mit der wir über das Drahtseil tanzen. Ich spülte mir die Seife aus dem Gesicht.

»Mein Gott, ich mache mir Sorgen. Was tust du dir an? Niemand weiß, wo du bist. Im Dezernat bist du so beliebt wie ein Frettchen im Kaninchenstall. Wir sehen dich nur noch im Dienst. Dann verschwindest du. Hierher?«

Er sah sich um. Ich trocknete mir das Gesicht ab.

»Brian«, sagte ich. »Warum trägst du kein Blümchenkleid?«

»Was?«

»Wenn du die Rolle meiner Mutter übernehmen möchtest, solltest du dich entsprechend kleiden.«

»Halt die Klappe und hör mir einmal im Leben zu, ja?«

»Meine Mama hat nie so mit mir gesprochen. Die Zeiten ändern sich.«

»Jack, du musst dich zusammenreißen.«

»Das hat sie allerdings auch gesagt. Wenn du wirklich meine Mutter sein willst, dann mach uns was zu essen. Ich zieh mich an.«

Er starrte, wie Angehörige von Krankenhauspatienten diese manchmal anstarren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Aber ich bin nicht umsonst Detective. Seiner Miene konnte ich entnehmen, dass er sich fragte, ob der Patient wusste, wie schlimm es um ihn stand. Kopfschüttelnd ging er in die Küche.

Ich war froh, dass er sich zunächst verzog. Dadurch ließ der Druck nach. In Wirklichkeit fühlte ich mich meiner selbst nicht besonders sicher. Während ich mir das feuchte, verstrubbelte Haar kämmte, nahm ich irgendwie verzögert wahr, was er gesagt hatte, seine nachvollziehbaren Bedenken, seine berechtigten Einwände. Die verknoteten Haare ziepten und ein paar blieben im Kamm hängen, aber ich vermisste sie nicht. Wenigstens war mir mein Haar geblieben. Es war so dicht wie eh und je und frei von Grau. Aber wenn es mir ins Gedächtnis rief, wer ich einmal war, was sonst vermochte dies zu tun?

Brian hatte recht. Mein Leben war ein entsetzliches Durcheinander. Miguel de Unamuno hatte etwas geschrieben, das auf mich zutraf. Wenn es mir nur wieder eingefallen wäre. Ich las eine ganze Menge Philosophie, fast schon fieberhaft, wie einer der kurz vor dem Eintreffen des Henkers noch verzweifelt die versteckte Eisensäge sucht. Unamuno hatte die Behauptung aufgestellt: Wenn ein Mensch das Gefühl für seine eigene Kontinuität verliert, dann war’s das. Er hat’s verkackt und ist im Arsch. Tut mir leid, Miguel, wenn das nicht korrekt zitiert war.

So ging es mir. Ich hatte das Gefühl für meine Kontinuität verloren. Ich improvisierte mich von einem Tag auf den anderen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Das Leben, das ich zu konstruieren geglaubt hatte, war in sich zusammengefallen. Zum Beispiel meine Familie. Ich hatte sie immer für das Zentrum meines Lebens gehalten. Jetzt war ich unwiderruflich von Ena getrennt und sah meine Kinder nur noch nach terminlicher Absprache. Meine Beziehung zu Jan befand sich in einem sinnlichen Schwebezustand – ein frei dahintreibendes Bett, das in keinerlei sozialer Struktur verankert war. Mir war nicht klar, was ich ihr über den Liebesakt hinaus zu bieten hatte. Ich lebte von einem Job, an dem ich täglich zweifelte. Und gerade als ich glaubte unterzugehen, und jede noch so kleine Bestätigung der Sinnhaftigkeit des Lebens hätte gebrauchen können, war mein Bruder, der in meinen schlimmsten Zeiten wichtiger für mich gewesen war als ich selbst, vor ein Auto gelaufen. Zufall. Oder nicht?

Irgendetwas in mir musste glauben, dass es keiner war. Ich wollte aber auch nicht behaupten, er hätte sich selbst umgebracht. Also was wollte ich behaupten? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich Schuldgefühle. Jedes Mal, wenn eine von mir geliebte Person starb, hatte ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte nie genug Zeit mit demjenigen verbracht, ihn nie genug geschätzt, als er noch am Leben war, ihm nie genug gegeben.

Aber die Schuld, so glaubte ich seltsamerweise, lag nicht nur bei mir.

In dieser Hinsicht war ich seit jeher großzügig. Ich wollte immer so viele Menschen wie möglich, einschließlich mich selbst, in jeden einzelnen Fall verstricken, in dem ich zu ermitteln hatte. Wenn es nach mir ginge, säße die gesamte Weltbevölkerung auf der Anklage bank. Wir würden alle aussagen, unsere traurigen Geschichten erzäh len. Und dann gäbe es einen massenhaften Freispruch, wir würden alle fortgehen und es noch einmal versuchen. (Aber verraten Sie meinem Vorgesetzten beim Crime Squad nicht, dass ich das gesagt habe.)

Scott, mein toter Bruder, war inzwischen zum Zentrum dieses manischen Gefühls geworden, das ich so lange unterdrückt hatte. Ich wollte unbedingt, dass sein Tod mehr bedeutete, als es den Anschein hatte. Wenn der Reichtum seines Lebens am Nummernschild eines zufällig herannahenden Wagens enden konnte und es das gewesen war, dann war ich bereit, den Laden meiner Überzeugungen dichtzumachen und mein Verständnis von Moral am Ausgang abzugeben. Die Welt war ein Bingo-Stand.

Aber das wollte ich nicht. Ich brauchte Scott im Tod genauso wie im Leben. Ich brauchte ein sinnhaftes Wiedersehen zwischen uns.

Als ich sah, dass Brian in der Tür stand und mich beobachtete, hörte ich auf so zu tun, als würde ich das Badezimmer aufräumen. Er tarnte den Überwachungsversuch mit Konversation.

»Wie soll ich was zu essen machen?«, fragte er. »Womit denn, bitte schön? Dein Kühlschrank könnte in einem Schaufenster stehen. Es ist absolut nichts drin. Was soll ich kochen? Suppe aus Fenstervorhängen? Ich hab den Teekessel aufgesetzt. Wenigstens Wasser hast du noch, soweit ich gesehen habe.«

»Ich führe ein genügsames Leben, Brian.«

»Genügsam? Du bist eine Ein-Mann-Hungerkatastrophe.«

»Eier«, sagte ich.

