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Heidelore Diekmann lebt in Schleswig-Holstein. Sie verfasst bereits als Schülerin Gedichte und kleine Erzählungen. Während ihrer Lehrtätigkeit schreibt sie Gedichte, Märchen Theaterstücke und Jugendromane, die lesenswert für alle Lebensalter sind. Im Karin Fischer Verlag bisher erschienen: »Ein Land für Kinder? Max auf der Suche nach der Erdmutter« (2021) sowie »Erdreich in Gefahr. Kann Max das Chaos bändigen?« (2024). – Veröffentlichungen im deutschen lyrik verlag (dlv): »Lebensspuren im Zeitenstrom (2021) und »Hoffnung glimmt« (2024; zwei Gedichtbände, die, wie die Jugendromane der Autorin, Themen der Zeit aufgreifen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2025
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FRIEDENSFEST
TSEFSNEDEIRF
Heidelore Diekmann
Max übt Frieden
Karin Fischer Verlag · Aachen
Für alle, die Frieden üben
Zu Den Personen
Max Nabel:
13 Jahre, sucht friedliches Zusammenleben mit allen Menschen in gesunder Natur
Marie-Sophie Banner:
13 Jahre, einfühlsam und gefühlsstark für die Nöte anderer
Paul Fröhlich:
14 Jahre, setzt sich ein für Natur und Gerechtigkeit
Frau Nabel:
sehr tolerante Mutter
Herr und Frau Banner:
befürworten die Interessen ihrer Tochter
Frau Fröhlich:
ist weiterhin offen für außergewöhnliche Ereignisse
Herr Fröhlich:
steht allen Ereignissen gelassen gegenüber
Steffen Seibold:
6 Jahre, Pflegekind von Familie Banner, hat Erdreicherfahrung
Anne und Lene:
7 Jahre, aufgewecktes Zwillingspaar, Schwestern von Paul
Reißer-Crew:
Schnalle (Robert):
starker Wortführer
Dralle (Dirk):
starker Mitläufer
Kralle (Andy):
geschickter Umklammerer
Palle (Nico):
pfiffig, auf der Hut
Personen des Erdreichs:
Viele, die auch in den vorangegangenen zwei Bänden „Ein Land für Kinder“ und „Erdreich in Gefahr!“ auftreten und noch einige mehr. Lasst euch überraschen!
Wo kommen sie her?
Sie drängeln nicht. Nein, einer nach dem anderen eilt, schreitet, schlendert herbei.
Aus allen Richtungen kommen sie.
Es werden mehr, immer mehr.
Wie fröhlich sie sind! Sie lächeln, einige singen, einige tänzeln.
Buntgemischt wie Ostereierleuchten Gesichter – schwarze, braune, weiße.
Haare – rot, braun, schwarz, dunkelblond, hellblond – gehören zu den Gesichtern, kurz oder lang, glatt, kraus, struppig.
Und Augen! Grau, blaugrau, hellblau, blau, dunkelblau, grün, olivgrün, hellbraun, dunkelbraun. Augen mit großen oder kleinen Pupillen, und manchmal Sonnen darum.
Und Münder!
Blasse Lippen, rote Lippen, blaue Lippen, schmale oder breite, geschwungen oder gerade.
Alle geöffnet. Zum Sprechen bereit.
Und Arme!
Lange Arme, runde Arme, hagere Arme – alle in Bewegung, wie die Beine, die unermüdlich vorwärts eilen, ohne innezuhalten.
Arme, die nach einem Halt suchen, einen anderen Arm finden, eine Hand.
Hände mit langen, kurzen, feingliedrigen, knotigen Fingern. Sie halten die Hand fest, die sie gefunden haben.
Und unaufhörlich strömt es herbei, wogt es voran.
Einen Berg hinauf.
Lange Menschenschlangen, Hand in Hand, winden sich den Berg hoch, umschlingen ihn, umrunden ihn.
Da! Diese zwei Gesichter kennt er wie sein eigenes.
