Freundschaft kommt auf leichten Füßen - Katie Clapham - E-Book

Freundschaft kommt auf leichten Füßen E-Book

Katie Clapham

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Lauf einfach los! - Ein witziges, warmherziges Wohlfühl-Buch über drei tolle Mädchen und die Kraft der Freundschaft Minnie, Lena und Alice gehen auf dieselbe Schule, aber Freundinnen sind sie deswegen noch lange nicht:   Minnies  ganzes Leben dreht sich um Sport. Vor allem im Netball ist sie unschlagbar. Als  sie sich die Schulter bricht, droht ihr Zukunftstraum zu zerplatzen … Lena ist Läuferin im Schulteam. Doch an Minnie kommt sie einfach nicht vorbei. Ob sie  jetzt endlich zeigen kann, was wirklich in ihr steckt?  Alice beschließt nach einem gruseligen Tag, dass sich was ändern muss. Sie wird laufen gehen! Aber Sport ist Neuland für sie, darum will sie erst mal  heimlich üben …   Eher zufällig bringt das Laufen die drei Mädchen zusammen. Und obwohl sie so verschieden sind, entsteht zwischen ihnen eine besondere Freundschaft. Gemeinsam finden sie heraus, was wirklich wichtig ist im Leben.   Eine turbulente, witzige und doch tiefgründige Freundschaftsgeschichte, erzählt aus drei Perspektiven.

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Katie Clapham: Freundschaft kommt auf leichten Füßen

Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer

 

Minnie, Lena und Alice gehen auf dieselbe Schule, aber Freundinnen sind sie deswegen noch lange nicht:

Minnies  ganzes Leben dreht sich um Sport. Vor allem im Netball ist sie unschlagbar. Als  sie sich die Schulter bricht, droht ihr Zukunftstraum zu zerplatzen …

Lena ist Läuferin im Schulteam. Doch an Minnie kommt sie einfach nicht vorbei. Ob sie  jetzt endlich zeigen kann, was wirklich in ihr steckt? 

Alice beschließt nach einem gruseligen Tag, dass sich was ändern muss. Sie wird laufen gehen! Aber Sport ist Neuland für sie, darum will sie erst mal  heimlich üben …

Eher zufällig bringt das Laufen die drei Mädchen zusammen. Und obwohl sie so verschieden sind, entsteht zwischen ihnen eine besondere Freundschaft. Gemeinsam finden heraus, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben.

 

Eine turbulente, witzige und doch tiefgründige Freundschaftsgeschichte, erzählt aus drei Perspektiven.

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Alice Daly-Donne

Man erlebt ja so einiges, aber wenn das nicht die Höhe ist, dann weiß ich auch nicht: Da bummele ich nichts ahnend den Hügel zu unserer Schule hinauf, ganz in Gedanken versunken – und okay, ich gebe zu, dass ich wegen dieser Fotogeschichte tatsächlich besonders chic aussehe. Mag sein, dass ich schon lächerlich früh aufgestanden bin, um meine Haare in Form zu bringen, und außerdem allen Ernstes ein gebügeltes T-Shirt trage. Sogar eins von den figurbetonten, weil Mum meint, darin wirke ich smarter als in den weiten. Ich habe neue Strumpfhosen an. Im Sinne von: funkelnagelneu. Smart und ehrgeizig, darauf bin ich aus, denn schließlich bin ich dem entsprechenden Gruppenfoto zugeteilt worden: den Superhirnen. Eines dieser Privilegien, die in einem kurzzeitig den akuten Wunsch wecken, man wäre ein bisschen weniger schlau. Jedenfalls: Ich schaue gut aus und es ist ziemlich warm, deshalb ziehe ich meinen Blazer aus und schiebe ihn durch den Gurt meiner Schultasche, und ich schätze, irgendwie verfängt er sich dabei in meinem Rock, der dadurch hinten ein wenig nach oben rutscht – denn mit einem Mal wird neben mir ein Auto langsamer und dieses … Gesicht lehnt sich aus dem Fenster und sagt, ungelogen: »Hit me, Britney, one more time.«

Ich bleibe wie angewurzelt stehen, weil – wie soll ich das denn bitte verstehen? Und ich frage: »Was?«

Und der Kerl wiederholt es! Diesmal allerdings drückt er dabei die Brust heraus und zieht diese fürchterliche Visage, begleitet von einem schrecklichen Gestöhne, und ich bin mir noch immer nicht sicher, worauf er hinauswill, bis er die Sache zweifelsfrei klarstellt.

