Friedrich Glauser-Krimis - Friedrich Glauser - E-Book

Friedrich Glauser-Krimis E-Book

Friedrich Glauser

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Beschreibung

Die "Friedrich Glauser-Krimis" versammeln einige der herausragendsten Werke des Meisters der Kriminalliteratur. Glauser, der oft als Vorreiter des psychologischen Krimis angesehen wird, entfaltet in seinen Geschichten nicht nur spannende Handlungsstränge, sondern ließ auch tief in die menschliche Psyche blicken. Sein literarischer Stil ist geprägt von einer klaren, präzisen Sprache und einer subtilen Atmosphäre, die den Leser in die düstere Kulisse seiner Schauplätze hineinzieht, sei es das unheimliche Zürich oder die einsamen Täler der Schweiz. Die komplexen Charaktere und intensiven Emotionen machen seine Werke zu einem unverzichtbaren Teil der deutschsprachigen Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts. Friedrich Glauser, geboren 1896 in der Schweiz, war ein Mann, dessen Leben von persönlichen Herausforderungen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Sein Kampf mit Sucht und Psychiatrie zieht sich durch sein Werk und verleiht seinen Figuren eine bemerkenswerte Tiefe. Glausers Erfahrungen als Soldat und seine Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz haben ihn zu einem meisterhaften Chronisten der Abgründe des Menschen gemacht, was sich in jeder Zeile seiner Krimis widerspiegelt. Die "Friedrich Glauser-Krimis" sind ein Muss für alle Liebhaber des Genres und bieten eine ergreifende Leseerfahrung, die sowohl Spannung als auch Reflexion über die menschliche Natur anregt. Sie laden den Leser ein, die vielschichtigen moralischen Fragen der Kriminalität und des Unrechts in der Gesellschaft zu erkunden und sich in den faszinierenden Figuren Glausers zu verlieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Friedrich Glauser

Friedrich Glauser-Krimis

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Nikolas Schmid
EAN 8596547749257
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Friedrich Glauser-Krimis
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Friedrich Glauser, Schweizer Autor und Pionier des deutschsprachigen Kriminalromans, hat sich mit einem detektivischen Blick auf Welt und Menschen eingeschrieben. Die vorliegende Sammlung Friedrich Glauser-Krimis versammelt kürzere Werke, in denen dieser Blick besonders konzentriert aufscheint. Von Der alte Zauberer bis Totenklage reicht der Bogen, ergänzt durch Texte wie Der Hund, Verhör, Kif oder Die Eule. Die Auswahl versteht sich nicht als Edition kompletter Romane, sondern als kuratierter Querschnitt wesentlicher Prosastücke und Grenzgängertexte. Sie zeigt, wie Glausers kriminalistische Sensibilität über das klassische Ermittlungsnarrativ hinaus in unterschiedliche Formen, Milieus und Tonlagen hineinwirkt und eigenständige literarische Spannung erzeugt.

Im Zentrum stehen Erzählungen und kurze Prosastücke; hinzu treten Skizzen und essayistisch gefärbte Miniaturen. Manche Texte entfalten eine kompakte Szene, andere folgen Beobachtungen, die zu einem Moment der Erkenntnis führen. Formen überlagern sich, wenn etwa die Ruhe einer Schilderung plötzlich detektivische Konsequenz gewinnt oder eine Erinnerung sich in ein Ermittlungsmotiv verwandelt. Neben erzählerischen Stücken wie Die Begegnung, Zeno, Juliette oder Seppl finden sich Stücke mit protokollarischer Strenge wie Verhör sowie lyrisch grundierte Klagen. So entsteht ein Panorama, das Gattungsschubladen bewusst unterläuft und Glausers literarische Arbeitsweise als bewegliches, präzises Instrument zeigt.

Die verbindenden Themen kreisen um Schuld und Entlastung, um Täuschung, Zufall und die feine Mechanik sozialer Räume. Wiederkehrend ist Glausers Interesse an Randzonen: an jenen Augenblicken, in denen eine Ordnung brüchig wird und man genauer hinsehen muss. Armut, Einsamkeit und Abhängigkeit erscheinen nicht als Kulisse, sondern als Kräfte, die Handeln lenken. Texte wie Kif oder Der erste August in der Legion verweisen auf Erfahrungen von Rausch, Entbehrung und Fremdheit; Ein toter Mann oder Der Schlossherr aus England öffnen ein Feld, in dem Vermutung, Spur und Motiv einander umkreisen, ohne in reiner Sensation zu enden.

Glausers Stil ist von Lakonie und Genauigkeit geprägt. Er vertraut auf beobachtete Details, die sich wie Spuren lesen lassen, und auf Dialoge, deren Rhythmus soziale Gefälle hörbar macht. Der Ton bleibt nüchtern, mitunter spröde, und gewinnt gerade dadurch eine eigentümliche Spannung: Das Dramatische entsteht aus den Dingen, nicht aus großen Gesten. Die Sprache trägt eine schweizerische Färbung, ohne sich in Lokalkolorit zu verlieren; die Bilder sind präzise, die Schnitte filmisch gesetzt. Ellipsen und Auslassungen öffnen Räume, in denen Leserinnen und Leser Hypothesen bilden – eine ästhetische Form des Ermittelns. Sie hält die Spannung aus, dass nicht alles gesagt werden kann.