Ein Mädchengesicht mit braunen, prüfenden Augen und hellblonden Haaren, halbkurze Haare, die einmal sehr lang waren. Daneben ein Jungenkopf mit flotten Stoppelhaaren. Auch sie waren schon länger und vor allen Dingen waren sie einmal grün. Die blauen Augen des Jungen betrachten die Menschenmenge staunend. Und zum ersten Mal bemerkt er, dass das Gesicht seines Freundes kantiger geworden ist. Die Nase größer.
Wo wollen sie hin, seine Freunde? Warum ist er nicht mit ihnen zusammen?
„Wartet auf mich!“, hört er sich rufen. Doch sie eilen weiter, haben ihn nicht gehört. Sie eilen weiter mit den anderen den Berg hinauf.
Der Menschenberg wogt lebendig fließend dahin.
Hin zu welchem Ziel?
Max springt in die Höhe, winkt mit beiden Händen und ruft, so laut er kann. So sehr er sich anstrengt und versucht, sich bemerkbar zu machen, seine Freunde hören ihn nicht. Zu laut ist das Stimmengeschwirr, zu fröhlich die Stimmung.
Jubelnd erreichen seine Freunde Marie-Sophie und Paul den Gipfel. Fallen sich in die Arme, umarmen alle, die neben ihnen stehen und beginnen zu klatschen. Der ganze Menschenberg schwingt, singt und klatscht im gleichen Rhythmus. Menschen friedlich vereint. Das Schwingen setzt sich fort und fort und fort und fort und fort und fort und fort.
Von einem Vibrieren wachte er auf.
Wo war er?
Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er in seinem Bett lag. Sein Blick glitt zu seinem Wecker. Gleich musste er anspringen. Er stellte ihn aus.
Noch spürte er die Begeisterung und die Freude der Menschen. Wovon hatte er geträumt?
„Frühstück!“, hörte er seine Mutter rufen.
Die Sommerferien würden erst in der nächsten Woche beginnen. Also musste er aufstehen. Gähnend wälzte er sich aus dem Bett.
Nur kurz erinnerte er sich an den Sommer vor einem Jahr. Die Ereignisse des Kampfes mit dem Drachen lagen schon so lange zurück. Nur wenn das Geschehen und die Todesängste, die sie ausgestanden hatten, ihn in seiner Erinnerung wieder zu sehr belasteten, sprach er mit Marie-Sophie und Paul über seine und ihre Ängste. Am liebsten wollten sie aber alles vergessen. Nach dem Anschwemmen der Bernsteinherzen am Strand von Dänemark hatte das Erdreich auch nicht wieder Verbindung zu ihnen aufgenommen.
Oder doch?
Was war mit dem Vogel, der jeden Tag einen kleinen, runden Stein neben der Haustür ablegte? An denen er schnell vorüberschritt, ohne sie in die Hand zu nehmen. Es hatte sich schon ein kleiner Hügel gebildet.
Was war mit dem singenden Ton, der ihn jeden Abend beim Einschlafen begleitete?
Was war mit der blauen Farbe, die er immer noch als Umrandung an seinen Händen wahrnehmen konnte?
Na ja, es konnte auch für alles eine andere Erklärung geben. Er musste sich bei Marie-Sophie und Paul erkundigen, ob sie ähnliche Beobachtungen gemacht hatten.
Zu viert hatten sie sich hinter einer Mauer neben einem dicken Busch versteckt. Gleich würde er kommen. Fest umklammerten ihre Hände dicke Knüppel. Leuchtend rot glänzte eine eintätowierte Fratze auf dem Handrücken eines jeden. Im weit aufgerissenen Maul standen spitze Zähne drohend hervor. Geeignet zum Zuschnappen und Herausreißen.
Danach hatten sie sich benannt. Die Reißer-Crew.
Endlich wollten sie ihn aufreißen, den Angeber, den Aufschneider, der so tat, als wäre er etwas Besonderes. Der doch glatt behauptete, er sei im Erdreich gewesen, hätte eine besondere Tante, na ja, so was wie ’ne Erdmutter dort getroffen und hätte mit einem Drachen gekämpft. Mit Lava war da auch irgendwas gewesen. Mit Vernachlässigung von Kindern, mit Umweltverschmutzung, einer Giftwolke. Das war schon krass, was der sich alles hatte einfallen lassen. Damit hatte er es dann ja auch geschafft, in die Zeitung zu kommen.