»Das hält kein braver Schuljunge aus.« Seine Augen wandern über meinen Körper. Und in diesem Moment drehe ich mich um und renne.

Lena Singleton

Wieder und wieder lässt der Fotograf uns laufen. »Rennt nicht so schnell«, verlangt er – als würde auch nur eine von uns absichtlich Tempo herausnehmen, bloß damit er einen besseren Schnappschuss bekommt. »Könnt ihr vielleicht ein bisschen enger zusammenrücken, Mädels?«, schlägt er vor. »Arme um die Schultern, breites Lächeln?« Du denkst an das Netballteam, Mann. Die sind die Kuschlerinnen. Der Zusatz »Team« in »Leichtathletikteam« ist reine Zierde – wir tragen lediglich dieselben Farben und teilen uns auf dem Weg zum Turnier einen Minibus. Jede von uns kämpft für sich allein. Wir laufen, um zu gewinnen.

»High Five!«, ruft sie. Wie eine Cheerleaderin. Und meint damit mich. »High Five!?« – beim zweiten Mal mit einem Lächeln und erhobener Hand. Wer könnte Minnie Michaels schon hängen lassen?

… Ich.

Minnie Michaels

Der Fotograf hat heute Morgen ein paar großartige Bilder vom Netballteam gemacht, daher bin ich mir ziemlich sicher, dass der Sportbereich abgedeckt ist. Allerdings ist unsere Schule ganz scharf darauf, die beeindruckende Bandbreite des Sportangebots in dem neuen Werbeportfolio zu zeigen, also habe ich mich umgezogen und meinen Pferdeschwanz zum unordentlichen Knoten umgestylt – so fällt in einem Gruppenbild vielleicht weniger auf, dass dasselbe Gesicht bei zwei Teams zu finden ist. Keine der Läuferinnen interessiert sich sonderlich für den Fotografen. Ich versuche, dem armen Kerl ein wenig Hilfestellung zu geben. »High Five?«, biete ich einigen der Mädchen an. Lena Singleton hört mich nicht, derart hoch konzentriert ist sie. Wie immer. Ich dränge mich lächelnd einer arglosen Fünftklässlerin auf – »High Five!« Sie lächelt zurück, und exakt in dem Moment, in dem unsere Hände sich in der Luft treffen, klickt die Kamera.

»Fantastisch, Mädels.« Der Fotograf klingt erleichtert.

Alice Daly-Donne

Wenn ich sage, dass ich gerannt bin, dann meine ich damit: Ich bin zügig durch das Schultor marschiert, habe meinen Rock nach unten gezerrt, den Blazer wieder angezogen und den Stoff vor der Brust so weit wie nur möglich übereinandergeschlagen. Im Schulgebäude haste ich sofort in die Toilette und starre mir im Spiegel selbst durchdringend ins Gesicht. Dann mache ich für eine bessere Gesamtansicht ein paar Schritte zurück. Meine Brüste schauen riesig aus in diesem Shirt. Po und Beine sind im Spiegel nicht zu sehen, aber ich weiß, wie sie in dieser Uniform wirken – nämlich so, als wollten sie um jeden Preis Aufmerksamkeit. Was allerdings wohl kaum meine Schuld ist: Wo sollte ich sie denn bitte sonst hintun? Ich konzentriere mich wieder auf mein Gesicht. Mein Gesicht ist gut: tadellos reine Haut, süße Frisur. Ich musste mich lediglich vergewissern, dass ich mich nicht unbemerkt auf dem Schulweg in jemand anders verwandelt hatte. Sichergehen, dass ich es mir nicht selbst zuzuschreiben habe, wenn irgendein Widerling mich aus dem Auto heraus mit einem verirrten Mitglied einer Junggesellinnenabschiedsgesellschaft verwechselt hat. Okay, ich bin groß. Okay, ich bin … weit entwickelt. Wie auch immer. Dieser Typ war schrecklich und lächerlich und er hatte keinerlei Recht, solche Sachen zu mir zu sagen. Ich drücke den Rücken durch und lächele. Ich sehe hübsch aus. Smart und ehrgeizig.