Kriminalliteratur ist hier weniger Gattungsschema als erkenntniskritische Haltung. Wer ermittelt, lernt, wie trügerisch Wahrnehmung ist, wie Perspektiven sich verschieben, wenn ein Detail anders gewichtet wird. In Stücken wie Die Eule oder Die Hexe von Endor steht nicht das Spektakel im Zentrum, sondern der Versuch, verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen. Verhör verweist auf Sprache als Medium der Macht, während Begegnungen und kleine Zufälle Mechanismen der Zuschreibung entlarven. Glausers Texte loten aus, wie viel Gerechtigkeit im Alltag möglich ist – und wie oft sie an Vorurteilen, Materialknappheit oder schlichter Müdigkeit scheitert. Gerade darin liegt ihre Spannung.

Darin liegt die anhaltende Bedeutung dieses Werks: Es verbindet Spannung mit Genauigkeit, Empathie mit kritischer Distanz. Die Texte zeigen, wie kriminalistisches Denken gesellschaftliche Verhältnisse beleuchtet, ohne Menschen zu Typen zu verfestigen. Gerade die kleineren Formen – Miniatur, Skizze, kurze Erzählung – erlauben Verdichtung, Widerspruch und Zwischenton. Sie bewahren das Offene, das viele Antworten zulässt. Leserinnen und Leser heutiger Tage finden darin keine nostalgische Kulisse, sondern Fragen nach Verantwortung, Abhängigkeit und Wahrnehmung, die unverändert aktuell sind. So wirken diese Krimis über die Handlung hinaus als Schule des Sehens und Hörens. Und sie laden dazu ein, Urteile aufzuschieben.

Diese Zusammenstellung verfolgt ein klares Ziel: wesentliche kürzere Texte mit kriminalistischer Energie, thematischer Nähe oder methodischem Nachdruck in einem Band zugänglich zu machen. Sie versammelt unter anderem Der alte Zauberer, Der Hund, Der Schlossherr aus England, Verhör, König Zucker, Die Hexe von Endor, Der erste August in der Legion, Seppl, Kif, Zeno, Das alte Jahr, Kuik, Ein toter Mann, Die Begegnung, Die Eule, Juliette, Beichte in der Nacht, Nausikaa und Totenklage. Die Anordnung lädt zum Querlesen ein: Motive kehren wieder, Stimmen antworten einander, und mit jedem Text schärft sich der Blick für Glausers unverwechselbare Poetik des Ermittelns.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Sammlung Friedrich Glauser-Krimis bündelt Erzählungen und Skizzen, die zwischen den späten 1920er- und den 1930er-Jahren entstanden und die Biografie ihres Autors spiegeln: Friedrich Glauser (1896–1938), in Wien geboren, in der Schweiz sozialisiert, Reisender zwischen Zürich, Bern, Paris und Nordafrika. Die Texte – unter ihnen Der alte Zauberer, Der Hund, Der Schlossherr aus England, Verhör und König Zucker – verdichten Erfahrungen eines Europa im Umbruch. Wiederkehrend sind Figuren am Rand, prekäre Existenzen und die Ambivalenz staatlicher Ordnung. Glausers Blick ist streng beobachtend, doch von Empathie getragen; die Kriminalhandlung dient häufig als Seismograf gesellschaftlicher Erschütterungen.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) prägte Glausers Generation, auch wenn die Schweiz neutral blieb. Die Mobilmachung, die Teuerungskrise und die Zuflucht vieler Ausländerinnen und Ausländer nach Zürich schufen Milieus, in denen Schwarzmarkt, Spionageangst und militärische Bürokratie florierten. Gleichzeitig entfaltete sich in Zürich die Avantgarde um Dada; ihre Skepsis gegenüber Autoritäten und ihre Collagetechnik beeinflussten auch erzählerische Verfahren. In diesem Spannungsfeld erscheinen in Texten wie Seppl, Ein toter Mann oder Die Begegnung entwurzelte Figuren, kleinste Vergehen und zufällige Schuld. Glauser verknüpft die Alltäglichkeit von Mangel und Misstrauen mit der Frage, wie rasch eine Gesellschaft verdächtig wird – und wen sie schützt.

Nach 1920 diente Glauser in der französischen Fremdenlegion, stationiert in Algerien; der Rifkrieg (1921–1926) und das Hauptquartier Sidi Bel Abbès bilden den Hintergrund für Motive von Exil, Loyalität und Gewalt. Der erste August in der Legion verweist auf den Blick des Schweizers auf die Ferne und die brüchige Bindung an die Heimat. Koloniale Hierarchien, multinationale Truppen und das harte Regiment der Legion prägen auch die Atmosphären von Nausikaa oder Die Begegnung. Diese Erfahrungen speisen die Skepsis des Autors gegenüber heroischen Erzählungen und seine Aufmerksamkeit für körperliche Erschöpfung, Sprachbarrieren und Willkür – Elemente, die seine Kriminalplots existenziell aufladen.

Die Drogenerfahrung ist ein zweites Leitmotiv. Glauser kannte Morphin, Opium und Haschisch aus eigener Sucht; gleichzeitig verschärften internationale Abkommen – vom Haager Opiumabkommen bis zur Genfer Konvention von 1925 – die Kontrolle von Substanzen. In der Schweiz wurden Apotheken und Ärzte stärker überwacht, in Genf tagte der Völkerbund. Kif und Beichte in der Nacht spiegeln, wie Rausch, Entzug und Beschaffungskriminalität Wahrnehmung, Erinnerung und Schuld verzerren. Ermittlungen geraten dadurch zu Prüfungen der Glaubwürdigkeit von Zeuginnen und Zeugen. Glausers Perspektive misstraut moralischen Urteilen, ohne die soziale Verwüstung des Konsums zu verharmlosen; diese Ambivalenz prägte die zeitgenössische, oft gespaltene Rezeption.