Und wie es sie störte, dass er schon etliche Male in der Zeitung gestanden hatte, weil er so Außergewöhnliches erlebt hatte! Das hatten sie sich doch alles ausgedacht, er und seine Freunde. So etwas konnte man nicht erleben. Warum erlebten sie so etwas nicht?
Wie häufig waren sie schon im letzten Jahr am See dieses Spinners gewesen und hatten nach einem Zugang zum Erdreich gesucht? Nichts hatten sie gefunden. Es war Wasser im See und Fische schwammen auch darin. Seine selbstgebaute Hütte hatten sie gefunden. Großen Spaß hatte es gemacht, sie zusammenzuhauen. Leider hatten sie ihn selbst dort nicht angetroffen. So oft sie auch zum See strolchten, waren der Spinner und seine Freunde nie gekommen. Dabei sah man sie ständig zusammen in der Schule, nach der Schule.
Jetzt am Morgen musste er auf seinem Schulweg an ihrem Versteck vorbeikommen. Mittags war er oft von vielen Mitschülern umringt, aber jetzt war er allein.
Sie sahen ihn in 300 Meter Entfernung heranradeln.
Vorsichtig rückten sie ein wenig vor und achteten darauf, dass der Busch ihnen weiterhin Deckung gab. Inzwischen war er auf 200 Meter herangekommen.
„Was meinst du, wie sehr wir ihn verdreschen? Soll er sich noch bewegen können, oder sollen wir ihm nur ordentlich Angst einjagen?“
„Tschja, was meint ihr?“
„Wir können ja mal checken, wie stark der ist.“ Dralle hob seinen linken Arm. Eine pralle, dicke Kugel zeichnete sich unter seinem Ärmel ab. „Mal sehen, ob der uns was bieten kann.“
„Na, als ob jemand gegen Dralle, Schnalle, Palle und Kralle etwas ausrichten kann!“
„Die glauben, sie könnten es, haben sie nicht alle!“
Sie hätten sich ausschütten können vor Lachen.
„Mensch, reißt euch zusammen, er ist gleich da!“ Schnalle behielt die Übersicht. Schließlich schnallte er alles zuerst und hatte nicht umsonst diesen Namen.
In Gedanken versunken sauste Max auf seinem Fahrrad dahin. Er sollte gleich ein Referat halten, das von Mahatma Gandhi handelte. Während er überlegte, ob er das Referat mit einer Yogaübung einleiten oder diese ans Ende stellen sollte, bemerkte er, dass ein kräftiger Wind, wenn nicht sogar Sturm ihn auf seinem Fahrrad von hinten gewaltig anschob. Seine Geschwindigkeit nahm unglaublich zu. Fest umklammerten seine Hände die Lenkradgriffe. Er musste sich voll auf das Fahren konzentrieren, musste jede Unebenheit ausgleichen und zischte in voller Fahrt dahin, wurde vom Wind gezwungen, die Straße zu überqueren, holperte über Kantsteine und durch Kuhlen. Wild schüttelte das Vorderrad hin und her. Unter großer Kraftanstrengung versuchte er, einen Sturz zu verhindern.
Reichlich geschafft kam er in der Schule an. Er schüttelte und bewegte seine Arme und Beine, um sie zu lockern. Obwohl er nicht hatte treten müssen, war er vor Anstrengung schweißnass. Um sich zu entspannen, würde er mit einer Yogaübung anfangen.
War da nicht der blonde Haarschopf von Marie-Sophie an der Eingangstür? Sie musste ja fürchterlichen Gegenwind gehabt haben, wie hatte sie es geschafft, zur Schule zu kommen?
„Wind? Sturm? Davon habe ich nichts gemerkt“, wunderte sie sich über Max’ Frage.
Ungläubig schüttelte Max seinen Kopf. Na ja, es gab schließlich Windböen, die örtlich auftreten konnten.