»Stimmt. Vier Eier in einer Plastikpackung. Das ist alles.«

»Dann koch sie. Und mach Toast. Für jeden zwei, dazu Kaffee.«

»Dein Brot hat Ähnlichkeit mit Badezimmerfliesen.«

»Getoastet merkt man’s gar nicht.«

»Okay, Egon.«

Während er in der Küche ein Feinschmeckerfrühstück zauberte, ging ich ins Schlafzimmer. Ich zog mich an und legte meine schwarze Lederjacke aufs Bett – ein vielseitiges Kleidungsstück, auf einer Cocktailparty war man damit ebenso gut angezogen wie auf der Hunderennbahn. Ich wusste nicht, wohin es mich verschlagen würde. Im Schrank fand ich die Reisetasche. Was sollte ich reintun, das war die Frage. Wenn’s ums Packen geht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Normalerweise schiebe ich es bis zur allerletzten Minute auf, nur um eine Ausrede zu haben, falls es schiefgeht.

Ich wollte circa eine Woche weg. Im Schrank hingen fünf saubere Hemden, die ich aufgehängt hatte, weil ich kein Bügeleisen besaß. Gott segne den Trockner. Aber es bedeutete, dass ich mir jetzt überlegen musste, wie ich sie zusammenlegte. Erst mal alle zuknöpfen, dann mit der Vorderseite nach unten aufs Bett legen, jeweils an der Schulter einschlagen, die Ärmel umklappen, den Rest zusammenfalten, und schon stand man vor einem tadellos ordentlichen Objekt. (Rubrik Privates: Haushaltshilfe gesucht, alle Tätigkeiten.)

Fünf Hemden müssten reichen, außerdem das, welches ich anhatte, jedenfalls wenn ich noch zwei Pullover einsteckte, mit denen ich Schmutzränder am Kragen verstecken konnte, sollte sich dies als notwendig erweisen. Ich packte alles ein, wovon ich dachte, dass ich es gebrauchen könnte, und hielt mich dabei an Laidlaws unfehlbare Packerregel: vom Kopf bis zu den Füßen, alles zwei Mal überprüfen. Ein zweites Paar Schuhe hatte ich vergessen. Ich packte sie ein. Okay. Schuhe. Sieben Paar Socken. Sieben Unterhosen, ungebügelt. Fünf Hemden. Zwei T-Shirts für unter den Rollkragenpullover, falls sich herausstellen sollte, dass die Hemden am zweiten Tag nicht mehr tragbar waren. Zwei Krawatten, sollte förmliche Garderobe gefragt sein. Zwei Extrahosen, geschickt eingerollt, um Knitterfalten zu vermeiden. Ein Jackett.

Der Kulturbeutel. Ich ging ins Badezimmer und steckte alles, was ich brauchte, hinein, kam damit zurück und packte ihn ein. Die Reisetasche sah nicht gut aus. Sie beulte sich tumorartig an mehreren Stellen aus. Aber der Reißverschluss ging zu. Ich fand meine Migränetabletten und stopfte sie in eine der Seitentaschen. Sankt Georg war bereit.

Brian auch. Wir setzten uns an den Tisch am Fenster und frühstückten. Sah aus, als sollte es ein schöner Tag werden. Ich hatte keinen Regenmantel eingepackt.

»Der Toast ist anstrengend«, behauptete Brian. »So was sollte man nur in Gruppen essen. Für einen ist das zu viel, man braucht eine ganze Kaumannschaft.«

»Ich mag ihn so. Man hat mehr davon, schiebt sich sein Essen nicht einfach in den Mund und schluckt es herunter. Der Toast fordert Aufmerksamkeit.«

Aber ich wusste, unser varietéreifes Geplänkel ließ sich nicht ewig fortsetzen. Die Darsteller der Hauptvorstellung warteten schon hinter den Kulissen.

»Jack, was hoffst du zu beweisen?«

»Was ich damit beweisen kann.«

»Ganz toll. Komm schon, Jack. Scott ist tot. Er wurde überfahren. Er war betrunken. Gibst du dem Fahrer die Schuld?«

»Natürlich gebe ich nicht dem Fahrer die Schuld, Brian, werd endlich erwachsen. Wieso sollte ich dem Fahrer die Schuld geben?«

»Worum geht es dir dann? Willst du den Verkehr verklagen?«

»Ich will einfach dahinterkommen. In meiner Freizeit. Wem schade ich damit?«

»Dir selbst, würde ich sagen.«

»Egal. Was hast du heute vor?«, fragte ich und wechselte den Kurs.

»Mit Bob Lilley arbeiten. Sein Partner hat auch gerade frei. Aber nicht aus Gründen der Unzurechnungsfähigkeit.«

»Aha. Steht was an?«

»Nicht weit vom Fluss wurde eine Leiche gefunden. Gegenüber der Rotunda. Noch nicht identifiziert. Mit einem Strick um den Hals.«

Die Rotunda war ein altes, frisch saniertes Gebäude, das jetzt ein angesagtes Speiselokal beherbergte, ein Symbol des neuen Glasgow.

Auf der anderen Seite des Clyde befanden sich die heruntergekommenen Gegenden, in denen die Industrie vor sich hin krepierte. Ich dachte an die in hell erleuchteten Räumen Trinkenden und Speisenden und den Toten, verlassen in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Wassers, dort, wohin das Licht nicht reichte. Vielleicht war es meiner Stimmung geschuldet, aber die Gegenüberstellung dieser beiden Bilder erschien mir wie ein Wappen unserer Zeit. Motto: Lebet in Saus und Braus und kümmert euch einen Scheiß um die anderen.

»Laut vorläufiger Einschätzung war er süchtig. Bob hat den Bericht. Anscheinend hat er sich kürzlich erst den Arm gebrochen. Und so wie’s aussieht, haben sie ihm auch ordentlich zugesetzt, bevor er getötet wurde. Sämtliche Finger sind gebrochen.«

»Ich glaube, meine Eier sind gerade schlecht geworden«, sagte ich. »Kompliment an den Koch. Wenn du ihn nur bitten würdest, das nächste Mal beim Essen die Klappe zu halten.«

Wir räumten die traurigen Reste der Mahlzeit auf und Brian bestand darauf, dass wir abspülten.

»Die Bude hier ist so schon deprimierend genug«, sagte er. »Wenn noch ein Berg schmutziges Geschirr dazukommt, steckst du demnächst den Kopf in den Ofen.«

»Ist Elektro.«

»Dann brutzelst du dich eben in der Pfanne zu Tode.«

»Hab gar nicht gemerkt, wie spät es ist«, sagte ich, als ich das Küchenhandtuch aufhängte. Bald würde ich es waschen müssen. Allmählich machte ich das nasse Geschirr damit schmutziger. »Ich bin später aufgestanden als geplant. Jan müsste bald hier sein.«

»Jan kommt?«

»Ich dachte, wir gehen ins Lock und essen was zu Mittag. Dann bringt sie mich zum Bahnhof.«

»Zu welchem?«

»Central Station.«

Brian hob abwehrend die Hand.