Psychiatrische Institutionen und eine sich professionalisierende Kriminalistik bilden ein weiteres Fundament. Aufenthalte in Münsingen oder der Waldau bei Bern konfrontierten Glauser mit Zwang, Diagnosen und der Frage nach Verantwortung. In Verhör, Die Eule oder Zeno zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Geständnis und Suggestion, zwischen Beobachtung und Stigmatisierung. Zeitgleich etablieren Polizeien Fingerabdruck-Dateien, Laboranalysen und Tatortmethoden; die Erzählungen verhandeln ihre Versprechen nüchtern. Glauser zeichnet Ermittler, die zwischen humaner Skepsis und institutionellem Druck schwanken. So wirkt die Kriminalgeschichte als Bühne, auf der sich medizinische, juristische und moralische Deutungen des Abweichenden reiben. Das Publikum erkannte darin zugleich Aufklärung und die Gefahr irrender Systeme.

Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 verschärfte Armut, Arbeitslosigkeit und Wanderungen. In der Schweiz verdichteten sich Gegensätze zwischen urbaner Moderne und ländlicher Tradition; zugleich erstarkten rechtsautoritäre Frontenbewegungen, die öffentliche Debatten polarisierten. Der internationale Verkehr von Personen und Waren – von Kohle über Zucker bis zu Kapital – rahmt Konstellationen, wie sie in König Zucker, Der Schlossherr aus England, Juliette oder Kuik anklingen. Glauser interessiert die Grauzonen legaler und illegaler Ökonomie: Grenzhandel, Schleichwege, Scheinidentitäten. Dadurch treten Klassenunterschiede, Nationalstereotype und die Rolle der Presse im Erzeugen von Verdacht hervor, was die Leserschaft zwischen Identifikation und Distanz oszillieren ließ.

Literarisch steht die Sammlung an der Schnittstelle zwischen feuilletonistischer Kurzform und dem populären Kriminalroman der Zwischenkriegszeit. Zeitungen in Zürich, Bern oder Paris boten Märkten für Fortsetzungs- und Kurzprosa; zugleich etablierten Autoren wie Conan Doyle und – im frankophonen Raum – Simenon Erwartungen an Ermittlerfiguren und Milieuzeichnung. Glauser antwortet darauf mit knappen, häufig dialogischen Szenen und mit einer Empirie des Kleinen. Zeitgenössisch blieb Anerkennung unstet, belastet durch die Biografie des Autors und verlegerische Vorsicht. Nach seinem frühen Tod 1938 in Nervi wuchs das Interesse an der ungeschönten Sozialdiagnose, wodurch Sammlungen wie diese kanonbildend wurden.

Zusammen genommen entfaltet die Auswahl – von Der alte Zauberer, Die Hexe von Endor und Das alte Jahr bis zu Ein toter Mann, Totenklage und Zeno – ein Panorama Europas zwischen 1914 und 1938. Schauplätze wie Zürich, Bern, Genf, Paris, Charleroi und Sidi Bel Abbès markieren Verkehrsachsen, an denen Grenzen, Süchte, Arbeit und Gewalt verhandelt werden. Wiederkehrend sind die Außenposition, das fragile Gedächtnis, die Verführbarkeit der Masse und das Gedämpfte des Alltags. Historische Umbrüche formen dabei nicht nur Täter und Opfer, sondern auch Ermittler und Leserinnen. So werden Kriminalfälle zu Chiffren für fragile Ordnungen – und ihre Kosten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Parabeln über Schein und Identität (Der alte Zauberer; Die Hexe von Endor; Zeno)

Figuren mit Aura des Wunderbaren oder prophetischen Wissens stiften Verwirrung und lenken den Blick weg von nüchternen Fakten.

Die Texte untersuchen Täuschung, Rollenwechsel und Glauben als Kräfte, die Wahrnehmung und Urteil beeinflussen.

Tiermotive als Spiegel der Schuld (Der Hund; Die Eule)

Tiere fungieren als stumme Zeugen, an denen sich menschliche Ängste, Schuldgefühle und Projektionen entzünden.

Mit knapper, suggestiver Sprache entsteht eine unheimliche Spannung, die Beobachtung und Aberglauben gegeneinander ausspielt.

Besitz, Stand und Verführung (Der Schlossherr aus England; König Zucker)

Begegnungen mit Reichtum und begehrten Waren entlarven soziale Distanz, Abhängigkeit und verführerische Routinen.

Der Ton schwankt zwischen satirischer Distanz und Melancholie, während Macht, Geld und Begierde als Motive des Handelns sichtbar werden.

Psychologie des Verhörs (Verhör; Beichte in der Nacht)

Sprache, Pausen und Blickregie machen den Befragungsraum zum Tatort, in dem Wahrheit nur in Fragmenten greifbar wird.

Die Texte zeigen, wie Erzählungen unter Druck kippen und Schuld als fragile, verhandelbare Konstruktion entsteht.

Fremde, Exil und Rausch (Kif; Der erste August in der Legion; Nausikaa)

Grenzerfahrungen zwischen Sucht, Dienst in der Fremde und unerwarteter Fürsorge konfrontieren Figuren mit Körper, Gesetz und Zufall.

Der Blick bleibt sachlich und empathisch zugleich; Entfremdung, Abhängigkeit und die Sehnsucht nach Halt prägen den Ton.

Randfiguren und Jugendporträts (Seppl; Kuik; Juliette)

Porträts von jungen oder marginalisierten Menschen zeigen, wie kleine Entscheidungen soziale Netze erschüttern.

Subtile Milieuschilderung und knappe Dialoge legen Loyalitäten, Scham und zarte Zuneigungen frei.

Übergänge und zufällige Knotenpunkte (Das alte Jahr; Die Begegnung)

An Schwellenmomenten bündeln sich Zufall und Erinnerung zu Anlässen für Verdacht und Selbstprüfung.