Sie lagen neben ihrem Busch und konnten es immer noch nicht glauben. Pfeilschnell war ihr Opfer herangesaust gekommen, hatte die Straße kurz vor ihrem Hinterhalt überquert, und fort war er. Wütend hämmerten sie mit ihren Stöcken auf den Boden. Holzsplitter sprangen in alle Richtungen davon.
„Ich möchte euch bitten, das, was ihr jetzt machen sollt, nicht albern zu finden. Tut es einfach! Vielleicht bemerkt ihr, was in eurem Körper geschieht, vielleicht auch nicht. Versucht euch auf ruhiges Aus- und Einatmen zu konzentrieren.
1. Legt den Zeige- und Mittelfinger einer Hand auf die Stirnmitte. Daumen und Ringfinger dieser Hand legt an die Nasenflügel.
2. Nehmt nun den Daumen vom Nasenflügel weg und atmet durch das freie Nasenloch ein. Wiederholt das Atmen einige Male.
3. Legt den Daumen wieder auf den Nasenflügel und hebt den Ringfinger. Atmet durch das freie Nasenloch aus und ein.
4. Wiederholt das Atmen mit wechselndem Nasenloch.“ Max ließ einige Minuten verstreichen.
Einige Gesichter seiner Mitschüler, die ihn jetzt anschauten, wirkten seltsam entspannt. Sie hatten sich nach anfänglichem Spotten tatsächlich auf die Atemübung eingelassen. Max hatte mit Marie-Sophie und Paul etliche Yogakurse besucht, um Entspannungstechniken zu erlernen. Es war nötig gewesen, weil sie die schrecklichen Erlebnisse im Erdreich nur schwer verarbeiten konnten. Immer wieder hatten sich Schreckensbilder in ihre Köpfe eingeschlichen. Yoga hatte ihnen geholfen, ihren Körper zu entspannen und ihren Geist zu beruhigen.
Nach einem Blick auf seine Mitschüler sagte Max: „Jetzt kann ich auch mit meinem Referat über Mahatma Gandhi beginnen und euch gleich zu Anfang verraten, dass er selbst seine Kraft aus Yogaübungen und seiner Religion geschöpft hat. Er war ein Hindu.
Einer seiner Grundsätze ist folgender Satz gewesen: Es gibt nur einen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.
Hiernach hat er sein Leben lang gehandelt und sich, ohne Gewalt anzuwenden, bemüht, die Herrschaft Großbritanniens über Indien zu beenden.
Mahatma Gandhi wurde 1869 in Indien im Staat Gujarat geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Kaufleute. Auf sein Drängen hin durfte er in England Jura studieren. Weil seine Kaste ihm das Studium im Ausland nicht erlaubt hatte, durfte er nicht in Indien Rechtsanwalt werden. Er ging deshalb nach Südafrika und erlebte dort die ungleiche Behandlung der Schwarzen und Farbigen. Hier hielt er in indischen Gruppen erste Reden dagegen und machte damit auf sich aufmerksam. 1914 kehrte er nach Indien zurück.
Viele Inder unterstützten seinen gewaltlosen Weg und zogen sich aus allen öffentlichen Ämtern zurück, wie Schulen, Gerichten und Verwaltung. Ja, indische Kinder wurden aus von Briten geführten Schulen genommen.
Er organisierte Protestmärsche, Sitzstreiks, wurde viele Male verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nie gab er auf. Gandhi predigte das Prinzip des friedlichen Ungehorsams, das ungerechte Gesetze auf friedliche Weise abschaffen sollte. Immer wieder wurden er und seine Anhänger niedergeknüppelt und ins Gefängnis geworfen. Aber sie wehrten sich nicht mit körperlicher Gewalt, sondern blieben die ständigen Mahner und Protestierer.
Gandhis größter Wunsch wurde am 15. August 1947 endlich Wirklichkeit. Großbritannien entließ Indien in die Unabhängigkeit. 33 Jahre hatte er gebraucht, um dieses Ziel mit friedlichen Mitteln zu erreichen. Seine Anhänger nannten ihn Mahatma – große Seele –, weil er sich mit seiner ganzen Seele für die Befreiung Indiens eingesetzt hatte.
Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft, sondern aus unbeugsamen Willen. Auch das ist einer seiner Grundsätze, nach denen er sich sein Leben lang richtete.
Leider hatte Gandhi nicht nur Anhänger, sondern auch Feinde. In dem riesigen Land, zu dem Pakistan bis 1947 noch gehörte, war es nicht möglich, die verschiedenen religiösen Menschen wie Hindus, Moslems, Christen, Sikhs zu einen. Außerdem gab es bei den Hindus noch etwa dreitausend Kasten. In Indien herrschten 565 Fürsten, daneben gab es 85 Prozent Analphabeten und eine unglaubliche Armut. Die sozialen Unterschiede waren unvorstellbar groß. Auch Gandhi schaffte eine friedliche Verständigung nicht. Es kam zum Krieg zwischen den Moslems und den Hindus, was zu einer Teilung Indiens in Pakistan und Indien führte.
Am 30. Januar wurde Mahatma Gandhi im Alter von 78 Jahren von einem Fanatiker erschossen. Bis heute wird er auf der ganzen Welt verehrt wegen seines gewaltlosen Widerstandes. Einige wenige haben sich daran ein Beispiel genommen und es auch in anderen Ländern auf seine Weise versucht.“
„Du meine Güte, 33Jahrelang hat er nicht aufgegeben, das könnte ich nicht. Solche Ausdauer hätte ich nicht. Ich möchte auch nicht ins Gefängnis. Wie hat er es bloß gemacht?“
„Na, das hat Max doch vorhin gesagt: Gandhi hatte einen unglaublich starken Willen und hat sich Kraft aus seiner Religion geholt.“
„Warum werden immer so besondere Menschen umgebracht, wie Gandhi, Martin Luther King, Alexej Nawalny … und … und ich glaube, es gibt noch viele andere.“
„Was sind eigentlich Kasten? Wieso gibt es in Indien Kasten?“
„Hat er körperlich wirklich nie gekämpft? Ich lass mich doch nicht andauernd verprügeln und einsperren, ohne mich zu wehren!“
Lauter Fragen sprudelten aus den Mitschülern heraus. Ungläubig schüttelten viele den Kopf, sie konnten es kaum begreifen, dass nicht zu Waffen gegriffen worden war und Gandhi trotzdem den Erfolg gehabt hatte, sein Land von den Engländern zu befreien.
Ließ sich seine Methode auch noch heute anwenden?
Natürlich bekamen alle die Aufgabe zu überlegen, bei welchen Konflikten Gandhis Methode des gewaltfreien Widerstandes heute noch angewendet werden könnte.
„Leider haben alle, wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Alexej Nawalny und andere, ihren Einsatz für gleiche Rechte mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie sind alle umgebracht worden. Das ist nicht gerade ermutigend!“
Max war zufrieden mit sich. Er empfand, sein Referat gut vorgetragen zu haben und hatte auch das Gefühl, das Interesse seiner Mitschüler geweckt zu haben. Erleichtert schritt er in der Pause neben Marie-Sophie her.
Diese lobte ihn: „Mir haben die Grundsätze Gandhis, die du angeführt hast, gefallen. Sie sind glaube ich sehr sehr entscheidend für sein Leben gewesen und für unseres könnten sie es auch sein. Es ist unglaublich, wie er sie verwirklicht hat. Wie ist dieser Mann zu bewundern!“
Zusammen machten sie sich nun auf die Suche nach Paul. Der Schulhof bestand aus mehreren Höfen, die von zweistöckigen Schulgebäuden umrahmt waren. Etliche Bäume und Büsche standen vor den Fenstern. Hier tobten die jüngeren Schüler munter herum, spielten Verstecken oder zogen sich in eine Ruhezone zurück.
Als Marie-Sophie und Max zu einer sehr dichten Hecke kamen, rochen sie schon von Weitem Zigarettenrauch.
Es hatten sich also mal wieder Raucher ein Versteck ausgesucht. Wenn sie auch nicht gesehen wurden, riechen konnte man sie. Es war unglaublich, wie weit sich Zigarettenrauch auch im Freien noch bemerkbar macht.