»Schweig, das genügt«, sagte er. Er nahm die Hand ans Kinn wie Sherlock auf einem alten Druck und zeigte mit dem Finger auf mich. »Graithnock.«

»Mein Gott, du bist gut«, sagte ich. »Da hat Scott gewohnt.«

»Rückkehr zum Schauplatz des Verbrechens. Nur dass es kein Verbrechen gibt.« Er war freundlich zu meinem Schweigen, erfüllte es mit Worten. »Dann kommt Jan also?«

»So war’s gedacht. Ein Abschiedsessen, bevor ich mich ins Hinterland begebe.«

»Wie soll’s mit euch beiden weitergehen?«

»Ach, sie ist toll«, sagte ich. »Was für eine fantastische Frau.«

»Danach hab ich nicht gefragt.«

»Brian. Ich stecke so tief in der Scheiße, dass ich damit ganz Russland düngen könnte. Woher soll ich wissen, was später wird? Ich weiß, dass ich sie liebe. Was auch immer das bedeutet. Aber was ich damit anfange, muss ich erst noch herausfinden. Leg deine Frage auf Eis.«

»Jedenfalls hab ich ein Problem«, sagte er, »wenn Jan kommt. Ich wollte dir meinen Wagen geben.«

»Du brauchst ihn doch.«

»Ich nehme den von Morag. Sie kann sowieso nicht mehr fahren, so weit wie sie ist. Sie würde vom Rücksitz aus lenken müssen.«

Morag war im achten Monat schwanger. Es war ihr Zweites. Stephanie war fünfzehn Monate alt. Trödeln war nicht ihr Ding.

»Sicher?«

»Ich werde mir vorkommen wie in einem Autoskooter, aber schon okay.«

»Hey, danke. Das hilft sehr. Bist ja doch nicht so unausstehlich, wie ich dachte.«

»Hab eine Schwäche für Verrückte. Du hättest Ena nicht den Wagen überlassen sollen.«

»Sie hat ihn dringender gebraucht als ich. Wegen der Kinder.«

»Aber wie komme ich jetzt nach Hause? Ich hatte gehofft, du könntest mich fahren.«

»Mach ich.«

»Aber du triffst dich doch mit Jan.«

»Dann kommst du eben mit.«

»Oh nein, das ist zu intim.«

»Brian, wir gehen mittagessen, nicht ins Kino in die letzte Reihe. Wir sind inzwischen wohlerzogene Erwachsene, mein Kleiner. Ich denke, das kriegen wir hin.«

Während wir auf Jan warteten, fragte mich Brian nach Ena und den Kindern. Ich hatte sie am Vortag gesehen, am Sonntag, dem Tag des Kindes, dem Sabbat der Agnostiker, an dem überall in der westlichen Welt abtrünnige Väter flüchtige Blicke auf das Einzige werfen, woran sie in ihrer Ehe noch glauben. Sie bringen Aufnahmeanträge für Sportvereine, schlecht sitzende Kleidung und Bücher mit, die niemals gelesen werden.

Ich war einer von ihnen. Die Vorstellung deprimierte mich. Wie würde das in ein paar Jahren aussehen? Wenn ich nicht an einem Samstag starb, verloren sie einen Fremden. Durch diese Überlegungen versehrt, wandte ich mich ab. Ich war auf einen anderen schlimmen Gedanken gestoßen. Ein zu großer Teil meines geistigen Mobiliars schien heutzutage aus Verzweiflung gezimmert.

Als Jan hupte, war ich froh. Ich nahm meine Reisetasche für voraussichtlich eine Woche, und Brian und ich traten hinaus ins grelle Sonnenlicht. Brian winkte Jan, hob die Hände und nickte in meine Richtung. Übersetzt hieß das: »Er ist schuld.« Sie lächelte. Ihr Lächeln war eine wunderschöne Absolution.

Im Wagen küssten wir uns, Jan und ich, nichts Heißes, vergewisserten uns nur kurz, ob das Kontrolllämpchen noch brannte. Nachdem sie angefahren war, sah sie in den Rückspiegel.

»Er fährt uns hinterher«, sagte ich. »Er kommt mit.«

»Meinst du, dass du Unterstützung brauchst?«

»Brian borgt mir seinen Wagen. Ich muss ihn nach Hause bringen. Was hätte ich sonst…«

»Jack.« Sie verstand es, einen mit dem eigenen Namen zu streicheln. »War nur Spaß, okay? Hauptsache wir haben überhaupt ein bisschen Zeit zum Reden.«

Bei ihrer Stimme und ihrem Duft regten sich Hormone in mir, wurden unruhig und dachten: Okay, vielleicht werden wir hier doch noch gebraucht.

Immer wenn man glaubt, man sei schon tot, kitzelt einen das Leben an den Füßen.

3

WO KOMMEN SIE HER, DIESE ZEITEN? Vor Personen haben sie keinen Respekt. Du hast entschieden, dass ein Tag einfach nur schlimm ist. Ihn in den tristesten Grautönen gemalt, und plötzlich blendet er dich mit Farben, von denen du gar nicht wusstest, dass es sie gibt. Und lockt dich in einen Hinterhalt aus Freude. So war das im Lock 27.

Wir aßen draußen an Holztischen. Ein Ort, der Jan und mir schon ein paar Mal etwas bedeutet hatte, träge Getränke und lange Gespräche, die über gewundene Umwege ins Bett führten, zwischendurch pflückten wir hier und da in unseren unterschiedlichen Vergangenheiten ein Blümchen, und ihr Mund verwandelte sich in einen unglaublichen Organismus, so exotisch wie eine Seeanemone. Ich verliebte mich vorübergehend unsterblich in ihr linkes Ohrläppchen. Solche Zeiten.

Heute gab es die Orchesterfassung von allem zusammen. Die Einzelheiten, die diese Wirkung erzielten, schienen für sich genommen gar nicht so überwältigend. Aber die Noten zu Solveigs Song sehen auch nicht nach viel aus, zumindest nicht in meinen Augen. (Ein Lehrer in der Schule hat sie mir einmal gezeigt.) Gehört, lässt die Musik einen schmelzen.

Jan und Brian teilten sich eine Flasche Weißwein. Ich blieb beim Perrier, weil ich noch eine gewisse Strecke fahren wollte. Wir aßen. Redeten. Das war’s.