Der ruhige, beobachtende Ton trägt die Spannung, die weniger von Taten als von Blicken und Andeutungen lebt.

Tod, Echo und Spur (Ein toter Mann; Totenklage)

Statt der Tat steht die Nachwirkung im Vordergrund: der Leichnam als Rätsel und die Trauer als Form des Erinnerns.

Ermittelt wird im Echo – in Gesprächsfetzen, Riten und Schweigen – wodurch Moral und Faktisches ineinander greifen.

Wiederkehrende Motive und Stil

Wiederkehrend sind leise Ermittlungen, präzise Milieus, skeptische Erzählhaltung und Empathie für Gestrauchelte.

Lakonische Metaphorik, rhythmische Dialoge und das Changieren zwischen Beobachtung und Deutung machen das Kriminalistische zum Prisma sozialer Brüche.

Friedrich Glauser-Krimis

Hauptinhaltsverzeichnis
Der alte Zauberer
Der Hund
Der Schlossherr aus England
Verhör
König Zucker
Die Hexe von Endor
Der erste August in der Legion
Seppl
Kif
Zeno
Das alte Jahr
Kuik
Ein toter Mann
Die Begegnung
Die Eule
Juliette
Beichte in der Nacht
Nausikaa
Totenklage

Der alte Zauberer

Inhaltsverzeichnis

Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse noch asphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Ausser dem Wetter störte den Wachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im Emmental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter.

Da war die Abzweigung, sie war gerade breit genug, dass ein Güllenwagen durchfahren konnte, rechts ging es steil bergab in ein Bachbett, links stieg ein triefender Wald in die Höhe. Der Wachtmeister dachte an Dinge, an die man eben so denkt, wenn es schüttet und wenn man friert: an einen Jassabend, an seine Amtsstube, an seinen Sohn, der als Setzer bald ausgelernt hatte. Studer hatte ein dickes, rotes Gesicht, das jetzt ein wenig bläulich angelaufen war, und einen vertrauenerweckenden Schnurrbart. Zwischen den vom Rauchen braungewordenen Schneidezähnen spuckte er kunstgerecht, wie ein Achtjähriger, in weitem geradem Strahl, und der Regen war machtlos gegen diese Kunst, und der Wind auch: Das freute Studer. Dass ihm hingegen der Regen die Ärmel herab in die Taschen lief, das ärgerte ihn wieder, so dass er nicht recht wusste, welches Gesicht er schneiden sollte. Es war überhaupt schwer, bei diesem Wetter seinen eigenen Willen durchzusetzen, besonders was das Gesichterschneiden betraf, denn der Regen fuhr ihm manchmal mit seinen nassen Fingern in die Augen, und die breite Krempe des Hutes war ein ungenügender Schutz gegen derartig böswillige Attacken.

Die Strasse wurde steil, Studer fluchte ein wenig, schüttelte den Kopf, dass die Tropfen von seinem Hutrand tangential abflogen. Es war ja schliesslich, dachte er, nicht die Schuld des kantonalen Polizeidirektors, dass er hier in der Nässe herumvagieren musste. Sonst gab man ja dort oben auf anonyme Briefe nicht viel, aber hier schien der Fall doch etwas anders zu liegen, und das Ganze war eine etwas kohlige Geschichte. Wo man da anpacken sollte, war nicht ganz klar, entweder war das Ganze ein Versuch, die Behörde zu blamieren, und da musste man doppelt vorsichtig sein, oder es war etwas ganz Grosses dahinter, ein Sensationsprozess vielleicht, und dann kamen die Reporter von den ausländischen Zeitungen, und man bekam ein wenig internationalen Ruhm weg. Das war nicht zu verachten. Mein Gott, man hatte es ja nicht nötig, man war ja sonst schon in den Fachkreisen bekannt, in Wien besonders, in Paris auch; es hatten sich da ein- oder zweimal ziemlich schwierige Internationale (halb Spione, halb Einbrecher) in der Schweiz wie in einer Mausefalle gefangen. Das sollte doch genügen, besonders wenn die Pensionierung in erreichbarer Nähe stand – noch fünf Jahre ... fünf Jahre wird man doch noch aushalten? Aber – seinen Namen zu lesen, im »Journal« zum Beispiel, mit schmeichelhaften Beiwörtern, das war nicht zu verachten. Etwa so: »Le distingué inspecteur de la sûreté Studer, dont le talent remarquable est bien connu dans les milieux policiers ...« und vielleicht noch seine Photographie dazu. Ja, die Franzosen hatten es los, in der Schweizer Presse war man sparsamer mit lobenden Beiwörtern.

Da kam rechts vom Wege ein Heuschober in Sicht. Ein wenig unterstehen kann man, dachte Studer und fühlte dabei nach seiner Brusttasche. Gut, dass ihm die Frau noch Kognak gerüstet hatte, der würde jetzt gerade lau sein von der Körperwärme, und in der zerfliessenden Sintflut ringsum wäre eine Stärkung doch nicht zu verachten. Studer ging in den Heuschober, das Heu war trocken, er nahm einen Büschel, wischte sich die nassen Schuhe ab, trocknete die Hände an einem sauberen Taschentuch und zog den Brief aus der Tasche, der den Polizeidirektor so aufgeregt hatte. Es stand wenig darin:

»Der Bauer Berthold Leuenberger in Waiblikon begräbt seine vierte Frau. Er ist sechzig Jahre alt, die drei letzten Frauen sind innerhalb von drei Jahren gestorben. Es waren immer junge. Er sagt, das Wasser bei ihm auf dem Hof ist schlecht. Viele meinen etwas anderes. Wann wird das Gericht endlich einschreiten? Wenn das Wasser schlecht ist auf seinem Hof, warum ist er nie krank geworden, noch sein Vieh, Knecht und Gesinde? Jetzt gehet er wieder um, der Bauer, wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verzehren könne. Aber Gottes Gericht ist über ihm, wenn ihn das Gericht der Menschen vergisst.«