Nachdem sie durch den Geruch etwas abgelenkt gewesen war, wiederholte Marie-Sophie noch einmal ihren letzten Satz: „Ihr müsst heute unbedingt zu mir kommen, ich muss euch –“
„Da ist ja Paul!“ Max unterbrach Marie-Sophie und hob winkend seine Hand. Paul kam herbeigeeilt und begrüßte beide mit einem leichten Schlag auf eine Handfläche und Marie-Sophie wurde kurz umarmt.
„Ich habe gerade Max schon sagen wollen, dass ihr heute unbedingt zu mir kommen müsst. Ich möchte euch etwas zeigen.“
„Na, was gibt es denn so Geheimnisvolles?“, fragte Paul lachend. „Willst du uns nicht schon vorher etwas verraten?“
„Wartet ab, ihr werdet staunen, und außerdem gibt es wohl auch ein Rätsel zu knacken.“
„Nun sprichst du wirklich in Rätseln!“
„Wie ist es, könnt ihr so um halb fünf bei uns sein?“
Der Pausengong beendete ihr Gespräch. Sie trennten sich und steuerten ihre Klassenräume an.
„Na, denn lernt man schön“, sagte Paul onkelhaft hinter ihnen her. Schließlich war er schon eine Klasse weiter.
Als Antwort bekam er dann natürlich von Max sofort zu hören: „Jawohl, Papi, wir machen alles, was du möchtest.“
„Wenn du willst, kannst du eigentlich gleich mit zu uns kommen, bei dir ist doch niemand zu Hause, und Mittag kannst du mit uns essen und Hausaufgaben können wir dann zusammen machen“, schlug Marie-Sophie vor.
Max fand diesen Vorschlag ausgesprochen gut. Er hasste es, nach Hause zu kommen und niemanden dort anzutreffen. Er liebte es auch nicht, sich etwas zu kochen oder Vorgekochtes aufzuwärmen. Daran hatte sich nichts geändert. Seine Mutter arbeitete und war eben nicht da, wenn er nach Hause kam.
Hatten sie dort Stimmen im Busch gehört? Lauschend blieb Max stehen, schritt aber gleich weiter. Was ging es ihn an, wenn jemand zu spät in den Unterricht kam?
Nach Schulschluss schlenderten beide zu den Fahrradständern. Marie-Sophie ließ sich schon seit zwei Jahren nicht mehr in die Schule fahren, sondern kam wie Max auf dem Fahrrad. Fröhlich radelten sie davon.
Und plötzlich standen sie vor ihnen, mitten auf dem Fahrradweg. Woher sie so schnell gekommen waren, konnte auch später weder von Marie-Sophie noch von Max geklärt werden. Zu viert waren sie.
Schon rüttelte der Erste am Lenker von Max. Der Nächste gab ihm einen Stoß auf die Brust. Die beiden anderen standen noch feixend daneben.
Marie Sophie stellte ihr Rad auf und eilte zu der vor ihr stehenden Gruppe.
„Sagt mal, ihr habt sie wohl nicht alle. Was wollt ihr von Max? Feige seid ihr wohl gar nicht! Zu viert anzugreifen ist mehr als fies!“
„Halt du dich da raus! Sonst kriegst du auch was ab!“
Unsanft wurde Marie-Sophie zur Seite gedrängt. Die kleine Zeitspanne der Ablenkung hatte für Max genügt, sein Fahrrad fallen zu lassen und sich den anderen kampfbereit gegenüberzustellen.
„Was wollt ihr von mir, warum greift ihr mich an?“
„Na, wir wollen doch mal sehen, wie stark du toller Typ bist.“
„Vielleicht kommst du ja wieder in die Zeitung, wenn du weichgekloppt bist!“
„Habe ich euch irgendetwas getan?“
„Es reicht uns, dass es dich gibt.“
„Du Spinner, du Märchenfutzi!“
Was sollte er tun? Weglaufen? Niemals konnte er die vier überwältigen. Außerdem wollte er sich gar nicht prügeln.