Aber da draußen war der Mai, legte Spuren aus Duft in die Luft wie Geheimnisse, denen man auf den Grund gehen möchte, bis sie einen unter sich begraben. Das Sonnenlicht prahlte mit dem Kanal–schaut mal, was ich mit Wasser anstellen kann – und ein junges Pärchen mit Kind ging am Ufer auf und ab, Leute redeten und lachten, man hatte das Gefühl, gar keiner so schlechten Spezies anzugehören, und ich dachte, was für ein tolles Spiel wir hier spielten. Am liebsten hätte ich es eingerahmt. So kann es bleiben.

Nachdem mich Jan und Brian während des Essens feinfühlig wegen meiner unzureichenden Begabung im Alleineleben aufgezogen hatten (Scott wurde nicht erwähnt), bestand Brian darauf zu bezahlen und sich die Beine am Kanal zu vertreten.

»Weißt du, was du tust?«, fragte Jan.

»Ich glaube schon.«

»Wär mal was Neues.«

»Ach komm, Jan. Du nicht auch noch.«

»Ich vor allen anderen.«

Ihr Gesicht befand sich im Sonnenlicht und ihrem durchdringenden Blick war nicht leicht standzuhalten. Sie sah aus, als könnte sie, wie es so schön heißt, ›das Tun der Menschen ganz durchschauen‹. In meinem Fall muss ihr das leichtfallen, dachte ich. Es gab genügend Bekenntnisse, auf die sie sich hätte beziehen können. Aber sie widersprach mir.

»Wer bist du überhaupt? Ich kenne dich immer noch nicht. Ich dachte es. Aber in letzter Zeit komme ich mir vor, als würde ich jemanden in einer Menschenmenge suchen. Bis ich den Arm gepackt habe, von dem ich glaube, dass es deiner ist, stellt sich heraus, dass er einem anderen gehört. Das liegt nicht nur an Scotts Tod. Das war vorher auch schon so. Aber jetzt ist es schlimmer geworden. Zum Beispiel das, was du jetzt vorhast. Was hat dich dazu gebracht?«

»Die Beerdigung, denke ich.«

»Die Beerdigung?«

»Ich glaube, ja. Es gibt keine guten, Jan. Aber das war die schlimmste. Scott war nicht anwesend. Hör auf zu grinsen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er mit den Trauergästen hereinspaziert kommt. Ich meine, ich habe ihn nicht unter den Trauernden gespürt. Außer vielleicht bei David und Alan. Die Kinder wussten nicht, was los war. Aber zumindest ihr Entsetzen war echt. Und Anna war natürlich verletzt. Aber mein Gott, sie war so kalt. Weißt du, hinterher gab es nichts. Nichts. Kein Würstchen im Schlafrock, keine einzige Tasse Tee. Wir standen ein paar Minuten vor dem Krematorium her um. Fremde, die sich anschauen, als sei der Gastgeber nicht erschienen. Scotts Direktor hat mit mir gesprochen. »Sie müssen der Bruder sein. Er war ein guter Lehrer.« Ein guter Lehrer? Schieb es dir in den Arsch. Er war sehr viel mehr als nur ein guter Lehrer. Und außerdem wissen wir alle, dass er zum Schluss auch gar kein so guter Lehrer mehr war. Nur warum, wissen wir nicht. Keiner von uns hatte eine Ahnung. ›Gut.‹ Das Wort regt mich auf. Das ist keine persönliche Reaktion. Das ist ein Kästchen auf einem Fragebogen. Mangelhaft, gut, ausgezeichnet. Zutreffendes bitte ankreuzen. Ein paar andere haben auch noch mit mir gesprochen. Ein gewisser John Strachan zum Beispiel. Mit ihm muss ich vor allem reden. Damals war ich zu benommen. Wir sind alle in die Autos gestiegen und weggefahren. Hätte auch ein Fußballspiel gewesen sein können.«

»Jack, das ist nun mal so.«

»Aber so begräbt man keinen Hund, Jan. So begräbt man nicht meinen Bruder. Das steht fest. Ich mag zu dem Zeitpunkt betäubt gewesen sein, aber sogar da war mir klar, das reicht nicht. Wussten die überhaupt, womit sie es zu tun haben? Er war ein toller Mensch, weißt du? Ich habe ihn gekannt, als er noch er selbst war. In seinem Kopf war mehr los als auf einem Ameisenhügel. Er hat gemalt. Hat versucht zu schreiben. Stand auf alles Mögliche. Er war achtunddreißig, als er starb. Wie zum Teufel konnte das passieren?«

»Es war ein Unfall.«

»Ich weiß, dass es ein Unfall war, Jan. Aber wo hat der Unfall angefangen? Das will ich rausbekommen. Mitten auf der Straße? Am Bordstein? Im Pub, bevor er rausgegangen ist? Damit, dass er zu viel getrunken hat? Mit den Gründen, wegen denen er zu viel getrunken hat? Wann hat der Unfall angefangen? Und warum? Wann hat das Leben meines Bruders seinen Sinn verloren? Sodass es jahrelang ziellos umhertrieb, bis er schließlich vor ein Auto lief? Warum? War um hat es sich verloren, bis wir’s unter dem Auto gefunden haben? Das will ich wissen, Jan. Warum kommen die Besten um und den Schlimmsten geht es prächtig? Ich will’s wissen.«

Und das obwohl ich beim Wasser geblieben war. Ich konnte von Glück sagen, dass ich keinen Whisky getrunken hatte. Wenige Minuten zuvor hatte ich noch ewig hier bleiben wollen. Jetzt war die Idylle zerstört. Mit meinen Worten hatte ich sie verregnet. Die Sonne schien noch, und die Menschen waren auch noch da, aber in meinen Augen sahen sie jetzt anders aus. Ich glaube, ich nahm es ihnen ein bisschen übel. Und ich glaube, Jan nahm es mir übel.

»Ich weiß nicht, wie lange noch, Jack«, sagte sie.

Die Bemerkung hätte überraschend kommen sollen. Aber Liebe hat eine eigene Grammatik. Unausgesprochene Sätze werden gewechselt und verstanden. Ich war nicht überrascht. Eine vertraute Furcht tauchte plötzlich im Sonnenlicht auf, wie eine Flosse in einer strahlend blauen Bucht.