Die Schrift war verstellt, das Papier grob, längliche Rechtecke überspannten es wie ein feines Netz. Nach dem Schluss des Briefes musste ihn ein »Stündeler« geschrieben haben, ein Bibelkundiger. In drei Jahren drei Frauen, das war merkwürdig. Aber die Totenscheine mussten doch in Ordnung sein, Studer hatte mit dem Polizeidirektor im Telephonbuch nachgesehen und den Namen eines Arztes gefunden, der als gewissenhaft bekannt war. Dieser Arzt war früher am Spital gewesen, die Polizei hatte bei Unfällen viel mit ihm zu tun gehabt, der Mann war untadelig. Aber man weiss ja, wie es in einer Landpraxis zugeht, man hat nicht viel Zeit, wenn man weit herum Besuche machen muss... und irren ist ja bekanntlich menschlich.

Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heisst der Regen hörte auf zu fliessen, dafür senkte sich ein dicker, weisser Nebel über das Land. So dicht war dieser Nebel, dass Studer die Häuser zuerst gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikon bestand. Ein Junge mit halblangen Hosen, die bis zur Mitte der nackten Waden reichten, die Füsse in Holzschuhen, stapfte an ihm vorbei. »Wo ist die Wirtschaft?« fragte Studer. Der Junge glotzte zuerst, dann deutete er mit einer schmutzigen Knabenhand geradeaus und wies nach links, hob dann fünf gespreizte Finger. »Bist du stumm?« Der Junge nickte – also das fünfte Haus links, dachte Studer und stapfte weiter. Das Gastzimmer, das an den kleinen Laden stiess, war klein, nieder und finster. Es musste doch bald Mittag sein. Studer zog den triefenden Mantel aus, zog die Weste straff über seinen Bauch, zog noch den Rock aus, dessen Ärmelenden durchweicht waren, und setzte sich. Dann zog er die Uhr aus der Tasche, eine flache, goldene Uhr, die er an seinem zwanzigjährigen Dienstjubiläum geschenkt erhalten hatte; sie zeigte zehn Uhr. Es war früh. Er hatte Zeit. Lange blieb die Stube leer, kein Mensch zeigte sich, es herrschte in ihr jener ein wenig ekelerregende Geruch (auf nüchternen Magen ist er noch schwerer zu ertragen) von abgestandenem Bier und kaltem Pfeifenrauch. Endlich erschien ein gähnendes Mädchen, das unwillig die Absätze seiner Finken auf dem Boden nachschleifte. Studer bestellte einen Dreier Roten und eine Portion Hammen. Das Fleisch war gut, er bestrich es dick mit Senf, auch der Wein war nicht schlecht. Die Stube war gut geheizt, die nasse Luft von draussen vermochte nicht durch die Doppelfenster zu dringen. Dem Kommissar wurde wohl, seine Augen bekamen einen trockenen und klaren Glanz, und er überlegte, wie er sich am besten an das Mädchen heranmachen könne. Diese Serviertochter musste einmal in der Stadt gedient haben, sie hatte verraufte Dauerwellen und trug ein kunstseidenes, schon ein wenig brüchiges Kleid. Studer hätte es als einen psychologischen Fehler empfunden, eine Dorfmaid zu einer »Consommation«, wie sie in Genf sagten, einzuladen, hier konnte man es riskieren. Das Mädchen bügelte in der Nähe des grossen steinernen Ofens, der von der Küche her geheizt wurde, gestärkte Schürzen. Studer klopfte auf den Tisch. Er war der biedere alte Handlungsreisende, der sich gern eine kleine Zerstreuung gönnt, obwohl die Zerstreuung hier etwas Überwindung kostete. Als das Mädchen mürrisch näher kam, fragte er verlockend, ob sie nicht auch etwas nehmen wolle, es sei so kalt draussen. Das Mädchen schwärmte für Wermut, es holte die staubige Flasche vom Wandbord, sagte: »Excusez« und »wenn's erlaubt ist« und drängte seine Magerkeit ziemlich dicht an den Wachtmeister. Und das Gespräch entspann sich. Studer liess sich Zeit (man muss sich immer Zeit lassen); er reise in Düngemitteln, besonders Thomasschlacke sei jetzt sehr preiswert zu kaufen, ein ausgezeichnetes Phosphordüngemittel, aber er wolle zuerst ein wenig Bescheid wissen über die Leute in der Gegend, sein Auto habe er am Bahnhof gelassen, denn der Weg sei doch gar zu schlecht. Und er plätscherte und plätscherte, und das Mädchen langweilte sich und gähnte. Das war das Richtige, wenn sie gähnte, so ehrlich gähnte, dann glaubte sie ihm seine Geschichte. Und vorsichtig begann er, von den Bauern der Gegend zu reden und zu fragen, wer wohl den grössten Hof habe und welche die besten Abnehmer seien, aber er wolle nur von solchen wissen, die Geld hätten im Haus. Und man habe ihm besonders den Berthold Leuenberger gerühmt, der habe so einen grossen Hof, aber grosse Höfe seien meist verschuldet – ob man etwa bei diesem anklopfen könne? Und was das für ein schönes Kleid sei, das die Jungfer da anhabe, man sehe doch gleich, dass sie nicht von hier stamme, und gute Manieren habe sie, nur wie sie das Glas halte. Das kam alles in einem leise einschläfernden Redestrom, besonders die Komplimente, denn Studer hatte bemerkt, wie ein leises Erschrecken durch den mageren Körper neben ihm ging, als er den Namen Leuenberger nannte. Er säbelte an seinem Schinken herum. Ja, also, dieser Leuenberger, ob es sich wohl empfehle, ihn zuerst zu besuchen? Komme er öfters in die Wirtschaft? In die bleichen Augen des Mädchens neben ihm kam ein seltsames Flimmern. Der Leuenberger habe den Leichenschmaus gestern bei ihnen gehabt.