Das Foto der Jahrgangs- und Fachbesten – aka Nerds United – wird in einem kuscheligen Chemieraum aufgenommen. Die Idee: Wir sitzen alle zusammen um einen Tisch, ganz aus dem Häuschen darüber, dass wir das Feuer entdeckt haben und/oder in der Lage sind, einen Bunsenbrenner zu bedienen. Ich bin hoch motiviert, mich auf das Szenario einzulassen, bis mir klar wird, wer außer mir noch zu diesem schrägen Familienfoto eingeladen ist.

Zuerst einmal bin da ich – und dazu kommen mein winziger Sohn Jacob Porter, meine zierliche Tochter Lucia Tan, meine andere zierliche Tochter, Schulsprecherin Tilda Jeffrey, und ein paar weitere Kids, die derart mickrig sind, dass ich mir nicht einmal die Mühe gemacht habe, ihre Namen im Kopf zu behalten. Dieser dauergrinsende Australier ist gar nicht mal so klein, aber um mich weniger groß wirken zu lassen, bräuchte es schon eine Gruppe Basketballer.

Zu Beginn stehe ich ganz vorn im Bild; dann allerdings fällt dem Fotografen auf, dass ich so unser niedliches Bunsenbrennerbaby (und alle übrigen Schüler) verdecke und besser hinter dem Tisch platziert werden sollte, damit alle zu sehen sind. Und vielleicht setze ich mich auch lieber? Und eventuell könnten einige der anderen – okay, idealerweise alle anderen – stehen, sodass niemand denkt, ich wäre die Lehrerin. Wobei, haha, weshalb würde eine Lehrerin Uniform tragen? Hahaha, jep, kein Problem, so ist es perfekt …

Bis zum Mittagessen habe ich entschieden, dass ich in Zukunft wohl Fotos jedweder Art meiden werde. Was im Grunde schade wäre, denn Selfies kriege ich richtig gut hin. Auf dem Weg zur Mensa, wo ich fest vorhabe, Jodie und Caro von der Fratze im Autofenster zu erzählen, hält mich unser Schulleiter im Flur an.

»Alice, ich wollte fragen, ob du kurz Zeit für nur ein weiteres Foto hättest.« Neeeeiiiin.

»… wenn du also ganz fix mal in den neuen Gemeinschaftsraum flitzen würdest?« Ich flitze nicht. Und außerdem: Neeeeiiiin.

»… wir wünschen uns bloß ein paar hübsche, ganz ungezwungene Bilder, die unterstreichen, dass die Freundschaften, die hier geschlossen werden, solche fürs Leben sind. Echt. Beständig. So was in der Richtung. Für die Schulbroschüre. Du hast nichts dagegen, oder?« Das ist lachhaft. Natürlich habe ich etwas dagegen.

»Kein Problem, Sir.«

Ich schleppe mich also in den Gemeinschaftsraum, wo ich sofort zu einem Stuhl bugsiert werde und die Anweisung erhalte, eine angeregte Fake-Unterhaltung mit meinen neuen Fake-Freundinnen zu beginnen: zwei winzigen, sportlichen Mädels. Vermutlich sind wir ausgesucht worden, weil Gegensätze sich ja angeblich anziehen. Die eine der beiden ist die Freundin des Australiers, und sie heißt Minnie, wie sie sagt. Leicht zu merken, denn ihre Proportionen gleichen denen eines Mäuschens. Ihre Freundin Lena, mit der sie mich ebenfalls bekannt macht, starrt uns gleichermaßen finster an. Beinahe stelle ich mich als Big Alice vor, weil ich ahne, dass sie das ohnehin für meinen Namen halten, aber ich gebe mir die größte Mühe, meiner schlechten Laune keinen Raum zu lassen. Schließlich hat niemand etwas davon, wenn ich auf diesen Fotos missmutig dreinschaue, also versuche ich, tatsächlich etwas über meine neuen Fake-Freundinnen zu erfahren.