»Ich hatte nie vor, mich in eine Bande Guerilleros zu verlieben. Du kannst nicht jeden Tag einen neuen Kampf aufnehmen. Gruppensex war noch nie mein Ding. Wenn wir uns lieben, ist das das Allerbeste. Aber abgesehen davon, wer bist du? Ich weiß nie, wer aus dem Bett steigt, ganz zu schweigen davon, wer sich zu mir legt. Ich brauche meinen eigenen Jack Laidlaw. Ich bin jetzt dreißig.«

In letzter Zeit hatte sie davon gesprochen, dass sie ein Kind wollte. Ich weiß, dass ich ihre erste Wahl als Vater war, aber auch nur die erste. Sie schien ein gewisses Potenzial in meinen Genen zu vermuten, mit dem richtigen Training, das ich offensichtlich nicht gehabt hatte, würde man es zum Vorschein bringen können. Die Scharfsichtigkeit von Frauen verblüffte mich. Sie können eine ganze Beziehung in ein Lächeln projizieren und eine Zukunft in eine einzige Umarmung. Sie können in einem Versprechen nisten, von dem man nicht einmal weiß, dass man es gegeben hat. Jan sah eine Zukunft für uns beide, aber wenn ich es nicht tat, dann sah sie eben eine für sich. Ich konnte ihren Impuls verstehen. Ich war nicht der Einzige, der in die Dunkelheit über dem Bett starrte und um mich herum das Alter wispern hörte. Jan hörte ihre eigenen düsteren Stimmen. Irgendwo in ihrem Inneren spürte sie hoffnungsvoll Nachwuchs auflodern, gesichtslos wie flammende Kerzen. Kam er nicht nach mir, kam er nach einem anderen. Aber ihr lief die Zeit davon. Tat sie das nicht immer, bei uns allen?

»Geh und nimm dir deine Woche«, sagte sie. »Wir sehen uns, wenn du wieder da bist.«

Fast hätte ich Worte zu meiner Verteidigung ergriffen, widerstand der Versuchung aber. Ich spürte, in welcher Richtung sie sich bewegte, möglicherweise von mir weg. Sie hatte aufgehört, im Hotel zu arbeiten, und führte jetzt gemeinsam mit zwei Freundinnen ein kleines Restaurant. Ihr Leben war geordnet und erfolgreich. Ich dagegen schien rückwärts zu streben. Manchmal hatte ich das Gefühl, zu Fuß unterwegs zu sein, während alle anderen fuhren. Als hätte mein Leben das Rad noch nicht erfunden. Vielleicht in dieser Woche. Immerhin würde Jan warten. Das Gericht hatte sich bis auf nächste Woche vertagt.

Brian wartete nicht weit entfernt und ich rief ihn. An ihrem Wagen verabschiedeten Jan und ich uns abwägend und sie sagte mir tonlos durch die Windschutzscheibe, dass sie mich liebte. Dann fuhr ich Brian nach Hause. Im Wagen redeten wir nicht viel. Draußen vor seinem Haus blieb er an der offenen Autotür stehen.

»Denk dran, Jack«, sagte er. »Polizisten dürfen sich noch weniger herausnehmen als Zivilisten. Mach keine Dummheiten, jedenfalls keine richtig dummen. Und bleib in Verbindung. Sei’s nur, um mir zu sagen, wie’s dem Wagen geht. Ich möchte von dir hören. Und vielleicht brauche ich auch deinen Rat bei unseren Ermittlungen.«

Eine vorbereitete Rede. Ich fand das rührend.

»Ich rufe alle paar Kilometer an«, sagte ich.

»Au ja. Und lass dir einen Tipp von einem guten Detective geben: Wenn du in einen fremden Wagen steigst, schau immer zuerst ins Handschuhfach.«

Wir winkten und ich fuhr los. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir wieder ein, was er gesagt hatte. Ich drückte auf den Knopf am Handschuhfach, die Klappe sprang auf und eine Flasche Antiquary fiel mir in die Hand. Ich legte sie wieder rein und machte zu.

Ich dachte an Menschen in Fabeln, die sich auf Reisen begeben: Sie werden von schönen Frauen gewarnt und bekommen einen Zaubertrank mit, der ihnen helfen soll, das Unbekannte zu überstehen.

4

GRAITHNOCK LIEGT NICHT WEIT von Glasgow entfernt, nur knapp über zwanzig Meilen. Trotzdem brauchte ich fünfzig Minuten. Ich brach keine Geschwindigkeitsrekorde. Je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr schwand meine Zuversicht.

Ich dachte, Anna würde sich wohl kaum freuen, mich zu sehen. Nach der Beerdigung hatte ich sie zwei Mal angerufen und mit einem Kühlschrank gesprochen. Jede einzelne Antwort kam kompakt und kalt wie ein Eiswürfel zurück. Sie selbst hatte keine Fragen. Beim dritten Mal war sie nicht mehr drangegangen und seither überhaupt nicht mehr. Keine Ahnung, was mit ihr los war. Ich hatte das Gefühl, in eine Nebelbank zu fahren. So was macht langsamer.

Ich versuchte, Anhaltspunkte zu finden. Das war nicht einfach. Wenn ich Scott zum Zeitpunkt seines Todes schon kaum noch gekannt hatte, wie standen dann meine Chancen, Anna kennenzulernen? Richtig nah war ich Scott zuletzt vor zwei Monaten gewesen. Er hatte angerufen und war dann bei mir zu Hause in diesem besonderen Zustand der Trunkenheit aufgetaucht, in dem man erstaunlich nüchtern wirkt. Seine Worte wirkten wie in Stein gemeißelt. Die erste Stunde war ich eher herablassend besorgt, bis ich allmählich selbst blau wurde. Wir tranken, was ich im Haus hatte.

Was für ein Abend. Später gingen wir aus, fielen in Kneipen ein wie in feindliche Länder und lieferten uns einen Wettstreit, wer in kürzester Zeit den gröbsten Unsinn reden konnte. Wir lagen ungefähr gleichauf. Wie bei den meisten Säufern ging es vor allem um amüsanten Kummer, wir nutzten die Alchemie des Alkohols, um unser Elend in einen Schwank zu verwandeln.

Das gelang uns auf unterschiedliche Weise jeweils sehr gut. Scott wurde grotesk charmant. Ich nicht. Er sprach Fremde übertrieben höflich mit »mein werter Herr« und »mein guter, guter Mann« an. Die Bestellung eines Getränks gestaltete er feierlich genug, um von Fanfarenstößen begleitet zu werden. Er legte Münzen auf den Tresen, wie ein Antiquar Raritäten präsentiert. Schlug vier verschiedenen Frauen in vier verschiedenen Bars vor, gemeinsam durchzubrennen. Aber wenn er Sir Galahad of the Bevvy war, so war ich Mordred. Meine Stimmung kleidete sich schwarz. Wer eine Bemerkung an mich richtete, musste damit rechnen, dass ich ihr in die unschuldige Seele starrte und Verwerfliches darin entdeckte. Ich war so unausstehlich, ich konnte es kaum ertragen, neben mir zu sitzen.