»Leichenschmaus?« fragte der Wachtmeister, wer denn da gestorben sei.

»Seine Frau.«

Dann sei es wohl nicht günstig, ihn heute zu besuchen. Das Mädchen stiess ein pfeifendes Lachen aus, leerte das Glas, fragte zutraulich, ob es ihr erlaubt sei, noch eins zu trinken; der Wachtmeister nickte, das kam sicher gut, wenn diese Trucke halb betrunken war.

Und bohrte weiter. Also, der Leuenberger habe den Leichenschmaus hier gehabt, wie alt er denn sei, ob er wohl wieder heiraten wolle? Das Mädchen zierte sich. Oh, es werde sich schon eine finden, die nicht alles glaube, eine Couragierte. Es stellte sich heraus, dass der Leuenberger schon zu Lebzeiten seiner Frau oft in der Gaststube seine Abende verbracht hatte, und dass eine Frau noch glücklich bei ihm werden könne. Was ist das für ein Mensch, dachte der Wachtmeister, dieser Bauer, hat nicht genug an vier Frauen, die er unter den Boden gebracht hat, nein, er schafft auf Vorrat, während die letzte noch am Leben ist, sorgt er schon für die folgende. Fast wäre ihm die Frage herausgefahren, ob sie denn nicht Angst hätte, über den Frauen des Leuenberger walte doch kein guter Stern, aber er schluckte die Bemerkung noch rechtzeitig hinunter, untersuchte aufmerksam das Deckblatt seines Stumpens (er hasste es, diese Rauchware am falschen Ende anzuzünden) und schwieg. Denn jetzt war Schweigen am Platz. Der Redestrom rann von selbst, wie aus einem angestochenen Fass, der Wermut hatte seine Wirkung getan. Nur nicht unterbrechen. Er erinnerte sich dunkel, dass ihm ein alter Untersuchungsrichter zu Beginn seiner Laufbahn diesen Rat gegeben hatte: sich unbemerkbar zu machen, wenn der andere einmal loslegt. Aber den Rat brauchte er nicht mehr, er wusste, bei Zeugenverhören, bei fälligen Geständnissen war Schweigen ein so starkes Druckmittel, dass die mittelalterlichen Foltermethoden dagegen zu einem einfachen Kinderschreck zusammenschrumpften.

Und er erfuhr genug, der Wachtmeister, er erfuhr genug, um sich ein ziemlich gelungenes Bild von diesem Leuenberger zu machen. Das Mädchen schilderte ihn ganz gut, als einen grossen, mageren Mann, mit noch dunkelbraunen Haaren trotz seinem Alter. Glattrasiert. Mit seiner ersten Frau hatte er vierzig Jahre zusammengelebt. Das Ehepaar hatte keine Kinder gehabt. Dann war die Frau an einer Lungenentzündung gestorben, vor zehn Jahren. Sie war fromm gewesen, den Bauer aber hatte man nie in der Kirche gesehen, auch nicht in der »Stunde«. Nach dem Tode der Frau war er allein geblieben und hatte den Hof bewirtschaftet mit einer Magd und drei Knechten. Übrigens habe er einen schlechten Ruf, als stehe er mit dem Teufel im Bunde. Das Mädchen lachte und liess Goldplomben sehen; sie glaubte nicht daran, aber Tatsache sei, der Leuenberger habe viel Zulauf, von weit herum kämen Leute, um ihn zu befragen, wenn Krankheit im Stall sei, auch bei Menschen, wenn der Doktor nicht mehr zu helfen wisse. Er stünde sonst gut mit dem Doktor, der Leuenberger, sagte das Mädchen; bei den Krankheiten seiner Frauen habe er immer den Arzt beigezogen, den Doktor Pfister, der sei jedesmal ein-, zweimal hier heraufgekommen, der Leuenberger habe ihn gerufen, aber der Arzt habe nichts Rechtes finden können. Darmkatarrh, bei allen dreien, einmal habe er sogar an Typhus geglaubt, bei der zweiten Frau, aber er habe es dann doch nicht kontrollieren können, denn da sei die Frau schon gestorben gewesen. Ja, der Leuenberger sei arg verhasst, besonders bei den Frommen, und von diesen gehe die Sage aus, er stünde mit dem Teufel im Bunde; als ob es so etwas gebe, einen Teufel. Das Mädchen stiess wieder ihr pfeifendes Lachen aus, sie sei aufgeklärt, sagte sie; bevor sie in dies Kaff gekommen sei, habe sie eine gute Stelle gehabt in der Stadt, und jetzt müsse sie hier unter dem Mond leben, bei den »Ruechen«. Aber der Leuenberger, das sei so der Beste hier herum, immer manierlich, immer »Fräulein Rosa« sagte er, und einmal habe er sogar gefragt, ob sie nicht seine Frau sein wolle, wenn er wieder Witwer sei. Warum nicht? Sie glaube doch nicht alles, was die andern da erzählen, und Angst habe sie keine. Als Frau vom Leuenberger hätte sie dann keine Sorgen mehr, es ginge ihr gut, und der Leuenberger habe ihr versprochen, sie dürfe nach Bern fahren, wann sie wolle, er habe schon lange daran gedacht, sich ein Auto anzuschaffen. Und wenn sie dann so ihre ehemaligen Freundinnen besuchen könne und triumphieren über sie, da nehme sie es noch gern mit dem Teufel auf. Aber jetzt müsse sie in der Küche helfen, es wundere sie überhaupt, dass die Wirtin noch nicht gekommen sei, sie zu holen, sie müsse das Mittagessen kochen, ob der Herr auch hier essen wolle? Ja, sagte Studer, gegen halb eins werde er zum Essen kommen, er wolle jetzt zuerst ein wenig bei den Leuten anklopfen, wegen den Düngemitteln.