»Welchen Käse mögt ihr am liebsten?«

Beide wirken verwirrt. »Cheddar?«, antwortet Minnie Maus.

»Wieso?«, will Lena wissen.

»Ach, ich dachte bloß, statt ›Cheese‹ zu sagen, wenn das Bild aufgenommen wird, könnten wir stattdessen unsere Lieblingssorte rufen«, setze ich zu einer Erklärung an, doch der Fotograf bedeutet uns, still zu sein. Absurd, schließlich hat er buchstäblich gerade eben noch verlangt, dass wir für sein Foto fröhlich quatschen.

»3 – 2 – 1 – jetzt!«, ruft er.

»Camembert!«, sage ich, als der Blitz aufflammt.

»Cheese!«, quiekt Minnie. Die andere spart sich die Mühe.

»Eins noch«, verlangt der Fotograf, und statt zu schreien, werfe ich den Kopf in den Nacken und mime herzhaftes Gelächter. Ich mag Fotos von mir, auf denen ich lache – genau genommen gefallen mir auf Bildern alle Menschen, wenn sie lachen. Na ja, fast alle. Außer Hitler. Und der Fratze im Auto.

Mein Haar streicht über Lenas Wange.

»Tut mir leid«, sage ich und frage mich dabei insgeheim, wie oft ich mich heute schon dafür entschuldigt habe, dass ich Raum einnehme.

»Nein, alles gut«, winkt sie ab.

Ist es aber nicht, oder? Für mich zumindest. Nichts von alldem hier ist gut.

Als ich endlich wieder zu meinen echten, selbst gewählten Freundinnen stoße, erzähle ich ihnen mit keinem Wort von der Fratze. Sie kichern über etwas, das passiert ist, während ich nicht da war, und vermutlich hätte ich da gewesen sein müssen, um es ebenfalls witzig zu finden, doch wie schon im Gemeinschaftsraum ertappe ich mich dabei, dass ich den Kopf zurücklege und lache, denn andernfalls würde. Ich. Wohl. Einfach. Losschreien.

Lena Singleton

Es nimmt überhaupt kein Ende mit den Bildern. Erst die Lauffotos. Dann die Schnappschüsse im Gemeinschaftsraum. Lachend mit Lehrern. Gemeinsam mit anderen Mädels, die keinen einzigen meiner Kurse belegen, über Hausaufgaben gebeugt. Mit Big Alice und Minnie Michaels. Und weil wir so überzeugend wirken, werden wir direkt für noch ein paar weitere Aufnahmen ausgewählt. Nur wir drei, draußen auf einer feuchten Bank. Lächelnd am Eingang zur Bibliothek. Der Fotograf möchte, dass wir uns in der Mensa unterhalten, vor leeren Tellern. Affig. Irgendwann ertönt der Schulgong und die Klassenzimmer leeren sich. Die Leute trödeln auf ihrem Weg zur nächsten Stunde. Ein schlaksiger Typ mit dunklem Haar bleibt stehen und glotzt eine Weile ganz unverhohlen. Ich vermute erst, dass er Minnie anstarrt, doch als der Fotograf sich kurz abwendet, beobachte ich, wie der Kerl auf das Stativ zupirscht und nach dem Markennamen der Kamera schielt. Minnie müht sich natürlich nach Kräften, Alice in netten Smalltalk zu verwickeln. Alice ist laut, wenn sie denn redet; ich überlege derweil gerade, ob ich heute überhaupt schon einmal den Mund aufgemacht habe, als ich durch das Fenster einen Blick auf Aimee erhasche. Sie stiert mich an – und sie ist, ganz wie erwartet, stinkwütend.