Ich erinnere mich glücklicherweise nur verschwommen an eines der letzten Pubs, in dem wir landeten. Es war das Reid’s of Pertyck, glaube ich – auf jeden Fall eine Kneipe mit einer Art höher gelegenen Galerie mit Tischen und Stühlen. Ich stand an der Bar. Ich muss etwas bestellt haben. Scott saß auf der Galerie an einem Tisch. Vielleicht verwirrte ihn die Umgebung, versetzte ihn in eine andere Zeit an einen anderen Ort. Er fing an, von seinem Platz aus Getränke zu bestellen, und zwar so, dass sich ein paar Köpfe fragend zu ihm umdrehten. In einigen Glasgower Pubs wird Großspurigkeit nicht gern gesehen.

»Die Runde ist an mir, so glaube ich«, schrie Scott. »Ein weiterer Krug Gerstensaft, mein Wirt. Und bringe er mir die Rechnung.« Zum Glück hatte er die Worte an mich gerichtet.

Er warf einen zerknitterten Fünf-Pfund-Schein Richtung Tresen. Ein kleiner Mann hob ihn auf und behielt ihn in der geschlossenen Hand. Zu dem Zeitpunkt bekam ich bereits nicht mehr viel mit. Aber das schon. Mordred hatte sich einen gemeinen Tunnelblick zu eigen gemacht. Nur Schlechtes drang noch zu mir durch. Ich streckte die Hand aus, die Fläche nach oben. Der kleine Mann sah mich fragend an. Dann tippte ich mir mit dem linken Zeigefinger auf die rechte Hand, keine schlechte Leistung in Anbetracht meines Zustands.

»Die«, sagte ich und schloss die Hand zur Faust. »Oder die.«

Der kleine Mann rückte die fünf Pfund heraus, aber ungern.

»Hab nur Spaß gemacht«, sagte er.

»Wenn das Spaß war«, sagte ich, »dann bist du so witzig wie Arthur Askey.«

Ich bezahlte und brachte die Getränke an unseren Tisch, keinen Gerstensaft, sondern Gin Tonic für Scott und eine Bloody Mary für mich, was nur folgerichtiger Ausdruck meiner Stimmung war, sonst trank ich so was nie. Die fünf Pfund gab ich Scott zurück.

»Nein, nein«, sagte er. »Verschenk das Geld. Die Leute sollen saufen!«

»Benimm dich«, sagte ich.

Der kleine Mann kam wieder.

»Hey, du. Hab nur Spaß gemacht«, sagte er.

»Was bist du?«, fragte ich. »Ein verfluchter Wellensittich? Haben sie dir keinen anderen Spruch beigebracht? Komm in einem Monat wieder, wenn du einen Satz dazugelernt hast.«

»Hör mal gut zu«, sagte der Kleine und packte mich am Arm.

Ich schüttelte ihn ab und er setzte sich auf den Boden. Hätte, wie man so schön sagt, hässlich werden können, nur dass ich ihm aufhalf.

»Hab nur Spaß gemacht«, beharrte er.

»Ich auch«, sagte ich. »Vergessen wir’s.«

»Na schön«, erwiderte er. »Hauptsache ihr wisst, dass ich Spaß gemacht hab.«

Die wiederholte Behauptung rief erneut den Dämon in mir wach.

»Tut mir leid, dass ich dich von deiner Sitzstange geschubst hab«, sagte ich.

Zum Glück drehte sich der Mann nicht noch einmal um. Aber es folgten genuschelte Bemerkungen, Scott begleitete die verhalten vorgetragenen Drohungen mit einem Grinsen, als handelte es sich um ein Konzert zu seinen Ehren. Auf wundersame Art und Weise kamen wir ohne weiteren Ärger dort raus und auch aus der nächsten Bar, zum Schluss holten wir uns noch was zum Mitnehmen und fuhren mit dem Taxi zurück zu mir nach Hause.

Der Abend mündete in dem, worum es eigentlich ging. Wir waren ebenbürtige Katastrophen. Ich denke, Scott war mit dem Ziel einer gemeinsamen Teufelsaustreibung zu mir gekommen, ein vereintes Ad-acta-Legen der wilderen Träume, die wir früher in unserem Zimmer im Haus unserer Eltern ersponnen hatten. Er hatte begonnen sich einzugestehen, wie entsetzlich seine Ehe gescheitert war, und musste dieses Eingeständnis mit mir, dem Hüter unserer alten Träume, teilen. Auch kannte er meine Situation und ich denke, er vermutete, sie könne bald auch die seine sein. Vielleicht wollte er das Terrain mit jemandem sondieren, der dort bereits heimisch war.

Ich wünschte jetzt, ich hätte ihm besser helfen können. Zu dem Zeitpunkt waren wir beide zu gekränkt. Während wir tranken und bis spät in die Nacht redeten, entdeckten wir eine neue Art von brüderlicher Rivalität. Du glaubst, du wurdest verletzt? Schau dir meine Narben an. Dein Kompass ist kaputt? Meine Ambitionen haben Wundbrand. Frauen wurden ausufernd analysiert. Gewichtige Behauptungen über das Wesen von Beziehungen aufgestellt und vergessen. Mädchen aus der Vergangenheit, die längst in unbekannte Ehen geflohen und, soweit wir wussten, auch schon wieder geschieden waren, wurden namentlich heraufbeschworen und im schummrigen Licht der Nostalgie betrachtet. Wir knieten vor ihnen nieder wie vor Altären, an die wir den Glauben nicht hätten verlieren dürfen. Wir stießen gegen das Unverständliche und Unsagbare und blieben erschöpft liegen.

Um circa halb vier Uhr morgens setzte sich Scott plötzlich auf, wo er gelegen hatte, und starrte wie ein Visionär in die Ferne.

»Ich bin hergekommen, um dir etwas zu sagen«, erklärte er. »Ich hätte es dir längst sagen sollen.«

Er sah mich an und schaute weg. Was auch immer er zu sagen hatte, es fiel ihm nicht leicht.

»Ich werde Anna verlassen«, kündigte er an, legte sich wieder hin und schlief ein.

Am nächsten Morgen wusch er sich, benutzte meinen Rasierer und kehrte kleinlaut zu ihr zurück. Danach hatte ich ihn noch ein paar Mal gesehen, aber immer nur flüchtig bei Veranstaltungen anderer.

Das war meine letzte echte Erinnerung an ihn und es war keine so schlechte. Sollen sich diejenigen, die glauben, das Leben sei in Korrektheit messbar, doch schönere letzte Erinnerungen auf den Leib wünschen. Der verrückte Abend blieb mir im Gedächtnis. Und ließ mich grinsen. Denn trotz all seiner Verletztheit hatte er irgendwie auch darübergestanden. Sein Schmerz war so groß wie der Traum, von dem er glaubte, dass er ihm verwehrt bliebe. An dem Schmerz festzuhalten bedeutete auch, an dem Traum festzuhalten. Das war einer der Gründe, warum ich ihm sein Sterben nicht verzeihen konnte. Und einer der Gründe, weshalb ich jetzt zu Anna fuhr.