Der Mantel war trocken, draussen bemühte sich eine schwindsüchtige Sonne, den milchigen Nebel zu trinken, es gelang ihr schlecht, es war zuviel da; sie gab es auf, von der Anstrengung war sie ein wenig rot geworden. Wachtmeister Studer schritt durch die wenigen Häuser, die rechts und links von der Dorfstrasse lagen, er trat hier ein, trat dort ein, zeigte eine biedere Miene und pries Thomasmehl an. Manchmal, wenn die Frau allein daheim war und der Mann fort, im Wald beim Holzen, wurde er in die Küche gebeten, es war nicht schwer, die Frau auf das gewünschte Thema zu bringen. Aber aus allen Gesprächen, die Studer an diesem Morgen führte, konnte er nur zwei ganz unwägbare Gefühle herausdestillieren: die Furcht, die alle Frauen vor dem Leuenberger hatten, und die Überzeugung, dass der Leuenberger drei Frauen umgebracht hatte. Der anonyme Brief war somit erklärt, aber einen Menschen auf Gerüchte hin zu verhaften, das ging nicht. Studer wurde unsicher. Weibergetratsch, dachte er und sah seinen schönen Sensationsprozess zerfliessen, wie den Nebel vor ihm, der gerade jetzt zwei glänzendrote, zierliche Bäumchen freigab. Sie glühten in der Sonne wie flüssiges Erz, und durch eine sonderbare Gedankenverbindung musste Studer an die Hölle denken, so, wie er sie sich als kleiner Bube vorgestellt hatte.

Sie hatten ihm genug vom Teufel vorgeschwatzt, die Weiber, den ganzen Morgen lang. Schon als Bub sei der Leuenberger ein gar merkwürdiger gewesen und habe mehr gesehen als andere Leute. Eine uralte Grossmutter hatte sich erinnert, dass der Berthel, damals erst elfjährig, am Tag der zehntausend Ritter gegen Abend atemlos heimgekommen war, auf der Schwelle sei er zusammengebrochen, und in der Nacht habe er dann gefiebert. Im Fieber habe er immer von einem schwarzen Mann erzählt, der sei auf einem schwarzen Ross über den Galgenhubel geritten. Und der Ritter, der Mann auf dem Ross, der habe keinen Kopf gehabt, aber er habe dem Jungen immer mit der Hand gewinkt. Seit diesem Tage sei der Leuenberger verändert gewesen. Er habe immer viel gelesen, die dicken Bücher, die sein Vater gehabt habe, sein Vater sei auch ein Kluger gewesen, der habe das Vieh besprechen können, und der Grossvater Leuenberger auch. Sie seien vor Generationen hier eingewandert, die Leuenberger, niemand habe gewusst, woher sie gekommen seien.

Kein Sektionsprotokoll, keine richtiggehende Anzeige. Studer nannte sich einen Idioten. Er hätte doch wenigstens, bevor er hier heraufkam, sich an den Arzt wenden können, der die Frauen behandelt hatte, und diesen fragen, ob ihm nichts aufgefallen sei. Es war dem Wachtmeister ungemütlich zumute, er fröstelte (ob er sich wohl diesen Morgen bei dem Sauwetter erkältet hatte?), fühlte sich hin und her gerissen: Sollte er einfach ins Wirtshaus zurückgehen, dort zu Mittag essen und dann sang- und klanglos wieder nach Bern zurückkehren? Aber es hielt ihn etwas zurück. Man blamiert sich nicht gern, wenn man einmal so lange Dienst getan hat. Und sollte er vor diesem Leuenberger einfach ausreissen? Ganz dunkel, und ohne dass er es hätte formulieren können, kam ihm die Überzeugung, dass das Frösteln einfach ein Zeichen der Angst sei. Was Erkältung! Er hatte schon oft, in noch ärgerem Wetter, stundenlang auf der Strasse irgendeinem aufpassen müssen. Furcht vor dem Leuenberger[2q]! Er stampfte wütend vorwärts, aber so blindlings, dass die Sohle in eine Wasserlache klatschte und das Wasser an seinen Hosen in die Höhe spritzte. Den Leuenberger wollte er doch noch sehen. Was Teufelsvisionen, das war Mittelalter, und jetzt gehörte es ins Gebiet der Irrenärzte und der psychiatrischen Gutachten. Den Leuenberger wollte er noch kennenlernen!

Da war sein Hof. Studer stellte fest, dass er geträumt haben müsse, denn die roten Bäumchen waren jetzt gerade neben ihm, also war er kaum zehn Schritte vorwärts gekommen. Er nahm einen Anlauf, die nassen Hosen scheuerten an seinem Knie. Rechts von ihm breitete sich ein riesiger Obstgarten aus, alte Bäume, stellte Studer fest, aber vor noch nicht langer Zeit frisch gepfropft. Und dieser Obstgarten liess eine dunkle Erinnerung in ihm auftauchen. Obstbäume – Schädlinge – Schädlingsbekämpfung.