Minnie Michaels

Wir dürfen die komplette vierte Stunde für weitere Fototermine schwänzen. Es macht wirklich ziemlich Spaß – definitiv mehr als Chemie, jetzt, da Daniel in einem anderen Kurs ist. Durch Netball bin ich das ganze Fotografiertwerden schon gewohnt; normalerweise schauen wir dabei allerdings bewusst in die Kamera. Ein breites Lächeln für das Team! Ich muss mich regelrecht körperlich zwingen, nicht absichtlich besonders aufrecht zu stehen und die Hände hinter dem Rücken zu verschränken, wie wir das üblicherweise für die Mannschaftsbilder tun. Der Fotograf will uns »beim entspannten Plaudern mit Freundinnen« einfangen – bloß, dass die Freundinnen, mit denen ich mich unterhalte, eigentlich überhaupt nicht meine Freundinnen sind. Lena aus der Leichtathletik sieht man auf den ersten Blick an, dass sie einfach nur das Ende dieser ganzen Aktion herbeisehnt, und mir fällt der spontane Fake-Smalltalk ein wenig schwer, aber das große Mädchen, Alice, hat ein echt gutes falsches Lachen auf Lager. Sie redet mit ausgreifenden Gesten, fuchtelt ständig mit den Händen herum, also lächle ich einfach zurück und hoffe, dass am Ende ein nettes Bild dabei herauskommt.

»So ist das großartig, danke, Mädels. Jetzt haben wir ein paar wunderbare Aufnahmen im Kasten. Ihr könnt gern zusätzliche Abzüge kaufen, wenn ihr wollt. Ein hübsches Andenken für euch und eure Freundinnen, hmm?«

Und aus irgendeinem Grund sage ich: »Oh ja, danke, das wäre toll.« Alice nimmt kaum wahr, was er vorgeschlagen hat, aber Lena Singletons Gesicht zuckt leicht. Wenn ich diese Reaktion deuten müsste, würde ich sagen: ein Ausdruck reinster Abscheu.

 

 

WIR LAUFEN!

UND DU?

 

ENTDECKE DAS LICHT IN DIR!

 

 

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Alice Daly-Donne

hört nie wieder Britney Spears.

Über das, was ich heute Abend tatsächlich treibe, kann ich nicht schreiben – deshalb ist der Statuspost zu Britney eine Geheimbotschaft an mich selbst, ein Startschuss für mein neues Ich. (I’m not a girl! Not yet a wooo-man! Ach, ich werde Britneys brillante Refrains wirklich vermissen.)

Nachdem ich einen Tag hinter mir habe, den ich definitiv vergessen will, muss ich zumindest den Abend erinnerungswürdig gestalten. Immer wieder steht mir das schreckliche Gesicht dieses Mannes vor Augen, und dann verschiebt sich auch noch die Szene, sodass er mich in meiner Vorstellung tatsächlich Big Alice nennt. Puh! Und dann muss ich wieder daran denken, wie peinlich berührt ich geklungen habe, als dieser Fotograf mich allen Ernstes vor meinen Superhirnen bloßgestellt hat. Wieso habe ich mich bei ihm entschuldigt?! An diesem Punkt ärgere ich mich schließlich über mich selbst, weil ich zugelassen habe, dass Leute, die mich überhaupt nicht kennen, mir derart zusetzen. Und prompt finde ich den kompletten Tag wieder einfach nur gruselig. Deshalb habe ich gerade vor zehn Minuten beschlossen, dass ich etwas unternehmen werde. Do Somethin’! (Oops! … I Did It Again! Gott, ich liebe Britney. Oder habe sie geliebt. Unfassbar, dass die Fratze sie mir verleidet hat.)

Zu Dokumentationszwecken stelle ich meinen Status auf privat [sodass nur ich selbst ihn sehen kann] – schon mal gefragt, wer eine solche Einstellung je nutzt? Tja, ich, genau jetzt. Danke, liebe Internet-Programmiergenies! Dann schlüpfe ich in meine Vans und mache mich auf den Weg zur Haustür. Philip wartet bereits auf mich und peitscht seine Rute gegen die Sockelleiste. Philip ist übrigens ein Deutscher Schäferhund – nicht etwa mein übereifriger Freund.

»Ich gehe mit Philip raus!«, rufe ich ins Haus hinein, nur für den Fall, dass das irgendjemanden interessiert. Mum und Dad antworten einstimmig aus unterschiedlichen Stockwerken.