Wer war Anna? Ich war nie richtig dahintergekommen. Ich wusste, wie sie aussah, klein und zierlich mit einem lieben Gesicht. Seit ihrer Heirat mit Scott hatten sie und ich Höflichkeiten stets wie versiegelte Briefumschläge ausgetauscht. Wer wusste schon, welche Komplikationen darin steckten? Vielleicht würde ich es jetzt herausfinden.

Links sah ich Fenwick, wo Brian Harkness vor seiner Hochzeit mit Morag bei seinem Vater gelebt hatte. Ich war dem alten Herrn mehrfach begegnet. Und hatte ihn gemocht. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn zu besuchen, meinen Abstieg in was auch immer mich in Graithnock erwartete zu verschieben. Brians Vater und ich hatten einiges gemeinsam. Auch er hatte für Polizisten nicht viel übrig. Aber bis nach Graithnock waren es nur noch wenige Minuten – schon zu spät, um sich zu verstecken.

Ich fuhr durch die Einbahnstraßen, bis ich eine Telefonzelle entdeckte. Dann suchte ich einen Parkplatz, denn ich wollte mich noch vor meinem Gespräch mit Anna bei John Strachan melden. Er hatte mir bei der Beerdigung erzählt, er sei noch kurz vor Scotts Tod mit ihm zusammen gewesen. Ich denke, ich wollte mich gegen die Möglichkeit absichern, dass mir Anna einsilbig antwortete. Wenn sie mir wirklich nichts erzählen würde, konnte ich ihrem Schweigen trotzen und meine Reise hätte sich trotzdem gelohnt. Ich rief in Scotts Schule an.

»Guten Tag. Glebe Academy.«

Eine Schreibmaschine im Hintergrund und eine Stimme, die etwas sagte, das ich nicht hören konnte – die köstlichen Geräusche der Normalität, die für einen Zwangscharakter wie Süßigkeiten im Schaufenster sind und er wird zum kleinen Jungen, der nicht anders kann, als sie anzustarren, weil ihm das Geld für einen Einkauf fehlt.

»Glebe Academy. Ja?«

»Guten Tag. Kann ich bitte Mr Strachan sprechen?«

»Wer ist am Apparat, bitte?«

»Mein Name ist Laidlaw. Jack Laidlaw. Ich bin Scotts Bruder.«

Beinahe hätte ich gesagt: »Ich war Scotts Bruder.« Trauer ist häufig so wohlerzogen, dass sie sich selbst verknotet. Am anderen Ende vernahm ich eine Stille, die ich nicht verstand.

»Oh, Mr Laidlaw.« Dann sagte sie etwas, dass sich mir an die Brust heftete wie ein Anstecker. »Sie hatten einen wunderbaren Bruder, Mr Laidlaw. Wir vermissen ihn sehr, Schüler wie Lehrer.«

Mir gefiel nicht nur, was sie sagte, mir gefiel auch die Atemlosigkeit in ihrer Stimme, die Spontaneität, mit der sie es sagte und die Hürde ihrer eigenen Befangenheit überwand. Ihre Worte waren nicht einstudiert.

»Danke«, sagte ich.

»Ich hole Mr Strachan.«

Als er sich meldete, erkannte ich seine Stimme nicht und mir wurde bewusst, dass ich ihn vielleicht gar nicht wiedererkennen würde, wenn ich ihn traf.

»Hallo, Mr Laidlaw?«

»Mr Strachan. Entschuldigen Sie die Störung. Ich weiß, dass Sie sehr viel zu tun haben. Aber ich bin heute in Graithnock und habe mich gefragt, ob es möglich wäre, dass wir uns unterhalten? Über Scott. Ich würde es einfach gerne besser verstehen. Tut mir leid, dass ich Sie so überfalle, aber können wir uns vielleicht treffen? Wenn’s auch nur für eine halbe Stunde ist?«

Er zögerte kaum.

»Kommen Sie doch heute Abend zu mir«, sagte er.

»Sind Sie sicher?«

»Absolut. Sind Sie später noch da?«

»Auf jeden Fall.«

»Okay. Tut mir leid, dass ich keine Zeit mehr habe, Mhairi vorzuwarnen, sonst hätten Sie mit uns essen können. Aber kommen Sie danach, wenn das in Ordnung ist.«

»Das ist wunderbar.«

Er gab mir die Adresse. Ich war erleichtert. Zu Hause würde ich ihn auf jeden Fall erkennen.

»Sagen wir um sieben. Wollen hoffen, dass die Kinder bis dahin im Bett sind.«

»Ausgezeichnet. Bis später. Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Kein Problem. Scott ist es wert, sich über ihn zu unterhalten.«

Seine Worte und die der Sekretärin waren Balsam auf meiner Seele. Zwei Menschen stimmten mir in meinem Gefühl zu. Ich gehörte einem Kommando zur Bekämpfung der Gleichgültigkeit gegenüber Scotts Tod an. Jetzt war ich bereit, mit Anna zu sprechen, war mit größerer Autorität ausgestattet als nur meiner eigenen Manie. Ich kehrte zum Wagen zurück.

5

SCOTT UND ANNAS HAUS WAR DAS LETZTE in einer Reihe. Die Bäume auf der Straße ragten trotzig aus dem sich wölbenden Asphalt. Als ich zwischen zwei davon parkte, fiel mir gleich das Schild ins Auge. Es steckte im Sandsteinkies des Vorgartens. Darauf stand »zu verkaufen«.

Ich stieg aus, ging über den Weg zur Tür und klingelte. Man hörte schon dem Klingeln an, dass niemand darauf reagieren würde, es verhallte in der hohlen Stille. Es hatte etwas von einem Besuch im Mausoleum. Ich schaute durch das vorhanglose Wohnzimmer fenster. Der Raum war vollkommen ausgeräumt. Dort wo Scotts Gemälde gehangen hatten, waren die Wände heller.