Was brauchte man zur Schädlingsbekämpfung? Arsenite? ... Vor der Tür des Hauses blieb Studer einen Augenblick stehen. Ein Giftprozess, bei dem er Zeuge gewesen war, ging ihm durch den Kopf. Was waren doch die Symptome von Arsenvergiftung? Durchfall? Ja, was hatte nur der Experte gesagt? Es sei manchmal schwer, eine Arsenikvergiftung festzustellen; die Ähnlichkeit mit anderen Darmkrankheiten sei gross. Nur die chemische Analyse der inneren Organe könne Sicherheit geben. War da der Angriffspunkt? Aber warum hatte dieser Leuenberger (wenn er ein Giftmörder war, und das war doch nicht bewiesen), warum hatte er dann seine Frauen ermordet? Es waren doch alle arme Meitschi gewesen, hatten sie ihm erzählt. Er hatte doch nichts davon. Warum? Er stiess die Tür auf, der Wachtmeister Studer, legte sein Gesicht in biedere Falten und trat in die Küche. Sie war leer. Im Zimmer nebenan hustete jemand, Studer tappte laut auf den Fliesen, nebenan stand jemand auf, die Verbindungstür wurde aufgerissen, in ihr stand ein grosser, alter Mann und blickte auf den Eindringling.

»Was wollt Ihr?« fragte der alte Mann. Studer war in seiner Rolle, er redete ölig von Thomasschlacke und Düngemitteln, und ob er den Bauern vor sich habe. Und während er redete, hatte er Mühe, dem andern in die Augen zu sehen. Es war schwierig, sehr schwierig, die Lider nicht niederklappen zu lassen, dem Blick des andern standzuhalten. Eine alte Redensart ging dem Wachtmeister durch den Kopf: »Der kann auch mehr als Brot essen.« Und während Studer weiterplauderte, kroch ihm eine feuchte Angst den Rücken hinauf, nistete sich im Nacken ein, füllte den Kopf aus, brachte ihn fast zum Platzen, die Augen tränten, er musste den Blick niederschlagen, und dann schwieg Studer.

Der andere wartete, wartete eine geraume Weile. Dann kam von der Tür eine merkwürdig durchdringende Stimme, einen Ton hatte diese Stimme, der Erschütterungen im Körper auslöste, nicht unangenehme, so wie ein leichter elektrischer Strom. »Tretet näher«, sagte die Stimme. »Ihr seid willkommen. Habt kein freundliches Wetter gehabt, um auf den Berg zu kommen.« Pause. »Und zu mir zu kommen, um Eure Düngemittel anzupreisen. Es wird wohl nicht so sehr pressieren. Ihr bleibet zum Essen bei mir, hab' gern einen Gast von Zeit zu Zeit, man hört etwas von der Welt, und gerade jetzt seid Ihr willkommen, jetzt wo ich im Leid bin.«

Wachtmeister Studers Verstand hatte plötzlich jegliches exakte Arbeiten vergessen. Ich mache mich lächerlich, dachte er, während er seinen rundlichen Körper an dem sehnigen des andern vorbeidrückte. Ein helles, warmes Zimmer, die Sonne spritzte viel flüssiges Gelb durch die kleinen Scheiben der Fenster. Es ging wirr zu im Kopf des Wachtmeisters, so einen habe ich noch nicht getroffen, so einen habe ich noch nicht getroffen, dachte er ununterbrochen und fühlte sich als blutiger Anfänger, ohne Überlegenheit, winzig klein, wie ein Büblein in der Schule vor dem Lehrer. Der macht mit mir, was er will, dachte er noch. Studer, Studer, sagte er zu sich selbst, wärst du ins Wirtshaus gegangen, hättest dort gegessen und wärst dann heimgefahren. Studer, was ist mit dir los! Du hast doch schon andere Leute gebodigt, wirst du Angst haben vor so einem Bauer? Du wirst alt, Studer, lass dich pensionieren[1q].

Der Leuenberger war gemütlich; er schien sich glänzend zu unterhalten bei diesem stummen Spiel. »Natürlich«, dachte Studer, »der ist nicht auf meinen vorgeschützten Beruf hereingefallen. Der hat mich gleich erkannt als der, der ich bin. Und so sicher ist er... eine unerschütterliche Sicherheit.« Der alte Leuenberger benahm sich untadlig, machte nicht zuviel Worte, nötigte den Gast auf die Bank am Fenster, setzte sich ihm gegenüber, schwieg. Schwieg lange.

Studer nahm einen Anlauf. »Ihr seid also im Leid?« fragte er, so harmlos als möglich, und auf einen kurzen Augenblick hob er die Augen. Unerträglich, was dieser alte Bauer für einen Blick hatte. Es sah aus, als seien seine Augen aus einem matten Stein, nur dort, wo die Pupillen sassen, drangen zwei spitze Strahlen hervor, anders konnte man das wohl nicht nennen, die trieben einem das Wasser in die Augen. Und Studer klappte wieder mit den Lidern.

»Ja«, sagte Leuenberger, »meine Frau ist gestern begraben worden. Sie ist zu Verwandten gefahren, hat wohl etwas Unrechtes gegessen, sterbend haben sie mir die Leute ins Haus gebracht. Der Doktor hat sie kurz vorher gesehen, kurz vor ihrem Tode. Ein Darmfieber. Ja.« Und Leuenberger schwieg wieder. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, langfingrige Hände, stellte Studer fest, mit gekrümmten Nägeln daran, gelblichen Nägeln, gewölbt.

In der Küche lief jemand herum. »Rösi«, rief Leuenberger, ganz sanft, es klang wie das Mauzen eines Katers; ein junges Mädchen erschien. »Lauf in die Wirtschaft und sag dort, sie sollen nicht auf den Herrn warten, der Herr isst hier.« Schweigend ging das Mädchen. Auch sie hatte den Blick nicht gehoben.