»Danke, Schatz!«

Clara schreit aus ihrem Türrahmen. »Kann ich mitkommen?«

»Du solltest längst schlafen!«, antworten diesmal Mum und ich wie aus einem Mund.

»Ich schlafe ja!«, brüllt sie zurück und knallt ihre Tür zu. Ich höre, wie sie sich mit einem dumpfen Plumps aufs Bett wirft. Dafür, dass sie so klein ist, kann sie ganz schön viel Krach machen.

»Wie auch immer: Are you ready?«, trällere ich (möglicherweise inspiriert von Britney). Vielleicht gilt die Frage Philip, wahrscheinlicher mir selbst. Denn heute Abend ist es so weit, die große Premiere …

[Privat] Alice Daly-Donne geht laufen.

Minnie Michaels

kann einem Belohnungs-KitKat nach dem Training nicht widerstehen!

Heute hat mich mein Coach nach dem Training beiseitegenommen und gemeint, ich solle mir allmählich Gedanken über meine Optionen machen. (Ich wünschte, jemand würde diese Optionen überhaupt erst einmal benennen.) Er hat angedeutet, dass ich »eine Karriere im Netball ernstlich in Erwägung ziehen« könne. Ich schätze, in gewisser, ganz eigener und eher flüchtiger Weise habe ich das schon, und jep, erscheint mir vernünftig. Klar, die Konkurrenz ist stark, aber alle denken, ich bin gut genug, und in Bezug auf andere Fächer höre ich das nie. Ich bin nicht dumm oder so, aber wohl eher durchschnittlich in Mathe, Biologie, Geschichte und so weiter. Durchschnittlich zu sein, ist nicht sonderlich toll. Großartig bin ich dagegen in zwei Disziplinen: im Sport und in meiner Rolle als Daniel Turners Freundin.

Daniel kam vor einem Jahr an unsere Schule; er stammt aus Australien, und ich weiß, das klingt abgedroschen, aber für uns beide war es Liebe auf den ersten Blick. So etwas gibt es wirklich! Er hat diese großen braunen Augen und lockiges braunes Haar und die schönsten, weißesten Zähne der Welt. Sein Lächeln ist nicht bloß breit – es ist so breit wie Australien. Er hat sich damals neben mich auf den Tisch gesetzt, und ich habe die Augen buchstäblich gar nicht mehr von ihm losreißen können. Das hätte mir peinlich sein sollen, aber er hat einfach nur dieses Wahnsinnslächeln gelächelt und »Hey, Girl!« gesagt, als wären wir schon ewig befreundet. Und ich habe »Hey, Boy!« geantwortet, und dann hatten wir ein paar Kurse zusammen und haben uns ein paar Monate lang täglich mit »Hey, Girl!« – »Hey, Boy!« begrüßt und uns abends Textnachrichten mit Gute Nacht, Girl! und Gute Nacht, Boy! geschickt. Nach den Sommerferien hat er schließlich »Hey, mein Girl!« gesagt, und ich habe »Hey, mein Boy!« geantwortet, und aus unseren Gute-Nacht-Floskeln ist Ich liebe dich geworden.

Wir gehen Händchen haltend nach Hause. Daniel trägt dabei meine Sporttasche, und ich mampfe ein KitKat. Er erzählt mir von einer neuen Kletterhalle, von der er gehört hat, und meint, wir sollten sie in den Halbjahresferien mal ausprobieren. Klingt gut, und ich lausche und nicke, während er mir ein paar geniale Videos beschreibt, die er im Internet gesehen hat – aber zugleich gehen mir auch die Worte meines Coachs durch den Kopf. Offenbar will ein Scout der Bezirksliga bei einigen unserer nächsten Spiele zuschauen. Keine Frage: Das ist meine Chance, entdeckt zu werden. Und dann »könnten die Dinge ins Rollen kommen« für mich. Welche Dinge? Bezirksligadinge? Nationalmannschaftsdinge? Ich schätze, darauf hat er angespielt, als er von einer Zukunft im Netball gesprochen hat. Ich – ganz oben? Minnie Michaels, Netballspielerin für England?