In meiner Erinnerung hängte ich eines der Bilder wieder auf. Eine große Leinwand, die von einem gemalten Küchenfenster beherrscht wurde. Im Vordergrund auf dem Abtropfgitter standen Geschirr, Pfannen, Kochutensilien. Durch das Fenster sah man eine trostlose Stadt mit verwahrlosten Menschen, Kränen und Schornsteinen. Die Menschen wirkten wie Teile der Gebäude, wie von ihnen versklavt. Ich erinnere mich an ein Gesicht hinter dem geschlossenen Fenster eines Wohnblocks, das wie durch ein Gitter nach draußen blickte. Scott hatte mir erklärt, es solle ein Widerhall des Betrachters sein. Ich erinnere mich an das Gesicht eines Mannes, das im glühenden Licht seines Schweißbrenners zu zerfließen schien, als wollte er sich selbst einschmelzen. Das Ganze war mit großer naturalistischer Detailtreue gemalt, bis hin zu den erkennbar proletarischen Gesichtern unter den Mützen, aber insgesamt wirkte es wie eine Albtraumvision. Links vom Küchenfenster befand sich – wie ein ungenau eingefügter Maßstab auf einer wahnwitzigen Karte – ein kleines quadratisches Bild. Es war in Bonbonfarben angelegt und stand in lebhaftem Kontrast zur Szene draußen. Es zeigte ein idealisiertes Tal in den Highlands mit Heidepflanzen und einem Cottage, aus dessen Schornstein Rauch aufstieg. Ein Hirte und sein Hund gingen darauf zu. Scott hatte das Gemälde »Scotland« genannt.

Dann wurde es wieder zum hellen Fleck an der Wand. So einfach war es, eine so verbitterte Vision auszulöschen. Der Raum war der von irgendjemandem, niemandem. Selbst der Teppichboden war weg. Anna war immer schon sparsam gewesen.

Ich knirschte über den Kies und ging ums Haus herum. In der Mauer am Garten war eine Holztür. Sie war verschlossen. Ich setzte meinen Fuß auf den Türgriff, zog mich hoch und sprang auf der anderen Seite herunter. Hinten war nur ein kleiner Schuppen, eine Garage und ein kleines Stück Rasen. Gärtnern war keine von Scotts Leidenschaften gewesen.

Ich spazierte eine Weile umher, spähte durchs Küchenfenster. Alles leer und sauber. Anna war immer eine gute Hausfrau gewesen. Ich betrachtete den Rasen und erinnerte mich, an ein paar sonnigen Sonntagen mit Scott, Anna und Ena hier auf Decken gesessen zu haben. Die Kinder spielten um uns herum und wir tranken Bier. Unsere zerfaserten Gespräche hingen noch in der Luft. Unsere Pläne waren Staubpartikel, die die Sonne zum Vorschein bringt.

Die Tür zum Schuppen war nicht abgeschlossen. Ich sah hinein. Da standen ein alter rostiger Rasenmäher, ein Rechen, ein paar Holzlatten, eine kleine Tüte mit Ölfarben, fast alle Tuben restlos ausgedrückt. Das war’s schon?

Ich hatte das Gefühl, zufällig auf eine archäologische Ausgrabungsstätte gestoßen zu sein. Schon jetzt war kaum noch zu erraten, wer hier gelebt hatte, es sei denn, man bediente sich der Technik der Experten und schuf ein ausgeklügeltes Theoriegebäude auf Grundlage der einzigen Fakten, die dieses nicht stützten. Scotts Hinterlassenschaft war der Marktwert des Hauses und diese Handvoll Abfall hier.

Dann sah ich es. Erst war ich nicht sicher. Es stand hinter ein paar Brettern, die Vorderseite zeigte zur Wand. Ich hielt es für ein Brett, dann fiel mir der Glanzlack auf und ich merkte, dass es ein Rahmen war, und zog es heraus. Scotts Gemälde, »Scotland«.

Als ich das Bild hochhielt, konnte ich es nicht fassen. Was war zwischen ihnen vorgefallen, dass Anna so etwas machte. Sie wusste, wie viel Scott das Bild bedeutet hatte. Ich war wütend.

Ich fand einen alten schwarzen Müllsack und steckte das Bild hin ein. Dann verließ ich den Schuppen und schloss die Tür, legte es auf dem Garagendach ab. Dann kletterte ich über die Pforte und nahm das Bild. Ich war gerade dabei, es im Kofferraum meines Wagens zu verstauen, als ein Nachbar auf mich zukam. Ich kannte ihn nicht.

»Entschuldigung«, sagte er. »Was machen Sie da?«

»Ich wollte jemanden besuchen«, sagte ich.

»Besichtigungen nur nach Vereinbarung.«

»Ich habe schon genug gesehen.«

»Was haben Sie da?«

»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte ich. »Der Hüter der Vorstadt?«

Kaum hatte ich es gesagt, tat es mir leid. Der Mann hatte ja recht. Er hatte gesehen, wie sich ein Fremder im Garten eines leer stehenden Hauses herumtrieb.

»Schauen Sie«, sagte ich.

Ich holte meinen Ausweis heraus und zeigte ihn.

»Ich bin Scott Laidlaws Bruder und habe nur etwas abgeholt, das für mich dagelassen wurde. Ein Bild, das Scott gemalt hat.«

Er wartete darauf, dass ich es ihn anschauen ließ. Das konnte er aber vergessen.

»Na schön«, sagte er. Er ließ es sich gnädig durch den Kopf gehen. Anscheinend glaubte er, seine Meinung würde mich interessieren. Warum benehmen sich manche Leute derartig gestelzt, aus so geringem Anlass?

»Ich denke, dass alles seine Ordnung hat.«

»Ach was?«, sagte ich, klappte den Kofferraum zu und stieg in den Wagen.

Auf der Fahrt ärgerte ich mich, weil ich wütend geworden war. Halte den Köter im Zaum. Mein Zorn galt nicht ihm, sondern einem anderen. Ich spürte ihn in mir, verschlossen und bereit, er brauchte nur noch eine Angriffsfläche.

6

KAUM SAH ICH JOHN STRACHAN um circa zehn nach sieben, erinnerte ich mich auch schon wieder an ihn. Eigentlich hatte ich gehofft, später einzutreffen, es aber nicht länger ausgehalten. Ich hatte mir die neue Innenstadt angesehen, die Scott so schrecklich gefunden hatte, und mich in ein Café gesetzt. Den Wagen hatte ich auf einem Parkplatz stehen lassen und war zu Fuß gegangen. Aber meine Ungeduld hatte mir trotzdem einen Streich gespielt.

»Jack, nicht wahr?«, fragte er.

Wir gaben uns die Hand.

»Ich bin John. Komm rein.«

»Das ist sehr nett.«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe selbst das Bedürfnis zu reden.«

Ein großer Mann mit Brille, der kaum älter sein konnte als Anfang dreißig. Er besaß die besorgte, zerstreute Ausstrahlung, die vermuten ließ, dass die Rechenaufgaben in seinem Kopf unlösbar waren. Er trug Jeans und einen ausgeleierten Pulli.