[Privat]

Alice Daly-Donne

fühlt sich wie in einem Werbeclip für Dr. Pepper. (What’s the worst that could happen?)

Okay, also dann: Ich werde nicht einfach geradewegs aus der Haustür platzen und unseren Gartenweg oder gar die Straße entlangrennen. Ich kann nicht riskieren, von irgendjemandem gesehen zu werden; deshalb werde ich zusammen mit Philip ganz gemächlich zu dem düsteren Gässchen spazieren, das sich hinter den schicken Häusern entlangzieht, und dort fangen wir zu laufen an. Der Weg führt ein gutes Stück geradeaus, wobei ich schätze, dass ich wohl ein paar Mal hin- und herjoggen muss, um auf eine ordentliche Distanz zu kommen. Zehn Mal vielleicht? Ich habe keine Ahnung, welche Strecke das ergibt. Ich denke, ich sollte mir eine dieser Fitnessuhren zulegen, mit denen man seine Läufe aufzeichnet. Nicht, dass ich vorhabe, die Ergebnisse dann online zu teilen oder so – aber es wäre schon gut, einfach für mich selbst zu wissen, ob ich quasi versehentlich jeden Abend nach der Schule einen Marathon laufe. Darauf bin ich tatsächlich am meisten gespannt: Ich habe das Ganze im Grunde noch nie wirklich ausprobiert, und vielleicht bin ich als Läuferin ja ein absolutes Naturtalent? Immerhin wirke ich sportlich, mit meinen langen Beinen und allem. Bisher habe ich bloß nie ernsthaft Sport getrieben. Bis jetzt. Bei den Olympia-Übertragungen im Fernsehen ist mir allerdings aufgefallen, dass etliche der Langstreckenläufer hoch aufgeschossene Schlakse sind. Gut möglich, dass das Laufen mir praktisch im Blut liegt und meine Beine gleich erkennen: »Wow, ENDLICH, dafür sind wir gemacht!«

Ich nehme an, falls ich wirklich derart gut bin, werde ich meine Ergebnisse unter Umständen doch teilen wollen …

Ich komme am Pflegeheim vorbei, aber der Spieleraum ist leer. Vermutlich sind die Bewohner alle bereits zu Bett gegangen, denn für gewöhnlich winken mir die Grannys und Grandpas immer zu, wenn sie mich sehen, und aus irgendeinem Grund rufe ich dann jedes Mal laut »Sag Hallo, Philip!«, als könnte er verstehen, dass die Rentner uns grüßen. Manchmal bringe ich ihn dazu, seine Pfoten oben auf die Mauer zu legen und darüberzugucken, damit die Senioren begreifen, dass ich einen Hund habe und nicht etwa Selbstgespräche führe oder irgendetwas Komisches treibe – mit einem Frettchen Gassi gehe, zum Beispiel.

Ohne Witz, ich bin schon einmal jemandem mit Frettchen an der Leine begegnet, und mein Status-Update dazu hat Likes ohnegleichen abgesahnt. Sogar von »Freunden«, mit denen ich offline eigentlich gar nicht befreundet bin.

Ich komme am Laden vorbei und überlege kurz, hineinzuspringen und mir einen Energydrink oder einen dieser zusammengematschten Frucht-Nuss-Riegel zu holen, die Juliet immer isst, wenn sie »gesundheitsbewusst« sein will. Juliet ist meine Tante; sie ist dreißig und total cool. Ich frage mich, ob sie laufen geht. Eine Menge Lycra trägt sie jedenfalls. Vielleicht bitte ich sie demnächst mal um Tipps oder schlage ihr vor, gemeinsam eine Runde joggen zu gehen, und anschließend kann sie mir in der Bar ihres Fitnessclubs einen Smoothie spendieren. Im Studio ist sie definitiv oft, postet aber auf Instagram immer bloß den Superfoodsalat, den sie nach dem Training gegessen hat, und nicht ihr eigentliches Workout.

Jedenfalls: Gleich bin ich an all den Häusern mit schicken Namen vorbei – eines nennt sich Dunthwaite Holme, ein anderes Tamarisk Lodge und das nächste bloß Scruples. Ich wette, Scruples gehört irgendwelchen irre reichen Leuten, die einen totalen Dachschaden haben, weil die Bezeichnung nach einem Hund oder einer Frisur klingt, nicht nach einem Herrenhaus. Setzt man den Hausnamen mit auf den Umschlag, wenn man den Bewohnern schreibt? Sagt man ihn dazu, wenn man ein Taxi dorthinbestellt?

Die Kurve hinter der letzten Villa biegt in die Gasse ein, die ich entlanglaufen werde. Und wieder zurück. Ungefähr zehn Mal. Aufgepasst!

Ich gehe nicht aufs Knie, als würde ich aus einem Startblock antreten oder so, aber ich imitiere diese federnde, zurücklehnende Bewegung, die die ganzen dürren Olympioniken immer machen, und sprinte dann los.

Das.

Ist.

Der Wahnsinn!

Ich fliege diese Gasse hinunter. Ich bin so was von leichtfüßig! Wer hätte das gedacht?!

Philip ist ebenfalls begeistert. Er grinst mich mit Herzchen in den Augen an. Und seine Beine kreuzen sich beim Rennen fast unter dem Körper.

Wir sind Rennmaschinen. Das ist wirklich exakt das, wofür unsere Körper gemacht sind!

Zehn Runden schaffen wir locker innerhalb von ein paar Minuten. Eventuell auch zwanz-OH-AAAUUUU-WAS-ZUM-KUCKUCK-GEHT-HIER-IN-MIR-VOR-MEINE-LUNGEN-STEHEN-IN-FLAMMEN!!!

ICH KANN MEINE LUFTRÖHRE SPÜREN! SIE GLÜHT! SIE BRENNT! MEIN KOMPLETTER ATEMAPPARAT EXPLODIERT GLEICH!

Das Schaubild aus meinem Biologiebuch taucht vor meinem geistigen Auge auf: Nase und Ohren und Mund, allesamt mit blauen und roten Linien verbunden, die sich den Hals hinunterschlängeln und dann in winzigen Verästelungen beide Lungenflügel durchwurzeln, und deshalb BREITET SICH DAS FEUER SO RASANT DURCH MEINEN GANZEN KÖRPER AUS. Natürlich bleibe ich erst einmal stehen, um mich besser aufs Sterben konzentrieren zu können. Ich lehne mich an einen Zaun und atme in übertrieben tiefen, abgehackten Zügen. Zwinge Luft in meine blauen Linien. Oder sind es die roten? Wieso habe ich nichts zu trinken mitgenommen? Ich bin SO ausgedörrt. Atmen atmen japsen japsen atmen. Atmen. Aaaatmen.

Nachdem ich ein paar weitere Male mühsam Luft geholt habe, spüre ich, wie mein Puls sich beruhigt. Ich schiele zu Philip hinunter, der mich aufrichtig verwirrt anschaut. Dann spähe ich umher, um sicherzugehen, dass niemand meinen kleinen Zwischenfall soeben mitbekommen hat. Wie ich beinahe krepiert wäre, und das vermutlich auch noch selbst verschuldet.

Die Luft ist rein. Ich drehe mich um und mache mich schlurfend auf den Heimweg. Hoffentlich fühlt mein Gesicht sich nicht mehr so verbrannt an, bis wir in die Zivilisation zurückkehren.

Das Glück ist nicht auf meiner Seite. In weniger als dreißig Sekunden bin ich wieder auf Höhe der schnieken Häuser, wo Mrs Thornwoodwaitington Palace im Garten gerade ihre Bodendecker gießt. Ich werfe einen Blick zurück in die Gasse, um zu sehen, wie weit ich »gerannt« bin.

Nicht mal bis zur zweiten Straßenlaterne habe ich es geschafft.

Niemand bemerkt, dass ich dunkelrot und deprimiert zu Hause eintrudele. Philip springt auf direktem Weg durchs Haus in den Garten, als wäre unsere Gassitortur bloß eine Aufwärmübung für eine Spielrunde gewesen. Vergiss es, Phil, ich marschiere schnurstracks ins Bett.